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Full text of "Sitzungsberichte"

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Sitziingsbericlite 


der 


köiiigl  bayer.  Almdemie  der  Wissensclmften 

zu  München. 


Jahrgang  1870.     Band  I. 


München. 

Akademische  Buchdruckerei  von   F.  Straub. 

1870. 

In  Conimission  bei  G.  Fr.-inz. 


ftS 

!?70 


üebersicht  des  Inhaltes. 


Die  mit  *  bezeichneten  Vorträge  sind  ohne  Auszug. 

Mathematisch-physikal.  Classe.    Sitzung  vom  8.  Januar  1870. 

Seite 

V,  Steinheil:  v.  Steinheil's  vollständiger  Comparator  zur  Ver- 
gleichung  der  Toise  mit  dem  Meter  und  zur 
Bestimmung  der  absoluten  Längeuausdehnung 

der  Stäbe  (mit  einer  Tafel) 1 

Vogel:      lieber  die  Veränderung  einiger  Blumen- und  Blütben- 

farben  durch  Ammoniakgas 14 

Pfa  ff:    lieber  den  Betrag  der  Verdunstung  einer  Eiche  während 

der  ganzen  Vegetationsperiode 27 

V.  Kobell:     Ueber   den  Rabdionit,    eine   neue    Mineralspecies 

und  über  einen  lithionhaltigen    sog.  Asbolan  .     .         46 


PhilosopliiscJi-philol.  Classe.      Sitzung  vom  8.  Januar  1870. 

Plath:      Ueber  die  Quellen  der  alten  chinesischen  Geschichte, 

mit  Analyse  des  Sse-ki  und  I-sse 53 


IV 


Seite 

*Mauror:     lieber  die  Heensa-Poris  saga 112 

*IIofmauu:    Ueber  Fei'ofus,  des  normannischen  Dichters,  Guil- 

laum  le  Clerc 112 


Historische  Classe.     Sitzung  vom  8.  Januar  1S70. 
*v.  DöUinger:     Ueber  Dante  als  Propheten       112 


Mathematisch-physikal.  Classe.   Sitzung  vom  5.  Februar  1870. 

V.  Bezold:     Untersuchungen  über  die  elektrische  Entladung.       113 
Goppelsröder:     Ueber  eine  schnell  ausführbare  und  genaue 
Methode  der  Bestimmung  der  Salpetersäure 
sowie  über  deren  Menge  in  den  Trinkwassern 

Basel's 129 

Gümbel:      Ueber   den  Kiesvulkau    und   über   vulkanische  Er- 
scheinungen im  ßieskessel 153 


FhilosopMsch-philol.  Classe.    Sitzung  vom  5.  Fehruar  1870. 

Plath:      Ueber  die  Quellen  der  alten  chinesischen  Geschichte, 

mit  Analyse  des  Sse-ki  und  I-sse  (Schluss)  ....       201 

Lauth:    Ueber  Chufu's  Bau  und  Buch.  (Papyrus  Prisse.  II.  Theil)       245 
*Christ:     Ueber   die  rhythmischen  Formen    der   griechischen 

Hymnen  des  Mittelalters 274 


Seite 

Historische  Classe.    Sitzung  vom  5.  Februar  1870. 

*Bai'on  V.  Lilie nkruu:     UcbiT    das   Werk    des    Kaisers    Maxi- 
milian I.  der  „Weiss-Kunig"       .     .     .       274 
*KIuckhohii:     lieber    zwei   Gesandtschaften   Kurfürst   Friod- 

rich's  von  der  Pfalz  nach  Paris  (1567  u.  1574)       274 


Einsendungen  von  Druckschriften 275 


MatJiematlsch-pJujsilial.  Classe.    Sitzung  vom  5.  März  1870. 

Thudiehum:      Ueber  die  Kryptophansäure,  die  normale  freie 

Säure  des  Harns 285 

Nöllner:     Ueber  den  Lüneburgit  in  Harburg 291 

V.  Kohell:      Ueber  den  Gümbelit,  ein  neues  Mineral  von  Nord- 
halben bei  Stehen  in  Oberfranken 294 

Seidel:      Einige  Bemerkungen  in  Bezug  auf  die  Beobachtung 
der  im  Jahr  1874   bevorstehenden  Durchgänge  der 

Venus  durch  die  Sonne 297 

Bischoff:      Ueber  die  kurzen  Muskeln  des  Daumens  und  der 

grossen  Zehe  (mit  einer  Tafel) 303 


Fhilosophiscji-philol.  Classe.     Sitzung  vom  5.  März  1870. 

Halm:     Ueber    aufgefundene   Fragmente    aus    der    Freisinger 

Handschrift  der  fabulae  des  Hyginus 317 


VI 


Seite 

Haug:  Ueber  das  Arddi  Viruf  nämeli  (die  Visionen  des  alten 
Pärsenpriesters  Ardäi  Wiräf)  und  seinen  augebliclien 
Zusammenhang  mit  dem  christlichen  Apocryphon  'die 

Himmelfahrt  des  Jesaja'  betitelt 327 

*Hofmann:  Ueber  a)  ein  von  ihm  aus  einer  Handschrift  des 
hiesigen  Reichsarchivs  abgeschriebenes 
althochdeutsches  Bruchstück  des  Xotker 
Teutonicus  de  octo  tonis,  aus  dem  sich 
wesentliche  Verbesserungen  des  Ab- 
drucks bei  Hattemer  ergeben  .  .  .  865 
b)  eine  Abschrift  des  Spruchgedichts  von 
Hans  Schneider  über  den  im  Jahre  1478 
hingerichteten  Bürgermeister  Ulrich 
Schwarz  von  Augsburg  aus  dem  Cod. 
germanicus  379  der  hiesigen  Staats- 
bibliothek   365 


Historische  Classe.     Sitzung  vom  5.  Mars  1870. 

*Coruelius:  Ueber  den  Plan  Heinrichs  IV.  gegen  das  Haus 
Habsburg,  insbesondere  über  die  Ergebnisse  der 
diplomatischen  Verhandlungen,  welche  Heinrich 
zum  Zweck  seines  Augriffs  auf  Spanien  geführt 
hat  1609—1610 365 


Oeffentliche  Sitzung  zur  Feier  des  111.  Stiftimgstages  am 
28.  März  1870. 

Nekrologe 306 

*Preger:     Ueber  die  Entfaltung  der  Idee  des  Menschen  durch 

die  Weltofeschichte 434 


vn 


Seite 
Einsendungen  von  Druckschriften 435 


PhilosopJiisch-phüol.  Classe.    Sitzung  vom  7.  Mai  1870. 

Thomas:  Bruun,  geographische  Bemerkungen  zu  Schiltberger's 

Reisen  (Fortsetzung) 441 

Urlichs:     Studien  zur  römischen  Topographie.    T.  Die  Brücken 

des  alten  Roms  (mit  einer  Tafel) 459 

Hof  mann:  a)  Hans  Schneiders  historisches  Gedicht  auf  die 
Hinrichtung  des  Augsburger  Bürgermeisters 
Schwarz 500 

b)  Ueber  das  Züricher  Arzneibuch  des  XH.  Jahr- 
hunderts   511 

c)  Beiträge  zur  Texteskritik  der  Nibelungen  .    .      527 

d)  Ueber  ein  Notkerfragment 529 

*v.  Haneberg:     Das  muslimische  Recht  des  G'ihäd,  d.  i.  des 

Krieges  und  der  Eroberung  etc 531 


Matliematisch-pliysikal.  Classe.     Sitzung  vom  7.  Mai  1810. 

Lommel:    Das  Leuchten  der  Wasserhämmer 532 

Bollinger:     Ueber  das  Wurmaneurysma  (Aneurysma  verminosum) 
der  Eingeweidearterien  und  die  Kolik  der  Pferde      539 
Rief  1er:     Ueber  das  Passage-Prisma  (mit  einer  Tafel)   .     .     .      545 
*Bischoff:    Zur  vergleichenden  Anatomie  des  Hylobates  leu- 

ciscus 548 


VIII 


Seite 

Historische  Classc.     Sitzung  vom  7.  Mai  1870. 

V.   Giesebrecht:     Beitrage   zur    Genealogie   des   bayrischen 

Adels  im  11.,  12.  und  13.  Jahrhunderte  .      549 


Einsendungen  von  Druckschriften 


Sitzungsbericlite 


der 


königl.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften. 


Mathematisch-physikalische  Classe. 

Sitzung  vom  8.  Januar  1870. 


Herr  v.  Steinheil    legt  vor  eine  Abhandlung: 

„V.  Steinheil's    vollständiger    Comparator 
zurVergleichung    der    Toise    mit     dem 
Meter    und    zur    Bestimmung     der     abso- 
luten Längenausdehnung  der  Stäbe." 
(Mit  einer  Tafel.J 

General  v.  Baeyer  hat  die  sehr  folgereiche  Thatsache  fest- 
gestellt, dass  sich  der  Ausdehnuugs-Coeffizient  für  Zink  in  längern 
Zeitperioden  ändert.  Es  ist  kaum  zu  bezweifeln,  dass  auch 
andere  Metalle,  namentUch  solche,  deren  absolute  Elastizität 
enge  Grenzen  hat,  ähnliche,  wenn  auch  kleinere  Veränder- 
hchkeit  bei  genauer  Prüfung  zeigen  werden.  Dadurch  tritt 
aber  für  alle  genauen  Massbestimmungen  eine  neue  noch 
nicht  gekannte  und  gar  nicht  unerhebliche  Unsicherheit  ein 
und  es  wird  die  nächste  Aufgabe  bilden  diesem  üebelstande 
zu  begegnen. 
[1870.  I.  1.]  l 


2  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  S.  Januar  1870. 

Während  man  bisher  den  Stoff  zu  Längenmassen  fast 
willkührhch  wählte,  nur  etwa  geleitet  durch  chemische  oder 
physikalische  Eigenschaften,  welche  eine  längere  Invariabilität 
erwarten  Hessen  (Piatina,  —  Silber,  —  Eisen,  —  Messing  etc.) 
wird  man  jetzt  erst  den  Stoff  zu  finden  haben,  der  keine 
oder  die  kleinste  Aendeiung  in  der  Ausdehnung  nachweiset. 

Es  steht  zu  erwarten,  dass  nur  vollständig  elastische 
Körper  Masse  liefern  werden  deren  Ausdehnungs-Coeffizient 
invariabel  ist.  Denn  werden  Stäbe  durch  ^angehängte  Gewichte 
über  ihre  Elastizität  ausgedehnt,  so  kehren  sie,  nach  Ent- 
fernung der  Last  nicht  nur  nicht  zur  ursprünglichen  Länge 
zurück,  sondern  sie  fordern  nun  auch  eine  kleine  Belastung, 
um  abermals  über  ihre  Elastizitätsgrenze  ausgedehnt  zu 
werden,  d.  h.  ihre  Elastizitäts-Grenze  hat  geändert.  Ist 
es  nun  gleichgiltig  ob  die  Verlängerung  des  Stabes  durch 
angehängte  Gewichte  oder  aber  durch  höhere  Temperatur 
bewirkt  wurde,  was  anzunehmen  ist,  da  ein  durch  Wärme 
ausgedehnter  Stab  zwischen  Widerlagen  von  constantem  Ab- 
stände dieselbe  Kraft  übt,  welche  uöthig  gewesen  wäre  als 
Last  ihn  eben  so  viel  zu  verlähgern,  als  er  ohne  Widerlagen 
länger  geworden  wäre,  so  erklärt  sich  die  Veränderlichkeit 
der  weichen  Metalle  und  folglich  ihre  Unbrauchbarkeit  zu 
genaueren  Massstäben.  Es  wird  durch  diese  Betrachtungen 
in  hohen  Grade  wahrscheinlich,  dass  alle  Stoffe,  welche  sehr 
enge  Grenzen  der  absoluten  Elastizität  besitzen  als  Blei, 
Gold,  Platin,  Zink,  Zinn  etc.  mit  der  Zeit  bloss  durch  den 
jährlichen  Gang  der  Temperatur  dem  sie  ausgesetzt  sind, 
veränderliche  Ausdehnung  bekommen,  dagegen  sehr  voll- 
kommen elastische  Körper  d.  h.  solche  deren  Elastizitäts- 
grenzen sehr  weit  sind,  als  Glas  und  Glasflüsse,  Porzellan, 
federharter  Stahl,  gehämmertes  Kupfer,  Krystalle  etc.  bei  den 
vorkommenden  Temperatur differenzen  ihre  Grenze  nicht  über- 
schreiten und  folglich  constant  bleiben.  Doch  ist  die  Fr  ge 
von  viel  zu  grossem  Belang,  um  auf  diese  Betrachtungen  hin 


V.  SteinheiVs  Comparator.  3 

den  Stoff  für  Xormalmassstäbe  jetzt  schon  festzustellen. 
Vielmehr  ist  es  unerlässlich  diesem  Gegenstande  eine  eigene 
gründliche  Untersuchung  zuzuwenden.  Dass  man  aber  zu 
dieser  Untersuchung  vor  Allem  ein  Mittel  haben  muss  die 
Ausdehnung  für  kleine  Temperaturunterschiede  scharf  und 
sicher  zu  bestimmen,  ist  klar.  Es  wird  daher  auch  gerecht- 
fertigt erscheinen  darauf  hinzuarbeiten,  dass  die  Anwendung 
des  Fühlspiegels,  der  bei  meinem  Meter-Comparator  so  merk- 
würdig grosse  Genauigkeit  ergeben  hat.  auch  hiezu  einge- 
führt werde.  Es  ist  diess  um  so  mehr  indizirt,  als  sich 
dieser  Zweck  mit  kleineu  Aenderungen  in  der  Coastruction 
des  Meter-Comparators  erreichen  lässt. 

MündHch  aufgefordert  von  General  von  Baeijer  einen 
solchen  Comparator  für  ihn  zu  construiren.  der  für  absolute 
Längenausdehnungen  und  zugleich  zur  Bestimmung  des  Ver- 
hältnisses von  Meter  und  Toise  anwendbar  wäre  und  endlich 
auch  die  Vergleichung  der  Masse  a  trait  mit  denen  a  bout 
erlaubte,  habe  ich  im  Zusammenwirken  mit  dem  Herrn 
General  im  verflossenen  Herbste  ein  solches  Instrument  con- 
strüirt  und  für  Herrn  von  Baeyer  in  Arbeit  gegeben.  Auch 
für  die  matb.-phys.  Sammlung  des  Staates  war  schon  früher 
ein  ähnh'cher  Comparator  in  Ausführung  begriffen.  Es  dürfte 
daher  zeitgemäss  sein  dessen  Be-chreibung  zu  veröffentlichen, 
damit  die  Aufgabe  von  verschiedenen  Beobachtern  mit  gleich 
empfindHchen  Hülfsmitteln  verfolgt  werden  kann. 

Ehe  wir  zur  Beschreibung  übergehen,  erlauben  wir  uns 
noch  einige  einleitende  Betrachtungen. 

Die  sicherste  Masseinheit  wäre  wohl  diejenige,  welche 
allen  Teraperaturänderungen  entzogen  wäre.  Das  kann  man 
bewirken,  wenn  man  die  Benutzung  der  genauen  Masseinheit 
auf  eine  bestimmte  Localität  beschränken  will,  nämlich  da- 
durch, dass  man  sie  in  einem  hinreichend  tiefen  und  trockenen 
Keller,  der  stets  dieselbe  Temperatur  behält,  aufbewahrt.  Da 
diess  jedoch  mit  grossen  Unbequemlichkeiten   verknüpft  ist, 

1* 


4  Sitzung  der  math.-phys.  Glosse  vom  8.  Januar  1870. 

kann  man  auch  bloss  die  Fundameutpunkte  der  Masseinheit  — 
also  ihre  beiden  Endpunkte  —  in  einem  Räume  fixiren,  der  zu 
allen  Jahreszeiten  gleiche  Temperatur  behält.  Dann  bleibt  auch 
der  Abstand  dieser  Punkte  immer  gleich.  Man  muss  also 
die  Punkte  nur  hinreichend  tief  legen.  Wenn  die  senkrechten 
Axen  in  diesen  Punkten  bis  über  die  Oberfläche  der  Erde 
verlängert  wären,  würde  man  durch  sie  einen  bei  allen  Tem- 
peraturen constauten  Abstand  gewinnen  und  das  ist  die  Be- 
dingung, um  die  absolute  Läugenausdehnungen  überhaupt  zu 
bestimmen,  indem  man  den  Masstab  bei  verschiedenen  Tem- 
peraturen vergleicht  mit  dem  constauten  Axen-Abstande.  Die 
2  fundamentirten  Punkte  müssen  also  getrennt  von  dem  um- 
gebenden Erdreich  ganz  symmetrisch  gegen  die  Verticalaxe 
und  beide  genau  gleich  heraufgeführt  werden  aus  der  con- 
stauten Temperatur  bis  über  die  Oberfläche  des  Erdbodens 
wo  die  Vergleichungen  vorgenommen  werden  sollen.  Es  ist 
nöthig  diese  beiden  Pfeiler  möglichst  stark  im  Verhältniss 
zu  ihrer  Höhe  zu  bauen  um  Durchbiegungen  zu  vermindern. 
Da  man  um  so  unabhängiger  wird  von  kleinen  Aenderungeu, 
die  sie  denn  doch  noch  zeigen  können,  wird  man  ihren  Ab- 
stand möglichst  gross  machen.  Gesetzt  man  wählte  einen 
Abstand  von  10  Toisen  zwischen  den  Axen  der  Pfeiler;  so  wäre 
man  bei  der  Bestimmung  der  Ausdehnung  des  Massstabes,  mit 
welchem  der  Abstand  bei  verschiedenen  Temperaturen  gemessen 
würde,  10  mal  sicherer  bei  gleicher  Aenderung  in  den  End- 
punkten als  wenn  man  sich  auf  eine  Toise  beschränkte.  Bei  so 
grossem  Abstände  könnte  auch  die  Entfernung  der  Endpunkte 
sehr  leicht  und  sicher  gemessen  werden,  wenn  man  sich 
meines  cylinderschen  Messrades  bediente.  Ein  Schienenweg 
von  10  Toisen  könnte  bei  geringen  Kosten  mit  aller  Genauig- 
keit hergestellt  werden.  Die  Vergleichung  zwischen  dem 
Rade  und  der  benannten  Masseinheit  (etwa  Toise  oder  Meter) 
würde  sich  sehr  leichtergeben,  wenn  der  Abstand  (10  Toisen) 
auch   nach    der  bisherigen   Methode   wie   eine   kleine    Basis 


von  StdriheiVs  Coviparator.  5 

gemessen  würde.  Ein  solcher  constanter  Abstand  von  2 
sorgfältig  fundamentirten  Punkten  bildet  offenbar  eine  sicherere 
Masseinheit  als  jeder  Massstab.  Er  könnte  überhaupt  nur 
alterirt  werden  durch  Erdbeben.  Man  hätte  also  in  der 
Wahl  des  Ortes  darauf  Rücksicht  zu  nehmen  und  in  ver- 
schiedenen von  Erdbeben  freien  Gegenden  solche  Massein- 
heiten zu  fundamentiren.  Alle  zu  jeder  Zeit  leicht  mit  dem 
Messrad  nachmessbar,  liesen  jede  Veränderlichkeit  in  ein- 
zelnen Basen  und  jede  Aenderung  im  Messrade  erkennen  und 
gäben  somit  für  alle  Zeiten  der  Masseinheit  grössere  Sicher- 
heit, als  wir  jetzt  zu  erlangen  vermögen. 

Dieser  Gedankengang  Hegt  dem  neuen  Comparator  zu 
Grunde  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  der  Abstand  der  2 
fundamentirten  Punkte  nur  ca.  2  Meter  beträgt,  also  eine 
direkte  Vergleichung  des  Messrades  oder  Cylindermassstabes 
mit  Toise  und  Meter  ausgeschlossen  ist. 

Beschreibung  des  Comparators. 

Die  heraufgebauten  fundamentirten  Punkte  gehen  nach 
oben  in  eingekittete  Glascylinder  über,  welche  in  das  für 
Masse  bestimmte  Gefäss  von  Spiegelgläsern  durch  die  weiter 
ausgeschnittene  Bodenplatte  eingeführt  sind.  Damit  die  Masse 
unter  Flüssigkeit  verglichen  werden  können,  ist  eine  Liederung 
von  Kautschuck  um  die  Cylinder  gesteckt  und  auf  dem  vor- 
springenden Kranze  derselben  steht  das  Gefäss  auf  und  be- 
wirkt durch  seine  Schwere  den  Abschluss  der  Flüssigkeit, 
ohne  dass  die  Ausdehnung  des  Glasgefässes  einen  Zwang 
auf  die  Glascylinder  der  Pfeiler  ausübt.^) 


1)  Es  ist  klar,  dass  man  einen  noch  sicherern  wasserdichten 
Schluss  zwischen  Pfeilerzapfen  und  Bodenplatte  erzielen  würde,  wenn 
2  Parallelgläser  auf  den  Pfeilerzapfen  conisch  aufgeschlifi"en  würden. 
Diese  Parallelgläser  lägen  auf  der  Tischplatte  von  Gusseisen  und  es 
wäre  eine  Schichte  von  Oel  zwischen  der  Eisenplatte  und  den  Parallel- 
gläsern. Es  könnte  daher  die  Tischplatte  verschoben  werden,  ohne 
einen   namentlichen    Druck  auf  die   Cylinder   zu   üben.     Auf   die    2 


6  Sitmng  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Noch  sind  die  Glascylinder  senkrecht  herab  und  von 
derselben  Seite  hei'  zur  Hälfte  abgeschnitten  und  diese  senk- 
rechten parallelen  Flächen  an  den  Glas-Cylindern  bilden  den 
Constanten  Abstand  mit  dem  die  Masse  vergUchen  werden, 
deren  Ausdehnung  bestimmt  werden  soll.  Die  Berührungs- 
flächen sind  nach  derselben  Seite  gerichtet  damit  der  Druck 
des  angefederten  Spiegels  beide  Pfeiler  nahe  um  gleich- 
viel biege.  ^)  üeberhaupt  werden  sich  die  Pfeiler  durch- 
diesen  Druck  nur  sehr  wenig  biegen  und  darum  wird  die 
Durchbiegung  auch  so  hinreichend  eliminirt. 

Da  nun  Masstäbe  zu  vergleichen  sind,  deren  Endflächen 
sphärisch  sind,  die  Spiegel  des  Cowparatoi-s  aber  nur  an 
sphärischen  Flächen  richtig  tangiren  und  den  Tangirungs- 
punkt  durch  die  Newtonschen  Farbenringe  zeigen,  so  sind 
kleine  Ab s ch ieb  e -Cy  linder  mit  je  2  sphärischen  End- 
flächen aus  Glas  angefertigt  die  an  beiden  Endflächen  iu 
der  Axe  des  Masstabes  liegen  und  also  mit  in  die  Ver- 
gleichung  gezogen  werden.  Es  sind  6  solcher  sehr  nahe 
gleicher  Abschiebe-Cylinder  erforderlich.  Ihre  Länge  beträgt  je 

22.735  Pariser  Linien 
so  dass  38  solcher  Cylinderlängen  gleich  einer  Toise  und  39 
gleich  2    Meter   sind.     Das    was    noch  fehlt,   soll    ohne   An- 


Parallelgläser  kömmt  dann  ebenso  mit  Oelschichte  der  Glastrog  zu 
stehen,  der  ebenfalls  obne  Zwang  auf  die  Cylinder  kleine  Verschieb- 
ungen erleiden  könnte.  Dass  das  Oel  stets  flüssig  erhalten  werde 
oder  erneuert  werden  müsste,  versteht  sich  von  selbst. 

2)  Der  Druck  ist  für  beide  Pfeiler  wohl  ganz  gleich,  allein  die  vor- 
springende Widerlage  des  Cylinders  ist  niedriger  auf  der  Seite  des 
beweglichen  Spiegels  als  auf  der  des  feststehenden.  Der  Druck  wirkt 
folglich  für  den  feststehenden  Spiegel  an  längerem  Hebel  und  es 
wird  dieser  Pfeiler  mehr  gebogen  als  der  andere.  Wollte  man  die 
Durchbiegung  der  Pfeiler  ganz  aufheben,  so  wären  Gegengewichte 
erforderlich,  welche  auf  der  entgegengesetzten  Seite  des  Pfeiler  wirkten 
und  die  Kraft ,  aufheben  mit  der  die  Masse  angedrückt  werden. 


von  Steinheils  Comparator.  7 

Wendung  des  i?e;j5oZfZ'schen  Scliraubenmikrometeis  blos  aus  der 
Neigung  der  tangiienden    Parallelgläser   gefunden  werden. 

Brächte  man  die  Pitralklgläser  in  Verbindung  mit  eineui 
Schraubenschuber  der  den  Spieg«  1  bis  zur  Taugirung  an  den 
übereinander  stthen den  Massenden  füJirt,  so  würde  man  den 
Vortheil,  welcher  in  dem  Prinzip  hegt  aufgeben  und  eine  grosse 
Unsicheiheitindie  Messungen  bringen,  weil  die  Drehungspunkte 
der  Spiegel  dann  genau  genommen  (in  Spitzen  gehend)  variabel 
sind  und  auch  die  Kraft  unbekannt  bliebe  mit  der  die  Schraube 
den  Spiegel  andrückt.  Man  ist  also  genöthigt,  aus  der  Neigung 
der  Spiegel  und  dem  Abstände  der  Bt  rührungspunkte  die 
Längendiflferenz  abzuleiten.  Da  nun  aber  grössere  Längen- 
differenzen vorkonmien  als  der  Apparat  zu  messen  g^^stattet,  wenn 
die  Massstäbe  direkt  aufeinander  liegen,  so  sind  Rollcylinder  von 
verschiedenen  Durclimessern  angefertigt ,  die  zwischen  die 
Masse  zu  liegen  kommen  und  also  den  Abstand  der  Berühr- 
ungspunkte je  nach  Bedarf  grösser  oder  kleiner  machen. 
Man  hat  zwar  bei  grösserem  Abstände  eine  kleinere  Empfind- 
lichkeit des  Okularmikrometers ;  allein  der  aliquote  Theil 
des  Mikrometerganges,  der  als  Fehler  der  Einstellung  bleibt, 
ist  so  klein,  dass  die  Empfindlichkeit  oder  die  Genauigkeit 
der  Messung  in  allen  Fällen  genügt.^) 

Die  Abschiebecyliuder  dienen  zugl-jich  um  eine  Toise 
mit  2  Metern  vergleichen  zu  können.  Bei  solchen  Vergleich- 
ungen  von  Massen  untereinander  ist  der  variable  Abstand 
der  Pfeiler-Glascylinder  unnöthig.  Man  hat  also  in  solchen 
Fällen  nur  die  Cylinder  der  Fixpunkte  herauszunehmen. 

Je  2  Abschiebe-Cylinder  sind  senkrecht  übereinander 
getragen  von  einem  horizontal  ausgebohrten  Ständer.  Ihre 
Höhe  kann  verstellt  werden,  so  dass  sie  genau  in  die  Ver- 
längerung der  Axen  der  Masse  zu  stehen  koajmen. 


3)  Man  wird  übrigens  selten  gezwungen  sein  von  diesem  Prinzip 
Gebrauch  zu  machen,  da  der  Apparat  ohne  dickere  Rollcylinder  doch 
Längendifferenzen  von  '/s  Linie  und  selbst  mehr  zu  messen  gestattet, 


8  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Im  Uebrigen  ist  der  Comparator  gleich  mit  dem  in  den 
Wiener  Denkschriften  Bd.  XXVII  ,,Ueber  genaue  und  in- 
variable Copien  etc."  beschriebenen  nur  mit  dem  Unterschiede, 
dass  das  Glasgefäss  wegen  Messens  der  ganzen  Toise  mehr 
als  doppelt  so  lang  ist  und  weit  grössere  Tiefe  hat,  weil 
für  beträchtlichere  Längendifferenzen  dickt-re  Rollcylinder  in 
Anwendung  kommen  und  doch  die  Massstäbe  ganz  unter 
Flüssigkeit  bleiben  müssen.  Aus  diesem  Grunde  sind  auch 
die  Parallelgläser  weit  höher  und  dicker  als  bei  dem  Meter- 
Comparator,  wie  aus  der  Zeichnung  zu  sehen.  Endlich  ist 
noch  eine  Aenderung  an  dem  Mikrometer-Fernrohr  zu  be- 
rüliren.  Zur  Vermeidung  aller  falschen  Reflexbilder  von 
welchen  der  erste  Comparator  nicht  frei  ist,  wurde  das 
Beleuchtungsglas  hier  vor  die  Fäden  des  Okularmikrometers 
gestellt  und  dann  erst  das  Okular  angebracht,  während  beim 
ersten  Apparat  das  Beleuchtung^glas  vor  dem  Okular  sitzt. 
Man  erhält  jetzt  das  ganze  Gesichtsfeld  gleichmässig  erleuchtet 
und  kann  verschiedene  Vergrösserungen  in  Anwendung  bringen, 
ohne  an  der  Berichtigung  des  Apparates  zu  ändern. 

Um  den  Werth  der  Abschiebe-Cylinder  mit  dem  Com- 
parator ermitteln  zu  können  ist  ein  Doppel-Meter  von  Glas 
beigegeben,  welcher  seiner  Länge  nach  auf  der  Mitte  der 
breiten  Seite  eine  Rinne  oder  Leitbahu  eingeschliffen  hat. 
Der  Cyhnder  liegt  wie  bei  dem  BesseVschen  Comparator 
durch  Friktion  in  den  Kanten  der  Rinne.  Die  Rinne  geht 
natürlich  nicht  bis  zur  Mitte  der  Stabesdicke,  sondern  es 
sind  die  Endflächen  aus  dem  Centrum  des  Stabes  mit  1  Meter 
Radius  sphärisch  bearbeitet.  Man  beginnt  die  Abschiebung 
an  dem  feststehenden  senkrechten  Parallelglase.  Nach  39 
Cylinderlängen  wird  der  bewegliche  Spiegel  zum  Anliegen  an 
Stab  und  Cylinder  gebracht.  Es  ist  ein  Gewicht  vorhanden, 
welches  auf  den  Cylinder  in  der  letzten  Lage  aufgelegt  wird, 
damit  er  bei'm  Anlegen  des  Spiegels  nicht  zurückgleitet. 
Die  Abschiebung  erfolgt  unter  Flüssigkeit  und  es  ist  der  in 


von  SteinheiVs  Comparator.  9 

Abschiebung  begriffene  Cylinder  mit  einer  angekitteten  leicht 
ablösbaren  Handhabe  versehen,  um  nicht  durcli  die  Berührung 
erwärmt  zu  werden. 

Die  Vergleichung  eines  Masses  a  bout  mit  demselben 
Masse  a  trait  fordert  nur  ein  möglichst  gutes  Mikroskop  mit 
Ukularfilarmikrometer,  der  Massstab  a  trait  und  das  Mikroskop 
sind  durch  die  Längenwand  des  Troges  der  aus  Spiegel- 
platten zusammengesetzt  ist,  orientirt.  Die  Methode  der 
Vergleichung  ist  übrigens  zu  bekannt  um  hier  wiederholt 
zu  werden. 

Zum  Schluss  wollen  wir  jetzt  noch  den  ganzen  Apparat 
mit  Zuziehung  der  Zeichnung  zusammenstellen  um  die  Ueber- 
fcicLt  zu  erleichtern. 

Aus  den  fundamentirten  Pfeilern  ragen  die  fagetirten 
Tragsäulen  A,  A'  etwa  3  Fuss  über  den  Fussboden  hervor. 
In  den  Axen  der  Säulen  sind  die  Glascylinder  5,  H'  ein- 
gekittet. Die  Tragsäulen  müssen  eine  symmetrische  Gestalt 
gegen  ihre  Längenaxe  haben,  damit  eine  Temperatur-Aenderung 
des  obern  Theiles  der  Säule  keine  Verstellung  ihrer  Axe  bewirkt. 
Der  Abstand  der  Längenaxeu  beträgt  2  Meter  -1-  1  Ab- 
schiebecylinder  oder  909.335  Pariser  Linien.  Da  dieses 
Mass  bei  der  Ausführung  nicht  genau  getroffen  werden  kann 
und  doch  nur  wenig  fehlen  darf  um  mit  der  Neigung  des 
Spiegels  noch  messbar  zu  sein,  so  ist  die  Einrichtung  getroffen, 
dass  der  Abstand  der  Berührungsplatten  der  Glascylinder  an 
dem  einen  Cylinder  mit  Schrauben  verstellbar  ist. 

Ueber  die  beiden  Pfeiler  kömmt  ein  aus  4  Holzwänden  ge- 
bildeter Rahmen  a,  h,  c,  d.  der  durch  eine  aufgelegte  Platte  von 
Gusseisen  e,  e,  e,  e  zum  Tisch  umgestaltet  wird.  Natürlicli 
sind  in  der  Platte  2  Löcher  für  die  Glascylinder  etwas 
weiter  als  die  Cylinder  ausgearbeitet,  so  dass  letztere  frei 
durchgehn.  Der  innere  Raum  dieses  Tisches  oder  Kastens 
ist  mit  schlechten  Wärmeleitern  (Sägespähne  oder  Baum- 
wolle etc.)  ausgefüllt. 


10  Sitzung  der  math.-phys.  Gasse  vom  8.  Januar  1870. 

Auf  die  gusseisene  nivellirte  Platte  kommt,  nachdem 
die  Kautsehukplatten  über  die  Glascylinder  gesteckt  und  ihre 
Scheiben  g  g'  auf  dem  Tische  ausgebreitet  sind,  der  Glas- 
kasten f,  f,  f,  f,  zu  stehen.  Auch  dessen  Boden  hat  2  Löcher, 
durch  welche  die  Glascylinder  frei  hindurch  gehu.  Der 
Glaskasten  sitzt  also  nur  auf  den  2  Kautschuk-Scheiben  gg'  auf 
und  bewirkt  so  den  wasserdichten  Schluss  durch  seine  Schwere. 

An  dem  einen  Ende  des  Tisches  vor  dem  Glaskasten 
steht  der  Fernrohrträger  g„  der  so  hoch  ist,  dass  das 
Objektiv  über  den  Glastrog  hinwegsehen  kann.  In  den  Glas- 
trog kommt  am  Ende  des  Troges  das  feststehende  Parallel- 
glas h  festgekittet^)  auf  den  Glascylinder  JB'.  Gegenüber  am 
Fernrohr-Ende  des  Troges  steht  der  Schuberschlitten  ?', 
welcher  den  verstellbaren  Spiegel  Ic  trägt.  Endlich  ist  auf 
den  Boden  des  Glasgefässes  eine  ebenfalls  aus  Glasplatten 
gebildete  Brücke  oder  ein  Schemel  l  gesetzt,  der  den  Mass- 
stäben als  Unterlage  dient.  Damit  der  Massstab  sich  frei 
und  unabhängig  vom  Schemel  ausdehnen  kann,  sind  4  Roll- 
cylinder  von  Glas  quer  über  die  Brücke  gelegt.  Die  Cylinder 
m,  m,  m,  m,  liegen  also  senkrecht  zur  Längenaxe  des  Mass- 
stabes. Es  sei  der  Massstab  eine  Toise  n.  Nun  kommen 
die  Träger  oder  Ständer  mit  den  Abschiebecyhndern  zwischen 
die  Spiegel  und  die  Enden  der  Toise.  Sie  sind  durch  ihren 
Fuss  am  Glaskasten  orientirt  und  werden  nur  in  der  Höhe 
so  gestellt,  dass  sie  auf  die  Mitte  der  Stabdicke  treffen.  Die 
Toise  wird  dann  seitlich  nach  den  Cylindern  gerichtet  so, 
dass  dieselbe  Vertikalebeue  durch  die  Axe  der   Toise  führt. 


4)  Wenn  die  Planfläche  am  Glascylinder  JB'  nicht  ganz  genau 
und  im  hohen  Grade  plan  geschliffen  ist,  so  sitzt  der  nur  am  Rande 
umgekittete  Spiegel  nicht  fest.  In  diesem  Falle,  der  wohl  immer 
eintreten  wird,  ist  es  nöthig  das  Planglas  erwärmt  auf  Pechtropfen 
aufzusetzen,  so  wie  Fraunhofer  seine  Objektivlinsen  zum  Poliren  auf- 
setzte. Das  Glas  ist  dann  in  so  vielen  Punkten  unterstützt,  dass  keine 
Durchbiegung  stattfindet  und  die  Pechtropfen  gleichen  die  Gestalt- 
fehler  der  Unterlage  aus. 


von  Steinheü's  Comparator.  11 

Wie  wir  den  Apparat  bis  jetzt  zusammengestellt  haben, 
dient  er,  nachdem  der  Stab  unter  Flüssigkeit  gesetzt  ist  etc., 
um  die  absolute  Ausdehnung  der  aufgelegten  Toise  zu  be- 
stimmen. Soll  aber  die  Toise  mit  2  Metern  verglichen 
werden,  so  kommen  auf  die  Toise  wieder  Rollcyliuder  o,  o,  o,  o, 
und  auf  diese  die  2  Meter  ^j  uud^j'.  Man  hat  jetzt  nur  den 
untersten  Abschiebecylinder,  der  bei  B  gegen  den  Berührungs- 
punkt des  Pfeilers  drückt  herauszunehmen  und  den  Spiegel  Je 
in  der  Höhe  so  zu  verstellen,  dass  seine  Drehungsaxe  in  der 
Mitte  zwischen  der  Axe  der  Toise  und  der  Meter  liegt. 

Es  ist  von  selbst  einleuchtend  wie  Toisen  unter  ein- 
ander verglichen  werden.  Sollen  einzelne  Meter  verglichen 
werden,  so  ist  eine  kürzere  Brücke  erforderlich  und  es 
wird  der  Spiegelschuber  um  1  Meter  näher  gegen  den 
feststehenden  Spiegel  gerückt  und  in  dieser  Lage  fest- 
gekittet, wenn  man  nicht  vorzieht  blos  die  2  zu  vergleichenden 
Meter  zu  wechseln,  die  andern  2  Meter  aber  im  Apparate 
zu  belassen. 

Wir  wollen  noch  darauf  aufmerksam  machen,  dass  es 
nöthig  ist  den  beweglichen  Spiegel  dem  Objectiv  des  Fern- 
rohrs möglichst  nahe  zu  bringen,  weil  bei  grossöm  Abstände 
zwischen  Spiegel  und  Objectiv  die  Neigung  des  Spiegels  nur 
klein  sein  darf,  wenn  das  gespiegelte  Licht  in  das  Objectiv 
treffen  soll.  Nimmt  man  an,  der  bewegliche  Spiegel  sei  am 
untern  Ende  des  Apparates  aufgestellt,  so  ist  sein  Abstand 
vom  Objectiv  nahe  1043  Linien.  Der  Durchmesser  des 
Objectives  beträgt  12'".  Es  erscheint  daher  das  Objectiv,  vom 
Spiegel  aus  betrachtet,  unter  einem  \Yinkel  von  34'  26". 
Dreht  nun  der  Spiegel  uin  V^^  dieses  Winkels  d.,  i.  um 
8'  36"  so  erhält  das  Objectiv  nur  noch  die  Hälfte  des 
reflectirten  Lichtes.  Noch  lichtschwächer  darf  das  reflectirte 
Bild  nicht  werden,  wenn  die  Schärfe  der  Einstellung  nicht 
darunter  leiden  soll.  Man  könnte  also  keine  grössern  Längen- 
differenzen bestimm-n,  als  die  einem  Neigungswinkel  von  SVs 


12  Sitzung  der  math.-phys.  Qasse  vom  8.  Januar  1870. 

Minuten  entsprechende.  Nimmt  man  jetzt  an,  der  Abstand 
der  Längenaxen  der  zu  vergleichenden  Masse  wäre  möglichst 
gross  also  etwa  24  Linien,  so  betrüge  die  grösste  messbare 
Längendiffereuz  nur 

0'".06 
also  viel  zu  wenig  um  die  Längenausdehnungen  von  6  Fuss 
langen    Stäben  messen    zu  können.     Es  wird  hiedurch  klar, 
dass  der  bewegliche  Spiegel  dem  Objectiv  nahe  stehen  muss. 
Bei  seiner  jetzigen  Stellung  können  Längendifferenzen  bis  zu 

0'".7 
ohne  Lichtverlust  gemessen  werden,  was  bei  allen  Vergleich- 
ungen  ausreicht. 

Obschon  demnach  der  hier  beschriebene  Apparat  in 
praxi  für  alle  Fälle  genügen  wird,  habe  ich  doch  nach- 
gedacht ob  sich  nicht  andere  Construktionen  finden  lassen, 
welche  nach  demselben  Prinzip  viel  grössere  Längendifferenzen 
messbar  machten  und  will  dieselben,  da  ich  sie  bis  zu  allen 
Detailzeichnungen  ausgearbeitet  habe,  hier  kurz  andeuten 
um  Anderen,  die  neue  Apparate  wollen,  eine  Wahl  zu  lassen. 

Es  wird  dem  aufmerksamen  Leser  dieser  Blätter  nicht 
entgehn,  dass  die  Längenausdehnungsmessungen  gegen  die 
Massvergleichungen  in  einem  Punkte  zurückstehn  nämlich 
darin,  dass  die  Ausdehnungsniessungen  nicht  auch  auf  beiden 
Seiten  des  Nullpunktes  angestellt  werden  können.  Diess 
kömmt  daher,  dass  die  Massstäbe  nicht  auch  unter  den 
Fixpunkten  der  Pfeiler  aufgelegt  werden  können.  Man  kann 
jedoch  den  Ausdehnungsmessungen  die  Vergleichung  auf 
beiden  Seiten  des  Nullpunktes  verschaffen,  wenn  man  die 
Ebene,  in  welcher  gemessen  wird  um  90*^  verlegt  und 
also  in  der  Hoiizontalebene  statt  in  einer  Vertikalebene  misst. 
Diess  setzt  voraus,  dass  der  bewegliche  Spiegel  statt  um  eine 
Horizontalaxe  zu  drehen,  um  seine  Vertikal  axe  dreht. 
Die  mit  den  Pfeilerlagern  zu  vergleichenden  Massstäbe  können 
nun  auf  ihren  Höhenkanten  aufgestellt,  auf  beiden  Seiten  der 


wn  SteinheiVs  Comparator.  13 

Lagerpfeiler  verglichen,    somit   der    Nullpunkt  eliminirt  und 
und  der  doppelte  Werth  in  der  Bestimmung  erhalten  werden. 

Verlangt  man  zugleich  auch  noch  viel  grössere  Längen- 
differenzen zu  messen  als  der  Okularmikrometer  gestattet, 
so  kann  eine  genau  getheilte  Scala  vor  dem  Objectiv  in 
horizontaler  Lage  angebracht  werden,  wie  bei  dein  GaMSs''sch£n 
Magnetometer.  Das  Okularmikrometer  dient  dann  die  Ab- 
stände der  nächsten  Scalastriche  vom  Mittelfaden  genau  zu 
messen  und  so  der  Scala-Ablesung  die  Mikrometergenauig- 
keit zu  geben. 

Hierdurch  wäre  jedoch  das  Prinzip  aufgegeben  auf 
das  Spiegeigebild  des  Mittelfadens  einzustellen  und  mit  un- 
endlich entfernten  Objecten  ohne  Okularverstellung  zu  messen. 
Man  gewänne  dagegen  ein  sehr  helles  Scalabild  und  •  sehr 
grosse  Neigungswinkel.  Indessen  lässt  sich  auch  das  Princip 
der  Einstellung  auf  das  Spiegelbild  des  Mittelfadens  für 
beliebig  grosse  Neigungswinkel  des    Planspiegels  erhalten. 

Dazu  müsste  die  Vertikalaxe  des  Tangirungs-Spiegels  zur 
Axe  eines  getheilten  Horizoutalkreises  gemacht  werden.  Auf 
die  Alhidade  dieses  Kreises  käme  ein  dritter  belegter  Parallel- 
spiegel, welcher  das  vom  Tangirungsspiegel  erhaltene  Licht 
diesem  wieder  zurückspiegelt.  Man  hätte  also  nur  die  Alhidade 
mit  dem  festsitzenden  Spiegel  zu  drehen,  bis  das  Spiegel- 
bild des  Mittelfadens  mit  diesem  im  Gesichtsfelde  coiucidirte. 
Hiebei  entfiele  der  Okularmikrometer  und  man  würde  diiekt 
den  doppelten  Drehungswinkel  des  Tangirungsspiegels  ablesen, 
unabhängig  vom  Nullpunkte,  wenn  zwischen  2  Einstellungen 
die  Massstäbe  umgelegt  würden. 

Man  wird  vielleicht  finden,  diese  Vorschläge  complizirten 
den  Apparat.  Das  gebe  ich  zu;  allein  es  ist  hier,  wie  bei 
allen  numerischen  Bestimmungen,  je  grösser  die  Anzahl  der 
Anforderungen  an  das  Instrument  ist,  desto  complizirter  wird 
sein  Bau.  Der  Umstand  ist  folglich  in  der  Natur  der  An- 
forderung begründet. 


14  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  -8.  Januar  1870. 


Herr  Vogel  trägt  vor : 

,,Ueber   die   Veränderung  einiger  Blunien- 
9  undBlüthenfarben  durch  Animoniakgas." 

Die  überaus  grosse  Mannigfaltigkeit  der  Farben,  wie 
wir  sie  an  den  frischen  Blütlien  und  Blumenblättern  in  der 
Natur  antreffen,  i^t  offenbar  in  der  Verschiedenheit  ihrer 
chenjischen  Constitution  begründet.  Die  Vorgänge  im  Inneren 
der  Pflanze,  aus  welchen  diese  zahllosen  Faibennuancen  ent- 
springen, sind  wahrscheinlich  äusserst  complizirter  Art 
und  da  wir  im  Stande  sind,  aus  den  Ueberresten  einer  längst 
entschwundenen  Flora  die  prachtvollsten  und  mannigfaltigsten 
Farbentöne,  wie  solche  uns  die  Modifikationen  des  Änilin's 
in  so  glänzender  Weise  darbieten,  künstlich  allerdings  auf 
langen  Umwegen  herzustellen,  so  darf  der  Gedanke  an  ähn- 
liche aber  vitale  Vorgänge  in  der  vegetabilen  Natur  nahe- 
liegen. Die  geringe  Stabilität  der  Farben,  in  welchen  die 
Blumen  und  Blüthen  unserer  Fluren  auftreten,  ist  der  Haupt- 
giund,  wesshalb  ihre  Natur  im  Allgomeinen  noch  so  wenig 
erforscht  worden.  Die  seltene  Mannigfaltigkeit  der  Farben, 
wie  sie  der  Schleisheimer  Hofgarten  in  seinen  Tausenden 
von  Blumen  und  Blüthen  während  dieses  Sommers  darbot, 
gab  mir  Gelegenheit,  eine  Versuchsreihe  über  das  Verhalten 
der  Pflanzenfarben  im  frischen  Zustande  zu  Ammoniakgas  zu 
veranlassen.  Es  ist  bekannt,  dass  einzelne  Blumen,  wie 
z.  B.  Rosen,  Phlox  u.  a.  schon  durch  Tabakrauch  ihre  ur- 
sprüngliche Farbe  verändern ;  offenbar  rührt  in  diesem  Falle 
die  Veränderung  der  Farbe  ausschliesslich  von  dem  Gehalte 
des  Tabakrauches  an  Ammoniak  her.  Andere  Pflanzen- 
farben erfahren  dagegen  von  der  Einwirkung  des  Tabak- 
rauches durchaus  keine  Aenderung.     Hiernach  schien  es  von 


Vogel:    Farbenveränderung  von  Blumen  etc.  15 

Interesse,  die  EinwJrkung  des  Ammoniakgases  auf  eine  grössere 
Menge  von  Pflanzen  auszudehnen  und  dessen  Einfluss  auf 
ihre  Farben  kennen  zu  lernen. 

Die  Ausführung  des  Versuches  geschah  in  der  Art,  dass 
unter  einer  geräumigen  Glasglocke  eine  gleichförmige  Ent- 
wicklung von  Ammoniakgas  aus  einem  Gemenge  von  Salmiak 
und  Kalkhydrat  hergestellt  wurde.  Die  Blumen,  sämmtlich 
im  frischen  Zustande,  befanden  sich  in  gleicher  Höhe  über 
der  Ammoniakgasentwicklung.  Die  Beobachtung  erstreckte 
sich  über  drei  Zeitabschnitte,  nach  welchen  die  eingetretenen 
Farbenveränderungen  jedesmal  notirt  wurden,  nämlich  nach 
Einwirkung  einer  Viertelstunde,  von  2  Stunden  und  von 
12  Stunden.  Eine  länger  als  12  Stunden  andauernde  Ein- 
wirkung stattfinden  zu  lassen ,  schien  desshalb  ungeeignet, 
als  nach  Verlauf  dieser  Zeit  viele  der  zum  Versuche  dienen- 
den Pflanzen  sich  keineswegs  mehr  im  frischen  Zustande 
befanden.  Es  sind  in  solcher  Weise  l)is  jetct  86  Species 
und  Varietäten  untersucht  worden. 

In  der  beigegebenen  Tabelle  finden  sich  die  beobachteten 
Veränderungen  nach  den  angegebenen  drei  Zeiträumen  zur 
leichteren  Uebersicht  nebeneinander  zusammengestellt. 

Als  allgemeines  Resultat  ergibt  sich  zunächst  ein  Unter- 
schied der  Amiiioniakgas Wirkung  zwischen  den  an  Körnchen 
gebundenen  und  den  in  Lösung  befindlichen  Farbstofi'en  der 
Blumen.  Die  Veränderung  der  ersteren  ist  durchschnittlich 
weit  geringer,  als  die  der  letzteren.  So  bleiben  z.  B.  die 
gelben  Farbstoffe  der  ersteren  Klasse  fast  ohne  Ausnahme 
ganz  unverändert  oder  zeigen  höchstens  einen  etwas  dunkleren 
Ton  der  Färbung,  ebenso  der  rothe  Farbstoff,  welcher  nur 
mit  einer  einzigen  Ausnahme  (Zinnia)  in's  Braunrothe  über- 
ging. Die  Gattung  Zinnia,  welche  hier  in  8  Varietäteo 
Gegenstand  der  Untersuchung  geworden,  bietet  überhaupt 
wegen  der  complizirten  Natur  ihrer  Farbstoffe  eigenthümliche 
Verhältnisse    in    ihrer    Beziehung    zu     Ammoniakgas.     Die 


16        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Jmiuar  1870. 

oberste  Zellenlage  enthält  nämlich  einen  blaurothen  Saft 
und  orangefarbene  Körnchen,  die  unteren  Zellenlagen  einen 
farblosen  Saft  und  wenige  hellgelbe  Körnchen.  Diese  Unter- 
schiede machen  sich  auch  an  den  angegebenen  Farben- 
veränderungen bemerkbar.  Die  Oberseite  färbt  sich  nämlich 
bei  allen  sehr  schnell,  die  Unterseite  langsam  und  nur  gelb 
oder  gelblich  grün. 

Wollen  wir  noch  einige  Specialitäten,  wie  sie  sich  aus 
der  Zusammenstellung  der  Farbenveränderungen  ergeben, 
etwas  näher  ins  Auge  fassen,  so  stellen  sich  noch  folgende 
Resultate  heraus. 

Unter  den  86  verschiedenen  in  angegebener  Weise  unter- 
suchten Pflanzensorten  befinden  sich  12,  welche  gar  keine 
Veränderung  durch  Ammouiakgas  zeigen.  Daboi  sind  7  gelbe 
und  5  dunkelviolette  und  rothe  Farbstoffe.  7  Farbstoffe 
zeigten  sich  nach  zwölfstündiger  Einwirkung  des  Ammoniak- 
gases zersetzt,  so  dass  nicht  nur  der  Farbstoff' zersetzt,  sondern 
auch  die  Struktur  der  Pflanze  selbst  verändert  und  erweicht 
erschien. 

Ganz  dunkles  Violett  zeigte  in  allen  Fällen  durchaus 
keine  Veränderung. 

Der  blaue  Farbstoff  der  ersten  Klasse  wird  theils  nicht 
verändert,  theils  schmutzig  grün  und  dann  gebleicht. 

Zum  Unterschiede  von  den  an  Körnchen  gebundenen 
Farbstoffen  ergibt  sich  die  Wirkung  des  Ammoniakgases 
auf  die  gelösten  Farbstoffen  weit  energischer;  hier  wird 
Blau  immer  Grün,  das  schönste  Grün  zeigt  Lilla  und 
hellviolett. 

Die  Veränderungen,  welche  das  Ammoniakgas  an  den 
Farbstoffen  der  Blumen  hervorbringt,  ist  in  den  meisten 
Fällen  sehr  nahe  übereinstimmend  mit  den  Veränderungen, 
welche  dieselben  allmälig  beim  Vorgange  des  Welkens  durch- 
laufen. Eigenthümlich  ist  die  Stabilität  des  gelben  Farb- 
stoffes bei   Lotus  corniculatus ;    dieser  gelbe  Farbstoff'  wird 


Namen  der  Pflanzen. 

\ 

Natürliclie 
Pflanzenfamilie. 

Ursprüngliche 
Farbe. 

44. 

Iberis  violacea. 

Cruciferae. 

Violett. 

45. 

Lavatera  trimestris. 

Malvaceae. 

Rosa. 

46. 

Linum  perenne. 

0 

Lineae. 

Hellblau. 

47. 

Lotus  comiculattcs. 

Leguminosae. 

Gelb. 

48. 

Malva  sylvestris. 

Malvaceae. 

Rosa. 

49. 

Maricaria. 

Compositae. 

K  einweiss. 

50. 

Melampyrumsylo. 

Scrophularineae. 

Gelb. 

51. 

Nicotiana  virginiana. 

Solaneae. 

Hellroth. 

52. 

Nigella  datnascena. 

Hellblau. 

53. 

Oenothera. 

Onagraviae. 

Schwefelgelb. 

54. 

Ocalis  ietraphylla. 

Oxalideae. 

Rosa. 

55. 

Papaver  BJioeas. 

Papaveraeeae. 

(Jinnoberroth. 

56. 

Petunia  hybrida. 

Solanae. 

Violett. 

57. 

Phlox. 

Hell-Lilla. 

58. 

Phlomis. 

Lahiatae. 

Lilla. 

59. 

Physalis  ÄlkeJce7iJci. 

Solanae. 

Mennigroth. 

60. 

Pisum  sativum. 

Leguminosae. 

Violett. 

61. 

Prunella. 

Lahiatae. 

Dunkelviolett. 

62. 

Eaphanus. 

Cruciferae. 

Weiss. 

63. 

var.  a. 

M 

Helllilla  Spitzen. 

Veränderung 

der  Farbstoffe  frischer  Blumen  und  Blütheu  durch  Ammoniak?as 

Tab 

-1. Tische     Z, 

,  ,  „,  m  e  n  s  t  e  1  1  0 

g. 

Saun  d<T  Pauu. 

Pfluseii- Familie, 

l  r'prÖBgliclie 
Fute. 

VcrtadeniDp  der 
Färb«  uch 
16  SliDoten. 

Verändenn^   der 

Farbe   Dach  3 

Standen. 

Verinderung    d(r 

Farbe  nicii  11 

Stunden. 

I.  Äjuga  TtpUaa 

Laibiatae. 

Bbia. 

BUo. 

Grün,                            Missfarbigi 

i.  Allhea  roua. 

Malvactae. 

Rosa. 

Scimutiig  grüne  Spillen.                    ScbmuU,  grüue  Spillen 

3.       „      tar.  a. 

DimkelrioleB. 

Ganz  unTerändcrt. 

i.       „       rar.  b. 

Hellriolctt. 

Grüne  Flecken. 

Grüne  Flecken. 

Grüne  Flecken, 

5,  AUium  Schoenopros. 

Liliaaae. 

Ilellroüi. 

Sdimutzig  hellrotb. 

Grüne  Spuren. 

Grüne  Sporen. 

6.  Antirrhinum. 

ScTophulahnrar. 

Ooiildrotii. 

Schwane  Flecken. 

Schwarze  Flecken. 

Schönes  Blau   mit 

7,  Anthanis  tinct. 

CompositM. 

Scbwefelgelb. 

Ganz  nnreränderLI 

eigenthüml,  Anllug. 

8.        „         rar. 

Weiss. 

Weiis. 

Gelblich.                    Schwefelgelb. 

9.  ämUt  chinmit. 

RothiioleJt, 

RothTiolett 

Rothriolctt.                 Grüne  Spitzen. 

10.       ,.     rar.  a. 

: 

lUllblaa, 

HeUbUn. 

IKllblan.                     Abgestandene  Spitzen. 

11.       „     ror.  l. 

DoDkelblao. 

Gninc  Spitzen. 

Gelblich.                     Blaugrünu  Spitzen. 

12.       „     Mr.  e. 

.. 

DanlielnoleU. 

Gituz  unrerändert. 

13.      „    navM  Angliat. 

Lebbaftrath. 

Ganz  uDTcräodcrt 

H.      „    «ne/ta. 

BlaUTJolott. 

Ilellgruue 

Flecken. 

HellgrUno  Flecken. 

15.  Borago  offieinat. 

Borayineae. 

Ilcllblao. 

HellbLu, 

Hollblau, 

Schmutzig   gebleicht. 

IC.        „       rar. 

„ 

Abgestanden. 

17.  Coffndufa, 

Cmpoiilae. 

Reingclb. 

Guus  onreründorl. 

18    Calcmlaria  nju. 

Smptiularinmr. 

Hellgelb. 

Hellgelb. 

Hellgelb.                  |  Dunkolgclb, 

19,  C'am;j<inii/a  gro«. 

CampanuUtftae. 

filauTioUtt. 

Qrün. 

Oebloicht. 

20.       „     bilidiclig. 

Vi„loll, 

QebleichL 

Ilellrialcu. 

üriino  !• 

ecken. 

32.  Carduut. 

Compohttu. 

Violeltrotb. 

Mtl  Aoitnabiii 

*  griiiiur  Spitzen  gunz  unrorandert. 

23.  CcM/raiiMu. 

Valerianear. 

Danki'lrath. 

Donkilrolli. 

Sriimutzig  grün.      |  Schmalzig  grUn. 

'.'4,   Cm/aurra  jaz-rti. 

Compcsitae. 

Roth. 

Mit  ,\ii>naliui 

grUdor  Spitzen  ganz  unvoräojeru 

2'».           ,.         fyanta. 

Violott. 

Ganz  onrcründort. 

■!(,.  C,r)iorimn  htgimi. 

Reinblau. 

OrUn. 

UrUn. 

Gclblicht;  AuUieroa 

27.  ContvIiWiu. 

Ccnnlnitaene. 

Violelt. 

Violelt, 

UullgrUn. 

grUn, 
Hellgrün. 

2f*.  CVrfopiu  bintor. 

Compotitae 

(iobUclb. 

Goldgelli. 

Goldgelb. 

Uunkelgelb. 

1*9,   (*onaii(/niM  »ofir. 

rmUUiTTar. 

Weio. 

OiilblicbKrOn«  SpiU.n. 

Golblichgrüno 

Scbnutziggolb. 

mi    C«.™,.«,,  ran.1. 

l^!n.mi.a^ 

llluniolelL 

tllauTiolelL 

S|iitzeo. 
lllauTiulcIt.               1  Schwofelgelb. 

31,  Cflm  naom. 

CompMilar 

Ilolbrioirtt. 

tllaue  Fi 

•dien,                         1  Hellblau. 

SJ,  /ImalAu    C-arttMwt 

i^ahcpifllae 

Roth.    • 

Ganz  unrerändert. 

33,  /M^i.i»    ^orwM 

RammKulcnar. 

ReiDdunkelblalt. 

»diiiic 

Izig  dunkelgrüne  Hecken. 

.. 

RUatioletl 

ürüne  Fl 

Kkeri.                            1  Miaaaifcig. 

3i,    J)tYUW>|JUIlB.. 

Lötiota, 

IMIlUla. 

HillCrtB^                       1 

Hellgrün.                   |  Gelb,  abgaalandai. 

36,  »Tfu»     P<n<<i 

CrW^ 

Sdiöar-Ib. 

Ganz  nnveraaden. 

s;    Fmtkna  ronn» 

Itollie  KaliUiBuer. 

Uorerin 

Jen                             1  BUo.  Fleckan. 

^^,  rnüh«. 

//«mnUi/nu' 

Ilellnob«. 

(Ha 

Qrün.                          Orüa. 

S9,  O^Ham  i»vl 

OA, 

OJb. 

Gelb.                       1  Sehmiilzif  brano. 

10    IMfPmn-m 

Rma 

Kiaa. 

Ron.                       j  OTüa. 

II     I/r«ru  f<V.. 

Wn«. 

«■>■ 

W«*-.                      1  ZarMlzL 

I»   «, 

Itotb. 

iJilmtStia^ 

»r». 

1 

baakcUita«. 

QrtMSftoaa.             1 

Gr«M  Sfalus. 

ttahigrun. 

Naiürhclie 

Ursprüngliche 

Veränderung  der 
Farbe  nach  15 

Veränderung  der 
Farbe  nach  2 

Veranderang  der 
Farbe  nach   12 

men  der  PSsDien. 

Pflanz  enfaiDilie. 

Farbe. 

Minuten. 

Stunden. 

Stunden. 

heris  violacea. 

Crudferae. 

Violett. 

Qriin. 

Unverändert. 

Mvatera  trimestris. 

Malvaceae. 

Rosa. 

Einzelstehende  hellblaue  Flecken. 

Anum  perenne. 

Litieae. 

Hellblau. 

Gebleicht. 

otus  comiculatm. 

Leguminosae. 

Gelb. 

Ganz  unverändert. 

\talva  sylvestris. 

Malvaceae. 

Rosa. 

Schmutzig  grüne  Spitzen. 

laricaria. 

Compositae. 

H  einweiss. 

GelblichgrüD    schmutzig. 

felampyrumsylo. 

Scrophularineae. 

Gelb. 

Ganz  unverändert. 

Ticotiana  virginiana. 

Solaneae. 

Hellroth. 

Schmutzig  grün. 

Trichter  gelb.              Trichter  gelb. 

Hgdla  damascetia. 

Hellblau. 

Grüne  Flecken. 

Grün.                            Gebleichte  Spitzen, 

enotkera. 

Onagraviae. 

Schwefelgelb. 

Ganz  unverändert. 

caUs  tetraphylla. 

Oxalideae. 

Ropa. 

Blaue  Flecken.                           1  Grünlich  blau. 

^apaver  Ehoeas. 

Papaveraeea,. 

Cinnoberroth. 

Cinnoberroth. 

1  Cinnoberroth.            \  .Missfarbig  gebleicht. 

"^etunia  hybrida. 

Solanae. 

Violett. 

Smaragd  grün. 

1                           Smaragdgrün, 

^Uox. 

Hell-Lilla. 

Hellgrün. 

^hlomis. 

Labia  tae. 

Lflla. 

Lilla. 

Ulla.                          1  Gebleicht. 

Viysalis  Alkekenki. 

Solanae. 

Mennigroth. 

Mennigroth. 

Mennigroth.               \  Braun  zerzetzt. 

^is^itm  sativum. 

Leguminosae. 

Violett. 

Grüner   Rand. 

°rmdla. 

Labiatae. 

Dmikelviole«. 

Grün.                                  1  Dunkelbraun. 

'.aphanus. 

Criiciferae. 

Weiss. 

Adern 

giün,  Petalae  gelblich  grün. 

— ,H— «HÜ-fl— 

Helllilla  Spitzen. 
Ulla. 

Spitzen  grün. 

„        var.  h. 

Grün. 

alvia  Cardinalis. 

Lahiatac. 

Blutroth  behaart. 

BKiue  Flecken. 

alvia  ofßcinal. 

Labiatae. 

Dunkelviolettblau. 

Dunkelviolettblau.                        |  Grüner  Anflug. 

""cabiosa. 

Dipsacear 

Dunkel  violettbraun. 

Antheren  grau,  Pelalae  unverändert. 

""ilena  Armeria. 

CariophyUae. 

Rosa. 

Blaue  Flecken. 

Schmutzig  giün. 

Symphitum  offtcin. 

Schmutzig  violett. 

Scbmutzigviolett. 

Grün 

Grün. 

Tctragonobultts. 

Leguminosae. 

lüutroth. 

Blutroth. 

[llutroth. 

Braun. 

Tldaspi  arverinus. 

Cniciferae. 

Weiss. 

GelbUch  grün. 

"rifoliwn  pratetis. 

Leguminosae. 

Hoth. 

Roth. 

Rf'lll.                           1  Braun. 

rropacolum  maj. 

Oiangeubraun. 

Orangenbrauii- 

Braune  H,ck,n. 

Viola  maxima. 

Violaccae. 

Gelb. 

Ganz  unverändert. 

var.  a. 

HeUblau. 

llellblau. 

Grün.                         1  Urün. 

var.  h. 

(Ob.  Petal.  duokeltiol. 

lUnt.    „     hellvioletl. 

Ganz  unverändert. 

/üb.  Petalae hellblau. 

Grün. 

lünt.       „     gelb. 

QrUn. 
Ganz  unverändert. 

var.  d. 

Dunkelblauriolett. 

Ganz  unverändert. 

Zinnia  elegatis. 

Compositae. 

Ziegelroth. 

Ziegolroth. 

Ziegelroth. 

Grünbch   brmn,             1 

var.  a. 

Menuigroth. 

Mennigroth. 

Mennigroth. 

Scbonbniuu.                  1 

var.  b. 

Scharlach. 

Dunkelblau. 

Dunkelblau. 

Cafebraun.                     1 

»       var  e. 

Cinnoberrotli. 

Schwarae  Spitzn 

Schwarze  Spitzen, 

S,.mn.l«cbwar2.            1 

.,        rar.  d. 

Lillahellroth. 

Grün. 

Grün. 

Antheren  gelb,             H 

vor.  e. 

Ulla. 

Grünspahu,                                                 ^| 

var.  f. 

Carminlill«. 

Blaugrüno 

Spitzen.                           Unteiaeito    gelbgrün, ^ 

"        "'*  '■ 

" 

Fleischfarben. 

Schümtzig,                    j 

Grünlich. 

Grünlich,                    ^M 

Vogel:  Farhenveränderung  von  Blumen  efc.  25 

beim  Trocknen  hellgrün ,  während  er  einer  zwölfstündigen 
Einwirkung  von  Ammoniakgas  zu  widerstehen  vermag.  Auch 
bei  dem  Vorgange  des  Welken s  zeigt  sich  ein  wesentlicher 
Unterschied  zwischen  den  gelösten  und  den  an  Körnchen 
gebundenen  Farbstoffen. 


Derselbe  fügt  hieran  Folgendes ; 

Nach  dieser  kurzen  Mittheilung  erlaube  ich  mir  im 
Einvernehmen  mit  dem  Herrn  Classensekretär  noch  einen 
Gegenstand  zur  Sprache  zu  bringen,  der  nach  unserem 
Dafürhalten  ganz  besonders  auf  die  Tagesordnung  unserer 
heutigen  Sitzuug  —  der  eisten  in  diesem    Jahre  —  gehört. 

Mit  dem  Beginne  des  Jahres  1870  sind  nämlich  30 
Jahre  verflossen,  seitdem  unser  geehrter  Herr  Vorstand  seine 
berühmten  Forschungen  veröffentlichte,  welche  der  heutigen 
Agrikulturchemie  das  Dasein  gegeben.  Von  verschiedenen 
Seiten  und  Organen  ist  schon  zu  Ende  des  vorigen  Jahres 
der  30.  Geburtstag  der  Agrikulturchemie  glückwünschend 
erwähnt  worden.  Wir  sind  gewiss,  dass  eine  huldigende 
Anregung  auch  von  dieser  Stelle  ganz  im  Sinne  der  geehrten 
Klasse  sein  werde. 

In  dem  verhältnissmässig  kurzen  Zeitraum  von  30  lahren 
haben  jene  genialen  Forschungen  überall  auf  der  ganzen 
Erde  einen  bedeutungsvollen  Umschwung  auf  die  Anschau- 
ungen der  Landwirthschaft  und  ihre  Vorgänge  ausgeübt. 
Durch  sie  hat  eine  Reihe  landwirthschaftlicher  Operationen 
—  bis  dahin  nirgends  mit  Bewusstsein  ausgeführt  —  eine 
wissenschafthche  und  damit  zum  erstenmale  eine  sichere 
Basis  gwonnen.  So  sind  denn  jene  Forschungen,  ganz  ab- 
gesehen von  ihrer  praktischen  Tragweite,  im  reinsten,  wahrsten 
Sinne  des  Wortes  acht  akademische  Forschungen.  Ist  doch 
der  Wahrspruch  unserer  Akademie :  ,,Rerum  cognoscere 
causas."  Die  innige  Verbindung  aber  zwischen  Chemie  und 
Landwirthschaft,    wie   sie    nun   vor    30   Jahren   zuerst    mit 

2a 


26  Sitzung  der  mafJi.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

durchgreifendem  Erfolge  angebahnt  worden,  hat  uns  die 
geheimen  Vorgänge  der  Natur  in  den  Gesetzen  des  Feld- 
baues, des  Wachsthums  und  der    Fruchtbarkeit  erschlossen. 

Ein  jeder  Rückblick  am  Jahresschlüsse  ergibt  immer 
neue,  entscheidende  Bestätigungen  der  Mineraltheorie  in 
ihren  Grundsätzen;  so  sind  wir  denn  der  festen  Zuversicht, 
es  entschwindet  nicht  noch  einmal  ein  Zeitraum  von  30 
Jahren  —  und  die  jugendliche  Pflanze,  dem  Vereine  von 
Chemie  und  Landwirthschaft  entsprossen,  wie  sie  schon 
heute  vollkommen  lebenskräftig  ausgebildet  vor  unseren 
Augen  dasteht,  —  sie  wird  zu  einem  tiefwurzelnden  Baum 
erstarkt  sein,  welcher  seine  weitverzweigten  Aeste  segensreich 
ausbreitet  über  alle  Fluren  des  Erdkreises. 

Ich  schliesse  mit  dem  Wunsche,  möge  es  dem  Schöpfer 
der  neuen  Lehre  ein  gütiges  Geschick  vergönnen,  dass  er 
sich  der  Früchte  seiner  Arbeit  noch  lange  Jahre  in  voller 
Geistes-  und  Körperfrische  erfreue.  — 

Die  Classe  beschiiesst  aus  diesem  Anlasse  einstimmig, 
den  Herrn  Präsidenten  Baron  v.  Liebig  durch  eine  Depu- 
tation beglückwünschen  zu  lassen  und  werden  dafür  ernannt 
der  Classensekretär  und  die  Herrn  v.  Siebold  und  Vogel. 


I^aff:   Verdunstungsbetrag  einer  Eiche  etc.  27 


Herr  v.  Pettenkofer  referirt  über  eine  Abhandlung 
des  Herrn  Fr.  Pf  äff  in  Erlangen: 

„UeberdenBe-trag  der  Verdunstung  einer 
Eiche  während  der  ganzen  Veg  e  tatio  ns- 
periode." 

So  wunderbar  einfach  sich  auch  im  Grossen  der  Kreis- 
lauf des  ^Yassers  vom  Meere  durch  die  Atmosphäre  auf  das 
Land  und  vom  Lande  durch  die  Flüsse  zurück  ins  Meer  ge- 
staltet, ebenso  merkwürdig  mannigfach  zeigt  er  sich,  wenn 
wir  namentlich  den  letzteren  Theil  desselben  etwas  näher 
ins  Auge  fassen,  nur  etwas  von  der  Oberfläche  in  die  Tiefe 
gehen.  Die  Frage  wie  verhält  sich  das  atmosphärische 
Wassur  und  der  Boden  zu  einander  schliesst  eine  so  grosse 
Menge  anderer  Fragen  in  sich,  die  erst  zum  kleinsten  Theile 
genau  beantwortet  werden  können,  dass  jeder  Beitrag  zur 
Lösung  einer  derselben  wohl  als  keine  vergebliche  oder  über- 
flüssige Arbeit  sich  herausstellen  dürfte. 

In  einer  früheren  Mittheilung  habe  ich  Versuche  mit- 
getheilt,  welche  die  Absicht  hatten  einigen  Aufschluss  über 
die  Frage  zu  geben,  in  welcher  Weise  und  Menge  dringen 
die  atmosphärischen  Niederschläge  in  den  Boden  ein.  und 
zwar  waren  die  Versuche  in  der  Art  angestellt,  dass  sie  eine 
bestimmte  Bodenart  (Sandboden)  ohne  alle  Vegetation  in's 
Auge  fassten.  In  der  Xatur.  wenigstens  in  den  gemässigten 
Zonen,  dürfte  es  aber  kaum  irgendwo  eine  grössere  Strecke 
geben,  die  nicht  mit  Pflanzen,  niedrigen  C'ulturpflanzen  oder 
Bäumen  besetzt  wäre,  welche  beide  mit  ihren  Wurzeln  bald 
mehr,  bald  weniger  tief  in  den  Boden  eindringen  und  dem- 
selben Wasser  entziehen,  das  sie  theils  zum  Aufbaue  ihres 
Körpers  verwenden,  theils  in  Dampfform  an  die  Atmosphäre 
abgeben.     Der   Ernährungs-    und  Respirationsprocess  der  im 

2a* 


28  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Boden  wurzelnden  und  in  der  Atmosphäre  vegetirenden 
Pflanzen  muss  offenbar  von  dem  grössten  Einflüsse  auf  das 
Verhalten  des  Feuchtigkeitsgehaltes  des  Bodens  sein,  wie  ja 
allbekannte  Erfahrungen  (ich  erinnere  nur  an  die  Abholzung 
der  Berge)  die  Wirkung  der  Vegetation  auf  die  atmosphä- 
rischen Niederschläge  und  Quellenbildung  zur  Genüge  dar- 
thun.  Das  eben  angeführte  Beispiel  wird  Jedem,  der  mit 
dem  Gegenstande  etwas  vertraut  ist,  sofort  auch  wieder  in's 
Gedächtniss  zurückrufen,  wie  grosse  Unsicherheit  und  Un- 
einigkeit unter  den  Fachmännern  über  diesen  Punkt  herrscht 
und  wie  wenig  sichere  Anhaltspunkte  wir  haben,  um  nur  zunächst 
die  mancherlei  meteorologischen,  physikalischen  und  botanischen 
Zwischenfragen,  die  hier  in  Betracht  kommen,  zu  beantworten. 
Ohne  sich  irgendwie  vermessen  zu  wollen,  auch  nur  eine 
derselben  entscheiden  zu  wollen,  glaubt  der  Verfasser  doch 
auf  dem  Wege  des  Versuclies  einiges  zur  Lösung  derselben 
beitragen  zu  können.  Die  Aufgabe,  die  er  sich  stellte  und 
in  der  weiter  unten  näher  beschriebenen  Weise  experimentell 
zu  lösen  suchte,  war  die:  Wie  gross  ist  die  Menge 
des  Wassers,  die  von  ei  nem  uns  er  er  Laubbäume 
imLaufe  einer  ganzen  Vegetationsperiode  durch 
Verdunstung  in  die  Atmosphäre  gelangt? 

Es  ist  eine  grosse  Reihe  älterer  und  neuerer  Versuche 
über  die  Verdunstung  durch  die  Blätter  in  der  Literatur 
verzeichnet,  die  ja  in  pflanzenphysiologischer  Beziehung  auch 
ein  so  hohes  Interesse  darbietet,  namentlich  hatUnger*)  da- 
rüber eine  Reihe  sehr  genauer  Versuche  an  verschiedenen 
Pflanzen  angestellt.  Doch  haben  dieselben  alle  andere  Zwecke 
verfolgt,  sind  meist  mit  kleineren  Gewächsen  vorgenommen 
worden  und  immer  nur  eine  kurze  Zeit  hindurch.  Annäherungs- 
weise hat  der  letztgenannte  Botaniker  die  Verdunstungs- 
menge eines  Buchenwaldes  zu  bestimmen  gesucht.     Ich  komme 


1)  Sitzungsber.  der  kais.  Akad.  d.  Wissensch.  z.  Wien,  Bd.  44,2. 


Pfaffx    Verdunstungsbetrag  einer  Eiche  etc.  29 

später  darauf  noch  einmal  zurück.  So  weit  mir  mit  der 
freundlichen  Unterstützung  meines  Kollegen  Kraus  die  Lite- 
ratur bekannt  geworden  ist,  habe  ich  in  derselben  keine 
Versuche  gefunden ,  die  eine  längere  Zeit  hindurch  fort- 
gesetzt wurden  und  insoferne  glaube  ich,  dass  auch  für  den 
Botaniker  die  von  mir  angestellten,  eine  ganze  Vegetations- 
periode eines  Baumes  umfassenden  Untersuchungen  nicht 
ohne  Wichtigkeit  sein  dürften,  wie  die  daraus  sich  ergeben- 
Schlüsse  wohl  allgemeines  Interesse  in  Anspruch  nehmen 
können. 

Zu  denselben  diente  eine  in  meinem  Garten  20  Fuss 
von  meinem  Hause  auf  der  Südseite  desselben  stehende 
kräftige  junge  Eiche.  Die  Versuche  selbst  wurden  in  fol- 
gender Weise  angestellt:  Es  wurde  von  einem  Zweige  die 
Spitze  oder  ein  kleines  Seitenästchen  desselben  mit  sämmt- 
lichen  Blättern  abgeschnitten,  sofort  unter  dem  Baume  in 
ein  kleines,  cylindrisches  Glasgefäss  gebracht,  das  mit  einem 
Korke  verschlossen  und  sogleich  gewogen  wurde.  Dann 
wurden  die  Blätter  frei  an  einem  Drahte  an  der  Nordseite 
des  Hauses  aufgehängt,  genau  nach  3  Minuten  wieder  in 
das  Glasgefäss  gebracht  und  wieder  gewogen.  Die  Gewichts- 
differenz wurde  als  Betrag  der  Verdunstung  in  3  Minuten 
angenommen.  Der  Flächeninhalt  der  Blätter  wurde  dann 
auf  folgende  Weise  bestimmt,  die  wenn  auch  etwas  mühsam, 
jedenfalls  sehr  genaue  Resultate  ergibt.')  Es  wurde  jedes 
Blatt  auf  gutes  Postpapier  gelegt  und  sein  Umriss  genau 
auf  demselben  nachgezeichnet.  Jeder  halbe  Bogen  des 
Papieres  wurde  dann  für  sich  gewogen,  nachdem  sein  Flächen- 


2)  Bei  der  starken  Lappung  der  Eichenblätter  dürfte  diese  Art 
auch  jedenfalls  viel  sicherer  sein  als  die  von  Unger  angewandte  mittelst 
einer  in  Quadrate  eingetheilten  auf  das  Blatt  gelegten  Glastafel 
durch  Zählung  der  auf  das  Blatt  fallenden  Quadrate  den  Flächeninhalt 
zu  bestimmen.  Im  Texte  von  Unger  a.  a.  0.  steht  195  Quadrat- 
decimeter,  was  jedenfalls  Centimeter  heissen  soll. 


30         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Inhalt  durch  Messung  vorher  bestimmt  war.  Sämmtliche 
auf  einem  Halbbogen  gezeichneten  Blätter  wurden  dann  aus- 
geschnitten, gewogen  und  so  aus  ihrem  Gewichte  ihr  Flächen- 
inhalt berechnet.  Nachdem  dieser  gefunden  war,  wurde 
berechnet,  wie  viel  die  Verdunstung  auf  einen  Quadratmilli- 
meter des  Blattes  in  15  Stunden  betragen  würde,  wenn  die 
Verdunstung  die  15  Stunden  hindurch  sich  gleich  stark  er- 
halten würde,  wie  zur  Zeit  des  Versuches.  Um  aber  diese 
V^oraussetzung  zulässig  zu  machen,  mussten  natürlich  täglich 
zu  verschiedenen  Tagesstunden  in  gleicher  Weise  die  Beob- 
achtungen gemacht  und  aus  diesen  dann  das  Mittel  für  jeden 
einzelnen  Tag  gezogen  werden,  selbstverständlich  konnte  eben, 
um  dieses  zu  erhalten  nur  die  angegebene  Weise  der  Berech- 
nung, resp.  die  Reduzirung  der  Verdunstung  auf  Quadrat- 
millimeter angewendet  werden.  Ich  habe  nur  15  Stunden 
in  Rechnung  gezogen,  weil  sich  meine  Versuche  regelmässig 
nur  auf  die  15  Stunden  von  6  Uhr  Morgens  bis  9  Uhr 
Abends  erstreckten  und  zwar  wurden  sie  mit  wenigen  Aus- 
nahmen, wenn  es  mir  anderweitige  Geschäfte  nicht  unmög- 
lich machten,  um  6  Uhr  und  11  Uhr  Vormittags,  um  4  und 
9  Uhr  Nachmittags  angestellt.  Von  Anfang  September  an  wurde 
die  erste  und  letzte  Beobachtung  auf  7  Uhr  Voruiittagsund  7  Uhr 
Abends  verlegt,  vom  1.  Oktober  au  die  letztereauf  6  Uhr  Abends. 
Unregelmässig  und  viel  seltener  habe  ich  übrigens  auch 
zu  den  verschiedensten  Nachtstunden  in  den  verschiedenen 
Monaten  einzelne  Beobachtungen  angestellt,  aus  denen  ohne 
Ausnahme  hervorging,  dass  auch  des  Nachts  die  Blätter 
fortwährend  ausdünsten,  was  schon  aus  physikalischen  Grün- 
den zu  erwarten  war  und  dass  die  Differenz  zwischen  der 
Verdunstungsmenge  des  Tages  und  der  Nacht  eine  geringere 
sei,  als  dieselbe  aus  einem  freistehenden  (iefäss  mit  Wasser, 
was  wohl  ebenfalls  im  Voraus  sich  vermutLen  Hess.  Sie 
betrug  nach  einigen  Versuchsreihen,  die  ich  in  anderer 
Weise  anstellte  Vs  —  Va  der  Verdunstung  bei  Tage  in  gleichen 


Pfaff:  Verdunstung sbetrag  einer  Eiche  etc.  31 

Zeiten.  Da  ich  jedoch  keine  ausgedehnten  Versuchsreihen 
über  die  Verdunstung  bei  Nacht  in  der  Weise,  wie  ich  sie 
bei  Tage  anstellte,  vornehmen  konnte,  und  da  es  mir  ohne- 
dies darauf  aukam,  mehr  Minimalw  erthe  derGesammt- 
Verdunstung  zu  erhalten,  habe  ich  die  bei  Nacht  eintretende 
im  Folgenden  ganz  auser  Berechnung  gelassen.  Aus  dem 
letzteren  Grunde  habe  ich  auch  die  Blätter  stets  an  der 
Nordseite  meines  Hauses  und  im  Schatten  aufgehängt  (nur 
in  den  längsten  Tagen  wurden  dieselben  Morgens  um  6  Uhr 
etwas  von  der  Sonne  getroffen),  obwohl  wie  mich  vergleichende 
Versuche  lehrten,  und  auch  ünger  gefunden  hat,  der  Unter- 
schied ein  sehr  beträchtlicher  ist,  wenn  man  gleichzeitig 
Blätter  in  die  Sonne  und  in  den  Schatten  hängt.  Im  Juli 
z.  B.  verhielt  sich  die  Verdunstung  einer  Blätterparthie  die 
im  Schatten  hing,  zur  gleichzeitigen  einer  anderen  von  dem- 
selben Zweige  in  der  Sonne  wie  3  :  10.  Noch  auf  einen 
anderen  Umstand  will  ich  aufmerksam  macheu,  welcher  zeigt 
dass  in  der  angegebenen  Art  die  Versuche  anzustellen,  Werthe 
erhalten  werden,  welche  eher  unter  dem  Mittel  Ideiben,  als 
dasselbe  übersteigen.  Untersucht  man  nämlich  die  Art  der 
Verdunstung  eines  vom  Baume  getrennten  Zweiges  ihrem 
Betrage  nach  genauer,  so  überzeugt  man  sich  sehr  leicht,  dass 
dieselbe  für  gleiche  Zeiträume  stets  geringer  wird,  d.  h.  in 
den  ersten  2  Minuten  verliert  ein  Blatt  mehr,  als  in  der 
3.  und  4.,  in  dieser  mehr,  als  in  der  5.  und  6.  u.  s.  f.  Aus 
diesem  Grunde  habe  ich  auch  nur  3  Minuten  die  Ver- 
dunstung in  meinen  Versuchen  währen  lassen.  Man  kann 
sich  davon  auf  der  Waage  und  noch  einfacher  auf  folgende 
Weise  überzeugen,  die  ich  auch  anwandte,  um  die  stetige 
Verdunstung  bei  Nacht  zu  erkennen.  Füllt  man  eine  enge 
Glasröhre,  an  deren  einem  Ende  ein  Gummiröhrchen  be- 
festigt ist,  mit  Wasser  und  steckt  rasch  einen  mit  Blättern 
versehenen  Zweig  in  das  Gummiröhrchen,  so  rückt  das  Ende 
der  Wassersäule   in  dem   Glasröhrchen   immer  weiter   dem 


32  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Zweigende  zu,  offenbar  in  Folge  der  Verdunstung  durch  die 
Blätter  (wenn  auch  die  Endosmose  mitwirkt,  so  ist  doch 
der  Betrag  der  Wasseraufnahme  viel  mehr  vou  der  Ver- 
dunstung abhängig,  der  einfache  Versuch,  die  Blätter  vor- 
und  nachher  zu  wiegen,  zeigt  dieses  sofort).  Obwohl  hier 
die  Verhältnisse  für  eine  gleichmässige  Verdunstung  viel 
günstiger  sind,  als  wenn  die  Blätter  in  der  Luft  aufgehängt 
werden,  so  geht  sie  doch  auch  hier  in  einem  immer  lang- 
samer werdenden  Tempo  vor  sich.  Es  geht  daraus  also 
entschieden  hervor,  dass  ein  Blatt  am  Baume  in  3  Minuten 
etwas  mehr  Wasser  abgeben  muss,  als  wenn  es  vom  Baume 
genommen  ist.  Anderseits  dürfte  aber  auch  von  Niemanden 
bestritten  werden  —  wenigstens  kann  ich  mich  hier  auf 
den  Ausspruch  competenter  Beurtheiler  physiologischer  Vor- 
gänge in  der  Pflanze  berufen  —  dass  wenn  auch  der  Quan- 
tität nach  eine  kleine  Aenderung  der  Verdunstungsverhältnisse 
in  den  ersten  3  Minuten  eines  Zweiges  eintritt,  wenn  er 
vom  Baume  srenommen  ist,  doch  eine  wesentliche  Aenderung 
der  Funktion  der  Blätter  in  so  kurzer  Zeit  nicht  angenommen 
Werden  könne,  mit  anderen  Worten,  dass  man  berechtigt 
sei,  aus  der  Abnahme  des  Gewichtes  eines  Blattes,  das  vom 
Baume  genommen  ist,  die  dasselbe  unmittelbar  nach  der 
Trennung  vom  Baume  erleidet,  zu  schliesseu,  dass  es  eine 
Abnahme  wenigstens  in  gleichem  Betrage  auf  dem 
Baum  erlitten  haben  würde.  Dass  diese  Abnahme  des 
Gewichtes  durch  die  Verdunstung  bedingt  sei,  das  bedarf 
wohl  keiner  weitereu  Begründung. 

Ein  Einwand  könnte  gegen  das  obige  Verfahren  erhoben 
werden,  den  ich  mir  auch  selbst  gemacht  habe,  vou  dessen 
Unbegründetheit  oder  richtiger  nicht  in  Betracht  zu  ziehen- 
dem Einflüsse  ich  mich  aber  bald  überzeugte.  Man  könnte 
nämlich  einwenden,  dass  der  Gewichtsverlust,  den  das  Blatt, 
nachdem  es  3  Minuten  in  der  Luft  gehangen,  nach  der 
zweiten   Wiegung   zeige,    nicht   der   sei,    den  es   in    diesen 


Ff  äff:  Veräunstungsbetrag  einer  Eiche  etc.  33 

3  -Minuten  erlitten,  sondern  der,  den  es  in  diesen  und  während 
der  Zeit  der  ersten  Wiegung  erfahren  habe,  wenn  letzterer 
Betrag  auch  ein  sehr  geringer  sein  möge.  In  der  Thatmuss' 
auch  während  des  ersten  Wiegens  ein  wenig  Wasserdampf 
in  dem  Glase  sich  ansammeln,  dessen  Menge  nothwendig  voll- 
ständig mit  zu  dem  Gewichtsverluste  des  Blattes  in  den  3 
folgenden  Minuten  gezogen  würde,  wenn  nach  dem  ersten 
Wiegen  derselbe  aus  dem  Glase  sich  gänzlich  entfernen 
würde.  Beide  störenden  Momente  müssen  sich,  wenn  auch 
nur  in  geringem  Grade  zeigen.  Direkte  Versuche,  ihren  Ein- 
rluss  zu  bestimmen,  zeigen  übrigens,  dass  sie  ganz  ausser 
Acht  zu  lassen  sind,  namentlich  weil  noch  ein  Umstand 
hinzukommt,  der  ihre  Störung  so  gut  wie  völlig  aufhebt. 

Nennen  wir  nämlich  das  Gewicht  des  Glases  g,  das 
der  Blätter  wenn  sie  vom  Baum  genommen  sind  h,  den 
Betrag  des  Wasserdampfes,  der  sich  während  der  ersten 
Wiegung  im  Glase  entwickelt  (?,  so  gibt  uns  diese  das 
Gesammtgewicht  P  =  g  -[-  h  -\-  d.  Nun  wird  erstens  ein 
Rest  von  d  in  dem    nach    dem   Herausnehmen    der    Blätter 

wieder  geschlossenen  Glase  bleiben,  wir  wollen  ihn  —  nennen, 

X 

zweitens  aber  auch  während  der  zweiten  Wiegung  ebenfalls 
wieder  etwas  Wasserdampf  im  Glase  sich  entwickeln,  nennen 
wir  diese  d'  und  den  Verlust  der  Verdunstung  während  der 
3  Minuten  an  der  Luft  l,  so  gibt  uns  die   2.    Wiegung   das 

Gesammtgewicht  P' =  g  -\-  h  -\ \-  d'  —  l  und  daraus 

00 

finden    wir    P  —  P'  =  Z  +  f?  —  (^'  +  -)  also    um    die 

Differenz  d  —  {d'  +  -)  erhalten  wir  den  Gewichtsverlust  zu 

gross,  den  wir   aus  der    Subtraction  der   beiden  Wiegungen 
P  —  P'  finden.     Ich  habe  directe  Bestimmungen  der  frag- 
lichen Grösse  vorgenommen  und  zu  diesem  Behufe  die  Blätter 
[1870. 1. 1.]  3 


34  Sitzung  der  maihrphys.  (lasse  vom  8.  Januar  1870. 

selbst  6  Minuten  in  dem  Glase  gelassen.  Das  Glas  war 
vorher  gewogen,  es  wurde,  nachdem  die  Blätter  rasch  heraus- 
^ genommen  waren  und  das  Glas  wieder  geschlossen  war, 
wieder  gewogen.  Es  zeigt  sich,  dass  die  Differenz  noch  nicht 
einmal  V«  Milligramme  betrug.^)  Selbst  ein  höherer  Betrag 
würde  an  der  Annahme,  dass  die  Gewichtsdifferenz  zwischen 
erster  und  zweiter  Wiegung  in  der  That  dem  Verluste,,  den 
die  Blätter  in  3  Minuten  durch  Verdunstung  an  der  Luft 
erleiden,  nichts  ändern,  um  so  weniger,  wenn  man  bedenkt, 
dass  aus  den  oben  angegebenen  Gründen  die  Verdunstung 
der  Blätter  am  Baume  einen  etwas  höheren  Betrag  ergeben 
muss,  als  wenn  sie  vom  Baume  losgelöst  verdunsten.  Ich 
habe  bereits  erwähnt,  dass  die  von  mir  erhaltener.  Werthe 
wohl  als  Minimalwerthe  bezeichnet  werden  dürfen ;  aus  dem 
Grunde,  solche  zu  ei-halten,  habe  ich  alle  Blätter  von  der 
Nordseite  des  Baumes  genommen  und  bei  den  Berechnungen 
der  Gesammtzahl  aller  Blätter  am  Baume  und  ihres  Gesammt- 
flächeninhaltes  ebenfalls  nur  die  Nordseite  des  Baumes  zu 
Grunde  gelegt 

Diese  beiden  Zahlen  zu  tinden,  verfuhr  ich  auf  folgende 
Weise:  Zunächst  bestimmte  ich  das  Volumen  der  Blätter- 
krone des  Baumes,  was  insoforne  leichter  war,  als  der  Baum 
freistehend  eine  sehr  regelmässige  Krone  entwickelt  hatte. 
Durch  senkrecht  gestellte  Stäbe  wurde  zuerst  der  Umfang 
derselben  auf  dem  Boden  bestimmt  und  aus  13  Radien  der 
Flächeninhalt  dieser  ziemlich  regelmässigen  fast  JJreisförmigen 
Ellipse.  Au«  dieser  die  298,3  Q.-F.  betrug  und  der  Höhe 
der  Krone  =  20  Fuss,  wurde  nach  der  Formel  für  ein 
Ellipsoid  das  Volumen  berechnet  und  zu  3953  Kubikfuss 
gefunden.  Um  nun  auch  die  Zahl  der  Blätter  zu  bestimmen, 
wurden  alle  Blätter  einer  grösseren  Anzahl   von  Kubikfussen 


3)  Sie  kann  selbst  negativ   werden,  da  ja  das  spez.  Gewicht  des 
Wasserdampfes  geringer  ist,  als  das  der  atmosphärischen  Luft. 


Pf  äff:  Verdunstungsbetrag  einer  Eiche  etc.  35 

von  sehr  schwach  bis  zu  sehr  stark  belaubten  Stellen  gezählt. 
Zu  diesem  Behufe  Hess  ich  2  würfelähuliche  Hohlräume 
herstellen ,  aber  nur  von  Stäbchen,  welche  gleichsam  die 
Kanten  eines  Würfels  darstellten.  Der  kleinere  hatte  ^/4  Fuss 
im  Lichten,  der  grössere  3  Fuss.  Nun  wurde  zunächst  das 
kleinere  Hohlmaas  an  4  der  blattärmsten  Stellen  des  Baumes 
nahe  am  Stamme  aufgehängt,  dann  an  4  von  mittlerer  Be- 
laubung und  an  eben  so  vielen  von  reicher,  an  der  äussern 
Seite  des  Baumes,  und  sämmtliche  in  dem  Hohlräume  sich 
befindenden  Blätter  gezählt  und  aus  diesen  das  Mittel  für 
die  3  Arten  gewonnen.  Für  die  Berechnung  wurde  nun  in 
folgender  Weise  verfahren.  Das  Ellipsoid  der  Blätterkroue 
hatte  9^2  und  10  Fuss  Durchmesser  und  20  Fuss  Höhe. 
Ich  nahm  nun  an,  dass  der  innerste  Tiieil  dieses  Ellipsoides 
von  4  und  5  Fuss  Durchmesser  und  9  Fuss  Höhe  ganz 
blattleer  sei,  was  übrigens  nicht  der  Fall  war,  dass  dann 
über  diesem  sich  ein  Ellipsoid  von  7 — 8  Fuss  Durchmesser 
und  17  Fuss  Hohe  (vom  Mittelpunkt  aus  gerechnet,  also 
mit  Abzug  des  ebengenannten  blattleeren  eine  Schale  von 
3  Fuss  Dicke  in  horizontaler  und  8  Fuss  Dicke  in  senk- 
rechter Richtung)  von  mittlerer  Belaubung,  und  dass  die 
dann  noch  übrig  bleibende  Hülle  von  2,  2^2  und  3  Fuss  in 
den  3  Dimensionen  von  reicher  Belaubung  sei.  Unter  dieser 
Voraussetzung  ergab  sich  als  die  Gesammtzahl  aller  Blätter 
721,592.  Zur  Kontrole  dieser  Berechnung  wurde  nun  das 
grössere  Hohlmass  von  27  Kubikfuss  Inhalt  ebenfalls  an  der 
Nordseite  des  Baumes  mit  seiner  innern  Seite  3  Fuss  vom 
Stamm  entfernt  aufgehängt  und  zwar  so,  dass  alle  Zweige 
in  unveränderter  Lage  blieben,  was  dadurch  leicht  zu  er- 
reichen war,  dass  die  oberen  horizontalen  Leisten  abnehm- 
bar gemacht  waren  und  erst,  als  die  Zweige  in  dem  Hohl- 
räume sich  befanden,  aufgesetzt  wurden.  Es  wurden  nun 
alle  in  dem  Hohlraum  sich  befindenden  Zweige  und  Blätter 
abgeschnitten    und    letztere    gezählt.      Diese    Zählung,    die 

8* 


36  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

etwas  unter  dem  Mittel  bleiben  musste,  weil  der  Hohlraum 
kaum  in  die  blätterreiche  Zone  hineinreichte,  zu  Grunde  gelegt, 
ergab  620464  Blätter,  so  dass  man  in  runder  Zahl  700,000 
Blätter  als  die  richtige  wird  annehmen  dürfen,  und  das  um 
so  mehr,  als  ich  die  Zählung  nach  den  heftigen  Stürmen 
vom  September  vornahm,  welche  dem  auf  dem  Berge  frei- 
stehenden Baume  manches  Blatt  entführt  hatten. 

Die  Beobachtungen,  die  ich  nun  tabellarisch  mittheile,' 
umfassen  den  Zeitraum  vom  18.  Mai,  an  welchem  Tage  die 
Blätter  vollkommen  entwickelt  waren,  bis  zum  24.  Oktober 
also  160  Tage.  Nach  diesem  Tage  war  zwar  noch  ein 
grosser  Theil  der  Blätter  grün,  doch  sehr  viele  schon  gelb. 
Die  Verdunstung  dauerte  jedenfalls  noch  fort  bis  in  die 
Mitte  November^),  ebenso  hat  sie  auch  wenigstens  14  Tage 
vor  dem  18.  Mai  schon  begonnen.  Auch  aus  diesem  Grunde 
sind  die  von  mir  berechneten  Werthe  für  die  gesammte 
Vegetationsperiode  Minimalwerthe. 

Ich  habe  in  der  Tabelle  nicht  alle  Einzelbeobachtungen 
angegeben,  sondern  nur  die  aus  denselben  berechneten  Mittel- 
werthe  für  jeden  einzelneu  Tag.  Die  Columne  Ä  enthält 
den  Gesammtflächeninhalt  der  sämmtlichen  an  diesem  Tage 
untersuchten  Blätter,  B  den  Mittelwerth  der  Verduubtung 
für  diesen  Tag  resp.  15  Stunden  auf  einen  Quadratmillimeter 
in  Millimetern  oder  was  dasselbe  ist,  in  Milligrammen.  Die 
absolute  Menge  kann  daraus  leicht  berechnen,  wen  es  inter- 
essirt,  die  leergelassenen  Tage  war  es  mir  nicht  mögUch 
zu  beobachten. 


4)  Am    4.  November    Nachmittags    4  Uhr  betrug   sie  an    einer 
Parthie  Blätter  von  10106  Q.-m.  Flächeninhalt  noch  0,296  mm. 


P/h/f:   Veräimstungsbetrag  einer  Eiche  etc. 


37 


'S 

A. 

B. 

5 

A. 

B. 

"3 

A. 

B. 

^ 

1-5 

i-s 

1 

30408 

0.395 

1 

29214 

0,632 

2 

34442 

0,245 

2 

31178 

1,097 

3 

34698 

0,625 

3 

26440 

0,755 

4 

40480 

0,281 

4 

19955 

0,669 

5 

28789 

0,428 

5 

40000 

0,637 

6 

21452 

0,305 

6 

24810 

0,620 

7 

23457 

0,889 

7 

27500 

0,824 

8 

26340 

0,062 

8 

38045 

0,357 

9 

39475 

0,353 

9 

26910 

0,593 

10 

30052 

0,517 

10 

33850 

0,657 

11 

38816 

0.377 

11 

51281 

0.419 

12 

30760 

0,673 

12 

33690 

0,347 

13 

13 

27750 

0,541 

14 

26260 

0,576 

14 

30450 

0,411 

15 

25190 

0,091 

15 

30887 

0,470 

16 

38691 

0.350 

16 

26720 

0.468 

17 

34477 

0,304 

17 

23015 

0,197 

18 

69404 

0,285 

18 

26110 

0,854 

18 

31550 

0,356 

19 

58039 

0,256 

19 

37683 

0.414 

19 

28220 

0.512 

20 

54209 

0,451. 

20 

25325 

0,765 

20 

42775 

0,450 

21 

49553 

0,331 

21 

27113 

0,625 

21 

18610 

0.853 

22 

39513 

0,362 

22 

33012 

0.270 

22 

31740 

0,716 

23 

45320 

0,375 

23 

16524 

0.492 

23 

41410 

0,740 

24 

46204 

0,285 

24 

32270 

0,705 

24 

7515 

0,598 

25 

40570 

0,616 

25 

28610 

0.952 

25 

26 

38658 

0,428 

26 

30955 

0.464 

26 

23700 

0,537 

27 

50514 

0.P.33 

27 

25980 

0,984 

27 

24460 

0.656 

28 

42536 

0^374 

28 

27110 

0,546 

28 

33295 

-0,452 

29 

38741 

0.675 

29 

31720 

0,663 

29 

27595 

0,523 

30 

34320 

0,401 

30 

25417 

0,254 

30 

24650 

0,542 

31 

30329 
Monats- 

0,253 

Monats- 

31 

28640 

Monats- 

0,477 

mittel 

0,387 

mittel 

0,533 

mittel 

0,570 

38  Sitzung  der  mafh.-phys.  Glosse  vom  8.  Januar  1870. 


-4-9 
CO 

ü 

^ 

A. 

B. 

CD 

A. 

B. 

O 
J4 

A. 

B. 

< 

m 

O 

1 

12605 

0,492 

1 

35104 

0,286 

1 

35670 

0,495 

2 

19693 

0,668 

2 

29890 

0,372 

2 

50637 

0,401 

3 

33230 

0,311 

3 

29200 

0,337 

3 

16855 

0,880 

4 

23620 

0,546 

4 

34438 

0,474 

4 

33845 

0,353 

5 

30145 

0,701 

5 

29660 

0,464 

5 

30675 

0,450 

6 

31545 

0,542 

6 

20170 

0,360 

6 

29962 

0,445 

7 

14062 

0,640 

7 

37760 

0,306 

7 

37943 

0,339 

8 

8 

30835 

0,439 

8 

47590 

0,403 

9 

9 

31740 

0,201 

9 

45210 

0,623 

10 

10 

28400 

0,510 

10 

42360 

0,318 

11 

11 

35634 

0,379 

11 

24000 

0,343 

12 

12 

28173 

0,295 

12 

41560 

0,511 

13 

13 

25761 

0,248 

13 

34150 

0,586 

14 

14 

25916 

0,323 

14 

26810 

0,606 

15 

15 

26767 

0,329 

15 

21120 

0,439 

16 

16 

36992 

0,279 

16 

48020 

0,630 

17 

17 

34253 

0,263 

17 

25350 

0,633 

18 

18 

28854 

0,519 

18 

44630 

0,368 

19 

19 

26934 

0,321 

19 

45010 

0,2 1 1 

20 

20 

40282 

0,267 

20 

39370 

0,377 

21 

21 

33326 

0,332 

21 

23510 

0,367 

22 

22 

34643 

0,339 

22 

24950 

0,290 

23 

23 

35325 

0,551 

23 

23740 

0,163 

24 

24 

43254 

0,295 

24 

27230 

0,232 

25 

25 

49863 

0,227 

26 

26 

41630 

0,456 

27 

27 

38832 

0,299 

28 

33539 

0.322 

28 

36972 

0,284 

29 

21850 

0,340 

29 

38394 

0,651 

30 

37035 

0,341 

30 

30510 

0,476 

31 

24810 
Monats- 

0,444 

Monats- 

Monats- 

mittel 

0,431 

mittel 

0,362 

mittel 

0,436 

Pfaff:   Verdunstungsbetrag  einer  Eiche  etc.  39 

Ich  knüpfe  an  diese  Zahlen  einige  Bemerkungen.  Zu- 
nächst die,  dass  dieselben  ziemlich  genau  übereinstimmen  mit 
den  von  Unger^)  und  Anderen  erhaltenen  Werthen,  so  weit  eine 
Veigleichung  möglich  ist.  Ich  habe  zugleich  mit  den  Ver- 
suchen über  die  Verdunstung  der  Blätter  solche  über  die 
einer  freien  Wasserfläche  angestellt  und  jedesmal  mit  der 
aus  den  Blättern  die  letztere  bestimmt.  Das  Gefäss  stand 
ebenfalls  auf  der  Nordseite  meines  Hauses  genau  an  der- 
selben Stelle,  an  welcher  die  Blätter  aufgehängt  wurden. 
Im  Durchschnitt  fand  ich  jedoch  das  Verhältniss  der  Ver- 
dunstung aus  dem  freien  üefässe  zu  der  von  den  Blättern 
als  ein  höheres;  nach  ünger  gibt  die  freie  Wasserfläche  un- 
gefähr eine  3  mal  so  hohe  W^asserschichte  ab,  zuweilen  eine 
5 — 6  fache.  Nach  meinen  Versuchen  wechselt  das  Verhält- 
niss sehr  nach  den  Monaten  und  dem  Vi^etter,  im  Mai 
zwischen  4  und  13,  im  Juni  zwischen  1,5  bis  8,5,  im  Oktober 
zwischen  1,0  bis  5.  Die  Schwankungen  in  der  Verdunstung 
des  Wassers  aus  dem  Gefässe  sind  beträchtlich  grösser  als 
die  der  Transpirationsgrösse  der  Blätter,  was  wohl  ebenfalls 
im  Voraus  zu  erwarten  war. 

Auch  in  Beziehung  auf  die  Menge  des  verdunsteten 
Wassers  findet  sich  insoferne  eine  üebereinstimmung,  als 
die  Werthe,  welche  ich  für  die  Eiche  erhalten  habe,  mit 
solclien  übereinstimmen,  welche  Unger  für  andere  Gewächse 
gefunden  hat.  Aus  seinen  an  einer  grossen  Anzahl  von 
Blattpflanzen  gemachten  Versuchen  ergibt  sich,  dass  die 
verschiedtrnen  Pflanzen  sehr  verschiedene  Werthe  ergeben. 
Nach  seinen  Angaben  habe  ich  berechnet,  wie  sich  die  Ver- 
dunstung auf  1  Q.-Millimeter  der  Blattfläche  verhalte  und 
daraus  gefunden,  dass  er  erhielt 


5)  Unger.  Sitzungsber.    der  Akademie  der  Wissensch.  zu  Wien. 
Bd.  44  p.  181  und  327, 


40  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  i'om  8.  Januar  1870. 

am    27.  Nov.  1850  bei  Saxifraga  ligulata       0,148  mm. 
„      29.  Nov.  Hydrangea  hortensis  0,439     „ 

„  8 — 9.  Juni  Digitalis  purpurea      0,677     ,, 

„2—3.  Juli  „  „  0,167     ,. 

„      25.  Aug.  Heliauth.  annuus         1,712     „ 

Ein  Zweig  von  Fag.  silvatica  mit  47  Blättern  ergab 
nach  einer  3tägigen  Untersuchung  im  Mittel  0,158  mm.  Die 
letztere  Beobachtung  gibt  jedenfalls  einen  zu  niedrigen  Betrag. 
Sie  wurde  nämlich  in  der  Art  gemacht,  dass  der  abgeschnittene 
Zweig  in  ein  Gefäss  mit  Wasser  gesteckt  wurde.  Er  ergab 
in  3  Tagen  37,5  Grm.  Wasserverlust.  Ich  habe  schon  weiter 
oben  erwähnt,  dass  dieses  Verfahren  nur  für  kurze  Zeit  ein 
richtiges  Resultat  geben  kann,  indem  sehr  bald  die  Ver- 
dunstung immer  geringer  wird,  ein  aus  dem  dreitägigen 
Verluste  bestimmtes  Mittel  bleibt  nach  meinen  ähnlichen 
Versuchen  weit  unter  dem  wahren;  schon  nach  2  Stunden 
zeigt  sich  bei  dieser  Art  die  Verdunstung  zu  bestimmen 
eine  Differenz  in  deren  Betrag  und  zwar  eine  Abnahme  der- 
selben. 

Ich  komme  nun  zu  dem  wichtigsten  Punkte  meiner 
Untersuchungen  um  dessentwillen  ich  sie  hauptsächlich  an- 
stellte, nämlich  zur  Beantwortung  der  Frage,  wie  gross  ist  nun 
die  Menge  des  durch  einen  solchen  Baum  verdunsteten 
Wassers  und  wie  verhält  sie  sich  zu  der  Menge  der  atuio- 
phärischen  Niederschläge  ? 

Legen  wir  die  von  mir  gefundenen  Zahlenwerthe  für 
die  Blattzahl  des  Baumes,  die  Verdunstungsgrösse  und  den 
Flächeninhalt  der  Blätter^)  zu  Grunde,  so  erhalten  wir 
folgende  Zahlenwerthe  für  die  Gesammtverdunstung  der  ein- 
zelnen Monate: 


6)  Der  mittlere    Flächeninhalt   eines  Blattes  bestimmt    aus   den 
500  ersten  und  500  letzten  Blättern  ergab  sich  zu  2325  Q. -Millimeter, 


Pf  äff :     Verdunstungsbetrag  einer  Eiche  etc.  41 

Mai  14  Tage    883,812     Kilogramme 

Juni  26023,7 

Juli  28757,9  „ 

August  21745,1  „ 

September  17674,6  „ 

Oktober  17023,1  „ 

Wie  verhält  sich  nun  diese  Menge  zu  der  Menge  der 
atiuosphärischen  Niederschläge?  Hier  wäre  zu  einer  sicheren 
Vergleichung  nothwendig  zu  wissen,  wie  weit  sich  in  horizon- 
taler Richtung  die  Wurzeln  des  Baumes  erstrecken.  Ich 
habe  angenommen,  dass  die  Wurzeln  über  denselben  Flächen- 
raum sich  verbreiten,  den  die  Zweige  einnelimen.  Bei  einem 
Walde  versteht  sich  diese  Annahme  wohl  von  selbst,  bei 
einem  einzeln  stehenden  Baume  ist  ein  Weitergreifen  wohl 
denkbar.  Für  den  vorliegenden  Fall  glaube  ich  jedoch  auch 
ditise  Annahme  machen  zu  dürfen,  einmal  habe  ich  wenigstens 
bei  einem  ziemlich  tiefen  Graben,  der  zur  Grundlegung 
eines  Gebäudes  10  Fuss  von  den  Zweigspitzen  des  Baumes 
angelegt  wurde,  nichts  von  solchen  Wurzeln  bemerkt.  Dazu 
kommt  noch,  dass  der  Baum  in  der  Entfaltung  seiner  Krone 
zwar  nicht  durch  andere  gehemmt  ist,  dass  aber  unter  dem 
Dache  derselben  eine  dichte  Hecke,  allerlei  Büsche  und  so, 
dass  sie  sich  mit  den  Zweigen  sehr  nahe  kamen  auch  andere 
Bäume,  Acacien  und  dergl.  stehen,  die  jedenfalls  zum  Theil 
im  Boden  mit  ihm  in  der  Wasseraufnahme  concurriren.  Es 
wird  also  auch  die  Annahme  sein  Wurzelgebiet  nicht  zu 
sehr  beschränken,  dass  es  denselben  Flächeuraum  wie  die 
Basis  seiner  Blätterkrone  oder  genauer  die  Projection  der- 
selben auf  den  Erdboden  einnehme,  dieses  aber  unbeem-- 
trächtigt  von  anderen  Gewächsen.  Nehmen  wir  dieses  an 
und  berechnen  wir  die  obige  Wassermenge  in  der  Art,  dass 
wir  sie  auf  den  Fhtcheuraum  des  Wurzelgebietes  gleich  dem 
der  ßlätterkrone,  die  wir  zu  298,3  Q.-Fuss  gefunden  hatten, 
vertheilen,  so   kommen    wir   zu   einem   sehr  überraschendeu 


42  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Resultate.  Die  obigen  Zahlen  entsprechen  nämlich  einer 
Wassersäule  auf  der  Fläche  von  298,3  Q.-F.  =  22,277 
Q.-Meter 


Mai 

von 

39,58  centim 

Juni 

116,81       „ 

Juli 

129,39       „ 

August 

97,61       „ 

September 

79,34       „ 

Oktober   . 

76,46       „ 

oder  in 

Summa  539,16   cm.   =    16,1    Fuss 

Höhe,  während  die  jährliche  Regenmenge  bei  uns  nur 
65  cm.  beträgt.  Die  Verdunstung  eines  Baumes  gibt  daher 
8^3  mal  mehr  Wasser  au  die  Atmosphäre  ab  als  auf  einen 
Flächenraum  von  der  Grösse  seiner  Blätterkrone  auffällt. 
Man  mag  nun  an  dieser  oder  jener  Annahme  meiner  Berech- 
nungen etwas  aussetzen,  —  obwohl  wie  ich  glaube,  die  von 
mir  gefundenen  Zahlen  unter  dem  Mittelwerthe  bleiben,  das 
wird  jedenfalls  mit  Sicherheit  behauptet  werden  können, 
dass  die  Wassermenge,  welche  ein  grösserer  Baum  während 
seiner  Vegetationsperiode  liefert,  bei  Weitem  grösser  ist, 
als  die  der  atmosphärischen  Niederschläge  auf  demselben 
Areal.  Auch  in  dieser  Beziehung  stehen  die  Resultate, 
welche  Unger  erhalten  hat,  nicht  mit  den  meinigen  in  Wider- 
spruch, wenn  wir  sie  näher  betrachten.  Er  nahm. ,  wie  diess 
schon  oben  angegeben  wurde,  einen  Buchenzweig  und  steckte 
ihn  mit  der  Schnittfläche  in  ein  Gefäss  mit  Wasser.  Der 
Zweig  hatte  47  Blätter  mit  787  Q.-Centimeter  Flächeninhalt, 
also  ein  Blatt  1653  Q.-Millimeter.  In  3  Tagen  18—21  Juli 
transpirirten  diese  Blätter  37,5  Grm.  Wasser;  das  gibt 
0,158  Millim.  Wasserhöhe  auf  je  1  Q.-Millim.  Fläche.  Die 
Schätzung  der  Blätterzahl  nahm  Unger  in  folgender  Weise 
vor,  die  wir  mit  seinen  eigenen  Worten  geben.'') 


7)  Unger.    Am  a.  0.  p.  350. 


Tfaff:    Verdunsfungsbetrag  einer  Eiche  etc.  43 

,,Da  die  Buche  jährlich  ihre  Blätter  abwirft,  so  durften 
nur  in  einem  von  Stürmen  geschützten  Theile  des  Waldes 
die  am  Boden  befindlichen  Blätter,  welche  sich  über  Winter 
gesammelt  hatten,  von  einem  kleinen  Flächeninhalte  gezählt 
werden,  um  auf  die  sicherste  Weise  zur  Kenntniss  der  ge- 
sammten  Blättermasse  des  Waldbodens  zu  gelangen.  Ich 
habe  mich  dieser  Untersuchung  am  28.  September  1853 
unterzogen  und  zwar  in  einem  nicht  sehr  dichten  und  eben 
so  wenig  alieu  Buchenwalde,  deren  Stämnie  höchstens  6 — 8 
Zoll  im  Durchmesser  haben." 

Als  Mittelzahl  aus  Zählungen  von  5  verschiedenen  Stellen 
findet  Unger  GOT  also  in  runder  Zahl  600  Blätter  auf  1  Q.-F. 
Würden  wir  auch  nur  diese  Zahl  bei  der  Eiche  annehmen, 
so  würden  wir  immerhin  noch  die  Verdutistungsgrösse  um 
2,6  mal  höher  finden,  als  die  der  Regenmenge,  Doch  zeigt 
auch  diese  VergleicLuug.  dass  meine  Berechnung  der  Zahl 
der  Blätter  der  Eiche  von  der  Wahrheit  wenig  abweichen 
wird,  denn  ein  ireisteheuder  Baum  von  13  Zoll  Durchmesser 
des  Stammes  kann  wohl  leicht  in  der  Zahl  seiner  Blätter 
Buchenbäume  von  6 — 8  Zoll  Durchmesser  um  das  3  fache 
übertreffen. 

Hier  drängt  sich  nun  wohl  Jedem  die  Frage  auf: 
woher  nehmen  die  Bäume  das  Wasser,  oder,  da  darüber 
Wühl  kaum  ein  Zweifel  mehr  aufkommen  kann,  dass  sie  es 
aus  dem  Boden  nehmen,  wie  erhalten  sie  es  aus  demselben? 
Die  Beantwortung  dieser  Frage  ist  wohl  auch  nicht  sehr 
schwierig  und  zeigt  uns  zugleich  den  ausserordentlichen  Ein- 
fluss,  den  die  Vegetation  und  namentlich  die  Bäume  auf 
den  Kreislauf  des  Wassers  und  die  Menge  des  Wassers  auf 
der  Oberfläche  der  Erde  ausüben,  \eigleichen  wir  nämlich 
die  Menge  des  in  das  Meer  zurückfliessenden  Wassers  mit 
der  Menge  der  atmosphärischen  Niederschläge,  so  finden 
wir,  wo  man  eine  genaue  Berechnung  angestellt  hat,  dass 
durchschnittlich    nur   die   Hälfte    des    Wassers    dem    Meere 


44  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

zufliesst*),    welches    auf    das    Flussgebiet   niedergefallen   ist, 
das  man  in  dieser  Beziehung  untersuchte. 

Für  das  Flussgebiet  des  Rheines  z.  B.  beträgt  die  von 
diesem  zurückgeführte  Wassermasse  nur  49,8  pC.  der  Nieder- 
schläge. Wohin  kommen  nun  die  übrigen  50/2  pCte?  Wenn 
auch  ein  Theil  derselben  durch  Verdunstung  wieder  in  die 
Atmosphäre  zurückgeht,  so  dringt  doch  unzweifelhaft  ein 
grosser  Theil  davon  in  die  Tiefe  und  zwar  in  Tiefen,  aus 
welchen  es  als  Quelle,  also  als  fiiessendes  Wasser  nicht 
mehr  an  die  Oberfläche  gelangt.  Denn  es  gibt  ganze  Fluss- 
gebiete, wenigstens  kleinere,  die  keine  einzige  warme  Quelle 
enthalten,  zum  sicheren  Zeichen,  dass  alles  fliessende  Wasser 
dieses  Gebietes  aus  sehr  geringer  Tiefe  hervorbricht,  denn 
schon  wenn  es  aus  einer  Tiefe  von  200  —  300  Fuss  käme, 
müsste  es  eine  merklich  höhere  Temperatur  als  die  mittlere 
des  Ursprungsortes  erkennen  lassen.  Der  Bergbau,  wie  die 
Bohrlöcher  der  artesischen  Brunnen  zeigen  uns  aber,  dass 
in  allen  Tiefen,  in  welche  Menschen  oder  ihre  Werkzeuge 
gelangen  können,  Wasser  sich  befindet  und  Wasser  von  oben 
eindringt.  Die  Vegetation,  vor  Allem  die  Bäume  sind  es 
nun,  welche  diesem  Wasserverluste  durch  Versinken  in  un- 
ergründliche Tiefen  einigermassen  entgegenarbeiten  und  zwar 
in  zweierlei  Weise,  einmal,  indem  sie  das  zur  Tiefe  von 
oben  eilende  Wasser  aufhalten,  anderntheils,  indem  sie  Ver- 
anlassung geben,  dass  aus  der  Tiefe  in  Dampfform  wieder 
ein  Theil  des  bereits  dem  oberflächlichen  Kreislaufe  ent- 
zogenen Wassers  zurückkehrt.  Auch  die  Kapillarität  des 
Bodens  mag  einiges  dazu  beitragen,  dass  die  Wurzeln  der 
Pflanzen   mehr  Wasser  erhalten,    als  auf   den   Raum  nieder- 


8)  Flüsse  in  Flachländern  geben  noch  weniger,  die  Seine  z.  B. 
nach  Arago  nur  SSVs  pCt,  sämmtliche  Flüsse  Englands  nach  Dalton 
37,8  pC. 


Pfaff:   Verdunstung sletracj  einer  Eiche  etc.  45 

fällt,  den  sie  einnohmen.  Doch  wird  diese  kaum  einiger- 
massen  in  die  Tiefe  greifen,  während  die  Wasseranziehung 
der  Wurzeln  durch  die  dadurch  verminderte  Feuchtigkeit 
des  Bodens  um  dieselben  ein  energisches  Aufsteigen  von 
Wasserdampf  selbst  aus  grösseren  Tiefen  vermittelt  und  so 
einigermassen  Ersatz  liefert  für  das  Wasser,  das  ohne  die 
Vegetation  in  unerreichbare  Tiefen  hinabsinken  und  nimmer 
zur  Oberfläche  wiederkehren  würde.  Auch  in  diesem  Sinne 
kann  man  von  den  Bäumen  sagen,  dass  sie  das  Dürrewerden 
'eines  Landes,  die  Verarmung  des  Bodens  an  Wasser  ver- 
hindern, indem  sie  es  durch  die  Thätigkeit  ihrer  Wurzeln 
anziehen,  durch  die  Gefässe  in  die  Höhe  führen  und  durch 
die  Blätter  dem  grossen  Kreislaufe  zurückgeben. 


46  Sitzung  der  math.-phys.  Glosse  vom  8.  Januar  1870. 

Der  Classensekretär  Herr  Fr.  v.  Kobell  spricht: 
jjUeber     den    Rabdionit,    eine    neue    Mineral- 
species  und  über  einen   lithionbaltigen  sog. 
Asbolan." 

Das  Mineral,  welches  ich  Rabdionit  nenne,  findet  sich 
in  getrauften  Stäbchen  von  schwarzer  Farbe,  Es  ist  matt, 
nimmt  aber  beim  Reiben  mit  dem  Finger  einen  metnllähn- 
lichen  Fettglanz  an,  ist  sehr  weich  und  abfärbend.  Das 
feine  Pulver  ist  dunkelbraun.  Das  spec,  G.  des  groben 
Pulvers  ist  nach  gehöriger  Entfernung  der  adhärireuden  Luft 
=  2.80.  Die  Stäbchen  schliessen  so  viel  Luft  ein,  dass 
manche  eine  Zeitlang  auf  Wasser  schwimmen. 

Von  dem  Löthrohr  schmilzt  das  Mineral  ruhig  =  3 
zu  einer  stahlgrauen  auf  die  Magnetnadel  wirkenden  Kugel. 
Voi-  dem  Schmelzen  wirkt  es  nicht  auf  die  Magnetnadel. 
Beim  Schmelzen  färbt  es  die  Flaiiime  grün  und  mit  Salz- 
säure befeuchtet  blau  von  gebildetem  Chlorkupfer. 

Mit  Borax  gibt  es  ein  kobaltblaues  GLis. 

Im  Kolben  gibt  es  Wasser,  welches  weder  sauer  noch 
alkalisch  reagirt. 

In  Salzsäure  ist  es  leicht  und  vollkommen  unter 
Chlorentwicklung  zu  einer  beim  Concentrireu  smaragdgrünen 
Flüssigkeit  auflösHch,  welche  mit  Wasser  verdünnt  eine 
grünlichgelbe  Farbe  annimmt.  Aetzammoniak  in  üeberschuss 
gibt  ein  bräunliches  Präcipitat  und  eine  lasurblaue  Flüssigkeit. 
In  Salpetersäure  ist  es  wenig  löslich.  Wird  das  Pulver  mit 
Ammoniak  digerirt,  so  färbt  sich  dieses  allmählig  blau,  doch 
bei  weitem  nicht  so  wie  die  damit  gefällte  salzsaure  Lösung. 
—  Von  Schwefelsäure  wird  diese  Lösung  kaum  merklich 
getrübt. 

Mit  concentrirter  Phosphorsäure  erhält  man  eine  violette 
Lösung,  welche  durch  Eisenvitriol  entfärbt  wird. 

Bei  der  Analyse  wurde  der  Wassergehalt  direct  bestimmt, 
indem    die    Probe   in    einer   Retortenartigen    Glasröhre    mit 


V.  KobeJl:   Der  Eabdionit  etc.  47 

Vorlage  erhitzt  wurde.  Die  Vorlage  war  gewogen,  der  Wasser 
enthalt-i-nde  Theii  des  Rohres  der  Retorte  wurde  abgefeilt 
Uüd  gewogen  und  durch  Trocknen  und  Wiederwägen  die 
Menge  des  Wassers  bestimmt. 

Zur  Ausmittlung  des  Gehaltes  an  Manganoxyd  wurde  eine 
Probe  in  concentrirter  Phosphorsäure  gelöst  und  die  ver- 
dünnte Lösung  mit  Eisencklorür  von  bestimmtem  Gehalte 
titrirt. 

Um  zu  bestimmen  ob  nicht  Manganhyperoxyd  enthalten 
sei,  wurde  eine  Probe  mit  Phosphursäure  in  einem  geeigneten 
Kolben  erhitzt  und  das  sich  entwickelnde  Gas  untersucht, 
es  war  kein  Sauerstoff  zu  erkennen.  Man  kann  schon  mit 
2  Grammen  Pyrolusit  die  Sauerstoffentwicklung  beim  Lösen 
in  Phosphorsäure  deutlich  nachweisen ;  das  in  Vorlagen 
aufgefangene  Gas  entzündet  einen  glimmen  ien  Holzspahn. 
Vom  Mineral  waren  3  Gramme  zum  Versuche  angewendet 
worden. 

Zur  Analyse  wurden  2  Grm.  in  Salzsäure  gelöst,  das 
Kupfer  mit  Schwefelwasserstoffgas  gefüllt  und  weiter  wie 
gewöhnlich  bestimmt.  Das  Filtrat  vom  Schwefelkupf-'r  wurde 
mit  Zusatz  von  Schwefelsäure  abgedampft,  wieder  in  Salz- 
säure gelöst  und  die  verdünnte  Lösung  mit  doppelt  kohlen- 
saurem Natron  neutralisirt.  Das  Präcipitat  wurde  mit 
Kalilauge  behandelt  um  vorhandene  Thon-^rde  auszuziehen 
und  diese,  sowie  das  Eisenoxyd  weiter  bestimmt.  Das 
Filtrat  von  der  Fällung  mit  doppelt  kohlensaurem  Natron 
wurde  mit  Schwefelammonium  versetzt  das  Präcipitat  mit 
verdünnter  Salzsäure  behandelt,  das"  rück^tän  lige  Schwefel- 
kobalt in  Salzsäure  gelöst,  mit  Kali  gefällt  und  das  Kobalt 
mit  Wasserstoff  in  Glühen  reducirt.  Es  löste  sich  in  Salpeter- 
säure zu  einer  schönen  rothen  Flüssigkeit  auf. 

Das  Mangan  wurde  mit  Chlor  oxydiit  und  mit  Ammoni.tk 
gefällt. 


Eisenoxyd 

45,00 

13,50 

-Maiiganoxyd 

13,00») 

4,00 

Thonerde 

1,40 

0,65 

Kupferoxyd 

14,00 

2,82 

Manganoxydul 

7,61 

1,71 

Kobaltoxyd 

5,10 

1,09 

Wasser 

13,50 

12,00 

48  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Der  Mehrgehalt  an  Manganoxyd,  wie  ihn  die  Analyse 
gegen  die  oben  erwähnte  Titrirprobe  zeigte,  wurde  als  Man- 
ganoxydul berechnet. 

Die  Analyse  gab : 

Sauerstoff: 


18,15 


5,62 


99,61 

Die  Mischung  weist  hin  auf  die  Formel 

Cu  ' 

Mn 

Co 

Da  das  Mineral  für  sich  nicht  auf  die  Magnetnadel 
wirkt,  so  ist  ein  Gehalt  an  Eisenoxydul  nicht  wahrscheinlich; 
der  Gehalt  an  Kobaltoxyd  dürfte  vielleicht  etwas  höher  sein ; 

etwas    Fe  könnte  als  Limonit  eingemengt  sein. 

Das  Mineral  hat  nach  seinen  physischen  Eigenschaften 
und  theilweise  nach  seinen  chemischen  Reactionen  grosse 
Aehnlichkeit  mit  dem  Asbolan,  es  unterscheidet  sich  aber 
vorzüglich  durch  den  bedeutenden  Gehalt  an  Eisenoxyd  und 
durch  die  Schmelzbarkeit  (nur  der  unreine  mit  Arseniaten  etc. 
gemengte  Asbolan  ist  schmelzbar). 

Rammeisberg  hat  einen  als  normal  anerkannten  As- 
bolan von  Camsdorf  bei  Saalfeld  analysirt:  und  gibt  an: 


Fe 

-      -f  2H 

Mn 


1)  Bei  einem  Versuch  erhielt  ich  14  Manganoxyd. 


V.  Kobell:  Der  Babdionit  etc. 


49 


Sauerstoff 

9,47 

Manganoxydul 

40,05 

Kobaltoxyd 

19,45 

Kupferoxyd 

4,35 

Baryterde 

0,50 

Kali 

0,37 

Eisen  oxyd 

4,56 

Wasser 

21,24 

Er  berechnet  dafür  die  Formel 


99,94 


Mn2  4-  4  H. 


Dass  der  Begriff  von  Sjiecies  auch  auf  Zersetzungs- 
produkte anwendbar,  ist  für  sich  klar,  das  Zersetzungs- 
produkt ist  nur  nicht  immer  eine  Species  sondern  kann 
aus  mehreren  bestehen.  Es  ist  kein  Grund  vorhanden,  das 
besprochene  Mineral  als  ein  Gemenge  mehrerer  Species  an- 
zusehen, wenn  es  auch  vielleicht  ein  Zersetzungsprodukt  ist, 
was  olme  Kenntniss  des  Vorkommens  und  der  begleitenden 
Gesteine,  die  hier  fehlt,  nicht  bestimmt  werden  kann.  Ich 
nehme  daher  das  Mineral  als  eine  eigenthümliche  Species 
und  benenne  sie  mit  Beziehung  auf  die  Gestalt  IIa  b  dionit, 
von  qußdiov.  Stäbchen. 

Das  untersuchte  Exemplar  stammt  aus  der  Herzog  1. 
Leuchtenberg's  chen  Sammlung  und  ist  als  Fundort  an- 
gegeben:    Die  Nischne-Tagilskischen  Gruben  am  Ural. 


Im  Zusammenhang  mit  dem  vorigen  untersuchte  ich 
auch  ein  als  Asbolan  angesprochenes  Mineral  von  Saalfeld, 
welches  sich  aber  ganz  anders  verhält  als  der  von  R  a  m  m  e  1  s- 
burg  analysirte  Asbolan  dieses  Fundortes.  Dieses  Mineral 
ist  unschmelzbar  und  färbt  die  blaue  Löthrohrflamme  aus- 
gezeichnet carminroth  von  Lithion,  wie  dieses  durch  das 
[1870. 1.  1.]  4 


50         Sitzung  der  math.-phys.  Ctasse  vom  8.  Januar  1870. 

Spectroskop  deutlich  erkannt  wird.  Es  kommt  in  blau- 
schwarzen, zum  Theil  kleinschuppigen  und  metallisch  glän- 
zenden Massen  vor,  zum  Theil  dicht  und  matt,  beim  Feilen 
etwas  Glanz  annehmend,  das  Pulver  ist  schwärzlich  grau. 
Das  spec.  G.   =   3,65. 

Ich  koimte  die  Analyse  nur  unvollkommen  durchführen, 
da  mir  reine  homogene  Stücke  nicht  in  hinreichender  Menge 
zu  Gebot  standen,  es  ergab  sich  aber  neben  Manganoxyd 
54  pr.Ct.,  4  Kobaltoxyd,  0,61  Kupferoxyd  und  13,4  Wasser 
der  bedeutende  Gehalt  von  23  pr.Ct.  Thonerde,  obwohl  sich 
die  Probe  vollkommen  ohne  Ausscheidung  von  Kieselerde 
in  Salzsäure  auflöste, 

Der  Lithiongehalt  zeigt  sich  äusserst  gering ;  die  Färbung 
der  Löthrolirflammo  schien  einen  merklichen  Gehalt  zu  ver- 
rathen.  Dieses  Mineral  erinnert  an  ein  von  Bert  hier 
analysirtes  aus  Siegen,  welches  17  prCt.  Thonerde  enthält 
und  von  ihm  als  eine  Verbindung  von  Thonerde  und  Man- 
ganhyperoxyd mit  Wasser  angesehen  wurde.  Ich  habe  von 
Dr.  Krantz  mehrere  Äsbolanvarietäten  von  Saalfeld  erhalten, 
es  fand  sich  aber  keine  darunter,  welche  die  Lithionreaction 
zeigte.  Ein  kleiner  SpHtter  genügt  zur  Erkennung  und 
findet  sich  das  Mineral  wohl  als  ein  älteres  Voikommniss 
in  den  Sammlungen.  Ich  will  vorläufig  nur  darauf  auf- 
merksam gemacht  haben. 


Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Jamuir  1870.  51 


Herr  Professor  Zittel  macht  die  Mittheilung  dass  die 
Erben  unseres  im  vorigen  Frühjahr  verstorbenen  auswärtigen 
Mitghedes  Dr.  Hermann  v.  Meyer  in  Frankfurt  a/M.  dessen 
gesammteu  literarischen  Nachlass  der  hiesigen  Akademie, 
und  zwar  speciell  dem  palaeontologischen  Museum  zum  Ge- 
schenk gemacht  haben. 

H.  V,  Meyer  war  bekanntlich  einer  der  ersten  Kenner 
fossiler  Wirbelthiere  und  erfreute  sich  einer  so  aner- 
kannten Autorität,  dass  ein  grosser  Theil  der  in  Deutsch- 
land. Oesterreich  und  der  Schweiz  aufgefundenen  Wirbel- 
thierreste  ihm  zur  Bestimmung  und  Bearbeitung  zugeschickt 
wurden. 

In  Ermangelung  einer  eigenen  Sammlung,  verschaffte 
er  sich  das  nothwendige  Vergleichs-Material  zu  seinen  Arbeiten 
dadurch,  dass  er  alle  Stücke,  welche  ihm  zugesendet  wurden 
oder  welche  ihm  in  anderer  Weise  zur  Untersuchung  zu- 
gänglich waren,  mit  seltener  Meisterschaft  und  Genauigkeit 
abbildete  und  austuhiliche  Beschreibungen  in  seinen  Manu- 
scripten  hinterlegte.  Auf  diese  Weise  entstand  im  Laufe  der 
Jährt  eine  trefflich  geoilinete  Sammlung  von  Zeichnungen. 
deren  Zahl  sich  auf  mehrere  Tausend  beläuft.  Da  alle 
Gegenstände  genau  in  natürlicher  Grösse  und  stets  von  ver- 
schiedenen Seiten  dartrestellt  sind,  so  konnten  sie  für  die 
\yissenschaftliche  Benützung  die  Originalien  so  gut  wie  er- 
setzen und  je  nach  Bedarf  jederzeit  publicirt  werden. 

Obwohl  nun  H.  v,  Meyer  eine  höchst  fruchtbare  liter- 
arische Thätigkeit  entfaltete  und  in  den  von  ihm  und  Duuker 
herausgegebenen  Palaeontographicis  eine  bedeutende  Anzahl 
von  Abhandlungen  veröffentlichte,  so  enthält  sein  literarischer 
Nachlass  dennoch  eine  sehr  grosse  Menge  von    Zeichnungen 

4* 


52         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  8.  Januar  1879. 

unbeschriebener  oder  nur  flüchtig  in  Zeitschriften  erwähnter 
üeberreste,  welche  für  unsere  Sammlung  fossiler  Wirbelthiere 
eine  um  so  werthvollere  Bereicherung  bilden,  als  in  den 
schriftlichen  Aufzeichnungen  die  Literaturreferenzen,  Notizen 
über  Vorkommen  uud  Beschreibungen  mit  grösster  Genauig- 
keit zusammengestellt  sind. 

Die  Hinterlassenschaft  besteht,  ungerechnet  einer  An- 
zahl von  Heften  über  wirbellose  Thiere  und  der  gesammten 
wissenschaftlichen  Correspondenz  des  Verstorbenen,  aus  32 
Bänden  Manuscript,  sowie  aus  Handzeichnungen,  ^Yelche  in 
16  Folio  und  22  Octav  Fascikeln  geordnet  wird. 


Herr  Prof.  M.  Wagner  legt  sein  Buch  vor 

,, Naturwissenschaftliche  Reisen  im  tropischen 
Amerika" 

und  bespricht  dessen  Anordnung  und  allgemeinen  Inhalt. 


Plath:    Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  53 


Philosophisch-philologische  Classe. 

Sitzung  vom  8.  Januar  1670. 


Herr  Plath  spricht 

„üeber  die  Quellen  der  alten  chinesischen 
Geschichte,  mit  detaillirter  Analyse  des 
Sse-ki    und    J-sse." 

Mit  einer  Arbeit  über  die  alte  Geschichte  China's  be- 
schäftiget, musste  sich  zunächst  die  Frage  aufdrängen :  Welche 
Quellen  haben  wir  darüber?  und  da  mau  über  diesen  Ge- 
genstand nirgends  bestimmte  oder  nur  sehr  verk'-hrte  Vor- 
stelkingen  antrifft,  wird  die  vorläufige  Mittheiluug  der  Er- 
gebnisse unserer  Forschung  nicht  unangemessen  sein. 

unter  alter  Geschichte  China's  begreifen  wir  immer 
die  Zeit  von  Anbeginn  bis  zu  Ende  der  dritten  Dynastie 
(221  V.  Chr.).  Wir  verstehen  unter  Geschichte  nicht  blos 
die  äussere,  politische  und  Kriegsgeschichte,  sondern  auch 
die  ganze  innere  Culturgeschichte,  was  man  auch  wohl 
Alterthumskunde  nennt.  Wir  haben  bloss  Nachrichten  der 
Chinesen. 

Die  Quellen  fliessen  in  den  verschiedenen  Zeiten  sehr 
verschieden.  Fehlen  authentische  Nachrichten  für  die  Ur- 
geschichte ganz,  'fliessen  sie  in  der  ältesten  Zeit  und  bis  zum 
Anfange  der  dritten  Dynastie  (1122  v.  Chr.)  nur  sehr  dürftig, 
indem  nur  auf  die  ersten  Regierungen  Yao's,  Schün's  und 
Yü's  (2357—2197  v.Chr.)  einiges  Licht  fällt,  und  dann  fast 
nur  der  Sturz  der  ersten  und  zweiten  Dynastie  flia  und 
Schang  oder  Yn  (1783  und  1122  v.  Chr.)  und  das  Auf- 
kommen der  neuen  Dynastie  etwas  erhellet  wird,  so  wird  es 
mit  dem  Anfange  der  dritten  D.  heller,  ausser  der  politischen 


54         Sitzung  der  philos.-phüol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Geschichte  erhalten  wir  da  auch  ausführliche  Nachrichten  über 
die  inneren  VerhäUnisse  und  seit  dem  Verfalle  der  Kaiser- 
macht der  dritten  D.  der  Tscheu  und  dem  Emporkommen 
der  Einzelreiche  wird  auch  die  äussere  Geschichte  immer 
reicher,  besonders  seit  der  Zeit,  wo  Confucius  seine  Chronik 
Tschhüu-thsieu  beginnt  (722  v.  Chr.)  und  noch  mehr  in  der 
Zeit  der  streitenden  Reiche  (Tschen-kue)  bis  zum  Ende  der 
alten  Zeit.  Hier  erhalten  wir  genaue  Nachrichten  über  die 
einzelnen  auftretenden  Persönlichkeiten ,  die  bedeutendsten 
Fürsten  der  einzelnen  Reiche,  ilire  Minister,  Feldherren, 
Staatsmänner  und  Politiker ,  auch  von  den  literarischen 
Grössen,  dem  Leben,  den  Meinungen  und  Aussprüchen,  nicht 
nur  von  Confucius  und  seinen  Schülern,  sondern  auch  der 
von  ihnen  abweichenden  Sekten  und  Schulen,  wie  der  des 
Lao-tseu  u.  A.,  deren  Schriften  wir  noch  haben,  wie  auch 
Abhandlungen  über  das  Kriegswesen,  die  Moral  u.  s.  w. 
Selbst  über  die  Schrift-  und  Tonsprache  und  die  Dialekte 
haben  wir  Schriften,  wenn  auch  nicht  aus  der  Zeit  der  dritten 
D.  Tscheu's  selbst,  doch  aus  der  einer  der  nächsten,  der  Dy- 
nastie Han,  deren  Angaben  über  diese  Zeit,  die  ihnen  nicht 
allzu  ferne  lag,  nicht  zu  verwerfen  sein  möchten.  Neben  der 
authentischen  Geschichte  gehen  überall  spätere ,  unsichere 
Sagen,  Legenden,  zum  Theil  auch  Erdichtungen  her,  die  wir, 
so  weit  sie  uns  zugänglich  geworden  sind,  doch  auch  er- 
wähnen müssen.  Wir  unterscheiden  daher  1)  die  Ur-  oder 
Vorgeschichte  China's  vor  Yao  und  Schüu,  2)  die  Yao's 
Schün's  und  Yü's,  3)  die  Zeit  der  ersten  und  zweiten 
Dynastie,  4)  die  Zeit  der  Blüthe  der  dritten  D.  Tscheu 
seit  1122  V.  Chr.  und  zwar  a)  die  politische  und  b)  die 
innere  Geschichte,  5)  die  Zeit  des  Verfalles  der  Kaiser- 
macht und  das  Aufkommen  der  einzelnen  Vasallen- 
fürsteu,  6)  die  Zeit  des  Tschhün-thsieu,  Kampf  der  ein- 
zelnen Vasallenfürsten  unter  einander  mit  nur  zeitweiligem 
Uebergewichte  Einzelner   unter  ihnen ,    der   5    s.  g.   Gewalt- 


Plath:    Quellen  der  alten  chhies.  Geschichte.  55 

herrscher  (Pa),  7)  die  Zeit  der  streitenden  Reiche,  na- 
mentlich der  6  noch  übrigen  grösseren,  bis  zur  Unterwerfung 
aller  dieser  durch  dioThsin  und  der  Gründung  der  vierten  D. 
und  zwar  die  politische  Geschichte  und  8)  Literatur  und 
inneren  Verhältnisse  zur  Zeit  von  6  und  7.  Wir  verbinden 
damit  eine  Analyse  desSse-ki  undJ-sse.  Sse  ma  tshien 
in  seinem  Sse-ki  hat  zuerst  die  alte  Geschichte  China's  sy- 
stematisch bearbeitet  und  ist  Muster  geworden  für  die  Ge- 
schichtschreiber der  spätem  Dynastien.  Es  verdient  daher 
eine  besondere  Beachtung.  Wir  brauchen  über  seine  Person 
nicht  ausführlich  zu  sprechen,  da  A.  Remusat  (Mel.  As.  II 
p.  133 — 147^}  darüber  das  Nöthige  bereits  mitgetheilt  hat. 
Sein  Vater  Sse-ma  thau  hatte  140 — 135  v.  Chr.  schon 
Materialien  zu  der  Geschichte  gesammelt,  starb  aber  darüber 
weg  und  hinterliess  seinem  Sohne  Sse-ma  thsien  (geb.  um 
145  V.  Chr.)  die  Fortsetzung.  Dieser  sammelte  und  ordnete 
alles,  was  sicli  erhalten  hatte.  Remusat  p.  139  nennt  einige 
seiner  Quellen  und  giebt  die  Hauptabthtilungen  seiner  histo- 
rischeu Denkschriften  (Sse-ki  in  130  Kiuen)  an.  Es  sind 
1)  die  Kaiser-Chronik  (Ti-ki)  von  Hoang-ti  (2697  v.  CLr.) 
bis  Han  Hiao  Wu-ti  (122  v.  Chr.)  B.  1—12.  2)  Chrono- 
logische Tafeln  (Nien-piao),  wie  unsere  historisclien  Atlasse 
10  B.  (13—22).  3)  Pa-schu,  die  8  Bücher  (über  Zweige 
der  Wissenschaften)  (B.  23 — 30).  4)  Schi-kia,  genealogische 
Geschichte  der  grossen  Vasallen  der  D.  Tscheu,  der  Minister 
und  Generäle  bis  zu  der  D.  Han,  30  B.  (31  —  60)  und  5)  Lie- 
tschuen,  Denkschriften  über  die  fremden  Länder,  Biogra- 
phien   von  Staatsmännern    und  Gelehrton    70  B.   (61—130). 


1)  S.  über  ihn:  Pan-ku's  Geschichte  der  ersten  Han  B.  62,  Sse- 
ma-tshien's  Epilog  selbst  undMa-tuan-lin  B.  191  f.8 — 15.  P.Amiot's 
Nachricht  über  ihn  Mem.  T.  III  p.  77  ist  unvollständig  und  fehler- 
haft. Es  gieht  kleinere  und  grössere  Ausgaben  des  Sse-ki,  eine  c. 
notis  variorum  in  32  B, 


56       Sitzung  der  phäos.-philol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Verloren  sind  von  Abth.  1:  B.  11  und  12;  von  2:  B.  10 
(22);  von  3:  B.  1—4  (23—26);  von  4:  das  letzte  (B.  60); 
von  5 :  B.  68  (128) ;  aber  diese  sind  von  TschLu  schao  sün 
ergänzt. 

Hat  Sse  ina  tsliien  die  authentischen  Nachrichten, 
die  er  zu  seiner  Zeit  vorfand ,  gesammelt  und  systematisch 
verarbeitet,  so  gibt  der  I-sse  (oder  schi)  von  Ma-so,  der 
nach  der  Vorrede  unter  Khang-hi  Äo.  9  (1670)  erschien,  eine 
reiche  Compilation  der  alten  chinesischen  Geschichte  vom 
Anfange  bis  zum  Ende  der  4.  D.  Thsin  206  v.  Chr.  in 
160  Büchern,  indem  er  die  Originalstellen  und  auch  die 
späteren  wenig  zuverlässigen  Nachrichten  chronologisch  zu- 
sammenreihet, (s.  Katalog  K.  5  f.  20  undWylie  p.  23,)  was  für 
uns  von  Werth  ist,  da  wir  manche  der  ausgezogenen  Werke 
nicht  besitzen;  sonst  vergleicht  man  diese  besser  selber,  da 
der  I-sse  alle  Stellen  ohne  die  so  nöthigen  Schollen  und 
Erklärungen  gibt.  Unsere  Analyse  wird  beide  Werke  genauer 
kennen  lehren,  so  weit  sie  die  3  ersten  Dynastien  betreffen. 

Der  I-sse  zerfallt  in  5  Hauptabtheilungen  (u  pu) 
1)  vom  höchsten  Alterthume  (thai  ku  pu)  10  Kiuen;  2)  von 
den  3  Dynastien  (san  tai  pu)  20  K. ;  3)  aus  der  Zeit  des 
Tschhiin-thsieu  (tschhüu  thsieu  pu)  70  K, ;  4)  aus  der  der 
streitenden  Reiche  (tschen  kue  pu)  50  K.  und  5)  äussere 
Nachrichten  (wai  lo  pu)  10  K.  Die  genealogischen  Tafeln 
(schi  hi  pu  23  Blätter)  und  die  chronologischen  Tafeln  (nien 
piao  74  BJ.)  zu  Anfange  sind  dabei  nicht  inbegriffen. 

Viele  seiner  Auszüge  sind  aus  Werken  in  der  Sammlung 
Han  wei  tshung  schu;  auf  diese  verweisen  wir.  Unsere 
Abh.  über  diese  aus  d.  S.-B.  d.  Ak.  1868  I,  2.  München  1868 
gibt  über  diese  nähere  Nachrichten.  Andere  sind  aus  den 
s.  g.  Philosophen  (tseu);  über  diese  am  Ende;  über  einige,  die 
wir  sonst  noch  kennen  ,  da ,  wo  sie  zuerst  vorkommen.  Aber 
der  I-sse  führt  noch  eine  Unzahl  Werke  an ,  von  welchen 
wir  weiter  nichts   wissen;     über   diese   ist   nichts  zu   sagen. 


Plath:   Quellen  der  alten  cliines.  Geschickte.  57 

1)    Die  ür-   oder  Vorgeschichte  China's. 

Ueber  diese  fehlen  alle  alten,  authentischen  Nachrichten. 
Ei  hat  vor  Yao  sicher  schon  Fürsten  gegeben  und  es  hat 
an  Begebenheiten  nicht  gefehlt.  Zu  Confucius  Zeit  und  vor- 
her mag  man  die  Namen  der  hervorragendsten  Cultivatoren 
und  auch  einzelne  Begebenheiten  gekannt  haben;  aber  er 
und  seine  Schüler  beziehen  sich  nicht  darauf  und  gehen 
nicht  über  Yao  hinaus;  die  Nachrichten  mochten  zu  dürftig 
sein ,  um  ihren  moralisirenden  und  politisirenden  Lehren 
dienen  zu  können. 

Die  alte  Zeit  wird  von  ihm,  seinen  Schülern  und 
Nachfolgern  vielfach  gepriesen;  so  im  Tschuug-yuug  28,  1, 
Lüü-iü  3,  16  und  7,  19  sagt  Confucius,  er  liebe  das  Alter- 
thum  —  er  verstand  aber  darunter  nur  die  Zeit  der  drei  ersten 
Dynastien  —  und  im  Tschung-jung  28.  ü(obwohl  damals  noch 
das  Reich  Ki  unter  Nachkomn;en  der  1.  D.  und  das  Reich 
Suug  unter  NLicLkommen  der  2.  D.  fortbestand),  dass  die 
Kunde  ihrer  Einrichtungen  nicl.t  hinreichend  erhalten  sei; 
er  halte  sich  daher  an  die  der  3.  D. ,  unter  der  er  lebte. 
Vgl.  auch  Lün-iü  3,  9.  Bei  Meng-tseu  I,  1,  2,  3  heissen 
Ku,  die  Alten,  die  Stifter  der  3.  D.  Tscheu  und  so  meistens 
bei  ihm  s.  den  Index.  Im  Schu-king  zu  Anfange  I,  1  u.  2 
heissen  Yao  und  Schün  aber  bereits  die  Alten  (ku).  Meng- 
tseu  III  1,  5,  4  nennt  das  höchste  Alterthum  (schang-schi), 
die  Generation ,  wo  die  Todten  noch  nicht  beerdigt  wurden, 
sondern  man  sie  in  Gräben  warf  Der  Y-king  im  Anhange, 
Hi-tse  13,  1  (T.  II  p.  528),  den  einige  dem  Confucius  beilegen, 
was  aber  sehr  bezweifelt  wird,  sijricht  von  Pao-hi  (d.  i.  Fu-hi), 
Schin-nung,  Hoang-ti,  Yao  und  Schün  und  deren  angeblicher 
Erfindungen  und  Einrichtungen  in  alter  Zeit.  Das  höchste 
Alterthum  heiöst  hier  Schang-ku,  mau  wohnte  da  angeblich 
nur  in  Grotten  und  ;<uf  dem  Felde,  bis  in  späteren  Zeiten 
heilige  Männer  Häuser  bauten.  Eine  andere  Stelle  über  den 
rohen  Zustand  in  dieser  ältesten  Zeit,  angeblich  von  Confu- 
cius, ist  im  Li-ki  C.  Li-yün  9  f.  50  v.,  auch  im  Kia-iü  6  f.  12 
und  Li-ki  9  f.  46  v.,  auch  im  Kia-iü  32  f.  17.  Ich  habe  diese 
Stellen   in   der  histor.  Einleitung  zum  Leben  des  Confucius, 


58         Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Münclien  1867  S.  445  fg.  (97  fg.)  bereits  in  extenso  mit- 
getheilt ,  aber  auch  bemerkt ,  dass  es  sehr  zweifelhaft  ist, 
ob  dem  eine  historische  Tradition  zu  Grunde  liege,  oder 
es  nicht  ein  blosses  historisches  Philosophem  sei. 

Mehrere  Andeutungen  im  Schu-king  und  in  späteren 
Schritten  zeigen,  dass  man  Kunde  von  der  ältesten  Zeit 
hatte.  Im  Cap.  Y-tsi  II  §  4  sagt  der  Kaiser  Schün :  ,,ich 
wünsche  die  Embleme  der  Alten  (ku  jin  tschi  siang),  Sonne, 
Mond  und  Sterne,  (auf  den  Kaisergewändern)  zu  sehen." 
Solche  nahm  man  also  schon  vor  Schün  (2254 — 2204  v.Chr.) 
zu  seiner  Zeit  au.  Nach  dem  C.  Tscheu -kuan  V,  20,  3 
studiit-n  Thaug  und  Yü  (d.  i.  Yao  und  Schün)  das  Alter- 
thum  (khi  ku)  und  errichteten  darnach  die  100  Beamten- 
stellen. Im  C.  Liü-hing  V,  27,  2  sagt  Kaiser  Mu-wang 
(1000 — 945  v.Chr.):  ,,nach  alter  Belehrung  (yo  ku  yeu  hiün) 
erregte  Tschi-yeu  zuerst  Unruhen."  Die  Note  zum  Bambu- 
buche  bei  Legge  Prol.  T.  III  p.  108  erwähnt  des  Kampfes 
gegen  ihn  unter  Hoang-ti  vor  Yao  (2637  v.  Chr.).  Nach 
Meng-tseu  III,  1,  4,  1  kommt  zu  seiner  Zeit  ein  gewisser  Heu- 
liing  und  will  nach  (des  alten  Kaisers)  Schin-nung's  Worten 
(yeu  wei  Schin-nung  tschi  yen  tsche)  die  Einfachheit  der  alten 
Zeit  wieder  einführen;  au  eine  solche  glaubte  man  also  da- 
mals. Bei  Tso-schi  Tschao-kung  A.  12  f.  61  v.,  S.  B.  21  S.  203 
rühmt  der  Fürst  von  Tsu  Ling-wang ,  dass  sein  Geschicht- 
schreiber der  Linken  die  alten  Bücher  San-fen,  U-tien, 
Pa-so  und  Khieu-khieu  lesen  köane.  Wir  haben  die  Stelle 
in  uns.  Abh.  Chrono).  Grundlage  der  alten  chinesischen  Ge- 
schichte. München  1867  S.  26  lg.  bereits  mitgetheilt.  Die 
San-fen  sollen  von  den  dreiHoang:  Fu-lii,  Schin-nung  und 
Hoang-ti,  die  ü(fünf)-tien  von  den  fünf  Kaisern  (U-ti) 
Schao-hao,  Tschuen-hiü,  Ti-ko,  Yao  und  Schün  gehandelt 
haben.  Nach  dem  Tscheu-H  B.  26  F.  31  hatte  unter  der 
3.  D.  der  Annalist  des  Aeussern  unter  sich  die  Geschichte 
der  vier  Theile  des  Reiches,  die  Bücher  der  San  (<lrei)- 
Hoang  und  U-ti  (fünf  Kaiser);  diess  sollen  nach  den 
Schol.  der  San-fen  und  U-tien  gewesen  sein. 

Man  hat  noch  ein  kleines  Werk  unter  dem  Titel  San- 
fen,  welches  im  ersten  Jahrhunderte  nach  Christi  Geburt 
entdeckt  wurde.  Es  findet  sich  in  der  Sammlung  Han  Wei 
thsung  schu  I,  5  ;    s.  uns.  Abh.  über  diese  S.  5,  das  aber  nicht 


Plath:    Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  59 

für  echt  gilt.  Die  fünf  Kaiser  (u-ti)  werden  später  öfter 
genannt,  aber  welche  Kaiser  unter  diesem  Namen  verstanden 
werden,  darüber  sind  die  Chinesen  nicht  einig.  Wir  haben 
die  Stellen  aus  dem  Kia-iü  B.  23  S.  36 — 38  v.  über  die  U-ti, 
auch  im  Ta-thai  Li-ki  C.  7 ,  im  I-sse  95,  2  f.  7  v.  bis  9  v. 
und  zum  Tlieil  im  Sse-ki  B.  1  f.  l  v.  in  d.  Hist,  Einl.  z.  Con- 
fucius  Lehen  S.  447 — 449  bereits  mitgetheilt.  Bei  Tso-schi 
Tschao-kuug  A.  17  f .  9  f g  ,  S.-B.  25,  76—79  und  im  Kia-iü 
16  f.  19  spricht  der  Fürst  von  Than,  ein  vorgeblicher  Nach- 
komme des  alten  Kaiser  Schao-hao,  von  der  angeblichen 
Benennung  der  Beamten  unter  Hoang-ti,  Schin-iiung,  Kung- 
kung,  Fo-hi  und  Schao-hao.  Wir  haben  diese  Stelle  in  uns. 
Abh.  über  d.  Verfassung  und  Verwaltung  China's  unter  den  3 
ersten  Dynastien  S.  481  in  der  Anmerkung  bereits  angezogen, 
zugleich  aber  bemerkt ,  dass  darauf  wohl  wenig  Verlass  ist. 
Der  Kue-iü  desselben  Verfassers  erwähnt  auch  mehrere 
dieser  alten  Persönlichkeiten.  Kung-kung  verliess  einst 
nach  C  Tscheu-iü  1  f.  25  den  rechten  Weg  und  veranlasste 
die  grosse  Ueberschwemraung,  das  Volk  verliess  ihn  und 
der  Himmel  rottete  ihn  aus.  Im  C.  Lu-iü  2  f.  3  heisst  es, 
dass  einst  Lie-schan  das  Reich  inne  hatte.  Sein  Sohn  war 
Tschu ;  dann  erwähnt  er  auch  Kung-kung,  Hoang-ti,  Tschuen- 
hiü,  Ti'ko  und  darauf  Yao,  Schün  und  Yü,  im  C.  Tsching-iü 
3  f.  1  V.  fg.  auch  Kao-sin.  Aber  alle  diese  kommen  nur 
gelegentlich  da  vor. 

Eine  geschichtliche  Reihenfolge  der  Kaiser,  die  bis 
in  die  älteste  Zeit  reicht,  finden  wir  jetzt  zuerst  in  der 
Chronik  des  Bambubuches  (Tschu-schu  Ki-nien),  das  mit 
dem  zwanzigsten  Jahre  von  Yn-wang  der  3.  D,  (293  v.  Chr.) 
endet,  und  wie  man  daher  glaubt,  derzeit  verfasst  worden, 
aber  erst  284  n.  Chr.  im  Grabe  des  Königs  Slang  von  Wei 
(f  295  V.  Chr.)  aufgefunden  wurde,  s.  Legge  T.  HI  Prol. 
p.  106.  Es  beginnt  diese  Chronik  p.  108  mit  Hoang-ti, 
der  100  Jahre  regiert  haben  soll.  Schao-hao  wird  dann 
blos  erwähnt,  ohne  Angabe  der  Jahre  seiner  Regierung, 
Tschuen-hiü  (Kao-yang)  regiert  78  Jahre,  dann  Ti-ko  oder 
Kao-sin  63;  sein  Sohn  Tschi  wird  nach  9  Jahren  abgesetzt 
und  es  folgt  dann  Yao.  Die  Anmerkungen  zum  Buche  ent- 
halten noch  mancherlei  Legenden  z.  B.  über  die  wunderbare 
Geburt  und  Gestalt  Hoang-ti's  u.  s.  w.    Das  Werk  rindet  sich 


60        Sitzung  der  philos.-phildl.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

in  obiger  Sammlung  II,  1  und  ist  von  Biet  J.  As.  Ser.  III 
T.  12  und  13  übersetzt  und  von  Legge  Prol.  T.  III  der 
Text  mit  englischer  Uebers.  herausgegeben  worden. 

Sse-ma  thsien  in  seinem  Sse-ki  B.  1,  U-ti  Pen-ki, 
das  ist  die  Chronik  der  füuf  Kaiser,  beginnt  mit  Hoang-ti 
(2697  V.  Chr.)  spricht  dann  sehr  kurz  von  seinem  Enkel 
Tschuen-hiu  (Kao-yang);  darauf  folgen  gleich  Yao.  Schün 
und  Yü. 

Vor  diesem  findet  man  in  der  Ausgabe  des  Sse-ki  noch 
den  kurzen  Sau-hoang  Pen-ki.  Dieser  ist  aber  erst  von 
Sse-ma-tsching*)  zu  Ende  des  sechsten  Jahrhunderts  und 
am  Anfange  des  siebenten  n.  Chr.  verfasst.  Die  drei  Hoang 
heissen  bei  ihm  Fu-hi,  Niu-wa  und  Schin-nung^)  (bei 
Andern  aber,  wie  gesagt,  anders);   s.  Remusat  1.  c.  p.  147. 


2)  Man  hat  von  ihm  noch  ein  Supplement  zum  Sse-ki  unter 
dem  Titel  Su-yn,  d  i.  Untersuchung  des  Verborgenen  in  30  B.  ohne 
Kritik  aus  wenig  geachteten  Quellen  gesammelt  s.  Mem.  T.  I  p.  85, 
aus  welchem  die  Anmerkungen  zum  Sse-ki  lange  Auszüge  geben. 

3)  Pan-ku,  der  Geschichtschreiber  der  späteren  Han  unter 
Ming-ti  (58  —  70  v.  Chr.)  in  seiner  chronologischen  üebersicht  der 
chinesischen  Kaiser  B.  20  (Ku  kin  jin  piao),  beginnt  mit  Thi-hao 
oder  Pao-hi  (d.i.  Fu-hi),  dann  folgen  Schin-nung,  Hoang-ti,  Schao- 
hao,  Tschuen-hiü,  Ti-ko,  Tschi  (ausser  der  Reihe)  und  dann  Kao- 
thang,  d.  i.  Yao.  Unter  Fu-hi  werden  dann  noch  Niu-wa,  Kung-kung 
und  Andei'e  genannt,    unter  Schin-nung  Lie-schan  Schi. 

Die  Anhänger  der  Tao-sse  haben  seit  der  Dynastie  Han  und 
vielleicht  noch  früher  dann  fabelhafte  Dynastien  in  ungeheuren 
Perioden  von  mehreren  lOOü  Jahren  zwischen  Fu-hi  und  Yao  und 
noch  vor  des  Letzteren  Zeit  aufgeführt.  Wir  wollen  uns  aber  dabei 
nicht  aufhalten,  sondern  verweisen  desshalb  auf  P.  Gaubil :  Traite  de 
Chronol.  chin.  in  den  Mem.  c.  les  Chin.  T.  IG  p.  137  und  besonders 
auf  P.  Premare  Discours  preliminaire  zum  Chou-king. 

Es  ist  auch  nicht  nöthig,  die  späteren  Geschichtschreiber  nach 
Pan-ku  hier  alle  aufzuführen,  man  findet  Einiges  über  sie  bei  P.  Gaubil. 
Der  Art  ist  Hoang-fu(oder  pu)-mi,  der  Verfasser  der  Chronik  der) 
Kaiser  und  Könige  (Ti-wang  schi-ki),  der  auch  mit  Fu-hi  beginnt, 
den  er  110  Jahre  regieren  lässt,  dann  folgt  Niü-wa  nach  vierzehn  bis 
fünfzehn  Regierungen ,  ohne  Angabe  der  Jalire  ihrer  Regierung, 
darauf  Seh  in -nu  ng  120  Jahre,  dann  8  Fürsten  seiner  Familie  öSOJahre, 
darauf  Hoang-ti  undSchao-hao  je  100  Jahre,  Tschuen-hiü 
78  Jahre,  Ti-ko  70  Jahre,  Tschi  9  Jahre  und  dann  Yao.  Alles 
dieses,  sieht  man  leicht,  sind  willkürliche  chronologische  Sy- 
steme ohne  sichere  traditionelle  Grundlage.  Die  wenigen  historischen 
Anhaltspunkte  hat  jeder  sich  nach  seiner  Art  zurechtgelegt  und  ein 
chronologisches  System  sich  gebildet. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  61 

Eine  Sammlung  der  verschiedensten  Nachrichten  der 
spätem  Zeit  gibt  nun  derl-sse;  nachdem  im  ersten  Buche 
die  Voi'stellungen  und  Ansichten  über  die  Ursprünge  (Khai- 
phi  schu-yuen  schi)  aus  den  Philosophen  Lie-tseu,  Hoai-nan- 
tseu,  Wen-tseu,  Schi-tseu  (s.  unten),  aus  dem  untergeschobenen, 
schon  erwähnten  Buche  San-fen  f.  3  v. ,  dann  aus  dem  Pe- 
hu  tung,  Po-ya,  Ho-i-ki,  Scho-i-ki  in  der  erwähnten  Samm- 
lung I,  13  und  19,  IV,  7  und  8  und  andern  Werken  mit- 
getheilt  worden,  im  B.  2  lioang-wang  I-schue  erst  die  Aus- 
drücke Hoang,  VVang  und  Ti  erklärt  worden  und  dann  nach 
den  verschiedenen  alten  Wörterbüchern  (Eul-ya,  Schue-wen), 
den  Chroniken  u.  s.  w.  erörtert,  welche  Kaiser  und  Könige 
unter  den  San  (3) -Hoang  und  ü-ti  (5  Kaisern)  verstanden 
werden,  gibt  B,  3  die  verschiedenen  Nachrichten  über  Fu-hi; 
B.  4  die  über  Yen-ti  (Schin-nung) ;  B.  5  über  Hoang-ti; 
B.  6  über  Schao-hao;  B.  7  über  Kao-yang  (Tschuen-hiü); 
B.  8  über  Kao-sin  (Ti-ko)  und  B.  9  kommt  dann  zu  Kao- 
thang  oder  Kaiser  YuO. 

Die  Nachrichten  sind  aus  dem  Sse-ki ,  dem  Ti  -  wang 
schi-ki.  dem  Schi-pen,"*)  dem  San-fen,  dem  Pe  Im  tung,  dem 
Po-ya,  dem  Sin-schu  (in  der  Sammlung  III,  3)  aus  Li-schi's 
Tschün-tsieu,  dann  aus  den  Philosophen  Lie-t-eu,  Wen-tseu, 
Schi-tseu.  Yo-tseu,  Hoai-nan  tseu.  Pao  po  tseu  (über  diese 
s.  unten).  Mythisch  und  fabelhaft  sind  die  Angaben  aus  dem 
Ho-i-ki  und  Scho-i-ki.  Keines  dieser  Werke  reicht  über  die  Zeit 
der  5.  D.  Han  (202  v.  Chr.  bis  220  n.  Chr.)  und  manches  nicht 
einmal  so  weit  hinauf;  aber  auch  die  ältesten  Nachrichten 
schildern  uns  diese  alte  Zeit  nur  den  Grundzügen  nach, 
wie  diese  alten  Kaiser  und  ihre  .Minister  das  Volk  aus  dem 
rohen  Zustande  emporgehoben  haben,  w^as,  wie  gesagt,  wohl 
mehr  ein  historisches  Philosophen!  ist,  als  dass  es  auf  einer 


4)  Gaubil  Traite  p.  120  hatte  dsÄi  Werk  nicht  erhalten,  sondern  nur 
Citate  daraus.  Es  soll  aus  dem  Ende  der  D.  Tscheu  sein  und  von 
Hoang-ti  bis  Nan-wang  gehen.  P  Premare  Disc.  prel.  p.  LXXXII 
sagt:  che  pen  est  un  livre  de  genealogies  incertaines  et  qui  se 
contradissent  Sse -  ma -  tsien  le  suit,  s'il  n'en  n'est  pas  l'Auteur. 
Nach  der  Vorrede  zum  Sse-ki  benützte  Sse  ma-tsien  den  Schi-pen, 
wie  den  Tscheu  kue  tse.  Der  Tsien  Han-schu  C.  30  f.  7  hat  Schi-pen 
ISPien. 


62        Sitzung  der  phüos.-philol.  Ctasse  vom  8.  Janu-ar  1870. 

historischen  Tradition  beruhte.  Wenn  bestimuitu  einzelne 
Erfinder  der  verschiedenen  Werkzeuge ,  Künste ,  Geräthe, 
namentlich  im  Schi-pen  aufgeführt  werden,  so  ist  bei  den 
Widersprüchen  der  verschieden  Autoren  dabei  darauf  nicht 
mehr  zu  geben ,  als  wenn  Tubalkaiu  in  der  Bibel  der  Er- 
finder der  Erzarbeiten  heisst.  Wenn  Andere  die  Einfachheit 
und  Sittenreinheit  der  alten  Zeit  rühmen,  so  ist  das  auch 
Einbildung.  Wieder  Andere  umgaben  ihre  Geburt  und  ihr 
Leben  mit  Wundergeschichten  und  ganze  Bücher  wurden 
ihnen  später  untergeschoben. 

2)    Vau.    Schün,    Yü. 

Hier  haben  wir  schon  mehr  historische  Nachrichten  im 
Schu-king.  Die  ersten  Kapitel ,  Yao-tien  (I,  1) ,  Schün-tien 
{II,  1),  Ta-yü-mo  (II,  2),  Kao-yao-mo  (II,  3),  d.  i.  die  Satz- 
ungen Yao's,  die  Satzungen  Schün's.  die  Rathschläge  des 
grossen  Y'^ü  und  I-tsi  (II,  4),  welches  nur  eine  Fortsetzung 
des  vorigen  Kapitels  ist,  sind  allerdings  keine  gleichzeit- 
igen Urkunden.  Die  Anfangsworte  bei  allen:  .,die  den 
alten  Kaiser  "i'ao ,  Schün ,  Yü  u.  s.  w.  untersucht  haben 
sagen'" :  (jo  ki  ku  ti  Yao  yuei)  zeigen,  dass  sie  aus  späterer 
Zeit  sind ;  sie  sind  auch  nicht  einmal  rein  geschichtlich.  Die 
alten  Kaiser  und  ihre  Minister  werden  darin  schon  verherr- 
licht; indess  enthalten  sie  auch  nach  Legge's  Annahme  doch 
historische  Thatsachen.  Die  Gesprächsform  zwischen  den 
Kaisern  und  ihren  Käthen ,  in  welche  sie  eingekleidet  sind, 
mag  dem  späteren  Verfasser  angehören.  Die  moralischen 
und  politischen  Regierungsgrundsätze,  die  den  Kaisern  und 
ihren  Ministem  in  den  Mund  gelegt  werden,  sind  aber  doch 
wohl  die  alten  chinesischen  Grundsätze  und  ihnen  nicht  blos 
untergeschoben,  wie  wir  das  bei  den  Aeusserungen  ä]»äterer 
Schriftsteller  über  sie  allerdings  annehmen  müssen. 

Einen  anderen  Charakter  trägt  das  folgende  Kapitt;! 
Y'^ü-kung,  d.  i.  die  Tribute  Yü's,  welches  eine  Beschreibung 
der  9  Provinzen  Ühina's  und  Yü's  Arbeiten  zur  Entwässerung 


Plath:  QueÜeyx  der  alten  chines.  Geschichte.  6$ 

des  Landes  enthält.  Dieses  Kapitel  hat  nicht  die  oben  an- 
gezogenen Worte  zur  Einleitung  und  wir  halten  es  daher, 
entgegen  Biet  und  Legge,  für  ein  altes  gleichzeitiges  Docu- 
ment,  während  die  Steininschrift,  welche  Yü  auf  dem  Berge 
Heng  in  Hu-nan  errichtet  haben  soll ,  die  er>t  Tschao-i  zu 
Ende  des  L  Jahrhunderts  n.Chr.  in  seiner  Chronik  der  Reiche 
ü  und  Yuei  (ü  Yuei  Tschün-thsitu.  in  der  Sammlung  II.  4) 
erwähnt  und  auf  welche  Klaproth  und  Buusen.  als  die  älteste 
der  Welt  nach  den  ägyptischen  des  alten  Reiches .  noch  so 
grosse  Stücke  geben,  aus  späterer  Zeit  sein  mag.  Wir  be- 
ziehen uns  der  Kürze  wegen  aut  unsere  Abb.  :  Die  Glaub- 
würdigkeit der  ältesten  chinesischen  ü-eschichte,  a. 
d.  S.  B.  d.  Akad.  1866  I  p.  524  fg.,  mit  den  Zusätzen  1867 
I,  2  S.  247  fg.  und  jetzt  auf  unsere  Abb.  :  China  vor 
4000  Jahrou.  München   1869  8",  a.  d.  S.  B.  I,  2  fg. 

Diese  Stücko  enthalten  die  ältesten  Nachrichten  über 
diese  alten  Kaiser.  Der  alte  Schu-king  enthielt  noch  einige, 
die  verloren  gegangen  sind.  Wir  kennen  die  Titel  und 
den  Gegenstand  derselben  aus  der  Vorrede  zum  Schu-kinij 
(Schu-siü)  bei  L^  gge  T.  111  p.  1  fg..  welche  Einig ;  dem  Con- 
fucius  ohne  genügenden  Grund  zuschreiben .  §  3  lautet  da : 
..der  Kaiser  (Schün)  regelte  die  Gebiete,  bestimmte  die. 
welche  im  Gebiete  residiren  sollten .  gab  ihnen  die  ver- 
schiedenen Namen ,  vertheilte  die  Glassen.  Dies?  war  be- 
schrieben in  den  (verlorenen  3  Kapiteln)  Kuo-tso.  die  Aus- 
führung der  Verwaltung,  Kieu-kung.  vielleicht  die  9  Ab- 
gaben (der  Sinn  des  letzten  Wortes  ist  nicht  deutlich)  in 
9  Abschnitten  (Pien)  und  dem  Kao-yü,  wovon  die 
Bedeutung  ebenfalls  ungewisi  ist. 

Im  Lieder  buche  (Schi-king)  werden  Yao  und  Schün 
nicht  erwähnt,  unter  Yao  eigentlich  nur  der  \orstAnd  der 
JustizKao-yaoLu-sungimlV,  2,  3,  häufiger  sein  Ackerminister 
Heu-tsi,  als  der  Ahn  der  dritten  D.  Tscheu,  z.  1'.  IV,  2,  4, 
dann  Yü;     wir   haben   die  Stellen   im  Zusätze  zu  u,  obigen 


64        Sitzung  der  philos.-pMlol  Classe  ro??i  8.  Januar  1870. 

Abb.  S.-B.  1867  I.  S.  250  schon  angeführt  und  wie  sie 
einigermassen  zur  Bestätigung  des  Schu-king  dienen  könnten, 
wenn  sie  diesem  nicht  entnommen  wären. 

Nach  dieser  Zeit  werden  diese  3  alten  Musterkaiser  und 
ihre  weisen  Minister  von  Coufucius,  seinen  Schülern  und 
besonders  Meng-tseu  vielfach  gefeiert.  Wir  verweisen  der  Kürze 
wegen  auf  unsere  Hist.  Einl.  zu  Confucius  u.  s.  Schüler 
Leben,  a.  d.  Abb.  d.  Akad.  1867  I.  Cl.  XL  Bd.  IL  Abth.  S.  353 
bis  366  (5 —  18),  wo  wir  die  sie  betreffenden  Stellen  zu- 
sammrngestellt  hüben.  Ihre  Aeusserungen  können  wohl  nicht 
als  Quellen  der  Geschichte  betrachtet  werden ;  wir  bemerken 
daher  nur,  dass  sie  sich  im  Ganzen  auf  den  Schu-king 
stützen ,  doch  kommen  bei  Confucius  und  namentlich  bei 
Meng-tseu  mehrere  Mittheilungen  vor,  die  nur  aus  der  Tra- 
dition geschöpft  sein  können.  Dahin  rechnen  wie  die  Nach- 
richt bei  Meng-tseu  von  9  Söhnen  Yao's,  die  detaillirten 
Nachrichten ,  über  die  Nachstellungen ,  welche  Schün  von 
seinen  Eltern  und  seinem  Halbbruder  erfuhr  und  von  der 
grossen  Pietät,  die  er  dabei  zeigte,  Yü's  einfaches  Leben 
die  Angaben  über  die  Art  ihrer  Nachfolge  u.  s.  w.  Con- 
fucius Zeitgenosse,  Tsokieuming  erwähnt  Yao,  Schün  und 
Yü,  auch  dessen  Vater  Kuen,  s.  Gaubil  p.  99,  102,  die  Urnen 
Yü's  und  deren  Schicksal;  s.  Gaubil  p.  100.  Der  Tscheu-pei 
suan-king,  dessen  erster  Theil  nach  Gaubil  p.  121  fg.  (?)  aus 
dem  Anfange  der  D.  Tsclieu  ist,  schreibt  Yü  die  Kenntniss  des 
rechtwinkeligen  Dreiecks  zu  (s.  P.  Premare  p.  CY  u.  die  üebers. 
der  Schrift  von  Biot  im  Journ.  As.  1841  Ser.  III  T.  11  p.  601, 
den  chines.  Text  im  I-sse  B.  151  f.  1  v.),  aber  auch  schon 
Pao-hi,  Fu-hi  besondere  Kenntnisse ;  das  verdächtigt  es ! 

Die  Chronik  des  Bambubuches  in  ihren  Angaben 
über  diese  3  alten  Kaiser  gibt  für  die  einzelnen  Data,  welche 
der  Schu-king  anführt,  immer  bestimmte  Jahre  an,  z.B. 
setzt  sie  den  Erlass  an  die  Astronomen  Hi  und  Ho  in  Yao's 
erstes  Jahr,     seine   erste  Inspectionsreise   iu   dessen   fünftes 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  65 

Jahr  u.  s.  w.,  Bestimmungen ,  die  wohl  kaum  historisch 
sind.  Einige  neue  Angaben,  wie  die  Huldigung  des  Häupt- 
lings der  Zwerge  in  Yao's  29.  Jahre,  einige  physische  Phäno- 
mene fügt  sie  auch  noch  hinzu.  Die  Noten  zu  dieser 
Chronik  geben  noch  allerlei  Wundergeschichten  über  ihre 
Geburt  und  Gestalt,  welche  Confucius  und  seiner  Schule 
noch  fremd  gewesen  oder  von  ihr  vernachlässiget  zu  sein 
scheinen. 

Der  Sse-ki  begreift  Yao  und  Schün  noch  unter  den 
fünf  Kaisern  im  U-ti  Pen-ki  B.  1 ,  Yü  aber  in  B.  2  Hia 
Pen-ki.  Was  Yao  betritft,  so  sind  die  Angaben  desselben 
über  ihn  nach  dem  Anfange  zu  seinem  Preise  aus  den 
beiden  ersten  C.  des  Schu-kiug,  dem  Yao-  und  Schün-tien 
entlehnt.  Der  Schluss  1  f.  13  möchte  aus  Meng-tseu  V,  1, 
5,   1  sein. 

Schün  betreffend  B.  1  f.  13—21  beginnt  mit  einer 
Genealogie  desselben,  wie  man  sie  von  Yao  bei  ihm  nicht 
iitidet.  Was  dann  nicht  aus  dem  Schu-king  C.  Schün-tien  (II  §  14 
bis  27)  ist,  entnimmt  er  wohl  Meng-tseu,  so  ist  die  Anekdoten 
über  die  Verfolgung  Schün's  durch  seinen  Vater  Ku-seu  und 
und  seinen  Halbbruder  Siang  aus  Meng-tseu  V  1,  2,  3,  wie 
er  am  Li-schan  (Berge)  ackerte,  fischte  und  töpferte  aus 
Meng-tseu  II,  1,  8,  3;  die  9  Söhne  Yao's,  die  dieser  ihm 
sandte,  sind  aus  Meng-tseu  V,  2,  6,  6  u.  s.  w.  W^oher  er  die 
Nachricht  über  die  Grenzen  des  Reiches  f.  19  und  über  den 
Tod  und  das  Begräbniss  Schün's  hat.  weiss  ich  nicht ;  man  zeigt 
noch  die  Gräber  dieser  alten  Kaiser  in  China,  ob  nach  einer 
alten  echten  Tradition  oder  einer  späteren  Erfindung,  wer 
mag  darüber  entscheiden.  Die  Belehnung  seines  Halbbruders 
f.  20  ist  schon  bei  Meng-tseu  V,  1,  3,   1. 

Yü's  Geschichte  beginnt  wieder  mit  seiner  Genealogie. 
Die  folgenden  Angaben  über  ihn  sind  aus  dem  Schu-king 
C.  Yao-tien  §  11,  Schün-tien  §  17  und  den  C.  Yü-kung 
(f.  3—11),  Kao-yao  Mo  und  I-tsi.  Die  Anekdote,  dass  er 
bei  der  grossen  Ueberscliwemmung  mehrere  Jahre  sein  Haus 
nicht  betrat,  ist  wohl  aus  Meng-tseu  III,  1,  4,  7;  seine 
Erhebung  wird  ebenso    wie  bei  diesem  erzählt.     Zuletzt  er- 

[1870.  1. 1.]  5 


66        Sitzung  der  philos.-philot  Clause  vom  8.  Januar  1870. 

zählt  er  noch  seinen  Tod  auf  einer  Rundreise  /u  Hoei-lfi. 
Man  zeigt  da  noch  Kaiser  Yü's  Grab. 

Eine  sehr  reiche  Sammlung  späterer  Nachrichten,  Le- 
genden, Fabeln  und  Erdichtungen  über  diese  alten  Kaisei' 
hat  der  I-sse  B.  9 — 12  zusammengestelh.  D.  9  Thao 
Thangki,  handelt  von  Yao;  B.  10  Yeu  Yüki  vuu  Schün; 
B.  11  Y^ii  ping  schui-tu  vonYü's  Wasserarbeiteu  u.  B.  12 
Hia  Yü  scheu-schen  nch  noch  von  ihm.  aber  auch  >chon 
von  seinem  Nachfolger. 

Es  wäre  nicht  ohne  Interesse,  die  verschiedei^en  Nach- 
richten, Legenden  und  Fabeln  mit  welchen  später  diesc  alten 
Kaiser  und  ihre  Minister  umgeben  wurden,  die  Dialogen, 
welche  ihnen,  namentlich  bei  den  s.  g.  Philosophen  (Tseu). 
in  den  Mund  gelegt  werden,  mitzulheilen ;  wir  raüssi.n  aber 
hier  darauf  verzichion  und  können  nur  au.''  einige  der  Schriften 
—  alle  erst  aus  der  Zeil  der  5.  D.  Hau  und  später,  denrn 
sie  entnommen  sind,  hinweisen,  und  etwa  die  Nachrichten 
über  Yao  beispielshalber  kurz  andeuten.  Ausser  dem  Schu- 
king  —  Meng-t?eu  und  die  Schüler  des  Con^'ucius  werd-n  eigen- 
thümlicher  Weise  nicht  angefüjirt  —  wohl  aber  der  Ta-thai 
Li-ki  und  der  grosse  Commentar  zum  Schu-king;  (Schang- 
schu  Ta-tschu^^n)  und  Ti  Yao  Pei ,  ein  angebliches  Stein- 
denkmal des  Kaisers  Yao,  —  von  späteren  Geschichtswerken, 
ausser  dem  Sse-ki  die  s.  g.  Chronik  Liü-schi's  (Tschün-thsieu^^, 
die  schon  erwähnte  Chronik  der  Kaiser  und  Könige  von 
Hoang  fu-mi,^)  der  unechte  Y^o-tseu,  die  späteren  Philosophon 
Kuang-tseu,  Tschuaüg-tseu,  Schi-tseu,  Hoai-nan-tseu  u.  A.,  dann 
von  Miscellaneen  der  Pe-hu-thung,  der  Sin-schu,  Schue-yuen. 


5)  26  verschiedene  Abhandlungen ,  die  ^^ele  sonst  nicht 
bewährte  historische  Angaben  über  die  alte  Geschichte  Chinas  ent- 
halten. Der  Verfasser  soll  Liü-pu-wei  aus  der  Zeit  Thsin  SchiHoang- 
ti's  (240  V.  Chr.)  sein:  s.  Han-schu  K.  30  f.  20  n.  Kat.  13  f- 2  v.  (unter 
Tsa  Kia),   vgl.   Wjlie  p.  126. 

6)  Dieses  Werk  aus  d.  D.  Tsin,  dessen  Vf.  282  n.  Chr.  starb  und 
den  Tao-sse  sich  zuneigte,  existirt  nach  Gaubil  Tr.  p.  142  nicht  mehr 
ganz,  sondern  nur  Fragmente  davon  bei  andern  Historikern,  aber 
desselben  Verfassers  Kao-sse  tschuen  haben  wir  in  der  oft  er- 
wähnten Sammlung  II,  14.  Es  enthält  kurze  Biographien  berühmter 
Chinesen  von  Yao  bis  auf  seine  Zeit,  8  aus  Yao's  Zeit;  siehe  meine 
Abh.  über  die  Sammlung  S.  291  fg.  und  Wylie  p.  28. 


Plath:  QueUen  der  alten  chines.  Geschichte.  67 

Po-voe-tschi.  Tsieu-fu-lün,  Ho-i-ki  u-  Scho-i-ki^),  Lo-thao^), 
Schan-bai-king^) ,  Ku-kin-tschu  und  Lün-heng.  Der  Tha- 
thai  Li-ki  im  I-sse  9  f.  1  spricht  von  Yao's  Geburt  nach 
14  monatlicher  Schwangerschaft  seiner  Mutter ,  von  seiner 
Gestalt  u.  s.  w.  und  später  f.  9.  von  seiner  Frau. 

Die  Chronik  der  Kaiser  und  Könige  erwähnt  seiner 
Söhn^'  un  1  gibt  für  seine  Geburt,  Thronbesteigung,  die  Ueber- 
tragung  der  R'-gentschaft  an  Schün  und  seinen  Tod  in  sein^'^m 
118.  Jahre,  im  98,  seiner  Regierung  das  bestimmte  Jahr, 
jedesmal  mit  dem  Cycluszeichen  an.  Sie  nennt  auch  den 
Ort  seines  Begräbnisses  Ko-lin.  Eben  diesen  nennen  auch 
Me-tseu  (Jieser  mit  näheren  Angaben  über  seine  Beerdigung) 
Liu-schi's  Tschhün-thsieu  und  der  Schan-iai-king).  In  diesen 
könnte  man  einige  l)istori>che  Data  erhalten  glauben,  obwohl 
kaum  in  den  so  bestimmten  Zeitangaben. 

Der  Schue-yuen  im  I-sse  f.  6  u.  Hoai-nan-tseu  nennen 
die  Hauptämter  unter  Yao  und  die  Männer,  welche  sie 
bekleideten.  Die  meisten  sind  aus  dem  Schu-king.  Es 
kommen  aber  auch  einige  vor,  die  sich  dort  nicht  finden,  und 
die  detaillirte  Angaben  über  ihre  Thätigkeit  bei  dem  letztern, 
sowie  die  über  die  Erfindungen  zu  seiner  Zeit  und  die 
Thätigkeit  namentlich  Heu-tsi's  im  Sin-iü  ib.  f.  6  v.  sind 
wolil  mehr  ein  Produkt  der  Phantasie,  als  geschichtliche 
Tradition;  s.  m.  Abb.  China  vor  4000  Jahren  S.    107. 

Der  Ajt  ist  auch  wohl  die  Schilderung  der  Einfachheit 
der  Wohnung,  Kleidung,  Nahrung  und  Hauseinrichtung  Yao's, 
im  Gegensatze  zum  Luxus  späterer  Zeiten,  bei  Hoai-nan-tseu 
ib.  f.   1.  V.  und  bei  Schi-tseu  f.  2  und  aus  dem  Lo-thao  f.  2. 

Ebenso  wenig  wird  auf  die  Schilderung  von  Yao's 
Regierung    und    sein    Vordringen     bis    Kiao-tschi    und    zur 


7)  Diese  9  in  der  Sammlung  I,  13;  III,  3  u.  5:  IV,  2:  IV,  1  ;  (s.  S.80) 
III,  lOu.  II  u.  IV,  7u.  8;  s.  m.  Abb  da  u.  Wylie  p.  127.  67.  153.  128 
u.  154. 

8)  D.  i.  die  6  Köcher,  ein  untergeschobenes  Werk  aus  der  Zeit 
nach  D.  Han,  angeblich  von  Liu-wang,  Minister  Tscheu  Wen-wang'a 
S.  Kat.  9  f.  22  v.  u.  Wylie  f.  72. 

9)  D.  i.  das  classische  Buch  über  Berge  und  Flüsse  in  ISK.,  eine 
alte  phantastische  Geographie  Chinas,  angeblich  aus  Yü's  Zeit,  man 
meint  aus  der  D.  Tscheu  j  siehe  Katalog  K.  14  f.  29,  Wylie  p.  35  und 
Bazin  im  Journ.  As.  1839  B.  8.  Es  ist  in  Berlin  d.  Ausgabe  von  1667 
in  23  Büchern  in  4  Heften  nach  Schott's  Entwurf  S.  77. 


68       Sitzung  der  philos.-philol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Sandwüste  (Lieu-sclia)  im  Sin-schu  ib.  f.  3  v.  etwas  zu  geben 
sein  u.  s.  w.  Für  ganz  erdichtet  wird  man  die  Reden  und 
Dialoge  halten  müssen,  die  ihm  verschiedenthch  beigelegt 
werden.  Die  Geschichte  der  Hau  (Han-schu)  ib.  f.  sagt 
schon :  ,,In  der  Klasse  der  kleinen  Literatur  (Siao  schue- 
kia)  ist  ein  Werk  von  Tsching-tsu  in  11  Abschnitten  (Pien) ; 
dieses  enthält  Fragen  von  Yao,  aber  dipses  ist  keine  alte  Rede." 

Sehr  weitläufige  Angaben  aus  der  Chronik  der  Kaiser 
und  Könige,  aus  Tschuang-tseu  und  ähnliche  aus  Liü-schi's 
Tschhün-thsieu,  dann  aus  I'u-tseu,  Han-fei-tseu,  und  dem  Kao- 
sse-tschuen  hat  der  I-sse  f,  7  bis  9  über  einen  Hiü-yeu,  dem 
Yao  in  seinem  Alter  die  Herrschaft  übertragen  wollte,  der 
sich  aber  weigerte  und  in  die  Eins;imkeit  entfloh,  ebenso  als 
er  ihn  zum  Vorstand  der  9  Provinzen  machen  wollte.  Es 
soll  sein  Grab  noch  gezeigt  werden  und  ein  Werk :  Copien 
alter  und  jetziger  Musik  (Ku  kin  yo-lo)  soll  ein  Gedicht  ent- 
halten, das  Yao  auf  ihn  machte.  Weder  der  Schu-king  noch 
Confucius,  seine  Schüler  und  Nachfolger  erwähnen  aber  seiner. 

Endlich  finden  sich  hier  noch  mancherlei  Wunder- 
geschichten und  gute  Wahrzeichen  (Omina),  welche 
Yao's  Regierung  verherrlicht  haben  sollen,  seltene  Pflanzen, 
die  an  ungewohnten  Orten  aufschössen,  seltene  Vögel,  wie 
der  chinesische  Phönix  ( Fung-hoang),  grosse  geisterhafte 
Schildkröten,  glänzende  Sterne,  die  am  Himmel  leuchteten  u. 
ein  süsser  Thau,  der  auf  die  Eide  herabfiel.  Der  Scho-i-ki 
ib.  f.  5  führt  zehn  solcher  glücklichen  Wahrzeichen  (Sui) 
auf.  Auch  der  Ho-i-ki  ist  weitläufig  darüber.  Wir  finden 
dergleichen  auch  aus  dem  Schang-schu  tschung-lieu  ib.  f.  5 
und  einem  besonderen  Werke,  welches  die  Chinesen  über  solche 
Wahrzeichen  haben,  (dem  Sung  fu  sui  tschi),  dann  aus  dem 
Tien-kieu-tseu  und  dem  Po-voe-tschi.  Das  alte  etymologische 
Wörterbuch  der  Schriftsprache,  der  Schue-wen,  aus  der  Zeit 
der  D.  Han,  erklärt  schon  den  Namen  einer  solchen  Pflanze 
von  guter  Vorbedeutung,  welche  zu  Yao's  Zeiten  angeblich 
wuchs. 

Dieses  mag  als  Andeutung  dessen,  was  man  in  diesen 
späteren  Schriften  über  diese  alten  Kaiser  findet,  dienen. 
Wir  müssten  zu  weitläufig  werden,  wollten  wir  ähnliche  auch 
über  seinen  Nachfolger  geben ,  oder  sie  ausführhcher  mit- 
theilen :  doch  ist  es  vielleicht  von  Interesse  für  die  Geschichte 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  69 

der  Legenden-  und  Mytheubildung  später  einmal  in  ein 
grösseres  Detail  darüber  einzugehen.  Confucius  und  seine 
Schule  haben,  Rationalisten  wie  sie  sind,  dergleichen  wenn 
es  auch  vielleicht  zu  seiner  Zeit  sich  schon  vorfand,  unbeachtet 
gelassen ;  es  ist  aber  China  ebenso  wenig  fremd,  als  dem 
westlichen  Asien,  dem  Europa  seine  Legenden  verdankt. 

3)  Dürftige  Nachrichten  über  die  erste  und  zweite 
Dynastie  (2205  —  1122  v.  Chr.). 

Wir  haben  schon  gesagt,  dass  wir  über  die  folgenden 
Kaiser,  mit  Ausnahme  der  Geschichte  des  Sturzes  der 
Dynastien  fast  gar  keine  Nachrichten  haben.  Es  begreift 
sich  das,  da  der  Schu-king,  jetzt  die  Hauptquelle,  kein 
Gesichtswerk  nach  unserer  Art,  sondern  mehr  ein  Spiegel  der 
Regierung  zur  Nachahmung  oder  Warnung  sein  sollte,  deren 
Confucius  aus  so  alter  Zeit  nur  wenige  noch  vorfinden  mochte. 

a)  Aus  der  ersten  Dynastie  Hia  (2205  —  1766  v.  Chr.) 
hat  der  Schu-king  nur  drei  Stücke:  111,2  Kan-tschi.  die 
Rede  (bei  der  Schlacht)  von  Kau,  nach  der  Vorrede  zum 
Schu-king  §  6  und  Sse-ma-tshien  von  Yü's  Sohn  und  Nach- 
folger Khi,  während  Tschuang-tseu  und  Lieu-hiang  in  seinem 
Schue-yuen  B.  7  von  Yü  sprechen  und  auch  Me-tseu  sie 
noch  Yü  zuschreibt.  Andere  wie  Liu-schi's  Tschün-thsieu  im 
I-sse  B.  12  f.  9  setzten  sie  schwerlich  richtig  sogar  erst  unter 
den  späteren  Kaiser  Hia  Siang;  s.  Legge  T.  3  p.  153.  Der 
Text  spricht  nur  vom  Kaiser,  ohne  ihn  zu  nennen.  HI,  3 
U-tseu  tschi-kho,  d.i.  der  Gesang  der  5  Söhne,  eigentlich 
Brüder  (Thai-khang's),  enthält  ihre  Klagen,  als  dieser  Kaiser 
ausartete,  dem  sie  ihres  Ahnherrn  Yü  weise  Gründsätze  vor- 
halten. Der  Kue-iü  und  Tso-tschuen  citiren  Stellen  daraus, 
man  setzt  das  Cap.  21G9  v.  Chr.  Wir  haben  es  mitge- 
theilt  in  unserer  Abhandlung  China  vor  4000  Jahren  S.  130. 
in,  -i  endlich  Yn-tsching,  geht  auf  den  sonderbaren 
Strafzug  gegen  die  Astronomen  Hi  und  Ho,  die  ihr  Amt 
vernachlässigt  hatten,  unter  Kaiser  Tschung-khang,  (2159-2146 


70        Sitzung  der  pTiilos.-philol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

V.  Chr.^,  dem  vierten  Hia.  Die  folgenden  12  Kaiser  der 
1.  D.  werden  im  Schu-king  gar  nicht  erwähnt,  mit  Aus- 
nahme des  letzten  Kie  beim  Sturze  der  D.  Die  Vorrede 
zum  Schu-king  §  6 — 8  kennt  auch  keine  andern  etwa  ver- 
loren gegangenen  Stücke.  Bei  Confucius.  seinen  Schülern 
und  Nachfolgern  wird  ausser  dem  letzteren,  dem  Tyrannen 
Kie,  auch  keiner  weiter  erwähnt. 

Das  Bambubuch  bei  Legge  Prol.  T.  III  p.  118— 127  ist 
über  diese  Dynastie  auch  sehr  kurz,  doch  erwähnt  es  manche 
Einzelheiten  über  ihre  Residenzen.  Visitationsreisen,  Anstell- 
ungen u.  s.  w.  wieder  mit  bestimmten  Jahresangaben. 
Unter  Tschung-khang's  Nachfolger  Kaiser  Siang  brachen 
Unruhen  aus,  er  musste  fliehen  vor  seinem  Minister,  den 
tödtete  sein  Beamter  Han-tso,  der  dann  auch  den  Kaiser 
Siang  umbrachte  und  sich  zum  Kaiser  aufwarf.  Indess  war 
die  Frau  des  ermordeten  Kaisers  schwanger  und  gebar 
den  Schhao-khang,  d.  i.  den  kleinen  Khang,  der  nach  40 
Jahren  wieder  auf  den  Thron  gelangte.  Wir  kennen  diese 
Geschichte  nur  aus  Tso-tschuen  Siang-kung  Ao.  4  ;  s.  Gaubil 
Tr.  f.  99.  Meng-tseu  IV,  4,  2,  24  und  Lün-iü  14,  1.  6  er- 
wähnen den  J.  aber  nur  als  ausgezeichneten  Schützen.  Diese 
Geschichte  kommt  nun  auch  im  Banibubuche  vor.  Aus  der 
Zeit  der  folgenden  Kaiser  werden  nur  einzelne  Kämpfe  mit 
Vasallenfürsten  und  barbarischen  Stämmen  oder  deren  Hul- 
digung erwähnt.  Tso-tschuen  erwähnt  noch  des  Grabes  von 
Ti-Kao  und  spricht  von  Khung-kia,  auch  derKue-iüTscheu- 
iü  1  f.  30  V. 

Der  Sse-ki  B.  II  Hia  Pen-ki  enthält  über  Yü's 
sämmtliche  Nachfolger  nur  zwei  Blätter  f.  14 — 16  v.  ausser 
dem,  was  dem  Schu-king  entnommen  ist ,  fast  nur  die  Namen 
der  Kaiser,  nicht  einmal  mit  Angabe  ihrer  Regierungsjahre, 
selbst  die  Geschichte  von  Siang  und  seinem  Nachfolger 
Schhao-khang  wird  nicht  einmal  erzählt,  nur  von  Khung-kia 
wird  sein  Aberglaube  und  der  Verfall  der  D.  erwähnt.  Den 
Untergang  der  D.  hat  er  schon  in  der  Geschichte  der  2.  D.  Schang. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  7 1 

Aus  dem  I-sse  gehören  zwei  Bücher  hieher.  B.  12  Hia 
Yü  scheu -sehen  und  B.  ]3  Schhao-khang  tschung 
hing;  ß.  14  Schang-Thang  mie  Hia  enthält  dann  schon 
die  Vernichtung  der  D.  Hia  durch  den  Gründer  der  zweiten 
D.  Tsching-thang.  B.  12  handelt  fast  ganz  f.  1—8  v.  von 
Yü;  von  seinem  Sohne  und  Nachfolger  Khi  nur  f.  8  v.  —  9  v. 
Ausser  dem  Schu-king,  dem  Sse-ki  und  dem  Bambubuche 
sind  hier  noch  Stellen  aus  den  Schol.  zum  Tsu  tse***)  (tschü). 
Aus  Meng-tseu  V  1.  6.  1  wi?=sen  wir,  dass  Yü  das  Reich 
seinem  Minister  Y  hinterlassen  wollte,  aber  das  Volk  folgte 
nach  seinem  Tode  nicht  diesem,  sondern  seinem  Sohne  Khi. 
Dieses  wird  auch  hier  berichtet,  und  ebenso  im  Yuei  tsüe- 
schu.  Aus  dem  Banjbubuche  wird  angeführt,  dass  Khi  ihn 
tödtete,  was  in  unserm  nicht  steht. 

Aus  dem  Tao  kien-lo^^)  wird  noch  von  einem  kupfernen 
Schwerte  aus  seiner  Zeit  berichtet.  Auch  von  einer  Musik 
und  Liedern  aus  seiner  Zeit  ist  noch  die  Rede  im  Tsu-tse- 
tschü.  B.  13  gibt  über  T^chung-khang  nur  die  Stelleu  des 
Schu-king,  Sse-ki  und  des  Bambubuches;  der  Tsu  tse  tschü 
spricht  wieder  von  der  Musik  des  ersten. 

Aus  der  Geschichte  der  späteren  Han  (Heu  Han-schu) 
wird  des  Abfalles  der  Barbaren  f.  2  erwähnt.  Die  Geschichte 
der  Kaiser  und  Könige  erzählt  dann  f.  2.  v.  die  Geschichte 
von  J,  seinen  Vorfahren,  seiner  Ermordung  durch  Han-tso 
und  wie  dieser  den  Kaiser  Siang  tödtete  und  den  Thron 
usurpirte,  bis  er  wieder  getödtet  wurde  und  Schao-khang  auf  den 
Thron  gelangte.  Auch  aus  dem  Bambubuche  und  dem 
Tsu-tse-tschü  wird  dieses  berichtet.  Aus  der  Chronik  von 
U  und  Yuei  wird  erwähnt,  wie  Kaiser  Schhao-khang  den  \Vu-yü 
niit  Hoei-ki  belehnte,  um  die  Opfer  Yü's  fortzuöetzen.  Von 
den  folgenden  Kaisern  gibt  auch  der  I-sse  nichts  als  die 
Namen  aus  dem  Sse-ki  und  dem  Bambubuche. 

B.  14  handelt  mehr  vom  Stifter  der  zweiten  D.  Thang, 
der  die  erste  D.  vernichtete,  doch  gibt  er  f.  2  noch  Stellen 
über  den   14.  Hia-Kaiser  Khung-kia    aus  dem    Sse-ki    und 


10)  Es  sind  dies  wohl  die  Gedichte  aus  dem  Reiche  Tsu ;    siehe 
Wylie  p.  181. 

11)  Das  Werk  ist  in  der  oft  erwähnten  Sammlung  IV  26;  s.  m. 
Abh.  S.  324. 


72        Sitzung  der  philos.-philol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Liü-schi's  Chronik;  aus  dem  Tao  kien  lo  eine  Notiz  über 
ein  eisernes  Schwert  aus  seiner  Zeit ;  noch  hat  er  eine  Ge- 
schichte von  ihm  aus  dem  Lie-sien  tschuen^-). 

Ueber  den  letzten  Kaiser  der  ersten  D.  Kie  folgt  dann 
nach  der  Stelle  des  Sse-ki  eine  aus  der  Chronik  der  Kaiser 
und  Könige,  dann  aus  dem  Lie-niü-tschuen  namentlich  über 
seine  Frau,  die  auch  im  Kue-iü  sich  findet,  und  noch  einige 
kurze  Stellen  über  Kie  aus  Schi-tseu  und  Me-tseu  f.  3. 

b)  D.  Schang.  lieber  den  Sturz  des  letzten  Hia- 
Kaisers  und  die  Gründung  der  zweiten  Dynastie 
durch  Tsching-thang  hat  der  Schu-king  B.  IV  im  Schang- 
schu  schon  mehr  Dokumente.  Es  sind  folgende:  IV,  1 
Thang-tschi,  Anrede  Thang's  an  sein  Heer  vor  dem  Kriege; 
IV,  2  Tschung-hoei  tschi-kao.  Sein  Minister  Tschung- 
hoei  beschwichtigt  da  seine  Bedenken  wegen  seiner  Usur- 
pation; IV,  3  Thang-kao  endlich  ist  eine  Proklamation  des 
neuen  Kaisers  Thaug  nach  seinem  Siege. 

Nach  der  Vorrede  zum  Schu-king  §  9 — 14  sind  mehrere 
Capitel,  die  Thang  betrafen,  verloren  gegangen.  Es  heisst 
da  §  9  von  Sie  (dem  Ahn  der  2.  D.  zu  Yao's  Zeit)  an 
wurde  ihre  Residenz  achtmal  gewechselt.  Thang  wohnte 
erst  in  Po,  wie  sein  Ahn  und  verfasste  da  (die  beiden  ver- 
lornen C.)  Ti-ko  und  Li-yo;  §  10  als  Thang  die  Vasallen- 
fürsten züchtigte,  begann  er  mit  dem  Häuptlinge  von  Ko 
der  nicht  opferte  und  verfasste  das  (verlorene)  C.  Thang- 
tsching  (auf  diese  Begebenheit  spielt  Meng-tseu  III,  2.  5  an); 
§11  Y-yn  kam  von  Po  nach  Hia,  unwillig  über  dessen 
Fürsten,  kehrte  er  aber  nach  Po  zurück.  Als  er  in  das 
Nordthor  eintrat,  begegnete  er  Ju-kieu  und  Ju-fang.    Dies 


12)  Es  ist  dies  eine  Biographie  von  70  ihrer  Unsterblichen,  von 
einem  Tao-sse  in  2  K.,  die  Lieu-hiang  unter  der  D  Han  zugeschrieben 
wird ,  aber  wohl  erst  aus  dem  3.  oder  4.  Jahrhunderte  nach  Chr. ;  s. 
Katalog  K.  14  f.  42  und  Wylie  p.  175.  Das  Werk  ist  in  Berlin;  s. 
Schott's  Verzeichniss  S.  8. 


Platli :  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  73 

war  Anlass  zur  Abfassung  der  beiden  gleichnamigen  (ver- 
lorenen) Cap. ;  §  13:  Als  er  Hia  besiegt  hatte,  wünschte  er 
dessen  Opfer  au  den  Geist  des  Feldes  zu  ändern,  konnte  es 
aber  nicht.  Darauf  bezogen  sich  die  drei  verlorenen  C. 
Hia-bche.  I-tschi  und  Tschiu-hu;  §  14:  Nachdem  Hia's 
Heer  völlig  geschlagen  war,  verfolgte  Thang  es,  griff  es  an 
zu  San-tsung  und  eroberte  seine  kostbaren  Steine  und 
Gemmen.  I-pe  und  Tschung-pe  verfassten  in  Bezug  darauf 
(das  verlorene)  (J.  Tien-pao;  endlich  verfasete  nach  §  17 
Kao-schen  (das  verlorene)  C.  Ming-kiu. 

Aus  der  Regierung  von  Thang's  Nachfolger  Thai-kia 
sind  auch  mehrere  C.  nach  der  Vorrede  zum  Schu-king 
verloren  gegangen.  Vorhanden  ist  noch  IV.  4:  Y-yn, 
die  Ermahnung  des  Ministers  Y-yn,  dann  I\'  5  das  C. 
Thai-kia  in  3  Abthlg.,  Ermahnungen  des  Ministers  Y-yn 
an  den  Kaiser  Thai-kia,  da  der  nicht  gut  that  und  er  ihn 
3  Jahre  einsperrte  und  IV,  6.:  Hien-yeu-y-te,  eine  Er- 
mahnung des  Ministers  als  der  Kaiser  die  Selbstregierung 
antrat.  Verloren  sind  nach  der  Vorrede  §  18  aus  dieser 
Regierungszeit  die  2   (J.   Sse-ming  und  Tsu-heu. 

Im  jetzigen  Schu-king  sind  nun  keine  weiteren  Documente 
erhalten  über  die  späteren  Kaiser  der  2.  D.  bis  zum  17.  Die 
Vorrede  des  Schu-king  §  21 — 26  erwähnt  indessen  mehrere 
verlorene  Gap.  §  21:  Als  Yo-ting  den  Y-yn  in  Po  beerdigt 
hatte,  wurde  das  C.  Yo-ting  verfasst,  das  die  Lehren  und 
Thaten  des  verstorbenen  Ministers  enthielt;  §  22:  Als  I-tsche 
Premierminister  von  Kaiser  Thai-meu  war,  wuchs  sonder- 
barer Weise  im  Hofe  der  Residenz  Po  ein  Maulbeerbaum 
und  eine  Kornähre.  Der  Minister  erzählte  Wu-hien  davon 
und  der  verfasste  das  verlorene  C.  Hien-i  in  4  Abschn.; 
§  23:  Der  Kaiser  sprach  mit  seinem  Minister  I-tsche  darüber, 
und  so  entstanden  die  verlorenen  C.  I-tsche  und  Y^uen- 
Ming;  §  24:  Kaiser  Tschung-ting  verlegte  seine  Resi- 
denz nach    Hiao  und  auf  diesen  Anfess  wurde  das  verlorene 


74        Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  8.  Jatniar  1870. 

C.  Tschung-ting  verfasst;  §25:  Kaiser  ilo-tan-kia lebte 
in  Siaag  und  da  wurde  das  uach  ihm  genannte  verlorene 
C.  verfasst;  §  26:  üer  Kaiser  Tsu-y  hatte  Ungemach  in 
Keng  und  da  wurde  das  nach  ihm  genannte  verlorene  C. 
verfasst. 

Die  folgenden  Cap.  sind  nun  in  unserem  Schu-king  er- 
halten: IV  7,  das  G.  Puan-keng,  enthält  3  Proclamationeu 
dieses  17.  Kaisers  der  2.  D.,  als  er  seine  Residenz  verlegte 
und  das  Volk  murrte.  Von  seinen  beiden  Brüdern  und 
Nachfolgern    gibt  es   kein   Document.    IV  8,   Yue-ming    in 

3  Abschn.,  geht  auf  einen  Traum  des  Kaisers  Kao-tsung, 
in  welchem  er  den  Minister  Fu-yeu  sah,  den  er  dann  auf- 
suchen Hess.  Aus  der  Zeit  dieses  Kaisers  ist  auch  das  C. 
IV,  9  Kao-tsung  yung  ji,  eine  Vorstellung  von  Tsu-ki, 
bei  der  Gelegenheit  eines  Opfers.  Verloren  ist  nach  der 
Vorrede  §  29  das  C.  Kao-Tsung  tschi  hiün,  Ermahnung 
an  den  Kaiser  von  demselben  Tsu-ki. 

Die  folgenden  Cap.  sind  schon  aus  der  Zeit  des  Sturzes 
der  D. ;  so  IV,  10  Si-pe  kan  Li,  als  der  Fürst  des  Westens 
(der  Stifter  der  3.  D.)  Li  erobert  hatte,  eilte  Tsu-i  zum 
letzten  Kaiser  der  zweiten  D. ,  es  ihm  zu  melden ;  und 
IV.  11  Wei-tseu  enthält  die  Klagen  dieses  Prinzen  der 
zweiten  D.  über  den  Verfall  derselben.  Von  40  Gap.,  welche 
diese  D.  betrafen,  sind  also  nur  11  erhalten. 

In  der  5.  Abtheilung  des  Schu-kings,  dem  Buche  der 
Tscheu,  kommen  noch  einige  Stellen  vor,  welche  auf  die 
Kaiser  der  2.  D.  sich  beziehen;    so  im  C.  Li-tsching  V,   19, 

4  fgg.  über  den  Gründer  Thang;  im  G.  Wu-i  V,  15,  4  fgg. 
werden  die  Kaiser  Tschung-tsung,  Kao-tsung  und 
Tsu-kia  von  Tscheu-kung  gerühmt,  —  sie  hätten  daher  75, 
59  und  33  Jahre  regiert,  während  ihre  vergnügungs- 
süchtigen Nachfolger  nur  10,7—8,  5  —  6  oder  3— 4  Jahre  — 
ebenso  im  C.  Kiün-schi  V,  16,  7  die  würdigen  Minister 
der  Kaiser  Y-jn  der  Thang's,  Pao-heng  der  Thaikia's, 


Plath:  Quellen  d^r  alten  chines.  Geschichte.  75 

I-tsche,  Tschin-hu  und  Wu-liien.  die  Thai-meu's; 
dieser  auch  der  Tsu-y's  uud  Kan-puau  der  W  u-tiug's,  was 
eine  genaue  historische  Kenütiiiss  dieser  Zeit,  die  uns  ab- 
geht, voraussetzt.  V,  14,  7  wird  gesagt,  dass  von  Tsching- 
Thangbis  Ti-y  die  Fürsten  ausgezeichnet  waren,  ebenso  V,  18. 
10  und  V,   10,  9. 

Das  Liederbuch  (Schi-king)  ist  erst  aus  der  3.  D. ;  in- 
dessen dauerte  uuter  dieser  die  Kaiserfamilie  der  2.  noch 
im  Reiche  Sung  fort  und  in  den  Liedern  aus  diesem 
Reiche  Schang-suug  werden  die  Ahnen  derselben  gefeiert 
IV,  3.  3  uud  4  enthahen  die  älteste  Nachricht  über  die 
angebh'ch  wunderbare  Geburt  des  Stifters  dt-rselben  Sie, 
der  Minister  unter  Yao  gewesen  sein  soll;  dann  erwähnt 
das  Lied  einen  Nachkommen  desselben  Siang-tu  und  be- 
sonders den  Stifter  der  D.  Thang  und  dessen  Thaten.  Diesen 
feiern  auch  IV  3.  2  und  neben  dem  Kaiser  Kao-tsung  IV 
3,  5,  aber  in  späteren  Liedern  des  Ahuentempels.  Der  Fürst 
Thai-kung  von  Sung  seit  799  v.  Chr.  soll  deren  12  gesammelt, 
Confucius  abernur  noch 5  vorgefunden  haben,  s.  laGharmep.319. 

Gonfucius  und  seine  Schüler  und  Nachfolger  beson- 
ders Meng-tseu  preisen  namentlich  den  Stifter  Tschiug- 
thang  und  seinen  ^linister  Y-yn.  Wir  bezieheu  uns  der  Kürze 
wegen  auf  unsere  historische  Einleitung  zu  Confucius 
Leben  S.  19  —  23,  wo  wir  alle  sie  betreffenden  Stellen  ge- 
sammelt haben.  Meng-tseu  erwähnt  speciell  sein  Verfahren 
gegen  den  Fürsten  von  Ko,  widerspricht  der  Legende,  dass 
Y-yn  den  Kaiser  durch  seine  Kochkunst  gewonnen  habe,  und 
lässt  dann  Wai-ping,  Tschuug-jin  und  Thai-kia  auf  ihn  folgen, 
den  Y-yn  dann  3  Jahre  einsperrte,  bis  er  sich  besserte.  Von 
den  folgenden  Kaisern  wird  namentlich  Wu-ting  noch  erwähnt. 

Das  Baiiibubuch  spricht  p.  128  — 141  von  den  Kaisern 
der  2.  D.  Die  Note  zu  Anfang  gibt  die  Legende  von  der 
wun'lerl  aren  Geburt  des  Ahnherrn  der  D.  Sie;  sonst  gibt 
es  nur  kurze  Notizen,  einige  von  Naturvorkommnissen,  auch 


76         Sitzung  der  philos.-phüol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

einzelne  Wunder  oder  gute  Wahrzeichen  werden  berichtet. 
Auf  den  Stifter  lässt  es,  wie  Meng-tseu  Wai-ping  und  Tschung- 
jin  und  dann  erst  Thai-kia  folgen.  Hier  hat  es  die  ab- 
weichende Notiz,  dass  der  Minister  Y-yn  ihn  einsperrte  und 
sich  des  Thrones  bemächtigte,  bis  jener  im  7.  Jahre  entfloh 
und  darauf  den  Minister  tödtete ;  dreitägig  anhaltende  Nebel 
veranlassten  ihn  aber  Y-yn's  Söhne  wiedi^r  zu  Aenitern  zu  er- 
heben. Die  Notizen  über  die  folgenden  Kaiser  sind  sehr  kurz 
und  heben  vorzugsweise  nur  ihre  Residenz  in  Po  unter  dem 
ersten  bis  neunten,  in  Hiao  unter  dem  zehnten  bis  zwölften, 
in  Keng  unter  dem  dreizehnten,  in  Pe  unter  dem  vier- 
zehnten bis  siebenzehnten,  in  Yen  unter  dem  aclitzehnten 
und  in  Yn  unter  dem  19.  bis  30.  Kaiser  hervor.  Aus  der 
Vorrede  des  Schu-king  wissen  wir,  dass  die  verlorenen  C. 
desselben  den  W'echsel  der  Residenzen  betrafen.  Etwas 
ausführlicher  ist  das  Bambubuch  über  den  22,  Kaiser  Wu- 
ting  und  den  24.  Tsu-kia,  unter  jenem  gibt  die  Notiz  f.  13 
die  Gränzeu  des  Reiches  an.  Vom  27.  Wu-y  an  bilden  die 
Thaten  der  Vorgänger  des  Stifters  der  3.  D.  Tscheu  schon 
die  Hauptbegebeuheiten. 

Der  Sse-ki  ß.  3  Y'n  Pen-ki  beginnt  mit  der  Legende 
von  der  wunderbaren  Geburt  des  Ahnherrn  der  D.  Sie  nach 
dem  Schi-king,  und  der  Dienste,  welche  er  unter  Yao 
nach  dem  Schu-king  leistete,  nennt  dann  seine  Nachkommen 
bis  auf  Tschiug-thang.  Bis  dahin  wurde  die  Residenz  acht- 
mal gewechselt.  Bei  den  Nachrichten  über  Thang  und  Y-yn 
liegen  die  des  Schu-king  und  Meng-tseu's  zu  Grunde.  Vor 
Thai-kia  hat  er  dann  f.  5,  wie  ^leng-tseu,  die  erwähnten 
beiden  kurzen  Regierungen.  Von  Thai-kia  wird  seine  Ein- 
speirung  und  Besserung  erwähnt;  von  seinen  Nachfolgern 
nennt  er  nur  die  Namen,  ohne  auch  nur  die  Dauer  ihrer 
Regierung  anzugeben.  Fast  nur,  wo  der  Schu-king  oder  die 
Vonede  zum  Schu-king  einiges  Detail  hat,  findet  es  sich 
auch  hier,  so  unter  Kaiser  Puan-keng,  Wu-ting's  Traum 
f.  7  fgg.,  dann  wieder  die  blossen   Namen   der   Kaiser,  nur 


Flath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  77 

von  Wu-i  wird  f.  9  die  Gottlosigkeit  berichtet,  wie  er  Pfeile 
gegen  den  Himmel  abschoss  und  dafür  vom  Blitze  erschlagen 
wurde.  Wir  haben  die  Stelle  in  u.  Abh.  üeber  die  Rehgion  der 
alten  Chinesen  I  S.  20  bereits  angezogen.  Etwas  ausführlicher 
spricht  er  von  dem  letzten  Kaiser  dieser  D.  Ty-sin  oder 
Scheu  f.  9  fgg. 

Im  I-sse  handelt  das  ganze  14.  Buch  Schang  Thang 
mie  Hia  von  dem  Stifter  der  2.  D.  Thang  und  dem  Unter- 
gänge des  letzten  Kaisers  der  ersten  D.  Kie.  Er  beginnt 
auch  mit  der  Legende  von  der  wunderbaren  Gebuit  des  Ahn- 
herrn der  D.  Sie,  nachdem  Sse-ki,  Lie-niü-tschuen^^),  dem 
Ku-sse-kao,  Liü-schi's  Chronik  und  dem  Ho-i-ki,  dem  Suug 
schu-fu-sui-tschi  und  dem  Schi-king  u.  nennt  dann  seine  Nach- 
folger nach  dem  Ss(:-ki.  f.  1  v.  erzählt  Tsching-thang's 
Geburt  nach  der  Chronik  der  Ktiiser  und  Könige  und  seine 
angebliche  Gestalt  nach  dem  Lo-schu,  Pe-hu-thung  u.  A. 
Aus  dem  Sse-ki  und  Liü-schi's  Chronik  wird  der  Verlall  der 
ersten  D.  seit  Khuug-kia  und  den  iolgenden  Kaisern  erwähnt, 
namentlich  die  Tyrannei  des  letzten  Kaisers  Kie  und  seiner 
Frau  nach  dem  Lie-niü-tschuen  u.  A.  Eine  Geschichte  von 
Thaug's  Verfahren  gegen  den  Pursten  von  King  f.  3  v.  aus 
dem  Yue  tsue  schu  klingt  ziemlich  wie  die  gegen  den  Fürsten 
von  Ko  bei  Meng-tseu  s.  oben  S.  75. 

Die  von  Meng-tseu  schon  verworfene  Anekdote,  dass 
Thang's  Minister  Y-yn  ihn  durch  seine  Kochkunbt  gewonnen 
habe,  wird  hier  aus  dem  Sse-ki  mitgetheilt,  seine  wunder- 
bare Geburt  aus  Liü-schi ;  wie  Thang  zu  ihm  kam  aus  dem 
Tsu-tse  tschü,  Me-tseu  u.  A.,  dann  aus  der  Chronik  der 
Kaiser  und  Könige,  dem  Shi-iü^*)  und  Han-fei-tseu,  f.  4 
wie  er  als  Koch  auftrat.  Ausführlich  ist  Liü-schi  neben 
andern  Erzählungen  über  ihr  Zusammentreffen,  auch  Me-tseu 
u.  A. ;  f.  6  schildert  dann  Kie's  Tyrannei  und  Ausschweif- 
ungen nach  dem  Siu-siü^*)  und  Schang-schu  ta-tschuen^^) 

F.  6.  V.  folgen  Stellen  aus  Hoai-nan-tseu,   Me-tseu  und 


13)  Biographien  berühmter  Frauen  von  Lieu-hiang  aus  der  D. 
Han  im  I.Jahrhunderte,  in7K.;  s.  Katalog  K.  ü  f.  12  v.  u.  Wylie  p.  28. 

1-4)  Beide  Werke,  der  Sin-iü  u.  Sin-siü,  sind  in  der  Sammlung 
III,  2   u.  4;   s.  m.  Abh.  S.  294  u.  296  u.  Wylie  p.  67. 

15)  4  K.;  s.  Katalog  K.  2  f.  11. 


78        Sitzung  der  phiTcs-phtlöl.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

dem  Sin-siü  über   Thang's   erstes    Auftreten,    f.    7  wie   dem 
Tyrannen    Kie   von   Thaug    Vorstellungen   gemacht    werden, 
der  diesen  aber  gefangen  setzen,   ihn  dann  aber  wieder  los- 
lässt  nach  der  Chronik  der  Kaiser  und  Könige,  dem  Sse-ki, 
dem  Tsu-tse-tschü,  dem  Schang-schu  ta-tschuen,    dem  Thai- 
kung  Kin    hoei  u.  A. ;    wie  der    Geschichtschreiber    der  Hia 
zu  Thang    übergeht   f.  7.  v.    nach    Liü-schi's    Chronik;    wie 
Lung-fung  dem  Tyrannen  Vorstellungen  macht,  der  ihn  aber 
tödtet  nach  dem  Hau  schi  wai  tschuen^^)  und  Fu-tseu  f.  7  v. 
dem  Po-voe-tschi  u.  A. :  f.  8  spricht  von  dem  daraufifolgendpn 
bösen  Vorbedeutungen,  dem  Einstürze  eines  Berges  u.  s.  w. 
nach  Thai-kung's    Kin  hoei    und    Hoai-nan-tseu    u.  A. ;  f.  9 
gibt  angebliche    Gespräche    von    Thang   mit   Y-yu   aus  Liü- 
schi's    Chronik.    Schi-tseu   und  Stelh n    aus  Kuan-tseu,    dem 
Schue-yueu  f.  9  fgg.   u.  A. ;    Kie's    Gefamren^chaft    und  Tod 
erzählt  er  nach  dem  Sse-ki,  Hoai-nan-tseu  und  der  Chronik  der 
Kaiser  und  Könige;  i.   11  v.  gibt  noch   ein   angebliches  Ge- 
spräch   mit     Thang    aus    dem    Tscheu-schu^').     Es    folgen 
dann    Stellen    aus    dem    Schi-king   und    Schu-king    und  dem 
Sse-ki  f.  14  V.,    und  ein  ano;ebliches  Gespräch    Thang's  mit 
Po-sui  aus    Tschuang-tseu,    f.   15    noch    Stellen   aus  Han-fei- 
tseu  iiber  die  Farben  und  Abzeichen  der  D.,  aus  dem  Sse-ki, 
Liü-schi's  Chrunik,  der  Chronik  der  Kaiser  und  Könige  und 
Kuau-iseu.     Unter  Thang  soll  bekanntiich  eine  grosse  sieben- 
jährige   Dürre   gewesen    sein.     Die    Stelle   über    diese    aus 
dem  Schue-yuen,  Siün-tseii.  Liü-schi's  Chronik,  der  Chronik 
der    Kaiser   und    Könige,    Hoai-nan-tseu    und  Schi-tseu    gibt 
f.   15  V.  F.  16  spricht  von  der   Musik  Thang's  Ta-hu  nach 
Liü-schi ,    Han-schi    wai-tschuen    u.    A.    F.    16    v.    gibt   aus 
Yo-tseu  die  augeblichen  Namen  von  Thang's  Ministern.     Wi)- 
haben  die  Stelle  in  u.  Abb.    l -eher  die  chronologischen  Grund- 
lagen der  alten  chines.  Geschichte  S.   39  bereits  mitg  th.nlt. 
Dann  folgen  noch  angebliche  Gespräche  des  Kaisers  mit 
Y-yn  aus  dem  Tscheu-schu  und  Schue-yuen  f.  16  v.  bis  19  v. 
Aus  dem  Han-schu  (30  f.  14v.  u.  2  Iv.)  werden  2  Werke,  die  solche 


16)  Es  findet  sich  dieses  Werk  von  Han-yng  a.  d.  D.  Han  in  der 
oft  erwähnten  Sammlung  I,  9;   s.  m.  Abh.  S.  7. 

17)  Eben  da  I,  6;   s.  m.  Abh.  S.  6, 


Plath :  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  79 

Gespräche  mit  Y-yn  enthielten  f.  18  v.  nur  angeführt;  eines  aus 
der  Classe  der  Tao---se  Schriften  (tao-kia)  in  52  Abschnitten. 
(Y-yn  u-achi-eul) ,  das  zweite  aus  der  Classe  der  Siao-schue 
(Y-yn  schue)  in  27  Aitschnitteu.  Beidp  sind  natürlich  erdichtet 
und  dann  auch  noch  ein  Werk  Thien-y  in  8  Abschnitten ; 
f.  18  V.  enthält  noch  angebliche  Aussprüche  von  Thang  aus  dem 
Sin-schu.  Eine  Wundergeschichte  Liü-schi's,  wie  ui^.ter  ihm 
Korn  in  der  Hallo  weichst  f.  19  erinnert  an  eine  ähnliche 
Geschichte  unter  Thai-wu. 

Zuletzt  folgen  f.  19  v.  Sprüche  Thang's  aus  dem  Kuei- 
tsang  und  eine  Notiz  über  sein  Grab  aus  dem  Houng-Jan, 
E'icher,  die  ich  weiter  nicht  kenne. 

B.  15.  Y-yn  fu  Thai-kia,  d.  i.  (der  Minister)  Y-yn 
unterstützt  (den  Kiii^fr)  Thai-kia.  Dieses  kui'ze  Buch  ent- 
hält nur  Auszüge  aus  dem  Schu-king.  aus  dem  Sse-ki.  dem 
ßambubuche  und  einen  aus  der  Chronik  der  Kaiser  un  1 
Könige  über  Y-yn's  Tod  unter  Kais«  r  Yo-ting. 

B.  16.  Thai-wu  Puan-keng  tschi  hien,  d.  i.  die 
Weisen  (der  Kais-^-r)  Thai-wu  und  Puan-keng.  Hier  findet 
man  wied'>r  nur  Auszüge  aus  dem  S'e-ki,  dem  Bambubuche, 
u.  der  Vorrede  zum  Schu-king.  Aus  der  Chronik  der  Kaiser 
und  Könige  ist  f.  1.  v.  die  Wuuderc;eschichte  entuomu;en, 
wie  Uüter  Thai-wu  ein  Maulbeerbaum  im  Hofe  wächst  und 
des  Ministers  Yn-tschi  Erklärung  de«>halb. 

Ueber  die  folgenden  Kaiser  hat  der  I-sse  nur  Auszüge 
au=;  dem  Sse-ki  unl  Bambubuche.  Ueber  Puan-k(  ng  foliren 
dann  f.  2 — 4  v.  die  Kapitel  des  Schu-kiug  und  zuuj  Schlüsse 
noch  eine  Stelle  aus  der  Chronik  der  Kaiser  und  Könige 
über  seine  VerL  gung  der  Piesidenz  nach  Yn. 

B.  17.  W^u-ting  tschung  hi  ig,  d.i.  (Kaiser)  Wu-ting 
wandelt  in  der  rechten  Mitte.  Ueber  die  erstfU  Kaiser  vor  ihm 
gibt  er  wieder  nur  Auszüge  üus  dem  Sse-ki  und  Bambubuche. 
Dann  folgt  eine  Stelle  über  Kao-tsun;?'?  (d.  i.  Wu-ting's) 
Traum,  worin  ihm  sein  Minister  ang-^deutet  wird,  nach  der 
Chronik  der  Kaiser  und  Könige,  dem  Me-tseu  und  Ho-i-ki 
und  dann  das  bekannte  Capitel  des  Schu-king.  f.  3  wird 
aus  dem  Schue-yuen  erzählt .  wie  unter  Wu-ting  ein  Maul- 
beerbaum im  Hofe  wächst,  ohne  dass  dieses  Omen  Schaden 
brachte.  Dieselbe  Geschichte  wird  wiederholt  aus  dem 
Schang-schu  Ta-tschuen  und  aus  demselben  und  dem  Ku-kin- 


8Ö         Sitzung  der  philos.-philol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

tschu^^)  ein  anderes  Omen,  wie  ein  Fasan  sich  beim  Opfer 
auf  den  Dreifuss  setzt;  f.  4  wird  aus  dem  Li-ki  C.  49 
Sang  fu  sse  tschi  das  Gescliiclitchen  erwähnt,  wie  Kaiser  Kao- 
tsung  angeblich  3  Jahre  nicht  gesprochen  habe  und  dieses 
erklärt. 

lieber  die  folgenden  Kaiser  dann  nur  kurze  Notizen  aus 
dem  Sse-ki  und  dem  Bambubuche.  B.  18  handelt  schon 
von  dem  Emporkommen  des  Hauses  der  3.  D.  Tscheu. 

4a)  Sturz  der    2.  Dynastie    unter  Scheu-sin    und  die 
Gründung  der  3.  Dj-nastie  unter  Wen-  und  Wu-wang 
und  seinem  Nachfolger  Tsching-wang,    und  Regent- 
schaft Tscheu-kung's    während    dessen 
Minderjährigkeit. 

Hier  fliessen  die  Quellen  des  Schu-king  im  fünften 
Theile,  Tscheu-schu ,  d.  i.  dem  Buche  der  Tscheu,  schon 
reichlicher.  Wir  müssen  die  einzelnen  Stücke ,  die  uns  er- 
halten sind,  dem  Inhalte  nach  andeuten. 

Ueber  die  Ahnen  der  D.  Tscheu  enthält  der  Schu-king 
kein  näheres  Detail,  indess  werden  im  C.  Wu-tsching  V,  3,  5 
Kuiig-lieu ,  Thai-wang ,  Wang-ki  und  sein  Vater  Wen-wang 
von  Wu-wang  gerühmt  und  im  C.  Wu-i  (V,  15  §  8)  die  3 
letzten  erwähnt.  Als  Minister  Wen-wang's  rüiimt  Tscheu- 
kung  im  C.  Kiün-schi  V,  16,  12:  Ke-scho,  Huug-yao,  San- 
i-seng,  Thai-tien  und  Nan-kung-kuo.  Nach  dem  Tso-tschuen 
Hi-kuiig  Ao.  5  war  der  erstere  ein  jüngerer  Bruder  Wen- 
wang's.  Die  eigentlichen  Dokumente  beziehen  sich  aber 
vorzugsweise  nur  auf  den  Eroberer  Wu-wang  und  Tscheu- 
kung  unter  Tsching-wang. 

Die  einzelnen  Stücke  sind  nun  diese:  V,  1.  Thai- 
tschi  in  3  Abtheilungen ,  d.  i.  die  grosse  Deklaration  (Wu- 


18)  In  der  Sammlung  IV,  1 ;  s.  m.  Abh.  S.  312,  vgl.  Wylie  p.  128, 
angeblich  aus  Saec.  4;  das  alte  Werk  soll  al)er  verloren  und  dies 
eine  Compilation  eines  ähnlichen  Werkes  aus  der  Zeit  der  späteren 
D.  Thang  sein. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  81 

wang's  an  der  Fürth  von  Meng);  V,  2.  Mu-tschi,  seine 
Anrede  au  die  Armee  zu  Mu ,  ehe  er  Schang  bekämi^fte; 
V,  3.  Wu-tsching,  d.  i.  die  Vollendung  oder  Beendigung 
des  Krieges  (eine  andere  Anordnung  von  Tschai-tschin 
findet  man  bei  Legge  T.  III  p.  318);  V,  4.  Hung-fan, 
der  grosse  Plan ,  enthält  die  Anleitung  Ki-tseu's  über  die 
Principien  der  Regierung;  V,  5  Liü-ngao,  d.  i.  die  Hunde 
von  Liü ,  die  Ermahnung  des  Grossbeamten  Thai-pao ,  als 
die  Westbarbaren  von  Liü  dem  Kaiser  grosse  Hunde 
schenkten;  V,  6.  Kin-teng,  d.  i.  der  metallumwundene 
Koffer,  bezieht  sich  auf  Tscheu-kung,  als  dieser  Bruder  Wu- 
wang's  während  dessen  Krankheit  für  den  Kaiser  sich  dem 
Tode  weihte;  V,  7.  Ta-kao,  die  grosse  Verkündigung 
(Tscheu-kung' s  an  Tsching- wang  bei  Wu- wang's  Tode); 
V,  8.  Wei-tseu  tschi  ming,  d.i.  der  Befehl  an  Wei-tseu, 
(dem  Sohne  des  letzten  Kaisers  der  2.  Dynastie,  dem  eine 
Herrschaft  gegeben  worden  war);  V,  9.  Kaug-kao,  d.  i. 
die  Erklärung  (an  den  Prinzen  von)  Kang  (Wu-wang's 
9.  Sohne,  bei  der  Gründung  der  Stadt  Lo) ;  V,  10.  Tsieu- 
kao,  eine  Ermahnung  (an  die  Beamten  der  2.  Dynastie) 
gegen  Trunkenheit;  V,  11.  Tse-tsai,  nach  einem  Zimmer- 
holze genannt,  enthält  Ermahnungen,  die  Regierung  betreffend, 
an  Tsching-wang ;  V,  12.  Schao-kao,  ist  eine  Verkündung 
des  Fürsten  von  Schao  (bei  der  Gründung  der  Stadt  Lo) ; 
V,  13.  Lo-kao,  die  Ermahnung  (betreffend)  Lo  (von 
Tscheu-kung,  geht  auf  dieselbe  Begebenheit);  V,  14.  To- 
sse,  d.  i.  die  vielen  Beamten  (der  2.  D.  Schang),  enthält 
Ermahnungen  an  diese;  V,  15.  Wu-i,  d.  i.  kein  Luxus, 
ist  eine  Expektoration  Tscheu-kung's  gegen  diesen;  V,  16. 
Kiün-schi,  d,  i.  der  Fürst  Schi,  enthält  eine  Ermahnung 
desselben  an  ihn ;  V,  17.  Tshai  tschung  tschi  ming,  Erlass 
(von  Tscheu-kung)  an  (seinen  jüngeren  Bruder),  den  Fürsten 
von  Tshai  (nach  Niederwerfung  des  Aufstandes  seines  Vaters 
mit  den  Fürsten  von  Kuan  und  Ho);  V,  18.  To-fang,  wörtlich 
[1870,  LI.]  6 


82        Sitzung  der  phüos.-phihl.  Classe  vom  8.  3'anu<xr  1870. 

die  vielen  Gegenden,  ist  eine  Anrede  Tsclieu-kung's  an  Kaiser 
Tsching-wang  nach  Unterwerfung  der  Stämme  von  Yn ;  V,  19. 
Li-tsching,  heisst  die  Anordnung  der  Regierung,  Tscheu- 
kung  erwähnt  hier,  wie  sie  unter  der  l.D.Hia,  unter  der  2.  D. 
Schang  und  unter  Wen-  und  Wu-wang  von  der  3.  D.  Tscheu 
war;  V,  20.  Tscheu-kuan,  d.  i.  die  Beamten  der  D.  Tscheu, 
(wie  Kaiser  Tsching-wang  sie  regelte).  Thsai  bemerkt  p.  523, 
wie  sie  mit  den  im  Tscheu-li  nicht  übereinstimmten;  V,  21. 
Kiün-tschhin,  bezieht  sich  auf  diesen  Grossen,  der  nach 
Tscheu-kung's  Tode  Gouverneur  des  Osten  wurde;  V,  22. 
Ku-ming  erzählt  Kaisers  Tsching- wang's  Ende  und  Testament 
(1079  V.  Chr.) 

Dies  sind  die  Cap.  des  Schu-king,  welche  die  Stifter 
der  3.  Dynastie  betreffen  und  die  sich  erhalten  haben.  Nach 
der  Vorrede  zum  Schu-king  sind  8  Capitel  aus  dem  Buche 
der  Tscheu  verloren  gegangen.  Wir  wollen  die  Notizen  über 
diese  hier  wieder  hinzufügen.  §  36  heisst  es:  Als  Wu-wang 
Yn  erobert  hatte,  setzte  er  die  Fürsten  der  verschiedenen 
Staaten  ein  und  vertheilte  unter  sie  die  Gefässe  des  Ahnen- 
tempels. In  Bezug  darauf  verfasste  er  das  Cap.  Fen-ki, 
d.  i.  die  Vertheilung  der  Gefässe.  §  38  als  der  Fürst  von 
Tschao  an  den  Hof  kam  (zur  Aufwartung) ,  machte  der 
Chef  (Pe)  von  Jui  das  Cap.  Tschao-ming',  der  Hof-Befehl. 
§  42.  Der  Oheim  des  Kaisers,  der  Fürst  von  Thang,  fand 
zwei  Aehren  auf  einem  Stengel  wachsen  und  brachte  ihm 
diesen  dar;  der  Kaiser  befahl,  ihn  an  Tscheu-kung  nach 
den  Osten  zu  senden  und  es  wurde  auf  diesen  Anlass 
das  Cap.  Kuei-ho,  d.i.  das  Korngeschenk  verfasst.  §.  43. 
Nachdem  Tscheu-kung  es  erhalten  hatte,  setzte  er  des 
Kaisers  Obliegenheiten  auseinander  und  machte  das  Cap. 
Kia-ho,  d.  i.  das  vortreffliche  Korn.  §  51.  Nachdem 
Kaiser  Tsching-wang  die  Barbaren  am  Hoai-Flusse  im  Osten 
besiegt  und  den  Staat  Yen  vernichtet  hatte,  wurde  das 
C.  Tsching-wang,    d.   i.    die  Vollendung   der  königl.   Re- 


Plath:   Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  8B 

gierung,  verfasst.  §  52.  Nachdem  Tsching- wang  Yen  ver- 
nichtet hatte  und  seinen  Fürsten  nach  Phu-ku  versetzen 
wollte,  meldete  Tscheu-kung  es  dem  Fürsten  Schao-kung  und 
verfasste  das  C.  Tsiang  Phu-ku.  §  56.  Nachdem  Kaiser 
Tsching-wang  die  östlichen  Barbaren  geschlagen  hatte,  kam 
Su-schin,  ihm  Glück  zu  wünschen.  Der  Kaiser  machte  ihn 
zum  Chef  von  Yung  und  verfasste  das  C.  Su-schin  tschi- 
ming,  d.  i.  der  Erlass  an  oder  die  Bestallung  von  Su-schin. 
§  57  endhch  besagt,  als  Tscheu-kung  in  Fung  war  und  im 
Sterben  lag ,  wünschte  er  in  Tschiug-tscheu  begraben  zu 
werden ,  aber  als  er  gestorben  war ,  begrub  ihn  Kaiser 
Tsching-wang  in  Fi  und  verfasste  bei  der  Leichenrede  das 
C.  Po-ku.  Man  sieht,  es  sind  dies  lauter  abgerissene  Stücke 
aus  dieser  Zeit. 

Ein  merkwürdiges  Stück  zur  Geschichte  des  Vorgängers 
von  Wu-wang  und  seines  Bruders  Tscheu-kung  besitzen  wir 
noch  im  Y-king.  Von  jenem  ist  der  älteste  Text  T.  I 
p.  163  bis  T.  II  p.  371  (auch  im  I-sse  B.  19  f.  13—15); 
von  diesem  T.  I  p.  170  bis  T.  II  p.  376  (auch  im  I-sse  B.  23 
f.  7-15).  Es  sind  allerdings  nur  dunkle  kurze  Aussprüche,  von 
welchen  aber  namentlich  die  ersteren  sich  auf  die  Zeitbegeben- 
heiten zu  beziehen  scheinen,  s.  P.  Regis  T.  I  p.  21  £f.  und 
35.  P.  Gaubil  Tr.  de  la  Chron.  Chin.  in  den  Mem  T.  XVI, 
p.  77  sagt  darüber :  Wen-wang  und  Tscheu-kung  haben  in 
ihren  Texten  schöne  moralische  Lehren ,  aber  in  ziemlich 
dunklen  und  metaphorischen  Ausdrücken  gegeben.  Sie  wollten 
vornehmHch  die  Unordnung  zeigen,  die  zu  ihrer  Zeit  herrschte. 
Um  diese  Texte  gut  zu  verstehen,  muss  man  aber  die  Zeit- 
geschichte kennen ,  auf  welche  sie  offenbar  anspielen.  Die 
s.  g.  Kua  schreibt  man  gewöhnhch  dem  Fu-hi  zu.  Wen-wang 
schrieb  zu  jeder  der  64.  Kua  einen  kurzen  Text,  sein  Sohn 
Tscheu-kung  dann  zu  jeder  Linie  derselben  zur  Erklärung 
einen  etwas  ausführlicheren  Text.    Man  nennt  diese  Texte  Y'ao. 

Das     Liederbuch     (Schi-king),     aus     der     Zeit     der 


84         Sitzung  der  philos.-phüöl.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

3.  D.  Tscheu,  enthält  nun  auch  mancherlei  zur  Geschichte 
derselben  bis  Ping-wang.  Einige  Lieder  sind  zum  Lobe 
Wen-wang's,  Wu-wang's,  Tscheu-kung's  und  Anderer,  andere 
aber  auch  Satiren  auf  die  späteren  entarteten  Kaiser,  s.  unten. 
Man  sang  die  ersteren  bei  grossen  Ceremonien  und  Festen. 
Aber  alle  diese  Stücke  setzen  eigentlich  die  Kenntniss  der 
Geschichte  schon  voraus,  da  in  vielen,  namenthch  der  letz- 
teren die  Kaiser  oder  Grossen,  welche  sie  betreffen,  nur  an- 
gedeutet sind.  Der  I-sse  B.  18  ff.  hat  sie  indess  als  geschicht- 
liche Belege  ausgezogen  und  folgt  dabei  namentlich  der 
Vorrede  zum  Schi-king  (Schi-siü).^^)  Wir  heben  hier 
zunächst  nur  die  hervor ,  welche  auf  die  Ahnherren  und 
Stifter  der  3.  Dynastie  deutlich  Bezug  nehmen.  So  wird  im 
Ta-ya  III,  2,  1  der  Ahnherr  der  D.  Heu-tsi  als  Gründer 
des  Ackerbaues  (2286  v.  Chr.)  gepriesen  und  seine  wunder- 
bare Geburt  von  der  Kiang-yuen  schon  erzählt.  (III,  3,  4 
p.  178)  und  IV,  1,  1,  10  erwähnt  seiner,  aber  als  Schutzgeist 
der  Familie.  IV,  2,  4  wird  er  und  seine  Mutter  ebenso 
verherrlicht.  Dies  ist  in  den  Lu-sung,  Gesängen  aus  Lu, 
dem  Reiche  der  Familie  Tscheu-kung's, 

Der  nächste  Ahn,  der  III,  2,  6  gefeiert  wird,  ist  Kung- 
lieu  (1797  v.  Chr.)  Das  Lied  soll  nach  p.  304  von  Tschao- 
kung  aus  der  Zeit  von  Kaiser  Tsching-wang  sein;  dann 
feiern  III,  1,  3,  III,  1,  7,  IV,  1,  1,  5  und  IV,  2,  4  den 
Tan-fu,  mit  dem  Beinamen  Ku-kung,  d.  i.  der  alte  Graf, 
der  später  den  Titel  Thai-wang,  d.  i.  der  grosse  König, 
erhielt  (1327  v.  Chr.),  und  seine  Gattin  Kiang-niü  (oder 
Tscheu-kiang   III,  1,  6)    feiert  III,    1,    3,     aber   auch    die 


19)  In  der  Sammlung  Han  Wei  thsung  schu  geben  1,7  der 
Schi-tschuen  und  I,  8  Schi-schue,  jener  angeblich  von  Confucius 
Schüler  Tseu-kung,  dieser  aus  der  Zeit  der  D.  Han,  kurze  historische 
Andeutungen  zu  den  einzelnen  Liedern  des  Schi-king,  s.  m.  Abh.  über 
die  Sammlung,  a.  d.  S.  B.  d.  Ak.  S.  7. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  85 

Brüder  Thai-pe  und  Wang-ki,  seine  Söhne,  von  denen 
dieser  (1231  v.  Clir.)  ihm  nachfolgte  und  der  Vater  von 
Wen-wang  wurde,  IIL  1.  G  auch  Wang-ki's  Frau,  die 
Mutter  Wen-wang's ,  die  Thai-jin,  vor  allen  dann  aber 
"Wen-wang  und  Wu-wang,  beide  IIL  1,  1,  3,  7  und  8 
und  III,  3,  1  IV,  1,1,1.  2.  3. 4.  und  7,  angeblich  auch  III,  1, 
4  und  5,  obwohl  er  dort  nicht  genannt  wird,  beide  III,  1, 
2,  9  und  10;  IV,  2,  4  p.  210,  ohne  ihn  zu  nennen  ein 
Ahnenlied.  IV,  1,  2,  7  und  8  p.  312.  Als  Verfasser  der 
Lieder  IV,  1,  1,  1,  und  2  IV,  L  2,  10  wird  p.  309 
und  313  Tscheu -kung  angenommen.  Einige  von  diesen 
Liedern  sind  Todtenlieder ,  so  das  auf  Tan-fu  IV.  1,  1,  5 
vergl.  p.  310;  IV,  1,  1,  10  auf  Heu-tsi ;  auf  Wu-wang, 
IV,  1,  2,  8,  10  und  IV,  1,  3,  8.  Auf  T seh eu-kung  bezieht 
sich  IV,  2,4  p.212.  Andere  Lieder  werden  noch  sonst  auf  sie  be- 
zogen, ohne  dass  sie  darin  genannt  sind,  so  I.  1.  1,  angeblich 
ein  HocLzeitslied  von  Wen-wang's  Tochter  ;  I.  1.  3  und  4,  sollen 
Wen-wang's  Frau  feiern.  IV,  1,  3,  1.  2.  3,  und  4  Lieder, 
solche  sein,  welche  Kaiser  Tsching-wang  gesungen  hat  nach 
p.  313.  Auf  ihn  gehen  IV,  1,  1,  6  und  9 ,  IV,  1,  2,  2, 
IV.  2,  4  p.  210  und  andere,  ohne  bestimmte  Zeitangabe. 
Es  bedarf  diess  aber  immer  einer  Untersuchung  im  Einzelnen, 
wobei  denn  die  Lieder,  wie  gesagt,  mehr  eine  Erklärung 
aus  der  Geschichte  erhalten .  als  dass  sie  als  Quelle  der 
Geschichte  dienen  könnten. 

Eine  viel  bedeutendere  Quelle  für  die  innere  Ge- 
schichte der  3.  Dynastie  in  ihrer  ersten  Zeit  der  Blüthe 
gewährt  der  1.  Theil  des  LiederbucLes,  Kue-fuug.  die  Sitten 
der  Reiche,  betitelt,  kleine  Lebensbilder,  obwohl  sie  sich 
immer  nur  auf  einzelne  kleine  Vasallenreiche  beziehen.  Wir 
wollen  sie  hier  übei sichtlich  erwähnen,  da  mehrere  dieser 
kleinen  Reiche  später  nicht  mehr  vorkommen.  P.  I  C.  I 
Tscheu-nan.  ausdemsüdUchenTscheu,  soll  nach  p.220Tscheu- 
kung  gesammelt  haben.    P.  Amiot  Mem.  T.  13  p.  155  lässt  Ode 


86         Sitzung  der  phüos.-pMöl.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

1—5  von  Wen-wang  verfassen,  C.  2,  Tschao-nan,  enthält 
Lieder  aus  der  Herrschaft  des  lürsten  Tschao-kung,  C.  3 
aus  Pi,  dem  nördlichen  Theile  des  früheren  Besitzes  der 
2.  Dynastie  in  Wei-hoei-fu  in  Ho-nan,  C.  4  desgl.  im  südlichen 
Theile  desselben  Yung,  C.  5  aus  dem  östlichen  Theile  des- 
selben Wei,  aber  mehrere  dieser  Lieder  sind,  wie  wir  sehen 
werden,  erst  aus  einer  späteren  Zeit.  (J.  6  sind  Lieder  aus 
dem  Kaisergebiete  (Waug),  aber  auch  schon  aus  späterer 
Zeit;  C.  7  aus  Tsching,  in  Si-ngan-fu  in  Schen-si;  C.  8 
aus  Thsi  in  Thsi-ngan-fu  in  Schan-tung;  C.  9  aus  dem  an- 
ders geschriebenen  Wei  in  Ping-yang-fu  in  Schan-si;  C.  10 
aus  Thaug,  dem  späteren  Tsin  in  Schan-si.  Es  sollen 
hier,  wo  einst  Kaiser  Yao  herrschte,  noch  die  Sitten  seiner 
Zeit  sich  erbalten  gehabt  haben.  C.  11  schildert  die  Sitten  in 
Thsin,  in  Si-ngan-fu  in  Schen-si;  C.  12  die  in  Tschin  in 
Kai-fung-fu,  in  Ho-nan;  C.  13  die  im  kleinen  Reiche  Kuei 
oder  Ho  ei  ebenda,  welches  später  Tsching  vernichtete.  C.  14 
die  von  Tschao,  in  Yen-tscheu-fu ,  in  Schan-tung  und  zu- 
letzt C.  15  die  von  Pin,  in  Si-ngan-fu,  in  Schen-si.  Diese 
Lieder  soll  nach  p.  271  Tscheu-kung  für  den  Kaiser  Tching- 
wang  verfasst  haben ,  Ode  1 ,  ihn  zum  Ackerbaue  zu  er- 
muntern, Ode  2  und  7,  als  er  dem  Kaiser  verdächtigt  worden 
war ,  Ode  3  und  4,  als  Tscheu-kuiig  gerechtfertigt  mit  dem 
Heere  heimkehrte ,  Ode  6 ,  als  das  Volk  im  Osten  über 
seine  Anwesenheit  sich  freute  (I-sse  B.  22  f.  15 — 17). 

P.  n.  Siao-ya  sollen  ältere  Gedichte  sein,  die  Tscheu- 
kung  gesammelt  hat,  doch  auch  spätere  darunter  nach  la 
Charme  p.  275.  Doch  sind  mehrere  ohne  bestimmte  Per- 
sonen- und  Zeitangaben,  z.  B.  II,  1,  2,  3,  die  Klage  von 
Soldaten,  w^elche  gegen  die  Tataren  (Hien-yüu)  ausziehen; 
bei  II,  1,7.  8  und  9  weiss  man  nicht,  welcher  Kaiser  da  ge- 
meint und  wer  der  erwähnte  Feldherr  Nan-tschung  ist;  Scho- 
fang  ist  das  jetzige  Ning-hia  in  Schen-si  nach  p.  277; 
II,  8,  5  p.  295   sind  Klagen   über   den  Verfall  des  Reiches; 


i 


Plath:  Qudlen  der  alten  chines.  Geschichte.  87 

II,  4,  10.  II,  5,  9  sind  auch  unbestimmt.  (Mehrere  beziehen 
sich  auf  spätere  Zeiten,    s.  unten.) 

P.  in.  Ta-ya,  soll  nach  p.  298  Tscheu-kung  verfasst 
haben  zur  Belehrung  Kaiser  Tsching-wang's.  Es  enthält 
den  Preis  der  Ahnen  der  Tscheu  ,s.  oben.  III,  2,  6  u.  7  sollen 
von  Tschao-kung  verfasst  sein,  als  Tsching-wang  die  Piegierung 
selber  antrat.  ludess  enthält  auch  dieser  Theil  spätere 
Gedichte  s.  unten. 

P.  IV,  1,  1,  1  und  2  sollen  nach  p.  309  von  Tscheu- 
kung,  2  Namens  Tching-^vaDg's  sein;  IV,  1,  2,  10  ent- 
halten, wie  gesagt,  sein  Lob  Wu-wang's. 

P.  IV,  2,  Lu-sung,  Gedichte  aus  Lu,  sollen  nach 
p.  315  erst  von  Hi-kung,  dem  Fürsten  von  Lu  (seit  659 
V.  Chr.)  sein. 

P.  IV,  3  endlich  Schang-sung,  zur  Verherrlichung 
der  Ahnen  der  Fürsten  von  Sung  aus  der  2.  Dynastie,  sind 
schon  erwähnt.  Man  sieht  aus  dieser  Uebersicht  schon,  dass 
die  Lieder  des  Schi-king  nicht  nur  die  Gründer  der  3.  Dy- 
nastie betreffen,  dass  sie  bis  an  die  Zeiten  des  Tschhün-thsieu 
hinabreichen,  werden  wir  später  sehen. 

Confucius  und  seine  Schüler  und  namentlich  Meng- 
tseu  erwähnen  rühmend  oft  die  Ahnen  und  Gründer  der  D. 
Tscheu :  Heu-tsi,  Kung-lieu,  Thai-pe,  Wang-ki,  Wen-wang, 
Wu-wang  und  Tscheu-kung,  meist  nach  dem  Schu-king,  Schi- 
king und  Li-ki,  aber  auch  zum  Theile  nach  der  Sage.  Wir 
brauchen  aber  hier  in  die  Einzelheiten  nicht  weiter  einzu- 
gehen, da  wir  in  der  Hist.  Einl.  z.  Confucius  Leben  S.  374 
bis  388  (36—40)  alle  sie  betreffenden  Stellen  derselben  zu- 
sammengestellt haben.  ^°) 


20J  Wir  erwähnen  daher  nur  noch  die  moralischen  Sprüche,  die 
Confucius  nach  dem  Kia-iü  C.  11  f.  2  ang'eblich  auf  dem  Rücken  einer 
Statue   Heu-tsi's   im  Ahnentempel    in    der  Hauptstadt    der  Tscheu 


88        Sitzung  der  pMos.-pMol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Noch  eine  Stelle  über  die  Ahnen  der  Tscheu  aus  Kung- 
tschung-tseu^O  hat  der  I-sse  B.  18  f.  5  v.  Yang-yung  fragt 
da  den  Tseu-sse  über  den  Titel  Wen-wang's  Si-pe,  der  An- 
führer des  Westens. 

Tso-kieu-ming,  Confucius  Zeitgenosse,  in  seinem  Tso- 
tschuen  geht  nur  auf  die  Zeit  des  Tschhüu-thsieu  (722 — 481 
V.  Chr.).  Sein  Kue-iü  im  Abschnitte  von  den  Kaisern  (Tscheu-iü) 
beginnt  erst  mit  Kaiser  Mu-wang  (1001 — 946)  und  geht  bis 
King-wang  (519-475),  s.  Gaubil  Tr.  p.  99  und  101;  die 
früheren  Zeiten  berührt  er  nur  gelegentlich.  So  erwähnt 
er,  dass  Heu-tsi  Aufseher  über  den  Ackerbau  war,  einer 
seiner  Nachkommen  Pu-tschu,  zu  Ende  der  ersten  D.  Hia 
die  Stelle  verlor,  nach  Pin  (in  Schen-si)  sich  zurückzog  und 
dort  in  der  Nähe  der  Barbaren  den  Ackerbau  trieb;  s.  Gaubil 
Tr.  p.  103.  Er  leitet  aber  die  3  ersten  Kaiserfamilien  schon 
vom  alten  Kaiser  Hoang-ti  ab,  die  der  2.  D.  Schang  von 
Kaiser  Schün,  die  der  3.  D.  Tscheu  von  Kaiser  Ti-ko. 


gesehen  haben  soll.  Sie  sind  aber  schwerlich  echt ,  wie  wir  in  den 
Proben  chin.  Weisheit  a.  d.  S.  B.  1863  II,  2  S.  161  schon  bemerkt  haben; 
der  Wing-sin  pao  kien,  C.  7  §  62  theilt  sie  nämlich  mit.  Unecht  sind 
auch  wohl  die  dort  angeführten  22  angeblichen  Aussprüche  Thai- 
kung's,  des  Bruders  Wu-wang's,  von  welchen  der  I-sse  ganze  Samm- 
lungen anführt,  wie  B.  20  f.  36  und  36  v.  Thai-kung  Kin-kuei,  d.  i.  Thai- 
kung's  Goldkiste,  Thai-kung  yn  meu,  d.i.  Thai-kung's  dunkle  Rath- 
schläge,  und  die  schon  S.  67  erwähnten  Lo-thao,  d.  i.  die  6  Behälter 
oder  Köcher  Liü-wang's,  vgl.  auch  den  I-sse  B.  20  f.  4  und  10 
aus  dem  Schue-yuen.  Aus  dem  Han-schu  (s.  K.  30  f.  14  v.)  führt 
der  I-sse  B.  19  f.  20  mehrere  als  Schriften  der  Tao-sse  auf.  Es 
ist  wohl  nicht  eigentlich  ein  Betrug  oder  eine  Unterschiebung ,  son- 
dern man  kann  diese  Dialoge  den  Gesprächen ,  welche  Cicero  de 
senectute  und  de  amicitia  dem  Cato,  dem  Scipio  und  Lälius  in  den 
Mund  legt;  vergleichen.  Sie  sind  in  ihrem  Geiste  gedacht ,  können 
daher  aber  auch  nur  als  literarische  Produkte,  nicht  als  historische 
Quellen  angesehen  werden. 

21)  In  der  oft  erwähnten  Sammlung  III,  1. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  89 

Das  Bambubuch  p.  142 — 176  handelt  von  Tscheu  Wu- 
wang  (nach  ihm  1049  v.  Chr.)  bis  Yn-  (Nan-)  Wang  A.  20 
(293  V.  Chr.). 

Zu  Anfange  hat  die  Note  die  Legende  von  Heu-tsi's 
wunderbarer  Geburt  und  Aussetzung,  erwähnt  dann  Kung- 
lieu  und  Ki-lie  und  einer  Prophezeihung  unter  Hoang-ti 
über  die  Gründer  der  Dynastie,  gibt  darauf  die  Legende  über 
Wen-wang's  Geburt  und  Gestalt,  hat  Thai-pe's  Auswanderung 
nach  U,  die  Legenden  über  Wu-wang's  Geburt,  seine  wunder- 
bare Gestalt,  seinen  Kampf  mit  dem  letzten  Kaiser  der 
2.  D.  Scheu ,  alles  mit  Wundergeschichten  untermischt,  die 
der  Text  nicht  hat.  Dieser  gibt  blos  die  Hauptbegenheiten 
von  Wu-wang's  und  Tsching-wang's  Regierung,  mit  genauer 
Jahresangabe  und  einige  neue  Spezialitäten,  z.  B.  W^u-wang's 
Tod  in  seinem  94.  Jahre,  besonders  aber  unter  Tsching-wang. 
Die  Note  hat  auch  unter  diesem  mehrere  Legenden.  Nach 
Legge  p.  108  sind  die  Noten  aber  wahrscheinlich  ein  spät- 
erer Zusatz,  man  meint  mehrere  von  Tschhin-yo,  der  unter 
der  D.  Leang  (502 — 557  n.  Chr.)  eine  Ausgabe  des  Bambu- 
buches  mit  einem  Commentar  herausgab,  Wylie  p.  19  sagt:  von 
Tschhin-yo,  aus  d.  D.  Sung,  das  Originalwerk,  sei  aber  lange 
verloren  und  das  jetzige  gelte  mit  Grund  für  eine  Fabrication. 
Es  ist  das  Bambubuch  in  der  erwähnten  Sammlung  II,  1 
und  auch  in  einer  andern.  Ueber  seine  Glaubwürdigkeit 
und  abweichenden  chronologischen  Bestimmungen  s.  m.  Abh. 
Ueber  d.  chronolog.  Grundlage  d.  alt.  chin.  Gesch.  S.  37. 

Im  Sse-ki  enthält  B.  3  die  Chronik  der  D.  Tscheu 
(Tscheu  pen-ki).  Sie  beginnt  mit  Heu-tsi,  dessen  Ab- 
stammung von  Kaiser  Ti-ko,  seiner  wunderbaren  Geburt, 
spricht  dann  von  seinen  Nachkommen ,  die  einzeln  genannt 
werden,  namentlich  Kung-lieu,  Ku-kung  Tan-fu,  Thai- 
pe,  der  auswandert,  Ki-lie  und  dann  Tschang,  d.  i. 
Wen-wang;     über   diesen  ist   er   ausführlich,    noch    mehr 


90        Sitzung  der  philos.-pMol  Glosse  vom  8.  Janttar  1870. 

über  seinen  Sohn  Fa,  d.  i.  Wu-wang,  und  seinen  Kampf  mit 
dem  letzten  Kaiser  der  2.  Dynastie  und  über  Tscheu-kung; 
kürzer  schon  ist  er  über  seinen  Nachfolger  Tsching-wang. 

Der  I-sse  B.  18 — 22  enthält  nun  ältere  wie  spätere 
Nachrichten  im  Auszuge.  B.  18.  Tscheu-schi-schi-hing, 
d.  i.  das  Haus  Tscheu  beginnt  empor  zu  kommen,  handelt 
von  den  Ahnen  der  D.  Tscheu  1)  von  Heu-tsi,  nach  dem 
Sse-ki,  dem  ü  Yuei  Tschhün-thsieu,  dem  Tschhün-thsieu-ming- 
pao,  dem  Schi-king  mit  der  Vorrede,  dem  Schan-hai-king, 
über  sein  Grab  und  die  Wunder  dabei  u.  s.  w.  aus  dem 
Ti-wang-schi-ki,  über  seine  Frau  und  seinen  Sohn.  2)  Ueber 
Kung-lieu  und  seinen  Nachfolger  nach  derselben  Chronik 
von  ü  und  Yuei,  —  nach  dem  Han-schu  lebte  er  in  der 
10.  Generationen  vom  Vorigen,  —  nach  dem  Schi-king,  Sse-ki, 
Schi-pen  und  dem  Bambubuche;  von  seinen  Nachfolgern 
nennt  er  Kao-yü  unter  Yn  Tsu-i  A.  16,  A-yü,  (beide  Für- 
sten von  jPin)  unter  Puan-keng  A.  19  und  Tsu-kan  unter 
Kaiser  Tsu-kia  A.  13.  3)  Spricht  er  von  Ku-kung  Tan-fu 
nach  dem  Sse-ki ,  Tschuang-tseu ,  dem  Kin-yuan-yo-lo ,  dem 
Schi-king  und  von  dessen  Frau  nach  dem  Lie-niü-tschuen 
und  dem  Heu-han  schu,  dann  4)  von  seinem  Sohne  Thai-pe 
nach  dem  Sse-ki,  demLün-heng  und  demHau-schi-uai-tschuen, 
endlich  von  5)  Ki-lie  nach  dem  Sse-ki  und  Bambubuche 
und   6)  von  Wang-ki  nach  Tseu-sse  im  Kung-tschung-tseu. 

B.  19.  Wen-wang-scheu-ming,  d.  i.  Wen-wang  em- 
pfängt des  (Himmels)  Mandat  oder  die  Herrschaft.  Zunächst 
spricht  er  von  seiner  Mutter  der  Thai-jin  nach  dem  Lie- 
niü-tschuen  und  der  angeblichen  Prophezeihung  schon  unter 
Hoang-ti  über  das  Schicksal  der  Familie  Tscheu,  dann  über 
Wen-vrang's  wunderbare  Geburt  nnd  Gestalt,  ganz  wie  in 
der  Note  zum  Bambubuche,  nach  dem  Sung-schu-fu-sui-tschi, 
dem  Pe-hu-tung  und  Tschhün-thsieu-yuen-ming-pao,  2)  schil- 
dert er  seine  Pietät  gegen  seinen  Vater  nach  dem  Li-ki 
C.  Wen-wang  schi-tseu  8  f.  27,  Khang-tsang-tseu  und  dem 
Sse-ki,  3)  folgt  das  Lob  Wen-wang's  und  seiner  Verwalt- 
tung  aus  Me-tseu  und  Liü-schi's  Tschhün-thsieu,  4)  schildert 
er  seine  Frau  Thai-sse  nach  dem  Lie-niü-tschuen  und 
dem  Sclii-king  in,  1  mit  der  Vorrede  (Schi-siü)  u.  a.  5)  Pe-i 
und  Scho-tsi   fallen   ihm   zu  nach  dem  Sse-ki  u.  a. ;     sein 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  91 

angebliches  Gespräch  mit  Yo-tseu^*)  bei  diesem  und  auch 
mit  Siu-kia,  auf  dessen  Rath  Scheu  nicht  hört  nach  Lieu- 
hiang's  Pie-lo.  Andere  angebhche  Gespräche  Wen-wang's  mit 
Yo-tseu  noch  aus  dem  Sin-schu .    aus  Yo-tseu    und  Lie-tseu. 

Aus  der  Chronik  der  Kaiser  und  Könige  u.  a.  -werden 
4  Beamte  des  Kaisers:  Thai  Tien,  Hung-yao,  San -i- seng 
und  Nan-kung-kuo  angeführt,  die  schon  der  Schu-king  im 
C.  Kiün-tschi  V,  16,  12  hat.  6)  spricht  der  I-sse  dann  von 
Wei-tseu,  dem  älteren  Bruder  Scheu's  nach  Liü-schi's 
Chronik,  dann  von  Scheu's  Grausamkeit  nach  dem  Lün-heng, 
der  Chronik  der  Kaiser  und  Könige,  nach  Siün-tseu  und  dem 
Sin-schu.  darauf  von  Wen-wang's  Verhalten  nach  dem  Tscheu- 
schu,^^)  dem  Li-ki  im  C.  24  Tsi-i ,  namentlich  seiner  Pietät 
gegen  seine  Ahnen,  weiter  von  Scheu's  Frau,  der  Tan-ki,  nach 
dem  Sse-ki  und  dem  BambuV-uche,  von  seinen  Musikern  nach 
dem  Schi-ming^*)  und  Ho-i-ki,  von  seinen  Palästen.  Gärten  nach 
dem  Sse-ki,  dem  Bambubuche ,  Hoai-nan-tseu,  der  Chronik 
der  Kaiser  und  Könige,  dem  Lün-heng  und  Sin-siü.  Auch 
seine  grausame  Feuerstrafe  wird  da  erwähnt,  wie  auch  im 
Lie-niü-tschuen ,  dann  sein  Zechen  bis  in  die  Nacht ,  sein 
Luxus,  unter  anderm  mit  elfenbeinernen  Essstöckchen  nach 
Han-fei-tseu  und  Ki-tseu.  Aus  dem  Sse-ki,  Hoai-nan-tseu 
und  Tsien-fti-lün  wird  die  Grausamkeit  erzählt,  wie  er  eine 
Geliebte  tödtete  und  gekocht  ihrem  Vater  sandte  und  ^Yen- 
wang,  der  dies  missbiUigt,  gefangen  setzt.  7)  Im  Gefäng- 
niss  verfasst  Wen-wang  dann  die  64  Texte  des  Y-king 
nach  dem  Kin-pao.  Dabei  wird  der  ganze  Text  des  Y-king 
von  ^Ven-wang  eingeschaltet  f  13  ig. 

8)  \Vu-wang  ist  bekümmert  und  Hung-yao  erlangt 
seines  Vaters  Wen-wang's  Befreiung  durch  eine  Schöne  und 
andere  Kostbarkeiten,  die  er  dem  Tyrannen  darreicht,  nach 
dem  Sse-ki,  dem  Ku-kin-yo-lo,  dem  Lo-thao,  Hoai-nan-tseu, 
dem  Kin-pao  und  Schang-schu  Ta-tschuen.     Wen-wang's  an- 


22)  S.  über  diesen  m.  Abb.  Chronol.  Grundlage  S.  39.  Pan-ku 
B.  30  f.  14  V.  bat  Yo-tseu  22  Pien;  es  scbeint  ein  untergeschobenes 
Werk  der  Tao-sse;  ebenso  das  angebliche  Werk  Sin-kia's  in  29  P. 

23)  In  der  Sammlung  I.  6 ;   s.  m.  Abb.  S.  6.    "Wylie  p.  23. 

24)  In  der  Sammlung  I,  20.  Es  ist  ein  etymologisches  Wörter- 
buch der  chin.  Tonsprache. 


92        Sitzung  der  ^Jiilos.-phüol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

geblicher  Ausspruch  über  die  gebotene  Folgsamkeit  eines 
froruruen  Sohnes  und  guten  Unterthanes  ist  erst  aus  Liü- 
schi's  Chronik;  dass  er  7  Jahre  in  Fesseln  war,  sagt  nur 
der  Sin-schu;  er  betreibt  dann  die  Abschaffung  der  Feuer- 
strafe und  gewinnt  so  die  Zuneigung  des  Volkes  nach 
Liii-schi's  Chronik  und  Hau-fei-tseu  und  Coufucius  pries  ihn 
dafür.  Es  folgt  eine  Stelle  aus  dem  Yue-tsue-schu,  dann  nimmt 
er  Schi-kiug  II,  1,  7,  8  u.  9  mit  der  betreffendeu  Stelle 
aus  der  Vorrede  auf,  darauf  eine  lange  Stelle  aus  dem 
Tscheu-schu. 

9)  f.  18.  Thai-kung,  der  sich  vom  Tyrannen  zurück- 
gezogen hatte,  wird  von  Wen-wang  gewonnen  und  sein 
Beamter  nach  dem  Sse-ki,  dem  Schui-king-tschü^-)  dem 
Schue-yuen  und  Fu-tseu.  Legenden  von  ihm  gibt  der  I-sse 
noch  aus  dem  Lie-sien-tschuen,  dem  Sung-schu-fu-sui-tschi, 
dem  Tschu-tse  tschü,  dem  Ting-lo^^)  und  Lo-thao;  ab- 
weichende Angaben  haben  schon  der  Sse-ki,  der  I-lin  und 
Ku-sse-kao  und  Legenden  der  I-schin-ki,  Nachrichten  über 
ihn  noch  der  Thieu-fu-lün,  Pao-po-tseu  und  der  Han-schi- 
uai-tschuen;  angebliche  Gespräche  Wen-wang's  mit  Thai-kung 
werden  noch  aus  dem  Lo-thao  angeführt. 

10)  f.  22  V.  Wie  Wen-wang  den  Streit  zwischen  den 
Fürsten  von  Yü  und  Jui  schlichtet,  erwähnt  schon  der 
Schi-king  III,  1,  3,  3.  und  dann  der  Sse-ki;  im  Kia-iu  K. 
10  f.  26  lobt  Confucius  ihn  desshalb, 

11)  Wie  Wen-wang  schon  in  seinem  42.  Jahre  den 
Kaisertitel  (Wang)  angenommen  habe,  wie  der  Y-uei 
und  die  Chronik  der  Kaiser  und  Könige  sagt,  ist  irrig  nach 
der  Note  im  I-sse;  nach  dem  Li-ki  ertheilte  erst  sein  Sohn 
Wu-wang  seinen  Vorgängern  die  Titel. 

12)  Es  folgen  dann  allerlei  Omina  und  Prognostica 
über  Tschang's  Herrschaft  nach  Liü-schi's  Chronik,  dem 
Schang-schu  i-ming  yen  und  Tschung-heu,  Me-tseu,  dem  Kin- 
pao,  Tschhün-thsieu  yueu-ming-pao  und  Sung-fu-sui-tschi,  wie 
auch  die  Note  zum  Bambubuche  sie  hat. 

13)  Wen-wang   schlägt   dann    die  Küen-Jung,    die 


25)  Commentar  z.  d.  klassischen  Buche  über  die  Gewässer,  siehe 
Wylie  p.  43. 

26)  In  der  Sammlung  lY,  27;    s.  m.  Abh.  S.  325,   Wylie  p.  115. 


Plath:   Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  93 

Mi-siü  u.  Tsung  und  gründet  die  Residenz  Fung  nach  dem 
Sse-ki  und  dem  Schang-schu  Ta-tschuen,  der  in  der  Jahres- 
angabe abweicht  vom  Sse-ki.  Die  Angabe  de  Mailla's  (T.  I 
p.  242.)  dass  Kuan-su  vom  Angriffe  auf  Mi-siü  abrieth, 
Thai-kung  aber  zurieth,  findet  sich  im  Schue-yuen ;  eine 
Anekdote,  die  auf  seinen  Angriff  auf  Tsung  Bezug  hat,  bei 
Han-fei-tseu ;  s.  auch  den  Tscheu-schu. 

14)  Wie  Wen-wang  den  Geisterthurm  (Ling-thai) 
baut,  hat  schon  der  Schi-king  III,  1  8,  den  Meug-tseu  I 
2,  3  anführt,  auch  derSin-schu  und  Sin-siü,  nur  in  der  Zeit- 
angabe verschieden.  Hoai-nan-tseu  rühmt  ihn,  wie  er  die 
Gebeine  derTodten  beerdigt;  s.  auch  den  Tscheu-schu.  Endhch 
werden  noch  aus  dem  Lo-thao  Gespräche  Wen-wang's  mit 
Thai-kung  angeführt. 

B.  20.  Wu-wang  ke  yn,  d.  i.  Wu-wang  besiegt  (die  2. 
D.)  Yn.  Wir  erhalten  hier  wieder  erst  allerlei  Legenden  über 
seine  Geburt,  den  Traum  seiner  Mutter,  wie  die  Note  zum 
Bambubuche  zum  Theil  sie  hat,  aus  dem  Sin-schu,  dem 
Schang-schu  tschung-heu,  dem  Pe-hu-tung,  dem  Tschhün-thsieu- 
yuen-ming-pao     und    dem    Sung-fu-sui-tschi. 

2)  wird  Wu-wang's  Pietät  gegen  seinen  Vater  wieder 
nach   dem  Li-ki  C.  8  geschildert. 

3)  Stellt  er  den  Thai-kung,  Tscheu-kung  u.  a.  nach 
dem  Sse-ki  an.  Seine  angeblichen  Gespräche  mit  dem  ersteren 
nach  dem  Schue-yuen,  dessgleichen  mit  Kuei-tu  nach  Kuan- 
tseu,  dann  wieder  angebliche  mit  Thai-kung  über  den  Krieg, 
der  einen  Ausspruch  Kaiser  Hoang-ti's  anführt,  ob  dieser  zu 
unternehmen  sei,  aus  dem  Lo-thao  u.  a.,  aus  Schue-yuen,  aus 
des  erdichteten  Thai-kung's  Ping-fa,  aus  Pao-po-tseu  und 
eine  lange  Stelle  f.  6 — 13  v.  aus  einem  Buche  San-lio^^), 
die  3  Pläne,   nach  der  Note  ursprünglich  von  Thai-kung. 

4)  Dann  wird  das  Opfer  Wu-wang's  erwähnt  nach 
dem  Sse-ki,  Hoai-nan-tseu  und  dem  Lün-heng;  aus  demselben 
die  Legende,  wie  ein  Fisch  in  sein  Schiff  springt,  die  auch 
der  Schang-schu  Siuen-ki-khien  und  der  Sung-fu-sui-tschi  hat 


27)  S.  Kat.  K.  9  f.  23  v.,  wie  der  Lo-thao  unter  den  Schriften  über 
Krieg  (Ping-fa). 


94        Sitzung  der  philos.-phüol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

und  noch  andere  wunderbare  Phaenomene,  wie  eine  Frau  in 
einen  Mann  verwandelt  wird,  ein  Berg  einstürzt,  2  Sonnen 
erscheinen  und  andere  Calamitäten  in  Folge  von  Scheu's 
Tyrannei  nach  dem  Lün-heng,  dem  Scho-i-ki,  der  Chronik 
der  Kaiser  und  Könige,  Me-tseu,  Thai-kung's  Goldkasteu, 
Schi-tseu,  dem  Tsu-tse  tschü  und  den  Noten  zum  Bam- 
bubuche. 

5)  Auf  den  weisen  Rath  von  Wei-tseu,  Ki-tseu  und 
Pi-kan  wird  vom  Tyrannen  Scheu  nicht  gehört,  nach  dem 
Sse-ki,  Lün-heng,  dem  Ku-kin-yo-lo,  Schi-tseu,  dem  Han- 
schi-uai-tschuen  und  dem  Tschung-lün^^).  Die  Ueppigkeit 
und  Grausamkeit  Scheu's,  seine  Paläste,  Lustgärten,  malt  wie- 
der der  Tschhün-thsieu  Fan-lu*^)  aus;  wie  er  Pi-kan' s  Frau 
den  Bauch  aufschneiden  lässt,  erzählt  die  Chronik  der  Kaiser 
und  Könige,  der  Schui-king  tschü  und  der  Tsu-tse  tschü. 
Der  Himmel  straft  ihn  dafür  durch  Wu-wang  nach  Me-tseu 
und  dem  Ho-i-ki. 

6)  Die  Fürsten  und  Grossen  fallen  von  Scheu  ab,  nach 
dem  Tsu-tse  tschü ,  der  grosse  Annalist  und  der  des 
Innern  gehen  von  ihm  zu  Wu-wang  über  n.'ich  Liu-schi's 
Chronik.  Er  fragt  Thai-kung,  ob  er  ihn  angreifen  solle,  nach 
diesem  und  nach  Thai-kung's  Goldkasten. 

7)  Wu-wang  zieht  gegen  ihn  nach  dem  Sse-ki,  dem 
Tsin-schu  tschuen-i  und  Tscheu-schu.  Angebliches  Gespräch 
desselben  mit  Thai-kung  nach  dem  Lo-thao  und  Schue-yuen. 

8)  Er  befragt  das  Loos;  trotz  der  ungünstigen  Zeichen 
rückt  er  auf  Thai-kung's  Rath  vor  nach  dem  Sse-ki.  Lün- 
heng,  Schi-tseu,  dem  Lo-thao,  Ku-kin-tschü  u.  trotz  mancher 
Phaenomene  und  dem  Abrathen  San-i-seng's  nach  Han-schi- 
uai-tschuen,  dem  Lo-thao ,  dem  Schue-yuen,  Hoai-nan-tseu, 
und  dem  Po-voe-tschi.  Es  folgt  dann  das  Cap.  des  Schu- 
king  V.  3. 

9)  A.  11  seiner  Regierung  in  Tscheu,  seinem  Stamm- 
lande, kommt  es  bei  Meng-tsin  zur  Entscheidungsschlacht 
nach  dem  Sse-ki  und  Hoai-nan-tseu.  Der  Ho-i-ki  erzählt 
wieder  Wunder.  Nach  Liü-schi's  Chronik  sendet  Yn  den 
Kiao-li    an    Wu-wang;    ihr    angebliches    Gespräch  wird  rait- 


28)  In  der  Sammlung  III,  12,  von  Siü-kan  aus  derD.  Han;  3.  m. 
Abh.  S.  305. 

29)  Ebenda  I,  12,  aus  d.  Zeit  der  Han;   s.  m.  Abh.  S.  277  (11). 


Plath:   Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  95 

getheilt.  Nur  der  spätere  Hoa-yang  kiie-tschi^°)  spricht  von 
seinen  Hülfsvölkern  Pa  und  Scliu  in  Sse-tschuen .  ihren  Ge- 
sängen und  Kriegstänzen. 

10)  Hoai-nan-tseu  gibtals  Grenzen  von  Scheu's  Reich 
sicher  ungeschichtlich  hnks  im  Osten  das  Meer,  rechts  die 
Sandwüste,  vorne  Kiao-tschi,  hinten  Yeu-tu,  ebenso  über- 
trieben Yo-tseu  die  Zahl  seiner  Krieger  zu  einer  Million  an, 
obwohl  der  Sse-ki  auch  von  700,000  Mann  spricht.  Der 
Lün-heng  hat  wieder  Wundergeschichten.  Es  folgt  Scheu's 
Niederlage  und  Ende ;  er  verbrennt  sich  mit  seinen  Kost- 
barkeiten im  Hirschthurme  (Lu-thai)  nach  dem  Sse-ki  und 
Tscheu-schu.  Die  Chronik  der  Kaiser  und  Könige  hat  noch 
eine  Anekdote,  wie  das  Volk  von  Yn  räth,  wer  unter  den 
Anführern  wohl  ihr  neuer  Kaiser  sei  Pi-,  Thai-  oder  Tscheu- 
kung,  bis  zuletzt  Wu-wang  erscheint.  Es  folgt  dann  noch 
Detail  über  Scheu's  Ende,  Wu-wang's  Wafien,  Fahnen  u.  s.  w. 
aus  Me-tseu ,  dem  Lün-heng[,  Ku-kin-tschü ,  Schi-tseu ,  dem 
Sin-schu  uud  Hoai-nan-tseu. 

11)  Liü-schi  in  seiner  Chronik  hat  noch  ein  angebliches 
Gespräch  Wu-wang's  mit  den  Grossen  von  Yn  über  den 
Untergang  ihrer  Dynastie,  das  auch  im  Sin-siü  sich  belindet. 

12)  Es  folgen  die  Nachrichten  über  Wu-wang's  Ver- 
fahren und  die  Rathschläge  Thai-,  Tschao-  und  Tscheu-kung's 
nach  dem  Schang-schu  Ta-tschuen  und  die  Schilderung  seiner 
Uneigeunützigkeit  nach  Liü-schi's  Chronik  und  Hoai-nan-tseu. 

Aus  dem  Yue-tsue-schu  (s.  unten)  wird  die  ganze  Ge- 
schichte vom  9.  Jahre  Wu-wang's  bis  zur  Belehuung  Wei- 
tseü's  mit  Sung  erzählt. 

13)  Aus  dem  Tscheu-schu  gibt  der  I-sse  seine  angeblichen 
Erlasse  an  verschiedene  Beamte  u.  die  Erträgnisse  seiner  Jagden. 

14)  Han-fei-tseu  und  Thai-kung's  Goldkasten  erzählen 
die  Unterwerfung  der  Stämme  und  Fürsten,  die  nicht  hul- 
digten. Die  Entlassung  des  Heeres  nach  der  Besiegung  der 
D.  Yu  erwähnt  schon  der  Schu-king  V.  3  und  Liü-schi's  Chro:iik. 

15)  Hoai-nan-tseu  hat  ein  angebliches  Gespräch  Wu- 
wang's  mit  Thai-kung,  der  dessen  Bedenken,  seinen  Fürsten 
bekriegt  zu  haben,  beschwichtigt ;  ein  anderes  angebliches 
Gespräch  beider,  wie  er  zu  verfahren  habe,  gibt  Thai-kung's 


30)  In  der  Sammlung  II,  9 ;   s.  m.  Abh.  S.  288. 


96        Sitzung  der  phüos.-phüol  Ölasse  vom  8.  Januar  1870. 

Goldkasten,  ein  Gespräch  mit  Tscheu-kung  über  Yü's  Re- 
gierung der  Tscheu-schu,  sowie  dessen  Rath  über  die  Ein- 
theiluüg  des  Reichs  und  sein  ganzes  Verhalten. 

16)  Der  Opfer,  die  Wu-wang  darbringt,  erwähnt  dt-r 
I-sse  aus  Schu-king  V,  3,  4,  dann  der  Li-ki  im  C.  16  Ta- 
tschuen,  der  Tscheu-schu,  Me-tseu  und  Tsu-tse  tschü. 

17)  Nach  dem  Ta-tai  Li-ki  K.  6  Ti  59  fragt  er 
angeblich  den  Schang-fu  nach  den  Priucipieu  (Tao)  Houng- 
ti's  und  Tschuen-hiü's,  der  sagt  sie  ihm  nach  dem  rothen 
Buche  (Tan-schu):  auf  jeder  Thür,  jeder  Waffe,  jedem  Ge- 
räthe.  jedem  Kleidungsstücke  wurden  angeblich  moralische 
Sprüche  geschrieben  und  eingravirt  (Wei-ming)  nach  diesem 
und  nach  Thai-kung's  Goldkasten  (Kin-kuei)  und  dessen 
Verborgenen  Rathschlägen  (Yn-meu) ;  die  Verbote  der  5  Kaiser 
(üu-ti)  werden  aus  Thai-kung's  Goldkasten  angeführt. 

18)  Wie  Pe-i  und  Scho-tsi  lieber  sterben,  als  dem 
neuen  nach  ihrer  Meinung  usurpatorischen  Kaiser  zu  hul- 
digen, ist  ein  Thema,  welches  die  Chinesen  vielfach  be- 
handeln; der  I-sse  gibt  die  Stellen  aus  dem  Sse-ki,  dem 
Thai-sse-kung^'),  demTschhün-thsieu-schao-yang-pien,  dem  Ki- 
mung-schu,  demKu-sse-kao,  dem  Lie-tschuen,  Liü-schi's  Chronik 
und  dem  Philosophen  Tschuang-tseu.  Wir  haben  die  Stellen 
aus  dem  Lün-iü  und  Meng-tseu,  die  hier  vermisst  werden, 
in  u.  Histor.  Einleit.  z.  Leben  des  Confucius  S.  372  (24  fg.) 
schon  angeführt. 

19)  Auch  Schang-yung  weigerte  sich  nach  dem  Han- 
schi-uai-tschuen  von  Wu-wang  eine  Stelle  anzunehmen. 

20)  Wie  Tscheu-kung  die  Musik  Ta-wu  mit  panto- 
mimischen Tänzen  einführt,  erwähnen  Liü-schi's  Chronik, 
Siün-tseu  und  Hoai-nan-tseu.  Confucius  Gespräch  darüber 
mit  Pin-meu  kia  im  Li-ki  C.  19  Yo-ki  haben  wir  in  u.  Abh. 
üeber  den  Cultus  der  alten  Chinesen  a.  d.  Abh.  d.  Ak.  IX,  3, 
S.  951  (117)  schon  mitgetheilt. 

21)  Zuletzt  wird  noch  die  Darbringung  von  Hunden 
durch  Fremde  nach  dem  Schu-king  V,  5  erzählt  und  noch 
andere  wunderbare  Gaben  nach  dem  Scho-i-ki. 

B.  21.     Tscheu  kien  tschu-heu,  d.i.  Tscheu  gründet 


31)   So  nennt  Sse-ma-tsien  seinen  Vater  Sse-ma-than,  s.Remusat 
Nouv.  Mel.  As.  T.  U  p.  131. 


J 


Plath:  Quellen  der  alten  chiyies.  Geschichte.  97 

die  Vasallen- Fürstenthümer,  handelt  erst  von  diesen  im 
Allgemeinen,  wie  die  Nachkommen  der  alten  Kaiser  und 
die  Glieder  seiner  Familien  solche  Lehne  erhielten,  nach  dem 
Sse-ki  (das  C.  des  Schu-king  Fen-ki  ist  verloren),  Liü-schi's 
Chronik  und  Han-schi-uai-tschuen ,  auch  dem  Li-ki  C.  Yo-ki 
19  f.  35  V.  (16  p.  106)  und  von  den  5  verschiedenen  Glassen 
der  Vasallenfürsten  und  dem  Umfange  ihrer  Gebiete.  Dann 
spricht  er  von  den  einzelnen  Lehenreichen  nach  dem 
Sse-ki,  Siün-tseu  und  wie  namentlich  Thsi  unter  Thai-kung 
sich  hob  nach  dem  Yen-thie-liin,^^)  Han-fei-tseu  und  dem 
Tschhün-thsieu-fan-lu.  Tscheu-kung  wird  mit  Lu  belehnt,  das 
er  alsbald  aber  seinem  Sohne  Pe-kin  abtritt.  Die  Rathschläge, 
die  er  ihm  ertheilt ,  werden  nach  dem  Sse-ki ,  dem  Schue- 
yuen,  Siün-tseu  und  dem  Schang-schu  Ta-tschuen  erwähnt; 
die  verschiedenenen  Principien  der  Regierung  Thai-kung's  in 
Thsi  und  Tscheu-kung's  in  Lu  nach  Liü-schi's  Chronik,  auch 
im  Schue-yuen,  angegeben.  Die  Verleihung  der  anderen  Reiche 
Pe-Yen's  an  Tschao-kung  u.  s.  w.  werden  meistens  nur  nach 
dem  Sse-ki  erzählt ;  hier  ist  noch  die  Anekdote,  wie  Tschao- 
kung  unter  einem  Birnbäume  Recht  sprach  nach  dem  Schi- 
king (I,  2,  5),  Han-schi-uai-tschuen,  dem  Schue-yuen,  dem 
Yo-tung-sching-i;  dass  er  108  Jahre  alt  wurde,  beruht  nur 
auf  dem  Lün-heng.  Die  Verleihung  ü's  an  Thai-pe  wird 
auser  dem  Sse-ki,  auch  nach  dem  Ü  Yuei  Tschhün-thsieu 
und  Fu-tseu  erzählt.  Dem  Ki-tseu.  aus  der  Kaiserfamilie 
der  2.  D.,  wird  das  C.  Hung-fan  im  Schu-king  zugeschrieben. 
Dass  Wu-wang  ihn  mit  Tschao-sien  (Nord-Corea)  belehnt 
habe,  erwähnt  nur  der  Sse-ki,  dann  der  Schang-schu  Ta- 
tschuen,  der  Heu-Han  schu  und  der  Schui-king  tschü.  Wei- 
tseu,  ein  Naclikomme  der  2.  Dynastie,  wird  mit  Sung  belehnt 
Dach  dem  Schu-king  V,  8,  dem  Sse-ki  und  dem  Schang-schu 
Ta-tschuen ;  der  Belehnung  Thang's  mit  dem  späteren  Tsin 
erwähnt  nächst  dem  Sse-ki  noch  Liü-schi's  Chronik.  Die 
i  Belehnung  mit  Pa  (in  Sse-tschuen)  wird  nur  aus  dem  Hoa- 
i  yang  kue-tschi  erzählt;  wir  übergehen  die  anderen  Reiche, 
,  deren  nur  nach  dem  Sse-ki  gedacht  wird. 


32)  In  der  Sammlung  III,  7;  s.  m.  Abb.  S.  299  fg. 
[1870.  I.  1.1  7 


98        Sitzung  der  philos.-phüöl.  Glosse  vom  3.  Januaf  1870. 

B.  22.  Tscheu-kung  schi  tsching,  d.  i.  Tscheu- 
kung  führt  die  Regierung  (während  der  ]\^nderjährigkeit  von 
Tschin g-wang ,  Wu-wang's  Nachfolger).  Die  Hauptbegeben- 
heiten sind  diese: 

1)  Kuan-  und  Tshai-tscho,  die  Brüder  Wu-wang's  und 
Tbcheu-kung's,  wurden  zu  Aufsehern  der  Yu  bestellt ,  nach 
dem  Bambubuche,  dem  Sse-ki,  der  Chronik  der  Kaiser  und 
Könige  und  dem  Tscheu-schu. 

2)  Tscheu-kung  hat  bei  Wu-wang's  Erkrankung  nach 
dem  Schu-king  V,  6  und  dem  Sse-ki  sich  für  ihn  dem  Tode 
geweiht.  üeber  Wu-wang's  Tod  gibt  es  nach  der  Note 
verschiedene  Zeitangaben. 

3)  Nach  dem  Siu-schu  wird  erzählt,  wie  Tsching-wang's 
Mutter,  als  sie  mit  ihm  schwanger  ging,  sich  verhielt  (siehe 
auch  die  Chronik  der  Kaiser  und  Könige). 

4)  Da  er  erst  13  Jahre  alt  war,  wurde  Tsclieu-kung 
für  ihn  Regent.  Wie  dieser  eigenthümlich  ihn  mit  seinem 
Sohne  Pe-kin  erzieht,  der  die  Prügel  bekommt,  wenn  der 
junge  Kaiser  etwas  versieht ,  erzählt  der  Li-ki  (J.  8  f.  28  v. 
und  der  Kia-iü  C.  43  f.  22  v,  (s.  m.  Hist.  Einleit.  z.  Confucius 
Leben  S.  386  (38),  der  Sin-schu  und  Sse-ki. 

5)  Tscheu-kung's  Ermahnung,  als  Schao-kung  sich  zurück- 
ziehen will,  wird  aus  dem  Schu-king  V,  16  berichtet. 

6)  Wie  Tscheu-kung  dem  jungen  Kaiser  den  männ- 
lichen Hut  ertheilt,  erzählt  der  Ta-tai  Li-ki  und  Ku-sse- 
kao;  nach  dem  Schang-schu  Tsiuen  fragt  Tsching-wang  Tscheu- 
kung,  wie  der  männliche  Hut  Schün's  gewesen  sei!  Der 
Scho-i-ki  spricht  von  den  Geschenken ,  die  ihm  dargebracht 
wurden. 

7)  Verdächtigt  zieht  Tscheu-kung  sich  2  Jahre  nach 
Osten  zurück  nach  dem  Schu-king,  dem  Sse-ki  und  dem 
Yue-tsue-schu.  In  dieser  Zeit  soll  er  die  364  kurzen  Texte 
des  Y-king  verfasst  haben.  Dieser  Theil  des  Y-king  wird 
hier  dann  im  I-sse  f.  7  — 15  ganz  eingeschaltet,  auch  mehrere 
Lieder  des  Schi-king,  wie  I,  15,  2  nach  Han  Schi-schue. 
Der  Himmel  zürnt  über  seine  Zurücksetzung,  seine  Ver- 
dienste werden  dann  anerkannt  und  er  kehrt  zurück  nach 
Schu-king  V,  16. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  99 

8)  Es  folgt  dann  der  Aufstand  Kuan-u.  Tshai-scho's, 
die  Tscheu-kung  tödten  lässt ,  nach  dem  Schu-king .  dem 
Schang-schu  Ta-tschuen,  dem  Scbi-tscbuen.^^J  dem  Sse-ki, 
dem  Schue-yuen,  auch  Han-schi -uai-tschueu  und  dem 
Tscheu-schu. 

9)  Die  Anekdote,  wie  Tsching-wang  dem  Tscheu-kung 
eine  wunderbare  Kornähre,  die  ilim  gebracht,  verehrte, 
war  in  2  verschiedenen  G,  des  Schu-king  enthalten  (s.  S.  82). 
daraus  hat  sie  wohl  der  Sse-ki. 

10)  Tscheu-kung  bekriegt  dann  die  Barbaren  Hoai-i  im 
Osten  nach  dem  Schi-king,  dem  Sse-ki  und  der  Vorrede  zum 
Schu-king  nach  einem  verlorenen  Capitel  desselben  und  der 
Kaiserchronik. 

11)  Es  folgen  dann  mehrere  Capitel  aus  dem  Schu- 
king  über  die  Leamtung,  den  Bau  von  Lo-yang;  der 
Sse-ki ,  Sui-tsao-tseu ,  der  Tscheu-schu  und  Hoai-nan-tseu 
erwähnen  diesen.  Der  Tscheu-schu  hat  auch  Angaben  über 
die  Grösse  der  Stadt.  Wie  Tsching-wang  da  die  neun  Urnen 
(Ting)  Yü's  aufstellt,  erwähnt  die  Chronik  der  Kaiser  und 
Könige  erst.  Noch  eine  Angabe  hat  der  Schang-schu  Ta- 
tschuen  über  sein  Thun ,  ebenso  Schi-tseu  und  Siün-tseu. 
7  Jahre  stand  er  dem  Kaiser  Tsching-wang  zur  Seite.  Wie 
er  Gebräuche  und  Musik  geordnet  habe,  erwähnt  der  Schue- 
juen.  Anderes  über  ihn  gibt  noch  Liü-schi's  Chronik,  der 
Pe-hu-tung,  Siün-tseu ;  Wundergeschichten  berichtet  wieder 
der  Sung-fu-sui-tschi  und  der  Yen-thie-lün.  Dass  er  bei 
Uebergabe  der  Regierung  an  Tsching-wang  nach  Tsu  ent- 
flohen sei,  bemerkt  die  Note  f.  30  sei  irrig.  Aus  Hoai-nan-tseu, 
Sün-tseu,  Schi-tseu  und  Yo-tseu  werden  noch  Aussprüche 
über  ihn  mitgetheilt,  so  auch  aus  Liü-schi's  Chronik.  Er 
wollte  in  Tsching-tscheu  begraben  werden,  der  Kaiser  begrub 
ihn  aber  in  Pi,  nach  einem  verlorenen  Capitel  des  Schu- 
king  und  dem  Sse-ki.  Wie  der  Kaiser  als  Auszeichnung 
ihm  und  seiner  Familie  kaiserliche  Opfer .  Musik .  Fahnen 
und  Wagen  bewilligte,  berichtet  der  Li-ki  im  Cap.  25 
Tsi-tung. 


33)   In  der  Sammlung  I,  7;  s.  Anm.  19. 


100      Sitzung  der  philos.-philol  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

4b)     Innere  Einrichtungen  und  Organisation  der 
Dynastie   Tscheu. 

lieber  die  inneren  Einrichtungen  der  beiden  ersten 
Dynastien  haben  wir  nur  sehr  vereinz-^lte  Nachrichten ;  in- 
dess  bemerkte  der  Li-ki  im  C.  Li-ki  10  f.  14  (9  p.  55),  dass  die 
Gebräuche  der  3  ersten  Dynastien  im  Wesentlichen  gleich 
waren,  siehe  auch  Meng-tseu  I,  2,  23.  Doch  gab  es  auch  Abweich- 
ungen nach  Meng-tseu  III,  1,  3,  6, 10  und  dem  Li-ki  an  verschie- 
denen Stellen.  Üeber  die  der  3.  D.  Tscheu  dagegen  haben  wir 
weitere  Nachrichten.  Sie  sind  besonders  in  4  Werken  enthalten, 
über  die  wir  daher  ausführlicher  sprechen  müssen.  Es  sind 
dies  der  Tscheu-li,  der  J-li,  der  Li-ki  und  der  Ta-tai  Li-ki. 

1)  Tscheu-li  heisst  die  Gebräuche  des  Tscheu;  näher 
bezeichnend  ist  der  andere  Titel  des  Werkes  Tscheu-kuan, 
d.  i.  die  Beamten  der  Tscheu,  denn  dies  Werk  enthält  eine 
detaillirte  Darstellung  der  Verwaltung  dieser  Dynastie,  die 
man  auf  Tscheu-kung  schwerlich  mit  Recht  zurückführt. 
Tscheu-kung  soll  nämlich  auch  die  20  ersten  Capiteln  des  5.  B. 
des  Schu-king  verfasst  haben,  von  welchem  das  letzte  (V,  20) 
Tscheu-kuan  heisst,  was  freilich,  wie  P.  Regis  in  der  Ein- 
leitung zum  Y-king  I  p.  147  bemerkt,  von  der  künsthchen 
Organisation ,  wie  sie  dieses  Werk  enthält ,  sehr  abweicht, 
wie  denn  auch  die  souderbaien  Bezeichnungen  des  Tscheu-li 
für  die  6  Ministerien,  das  des  Himmels,  der  Erde,  des 
Frühlings,  des  Sommers,  Herbstes  und  Winters  (Thian-,  Ti-, 
Tschün-,  Hia-,  Thsieu  und  Tung-kuan)  weder  im  Schu-king 
noch  im  Schi-king,  noch  bei  Confucius  und  seinen  Schülern 
vorkommen;  das  System  müsste  denn  in  späteren  Jahren 
erst  ausgebildet  sein.  Tso-tschuen  Wen-kung  Ao.  18  f.  24, 
S,  B.  15  p.  474  sagt:  Tscheu-kung  tschi  Tscheu  h,  d.  i.  Tscheu- 
kung  regelte  die  Gebräuche  der  Tscheu,  womit  freilich  unser 
Buch  nicht  gemeint  ist.  Biot  T.  I  p.  X  und  Mem.  pres.  par 
divers  savants  ä  l'Academie  des  Inscr.  Paris  1852  4.  Ser.  I 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  101 

T.  2  p.  9  hebt  hervor,  dass  im  Tscheu-li  B.  9  f.  17  die  Länge 
des  Mittagsschattens  am  Sommersolstiz  mit  dem  Gnomon 
von  8  Fuss  in  Lo-yang,  der  Hauptstadt  der  Tscheu  gefunden 
sei  und  will  darin  eine  Bestätigung  dafür,  dass  Tscheu-kuug 
der  Verfasser  sei ,  gefunden  haben  ,  da  Laplace  für  das 
12.  Jahrhundert  v.  Chr.  die  angegebene  Länge  zutreffend 
gefunden  habe,  auch  die  28  Sternbilder,  die  nach  andern 
Angaben  Tscheu-kung  bestimmt  habe,  erwähne  4er  Tscheu-li. 
Gegen  diese  Argumente  hat  indess  neuerdings  Weber  in  den 
Abh.  d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1860  S.  264  nicht  unwichtige 
Einwendungen  gemacht. 

Gegen  die  Authenticität  des  Tscheu-li  hat  man  ein- 
gewandt, dass  Confucius  und  seine  Schüler  ihn  nicht  citirten, 
wie  doch  den  Schu-king,  Schi-king  und  Li-ki,  indess  sagt 
Confucius  im  Tschung-yung  C,  20,  2  und  im  Kia-iü  C.  17  ,,die 
Verwaltungsmassregeln  Wen-wang's  und  Wu-wang's  sind  auf 
Bambutafeln  verzeichnet,  lebten  diese  grossen  Männer  noch, 
so  würden  ihre  Verordnungen  noch  in  Kraft  sein,  sie  sind 
aber  gestorben  und  ihre  Verordnungen  vernachlässigt"  und  Biot 
meint,  Confucius  habe  im  kaiserlichen  Archive  ein  ähnliches 
Werk  gesehen,  dessen  Vorschriften  aber  für  die  Beamten 
seiner  Zeit  nicht  mehr  anwendbar  gefunden;  wenn  Meng-tseu 
im  4.  Jahrhundert  v.  Chr.  V,  2,  2,  2  (II,  4,  9)  sage,  er  habe 
das  Detail  über  die  Abgaben  und  Aemter  der  D.  Tscheu 
nicht  kennen  lernen  können,  da  die  offiziellen  Register,  die 
sie  enthielten,  durch  die  Feudal-Fürsten,  denen  sie  unbequem 
waren ,  vernichtet  worden  und  er  könne  daher  nur  einen 
Abriss  davon  geben,  so  gehe  das  nur  auf  die  Copien,  die  sie 
erhalten  hätten  und  es  könne  immer  ein  Exemplar  im  kaiser- 
lichen Archive  oder  in  dem  eines  andern  Fürsten  sich 
erhalten  haben.  Legge  T.  1  Prol.  p.  120  sagt,  dass  Nan- 
kung-kuo  oder  Tseu-yung  bei  einem  Feuer ,  das  im  Palaste 
Lu  Ngai-kung's  (494  v.  Chr.)  ausbrach,  alle  seine  Anstrengungen 
darauf  richtete,    die  Bibliothek  zu  retten    und  ihm   die  Er- 


102       Sitzung  der  pMlos.-pMlol  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

haltung  eines  Exemplars  des  Tscheu-li,  der  in  Lu  sich  fand, 
sowie  anderer  alter  Denkmäler  zu  verdanken  sei;  Legge 
gibt  leider  die  Quelle,  aus  der  er  schöpfte,  nicht  an;  im 
Leben  dieses  Schülers  des  Confucius ,  im  I-sse  B.  95 ,  4, 
finde  ich  nichts  der  Art  erwähnt. 

Als  Thsiu-schi-hoang-ti  das  Feudalwesen  in  China  stürzte, 
wurde  auch  dieses  Werk  213  v.  Chr.  mit  den  andern  King 
verbrannt,^*)  aber  später  bei  der  Wiederherstellung  der 
chinesischen  Literatur  unter  Han  Hiao-wen-ti  (170  —  156 
"V.  Chr.)  ein  Theil  und  dann  der  ganze  jetzige  Tscheu-li 
wieder  aufgefunden  und  commentirt.  Wir  müssen  uus  wegen 
des  Näheren  auf  Biot's  Einleitung  zu  seiner  Uebersetzung 
des  Tscheu-li.  Paris  1851  2.  B.  8^  beziehen.  Wir  haben  in 
unserer  Abb.  üeber  die  Religion  der  alten  Chinesen,  a.  den 
Abb.  d.  bayer.  Akad.  d.  Wiss.  I.  Cl.  B.  9  Abthl.  3  S.  738  (8)  fg., 
ausführlicher  schon  darüber  ausgesprochen ,  auf  welche  wir 
der  Kürze  wegen  hier  verweisen. 

Wenn  wir  die  Echtheit  des  Tscheu-li  annehmen,  so  ist 
damit  nicht  gesagt,  dass  nicht  einzelne  Stellen  oder  grössere 
Abschnitte  später  verändert  oder  eingeschoben  sein  könnten. 
Dies  gibt  auch  Biot  zu  und  ähnlich  urtheilt  Gaubil  zum 
Chouking  p.  216:  dans  le  livre  Tcheou-li  et  dans  le  Li-ki 
il  y  a  bien  de  choses  qui  sont  de  lui  (Tscheu-koug),  mais  il 
est  difficile  de  determiner  au  juste,  ce  qu'il  a  fait  dans  ces 
deux  ouvrages ,  und  p.  258 :  le  livre  Tscheou-li  renferme 
plusieurs  morceaux  composes  par  Tcheou-kong  et  par  plusieurs 
autres;  —  dans  ce  livre  Tscheou-li  il  y  a  plusieurs  morceaux 
qui  n'y  ont  ete  mis  que  du  tems  de  Han ;  vergl.  auch  P.  Regis 
Einl.  z.  Y-king  I  p.  146  fg.  und  Wylie  p.  4. 


34)  Wylie  p.  4  sagt:  In  Thsin  hatten  nicht  die  Gebräuche  der 
D.  Tscheu,  sondern  fortwährend  die  der  D.  Schang  gegolten,  daher 
sein  Hass  gegen  dieses  Buch.  Ich  weiss  nicht,  woher  es  die  An- 
gabe hat. 


Flath:  Quellen  der  alten  cJiines.  Geschichte.  103 

Den  Abschnitt  Tschi-fang-tscbi  im  Tsclieu-li  B.  33  f.  1—59 
finde  ich  auch  im  Tscheu-schu  C.  8  f.  7  —  9  v.,  in  der  Samm- 
lung I,  6.  Dieses  Werk  soll  mit  dem  Bambubuche  und  auderu 
im  Grabe  des  Fürsten  von  Wei  279  n.  Chr.  gefunden  worden 
sein,  was  aber  wenig  glaublich  ist  nach  Wylie  p.  23;  s.  m.  Abb. 
S.  6.  Das  Bauibubuch  geht  bis  zum  16.  Jahre  von  Kaiser 
Yiu  (Nan-wang)  298  v.  Chr. ,  wäre  also  wohl  bald  darnach 
im  Grabe  deponirt  worden  und  wenn  der  Tscheu-schu  gleich- 
zeitig mit  ihm ,  wäre  das  Vorhandensein  des  obigen  Abschnittes 
des  Tbcheu-li  um  298  v.  Chr.  constatirt. 

Wir  brauchen  auf  eine  nähere  Angabe  des  Inhalts  des 
Tscheu-li  hier  nicht  einzugehen,  da  wir  in  uns.  Abh.  üeber  die 
Verf.  und  Verwah.  China's  unter  den  3  ersten  D.  S.  526  f. 
eine  genaue  Uebersicht  der  einzelnen  Beamten  der  D.  Tscheu 
nach  dem  Tscheu-li  schon  gegeben  und  in  uusern  verschiedenen 
Abhandlungen :  Ueber  die  Kehgion  und  den  Cultus.  München 
1862-64  —  Ueber  die  Verfassung  und  Verwaltung.  München 
1865  —  Ueber  Gesetz  und  Recht.  Müuchen  1865  —  Ueber 
Nalu'ung,  Kleidung,  Wohnung.  München  1868  —  und  üeber 
die  Beschädigungen  der  alten  Chin.  München  1869,  alle  in  4°, 
a.  d.  Abh.  der  Akad.,  das  Material  schon  verarbeitet  haben. 
Die  letzte  Abtheilung  des  Tscheu-li  ist  verloren  gegangen. 

Wichtiger  ist  die  Frage,  in  welcher  Zeit  diese  Ein- 
richtungen gegolten  haben  mögen?  Soviel  erhellt  aus  obigen 
Angaben  und  aus  der  ganzen  chin.  Geschichte  ihrer  Zeit,  dass 
dieses  zu  Confueius  und  Meng-tseu's  Zeiten  nicht  mehr  der 
Fall  wai-.  Wir  können  sie  also  nur  in  der  Zeit  von  Tscheu- 
kung  1122  V.  Chr.  bis  kaum  zu  Anfang  des  Tschhün-thsieu 
(722  V.  Chr.)  etwa  als  in  Kraft  bestehend  uns  denken  und 
hervorgehoben  zu  werden  verdient ,  dass  wir  in  dem  ganzen 
Werke  auch  keine  Anspielung  auf  spätere  Zeiten  oder  auch  nur 
eine  Erwähnung  der  Einzelreiche,  die  zur  Zeit  des  Tschhün- 
thsieu  und  später  zu  Ansehen  gelangten ,  gefunden  haben. 
Auf  diese  Zeilen  passten  die  darin  erwähnten  Einrichtungen 


104      Sitzung  der  pMos.-pMol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

nicht  mehr.  Auch  fragt  es  sich  immer  noch,  ob  diese  auch 
früher  vollständig  zur  Geltung  kamen  und  ins  Leben  traten, 
oder  sich  darin  erhielten ;  wir  haben  sie  daher  hier  erwähnt. 
Bemerkenswerth  möchte  indess  noch  die  Stelle  im  Tso-tschuen 
Min-kung  A.  1 ,  S.  B.  13  S.  53 ,  auch  im  I-sse  B.  40  f.  6  v., 
sein ,  wo  es  660  v.  Chr.  heisst :  Lu  hält  noch  fest  an  den 
Gebräuchen  der  Tscheu. 

Das  2.  Werk  ist  des  I-li,  — Decorum  ritual  übersetzt  es 
Wylie  —  mehr  die  Bräuche  einzelner  Klassen  oder  im  Detail 
Nachrichten  über  einzelne  Gebräuche  enthaltend.  Die  Zeit 
aus  welcher  er  stammt,  ist  ebensowenig  bestimmt;  auch 
dieses  Werk  wird  auf  Tscheu-kung  zurückgeführt. 

Nach  dem  Bücherbrande  brachte  Kao-tang  aus  Lu  im 
2.  Jahrhundert  v.  Chr.  zuerst  ein  Werk  Sse-li,  The  scholars 
ritual,  in  7  Abschnitten  ans  Licht.  Damit  stimmte  die  Ab- 
schrift, die  man  dann  mit  dem  Schu-king  u.  a.  Werken  in 
der  Mauer  von  Confucius  Hause  fand.  Es  hiess  Li  ku  king, 
alter  Klassiker  über   die  Bräuche,    seit  den  Han  aber  I-li. 

Da  es  noch  nicht  herausgegeben  oder  übersetzt  ist 
und  wir  auch  nirgends  eine  genauere  Angabe  über  dessen 
Inhalt  im  Einzelnen  finden,  so  wird  die  Angabe  des  Inhalts 
der  einzelnen  C.  nicht  unangemessen  sein.  Das  Exemplar 
der  Staatsbibliothek  aus  der  Sammlung  von  0.  Martucci  ent- 
hält 17  C.  in  13  Heften,  der  alte  I-li  soll  56  C.  (pien)  ent- 
halten haben.  Mehrere  Werke,  die  sich  auf  ihn  beziehen, 
nennt  der  Katalog  K.  2  f.  27  v.  fg. 

Heft  1  C.  1  Sse-kuan-li  handelt  von  den  Gebräuchen 
bei  Aufsetzung  des  männhchen  Hutes  eines  Literaten;  C.  2. 
Sse-huen-li  von  den  Hochzeitsgebräucheu  eines  Literaten; 
Heft  2  C.  3  Sse-siang-kien-li  von  den  Gebräuchen  bei 
den  gegenseitigen  Besuchen  der  Literaten;  C.  4  Hiang- 
yen-tsieu-li,  von  den  Gebräuchen,  wenn  im  Distrikte  (alle  3 
Jahre  bei  einen  Festin)  man  Wein  trinkt;  Hft.  3  C.  5 
Hiang-sche-li,    von  den  Gebräuchen  beim  Bogenschiessen 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  105 

im  Distrikte;  Hft.  4.  C.  6  Yen-li,  von  den  Gebräuchen  bei 
bei  Festen;  Hft.  5,  C.  7  Ta-sche-i,  von  den  Bräuchen  beim 
grossen  Bogenschiessen ;  Hft.  6  C.  8  Ping-li,  von  den  Ge- 
bräuchen bei  Besuchen;  Hft.  7.  C.  9  Kung-sse  Ta-fu  li, 
von  den  Gebräuchen,  wenn  der  Kuug  (etwa  Grai)  einen 
Ta-fu  (Grossbeamten)  zum  Essen  einlud  ;  C.  lOKbin-li,  von 
den  Gebräuchen  bei  der  Aufwartung  (der  Vasallen-Fürsten 
beim  Kaiser  im  Herbste);  Hft.  8  C.  11  Sang-fu-li,  von 
den  Gebräuche hinsichts  der  Trauerkleider;  Hft.  9  C.  12  Sse- 
sang-li,  von  den  Gebräuchen  bei  der  Trauer  eines  Literaten; 
Heft  10  C.  13  Ki-si,  nach  den  Anfangswörtern  genannt, 
ist  nur  die  2.  Abtheilung  des  vorigen  Capitels ;  Heft 
11  C.  14  Sse-iü-li,  von  den  Gebräuchen  des  Sse-yü; 
Hft.  12.  C.  15  Te-seng-kuei-schi,  von  den  (grossen) 
Opfern  ,  wenn  man  Rinder  darbringt;  Hft.  13.  C.  16 
Schao-lao-kuei-schi,  von  den  kleinen  Opfern  (der  Khing 
und  Ta-fu);  C.  17  endlich  Yeu-sse-tschhe,  nur  nach  den 
Anfangsworten  genannt,  ist  wieder  nur  eine  Unterabtheilung 
des  Vorigen. 

Das  3.  Werk,  derLi-ki,  würde  das  wichtigste  sein,  wenn 
es  der  alte  ächte  Li-ki  wäre,  welchen  Confucius  nach  Lün-iü 
2,  16,  13  seinem  Sohne  zum  besonderen  Studium  empfahl. 
Nach  dem  Li-ki-ming-tsching  im  I-sse  B.  19  f.  30  v.  sah 
Confucius  die  Gebräuche  (Li)  im  Verfall ,  wie  die  Musik, 
die  Principien  verwaist  und  er  ordnete  daher  die  300  Li 
und  die  3000  J,  den  Schu-king  und  Schi-king  revidirte  er 
und  stellte  die  Musik  fest.  Dieses  Werk  ist  verloren  und 
obwohl  die  Citate,  welche  Confucius  und  Meng-tseu  aus 
dem  Li-ki  anführen,  in  dem  jetzigen  Li-ki  mit  aufgenommen 
sind,  ist  dies  doch  kein  altes  Werk,  sondern  es  enthält  viele 
Cap.  die  auf  eine  viel  spätere  Zeit  hinweisen.  Als  der  Sturm, 
der  unter  Thsin  Schi-hoang-ti  sich  gegen  die  ganze  alte 
chinesische  Literatur  erhob,  verbrauset  und  die  D.  Han  zum 
ruhigen   Besitze   des  Landes   gelangt  war,   suchte   man  mit 


106      Sitzung  der  philos.-philol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Eifer  alle  literarischen  Ueberbleibsel  der  alten  Zeit  wieder 
auf;  in  Sclian-tuug  soll  Kao-tang-seng  zunächst  17  Cap.  des 
Li-ld,  die  in  seinem  väterlichen  Hause  sich  erhalten  hatten, 
seinen  Schülern  überliefert  haben ;  130  v.  Chr.  wurde  einem 
Binder  des  Kaisers  Hiao-wu-ti,  dem  Fürsten  von  Ho-kien, 
ein  Li-ki  in  131  C.  gebracht,  die  300  J.  vorher  von  Schülern 
des  Coufucius  verfasst  sein  sollten ;  sie  wurden  dem  Tribunale 
der  Gebräuche  übergeben,  dessen  Vorstand  Lieu-kiaug  noch 
andere  Stücke,  die  man  gefunden  hatte,  damit  vereinigte, 
so  dass  die  Zahl  der  C.  nach  Einigen  auf  214,  nach  Andern 
garauf  250  gebracht  wurde,  aber  Tai-te,  der  grosse  Tai,  der  mit 
seinem  Neffen  Tai-sching,  dem  kleinen  Tai,  sie  zur  Revision 
erhielt,  reduzirte  sie  nach  Ausscheidung  der  unzähligen 
Wiederholungen  und  Erweiterungen  auf  85  Cap.  Die  früheren 
Sammlungen  sind  verloren  gegangen ;  aus  diesen  machte 
der  kleine  Tai  später  eine  neue  Reduktion  von  46  C. ;  zu 
Ende  der  D.  lian  fügte  Ma-juug  noch  3  neu  entdeckte  C, 
\uei-ling  (Gap.  6),  Ming-tang-wei  G.  14  u.  Yo-ki  C.  19 
hinzu,  so  dass  die  Zahl  der  Capitel  auf  49  stieg;  unter 
der  D.  Suug  Hess  man  C.  42,  welches  den  Ta-hio  enthielt, 
wie  G.  31  den  Tschung-yung,  weg,  die  jetzt  in  den  4  Büchern 
enthalten  sind,  so  dass  der  Li-ki  jetzt  aus  47  G.  besteht; 
die  anderen  38  G.,  die  man  später  wieder  fand,  sind  dann 
unter  dem  Namen  des  Ta-tai  Li-ki  besonders  herausge- 
geben worden.  Die  Turiaer  Ak.  d.  Wissenschaften  hat  den 
Li-ki  chinesisch  mit  Gallery's  franz.  Uebersetzung  heraus- 
gegeben, da  dieser  aber  mehrere  G.  ganz  ausgelassen,  andere 
nur  theilweise  mitgetheilt  hat,  wird  es  zweckmässig  sein,  hier 
eine  Uebersicht^^)  des  Inhaltes  aller  einzelnen  Capitel  zu 
geben. 


35)  W.  Schott  Entwurf  und  Beschreibung  der  chinesischen 
Literatur.  Berlin  1854.  4*^.  S.  19fg.  gibt  eine  Uebersicht  des  Li-ki, 
die  aber  doch  nicht  so  detaillirt  ist. 


Plath:   Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  107 

C.  1  u.  2.  Kiü-li  in  2  Abtb.,  der  obern  u.  untern,  spricbt 
von  allerlei  Gebräucbeu;  Kiu  ist  ein  volles  Gefäss.  Die  innere 
Ehrerbietung  (King),  wird  bier  gelebrt,  ist  die  Grundlage  des 
Li  und  die  Cardiualtugenden  erbalten  durcb  diese  erst  ihre 
Vollendung.  Es  bandeln  diese  Capitel  dann  speciell  von  den 
Piiicbteu  gegen  Vater  und  Mutter,  gegen  Aeltere,  Höbere, 
1-reunde  und  Gäste,  von  der  notbwendigen  Trennung  der 
Gescblecbtcr,  den  Trauergebräueben,  Titeln,  Verbeugungen, 
Ausdrücken  der  Demutb,  Bescbeidenbeit  u.  s.  w.  G.  3  u.  4 
baben  die  Ueberscbrift  Tan-kung  von  einem  Manne  aus  Lu, 
der  zu  Anfang  genannt  wird  und  enthalten  kurze  Gespräche, 
Fragen  und  Antworten  über  allerlei  Gegenstände  des  Li  von 
Confucius  und  seinen  Schülern.  (Von  C.  3  gibt  Callery  nur 
ein  kleines  Fragment,  C.  4  auch  nicht  vollständig).  C.  5 
Wang-tscbi,  d.  i.  die  Regierung  des  Kaisers,  bandelt  von 
der  Eintheilung  des  Reiches  und  der  Regierung,  den  Berufs- 
ptiichten  des  Kaisers  und  der  Grossen,  den  Privilegien  der 
verschiedenen  Altersstufen  unter  den  Beamten  der  3.  D. 
Tscbeu.  C.  6.  Yuei-ling,  die  Monats-Erlasse,  bericbtet, 
Was  der  Kaiser,  die  Vasallenfürsten  und  Beamten  in  jedem 
Monate  zu  thun  haben,  namentlich  welche  Opfer  darzubringen 
sind,  wie  er  die  Acker-Ceremonie  vornimmt,  die  Collegieu 
besucht  u.  s.  w.  (Callery's  Ausgabe  lässt  Vieles  aus). 
Nach  den  meisten  Chinesen,  wie  Gaubil  bei  Souciet  Obs. 
T.  3.  p.  26  bemerkt,  ist  das  C.  von  Liü-pu-wey,  der  unter 
der  4.  D.  Thsin  245  v.  Chr.  starb;  s.  Anm.  5.  Die  Aus- 
leger sagen ,  es  enthalte  Vieles ,  was  mit  den  alten  Werken 
und  Gebräuchen  der  Weisen  sich  nicht  reime. 

C.  7.  Tseng-tseu-wen,  das  ist  Tseng-tseu  (ein  Schüler 
des  Confucius)  fragt  (diesen  und  der  beantwortet  seine  Fragen, 
welche  die  Trauergebräuclie  und  den  Abuendienst  betreffen). 
Nur  die  2  letzten  Fragen  werden  einem  anderen  Schüler  Tseu-hia 
in  den  Mund  gelegt,  (Callery  bat  dieses  Capitel  ganz  ausgelassen). 
C.8,  Wen-wang  scbi-tseu,  d.i.Wen-wang  als  Erbprinz,  spricbt 


108      Sitzung  der  philos.-pTiilöl.  Gasse  vom  8.  Januar  1870. 

davon,  wie  die  alten  Musterkaiser  ihre  Söhne  erziehen  Hessen, 
dass  sie  wieder  solche  würden ;  sie  mussten  Pietät  üben  — 
um  dereinst  die  Väter  des  Volkes  —  und  die  Unterthanen- 
Pflichten,  —  um  einst  gute  Fürsten  sein  zu  können;  denn 
nur  wer  den  Menschen  dienen  (sse)  kann,  kann  ihnen  später 
befehlen  (sse).  C.  9.  Li-yün,  d.i.  die  Phasen  oder  Wand- 
lungen des  Ceremoniells.  Confucius  entwickelt  da  die  hohe 
Bedeutung  derselben ;  die  Ausleger  aber  erklären  es  für 
zweifelhaft,  ob  die  Aeusserungen  von  Confucius  seien.  C.  10 
Li-khi,  wörtlich  die  Gefässe  (Khi)  des  Li;  ü.  11  Kiao-te- 
seng  spricht  von  den  Opfern,  die  im  Kiao  dem  Himmel 
vom  Kaiser  dargebracht  wurden  und  überhaupt  von  den 
kaiserhchen  Opfern,  (j.  12Nei-tse,  gibt  Vorschriften  für  das 
Innere  (das  Familienleben),  wie  die  Kinder  sich  gegen  die 
Eltern  und  Schwiegereltern  zu  verhalten  haben  (Callery 
C.  11  hat  nur  ein  kleines  Fragment  daraus  mitgetheilt). 
Es  werden  noch  jetzt  den  Kindern  im  Siao-hio  viele  Vor- 
schriften daraus  vorgehalten.  C.  13.  Yü-tsao,  gibt  allerlei 
Vorschriften  über  die  Kleidung  und  Haltung  der  Beamten, 
namentlich  bei  der  Aufwartung  am  Hofe,  (Callery  hat  es 
nur  sehr  unvollständig  gegeben) ;  C.  14  Ming-tang-wei  (Licht- 
tempel der  Ahnen,  hat  er  ganz  überschlagen),  ebenso  C.  15 
Sang-fu-siao-ki,  die  kleine  Abhandlung  über  die  Trauer- 
kleidung. C.  IG.  (bei  C.  13)  Ta-tschuen,  die  grosse  üeber- 
lieferung,  spricht  von  einigen  wichtigen  Ceremonien  beim 
Opfer-  und  Familienmahle,  C.  17.  Schao-i  enthält  Regeln 
für  das  Betragen  der  Jugend,  beschränkt  sich  aber  nicht 
auf  diese.  C.  18  Hio-ki,  die  Abhandlung  über  die  Studien, 
gibt  interessante  Data  über  das  Unterrichtswesen ^^)  C.  19 
Yo-ki  ist  eine  Abhandlung  über  die  Musik.  C.  20  und  21 
Tsa-ki    sind  Melanges,    namentlich   über    Trauergebräuche 


36)  Meine  Abb.  Scbule,  Unterriebt  und  Erziebung  bei  den 
alten  Cbinesen,   aus   den  S.  B.  d.  Ak.  München  1868.  8.  enthält  die 


Flath:  Quellen  der  aiten  chines.  Geschichte.  109 

(Callery  gibt  nur  ein  Paar  Sätze  daraus);  C.  22  Sang-ta- 
ki.  die  grosse  Abhandlung  über  die  Trauer,  hat  er  ganz 
ausgelassen.  G.  23  Tsi-fa,  des  Opfers  Regeln.  Die  Aus- 
leger sagen,  was  sie  enthält,  ist  wenig  glaubwürdig,  (Callery 
hat  es  nur  unvollständig  mitgetheilt).  C.  24.  Thsi-i,  von 
des  Opfers  Bedeutung.  C.  25  Tsi-tung.  Allgemeines  über 
die  Opfer.  C.  2G  King-kiai,  die  Eröffnung  oder  der  Sinn 
der  King  (classischen  Schriften),  erwähnt  des  Gebrauches  des 
Schi-kiug,  Schu-king,  Yo-king,  Y-king,  Tschhün-thsieu  und  des 
Li-ki  selbst  beim  Unterrichte,  Die  Stelle  zeigt  deutlich,  dass 
dies  nicht  der  alte  Li-ki  sein  kann ;  die  Ausleger  bezweifeln 
aber  die  Aechtheit  der  Aussprüche  des  Confucius,  G.  27 
(C.  22)  Ngai-kung  wen,  fragt  dieser  Fürst  von  Lu  Gon- 
fucius  über  Gebräuche  und  der  antwortet  ihm.  G.  28  (G.  23) 
Tschung-ni  (Confucius)  yen-kiü  enthält  Unterhaltungen 
des  Confucius  mit  seinen  Schülern  Tseu-tschang,  Tseu-kung 
und  Jon-ieu  über  die  Bräuche;  C.  29  Kung-tseu  kien-kiü, 
Unterhaltungen  desselben  mit  seinem  Schüler  Tseu-hia  in 
den  Mussestunden ;  C.  30.  Fang-ki,  Abhandlung  über -die 
Dämme,  Anweisungen  des  Confucius  die  Menschen  ins  rechte 
Geleis  zu  bringen,  gleichsam  einzudämmen. 

G.  31  enthielt  früher,  wie  schon  gesagt,  den  Tschung- 
yung.  G.  32  (G.  26)  Piao-ki,  zeigt  wie  der  Weise  durch 
sein  äusseres  Benehmen  schon  sich  Ehrfurcht  und  Vertriiuen 
erwirbt.  Der  Titel  von  C.  33  (C.  27)  Sche-y,  das  schwarze 
Kleid,  ist  einer  citirten  Stelle  des  Schi-king  entnommen  und 
enthält  allerlei  Aussprüche  des  Confucius.  C.  34.  Pen- 
sang, von  der  Trauer  (ist  von  Callery  ausgelassen,  so  auch 
C.  35 — 38);  C.  35  Wen-sang,  sind  Fragen  über  die  Trauer; 
C.    36  Fu-wen,    Fragen   über    die    Trauerkleidung;    C.  37 

Data  daraus,  sowie  m.  Abb.  Die  bänslicben  Verbältnisse  der 
alten  Chinesen.  München  1863.  8.  aus  andern  Capiteln  des  Li-ki, 
namentlich  aus  C.  12.8.44  u.s.w.  und  m.  Abb.  L'eber  den  CultuB 
der  alten  Chinesen  aus  C.  11,  23,  24  u.  a. 


110      Sitzung  der  phUos.-pJiilol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Kien-tschuen,  etwa  Ueberlieferung  aus  den  Musestunden 
(Kien),  C.  38  San-nien- wen ,  Fragen  über  die  dreijährige 
(Trauer).  C.  39  (C.  28)  Schen-i,  handelt  von  der  Verfer- 
tigung dieses  Anzuges.  C.  40  T heu- hu.  Hu  ist  ein  Wein- 
gefäss;  Theu-hu  ein  besonderes  Spiel.  C.  41  (0.  29)  Jü- 
hing  vom  Wandel  des  Gelehrten,  ist  eine  Deklamation,  die 
wohl  von  Confucius  nicht  herrührt.  C.  42  enthielt  früher 
den  Ta-hio.  C.  43  (C.  30)  Kuan-i,  handelt  von  der  Be- 
deutung der  Annahme  des  männlichen  Hutes;  C.  44  (C.  31) 
Huen-i,  von  der  Bedeutung  der  Heirath;  (J.  45.  (C.  32) 
Hiang-yen-tsieu-i,  von  der  Bedeutung  des  Weintrinkens 
im  Distrikte;  C,  46.  (C.  33)  Sche-i,  von  der  Bedeutung  des 
Bogenschiessens;  C.  47  (C.  34)  Yen-i  von  der  Bedeutung  der 
Festins;  C.  48.  (C.  35)  Ping-i.  von  der  Bedeutung  der 
Besuche  oder  Aufwartungen  und  C.  49  endlich  (das  bei  Callery 
fehlt),  Sang-fu  sse-tschi,  4  Vorschriften  über  die  Trauer- 
kleidung. Man  sieht  aus  dieser  Uebersicht,  wie  mehrere 
Capitel  dieselben  Gegenstände,  wie  der  J-li,  behandeln;  sie 
sind  aber  nicht  alle  alt,  sondern  enthalten  zum  Theil  nur 
Aussprüche  von  Confucius  und  seinen  Schülern,  die  aber 
immer  nichts  Neues,  nicht  ihre  eigenen  Satzungen,  sondern 
nur  die  alten  geben  wollen,  wesshalb  der  Li-ki  hier  mit 
aufgeführt  werden  kann.  Der  Text  lässt  vieles  zu  wünschen 
übrig,  es  kommen  verschiedene  Wiederholungen  derselben 
Stellen  vor;  so  in  den  C.  12,  17,  37  und  38  aus  den  ersten 
beiden  Capiteln.  Mehrere  Stellen  gelten  auch  den  Chinesen 
für  unecht  und  gefälscht. 

4)  Den  Ta-tai  Li-ki  besitzt  die  Staatsbibliothek  in 
der  Sammlung  von  Werken  aus  den  D.  Han  und  Wei 
(Han-wei-tsung-schu  I  Nr.  11.  Es  sind  13  Abschnitte 
(Kiuen)  in  3  Hft.  Wir  haben  die  Uebersicht  derselben  in 
unserer  Abb.  über  jene  Sammlung.  München  1868  S.  8 — 11 
schon  mitgetheilt,    wiederholen   sie  daher   hier   nicht,  zumal 


Plath :    Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  111 

viele  Capitel  Confucius   und  seine    Schüler  betreffen,  andere 
zur  politischen  Geschichte  gehören. 

Der  I-ss  e  B.  23  u.  24  hat  nun,  was  die  innere  Geschichte 
betrifft,  diese  Werke  besser  geordnet  und  das  Zusammen- 
gehörige aus  allen  nach  den  Materien  zusammengestellt,  was 
Confucius  und  seine  Schüler,  z.  B.  Tseng-tseu  u.  a.,  betrifft, 
aber  aus  dem  Li-ki  u.  Ta-tai  Li-ki  in  B.  95,  1.  2.  4;  das 
Historische  des  Ta-tai  Li-ki,  z.  B.  K.  6  Ti  59  Wu-wang-tsieu- 
tsu  bei  Wu-waug  im  I-sse  K.  20  f.  35  fg. 

B.  23  in  2  Abthlg.  gibt  erst  einige  Tabellen  und  dann 
den  ganzen  Tscheu-li,  aber  den  blossen  Text,  ohne  alle 
Erläuterungen  und  Zusätze. 

B.  24  in  6  Abtheilungen  gibt  dann  zunächst  den  ganzen 
I-li,  aber  immer  mit  den  entsprechenden  Aljschnitteu  aus 
den  betreffenden  Capiteln  des  Li-ki  und  Ta-tai  Li-ki,  so 
dass  man  hier  alles  in  einer  passenden  üebersicht  beisammen 
hat.  Es  wird  hier  genügen,  die  Folge  der  Artikel  nur  kurz 
anzugeben,  da  die  Ausdrücke  schon  oben  erklärt  sind. 

B.  24.  1  handelt  1)  von  den  Kuan-li;  2)  von  den 
Huen-li;  3)  von  dem  Siang-kien-li;  4)  von  Hiang- 
yen-tsieu-li;  5)  von  dem  Yen-li. 

B.  24,2.  6)  V.  d.  Hiang-sche-li;  7)  v.  d.  Ta-sche-i; 
8)  v.d.Theu-hu;  vgl.  Li-ki  0.40,  Ta-tai  Li-ki  K.12  ;  9)  v.  d.  Ping- 
li,   v?l.  Ta-tai  Li-ki  K.  11;    10)  v.  d.  Kung-sse  Ta-fu-li. 

B.  24,  3.  11)  V.  d.  Kin-li;  12)  v.  d.  Sang-li;  13)  v. 
d.  Yu-li;  14)  Tscheu-schu-sche-hoei;  15)  v.  d.  Pen- 
sang; 16)  Thiao-tsang.  vom  Condoliren  (diese  3  Ab- 
schnitte sind  nur  nach  Stellen  des  Li-ki). 

B.  24,  4.  17)  Sang-fu;  18)  Kiao-sche-kien-sse; 
von  den  Opfern  Kiao  und  Sehe,  nur  nach  dem  Li-ki,  Ta- 
tai  Li-ki  u.  s.  w. ,  so  auch  19)  Miao-tschi,  Anordnungen 
für  den  Ahnentempel  und  20)  Tsi-i  des  Opfers  Bedeutung. 

B.  24,  5.  21)  Te-seng-kuei-schi;  22)  Schao-lao 
kuei-schi;  23)  Li-tung-lun;  diese  und  die  folgenden  nur 
nach  dem  Li-ki  und  Ta-tai  Li-ki. 

B.  24,  6.  24)  Khiü-li;  25)  Nui-tse;  26)  Kiao-hio, 
yang  lao  über  die  Anleitung  zum  Unterrichte  und  die  Er- 
nährung der  Greise ;  27)  Wang-tschi  (Li-ki  C.  5)  und  28) 
Yo-ki  (Li-ki  0.  19). 

(Schluss  im  nächsten  Hefte.) 


112      Sitzung  der  phüos.-phüol.  Classe  vom  8.  Januar  1870. 

Herr  Maurer  hält  einen  Vortrag 
„Ueber  die  Heensa-Pöris  saga". 

Die  Classe  genehmigt  den  Druck  dieser  Abhandlung  in 
den  Denkschriften. 


Herr  Hof  mann  hält  einen  Vortrag 

„Ueber  Fergus,    des  normannischen  Dichters, 
Guillaum  le  Clerc'*. 


Historische  Classe. 

Sitzung  vom  8.  Januar  1870. 


Der    Secretär    der   Classe   Herr    von  DölHnger    hielt 
einen  Vortrag  über 

,, Dante  als  Propheten," 

in  welchem  er  sich  zu  zeigen  bemühte,  dass  die  in  neuer 
Zeit  vielfach  missverstandeneu  und  missdeuteten  prophetischen 
Stellen  iu  der  Divina  Commedia  einen  geschichtlich  nach- 
weisbaren inneren  Zusammenhang  haben,  und  aus  einer  in 
Dante's  Zeit  und  in  Italien  sehr  verbreiteten  Anschauungs- 
weise und  Erwartung  hervorgegangen  seien. 


'filtni/slirnrlifi     /S,  0  /  / 


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Sitzmigsbericlite 

der 

küniai.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften. 


Mathematisch-physikalische  Classe. 

SitzTino:  vom  5.  Februar  1S70. 


Herr  Beetz  bespricht  eine  von  Herrn  Professor  v.  B  e- 
zold  eingeschickte  Arbeit: 

Untersuchungen  ü  b  e  r  d  i  e  e  1  e  k  t  r  i  s  c  h  e  E  n  t- 
1  a  d  u  n  g. 

Im  YerLiufe  der  weiteren  Untersuchung  über  den  vor 
Kurzem  beschriebenen*)  Zusammenhang  zwischen  der  Art  der 
Entladung  und  dem  Charakter  der  durch  dieselben  erzeugten 
Staubfiguren  drängte  sich  mir  vor  Allem  die  Forderung  auf. 
die  früher  beobachteten  Erscheinungen  durch  einen  einfacheren 
Apparat  hervorzurufen,  als  der  Ruhm korff  sehe  es  ist. 

Die  ersten  Versuche  mit  geladenen  Lejdner  Flaschen, 
sowie  mit  der  gewöhnlichen  Elektrisirmaschine  ohne  Conden- 
sationsvorrichtung  zeigten  bald,  dass  mit  diesen  Hilfsmitteln 


1)  Diese  Berichte  v.  J.  1869.  II  145  3.  und  371 
[1870.  1.2] 


114       Sitzung  der  math.-phys.  Gasse  vom  5.  Februar  1870. 

immer  nur  einfache  Figuren,  beziehungsweise  Entladungen 
erhalten  werden  können. 

Auch  die  Beobachtung  des  Funkens  genügt,  um  die  Ueber- 
zeugung  zu  begründen,  dass  die  Entladung,  welche  bei  gut 
leitendem,  nur  durch  eine  Funkenstrecke  unterbrochenem 
Schhessungsbogen  alternirend  ist,  durch  Einschalten  der 
Proboplatte^)  in  eine  einfache  verwandelt  wird.  Während 
nämlich  der  Funke  im  ersteren  Falle  hellleuLht(  nd  ist,  er- 
scheint er  im  zweiten  nur  als  schmale  purpurne  Linie  mit 
leuchtendon\  Punkte  auf  Seite  der  nositivv  n  Elektrode. 

um  demnach  auch  bei  eingesch.ilteter  Probeplatte  alter- 
nirende  Entladungen  zu  erzielen ,  blieb  mir  kein  anderes 
Mittel  übrig  als  die  Anwendung  ^^iner  geeigneten  Zweig-  oder 
Rück-Leitung. 

Ist  diese  zur  Erde  führende  Leitung  coutinuirlich  d.  h. 
nirgends  durch  eine  Funkenstrecke  unterbrochen,  so  ist  zu 
erwarten,  dass  die  Entladung  des  Zuleiters,  welcher  die 
Elektricität  auf  die  Tafel  führt,  unmittelbar  nach  der 
Ladung  erfolgt,  d.  h.  dass  in  diesem  Zuleiter  ein  oder 
mehrere  Hin-  und  Flergänge  der  Elektricität  statttiuden. 

Bei  den  mit  solchen  Rückleitungen  angestellten  Versuchen 
ergaben  sich  verschiedene  ganz  neue  auffallende  Thatsachen. 
welche  geeignet  scheinen,  als  Ausgangspunkt  für  neue  Forsch- 
ungen zu  dienen. 

Bevor  ich  jedoch  mit  der  Beschreibung  dieser  neuen 
Thatsachen  beginne,  muss  ich  jene  eines  einfachen  Versuches 
vorausschicken,  der  zwar  nichts  wesentlich  Neues  lehrt,  aber 
jedenfalls  zum  Verständniss  des  Folgenden  viel  beiträgt  : 

Bringt  mau  die  im  üebrigen  isolirte  Belegung  der 
Probeplatte  in  leitende  Verbindung  mit  der  Elektricitäis- 
quelle,  während  man  die  Nadel,  die  sonst  als  Zuleiter  dient. 


2)  Unter  Probeplatte  will  ich  in  der  Folge  die  einseitig  belegte 
Tafel  verstehen,  auf  welcher  die  Figuren  gebildet  werden. 


V.  Bezold:  die  elektr.  Entladung. 


115 


zur  Erde  ableitet,  so  erzeugt  eine  positive   Entladung  auf 
der  Glasfläche  eine  negative  Figur  und  umgekehrt.' 

Isolirt  man  die  Belegung  vollkommen,  während  man  auf 
die  obere,  unbelegte  Fläche  zwei  Zuleiter  (Ä  und  S)  aufsetzt, 
deren  einer  mit  der  ♦Elektricitätsquelle  Q  (S.  das  Scliema  F'ig.  1) 
der     andere      hingegen  Fig.  1. 

durch  einen  Di  aht  E  mit 
der  Erde  verbunden  ist, 
so  entsteht  bei  jeder 
Entladung  eine  positive 
und  eine  negative  Figur 
gleichzeitig. 

Diese  Versuche  lehren,  dass  man  eine  positive 
(negative)  Ficrur  erliält,  wenn  man  entweder  positive 
(negative)  Elektricität  zuführt,  oder  negative  (positive) 
hinwegnimmt. 

§  1.  Dies  vorausgeschickt,  sollen  nun  die  oben  er- 
wähnten Versuche  beschrieben  werden.  Einer  der  ersten 
wurde    nach     folgendem    Schema    (Fig.  2)   angestellt :     Von 

Fig.  2. 


.^    J) 

'"^ 

— > 

1 

i 

1 

4 

A 

i 

2' 

1 

Y 

t 

dem  positiven  Conductor  einer  Elektrisirmaschine  ging 
ein  Draht  zu  der  einen  Kugel  eines  Funkenmikrometer's 
F.  Vor  der  andern  Kugel  desselben  waren  zwei 
Drähte  abgeleitet,  der  eine  (E)  direkt  zur  Erde,  der 
andere   (D)    zum     Zuleiter   Ä.     Die    untere    Belegung    der 


116        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Tafel  war  durch  den  Drath  E'  ebenfalls  mit  der  Erde  ver- 
bundenj»  Nach  meiner  Meinung  waren  bei  dieser  Anordnung 
zweierlei  Resultate  zu  erwarten.  Es  schien  mir  nämlich 
denkbar,  dass  entweder  auf  der  Tafel  gar  keine  Figur  ent- 
stehe, und  sämmtliche  Elektricität  sofort  durch  den  gut  leiten- 
den Draht  zur  Erde  abgeleitet  werde,  oder  dass  höchstens 
ein  kleiner  Theil  derselben  auf  die  Tafel  gelange,  und  dann 
wieder  rückwärts  durcli  E  zur  Erde  entladen  werde.  Ich 
erwartete  demnach  entweder  gar  keine  oder  eine  kleine 
positive  zusammengesetzte  Figur  d.  h.  einen  gelben  Stern 
mit  rothem  Fleck. 

Das  Resultat  war  gerade  entgegengesetzt :  Es  erschien 
eine  Figur,  aber  keine  positive  sondern  eine  negative, 
ein  rother  unregelmässig  gezackter  Hing  mit  gelbem 
strahligem  Centrum. 

Es  hatte  sich  demnach  der  Entladungsstrom  nicht  nur 
nicht  auf  die  beiden  Zweige  vertheilt,  sondern  ^ie  auf 
kürzestem  Wege  durch  Fy  zur  Erde  abfliessende  Elektricität 
riss  noch  gleichnamige  aus  dem  Zweige   ÄE'   mit  sich  fort. 

Sowohl  das  höchst  Auffallende,  was  dieser  Versuch  an 
sich  hatte,  als  auch  der  Umstand,  dass  derselbe  in  der  eben 
beschriebenen  Weise  nicht  immer  unzweideutig  gelaug,  in- 
dem die  Figuren  häufig  kaum  erkennbar  waren ,  Hess  es 
wünschenswerth  ersclieinen,  den  Versuch  mit  einer  anderen 
Elektricitätsqiyplle  zu  wiederholen.  Es  wurde  desshalb  die 
Elektrisirmaschine  durch  das  Induktoriuni  ersetzt,  indem 
der  eine  Pol  desselben  mit  dem  Funkenmikronieter  der  andere 
aber  mit  der  Erde  verbunden  wurde.  Die  Kugeln  des  Mikro- 
meters wurden  allmählig  von  einander  entfernt. 

So  lange  die  Schlngweiten  gering  waren ,  entstanden 
Figuren,  welche  mit  der  durch  die  Funkenstrecke  schlagen- 
den Elektricität  gleichnamig  waren.  D.  h.  wenn  der  ne- 
gative Pol  des  Induktoriums  mit  dem  Mikrometer  verbunden 
war,  entstanden   negative   Figuren    und   umgekehrt.     Sowie 


V.  Bezold:  Die  elektr.  Entladung.  117 

jedoch  die  Sclilagweite  grösser  wurde,  uahmeu  diese  Hguren 
an  Durchmesser  ab.  Während  z.  B.  in  einer  Versuchsreihe 
bei  1  mm.  Schlagweite  negative  Figuren  von  etwa  15  mm.  Durch- 
messer erschienen,  sank  dieser  Durchmesser  bei  10  mm. 
Schlagweite  bis  auf  2  mm.  herab.  Bei  fortgesetzter  Ver- 
gi'üsserung  der  Funkenstrecke  bheben  die  Figuren  einige 
Zeit  ganz  aus  bis  endlich  bei  Schlagweiten  von  mehr-  als 
15  mm.  wieder  solche  auftraten  und  zwar  von  entschieden 
positivem  Charakter. 

Es  tritt  demnach  hier  ein  vollständiges  Umspringen  der 
Erscheinungen  ein.  Während  man  bei  kleinen  Schlagweiten  ein 
Stromlaufschema  hat,  wie  es  in  Fig.  2  durch  die  gestrichelten 
Pfeile  angedeutet  ist,  tritt  bei  grösseren  Funkenstrecken  ein 
anderes,  durch  die  ausgezogenen  Pfeile  bezeichnetes,  an 
dessen  Stelle. 

Experimentirt  man  mit  positiver  Elektricität,  so  hat 
man  zuerst  positive  Figuren,  welche  sich  bei  Vergrösseruug 
der  Funkenstrecke  fortgesetzt  verkleinern,  dann  eine  Zeit 
lang  verschwinden ,  und  endlich  in  negative  übergehen. 
Uebrigens  tritt  das  Umspringen  hier  erst  bei  grösseren 
Schlagweiten  ein,  als  es  der  Fall  ist,  wenn  man  mit  nega- 
tiver Elektricität  arbeitet. 

Diese  sowie  manche  ähnliche  Differenzen  in  den  Er- 
scheinungen ji  nach  Art  der  angewandten  Elektricität  ver- 
danken ihre  Entstfhuug  wohl  dem  Umstände,  dass  gleich 
intensive  Entladungen  der  beiden  Eltiktricitäten  Figuren 
von  ganz  verschiedener  Grösse  hervorrufen.  Daher  mag 
es  auch  rühren ,  dass  so  häuhg  alternireude  Entladungen 
mit  entschieden  negativem  Charakter^)  Figuren  hervorruleu, 
welche  man  auf  den  ersten  Blick  für  positive  halten  möchte, 
während  das  Umgekehrte  niemals  eintritt.     Denkt  man  sich 


3)  Unter  einer  alternirenden  Entladung  von  positivem  Charakter 
verstehe  ich  eine  solche,  bei  welcher  die  algebraische  Summe  der 
entladenen  Elektricitätsmeugen  positiv  ist,  und  umgekehrt. 


118       Sitzung  der  math.-phys.  Gasse  vom  5.  Februar  1870. 

nämlich  nacheinander  eine  negative  und  eine  positive  Ent- 
ladung -auf  dieselbe  Stelle  der  Platte  geführt,  so  niuss 
erstere  die  letztere  an  Intensität  weit  übertreffen,  wenn  sie 
nicht  durch  die  Spuren  der  letzteren  verdeckt  werden  soll. 

So  viele  Einzelheiten  jedoch  bei  diesem  Versuche  noch 
zu  erörtern  sind,  so  zeigt  doch  das  Mitgetheilte  schon  hin- 
länglich, dass  auch  bei  elektrischen  S  trömungen  ähn- 
liche Erscheinungen  auftreten  können,  wie  sie  bei 
der  Bewegung  der  Flüssigkeiten  unter  dem  Namen 
von  ,, Saugphänomenen"  beobachtet,  und  z.  B.  in  Gif- 
fard's  Injekteur  oder  bei  dem  bekannten  luhalationsapparate 
praktisch  verwerthet  werden. 

§  2.  Diese  eigenthümlichen  Beobachtungen  gaben  die 
Veranlassung  zu  weiteren  Versuchen  über  die  Verzweigung 
elektrischer    Entlau  ungsströme. 

Auch  hier  ergaL/en  alternirende  Entladungen  constantere 
Resultate  als  einfache  und  es  wurde  deshalb  stets  für  eine 
geeignete  Rückleitung  Sorge  getragen.  Dass  ein  einfacher 
Draht  zu  diesem  Zwecke  nicht  brauchbar  ist,  beweisen  die 
obigen  Versuche,  es  wurde  desshalb  die  Induktionsrolle  des 
Ruhmkorff's  zur  Rückleitung  benützt.  (S.  Schema  Fig.  3). 

Fig.  3. 


Wurde  nun  die  ElektriärmascLine  langsam  in  Drehung  ver- 


V.  Bezold:  Die  ekktr.  Entladung.  119 

setzt,  bis  ein  Funke  übersprang,  so  erscLieneü  auf  der  Tafel 
die  zusammengesetzten  positiven  Figuren  mit  grosser  Regei- 
mässigkeit. 

"Wurde  der  Strom  durch  einen  kurzen  Draht  D  abge- 
zweigt, nnd  iier  Zweigstrom  ebenfalls  durch  einen  Zuleiter 
B  auf  die  Tafel  geführt,  so  erschienen,  wie  zu  erwaiten 
war,  zwei  vullkommen  gleiche  Figuren.  Hatte  hingegen  der 
Zweigdraht  eine  nur  einigermassen  beträchtliche  Länge 
(etwas  mehr  als  1  Meter),  so  zeigten  die  Figuren  bereits 
eine  entschiedene  Grössenverschiedenheit.  Sobald  nämlich 
die  Länge  des  Drahtes  diese  Grenze  überschiitten  hatte, 
war  die  Figur  bei  B  immer  grösser  als  jene  bei  A,  selbst 
wenn  man  die  Abzweigung  ganz  nahe  am  Ende  des  Zu- 
leiters  (1  cm.  über  der  Platte)  vorn  ;hm.  Bei  Verlängerung 
des  Zweigdrahtes  D  wurde  auch  die  Grössenditferenz  zwischen 
den  beiden  Figuren  immer  auffallender,  bis  sich  endlich  für 
2)=:  6,4  m.  und  i^  =  4,0mm.  {F  ist  die  Länge  der  Funken- 
tsrecke) die  Figur  bei  Ä  auf  ein  kleines  Sternchen  reducirte, 
manchmal  wohl  auch  ganz  ausblieb. 

Dieser  Versuch  zeigt  augenfällig,  dass  die  Ohm 'sehen 
Gesetze  nur  für  stationäre  Strömungen  nicht  aber  lür  die 
elektrische  Entladung  gelten,  wie  es  ja  auch  alle  theore- 
tischen Untersuchungen  bisher  ergeben  haben.  Während 
nämlich  durch  den  ganz  kurzen  Zweig  A  gar  keine  Elek- 
tricität  auf  die  Platte  geht,  schlägt  sie,  wenigstens  scheinbai-, 
den  viel  hundertmal  .längeren   Weg  durch  den  Draht  D  ein. 

Verlängert  man  den  Draht  D  noch  mehr,  so  bleibt  vorerst 
innerhalb  ziemlich  weiter  Grenzen  die  Erscheinung  unvei- 
äudert,  und  erst,  wenn  man  die  Länge  desselben  etwa  auf 
das  Doppelte  gebracht  hat,  wird  auch  die  Figur  bei  A 
wieder  grösser,  bis  bei  noch  betiächthcheren  Laugen  die 
Grössendifferenz  der  beiden  Figuren  wieder  vollständig  ver- 
schwindet. Hiebei  war  es  ganz  gleichgiltig  ob  ein  dicker, 
oder  dünner,    besser    oder    schlechter  leitender  Diaht  ange- 


120       Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

wendet,  ob  er  in  einer  straff  gespannten  Schleife  hin  und 
her  oder  im  Bogen  herumgeführt  wurde.  Mit  Spiraldrähten 
habe  ich  jedoch  noch  nicht  experimentirt. 

Bei  der  vollkommenen  Neuheit  der  Erscheinung  schien 
es  mir  nun  interessant  das  Verhalten  des  Drahtes  D  an  ver- 
schiedenen Stelleu  zu  untersuchen.  Es  wurde  desshalb  eine 
Aenderuug  getroffen,  wie  sie  in  Fig.  4  schematisch  darge- 
stellt ist.  Auf  die  Tafel  werden  die  Zuleiter  A,  B,  C  aufgesetzt, 

Fig.  4. 


welche  durch  zwei  Drähte  D  und  D'  miteinander  verbunden 
sind.  Wählt  man  nun  die  Länge  dieser  Drähte  so,  dass 
bei  C  eine  möglichst  grosse,  bei  ji  hingegen  eine  möglichst 
kleine  Figur  entsteht,  so  wird  die  Figur  bei  B  grösser  als 
jene  bei  A  und  kleiner  als  jene  bei  C.  Ist  jedoch  die 
Länge  des  Drahtes  beträchthcher,  so  nähern  sich  die  Grössen 
der  Figuren  A  und  C  der  Gleichheit,  während  B  bei  rich- 
tiger Wahl  des  Verhältnisses  DjD'  ganz  klein  wird,  ja  so- 
gar ganz  verschwindet.  Bei  einer  Schlagweite  von  4,3  mm 
unddenLäugen  J.i^==  50  cm.  D  =  G,2m.  D' =  8,1  m.  waren 
die  Figuren  bei  A  und  C  gross,  während  bei  B  nur  ganz 
kleine  Steinchen  erschienen. 

Hebt  man  iigend  einen  der  Zuleiter  von  der  Tafel  ab. 


V.  Bezold:  Die  elektr.  Entladung. 


121 


so  werden    dadurch  die    Figuren   au    den  übrigen  Zuleitern 
nicht  im  Geringsten  geändert. 

Dieser  Versuch  lehrt  die  neue  Thatsache  kennen,  dass 
die  Verbindung  des  Zuleiters  mit  einem  blind  endenden 
Drahte  hinreicht,  um  die  Figur,  welche  am  Zuleiter  ent- 
steht, ganz  wesentlich  zu  verändern,  beziehungsweise  dieselbe 
zum  Verschwinden  zu  bringen.  Am  belehrendsten  wird  das 
Experiment,  wenn  man  nahe  beim  Zuleiter  A  ein  zweites 
Funkenmikrometer  f  (Schema :  Fig.  5)  anbringt,  dessen  eine 


Fig.  5. 


JQ 


Kugel  mit  A  verbunden  ist,  während  die  andere  zu  dem 
Drahte  D  i'ührt.  Stellt  man  alsdann  das  Funkunmikrometer/' 
zuerst  auf  eine  weite  Distanz  ein,  und  verringert  man  diese  all- 
mälich,  so  sieht  man,  wie  von  dem  Augenblicke  an,  wo  der 
Funke  bei  /"  überspringt,  die  Figur  bei  A  eine  andere  wird, 
beziehungsweise  verschwindet.  Beachtet  man  aber,  dass  bei 
alternirenden  Entladungen  der  Draht  D  sofort  wieder  voll- 
ständig entladen  wird,  so  ergibt  sich,  dass  bei  einem  solchen 
Vorgange  Elektricität  zuerst  bis  in  das  äusserste  Ende  des 
Drahtes  D  hinein,  uud  sofort  wieder  herausgetrieben  wird, 
dass  also  hier  Bewegungen  stattfinden,  welche  einer  Reflexion 
vollkommen  vergleichbar  sind. 

Diese  Betrachtung  führt  zu    einer  Hypothese   über   die 


122         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

eigenthümlichen  Grössenveränderungen,  welche  die  Staub- 
figuren bei  den  beschriebenen  Abzweigungen  erleiden. 

Werden  nämlich  elektrische  Wellen  in  einen  Draht 
hineingetrieben,  und  müssen  sie  nach  Reflexion  am  Ende 
desselben  auf  demselben  Wege  wieder  zurückkehren,  so  werden 
die  ankommenden  mit  den  reflectirten  Wellen  interferiren 
und  hiedurch  Erscheinungen  hervorgerufen,  welche  den 
bei  Orgelpfeifen  beobachteten  analog  sind.  Die  bisher 
mitgetheilten  Beobachtungen  zeigen  wirklich  eine  solche 
Analogie  in  hohem  Grade,  und  man  darf  es  wohl  wagen, 
die  Stellen  des  Drahtes,  an  welchen  Maximal-  od>  r  Minimal- 
figuren erscheinen  mit  den  Schwingungsbäuchen  und  Schwing- 
ungsknoten zu  vergleichen. 

Die  Hypothese,  dass  man  hier  Interferenz-Erscheinungen 
vor  sich  habe,  gewinnt  noch  dadurch  an  Wahrscheinlichkeit, 
dass  die  Versuche  nur  mit  alternirenden  Entladungen  in  über- 
zeugender Weise  gelingen,  während  bei  einfachen  Entladungen 
zwar  ebenfalls  Grössendifferenzen  der  verschiedene^  Figuren 
beobachtet  werden,  aber  lange  nicht  in  so  hohem  Grade. 

§  3.  Mit  den  eben  beschriebenen  Versuchen  wurde  noch 
eine  kleine  Modification  vorgenommen,  welche  abermals  den 
Ausgangspunkt  für  neue  Untersuchungen  bildete. 

Verknüpft  man  nämlich  das  Ende  des  Drahtes  D  (Fig.  3) 
wieder  mit  dem  ersten  Zuleiter  Ä  wie  es  in  dem  Schema 
(Fig.    6)    versinnlicht    ist,    so   kann   die   Figur   bei   richtiger 


Fig.  6. 


V.  Bezold:    Die  elektr.  Entladung.  123 

Wahl  der  Drahtlänge  ebenfalls  zum  Verschwinden  gebracht 
WLrdea.  Dieser  Versuch  bildete  eigentlich  den  Ausgangs- 
punkt für  die  säiumth'chen  bisher  mitgetheilten,  ich  habe 
jedoch  seine  Beschreibung  bis  auf  diese  Stelle  hier  ver- 
schoben, da  er  nicht  dazu  geeignet  ist.  das  Verständniss  der 
obigen  Experimente  zu  erleichtern.  Ich  selbst  glaubte  in 
ihm  zuerst  ein  Analogen  des  Savart' sehen  Interferenz- 
versuches für  Schallwellen  gefunden  zu  haben,  und  dachte 
mir  die  Strombewegnng  im  Sinne  der  gestrichelten  Pfeile 
vor  sich  gehend.  Die  Experimente  mit  dem  bhnd  endenden 
Draht,  sowie  der  Umstand,  dass  der  Abstand  der  beiden 
Abzweigungspunkte  auf  A  keinen  entscheidenden  Einfluss 
äusserte,  mussteu  diese  Ansicht  erschültein.  Um  jeden 
Zweifel  hierüber  zu  beseitigen,  unterbrach  ich  die  Draht- 
schleife  D  der  Reihe  nach  an  verschiedenen  Stellen  durch 
eine  Fuukenstrecke.  Die  Kugelu  dieses  zweiten  Mikrometers 
waren  hiebei  einander  bis  auf  0,01  bis  0.03  mm.  genähert. 
Ich  dachte  mir  nämlich,  dass  es  in  dem  Falle,  wo  der 
Strom  von  beiden  Seiten  her  in  den  Draht  hereinstürzt,  in 
diesem  Drahte  eine  Stelle  geleu  müsse,  an  welcher  sich  die 
beiden  Wellenzüge  begegnen.  Befindet  sich  die  Funkenstrecke 
gerade  an  dieser  Stelle,  so  muss  die  Spannuiig  auf  beiden 
Kugeln  gleichzeitig  dieselbe  Höhe  erreichen,  und  es  ist 
demnach  an  dieser  Stelle  kein  Grund  zur  Entstehung  eines 
Funkens  gegeben,  während  man  an  allen  andern  Stellen  einen 
solchen  zu  erwarten  hat. 

Der  Funke  blieb  wirklich  aus,  wenn  das  Mikro- 
meter in  der  Mitte  der  Schleife  eingeschaltet 
wurde  und  erschien  sobald  dasselbe  nur  um  wenige 
Decimeter  von  dieser  Stelle  nach  der  einen  oder 
andern  Seite  entfernt  wurde.  Hiemit  ist  nachgewiesen, 
dass  der  Stromlauf  durch  die  ausgezogenen  Pfeile  dar- 
gestellt wird,  und  anderseits  ist  die  kleine  Verspätung 
sichtbar  gemacht,  welche  der  elektrische  Entladung 5- 


124       Sitzung  der  matJi.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

ström  bei  dem  Durchlaufen  weniger  Decimeter  Draht 
erleidet. 

Vor  Allem  suchte  ich  nun  nach  den  Bedingungen,  unter 
welchen  dieser  Veisuch  über  die  Verzögerung  am  Schlagendsten 
gelingt.  Ich  fand  es  dabei  am  Besten,  direkt  den  Entladungs- 
strom des  Ruh mkorff  sehen  Apparates,  mithin  das  Schema 
Fig.  7,  anzuwenden.     Der   iuducirende  Strom    wurde   durch 


ein  Grove'sches  Element  erzeugt,  und  die  Funkeustrecke  im 
Funkenmikrometer  ungefähr  F  =  2  mm.  gemacht,  da  weder 
grössere  noch  kleinere  Funkenstrecken  so  gute  Resultate 
lieferten. 

Unter  diesen  Umständen  war  es  für  die  Hervorbringung 
des  Funkens  genügend,  wenn  der  eine  Draht  D  auch  nur 
um  1  Decimeter  länger  war,  als  der  andere.  Waren  sie 
hingegen  gleich  lang,  so  erschien  niemals  ein  Funke.  ^lan 
Jiann  ihn  jedoch  augenblicklich  zur  Erscheinung  bringen, 
wenn  man  durch  Anlegen  des  Knopfes  einer  Leydner  Flasche 
an  einen  der  Drähte  die  Symmetrie  der  beiden  Stromwege  stört. 

Auch  bei  diesen  Versuchen  äusserten  Material  und  Dicke 
der  Diähte  nicht  den  geringsten  Eintluss.  Ob  ich  einen 
versilberten  Kupferdraht  von  0,06  mm.  Durchmesser  oder 
einen  Eisendraht  von  0,23  oder  endlich  einen  Kupferdraht 
von  0,80  mm.  Durchmesser  anwendete,  immer  blieb  der 
Funke  aus,  wenn  nur  die  beiden  Dräthe  gleich  lang  waren. 


V.  Bezold:  Die  elelfr.  Entladung. 


125 


Es  ist  mithin  die  FortpfKanzungsgeschwindigkeit 
der  Elektricität  für  alle  (gespannten)^)  Drähte  die 
gleiche. 

In  der  bisher  beschriebenen  Form  ist  jedoch  der  Versuch 
zieuilich  unscheinbar,  da  man  nur  mit  sehr  kleinen  Funken- 
strecken des  Hilfsmikrometers  f  arbeiten  kann.  Ich  war 
deshalb  bestrebt,  ihn  in  einer  Weise  abzuändern,  welche  ge- 
stattet, denselben  auch  einem  Auditorium  sichtbar  zu  machen. 

Versuche  mit  kleinen  Geis  sie  r 'sehen  Röhren  führten 
bis  jetzt  noch  zu  keinem  entschiedenen  Resultate.  Dagegen 
kann  man  die  Verspätung  wenigstens  bei  Verzögerungslängen 
von  einigen  Metern  recht  schön  auf  folgende  Art  nachweisen. 

Fig.  8. 


Theilt  man  einen  (negativen)  Entladungsschlag  am  Besten 
den  eines  Ruh  rakorff  sehen  Apparates,  ebenso  wie  oben  gleich 
hinter  dem  Funkenmikrometer  in  zwei  Zweige  und  verbindet 
man  einen  derselben  mit  der  Belegung  der  vollkommen 
isolirten  Probeplatte,  während  man  den  andern  durch  den 
Zuleiter  Ä  auf  die  obere  unbelegte  Fläche  führt,  so  kann 
auf  der  oberen  Tafel  eine  positive,  negative  oder  auch  gar  keine 
Figur  erscheinen,  je  nachdem  der  obere  Zweig  grösser,  kleiner 
oder  ebenso  lang  ist  als  der  untere.     Und  zwar  müssen  die 


4)  Spiralförmig  gewundene  Drähte  werden  vermuthlicli  ein  anderes 
Resultat  geben. 


126      Sitzung  der  math.-pliys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Versuche  in  betiramtem  Sinne  ausfallen,  wenn  sie  die  Vor- 
muthung  bestätigen  sollen ,  dass  sie  Zeitdifferenzen  ihren 
Ursprung  verdanken.  Wenn  man  sich  Tiämlich  dar.m  erinnert, 
dass  es  gleichgiltig  ist.  ob  man  positive  Elektricität  auf  die 
Platte  führt  oder  negative  hin  wegnimmt,  so  versteht  man. 
dass  eine  positive  Entladung  eine  positive  Figur  hervorruft, 
wenn  die  Elektricität  früher  an  die  Spitze  des  Zuleitors  an- 
kommt als  auf  der  Belegung  d.  h.  Avenn  D^  kürzer  ist  als 
Dg.  Gelangt  hingegen  die  Entladung  fi  üher  auf  die  Belogung. 
so  wird  der  Zuleiter  von  der  Jnfluenzelektricität  im  entgegen- 
gesetzten Sinne  durchlaufen  und  es  muss  demnach  auf  der 
Glasfläche  eine  negative  Figur  entstehen,  sobald  J).,  kürzer 
ist  als  I)^.  Im  Verlaufe  der  Bewegung  muss  diese  Jnfluenz- 
entladung  im  Drahte  Dy  auf  die  direct  von  F  herkommende 
Elektricität  treffen,  und  hiedurch  der  Figur  ein  zusammen- 
gesetzter Chitrakter  aufgedrückt  werden. 

Zwischen  diesen  beiden  Anordnungen  mit  ganz  entgegen- 
gesetzten Resultaten  muss  es  aber  offenbar  solche  geben, 
bei  welchen  gar  keine  Figuren  entstehen,  da  kein  Grund 
vorhanden  ist,  wesshalb  eine  solche  der  einen  oder  der  anderen 
Art  zu  Staude  kommen  sollte.  Diess  muss  der  Fall  sein, 
wenn  die  Elektricität  von  beiden  Seiten  her  gleichzeitig  ein- 
trifft d.  h.  wenn  J)j   und  D.^  gleich  lang^"")  sind. 

Die  Versuche  entsprachen  diesen  theoretischen  Voraus- 
sagungen vollkommen.  Man  erhält  mit  jeder  Elektricitätsart 
Figuren  der  beiden  Art.  wenn  man  über  die  Längen  der 
Drähte  richtig  disponirt. 

Diese  Behauptung  könnte  freihch  manchem,  der  den 
Versuch  nicht    unter   ganz    günstigen    Verhältnissen    anstellf, 


5)  Eine  kleine  LängendifiFerenz  zu  Gunsten  des  obern  Drahtes 
kann  vielleicht  hiebei  stattfinden,  da  die  von  unten  kommende 
Elektricität  sich  über  die  ganze  Belegung  ausbreiten  muss. 


v.  Bezold:  Die  elektr.  Entladung.  127 

abgesehen  von  dem  eintn  Falle,  wo  wegen  vollkommener 
Gleichheit  der  beiden  Zweige  gar  keine  Figuren  zu  Stande 
kommen,  unrichtig  erscheinen.  Es  kann  nämlich  eintreten, 
dass  sämmtliche  Figuren  auf  den  ersten  Blick  positiv  zu  sein 
scheinen,  unter  welchen  Verhältnisssen  und  mit  welclier 
Elektricitätsart  man  auch  arbeiten  mag. 

Der  Grund  li.gt  einfach  darin,  dass  die  zusammen- 
gesetzten negativen  Figuien  in  diesem  Falle  zu  jener  Gruppe 
gehören,  welche  bereits  einen  stark  positiven  Charakter  an 
sich  tragen,  und  selbst  bei  eingehender  Bebchäftigung  mit 
denselben  kaum  als  negativ  erkannt  werden  können. 

Der  nach  einem  Polwechsel  eintretende  bedeutende 
Grössenunterschied  ist  aber  vollkommen  hinreichend,  um 
jeden  Zweifel  über  die  wahre  Natur  der  Figuren  sofort  zu 
beseitigen  und  die  Uebereinstimmung  der  Versuche  mit  den 
theoretischen  Voraussetzungen  zu  beweisen. 


Alles  zusammeugefasst,  wurden  nachfolgende  Resultate 
gewonnen : 

1)  Bietet  man  einer  elektrischen  FnHadung  uac|h 
Durchbrechung  einer  Funkenstrecke  zwei  Wege  zur 
Erde  dar,  einen  kurzen  und  einen  längern,  durcli 
eine  Probeplatte  unterbrochenen,  so  findet  bei 
kleinen  Schlagweiten  eine  Theilung  des  Entladungs- 
strouies  statt.  Bei  grösseren  Funkenstrecken  hin- 
gegen schlägt  die  Elektricitat  nur  den  kurzen  Weg 
ein  und  reisst  sogar  aus  dem  andern  Zweige  gleich- 
namige Elektricitat  mit  sich  fort. 


128        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

2)  Sendet  man  einen  elektrischen  Wellenzug 
in  einen  am  Ende  isolirten  Draht,  so  wird  derselbe 
am  Ende  refleetirt.  Die  Erscheinungen,  welche 
diesen  Vorgang  bei  alternirendea  Entladungen  be- 
gleiten, scheinen  ihren  Ursprung  der  Interferenz 
der  ankommenden  und  reflectirten  Wellen  zu  ver- 
danken. 

3)  Eine  elektrische  Entladung  pflanzt  sich  in 
gleich  langon  Dräthen  gleich  rasch  fort,  ohne  Rück- 
sicht auf  das  Material,  aus  welchem  diese  Drähte 
bestehen. 


Goppelsröder :    Bestimmung  der  Salpetersäure.  129 

Herr  Baron  v.   Liebig  übergibt   eine    Abhandlung  von 
Herrn  Prof.  Dr.  Friedrich  Goppelsröder  in  Basel: 

„Ueber  eine  schnell  ausführbare  und  genaue 
Methode  der  Bestimmung  der  Salpetersäure 
sowie  über  deren  Menge  in  den  Trinkwassern 
Basel's." 

In  meiner  1867  in  den  Verhandlungen  der  Natur- 
forschenden Gesellschaft  in  Basel  niedergelegten  Arbeit  über 
die  chemische  Beschaffenheit  von  Basel's  Grund-,  Bach-, 
Fluss-  und  Quellwasser  habe  ich  hauptsächhch  die  für  die 
Hygiene  wichtigen  Punkte  ins  Auge  gefasst,  indem  ich  ver- 
sprach sobald  als  möghch  in  ausführlicher  \Yeise  die  Mengen 
aller  einzelnen  Mineralbestandtheile  der  verschiedenen  Wässer 
zu  bestimmen.  In  erster  Linie  interessirte  mich  die  Menge 
der  Salpetersäure,  zu  deren  Bestimmung  ich  jedoch  vorerst 
nach  einer  möglichst  praktischen,  schnell  ausführbaren  und 
dennoch  genauen  Methode  suchen  musste.  Einige  der  bis 
jetzt  empfohlenen  Methoden  sind  zw^ar  genau,  aber  zu  um- 
ständlich, um  bei  einer  längeren  Versuchsreihe  Verwendung 
fiuden  zu  können,  andere  wieder  wären  rasch  ausführbar, 
sind  aber  ungenau.  Nun  findet  sich  im  IV.  Hefte  des 
7.  Jahrganges  der  Freseuius'schen  Zeitschrift  für  analytische 
Chemie  S.  412  eine  Arbeit  von  Prof.  Dr.  Marx  über  die 
Bestimmung  der  Salpetersäure  in  Brunnenwässern.  Marx 
versetzt  in  einem  etwa  V*  Liter  fassenden  Kochkölbchen 
50  cc.  des  zu  untersuchenden  Wassers  mit  100  cc.  concen- 
trirter  reiner  Schwefelsäure,  welche  langsam  unter  Bewegung 
des  Kölbchens  zugesetzt  wird,  wobei  der  Inhalt  sich  auf 
etwa  120°  Celsius  erhitzt.  Dann  wird  unter  Bewegung  des 
Kölbchens  aus  einer  Bürette  eine  mit  Wasser  sehr  verdünnte 
Lösung  von  Indigoschwefelsäure  zugegossen.  Bei  Anwesen- 
heit von  Nitraten  wird  diese  sofort  zersetzt  und  die  Flüssig- 
[1870.1.2.]  9 


130        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

keit  gelb.  Beim  ersten  Tropfen  zuviel  zugesetzter  Indigo- 
lösung erscheint  die  Flüssigkeit  grün,  welches  Ende  der 
Reaction  sich  bei  einiger  Üebung  genau  feststellen  lässt. 
Die  Indigolösung  ist  mit  Hilfe  einer  Lösung  chemisch  reinen 
Salpeter  sauren  Kali's  empirisch  titrirt  worden,  d.  h.,  man  weiss, 
dass  1  Cubikcentimeter  Indigolösung  so  und  so  vielen  Bruch- 
theilen  von  Grammen  salpetersauren  Kali's,  resp.  SalpetT- 
säure  (NO^)  entspricht.  Man  kann  daher  aus  der  verbrauchten 
Menge  von  Cubikcendmetern  der  Indigolösuug  die  Menge  der 
Salpetersäure  (NO^),  z.  B.  in  1  Liter  des  untersuchten  Wassers 
berechnen. 

Wie  schon  Marx  hervorhebt ,  darf  das  Wasser  nicht 
auch  andere  leicht  oxydirbare  Stoffe  enthalten,  weil  diese 
durch  die  bei  Einwirkung  der  Schwefelsäure  auf  die  Nitrate 
frei  werdende  Salpetersäure  oxjdirt  würden,  somit  weniger 
Indigolösung  zerstört  würde.  Dieser  üebelstand  ist  da 
namentlich  zu  befürchten,  wo  das  Wasser  in  solchem  Masse 
verunreinigt  ist,  dass  sich  die  Verunreinigung  schon  den  Sinnes- 
organen zu  erkennen  gibt.  Die  Titration  muss  rasch  aus- 
geführt und  es  muss  dabei  umgeschüttelt  "werden.  Die 
Temperatur  darf  nicht  unter  100°  Celsius  sinken.  Gegen- 
wart von  Chloriden  beeinflusst  nicht  das  Resultat.  Wenn 
das  Wasser  mehr  als  6  Milligramme  Salpetersäure  enthält, 
so  wird,  wie  Marx  beobachtet  hat,  die  Flüssigkeit  zu  stark 
durch  die  Oxjdationsprodukte  des  ludigo's  gefärbt,  so  dass 
die  Erkennung  des  Endes  der  Operation  an  Schärfe  verliert. 

^lit  dieser,  hinsichtlich  der  leichten  Ausführbarkeit,  sehr 
praktischen  Methode  habe  ich  keine  genügend  genauen  Re- 
sultate erhalten  können,  wohl  aber  ist  es  mir  gelungen  durch 
eine  Abänderung  dieselbe  sehr  genau  zu  machen,  wie  die 
folgenden  Resultate  beweisen. 

Titrestellung  der  Indigoschwefelsäurelösung. 
Es  wurden  2,0258  Gr.  chemisch  reines  salpetersaures  Kali 


Goppelsröder :    Bestimmung  der  Sälpetersäure. 


131 


in  2  Litern  destillirten  Wassers  gelöst,  so  dass  1  Cubikcentim. 
der  Lösung  0,001013  Gr.  salpetersauren  Kali's  (KO.  NO^), 
also  0,000541   Grammen  Salpetersäure  (NO^)  entspricht. 

Anderseits  wurde  eine  verdünnte  Indigoschwefelsäure- 
lösung nach  gewohnter  Weise  bereitet  und  filtrirt.  Hierauf 
wurde  die  Salpeterlösung  ganz  nach  Marx's  Vorschlag  titrirt 
und  dabei  die  folsenden  Resultate  erhalten. 


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132        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Weit  mehr  Genauigkeit  und  üebereinstimmung  der 
Resultate  erzielte  icii  durch  folgende  Abänderung  der 
Methode  : 

Zuerst  wurde  ein  vorläufiger  Versuch  nach  Marx's 
Methode  angestellt.  Alsdann  wurde  eine  gleich  grosse  Menge 
der  Salpeterlösung  zuerst  mit  der  beim  Vorversuche  gefun- 
denen Menge  Cubikcentimeter  Indigolösung  versetzt,  und 
hierauf  erst  wurde  unter  Umschütteln  die  Schwefelsäure 
zugefügt.  Gegen  Ende  des  Zusatzes  der  nöthigen  Menge 
der  Säure  entfärbte  sich  die  Indigolösung  in's  gelbe,  ein 
Beweis,  dass  nach  dem  von  Marx  vorgeschlagenen  Operations- 
gange zu  wenig  Indigolösung  verbraucht  wird.  Jetzt  wurde 
mit  Indigolösung  bis  zur  grünen  Färbung  nachtitrirt.  Bei 
Anwendung  der  auf  solche  Weise  verbesserten  Methode 
wurden  die  auf  nachfolgender  Tabelle  verzeichneten  Resultate 
erhalten. 


Goppelsröder :    Bestimmung  der  Sälpetersäure. 


133 


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134  Sitsung  der  math.-pliys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Versuche 

mit   verschiedenen    Wassern    Basel's. 

OeffenÜicher  Brunnen    an  der   Binningerstrasse,    laufendes 

Quelhvasser. 

a.  b.  c.  d. 

1000  CG.  Wasser 
Cubikcentimeter     Cubikcentimeter    Cubikcenti-  würden 


Wasser. 

Iiidigulösung. 

meterbcüwe 
feisäure. 

centimeter   la- 
digolösung. 

Vorversuch 

50 

6.5 

100 

130 

Versuch    1 

50 

9 

100 

180 

2 

100 

17.8 

200 

178 

3 

50 

9 

100 

180      - 

Grellinger  Wasser,  laufendes  Quelhvasser. 
Vorversuch  50  1  100  20 


Versuch    1 

50 

3 

100 

60 

2 

50 

3 

100 

60 

3 

100 

6 

200 

60 

Sodwasser  Binningerstrasse  Nr.  19. 
Vorversuch  50  16.5  100 


Versuch    1 
2 


50 
50 


19.5 
19.5 


100 
100 


330 

390 
390 


Goppelsröder :     Bestimmung  der  Salpetersäure.  135 

Goldquelle,  Steinenvorstadt,  Grundwasser. 

a.  b.  c.  d. 


Cubikcentimeter 
Wasser. 

Cubikcentimeter 
Indigolösung. 

Cubikcenti- 

meterSchwe- 

felsäure. 

1000  CC.  Wasser 

würden 
brauchen  Cubik- 
centimeter In- 
digolüsung. 

Vorversiich 

50 

8 

100 

160 

Versuch    1 

50 

10 

100 

200 

2 

50 

10 

100 

200 

3 

50 

10 

100 

200 

4 

100 

19.8 

200 

198 

5 

100 

20 

100 

200 

6 

200 

39.7 

200 

198.5 

7 

200 

39.7 

200 

198.5 

100 

43.5 

200 

435 

100 

43.3 

100 

433 

100 

43.5 

100 

435 

Loclibrunnen  heim  Stadthause,  Grundivasser. 
Vorversuch  50  19  100  380 

Versuch  1 
2 
3 


Loclibrunnen  am  Gerherherg,  Grundwasser. 
Vorversuch  50  20  100  400 

Versuch  1 
2 
3 


St.  Älbanlochhrimnen,  Grundivasser. 

Vorversuch  50               8.5                100  170 

Versuch     1  100              19.8                200  198 

2  100             19.8                100  198 


100 

45 

200 

450 

100 

45 

200 

450 

50 

22.4 

100 

448 

136        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  voin  5.  Februar  1870. 

Oeffentticher  Sod  Steinenthorstrasse,  Grunäivasser. 
a.  b.  c.  d. 


Cubikcentimeter 
Wasser. 

Cubikcentimeter 
Indigolösung. 

Cubikcenti- 

meterSchwe- 

felsäure. 

1000  CC.  Wasser 

würden 
brauchen    Cubik- 
centimeter   In- 
digolösuDg. 

Vorversuch 

100 

22.5 

100 

225 

Versuch    1 

100 

27.5 

200 

275 

2 

100 

27.5 

100 

275 

3 

100 

27.6 

100 

276 

4 

100 

27.5 

100 

275 

Mheinwasser  hei  der  oberen  Fähre. 
Vorversuch  100  3,5  100 


35 


Versuch    1 

100 

4.7 

100 

47 

2 

100 

4.8 

100 

48 

3 

100 

4.7 

100 

47 

BTieinwasser  hei  der  unteren  Fähre. 
Vorversuch  100  4  100 


40 


Versuch    1 

100 

5.3 

100 

53 

2 

100 

5.4 

200 

54 

3 

100 

5.4 

100 

54 

4 

100 

5.5 

100 

55 

5 

100 

5.5 

ICD 

55 

Goppelsröder :   Bestimmung  der  Salpetersäure.  137 

OeffenÜicher  Sod  St.  Joliannvorstaät,  Ch-nndwasser. 
a.  b.  c.  d. 

lOOÖ  CC.  Wasser 
Cubikcenti- 


CTibikcentimeter 
"Wasser. 

Cabikcentimeter 

IndJgolösung. 

meter  Schwe- 
felsäure. 

wuraen 
brauchen  Cubik- 
centimeter  In- 
digolösung. 

Vorversuch 

100 

24.7 

100 

247 

Versuch    1 

100 

27.7 

100 

277 

2 

100 

27.7 

100 

277 

3 

100 

27.8 

100 

278 

4 

100 

27.7 

100 

277 

Lochhrunnen  Sattelgasse,  Grundwasser. 

Vorversuch  100  36.5  100  365 

Versuch  1 
2 
3 


100 

42.3 

100 

423 

100 

42.3 

100 

423 

100 

42.3 

100 

423 

Barfüsserplatz,  öffentl.  Brunnen,  laufendes  Quelhvasser. 
Vorversuch  100  7.5  100  75 


Versuch    1 

100 

9.7 

100 

97 

2 

100 

9.8 

100 

98 

3 

100 

9.7 

100 

97 

4 

100 

9.7 

100 

97 

138        Sitzung  der  math.-phi/s.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

OeffenÜicher  Sod  Theaterstrasse,  Grrundwasser. 
a.  b.  c.  d. 


Cubikcentimeter    Cubikcentimeter 


„  ,  .  .    1000  CC.  Wasser 

Cubikcenti-  würden 

meterSchwe-  brauchen  Cubik- 


Wasser. 

Indigolösung. 

feisäure. 

centimeter   In- 
digolösung. 

Vorversuch 

100 

31.8 

100 

318 

Versuch    1 

100 

38.5 

100 

385 

2 

100 

38.5 

100 

385 

3 

100 

38.6 

100 

386 

4 

100 

38.5 

100 

385 

Sod  des  Hauses  Nr.  24.  Vordere  Steinen. 

Vorversuch  100  22.2  100  222 

Versuch  1 
2 
3 


100 

25.5 

100 

255 

100 

25.5 

100 

255 

100 

25.4 

100 

254 

Pumpiverkwasser,  Grundivasser  KleinhaseVs. 
Vorversuch  100  4.5  100  45 


Versuch    1 

100 

5.5 

100 

55 

2 

200 

11 

200 

55 

3 

100 

5.45 

100 

54.5 

Goppelsröder :  Bestimmung  der  Salpetersäure.  139 

Oeffenflicher  Brunnen  Marktplatz,  Grundwasser. 
a.  b,  c.  d. 

„  ^..         .    1000  CC.  Wasser 

„     ,  .,  .  ,  „ CublkCentl-  ivnrrlpn 

Cubikcentimefer     Cubikcentimeter  „  ,  ,         "  uraen 

.....  meterScnwe-  brauchen    Cubik- 


Vorversuch 

Wasser. 

100 

Indigolosung 

32.5 

feisäure. 

100 

centimeter   In- 
digolösung 

325 

Versuch     1 
2 

■200 
50 

80.5 
20 

200 
50 

402 
400 

Holheinplatz  öffentl.  Brunnen,  Qtiellivasser. 
Vorversuch'  100  7.8  100  78 


Versuch    1 

100 

9 

100 

90 

2 

200 

18 

200 

90 

3 

100 

9 

100 

90 

Bei  solchen  Untersuchungen  ist  es  nicht  gleichgültig,  ob 
das  Wasser  längere  Zeit  mit  Luft  zusammen  gestanden  hatte 
oder  nicht,  indem  bei  Einwirkung  des  Sauerstoffes  der  Luft 
auf  stickstoffhaltige  organische  Substanzen  deren  Stickstoff 
zuerst  in  salpetrige  Säure,  dann  in  Salpetersäure  verwandelt 
werden  kann.  Folgende  Beispiele  mögen  zur  Bestätigung 
des  Gesagten  genügen.  Das  Wasser  des  St.  Albanloch- 
brunnens  wurde,  nachdem  der  Rest  vom  7.  September  an 
in  halbvoller  Flasche  gestanden  hatte,  am  9.  wieder  unter- 
sucht, 1000  Gebrauchten  jetzt  205  statt  wie  früher  bloss  196  CC. 


1 40        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Indigolösung,  während  1000  CG.  ebenso  aufbewahrten  Gerber- 
lochbrunnwassers am  9.  September  465  statt  wie  am  7. 
450  CC.  brauchten. 

Umgekehrt  kann  durch  Stehen  eines  Wassers  in  ver- 
schlossener Flasche  der  Gehalt  an  Salpetersäure  durch 
Reduktion  derselben  durch  die  im  Wasser  enthaltenen  or- 
ganischen Stoffe  abnehmen. 

Bei  der  Titration  der  verschiedenen  Wasser  mit  Indigo- 
lösung blieb  die  Flüssigkeit  vor  Zusatz  eines  üeberschusses 
derselben  nur  in  wenigen  Fällen  farblos  und  wurde  dann 
durch  den  überschüssig  zugesetzten  Tropfen  Indigolösung 
blau;  in  den  meisten  Fällen  färbte  sich  die  Flüssigkeit  gelb 
bis  braungelb  und  durch  den  Ueberschuss  der  Indigolösung 
grün.  Ersteres  ausnahmsweise  Verhalten  zeigten  die  beiden 
Rheinwasserproben. 

Nach  dem  ursprünglichen  von  Marx  vorgeschlagenen 
Verfahren  wird  der  Gehalt  der  Wasser  an  Salpetersäure  zu 
nieder  gefunden.  Ueberdiess  stimmten  in  den  meisten  Fällen 
bei  verschiedenen  Titrationsversuchen  mit  einem  und  dem- 
selben Wasser  die  Resultate  unter  sich  nicht  überein;  es 
zeigten  sich  im  Gegentheile  erhebliche  Differenzen. 

Bei  allen  Versuchen  wurde  diejenige  Menge  von  Schwefel- 
säure angewandt,  welche  Marx  vorgeschlagen  hatte,  wie 
überhaupt  alle  die  von  Marx  empfohlenen  Vorsichtsmass- 
regeln genau  befolgt  wurden.  Die  dazu  gebrauchte  chemisch 
reine  Schwefelsäure  hatte  die  Stärke  der  englischen.  Bei 
Anwendung  einer  verdünnteren  wird  nicht  die  nöthige  Wärme 
entwickelt.  Wenn  nun  auch  das  verbesserte  Titrationsver- 
fahren unstreitig  viel  genauere  Resultate  liefert,  so  sind  doch 
zwei  wesentliche  Punkte  bei  Berechnung  des  Salpetersäure- 
gehaltes zu  berücksichtigen.  Erstens  enthält  alles  destillirte 
Wasser  salpetersaures  Ammoniak,  oft  auch  salpetrigsaures, 
zweitens   enthalten   die   natürlichen  Wasser   sehr   oft  neben 


GoppeUrÖder:    Bestimmung  der  Salpetersäure.  141 

den  Nitraten,  nicht  nur  Spuren,  sondern  auch  erhebliche 
Mengen  von  Nitriten.  Die  salpetrige  Säure  des  zu  unter- 
suchenden Wassers  wirkt  auf  die  mit  Schwefelsäure  ver- 
mischte Indigolösung  ebenfalls  oxydirend  ein.  Die  für  1  Liter 
des  untersuchten  Wassers  verbrauchte  Menge  der  Indigo- 
lösung entspricht  dann  nicht  nur  der  in  dem  Liter  Wasser 
enthaltenen  Salpetersäure,  sondern  auch  der  vorhandenen 
salpetrigen  Säure.  Da  freilich,  wo  nur  Spuren  oder  eine 
sehr  unbedeutende  Menge  von  salpetriger  Säure  im  Wasser 
ist,  kommt  der  Fehler  nicht  in  Betracht,  da  hingegen,  wo 
im  Verhältnisse  zur  Salpetersäure  eine  reichliche  Menge 
salpetrige  Säure  vorhanden  ist,  muss  die  Menge  dieser  in 
einer  besonderen  Operation  bestimmt  werden,  was  wohl  am 
schnellsten  und  annähernd  genau  nach  Ansäuren  einer  ab- 
gemessenen Menge  Wassers  mit  Schwefelsäure  durch  Titration 
mit  Kalipermanganatlösung  geschehen  kann,  nachdem  vorher 
ohne  Schwefelsäurezusatz  die  etwa  vorhandenen  leicht  oxy- 
dirbaren  organischen  Stoffe  mit  derselben  Permanganatlösuug 
titrirt  wurden.  Die  Differenz  der  bei  der  zweiten  und  ersten 
Operation  gefundenen  Zahlen  entspricht  dem  uebermangan- 
sauren  Kali,  welches  zur  Oxydation  der  salpetrigen  Säure 
nöthig  war.  Diese  aber  entspricht  einer  bestimmten  Menge 
der  Indigolösung,  welche  von  der  bei  der  Titration  des 
Wassers  mit  Indigolösung  gefundenen  abgezogen  werden 
muss,  um  diejenige  Menge  von  Indigolösung  zu  erhalten, 
welche  wirklich  bloss  der  Salpetersäure  entspricht. 

Die  in  dem  zur  Verdünnung  der  Lösung  des  Indigos 
in  Schwefelsäure  angewandten  destillirten  Wasser  enthaltene 
Salpetersäure  sowohl  wie  auch  die  salpetrige  Säure  (beide  in 
Form  von  Ammoniaksalzen  vorhanden)  wirken  natürlich  auch 
auf  den  gelösten  Indigo  oxydirend  ein,  sobald  sich  die  Lösung 
durch  Vermischen  mit  Schwefelsäure  erwärmt,  was  jedoch 
gleichgültig  ist,  weil  ja  das  Verhältniss  der  Indigolösung  zu 


142        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Kalinitrat  unter  den  gleichen  Umständen  ermittelt  wurde 
und  sowohl  bei  der  Titrestelluog  als  auch  bei  der  Titration 
von  Brunnwässern  etc.  die  Indigolösuns;  dadurch  um  den- 
selben Grad  verdünnter  erscheint.  Die  Menge  von  Salpeter- 
säure und  salpetriger  Säure  aber ,  welche  in  dem  zum 
Auflösen  des  Kalisalpeters  angewandten  destillirten  Wasser 
enthalten  ist,  d;irf  nicht  ausser  Acht  gelassen  werden.  Man 
braucht  bloss  die  Menge  der  Indigolösung  zu  bestimmen,  welche 
durch  die  in  1  Liter  destillirten  Wassers  enthaltene  Menge  der 
beiden  Säuren  zerstört  wird,  um  die  Menge  der  Indigolösung 
zu  kennen,  welche  für  die  in  1  Liter  Saipeteilösung  ent- 
haltene Menge  reinen  salpetersauren  Kali's  nöthig  wäre. 

Das  zur  Darstellung  meiner  Salpeterlösung  und  Iniligo- 
lösung  angewandte  destillirte  Wasser  gab  die  folgenden 
Eesultate  bei  4  Titrationen.  Zuerst  wurde  nach  Marx's 
Vorschlag  eine  abgemessene  Menge  des  destillirten  Wassers 
mit  Schwefelsäure  vermischt  und  hierauf  jnit  Indigolösung 
titrit.  Hierauf  wurde  eine  der  bei  diesem  Vorversuche  ver- 
brauchten Menge  ludigolösung  gleiche  Menge  zu  einer  gleichen 
Menge  destillirten  Wassers  gefügt,  hierauf  die  nötaige  Schwefel- 
säure zugefügt  und  mitlndigolÖsung  bis  zurßläuung  nachtitrirt. 

Angewandte  Verbrauchte  1  Liter   destil- 
„            ,     ~       Menge  des  destil-     Menge   der         lirtes  Wasser 

Menge  aar  üiten  W^assers  ludigolösung  brauchte  Cubik- 

Schwefelsäure:       in  Cubikcenti-        in  Cubik-  centimeter    In- 

metern.  centimetern:       digolösung: 

cc. 

Vorveisuch  100  100  3.6  — 

Versuch    1  100  100  5.3  53 

2  200  100  5.7  57 


100 

5.3 

100 

5.7 

200 

10.6 

200 

11 

3  200  200  10.6  53 

4  400  200  11  55 

Mittel  aus  den  4  Versuchen  54^2  entprechend  0,01508  Gr.  NO^  • 

1  Liter   destillirtes    Wasser    enthält  sonach  0,0151  Gr. 
(NO 5)    Salpetersäure,   1  Cubikcentim'^t'^r  0,0000151  Gr. 


Goppelsröder:    Bestimmung  der  Salpetersäure.  143 

1000  Cubikcentiineter  ludigolösung  entsprachen,  wie  wir 
oben  sahen,  bei  der  Titrestellung  nach  meinem  verbesserten 
Verfahren  als  Mittel  von  10  Versuchen  511.9  =  512  CC. 
SalpeterlösuDg.  1000  CC.  Salpeterlösung  entsprechen  dem- 
nach 1953  CC.  Indigolösung,  welche  jedoch  nicht  bloss  für 
die  Reduction  der  iu  1000  CC.  Salpeterlösung  enthaltenen 
Menge  KO.  NO^.  sondern  auch  für  die  Reduction  der  zur 
Lösung  dieses  Salzes  uöthigen  Menge  destillirten  Wassers 
(1000  CC.)  nöthig  waren.  Nun  brauchte  1  Liter  destillirtes 
Wasser  als  Mittel  von  4  Versuchen  54.5  CC.  ludigolösung,  es 
wären  somit  bei  der  Titrestellung  der  Indigolösung  für  die  in 
1  Liter  gelöst  enthaltenen  1.0129  Gr.  KO.  NO^  nur  1898.5  CC. 
Indigolösung  nöthig  gewesen.  Es  entspricht  demnach  1  CC. 
Indigolösung  0.0005335  Gr.  KO.  NO^  =  0.0002881  Grammen 
NO^,  und  nicht  bloss  0.0002767  Gr.,  wie  ohne  Correction 
gefunden  wurdo. 

Was  nun  die  in  verschiedenen  Wassern  BaseVs  ent- 
haltene Menge  der  Salpetersäure  anbetrifft,  so  f.ind  ich  bei. 
meinen  bisherigen    Untersuchungen  die  folgenden  Resultate: 


144       Sitzung  der  niath.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 


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[1870.  I.  2.] 


10 


146       Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  S.Februar  1870. 

Bei  den  Wassern  No.  4,  5,  9,  13,  15,  16,  18  und  20 
fällt  die  Menge  der  salpetrigen  Säure  gar  nicht,  bei  den 
Wassern  No.  2,  6,  24,  25,  26,  27  und  28  kaum  in's  Gewicht; 
bei  den  Wassern  No.  1,  3,  7,  10,  11,  14,  21,  22  und  23 
muss  das  Resultat  der  doppelten  Titration  des  Wassers 
mit  Kalipermanganat  berücksichtigt  werden,  um  sowohl  die 
Zahl  für  die  Menge  der  Salpetersäure  als  auch  der  salpetrigen 
Säure  zu  erhalten. 

Bei  sanitarischen  Untersuchungen  möchte  freiUch  in  den 
meisten  Fällen  die  Angabe  der  für  1  Liter  des  Wassers 
nöthigen  Menge  Cubikcentimeter  Indigolösung  genügen,  weil 
es  sich  ja  stets  um  vergleichende  Untersuchungen  normaler 
und  durch  städtisches  Terrain  etc.  inficirten  Wassers  handelt. 

Ueber  die  Bedeutung  der  Salpetersäuremenge  für  die 
Beurtheilung  eines  Trinkwassers  sind  verschiedene  Ansichten 
ausgesprochen  worden.  Ich  bleibe  auch  heute  noch  nach 
zahlreichen  weiteren  Untersuchungen  bei  den  in  meiner  1867 
erschienenen  Arbeit  über  die  verschiedenen  Baslerwasser  aus- 
gesprochenen Ansichten  und  wiederhole  hier  bloss  einige  auf 
diesen  Punkt  bezügliche  Stellen. 

Nirgends  fehlen  die  Nitrate,  ja  selbst  in  ausgezeichneten 
Quellwassern  erhalten  wir  zum  Theile  starke  Reactionen. 
Die  Nitrite  sind  oft  gar  nicht,  oft  in  minimer,  oft  in  grösserer 
Menge  vorhanden,  je  nach  der  Herkunft  des  Wassers. 

Bei  meinen  bisherigen  Untersuchungen  fand  ich,  dass 
reine  Quellwasser  höchstens  eine  schwache  Reaction  auf 
Nitrite  geben,  meist  nur  eine  spurenweise  oder  gar  keine. 
Die  schon  im  Regenwasser  enthalten  gewesene  Menge  von 
salpetriger  Säure  und  diejenige,  welche  das  hernach  durch 
den  Boden  rieselnde  Wasser  aus  diesem  aufnimmt,  wird  nach 
und  nach  durch  den  im  Wasser  gelöst  enthaltenen  Sauer- 
stoff und  namentlich  beim  Durchrieseln  durch  das  Gerolle 
durch  den  Sauerstoff  der  Bo'lenluft  (und  durch  den  Sauer- 
stoff des   Eisenoxjdes)   zu    Salpetersäure   oxydirt,   wesshalb 


GoppeUröder:    Bestimmung  der  Salpetersäure.  147 

wir  in  solchen  bei  ihrem  Laufe  durch  den  Boden  nicht  in- 
ficirten  \yassern  wohl  Salpetersäure,  aber  keine  oder  nur 
in  spärlicher  Menge  salpetrige  Säure,  gleichsam  nur  der 
Verwesung  entgangene  Reste,  antrefifen.  Wenn  aber  ander- 
seits Grundwasser  durch  mit  organischen  Stoffen  imprägnirteu 
Boden  fliesst,  so  werden  diese  die  im  Wasser  gelösten  Nitrate 
zu  Nitriten,  theilweise  noch  weiter  reduciren,  und  wir  treffen 
dann  in  solchen  verunreinigten  Wassern  eine  mehr  oder 
weniger  starke  Menge  von  Nitriten  uad  oft  gar  keine  Nitrate 
an.  Es  mögen  unter  Umständen  recht  complicirte  Vorgänge 
im  Boden  während  dem  Laufe  des  Wassers  stattfinden, 
Oxydationen  und  Desoxydationen  mit  einander  abwechseln, 
je  nach  der  Beschaffenheit  der  Schichten,  durch  welche  das 
Wasser  läuft. 

Ein  mit  Fäulnisstoffen  in  Berührung  gekommenes  Grund- 
wasser wird,  gleich  darauf  in  Sodschachten  heraufgepumpt, 
ein  schlechtes  Trinkwasser  sein;  während  seines  späteren 
Laufes  kann  es  aber,  wenn  es  durch  reine  Erdschichten 
rieselt ,  und  mit  einer  genügenden  Menge  Bodeuluft  in 
Berührung  kommt,  hierdurch  so  gereiniget  werden,  dass  die 
darin  enthaltenen  Fäulnissstoffe  nach  und  nach  der  Verwesung 
anheimfallen,  und  wenn  auch  die  organischen  Stoffe  nicht 
ganz  verschwinden,  so  bilden  sich  doch  aus  den  übelriechen- 
den, übelschmeckenden  und  sogar  gefärbten  Fäulnissproducten 
farblose,  nicht  riechende  und  nicht  schmeckende  Zwischen- 
producte  des  Verwesungsprocesses ;  dasselbe  Grundwasser 
wird  somit  an  entfernten  Stellen  Trinkwasser  von  genügender 
Reinheit  zum  Genüsse  liefern.  Während  die  ersten  Sode 
ein  stark  nitrithaltiges  Wasser  mit  nur  wenig  Nitraten  ent- 
halten, so  wird  aus  den  mit  auf  solche  Weise  gereinigtem 
Grundwasser  gespiesenen  Soden  ein  Wasser  gepumpt,  das 
wenig  oder  gar  keine  Nitrite  enthält,  wohl  aber  stark  auf 
Nitrate  reagiit.  Immer  beweist  ein  Gehalt  an  Nitraten  und 
Nitriten,  welcher  grösser  als  der  in  von  städtischen  Fäulniss- 

10* 


148        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

und  Verwesungsheerden  unabhängigen  Quellen  auf  dem  Lande 
ist,  dass  eine  Verunreinigung  durch  lokale  Einflüsse  statt- 
gefunden hat,  sei  es  nun  durch  Abtritte  oder  Dohlen,  Gisternen 
oder  Ställe,  durch  Gewerbe  oder  durch  sonstige  Ursachen, 
welche  aufzuzählen  überflüssig  ist.  Sicher  ist  der  grösste 
Theil  der  mit  den  Lochbrunnquellen  und  Soden  der  grossen 
und  kleinen  Stadt  Basel  zu  Tage  geförderten  Nitrate  das 
Product  der  Verwesung  des  Stickstoffes  der  menschHchen 
und  thierischen  Abfälle,  sowie  des  bei  der  Fäulniss  gebil- 
deten Ammoniaks.  Die  Menge  des  in  Form  von  salpetriger 
Säure  (Nitriten)  und  Salpetersäure  (Nitraten)  alljährUch  durch 
das  Grundwasser  dem  Rheine  zugeführten  Stickstoffs  muss 
eine  sehr  beträchtliche  sein,  deren  Berechnung  bis  dahin 
wenigstens  unmöglich  ist.  Die  Herren  Prof.  Pagenstecher  sei. 
und  Apotheker  Dr.  Müller  in  Bern  haben  schon  vor  längerer 
Zeit  auf  die  beträchtlichen  Mengen  von  Nitraten  hingewiesen, 
welche  im  Grundwasser  Bern's  alljährlich  der  Aare  zufliessen 
und  die  Herkunft  auch  aus  den  städtischen  Infektionsheerden 
abgeleitet. 

Was  die  beträchthche  Menge  von  Nitriten  in  einer  Reihe 
von  unseren  Sodwassern  anbetrifft,  so  haben  wir  es  also 
hier  entweder  mit  der  noch  nicht  complet  beendeten  Ver- 
wesung des  Stickstoffs  oder  des  Ammoniaks  oder  mit  der 
Desoxydation  der  Nitrate  durch  organische  Stoffe  zu  thun. 
Immer  aber  erregt  die  Anwesenheit  einer  über  Spuren  hinaus- 
gehenden Menge  Nitrits  den  Verdacht  in  mir,  dass  das 
Wasser  in  erhebhchem  Masse  durch  organische  Stoffe  ver- 
unreiniget ist,  und  wenn  nicht  immer,  so  wird  doch  meist 
diese  Vermuthung  bestätigt.  Die  Anwesenheit  von  Nitrit 
ist  für  mich  das  Zeichen  der  chemischen  Thätigkeit,  respective 
der  Beweglichkeit  der  Atome  der  im  W^asser  enthaltenen 
organischen  Stoffe.  Die  Nitrite  sind  stets  als  Zwischenstufe 
eines,  sei  es  pro-,  sei  es  regressiven  chemischen  Umwandlungs- 
processes  zu  betrachten. 


Goppelsröder :  Bestimmung  der  Salpetersäure.  149 

Hinsichtlich  nun  der  Frage:  welchen  Einfluss  üben 
die  Nitrite,  und  welchen  die  Nitrate  im  mensch- 
lichen Körper  aus?  so  steht  deren  Beantwortung  allein 
dem  kundigen  Physiologen  und  Pathologen  zu.  Auf  die 
Frage:  sind  wohl  die  Nitrate  in  der  geringen  Menge, 
wie  sie  im  Wasser  genossen  werden,  und  bei  solcher 
Verdünnung  von  nachtheiligem  Einflüsse  auf  die 
Gesundheit?  glaube  ich  mit  nein  antworten  zu  können, 
denn  sie  gehören  jedem  Wasser,  auch  dem  besten  Trink- 
wasser als  normaler  Bestandtheil  an  und  sind  auch  sonst 
in  Nahrungsmittelü  und  Getränken  enthalten.  Ob  von  den 
Nitriten  das  gleiche  gelten  darf  ?  darauf  wage  ich  gar  nicht 
zu  antworten.  Wenn  auch  die  im  Körper  vorgehenden 
Processe  nicht  immer  ganz  so  vor  sich  gehen,  wie  wir  es  nach 
unseren  auf  Versuche  in  Retorten  und  Kolben  gestüzten 
Theorien  uns  vorstellen  möchten,  so  dürfen  wir  doch  wohl 
annehmen,  dass  die  Nitrite  im  Körper  sich  eben  so  leicht 
wie  ausserhalb  desselben  verändern.  Und  abgesehen  von 
ihrem  eigenen  Verhalten  hängen  mit  ihrer  Anwesenheit  im 
Wasser  organische  Verunreinigungen  zusammen,  über  deren 
chemische  Natur  und  desshalb  auch  über  deren  chemisch- 
physiologisches Verhalten  wir  überaus  wenig,  ja  fast 
gar  nichts  wissen ;  ein  Wasser,  welches  grössere  Mengen 
Nitrit  enthält,  sollte  desshalb  vom  sanitarischeu  Standpunkte 
aus  betrachtet,  verworfen  werden,  ebenso  solches ,  welches 
eine  mehr  als  normale  Menge  von  Nitraten  enthält.  Ueber 
die  Grenze  kann  man  nun  freilich  verschiedener  Ansicht 
sein.  Bei  den  Trinkwässern  Basel's  betrachte  ich  die  in  den 
von  auswärts  in  die  Stadt  geleiteten  Quellwassern  enthaltene 
Salpetersäuremenge  als  die  normale.  Unmöglich  kann  ich 
mit  Alex.  Müller,  (siehe  dessen  Abhandlung  ,,zur  Geschichte 
der  Brunnenwässer  grosser  Städte"  im  Journale  für  praktische 
Chemie  Bd.  82  S.  465)  annehmen,  dass  eine  Menge  von 
4   Milligrammen    Salpetersäure   pro   Liter   im   Wasser    eine 


150        Sitzung  der  mafh.-fhys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

erhebliche,  die  Geniessbarkeit  eines  solchen  Wassers  beein- 
flussende sei.  Wenn  aber  0.  Reich  (s.  dessen  Abhandlung 
„die  SaliDetersäure  im  Brunnenwasser  und  ihr  Verhältniss 
zur  Cholera  und  ähnlichen  Epidemien")  in  den  Berliner 
Brunnenwässern  200 — 675  Th.  Salpetersäure  (NO^)  in 
1  Million  Theilen,  also  2  bis  fast  7  Decigramme  im  Liter 
fand,  so  gibt  uns  eine  solche  unnormale  Menge  einen  Anhalts- 
punkt für  den  erheblichen,  gewiss  der  Gesundheit  gefähr- 
lichen Grad  der  Verunreinigung  des  dortigen  Grundwassers. 
Auch  das  Grundwasser  Basel's  enthält,  wie  ich  schon  früher 
durch  viele  qualitative  Reactionen  nachgewiesen  habe,  eine 
unnormale  ^lenge  von  Salpetersäure.  Ich  verweise  auch  auf 
obige  Tabelle, 

Zum  qualitativen  Nachweise  der  Nitrite  und  Nitrate 
in  den  Wassern  gibt  es  wohl  keine  bessere,  schneller  und 
sicherer  zum  Ziele  führende  Methode,  als  die  in  meiner 
früheren  Arbeit  besprochene  und  angewandte  von  Schönbein, 
wodurch  mit  leichter  Mühe  auch  das  relative  Meugenverhältniss 
beider  approximativ  ermittelt  werden  kann.  Ich  verweise 
auf  meine  frühere  Arbeit.  Zur  Bestimmung  der  Menge  der 
Salpetersäure  empfehle  ich  als  schnell  zum  Ziele  führende 
und  genaue  Methode  die  in  dieser  Arbeit  beschriebene. 
Wenn  ich  dadurch  einen  Fortschritt  erreicht  habe,  so  wünsche 
ich  selbst  am  meisten,  dass  es  dem  Fleisse  der  vereinten 
chemischen  Kräfte  gelingen  möge ,  eine  ebenso  schnell  aus- 
führbare aber  von  jedem  Mangel  befreite  Methode  aufzu- 
finden. Periodische  Untersuchungen  über  den  Stand  und 
Gehalt  des  Grundwassers  sind  bekanntlich  von  grossem 
Interesse,  dieselben  müssen  aber  in  Kürze  ausgeführt  werden 
können,  da  es  sich  hier  um  die  Untersuchung  mögUchst 
vieler  Wasserproben  in  möglichst  kurzer  Zeit  handelt.  Um 
über  die  Verunreinigung  eines  Wassers  durch  Dohlen, 
Cisternen,  Abtrittgruben  u.  s.  w.  mit  wenigen  Mitteln  und  in 
kurzer  Zeit  Aufschluss  zu  erlangen,  empfehle  ich  auch  heute 


Goppelsröder:    Bestimmung  der  Salpetersäure.  151 

noch  die  in  meiner  früheren  Arbeit  genannten  5  Operationen, 
füge   aber   heute    eine    6.    Operation   bei,    nämlich    die    Be- 
stimmung der  Salpetersäure  nach  oben  beschriebener  Methode. 
Die  6  Operationen  sind : 

1)  Die  Bestimmung  der  Menge  der  festen  Bestandtheile, 
wobei  sowohl  die  Menge  des  bei  lOO^^C.  getrockneten  Piück- 
standes  eines  Liters  Wasser  als  auch  der  Verlust  beim 
Glühen  desselben  anzugeben  ist.  Sowohl  die  Farbe  des 
Rückstandes  des  Wassers  als  auch  die  Erscheinungen  beim 
Glühen  sind  zu  beobachten. 

2)  Die  Nitrit-  und  die  vereinigte  Nitrit-  und  Nitrat- 
reaction  nach  Schönbein. 

3}  Die  Titration  mit  Kalipermanganatlösung,  mit  und 
ohne  Schwefelsäurezusatz. 

4)  Die  Reaction  mit  Silber-  oder  Goldlösung. 

5)  die  Reaction  auf  Schwefelwasserstoff  und  Amiiioniak 
(frei  und  gebunden). 

6)  Die  Titration  der  Salpetersäure  mit  Indigolösung. 
Dadurch    erlangen   wir    einerseits    Aufschluss   ü-ber  das 

Mass  der  Verunreinigung,  anderseits  über  den  Grad  der 
Veränderlichkeit  der  organischen  Stoffe,  womit  wohl  deren 
physiologischer  Charakter  auf's  engste  verknüpft  ist. 

Wenn  einerseits  die  Ermittelung  der  Quantität  der  Ver- 
unreinigungen eine  gewisse  Bedeutung  hat.  so  ist  ander- 
seits die  Ermittelung  der  Qualität  derselben  von  grosser 
Wichtigkeit.  Es  ist  jedoch  bis  heute  nur  möglich  über  den 
Grad  der  chemischen  Wirksamkeit  der  verunreinigenden 
organischen  Stoffe  Aufschluss  zu  erlangen,  wozu  mir  die 
Titration  mit  Kalipermanganatlösung  mit  und  ohne  Schwefel- 
säurezusatz ,  die  Schönbein'sche  Nitritreaction,  sowie  die 
Reduction  einer  Silber-  oder  Goldlösung  praktische  und 
passende  Mittel  zu  sein  scheinen.  Die  Bestimmung  der 
Menge  der  festen  Bestandtheile  und  des  Glühverlustes  sowie 
die   Bestimmung  der   Menge    der  NO^    hat    ebenfalls    einen 


152       Sitzung  der  math.-pTiys.  Classe  vom  5.  Felruar  1870. 

entschieden  praktischen  Werth,  um  über  das  Mass  der 
Verunreinigung  sich  ein  Urtheil  zu  bilden. 

Die  Reaction  auf  HS  und  N  tP,  frei  und  gebunden,  dürfte 
in  den  meisten  Fällen  zu  einem  negativen  Resultate  führen, 
wenn  nicht  schon  das  Geruchs-  und  Geschmacksorgan  die 
Verunreinigung  des  Wassers  erkannt  hatte,  wo  dann  aber 
eine  Untersuchung  von  Seite  eines  chemischen  Experten  vom 
praktischen  Standpunkte  aus  überflüssig  ist  oder  bloss  be- 
stätigen soll. 

Mit  derselben  Methode  lässt  sich  auch  die  Menge  der 
Salpetersäure  im  Schnee,  Regen,  Eis  u.  s.  w.  bestimmen. 
Ich  werde  in  nächster  Zeit  über  solche  Bestimmungen,  so- 
wie auch  später  über  periodische  Untersuchungen  der  ver- 
schiedenen Wasserquellen  Basel's  berichten. 


^ 


Gümbel:    Der  Eiesmilkati  etc.  153 


Herr  Gümbel  hält  einen  Vortrag 

..Ueber  den  Riesvulk  au  und  über  vulkanische 
Erscheinungen  im  Rieskessel."' 

Zu  den  merkwürdigsten  topischen  Eigenthümlichkeiten 
in  dem  langen  Zuge  des  fränkisch-schwäbischen-Jura- 
gebirges  gehört  unstreitig  der  tiefe  jetzt  eingeebnete  Kessel 
des  sog.  Rieses.  Schon  der  flüchtige  Blick,  welchen  etwa 
eine  Fahrt  auf  der  Eisenbahn  zwischen  Donauwörth  und 
Wassertrüdiugen  über  diesen  Landstrich  zu  werfen  gestattet, 
muss  uns  auf  das  Aussergewöhnliche  aufmerksam  machen, 
welches  in  dem  jDlötzlichen  Auftauchen  einer  weiten  grossen, 
fast  kreisrunden  Ebene  mitten  in  der  sonst  vielkuppigen  und 
nur  von  engen  Thalungen  durchschnittenen  ;;Alb''  uns  vor 
Augen  tritt.  Wie  der  leicht  bewegte  Spiegel  eines  grossen 
See's  breitet  sich  die  braune  fruchtbare  Ebene  des  Rieses, 
rings  von  hohen  kalkfelsigen  Steilrändern  eingeschlossen  und 
nur  von  einigen  kegelförmigen  inselartigen  Hügeln  unter- 
brochen im  umfange  von  18  Stunden  vor  uns  aus.  Lebhaft 
erinnert  dieses  Bild  im  vergrösserten  Maassstab  an  die 
Maare  der  Eifel.  Es  ist  daher  sehr  erklärlich,  dass  bei 
den  so  sehr  ins  Auge  springenden  Eigenthümlichkeiten, 
welche  das  Ries  aufweist,  dieses  die  Aufmerksamkeit  der 
Topographen  und  Geognosten  schon  frühe  auf  sich  gezogen 
hat.  Unser  unübertrefflicher  Topograph  Walther.  der  ein 
so  richtiges  Gefühl  für  den  Zusammenhang  zwischen  Ober- 
flächengestaltung und  ihrer  tieferen  geognostischen  Ursache 
bei  so  vielen  Schilderungen  verräth,  spricht  bereits  von 
Stauungen  im  uralten  Seegrunde,  vom  Thalkessel  und  Becken 
des  Rieses,  obgleich  er  nicht  näher  auf  die  tiefere  Deutung 
des  ihm  nicht  unbekannten  Trasses  und   der  Bänke  von  Süss- 


154      Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

wasserkalk  im  Ries  eingeht.  Mehrfach  stellte  man  die  Ansicht 
auf,  dass  das  Ries  vormals  ein  See  gewesen  sein  müsse. 
Die  beiden  im  Ries  heimischen  Botaniker  Schnitzlein  und 
Frickinger,  welche  als  die  besten  Kenner  der  natürlichen 
Verhältnisse  dieser  Gegend  gelten,  heben  in  ihrem  so  gründ- 
lichen Werke  über  die  Vegetationsverhältnisse  des  Land- 
strichs zwischen  Wörnitz  und  dem  Altmühlthale,  da  wo  sie 
sich  über  die  topographischen  und  geognostischen  Verhält- 
nisse aussprechen,  bereits  das  Eigenthümliche  dieses  tiefen 
BeÄens  ausdrücklich  hervor  und  erklären  dieses  als  eine 
auffallende  Ausbiegung  oder  vielmehr  Versenkung  oder  Ver- 
rückung des  Jura,  welcher  die  Riesebene  ihren  Ursprung 
verdanke.  Auch  sie  theilen  die  Ansicht,  dass  das  Ries  vor 
dem  Durchbruche  des  Dammes  bei  Harburg  ein  See  gewesen 
sei  und  weisen  bereits  dem  vulkanischen  ., Basalttuff"  (Trass) 
welcher  das  Ries  rings  umgebe,  die  Wirkung  der  Versenkung 
des  Jura  zu,  während  sie  das  hier  stellenweis  zugleich  mit 
Keuper  vorkommende  Urgebirge  als  durch  Basalttuff  gehoben 
annehmen.  In  der  vortrefflichen  geognostischen  Karte, 
welche  dem  erwähnten  Werke  von  Schnitzlein  und  Frick- 
inger beigegeben  ist,  wurde  auch  der  Ausgangspunkt  für 
die  richtigere  Auffassung  der  geognostischen  Verhältnisse 
der  Riesgegend  gewonnen ,  welche  in  neuster  Zeit  durch 
wiederholte  genauere  Untersuchungen  vielseitig  erweitert 
werden  konnte. 

Auch  die  interessanten  geognostischen  Verhältnisse 
speziell  hatten  schon  vor  langer  Zeit  eingehendere  Unter- 
suchungen in  der  Riesgegend  veranlasst.  Um  nicht  von  älteren 
Beschreibungen  zu  sprechen,  war  es  zunächst  B.  v.  Cott», 
welcher  1834^)  seine  Beobachtungen  über  den  Riesgau  ver- 
öffentlichte.    Er  bezeichnet  die  abnormen  Gesteine  des  Ries- 


1)  N.  Lehrb.  f.  M.  u.  G.  1834.  S.  307. 


Gümhel:    Der  BiesvülTcan  etc.  155 

gaues  als  ,, Basaltgebilde",  deren  Entwicklung  sich  durch 
„vulkanische  Tuffe"  zu  erkennen  geben  und  durch  rings 
um  die  Riesebene  liegende  „Eruptionspunkte"  sich  be- 
merkbar machen.  Die  in  der  Gegend  schon  damals  übliche 
Bezeichnung  ,,Trass"  glaubt  Cotta  besser  durch  den  Namen 
„vulkanischen  Tuff"  ersetzen  zu  können,  da  der  wahre 
Trass  von  Brotel-Thal  zwar  dem  Riesgestein  ähnlich,  aber 
nicht  vollständig  gleich  sei.  Bei  der  näheren  Beschreibung 
vulkanischen  Tuffes  erwähnt  nun  v.  Cotta  weiter  als  Einschlüsse 
in  demselben  runde  Bomben-ähnliche  Klumpen,  basaltische 
Lava  und  Schlacken  mit  eigenthümlich  Tau -ähnlich  ge- 
wundener Struktur,  wie  man  sie  auf  der  Oberfläche  der 
Lavaströme  beobachte,  glaubt  ihre  Entstehung  aber  durch 
ein  Hindurchtreiben  durch  unregelmässig  gestaltete  Klüfte 
sich  erklären  zu  müssen.  Für  wirkliche  Bomben  hatte 
v.  Cotta  diese  so  auffallend  geformte  Stücke  nicht  erkannt. 
Voith^)  vervollständigte  diese  Angaben  namentlich  durch 
d?n  Nachweis  des  Vorkommens  granitischen  Gesteins  und 
Walz^)  durch  die  Deutung  der  das  Ries  umgebenden  juras- 
sischen Gebilde.  Später  lieferte  Prof.  Schafhäutl  eine 
Abhandlung  über  die  chemische  Zusammensetzung  des  sog. 
Riestrasses  und  nahm  Veranlassung  dabei  einige  geognostische 
Bemerkungen  beizufügen.*)  Das  Ries  leitet  auch  er  von 
einer  Einsenkung  ab,  die  einmal  vom  Wasser  ausgefüllt 
gewesen  sein  müsse,  läugnet  aber  darin  jede  vulkanische  Thätig- 
keit.  Er  nennt  den  sog.  Trass  des  Rieses  geradezu  ,,eine 
ursprüngliche  Bildung,  wie  sie  im  wässerig-teigigen  Zustande 
gleich  und  mit  den  Graniten  aus  den  Spalten  der  Erdober- 
fläche gedrungen  sei  und  nur,  wo  die  Verwitterung  begonnen 


2)  N.  Jahrb.  1835.  S.  169. 

3)  Beiträge   z.   Gang.   d.   Rieses    im   Corr.   Bl.   des   Württemb. 
landw.  Vereins  1843  II,  55. 

4)  N.  Jahrb.  1849  S.  641. 


156       Sitzung  der  matJi.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

habe,  erhalte  die  Bildung  ein  staubiges,  pulveriges  Ansehen," 
Das  von  Schnitzlein  und  Frickinger  als  Basalt  bezeichnete 
harte  Gestein  vom  Wenneberg  sei  ,, nichts  anderes  als  dichter 
Trass  ohne  Olivin"  und  die  von  Andern  vielfach  für  durch 
Schmelzhitze  verursachte  Schlacken  gehaltenen  blasigen  Massen 
nur  gleichsam  ausgetrockneter  wässeriger  Teig,  ähnlich  wie 
eine  aus  Wasserglas  durch  Entweichen  des  Wassers  ent- 
stehende blasige  Kieselsubstanz. 

Bei  diesem  Gegensatz  von  Ansichten,  welche  über  die 
Entstehung  der  vulkanischen  Tuffgesteine  des  Rieses  herrschen 
und  bei  dem  grossen  allgemeinen  geognostischen  Interesse 
für  diese  Tuffbild ang,  welche  in  analoger  Weise  an  so  vielen 
Stellen  des  schwäbisch-fränkischen  Juragebirgs,  aber  immer 
mehr  oder  weniger  isolirt  und  auf  kleine  Flecken  beschränkt, 
auftauchen,  im  Ries  aber  zu  einer  grossartigen  und  mächtigen 
Entwicklung  gelangen,  schien  es  wünschenswerth,  dieselben 
auf's  Neue  einer  eingehenderen  Untersuchung  zu  unterziehen. 

Wenn  wir  uns  hier  darauf  beschränken  von  den  ge- 
wonnenen Resultaten  nur  Einiges  mitzutheilen,  so  geschieht 
diess  desshalb,  weil  die  Erscheinungen  im  Ganzen  ohne  weiter 
ausgeführte  Schilderung  der  geognostischen  Verhältnisse  eines 
grossen  Theils  der  schwäbisch-fränkischen  Alb  sich  nicht 
erschöpfend  behandeln  lässt ,  letzteres  aber  für  eine  ander- 
weitige Darstellung  vorbehalten  bleiben  muss.  Die  Frage, 
welche  hier  zunächst  zu  beantworten  versucht  werden  soll, 
bezieht  sich  daher  nur  auf  den  Ursprung  der  Riestuffe, 
und  was  damit  zunächst  im  Zusammenhange  steht. 

Vor  Allem  drängt  sich  bei  der  Beobachtung  der  tuff- 
artigen Gebilde  die  Thatsache  in  den  Vordergrund,  dass, 
wie  verschieden  auch  immer  die  Lage  der  ungemein  zahl- 
reichen, in  sehr  viele  jetzt  isolirte  Parthieen  getheilten  Tuff- 
massen sein  mag,  ihre  Gesteinsbeschaffenheit  eine  merk- 
würdige Uebereinstimmung  und  Gleichförmigkeit  erkennen 
lässt.     Wo   immer    der    Tuff  vorkommt ,    besteht   derselbe 


Gümheh    Der  BiesvulJcan  de.  157 

aus  einer  porösen  aschenartigen  Grundmasse,  mit  un- 
zähligen Stückchen  von  glasigen  oder  steinigen  schwarzen 
Schlacken  und  feinporösen  bimssteinartigen  Massen, 
selbst  von  ächten  weissen  gestreiften  und  faserigen  Bims- 
steinen, deren  Substanz  häufig  ohne  scharfe  Grenze  in  die 
Schlackenbrocken  und  selbst  in  die  aschenartige  Grundmasse 
verläuft  oder  auch  nicht  selten  in  derbe  pechsteinartige  Glas- 
masse übergeht.  Daneben  finden  sich  zugleich,  wiewohl  weniger 
constant.  grosse  und  kleine  Brocken,  von  meist  in  der  Zer- 
setzung begrifienen  ürgebirgs felsarten  namentlich  horn- 
blendigem Gestein  —  Diorit,  Dioritschiefer  und  Amphibolit 
und  Hornbleiidegneiss  —  eingebacken.  Einzelne  unr>igehuässige 
Körner  von  Quarz  und  Feldspathsubstanz  scheinen  von  auf- 
gelockerten Urgebirgsfelsarten  abzustammen.  Im  Uebrigen 
aber  kann  man  weder  spiegelnde  Feldspathkrystalle  noch  Augit 
oder  Magneteisen  in  unzweideutiger  Weise  in  dieser  Masse 
entdecken.  Auch  ziemlich  scharfkantige  nicht  ganz  abgerollte. 
aber  meist  an  den  Kanttn  abgerundete  Stücke  von  Jura- 
kalk, welche  in  auffallender  Weise  fast  durchgehends 
dunkelgrau  bis  schwärzlich  gefärbt  sind,  fehlen  selten.  Am  auf- 
fallendsten aber  ist  derEinschluss  von  eigenthümlich  geformten 
Brocken  und  Fladen,  welch'  erstere  v.  Cotta  offenbar  unter 
den  erwähnten  tauartig-gewundeneu  Stücken  verstanden  wissen 
wollte.  Viele  dieser  Einschlüsse  kann  man  nur  in  Stücken  und 
zersprungenen  Fragmenten  aus  dem  Tuff  herausschlagen  oder 
bereits  durch  Verwitterung  aus  dem  Tuff  herausgefallen  an 
der  Oberfläche  liegend  beobachten.  In  nicht  zerstückelter 
Form  gleichen  sie  in  der  Gestalt  theilweise  kleinen  Dick- 
rüben, theilweise  gewissen  oben  abgeplatteten  Schwämmen,  sie 
sind  aber  häufig  seitlich  zusammengedrückt  und  flügelartig 
erweitert,  so  dass  sich  scharf  zulaufende  Ränder  bilden,  die 
schraubenförmig  gewunden  oder  niit  wulstigen  Vorsprüngen 
versehen  und  zuweilen  eingeschlagen  einen  halb  offenen  Canal 
bilden.     Ausserdem  überziehen  ähnlich  schraubenförmig  ver- 


158        Sitzung  der  math.-phys.  Clause  vom  5.  Februar  1870. 

laufende  Wülste  und  Linien  die  Oberfläche  und  es  zeigen 
sich  kleine  Querrisse,  welche  namentlich  an  den  Stellen  der 
stärkeren  Krümmungen  häufig  sind  und  unzweideutig  einem 
Bruch  in  der  äussern  schon  fest  gewordenen  Rinde  der 
Stücke  entsprechen,  während  das  Innere  noch  weich  und 
formbar  geblieben  war.  Diese  Körper  entsprechen  in  der 
einen  mehr  rundlichen  Form  nach  Gestalt  und  Bildung  so 
genau  den  sog.  vulkanischen  Bomben,  dass  man  sie, 
mit  den  Bomben  unserer  Vulkane  zusammengehalten,  nicht 
davon  unterscheiden  kann.  Die  schraubenförmigen  Wind- 
ungen, Wülste  und  Streifen  entstehen  in  Folge  der  drehen- 
den Bewegung  bei  dem  Fluge  der  noch  weichen  Masse  durch 
die  Luft,  wobei  in  Folge  nach  und  nach  eintretender  Erhärtung 
zugleich  die  Querrisse  in  der  bereits  erstarrten  Rinde  durch 
die  Abkühlung  und  ungleiche  Ausdehnung  sich  bilden. 

Diese  Uebereinstiinmung  solcher  Ausscheidungen  im  Ries- 
tuffe mit  den  Bomben  noch  thätiger  Vulkane  ist  so  gross, 
dass  wohl  selbst  der  eifrigste  Neptunist  dieselbe  aner- 
kennen müsste. 

Was  die  zweite,  mehr  abgeplattete  schwammähnliche 
Form  anbelangt,  so  gleicht  die  Aussenfläche  auch  an  diesen 
jener  der  mehr  kegelförmigen  Bomben  nur  mit  dem  Unter- 
schiede, dass  der  äussere  Rand  vielfach  zerrissen,  ausgezackt 
und  gelappt  erscheint,  während  die  Wülste  und  Streifen  auf 
der  abgeplatteten  Fläche  wie  verwaschen  sich  zeigen.  Es 
stellen  diese  ,, Fladen"  Bomben  vor,  welche  nicht  hoch  in  die 
Luft  geschleudert  noch  in  weichem  Zustande  zur  Erde  zurück- 
fielen und  beim  Auffallen  auf  die  feste  Unterlage  znsammeDge- 
drückt  und  abgeplattet  wurden,  wie  es  bei  dem  sog.  Schlackeu- 
kuchen  der  Fall  ist.  Sehr  bemerkenswerth  sind  gewisse 
mehr  unregelmässig  geformte  Bomben,  deren  abweichende 
Gestalt  sich  aus  dem  Umstände  erklärt,  dass  sie  Bruch- 
stücke von  ürgebirgsfelsarten  in  sich  schliessen  und  durch 
diese  gehindert  wurden,   sich   genau   nach   dem   allgemeinen 


Gümbel:    Der  Biesvulkan  etc.  159 

Typus,  den  wir  so  eben  beschrieben  haben,  auszubilden. 
Solche  Bomben  mit  ürgebirgseinschlüssen  fiuden  sich  stel- 
lenweise nicht  eben  selten  und  zeichnen  sich  häufig  durch 
kanalartig  zusammengebogene  Wülste  aus. 

Die  jMasse  nun,  aus  welcher  diese  Bomben  bestehen, 
ist  nicht  bei  Allen  vollständig  gleich,  doch  besitzt  die  Mehr- 
zahl einen  steinigen  Charakter;  sie  nähert  sich  theilweise 
der  Beschaffenheit  der  Pechsteins,  vorwaltend  scLliesst  sie 
sich  jedoch  mehr  dem  Felsit  an,  seltener  gewinnnt  sie  ein 
krystallinisches  trachy tisch  es  Aussehen.  In  Glanz  und  Farbe 
gleicht  die  vorherrschende  Art  am  meisten  gewissen  Varietäten 
des  sog.  Porzellanjaspis.  Durch  Gasporen  ist  sie  meist 
namentlich  gegen  Aussen  blasig  porös  und  rauh.  Die  Wand- 
ungen dieser  Poren  sind  durchgehends  mit  einem  grünlicli- 
weissen  Häutchen  überzogen.  Mit  Ausnahme  kleinrundlicher 
Quarzausscheidungen  fehlen  grössere  porphyrartige  Einspreng- 
ungen fast  gänzlich,  während  kleine,  weissliche  spiegelnde 
Theilchen,  die  in  der  Grundmasse  auftauchen,  wahrscheinlich 
einem  Feldspath  angehören.  In  Dünnschliffen  beobachtet 
man  jene  stromartigen  Zeichnungen,  welche  für  die  11  hy- 
olithe  so  sehr  charakteristisch  sind  und  auf  das  Unzwei- 
deutigste Zeugniss  ablegen  von  den  Bewegungen  innerhalb 
der  erstarrenden  Masse.  Ein  uuregelmässiges  Netzwerk  von 
helleren  Streifchen,  welche  bald  sich  vereinigen,  bald  sich 
wieder  verzweigen,  jedoch  in  ihrer  Gesammtausdehnung  einer 
gewissen  Längemichtung  folgen,  umschliesst  sehr  ungleich 
grosse,  in  der  Richtung  des  Stroms  in  die  Länge  gezogene 
Maschen,  während  die  u.ugebende  Gesteinsmasse  aus  wasser- 
heller oder  bräunhcher  amorpher  Gesteinssubstanz,  wie  bei 
den  vulkanischen  Gläsern,  besteht.  Mit  den  hellen  Streifchen 
zeigen  sich  dunklere  verflochten ,  welche  von  sehr  zahl- 
reichen, ziemlich  wirr  durcheinanderliegenden  langen  Kystall- 
nädelchen  (Mikrolithen)  erfüllt  und  durch  diese  Einschlüsse 
undurchsichtiger,    d.   h.    dunkler    erscheinen,    während    die 


160       Sitzung  der  math.-phys.  Glosse  vom  5.  Februar  1870. 

helleren  Streifcben  frei  oder  arm  an  Mikrolithen  sind.  Neben 
den  ziemlich  langen  und  gleich  dicken,  der  Länge  nach  oft 
wie  sägeartig  zackigen  Krystallnädclchen  sieht  man  noch 
viele  kleine  pulverförmig  rundliche  Körnchen,  welche  durch 
ihre  stellenweise  Anhäufungen  dunklere  Flecke  erzeugen.  Ein- 
zelne lichtere  Stellen  scheinen  vorherrschend  aus  wasser- 
heller Quarzsubstanz ,  die  unter  dem  Polarisationsapparat 
gleichmässigeu  Farbenwechsel  zeigt,  und  aus  bräunlicher 
Glassubstanz,  die  keinen  Farbenwechsel  wahrnehmen  lässt,  zu 
bestehen.  Regelmässige  und  häufige  feldspathartige  Aus- 
scheidung konnte  ich  auch  in  den  Dünnschliffen  nicht  ent- 
decken, es  zeigen  sich  stellenweise  nur  unregelmässige  weisse 
opake  Körner,  die  von  fremdartigen  Einschlüssen  abzu- 
stammen scheinen.  Dagegen  treten  häufig  Bläschen  von 
runder  Form  hervor,  welche  sowohl  in  den  wasserhellen,  wie 
bräunlichen  Einschlüssen  vorkommen.  Damit  ist  die  Aehn- 
lichkeit  der  Substanz  unserer  Riesbomben  mit  den  rhyoli- 
ti sehen  Gesteinsmassen  der  vulkanischen  Gebilde  unzwei- 
deutig festgestellt,  wie  solche  von  Zirkel^)  so  meisterhaft 
geschrieben  worden  sind.  Aehnlich  verhalten  sich  auch  die 
im  Riestuffe  eingeschlossenen  Schlacken,  welche  die  Lapilli 
der  Eruptionen  darstellen.  In  der  Kegel  ist  ihre  Substanz 
noch  ganz  glasartig.  In  Dünnschliffen  solcher  obsidian- 
artiger  Lapilli  sah  ich  sehr  häufig  Trichitenbüschel,  wie  ein 
Knäuel  von  verwirrten  Haaren,  deren  Spitzen  etwas  über 
die  zusammengeballte  Masse  hervorstehen.  Es  bleibt  nur 
noch  die  abweichende  Beschaffenheit  einiger  bimssteinartig 
porösen  Bomben  hervorzuheben,  welche  von  jeuer  der  steinigen 
Bomben  durch  die  glasige  Beschaffenheit  der  zwischen  der 
porösen  dunklen,  selbst  in  dünnsten  Schliffen  kaum  durch- 
scheinenden Massen  in  dünnen ,  mehr  oder  weniger  pa- 
rallelen,   den    Jahrringen    im    Holz    ähnlichen    Lagen    auf- 


5)  Zeitschr.  d.  geol.  Ges.  1867.  S.  737. 


Gümbel:    Der  EiesvulJcayi  etc.  161 

tretenden  Lamellen  sich  auszeichnen.  Die  Glasstreifen  be- 
stehen aus  durchsichtiger  bouteillenbrauner  durch  zahlreiche 
Risse  zertheilter  Masse  ohne  merkliche  Einschlüsse,  während 
die  dunklen  Streifen  selbst  bei  grösster  Vergrösserung  neben 
den  zahlreichen  Poren  nur  unregelmässige  Körnchen  und 
pulverförmig  zusammeugesetzte  Klümpchen  von  tiefbrauner 
Farbe ,  welche  eben  die  sie  einschliessende  Masse  in  so 
hohem  Grade  undurchsichtig  machen,  aufzuweisen  haben. 
Zugleich  sind  zahlreiche  unregelmässig  geformte  Körner  von 
opaken  Quarz,  vielleicht  auch  noch  von  andern  Mineralien, 
dieser  Masse  in  den  dunklen  Streifen  eingemengt.  Hier,  wie 
überhaupt  bei  allen  vulkanischen  Bomben,  entspricht  die 
Längenausdehnung  der  eingeschlossenen  Blasenräume  der 
Richtung ,  in  welcher  das  Material  nach  und  nach  eine 
Streckung  erlitt ;  man  beobachtet  sogar  Blasenräume  mit 
gewundener  Form,  ganz  in  der  Art,  wie  die  Bombe  äusser- 
hch  gedreht  ist.  Am  auffallendsten  zeigen  sich  bei  den  fladen- 
förmigen  Schlackenkuchen  die  Hohlräume  ausgeprägt,  indem 
sie  genau  die  zusammengedrückte  Form  der  ganzen  Masse 
angenommen  haben  und  meist  linsenförmig  breit  und  niedrig 
gestaltet  erscheinen. 

Mit  der  Fesstellung  dieser  tauartig  gewundenen  Brocken 
der  Riestuffe  als  vulkanische  Bomben,  d.  h.  als  vul- 
kanisch geschmolzene  Lava,  welche  zur  Zeit  der  vulkanischen 
Thätigkeit  im  weichen  Zustande  aus  irgend  einem  Punkte 
der  Eruption  emporgeschleudert  worden  sein  muss,  haben 
wir  für  die  Entstehung  der  Riestuffe  einen,  nach  ihrer 
ganzen  Natur  vielleicht  uunöthigen,  aber  gleichwohl  augen- 
scheinlicheren und  unzweideutigeren  Beweis,  als  jeder  andere 
wäre,  gewonnen:  Die  Riestuffe  sind  vulkanische  Tuffe 
und  Produkte  der  Eruption  eines  früheren  Vulkans 
in  der  Riesgegend.  Es  wird  dadurch  im  hohen  Grade 
wahrscheinlich,  dass  für  die  längs  des  Albrandes  von  Stelle 
[1870. 1. 2.]  11 


162       Sitsung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar    1870. 

zu  Stelle  vorfindlichen  ähnlichen  TuflPgebilde  ein  gleicher 
Ursprung  angenommen  werden  darf. 

Die  Riestuffe  bestehen  demnach  aus  einer  Grundmasse, 
die  der  vulkanischen  Asche  entspricht,  aus  in  dieser 
eingeschlossenen  Lapilli,  die  in  Form  von  Schlacken 
und  Bimssteinen  ausgebildet  sind  und  endhch  aus  mehr 
zerstreut  vorkommenden  vulkanischen  Bomben  und 
Schlackenkuchen.  Dazu  gesellen  sich  nun  noch  fremd- 
artige Einschlüsse  der  ürgebirgsgesteine  —  hauptsächlich 
Granit  und  hornblendige  Gesteine,  selten  Schiefer  —  ferner 
Fragmente  von  Keuper,  Lias,  Oolith  und  Jurakalk.  Die 
granitischen  Gesteine  sind  häufig  sehr  zersetzt,  aufge- 
lockert, rauh,  oft  trachitähnlich  geschmolzen  oder  stark  ge- 
brannt. Da  viele  auch  mit  Schlackenmasse  umhüllt  sind, 
so  ist  es  unzweideutig,  dass  sie  aus  der  Tiefe  mit  empor- 
geschleudert worden  sind. 

Die  Tuffmassen  bilden  im  Grossen  und  Ganzen  keine 
regelmässigen  Lagen  und  Schichten,  sondern  mehr  Haufen- 
werke von  kuppiger  Form.  Die  Abgrenzung  verschiedener 
Regionen  innerhalb  dieser  Massen,  welche  sich  durch  Wechsel 
der  Farbe  und  oft  auch  an  der  Häufigkeit  der  Einschlüsse 
bemerkbar  macht,  nähert  sich  daher  dem  Schalenförmigen 
wie  sie  ein  Haufwerk  zeigen  würde,  welches  durch  üeber- 
einanderschütten  von  der  Zeit  nach  verschiedenen  Massen  ent- 
standen ist.  Dieser  vorheri  sehende  Mangel  an  einer  regel- 
mässigen schichtenartigen  Ausbreitung  scheint  nur  als  ein  Be- 
weis dafür  augesehen  werden  zu  dürfen,  dass  man  solche  Tuffe 
als  Trockentuffe  anzusprechen  habe,  d.  h.  dadurch  entstan- 
den sich  denken  muss,  dass  sie  durch  stellenweise  üeberein- 
anderhäufungen  von  vulkanischem  Eruptionsmaterial  gebildet 
wurden,  ohne  dass  sie  ins  Wasser  gelangten,  und  vom  Wasser 
in  mehr  horizontale  Lagen  ausgebreitet  wurden.  Die  Zersetzung 
und  Umbildung,  welche  sie  inzwischen  durchgemacht  haben,  ist 
nur  eine  Folge  ihrer  Durchtränkung  durch  Tagewasser  oder 


Gümbel:    Der  EiesvulJcan  etc.  163 

durch  Quellwasser.  Es  ist  diese  desslialb  meist  auch  nur  sehr 
gering  und  beschränkt  sich  in  Grossen  auf  die  Neubildung  von 
Kalkspath,  welcher  häufig  in  den  Blasenräumen  der  Schlacken, 
die  Wandungen  auskleidend  und  nach  innen  mit  ausgebildeten 
Krystallspitzen  in  den  Hohlraum  ragend,  vorkommen.  Es 
ist  daher  der  Tuff  meist  locker  gebUeben,  selten  so  fest 
verkittet,  dass  er  zu  einem  dauerhaften  Baustein  sich  eignet. 
Doch  kommen  auch  offenbar  geschichtete  und  durch  das 
Wasser  verarbeitete  Lagen  vor.  Die  vorherrschenden  Farben, 
grau,  gelb  röthlich  und  grünlich,  welche  die  Tuffe  besitzen, 
entsprechen  vielleicht  verschiedenen  Eruptionen. 

Für  die  vulkanischen  Tuffe  des  Rieses,  welche  wir  ihrer 
Gesteinsnatur  nach  Rhyolith-  und  Liparit-Tuffe  nennen 
können,  haben  wir  nun  weiter  zu  untersuch-^n,  in  welcher 
Zeit  die  eruptive  Thätigkeit  des  Iliesvulkans  gesetzt  werden 
darf  und  wo  etwa  dessen  Eruptionspunkt  sich  befunden 
haben  mag.  Daran  schliesst  sich  die  weitere  Frage,  ob 
auch  andere  Spuren  vulkanischer  Thätigkeit  sich  in  den 
geognostischen  Verhältnissen  des  Rieses  wahrnehmen  lassen. 
Vulkanische  Tuffe  kommen  in  dein  Ries  und  seiner  Um- 
gebung an  ungemein  zahlreichen  Punkten  vor,  aber  stets  sind 
sie  auf  eine  geringe  Verbreitung  beschränkt  und  scheinbar 
ohne  Verbindung  zerstreut  abgelagert.  Sie  sind  aber  nicht 
bloss  im  Ries  selbst  oder  auf  den  Rand  desselben  ange- 
wiesen, sondern  greifen  weit  über  die  nächste  Nachbarschaft 
hinüber.  Vorherrschend  legen  sie  sich  in  Vertiefungen  des 
Jurakalks ,  oft  in  spaltenartige  Einschnitte  des  letzteren  an, 
oder  sind  an  die  flachen,  dem  Wasserstoss  entgegengesetzten 
Gehänge  älterer  Felsmassen  angelehnt.  Nie  werden  sie  von 
Jurakalk  oder  noch  älterem  Gesteine,  wenn  dieses  nicht  dis- 
locirt  ist,  bedeckt,  dagegen  enthalten  sie,  wiewohl  nicht 
sehr  häufig,  Fragmente  von  Jurakalk  und  stehen  zuweilen 
mit  eigenthümhchen  Kalkbreccien  in  näherer  genetischer 
Verbindung,  welche   ein   Glied   der  tertiären  x4.blagerungen 

11* 


164        Sitzimg  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

ausmacheo.  Mit  den  tertiären  Schichten  selbst  finden 
sie  sich  an  mehreren  Punkten  in  Zusammenlagerung  und 
zwar  werden  sie  von  den  jüngeren  kalkigen  Schichten,  weiche 
innerhalb  des  Riesbeckens  entwickelt  sind,  überlagert. 
Damit  ist  ihr  relatives  Alter  ziemlich  genau  festgestellt.  Die 
besten  Aufschlüsse,  welche  diese  Art  der  Lagerung  er- 
kennen lassen ,  findet  man  zunächst  bei  Nördlingen  an  der 
Ostseite  des  Marienberges  an  den  Kellern  und  in  den  alten 
Steinbrüchen  an  dem  Stofifelsberg,  dann  oberhalb  M.  Offingen 
und  in  Lieiheim  selbst.  Der  tiefere  Untergrund  der  Hügel- 
reihe, welche  von  Nördlingen  in  südlicher  Richtung  hervor- 
tritt und  in  die  einzelnen  Erhebungen  des  Marien-  Stoffeis- 
Fuchsberg  u.  s.  w.  bis  zum  Schmähinger  Kirchberg  und 
Aalbuck  sich  bemerkbar  macht,  besteht  aus  Urgebirgsmassen 
in  gehobener  Lage.  In  dem  Profile  neben  dem  von  0.  zwischen 
Marien-  und  Stoffelsberg  zur  Höhe  ziehende  Wege  sieht  man 
zu  tiefst  wohlgeschichtete  Dioritschiefer  (mit  Pistazitadern) 
in  St.  9  mit  45°  NW,  einfallend  und  von  einem  Pegmatit- 
gange  durchsetzt.  Ueber  diesen  stark  zersetzten  Urgebirgs- 
stock  breitet  sich  3 — 5'  mächtig  eine  Lage  von  Quarzsand- 
stein aus,  der  nach  oben  Urgebirgsblöcke  aufnimmt,  und 
endlich  einem  wahren  Blockwerk  von  meist  scharfkantigen 
wirr  durcheinander  liegenden  Urgebirgsstücken  verschiedener 
Art  Platz  macht.  Diese  grossbrockige  ürgebirgsbreccie  be- 
steht vorherrschend  aus  hornblendehaltigen  ürgebirgsgesteins- 
arten,  Diorit,  Hornblendeschiefer,  Horublendegneiss  neben 
Granit,  welche  unten  durch  ein  sandiges  Bindemittel,  nach 
oben  von  feinem  Urgebirgsgrus  und  endlich  von  vulkanischer 
Asche  verkittet  oder  zu  einer  Gesteinsmasse  verbunden  sind. 
Diese  Lage  wird  nun  unmittelbar  vom  Süsswasserkalk  bedeckt, 
der  in  seinen  untern  Bänken  die  Helix  des  Horizontes  von 
Zwiefaltern,  in  den  oberen  Cypris  in  Unzahl  enthält.  Endlich 
zeigt  sich  an  dieser  Stelle  noch  Diluvial geröll  und  zu  oberst 
Löss,  welche  den  Tertiärkalk  bedecken.    Ein  ähnlicher  Auf- 

# 

1 


Giimbel:    Der  BiesmilJcan  etc.  165 

schluss  war  fi-üher  an  den  Kellern  und  auf  der  Höhe  des 
Miirienfelsens  vielfacli  zu  sehen,  jetzt  sind  die  Profile  durch 
Mauerung  meist  wieder  verdeckt. 

Aehnlich  verhält  sich  das  Profil  in  Lierheim,  welches 
um  so  wichtiger  ist,  weil  hier  sehr  schöner,  grobkörniger  rother 
Granit  deutlich  als  anstehendes  Gestein  die  Unterlage  aus- 
macht, auf  der  zunächst  eine  bunte  grossbrockige  Breccie 
theils  aus  Urgebirgsfragmenten.  theils  aus  Jurakalk,  Keuper 
und  Dogger  gebildet  sich  ausbreitet  und  nach  Oben  in 
vulkanischen  Tufi  übergehend,  auf  halber  Höhe  des  Wegs 
im  Dürfe  von  sandigem  Kalk  voll  der  charakteristischen 
Rieshehx  {Helix  LartetUy)  bedeckt  wird  in  vollständiger 
Uebereinstinimung,  wie  am  Stoffelsberg.  Solchen  Urgebirgs- 
breccien  aus  oft  gigantischen  Brocken  bestehend  begegnen 
wir  fast  überall  im  Ries,  wo  Tuffe  entwickelt  sind.  Besonders 
merkwürdig  sind  diese  Breccien,  wenn  Urgebirgsgrus  die 
Zwischenräume  zwischen  den  einzeken  Brocken  ausfüllt  und 
die  durch  kieselige  oder  kalkige  Infiltrationen  erhärtete  Masse 
em  ähnliches  Aussehen,  wie  das  Urgebirge  selbst  gewinnt.  Es 
entstehen  auf  diese  Weise  Urgebirgsbreccien,  welche  sich 
oft  schwierig  von  normalen,  durch  unzähhge  Klüfte  zer- 
sprengten, vielfach  in  kleinen  Parthieen  verschobenen  und 
breccienartig  zertrümmerten,  dabei  oft  durch  Zersetzung  sehr 
unkenntlich  gewordenen  ürgebirgsfelsarten ,  wie  sie  im  Ries 
so  häufig  sind,  unterscheiden.  Namentüch  ist  diess  bei 
gewissen  regenerirten  Graniten  der  Fall,  bei  welchen 
rothgefärbte  Tuffe  das  Bindemittel  abgeben.  Am  schönsten 
fand  ich  solche  regenerirte  Granite  am  Wege  zwischen  Lier- 
heim und  Appenhofen.     Erst  genauere  Untersuchungen  lehren 


6)  Nach  der  Mittheilung  und  Bestimmung  Sandberger's  an  zahl- 
reichen Exemplaren;  die  ich  im  Gesammtgebiete  des  norddanubischen 
Süsswasserkalks  gesammelt  habe  und  nicht  E.elix  sylvestrina. 


166      Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  S.Fehmar  1870. 

uns  bei  solchen  Vorkommnissen  die  heterogenen  Arten  von 
Urgebirgsfelsarten,  welche  in  Brocken  dicht  aneinander  ge- 
drängt liegen,  und  die  Ungleichheit  der  Streichrichtungen 
bei  krystallinischen  Schieferstücken  als  zuverlässiges  Unter- 
scheidungsmerkmal solchen  regenerirten  Urgebirgs  er- 
kennen, wenn  nicht  vielleicht  irgend  ein  Stück  grellrothen 
Keuperlettens  oder  weissen  Jurakalks,  welche  sich  mit  an- 
deren Brocken  von  benachbarten  Sedimentgebilden  zuweilen 
auch  den  Urgebirgsfragmeuten  beigesellen ,  als  Verräther 
sofort  uns  in  die  Augen  sticht  und  vor  längerem  Zweifel 
bewahrt. 

Misslich  bleibt  die  zuverlässige  Unterscheidung  bei  schlecht 
aufgeschlossenen  Profilen,  wenn  Breccien  unmittelbar  auf  an- 
stehendem Urgebirge  aufruhen,  oder  wo  nur  Blöcke  auf  der 
Oberfläche  zerstreut  sich  finden,  so  dass  es  nicht  in  allen 
Fällen  sicher  zu  ermitteln  ist,  ob  man  anstehendes  Gestein 
oder  nur  lose  Brocken  vor  sich  habe.  Das  Gestein  in  diesen 
Breccien  zeigt  sich  oft  in  hohem  Grade  zersetzt  und  auf- 
gelockert. Unter  allen  das  lehrreichste  Beispiel  findet  sich 
in  einem  Hohlweg  an  der  Südseite  des  Spitzbergs,  wo  durch 
Benützung  des  Granitgruses  als  Sand  der  Hohlweg  beider- 
seitig zu  einer  Art  Sandgrube  erweitert  wurde.  Hier  stösst 
mau  auf  mächtige  Massen  granitischer  Gesteine,  mit  welchen 
hornblendehaltige  Stücke,  hie  und  da  auch  ein  Brocken  von 
Keupersandstein  und  grellfarbigem  Keuperletten  in  chaotischem 
Durcheinander  vergesellschaft  sind.  Alles  ist  in  hohem 
Grade  zersetzt  und  aufgelockert,  so  dass  sich  die  granitischen 
Stücke  wie  lockerer  Sand  heraushauen ,  die  quarzarmen 
hornblendigen  Fragmente,  welche  nicht  selten  von  Pistazit- 
schnüi'chen  durchsetzt  sind,  wie  Thon  oder  Seife  schneiden 
lassen.  Besonders  merkwürdig  ist,  dass  bei  dieser  völligen 
Umsetzung  die  Hornblende  nicht,  wie  gewöhnlich,  in  eine 
Eisenoxydhydratsubstanz  verwandelt  wurde  und  dem  Ganzen 
eine  schmutzig  braune  Färbung  mitgetheilt  hat,  sondern  ihre 


J 


Gümbel:    Der  Riesvidkan  etc.  167 

dunkelgrüne  Farbe  beibehaltend  in  eine  grünerdeartige  Sub- 
stanz, oder  auch  in  eine  lichtgelblich  grüne  fettig  anzufühlende 
Nontronit-älmliche  Mineralmasse  übergeführt  erscheint,  neben 
welcher  das  weisse  Zersetzungsprodukt  des  Feldspaths  theils 
als  Kaolin,  theils  als  ein  Steinmark-artiges  Mineral  grell  sich 
abhebt.  Findet  sich  daneben  ein  rother  Streifen  von  Keuper- 
letten,  so  gewinnt  das  Ganze  ein  äusserst  buntes  Aussehen. 
Diese  und  ähnhche  Zersetzungen  und  Umbildungen  begleiten 
die  Urgebirgsbreccien,  wo  sie  sich  finden,  in  bald  höherem, 
bald  geringerem  Grade  durch  das  ganze  Ries.  Ganz  frische 
Urgebirgsstücke  zu  erhalten,  hält  daher  sehr  schwer,  und 
selbst  in  dem  anscheinend  an  wenigsten  angegriffenen  rothen 
Granit  von  Lierheim  zeigt  sich  der  schwarze  Glimmer  z.  Th. 
in  eine  Rotheisensubstanz  verwandelt. 

Was  das  Verhältniss  dieser  Breccie  zu  dem  vulkanischen 
Tuff  anbelangt,  so  weist  schon  das  Auftreten  von  Tuffmasse 
gleichsam  als  Verkittungsmittel  der  Breccien  auf  einen 
genetischen  Zusammenhang  hin.  Deutlicher  noch  stellt  sich 
dieses  Verhältniss  durch  den  allmähligen  Uebergang  von 
Breccien  in  auflagernden  Tuff  fest,  wie  es  sich  au  mehreren 
Orten  beobachten  lässt,  indem  die  Urgebirgsfragmente  nach 
oben  seltener  werden  und  dafür  die  Tuffmasse  die  Ober- 
hand gewinnt.  Auch  die  stellenweis  reichliche  Beimengung 
von  Urgebirgsbrocken  im  Tuff  entspricht  demselben  Ver- 
hältnisse. Es  ist  nicht  zweifelhaft,  dass  ein  guter  Theil  der 
Urgebirgsfragmente  in  den  Breccien  durch  vulkanische  Thätig- 
keit  aus  der  Tiefe  nach  Art  der  Bomben  emporgeschleudert 
wurden.  Ein  Beweis  hiefür  liegt  in  der  Thatsache,  dass 
viele  der  beschriebenen  Bomben  Urgebirgsstücke  eingeschlossen 
enthalten  oder  doch  mit  solchen  verbunden,  gleichsam  an 
dieselbe  angeschmolzen  sind.  Daraus  erklärt  sich  wohl  auch 
der  Fund  vereinzelter  Urgebirgsstücke  entfernt  von  Tuff- 
oder Breccienablagerungen  auf  den  Platten  der  benachbarten 
Juraberge.     Auch  zeigen  viele  (nicht  alle)  in  dem  Tuff  ein- 


168       Sitzung  der  math.-phys.  Gasse  vom  5.  Februar  1870. 

geschlossene  Urgebirgsfragmente  eine  eigenthümliche  Art 
der  Umwandlung,  welche  darin  besteht,  dass  Feldspath  und 
Quarz  opak,  der  Glimmer  zerrissen,  das  ganze  Gestein  rauh, 
trachytartig  geworden  ist.  Solche  Veränderungen  können 
wohl  zum  Theil  auch  als  Folge  einer  Umänderung  durch 
Feuchtigkeit  betrachtet  werden.  Indess  treten  hier  Erschein- 
ungen hinzu,  welche  wenigstens  andeuten,  dass  der  Zustand 
vieler  solcher  Urgebirgstücke  mit  der  Annahme  einer  erlittenen 
Einwirkung  von  Wärme  nicht  im  Widerspruche  steht. 

In  Uebereiustimmung  mit  der  aus  den  Profilen  von 
Stoffelsberg  und  von  Lierheim  gefolgerten  Lagerungsweise 
des  vulkanischen  Tuff  über  allen  älteren  Sedimenten  und 
selbst  über  dem  offenbar  bereits  tertiären  Sande  steht  auch 
das  Profil  in  einer  Sandgrube  neben  der  Strasse  ober- 
halb M.  Offingen.  Im  Grunde  dieser  Grube  beobachtet 
man  auf  der  N.  Seite  mittelkörnigen  röthlichen  Granit, 
welcher  sich  gegen  die  Höhe  des  Strassengehänges  auf- 
wärts zieht  und  von  einem  Gange  Pegmatit-artigen  Granits 
durchsetzt  wird.  Der  Granit  sieht  gewissen  Varietäten  des 
Spessarts  sehr  ähnlich  und  enthält  in  feinsten  Pünktchen  ein 
Orthit-ähnliches  Mineral.  Ein  schmaler  Schwerspathgang  durch- 
zieht an  dieser  Stelle  den  Granit.  Der  S.  Theil  des  Unter- 
grundes ist  aus  grauem  Glimmergneiss  gebildet.  Granit 
und  Gneiss  endigen  nach  Oben  mit  einer  sehr  unebenen 
bald  vorspringenden,  bald  vertieften  Oberfläche.  Diesen  Un- 
ebenheiten folgend  legt  sich  darüber  Quarzsandstein,  der 
in  eine  Art  Quarzbreccie  verläuft  und  grosse  Aehnlichkeit 
mit  dem  sog.  Braunkohlensandstein  besitzt.  Erst  auf  diese 
ebenfalls  sehr  uneben  abgegrenzte  Sandsteinlagen  folgt  der 
vulkanische  Tuff,  der  unten  vollgespickt  ist  mit  Urgebirgs- 
fragmenten  und  an  einzelnen  Punkten  fast  reine  Urgebirgsbreccie 
darstellt,  nach  oben  dagegen  in  reinen  Tuff  verläuft.  Dieser 
Tuff'  wird  oben  in  einer  nahezu  horizontalen,  schwach  welligen 
Lage  von  zu  unterst  sandigen  wohlgeschichteten  Bänken  eines 


i 


Gümbeh    Der  Riesimllcan  etc.  169 

Süsswasserkalks  voll  Ctjpris  und  PalucUnen  (der  kleinen 
Litoi'meUa  acuta)  bedeckt,  denen  höher  dann  unregelmässige 
Süsswasserkalkmassen  von  wulstiger  schaliger  Abson- 
derung —  die  sog.  Schalenkalke  —  folgen. 

Nach  diesen  Nachweisen  ist  der  geogn ostische  Horizont 
der  vulkanischen  Tuffe  zwischen  den  Quarzsandstein  und 
den  Cy^mkalk  einzustellen.  Aus  Gründen,  die  au  einem 
andern  Ort  ausführlich  besprochen  werden  sollen,  ist  dieser 
gewissem  Braunkohlensandstein  vergleichbare  Quarzsandstein 
bereits  vom  miocänem  Alter,  während  die  Cypris  und 
lÄtorinellen  enthaltenden  Kalke  im  Alter  den  Litorinellen 
Kalken  im  Maynzer  Becken  entsprechen.  Wir  haben  also 
anzunehmen,  dass  die  Thätigkeit  des  Riesvulkans  in  die 
Mitte  der  Miocänzeit  fällt  und,  wie  die  Erscheinungen  uns 
belehren,  von  veihältnissmässig  kurzer  Dauer  war,  wenn  wir 
nicht  gewisse  Erscheinungen  als  deren  Folgen  noch  hinzu- 
rechnen, nämlich  die  Entstehung  der  Schalenkalke,  über 
welche  später  einige  Bemerkungen  folgen  werden. 

Sind  diese  vulkanischen  Tuffe  das  Erzeugniss  der 
Eruptivthätigkeit  von  vulkanischen  Erscheinungen,  so  fragt  man 
wohl  mit  Recht  nach  den  Bestand  des  Vulkans  selbst.  Ein 
solcher  fehlt  aber  jetzt  im  ganzen  Ries  ohne  allen  Zweifel; 
nirgends  bemerken  wir  irgend  einen  vulkanischen  Schuttkegel, 
eine  kraterähnliche  Bildung  oder  Lavaströme.  Das  Einzige, 
was  ausser  den  Tuffen  an  vulkanische  Bildungen  erinnert,  ist  das 
oft  genannte  Gestein  vom  Wenneberg,  welches  z.  Th.  als  Basalt,  ^) 
z.  Th.  als  dichter  Trass  beschrieben  wurde.  Dieses  Gestein 
kommt  zwischen  gneissartigen  Urgebirgsfelsmassen  in  einem 
gangartigen  Stocke  vor  und  scheint  nach  den  bisherigen 
Aufschlüssen,  welche  man  durch  Steinbruchsarbeit  gewonnen 


7)  In  der  Bavaria  habe  ich  dieses  Gestein  ebenfalls  als  Basalt 
bezeichnet,  ein  Irrthum,  der  erst  jetzt  bei  näherer  Untersuchung 
sich  ergeben  hat. 


170       Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

hat,  nicht  oberflächlich  gelagert,  sondern  in  die  Tiefe  nieder 
zu  gehen.  Ein  Steinbruch  hat  eben  jetzt  die  zur  Pflasterung 
für  Nördlingen  benützte  Gangmasse  bis  zur  Tiefe  von  18' 
verfolgt.  Das  Gestein  ist  schwarz  mit  einem  Strich  in's 
Graue,  sehr  hart,  aphanitisch,  dicht-steinig  mit  nur  spär- 
lichen MineralausscheiduDgen,  hauptsächhch  von  runden  Quarz- 
theilchen  und  Glimmer.  Der  Quarz  ist  theils  wasserhell, 
theils  dunkel  und  gelbhch  gefärbt;  letztere  Theile  wurden 
früher  wohl  für  Olivin  angesehen.  Neben  dem  Quarz  ist 
am  häufigsten  brauner  Glimmer  ausgeschieden.  Seine  matte 
Farbe,  sein  zerrissenes  Aussehen  und  der  Mangel  an  elastischer 
Biegsamkeit  in  dünnen  Blättchen  spricht  für  einen  hohen 
Grad  begonnener  Zersetzung.  Weisse  Krystallausscheidungen 
zeigen  sich  nur  hie  und  da.  Ein  Theil  derselben  kann  als 
Feldspath  gedeutet  werden,  ein  Theil  sieht  zeolithartig  aus 
und  ein  Theil  besteht  aus  Kalkspath,  da  er  sich  unter  Brausen 
in  Säuren  löst.  Sehr  vereinzelt  stellen  sich  dunkelgrüne 
weiche  grünerdeartige  Ausscheidungen  ein,  welche  in  runden 
hell  umsäumten  Parthieeu  auftreten.  In  den  sehr  schwierig, 
in  zureichend  durchsichtigen  Blättchen  herzustellenden  Dünn- 
schliffen löst  sich,  abgesehen  von  den  so  eben  erwähnten 
grösseren  Ausscheidungen,  die  ganze  anscheinend  dichte  oder 
im  höchsten  Grade  feinkörnige  Grundmasse  in  ein  wirres 
Haufwerk  von  breiten,  der  Länge  nach  gestreiften  Nadeln 
auf,  die  bei  gekreuzten  Nicol'schen  Prismen  gleichmässige 
Farbenwandelung  zeigen  und  orthoklastischem  Feldspathe 
entsprechen.  Eine  eigentliche  Grundmasse  neben  diesen 
im  Vergleiche  mit  den  Mikrolithen  ziemlich  grossen  Nadeln 
konnte  ich  nicht  deutlich  gesondert  sehen.  Einzelne  sechs- 
seitige Querschnitte  deuten  auf  Apatit.  Grünliche  stängliche 
Ausscheidungen,  die  zwischen  den  Feldspathnädelchen  einge- 
streut liegen,  lassen  beim  Drehen  des  einfachen  Nicol'schen 
Prisma's  sehr  bestimmt  eine  Verdunklung  der  Färbung  er- 
kennen,  dürfte   demnach  als  der   Hornblende  zugehörig  an- 


Gümbel:    Der  Eiesvullcan  etc. 


171 


gesprochen  werden.  Magneteisenthei leben  sind  nicht  sicht- 
bar. Pulverig  körnige ,  in  lockere  Klümpchen  zusammen- 
gehäufte oder  auch  einzelne  zerstreut  vorkommende  braune, 
bei  gekreuztem  Nicol'schem  Prisma  in  der  Tiefe  der 
Farbe  wenig  veränderliche  Theilchen  Hessen  sich  bei  einer 
300 maligen  Vergrösserung  nur  als  aus  kleinen  Körnchen  be- 
stehend erkennen,  neben  welchen  Poren  in  grosser  Anzahl 
zugleich  sichtbar  werden.  Das  Gestein  braust  ziemlich  lebhaft 
mit  Säuren,  was  auf  einen  gewissen  Grad  der  Zersetzung 
hinweist,  aber  möghcherweise  auch  nur  durch  Infiltration 
von  kohlensaurer  Kalkerde  aus  dem  benachbarten  und  über- 
lagernden Süsswasserkalke  sich  erklären  Hesse. 

Wir  besitzen  zwei  Analysen  dieses  Gesteins  vom  Wenne- 
berg,  eine  von  Prof.  Schafhäutl  und  eine  von  Herrn  Röthe, 
Lehrer  der  Chemie  an  der  Gewerbeschule  in  Nördlingeu, 
welche  im  Wesentlichen  zusammenstimmen.  Darnach  be- 
steht das  Gestein  aus: 


nach  Schafhäutl 

nach  Piöthe 

Kieselsäure 

.     .     63,04     .     .     . 

.     .     64,21 

Thonerde     .     . 

.     .      10,51     .     .     . 

.     15,88 

Eisenoxyd  .     . 

.     .       5,10     .     .     . 

.       2,69 

Eisenoxydul 

.     .         —      ... 

.       1,21 

Kalkerde 

.     .       2,14     .     .     . 

.     .       3,91 

Bittererde    . 

.     .     .       7,43     .     .     . 

.       2,24 

Kali   .     .     .     . 
Natron    .     .     . 

;  1   6,70     ;  ;  ; 

3,90 
.       1,99 

Wasser^)     . 

.     .       5,08     .     .     . 

.       3,47 

100,00  99,50 

Diesem  seiner  chemischen  Zusammensetzung  nach  schhesst 
sich  das  Gestein  dem  Porphyrit  und  Liparit  an.  Im  Zusammen- 
hang mit  seinem  geognostischen   Auftreten  möchte   ich  das- 


8j  In  beiden  Analysen  ist  der  Antheil;  den  Kohlensäure  an  der 
Zusammensetzung  nimmt,  nicht  bemerkt,  ein  Theil  des  Glühverlustes 
ist  also  auch  auf  Kohlensäure  zu  beziehen. 


172       Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  S.Februar  1870. 

selbe  der  mannigfach  modificirten  Reihe  des  letzteren  zuweisen. 
Am  nächsten  steht  ihm  der  Gesteinsbeschaffenheit  nach  die  Sub- 
stanz der  steinigen  Bomben.  Eine  Analyse,  die  ich  theil- 
weise  durch  Herrn  Dr.  Loretz  vornehmen  liess,  lieferte 
auch  nach  der  chemischen  Zusammensetzung  den  Beweis  sehr 
naher  Uebereinstimmung ,  indem  eine  steinige  Bombe  vom 
Schmähinger  Berg  enthielt: 

Kieselsäure 66,686 

Titansäure 0,890 

Thonerde 15,700 

Eisenoxyd 5,390 

Bittererde 1,880 

Kalkerde 3,970 

Kali 1,131 

Natron 4,473 

Wasser  und  Kohlensäure  (Glühverlust)  .       0,452 

100,570 
Vergleichen  wir   damit   nach    den   Analysen   von   Prof. 
Schafhäutl  und  Röthe^)  die  Zusammensetzung 

1)  der  schwarzen  schlackigen  Ausscheidungen  im  Ries- 
tuff (Seh.); 

2)  des  gelben  porösen  Antheils  derselben  Masse  (Seh.) ; 

3)  des  gelblichen  Theils  im  Riestuffe  von  Otting  (Seh) ; 

4)  des  als  Wassermörtel  benützten  Tuffes    von  Mauren 

am  Ries  nach  Röthe; 

I.  IL  III.  IV. 

Kieselsäure  65,15  67,55  64,91  63,25 

Thonerde  10,85  15,06  10,88  13,77 

Eisenoxyd         5,10  4,08  5,26  3,59 

Kalkerde           2,35  1,97  2,21  3,13 

Bittererde  7,85  0,18  7,71  1,68 

Kali  5,25  6,70  5,31  3,72 

Natron              1,57  2,70  1,59  0,20 

Wasser             1,95  1,30  2,00  10,85  (Glühverl.) 

100,07         99,53         99,87       100,19 
9)  N.  Jahrb.  1863  S.  169. 


ij 


Gilmbel:    Der  Eiesvullcan  etc.  173 

so  finden  wir  ein  so  nahe  gleiches  Verhältniss  der  Bestand- 
theile,  dass  dadurch  die  Zusammengehörigkeit  des  Wenne- 
berggestijins  mit  dem  Riestuff  auch  von  dieser  Seite  ausser 
Frage  gestellt  wird.  Dagegen  ergeben  sich  unter  den  sog. 
Vulkan-Tuffen  anderer  Gegenden  wenig  Analogien.  Haupt- 
sächlich weichen  die  Riestuffe  durch  ihren  hohen  Gehalt  an 
Kieselsäure  ab  und  zeichnen  sich  zugleich  durch  Thonerde- 
und  relativ  grösseren  Kaligehalt  aus.  Die  vulkanischen 
Aschen  noch  thätiger  Feuerberge  enthalten  nur  47 — 59^/0 
Kieselsäure  und  vorwaltend  Natron  neben  wenig  Kali,  und 
ähnlich  verhält  sich  auch  Puzzulan.  Die  Palagonit-  und 
Basalttuffe  erreichen  in  ihrem  Kieselsäuregehalt  kaum  50°/o 
und  der  oft  mit  dem  Riestuff  zusammengestellte  Trass  nur 
49 — 57  V  Kieselsäure  und  enthält  grosse  Mengen  von  Wasser. 
Am  nächsten  stehend  erweist  sich  der  Trachytt  uff  namentlich 
jener  des  Siebengebirgs,  welcLer  annähernd  gleichen  Kiesel- 
säure- und  Alkaliengehalt  besitzt.  Dadurch  ist  der  engere 
Anschluss  unseres  Tuffs  an  die  trachjtischen  Eruptivmassen 
angedeutet  und  wir  dürfen  denselben  mit  um  so  grösseren 
Rechte  als  Rhyolithtuffe  bezeichnen.  Auch  lässt  die 
schalig-körnige  Absonderung  des  glasigen  Antheils  der 
Schlacken  eine  entschiedene  Annäherung  am  Pechstein  nnd 
Perlstein  erkennen. 

Wir  betrachten  das  derbe  Wenneberggestein  als  die 
gangförmig  auftretende  Lavaform  der  Eruptionen,  welchen 
andererseits  die  Riestuffe  ihren  Ursprung  zu  verdanken 
haben. 

Ehe  wir  über  den  örtHchen  Ursprung  des  Riestuffs 
weitere  Mittheilungen  machen ,  dürfte  hier  die  geeignete 
Stelle  sein,  die  unserer  früheren  Bezeichnung  der  Riestuffe 
als  vut^anische  entgegenstehende  x4.usicht  des  Herrn  Pro- 
fessor Schaf häutl    anzuführen.      Professor  SchafhäutP°) 


10)  N.  Jahrb.  1849  S.  641. 


174       Sitzung  der  math.-ph'ys.  Classe  vom  S.Feh'iiar  1870. 

betrachtet  Alles,  was  man  im  Ries  Granit  oder  Gneiss  nennt, 
so  wie  sie  z.  Th.  auch  als  sog.  zersetzte  Massen  bezeichnet 
werden,  als  eine  ursprüngliche  Bildung  in  dem  Zustand, 
in  welchen  sie  sich  noch  heute  finden,  entstanden.  Diese 
Bildung  sei  nur  eine  Fortsetzung  jener  vom  bayerischen 
Walde;  im  Ries  habe  der  nach  und  nach  vertrocknende 
Granitbrei  einen  kleineren  Raum  eingenommen,  in  Folge 
dessen  sei  die  nicht  mehr  unterstützte  Decke  eingebrochen 
und  habe  an  den  dadurch  entstandenen  Spalten  durch  den 
Druck  der  zusammenbrechenden  Kalkmasse  den  granitischen 
und  dann  den  Pechstein-artigen  Teig  herausgepresst.  Das 
zugleich  mit  empor  gedrungene  Wasser,  reich  an  kohlen- 
saurer Kalkerde  habe  dann  das  Material  zu  den  Süsswasser- 
kalkablageruugen  geliefert,  welches  in  solcher  Menge  un- 
denkbar durch  die  Flüsse  hergebracht  sein  könne.  Die 
Unmöglichkeit,  dass  der  sog.  Trass  des  Rieses  von 
einen  Granit -Magma  abstamme,  hat  bereits  Delesse^^) 
schlagend  aus  der  Differenz  ihrer  Zusammensetzung  nach- 
gewiesen. Es  ist  in  dieser  Beziehung  nichts  weiter  zuzufügen 
nöthig.  Was  aber  die  sonstige  theoretische  Vorstellung  der 
Tuffbildung,  des  Süsswasserkalkabsatzes  und  der  topischen 
Entstehung  des  Rieses  anbelangt,  so  widersprechen  derselben 
alle  Beobachtungen  der  Lagerung,  des  Verbandes  der  Gesteine 
namentlich  der  Tuffe  mit  den  Urgebirgsfelsarten,  insbesondere 
auch  die  Art  und  Weise  der  Ausbildung  der  Kalkmassen, 
wie  sich  aus  dem  bereits  frülieren  Mitgetheilten  zur  Genüge 
ersehen  lässt.  Um  nur  an  einem  Beispiele  den  Widerspruch 
anzudeuten,  welcher  zwischen  der  theoretischen  Annahme 
und  der  Thatsache,  wie  sie  die  Beobachtung  an  die  Hand 
gibt,  hervortritt,  mag  es  genügen,  daran  zu  erinnern,  dass 
die    Bildung    der   granitischen    Gesteine    des    Riesgegend 


11)  N.  Jahrb.  1850.  S,  314. 


i 


Gürribel:    Der  EiesvulJcan  etc.  175 

Tonjenei'  der  Riestuffe,  wie  es  nach  der  Zwischenlagerung 
auf's  unzweideutigste  nachweisbar  ist,  durch  die  unendlich 
langen  Zeiten  der  Primär-  und  Sekundärperiode  und  sogar 
auch  noch  eines  guten  Theils  der  Tertiärperiode  von  ein- 
ander getrennt  liegen,  anstatt  ein  und  demselben  Erguss  Ton 
Material  anzugehören. 

Die  auffallendste  geognostische  Erscheinung,  welche 
sich  im  Riesgebiet  in  grossartigsten  Maassstab  zu  erkennen 
gibt,  ist  die  höchst  beträchtliche  Dislokation  fast  aller  hier 
Yorkommenden  Gesteiuslagen.  Denken  wir  uns  einen  Augen- 
bhck  in  die  Zeit  vor  der  Riesbildung  zurückversetzt,  so  er- 
streckte sich  damals  zweifelsohne  das  Juragebirge  ohne 
Unterbrechung  vom  Hahnenkamm  quer  über  die  jetzige 
Riesgegend  zum  schwäbischen  Härtfeld  und  reichte  südhch 
über  den  jetzt  abgebrochenen  Rand,  dessen  Senkungsspalte  zur 
Zeit  die  Donau  zu  ihrem  Flussbett  erhalten  hat,  weit  noch 
nach  Süden  fort.  Nordwärts  folgten  in  aufsteigender  Alters- 
folge die  verschiedenen  Jura-,  Dogger-  und  Liasstufen  bis 
zum  Keuper,  an  dessen  vorragenden  Höhen  sie  sich  an- 
lehnten. Der  allgemeinen  Einsenkung  nach  S.  zu  entsprechend 
verflachen  sich  sämmtliche  Schichten  vom  Keuper  weg  in 
südhcher  Richtung  so  stark,  dass  in  der  Donaugegend  bereits 
die  oberste  Jurastufe  nahe  bis  zur  Thalsohle  eingesenkt  er- 
scheint, während  die  tiefere  Juraschichtenlage  des  Schwamm- 
kalkes am  Hesseiberg  noch  eine  normale  Höhe  von  etwas  über 
2000  Fuss  aufweist.  Die  allgemeine  Beckensenkung  reicht  je- 
doch nicht  hin,  die  Höhenlage  der  Gesteine  im  Ries,  so  wenig, 
wie  das  plötzliche  Aufhören  der  jurassischen  Gebilde  am 
Donauthale  zu  erklären.  Hier  hat  eine  andere  Einwirkung 
stattgehabt.  Der  plötzliche,  gewaltsame  Abbruch  des  Jura- 
gebirgs  am  Douauthalrande  steht  im  Zusammenhange  mit 
einer  Versenkung  eines  anderen  grösseren  Theils  der  Kette 
in  die  Tiefe  der  Donauhochebene,  wie  ich  an  anderen  Orten 


176        Sitzung  der  mafh.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

gezeigt  habe^^).  Aus  dem  Fehlen  der  älteren,  d.  h.  oli- 
gocäneu  Tertiärablagerungen  an  diesem  südlichen  Jurarande 
und  aus  der  unverrückteu  Lagerung  der  nächst  jüngsten 
neogenen  oder  miocänen  Ablagerungen  daselbst  ist  mit  Grund 
zu  schhessen,  dass  dieser  Abbruch  und  diese  Versenkung  einer 
grossartigen  Jurafelsmasse  z^vischen  die  oligocäue  und  mio- 
cäne  Zeit  fällt.  Mit  dieser  Senkung  stand  aber  stellenweis 
eine  Hebung  im  Zusammenhange  wie  diess  z.  B.  bei  Donau- 
wörth längs  des  Gebirgsrandes  zu  sehen  ist,  an  welchen 
öfters  selbst  Liasschichten  zwischen  Jurakalk  eingeklemmt 
bis  zu  Tag  emporgeschoben  lagern ;  während  daneben  und 
darüber  die  Meeresmolaste  voll  Ostrea  Gingensis  ganz 
ruhig  und  unverrückt  ausgebreitet  ist.  Werfen  wir  einen 
nur  flüchtigen  Blick  in's  Ries,  so  ergibt  sich  sofort  die 
Analogie  mit  den  Erscheinungen  am  Donauthalrande,  und 
wir  gewinnen  für  die  scheinbar  unmotifirt  und  vereinzelt 
stehende  geologische  Erscheinung  der  ßiesbildung  hiermit 
einen  innigsten  Zusammenhang  mit  einem  der  grossartigsten 
Phänomene  der  Tertiärzeit,  der  Bildung  und  Ausfüllung  der 
Donauhochebene,  welche  in  die  Oberflächengestaltung  aller 
mitteleuropäischen  Länder  tief  einschneidet.  Es  ist  jene 
wichtige  Zeit,  innerhalb  welcher  der  bis  dahin  dem  Osten 
allein  zugewendete  Wasserabzug  der  ganzen  Nordalpen  sich 
in  das  dreighedrige  Wassergebiet  der  Donau,  des  Rheins 
und  der  Rhone  theilte. 

Im  Ries  und  in  der  durch  das  jetzige  Wörnitzthal  an- 
gezeigten Gebirgszerspaltung,  die  vom  Ries  in  mehreren 
Parallellinien  bis  zum  Donauthalraude  durchreicht  und  in 
ähnlicher  Weise  radienförmig  rings  um  das  ganze  Ries  tief 
über  die  benachbarte  Gegend  sich  erstreckt,  lagern  die  hetero- 
gensten,   verschieden -alterigen  Gebilde  in   nahezu  gleichem 


12)  Bavaria  Bd.  III  Buch  IX  S.  3,  5  u.  b.  w. 


Giimhd:    Der  Biesvulkan   etc.  177 

Horizonte,  Granit  neben  Keuper  oder  L^as  oder  Dogger  oder 
jüngstem  Jurakalk,  die  älteren  Gesteine  an  vielen  Stellen 
über  jüngere  geschoben,  während  eine  ältere  von  den  Dis- 
lokationen unberührt  gebliebene  Ablagerung,  als  der  neu- 
tertiäre  Süsswassersandstein ,  nirgends  zu  entdecken  ist. 
Stellen  wir  diesen  Sandstein  im  Alter  jener  Meeresmolasse 
am  Donaurande  gleich,  ^ie  es  ihre  Lagerung  unter  dem  Süss- 
wasserkalke  andeutet,  so  haben  wir  hier  vollständige  zeitliche 
üebereinstimmung  zwischen  den  Erscheinungen,  welchen  der 
Rieskessel  seine  Entstehung  zu  verdanken  hat.  mit  jeuer 
Katastrophe,  welche  den  Abbruch  des  Juragebirgs  am  Douau- 
thalrande  bewirkte.  Genau  dasselbe  Alter  ist  auch  für  die 
Riestuffe  uuchgewiesen  worden,  und  es  ist  daher  sicher  be- 
gründet, wenn  wir  den  Riestufi'  mit  der  Bildung  des  Ries- 
kessels und  demgemäss  die  letztere  mit  vulkanischer 
Thätigkeit  in  genetischen  Zusammenhang  bringen.  Die 
Riestuffe  sind  nicht  Ursache  der  Entstehung  des  Rieses,  son- 
dern Folgen  derselben  vulkanischen  Erscheinungen,  welche 
auch  die  Rieseintiefung  bewirkten.  Betrachten  wir  nun  die 
das  Ries  umgebenden  Gesteine  älterer  Zeit,  so  sind  für  dasselbe 
die  zwei  Verhältnisse  von  ganz  besonderer  Wichtigkeit,  welche 
sich  auf  das  Vorkommen  von  krjstallinischen  Felsarten 
und  auf  dit-  Lagerung  der  jurassischen  Gebilde  beziehen. 
Man  hat  das  Erscheinen  von  granitischen  Gesteinen 
im  Ries  vielfach  in  der  Art  gedeutet,  dass  dieselben  nur 
als  aus  der  Tiefe  hervorgeschleuderte  Fragmente  ohne  Zu- 
sammenhang mit  einem  tieferen  ürgebirgsmassiv  anzusehen 
seien.  Die  Untersuchung  fast  aller  Stellen ,  an  welcher 
solche  ürgebirgsfelsarten  in  und  am  Ries  sich  zeigen,  lässt 
mich  diese  Auffassung  nicht  theilen ,  sondern  führt  vielmehr 
in  zahlreichen  Fällen  zu  der  Annahme,  die  zu  Tag  tretenden 
Gebirgstheile  nur  als  das  obere,  zur  Oberfläche  gehobene  Ende 
grösserer,  unter  dem  jüngeren  Gestein  lagernder  Urgebirgs- 
massen  anzusehen.  Hierzu  bestimmen  mich  die  Beobachtungen 
[1870.  L  2.]  12 


178       Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Febmar  1870. 

der  oft  örtlich  sehr  ausgedehnten  Verbreitung  solcher  ür- 
gebirgsfelsmassen,  die  Art  ihrer  Lagerung  unter  sich  und 
zu  den  benachbarten  Gebilden,  sowie  ihre  Gesteins- 
beschaffenheit. 

In  dem  grossen  Einschnitte  am  Reisberge  zunächst  W. 
von  Nördlingen  beobachtete  ich  bei  dem  Bau  der  Eisen- 
bahn fast  längs  der  ganzen  Sohle  des  Einschnitts  ein  un- 
unterbrochen fortlaufendes  ürgebirgsmassiv ,  welches  vor- 
herrschend aus  Dioritschiefer  und  Hornblendegneiss  bestehend 
regelmässig  in  St.  9  mit  70"  südöstliches  Einfallen  zeigten  und 
ganz  den  Eindruck  eines  Ürgebirgsmassiv  machten,  um  so 
mehr,  als  auch  auf  der  Gegenseite  des  Berges  bei  der  Loden- 
walkmühle dasselbe  Gebilde  ansteht  und  unzweifelhaft  mit 
ersterem  im  Zusammenhang  stehend  einen  ganzen  Berg  aus- 
macht. Einen  solchen  Bergstock,  wie  ihn  der  Reisberg  dar- 
stellt, für  ein  blosses  Fragment  zu  halten,  scheint  mir  nicht 
zulässig.  Auch  rings  um  die  Marieuhöhe  und  den  Stoffels- 
berg finden  sich  namenthch  durch  die  vielen  Keller  in  lehr- 
reichen Profilen  aufgeschlossen  grossartige,  zusammenhängende 
Urgebirgsfelsmassen.  Sie  zeigen  am  Engelwirthskeller  das- 
selbe Streichen,  wie  am  Fuchswirthskeller  des  Stoffelbergs 
bei  bald  NW.  bald  SO.  Einfallen.  Es  wechselt  hier  GHiumer- 
gneiss  mit  Hornblendegneiss;  doch  bleibt  auch  in  dieser 
Gruppe,  wieamReisberge,  Dioritschiefer  vorherrschend.  Granit- 
gänge und  Adern  durchschwärmen  die  krystallinischen  Schiefer 
und  verstärken  den  Eindruck  des  anstehenden  Urgebirgs 
wesentlich.  Auch  in  anderen  Gegenden  des  Rieses  stossen 
wir  ganz  auf  dieselben  Verhältnisse.  Oberhalb  M.  Offingen 
z.  B.  liefert  der  auf  der  Nordseite  einer  Grube  anstehende 
Granit  mit  Pegmatit  und  Schwerspathgängen  im  Verhalten 
zu  dem  an  der  Südseite  entblössten  Glimmergneiss  ganz  das 
Bild,  wie  wir  es  so  tausendfach  sich  in  Urgebirgsdistrikten 
wiederholen  sehen.  Weniger  günstig  für  unsere  Annahme 
scheint  für  den  ersten  Augenblick  das  Verhalten  von  Gneiss- 


Gümbel:    Der  EiesviiHian  etc.  179 

schichten  am  Keller  von  Itzing  zu  sein.  Hier  steht  an  einer 
hohen  Wand  in  grossen  Massen  Gneiss  an,  der  von  dünnen 
Grauitadern  durchsetzt  wird.  Unter  dieser  Gneisswand  aber 
gewahrt  man  eine  Parthie  von  wirr  durcheinander  liegenden 
Crgebirgsfelsbrocken  von  Gneiss  in  verschiedenen  Varietäten 
und  von  Granit  durch  einen  granitartigen  Sand  zu  einer 
Breccie  verbunden,  welche  die  Unterlage  der  Gneissmasse 
auszumachen  scheint,  und  demnach  durch  das  Unterteufen 
unter  die  Gneissmasse  letzterer  den  Stempel  eines  wenn 
auch  kolossalen  abgerissenen  Felsblockes  aufdrücken  würde. 
Nähere  Untersuchung  der  im  Keller  fortsetzenden  Gebilde 
lehrt  aber,  dass  diese  Breccie  seitlich  an  den  Gneissstock 
angelehnt  ist  und  nur  in  eine  ünterhöhlung  des  letzteren 
hineinrage. 

Was  nun  im  Allgemeinen  den  Charakter  dieser  Ur- 
gebirgsfelsarten  anbelangt,  so  ist  derselbe  durch  das  Vor- 
herrschen von  Hornblende-haltigem  Gestein  und  röth- 
lichem  Granit  ausgezeichnet.  Dasselbe  ist  auch  bei  allen 
den  Bruchstücken  der  Fall,  welche  als  Einschlüsse  in  den 
ßreccien  im  Ries  eine  so  grossartige  Verbreitung  gewinnen 
zum  Beweise  ihrer  Zusammengehörigkeit  zu  einem  ursprüng- 
lichen Urgebirgsmassiv.  Suchen  wir  aber  eine  Analogie  der 
Gesteinsbeschaffenheit  mit  anstossenden  Urgebirgsdistrikten, 
so  finden  wir  dieselbe  annähernd  nur  in  dem  Gestein  vom 
Odenwald  und  Spesshart,  während  eine  weit  entferntere  Aehu- 
lichkeit  mit  jenem  des  ostbayerischen  Grenzgebirgs  besteht. 
Mit  diesen  Urgebirgsparthieen  treten  aber  nirgend  älteie 
sedimentäre  Gebilde  in  Verbindung.  Das  älteste  Gestein, 
welches  ausserdem  im  Ries  bis  jetzt  beobachtet  wurde,  ist 
Keuper  und  zwar  so  viel  sich  aus  kleinen  Bruchstücken 
beurtheileu  lässt,  Stücke  der  jüngeren  Stufen  desselben. 
Üeberall  treten  die  Urgebirgsmassen  in  unregelmässigen 
Verband  zu  den  ihnen  auf-  und  angelagerten  Keuper-,  Lias-, 
Dogger-  und  Juraschichten   und   es    lässt  sich  in   allen  ein- 

12* 


180      Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

zelnen  Fällen  aus  den  gegenseitigen  Zusammenlagerungs- 
verhältnissen  nachweisen,  dass  die  Gebilde  nur  in  Folge  von 
erlittenen  Dislokationen  in  so  abnormem  Verbände  sich  be- 
finden können.  Weder  Lias  noch  Dogger  oder  Jurakalk 
hat  sich  im  Ries  auf  einem  granitischeu  Untergrunde  ab- 
gelagert, wohl  aber  ist  diess  der  Fall  bei  den  Tertiärgebilden. 
Die  Urgebirgbfelsarten  haben  mithin  nicht  ursiDrünglich  in 
der  Lage,  in  der  wir  sie  jetzt  sehen,  die  unmittelbare  Basis 
der  Riesgegend  ausgemacht,  und  sind  etwa  einfach  in  Folge 
der  Zerspaltung  der  jurassischen  Berge  entblösst  worden, 
sondern  sie  müssen  aus  tieferem  Untergründe  gewaltsam 
emporgeschoben  worden  sein.  Diese  Vorstellung  wird  durch 
die  Thatsache  bekräftigt,  dass  auch  der  Keuper,  der  Lias 
und  vielfach  selbst  der  Dogger,  welche  in  dem  Ausbruch 
des  Rieskessels  an  so  vielen  Stellen  in  abnormen  Verbände 
auftauchen,  an  solchen  Stellen  sich  nicht  vermöge  des  ihnen 
zukommenden  geognostischen  Horizontes  im  Vergleich  zu 
der  Entwicklungsstufe  des  den  Riesrand  umrahmenden  Jura- 
kalks vorfinden  könnten,  und  dass  man  auch  bei  ihnen  noth- 
gedrungen  ein  Emporgeschobensein  aus  tieferer  Lage  vor- 
aussetzen muss.  Die  ununterbrochene  Fortsetzung  der  Lias-, 
Dogger-  und  Juragebilde  in  geogno&tisch-normaler  Lage  im 
N.  des  Rieses  von  Thaunhausen  über  den  Oettingerforst  zum 
Hahnenkamm,  die  uuverrückte  Stellung,  welche  die  ver- 
schiedenen Stufen  des  Jurakalks,  ihre  Einsenkung  gegen  S.  ab- 
gerechnet, westlich  und  östlich  vom  Ries  zeigen,  liefern  ferner 
den  uuzwt-ideutigen  Beweis,  dass  dieses  abnorme  Aneinander- 
stossen  der  verschieden-alterigen  Felsmassen  auf  gleichem 
Horizonte  im  Ries  sich  nicht  durch  eine  blosse  Senkung 
erklären  lässt.  Für  die  Jurakalke  wäre  diess  allerdings  zu- 
lässig, weil  viele  Stücke  derselben  jetzt  tiefer  vorkommen, 
als  ihre  abnorme  Lage  im  Gebirge  ist;  aber  bei  Gebilden, 
wie  der  Lias  und  der  Keuper,  welche  im  Ries  höher  liegen, 
als  es   nach   ihrem   geognostischen    Horizonte   der  nächsten 


Gümld:    Der  EiesiiiUcan  etc.  181 

Nachbarschaft  möglich  gedacht  werden  darf,  kann  ihr  Vor- 
kommen auf  relativ  höherem  Niveau  doch  wohl  nicht  durch 
eine  Versenkung  bewirkt  worden  sein. 

Wir  sehen  im  Ries  als  erste  auffallende  Erscheinung 
mithin  eine  hebende  Dislocirung,  welche  bewirkte,  dass 
Urgebirgsfelsmassen  aus  unbekannter  Tiefe  bis  zum  Niveau 
der  jurassischen  Schichten,  Keuper,  Lias  und  Dogger  stellen- 
weis bis  zu  jenem  des  Jurakalkes  verrückt  wurden.  Diese 
Hebungserschninung  ist  als  die  Fuudamentalursache  ^  der 
Bildung  und  Gestaltung  des  Riesbeckens  anzusehen.  Hat 
aber  eine  Hebung  stattgefunden,  so  müssen  sich  an  diese 
noch  vielfache  andere  Erscheinungen  angereiht  haben.  Eine 
solche  Hebung  kann  nicht  gedacht  werden,  ohne  dass  auch 
die  Schichten  der  Nachbarschaft  in  Mitleidenschaft  gezogen 
worden  sind.  Vrir  beobachten  in  der  That  rings  am  Ries- 
rande in  den  jurassischen  SchicLten  die  auffallendsten  Schichten- 
Störungen,  welche  sich  bis  auf  sehr  beträchtliche  Entfernungen 
erstrecken.  Zunächst  weisen  die  Beobachtungen  in  zahl- 
reichen Stellen  nach,  dass  die  Jurakalkschichten  vorherrschend 
in  der  Richtung  vom  Innern  des  Rieskessels  wegfallen  und 
zwar  ungefähr  radienförmig,  me  es  bei  einer  Hebung  etwa 
von  der  Mitte  des  Rieses  aus  der  Fall  sein  müsste.  So  fallen 
z.  B.  die  Jurakalkbänke  bei  Heroldingen  nach  S.  u.  SO,  bei 
Gössheim  rein  nach  0.,  beiWemding  nach  NW.,  bei  Ehingen 
nach  NW.,  ebenso  bei  Hausen,  Fremdingen,  und  Dirgeuheim, 
bei  Uzmemmingen  und  Hohlheim  nach  SW.,  bei  Edernheim 
und  im  Aalbuch  nach  S.,  ebenso  am  Hahnenberg  und  bei 
Lierheim.  Doch  fehlt  es  nicht  an  sehr  zahlreichen  Aus- 
nahmen und  namentlich  begegnen  wir  vielfach  einer  dem 
Rieskessel  zugewendeten  Einfallrichtung,  auf  deren  Erklärung 
wir  später  zurückkommen  werden.  Indess  darf  man  auf 
diese  Schichtenstellung  kein  zu  grosses  Gewicht  legen,  weil 
nach  der  ersten  Aenderung  in  den  Schichten  lagen  durch 
vielfache,  spätere,  nicht  immer  deutlich  erkennbare  Einwirk- 


182       Sitzung  der  math.-phys.  Classe  mm  5.  Februar  1870. 

ungen  z.  B.  Auswaschungen  etc.  wohl  öfter  nachträgliche 
sekundäre  Disloch'uugen ,  Rutschungen,  Ueberschiebungen, 
Gleitungen  unter  sehr  verschiedenen  Einfallrichtungen  sich 
werden  ereignet  haben.  Es  zeigt  sich  daher  das  ganze 
Gebirge  der  Nachbarschaft  wie  zerstückelt ;  zahllose  Spalten 
streichen  radienförmig  durch  die  Gesteinsschichten  und  nicht 
selten  stossen  wir  auf  spiegelglatte  parallelgestreifte  Rutsch- 
flächen, längs  welcher  einzelne  Gebirgstheile  aneinander 
verschoben  wurden. 

Als  eine  weitere  Erscheinung,  welche  mit  einer  Erhebung 
im  Ries  in  Zusammenhang  gebracht  werden  muss,  ist  das 
Vorkommen  und  die  Bildung  sehr  zahlreicher  Breccien,  so- 
wohl von  Urgebirgsfelsarten,  als  auch  von  Kalk  namhaft  zu 
machen.  Eine  Betheiligung  von  Urgebirgstrümmern  an  der 
Zusammensetzung  der  vulkanischen  Tuffe  des  Rieses  haben 
wir  schon  früher  zur  Sprache  gebracht.  Noch  häufiger  als 
im  Tuffe  bilden  solche  scharfkantige  Urgebirgsbrocken  zu- 
sammengehäuft, anstatt  durch  Tuff,  durch  ürgebirgsdetritus, 
granitischen  Sand  und  Kieselerde  verbunden  mächtige  Lagen 
neben  den  gehobenen  Urgebirgsgruppen.  In  vielen  Fällen 
stellen  sie  wahre  Reibungsbildungen  vor.  In  andern  Fällen 
erscheinen  sie  vermengt  mit  anderen  Gesteinsstücken  des 
Keupers  oder  jurassischer  Bildungen  selbst,  wie  bei  Wem- 
ding,  über  normal  horizontal  gelagertem  Jurakalk  abgesetzt. 
Dass  solche  ürgebirgsbreccien  über  Jurakalk,  welcher  sich 
noch  in  seiner  normalen  Höhenlage  befindet,  nicht  durch 
eine  Senkung  entstanden  sein  können,  ist  an  sich  klar,  wie 
denn  überhaupt  alle  Erscheinungen,  welche  bei  solchen  Ab- 
lagerungen im  Ries  zum  Vorschein  kommen,  übereinstimmend 
auf  ihre  Entstehung  in  Folge  dislocirender  Hebungen 
hinweisen. 

Wie  die  ürgebirgsbreccien  verhalten  sich  auch  viele 
Kalkbreccien.  Sie  sind  das  Erzeugniss  einer  gewaltigen 
Zerrüttung  und  Zertrümmerung,  welche  die  Kalkfelsmassen 


Gümbel:    Der  Eiesviilhan  etc.  183 

erlitten  haben.  Nachweislich  geschah  diess  zu  einer  Zeit, 
welche  annähernd  mit  jener  der  Entstehung  der  Urgebirgs- 
breccien  und  der  Tuffbildung  zusammenfällt,  wenigstens  einer 
gleichen  Bildungsperiode  angehört.  In  vielen  Fällen  ist  die 
Breccie  unzweideutig  und  sichtbar  als  Reibungsbreccie  der 
nächst  benachbarten  Jurakalkfelsmassen  zu  erkennen.  Südlich 
von  Lierheim  gegen  den  Thiergarten  ist  eine  solche  Bildung 
entblösst,  die  statt  vieler  anderer  als  belehrendes  Beispiel 
dienen  kann.  Die  Breccie  ist  hier  in  Lagen  entwickelt, 
welche  mit  den  anstehenden  Jurakalksclichten  zu  wechseln 
scheinen,  aber  in  der  That  nur  bei  der  steilen  Aufrichtung 
der  Kalkbänke  zwischen  den  bald  vorstehenden  härteren, 
bal  1  zurücktretenden ,  weicheren ,  daher  tief  unterhöhlten 
Lagen  eingefügt  sind,  so  weit  die  Hohlräume  Platz  gewährten. 
Die  anstehenden  Jurakalkschichten  vom  Alter  der  tiefsten 
Lagen,  welche  Ammonites  tenuilobatus  enthalten,  sind  der 
Art  zertrümmert,  von  Passen  und  RutscLflächen  durchzogen, 
dass  sie  selbst  ein  Breccien-ähnliches  Aussehen  gewinnen, 
welches  um  so  täuschender  ist,  als  diese  Klüfte  häufig  wieder 
durch  Kalksubstanz  ausgefüllt  und  dadurch  das  Bild  einer 
Breccie  in  hohem  Grade  nachgeahmt  wird.  Nicht  selten  tritt 
die  Kalkbreccie  direkt  und  unmittelbar  mit  dem  vulkanischen 
Tuff  in  Beziehung. 

Wir  sehen  eine  solche  Verbindung  sowohl  in  dem  grossen 
alten  Tuffbruche  bei  Altenbürg,  als  am  Heerhof  in  der  Art, 
dass  die  Kalkbreccie  zwischen  Jurakalk  und  Tuff  eingeklemmt 
erscheint  und  Stücke  des  Breccienmaterials  selbst  noch  in 
den  Tuff"  mit  übergehen.  Die  Breccienbilduug  ging  dem- 
nach der  Ablagerung  des  Tuffs  unmittelbar  voraus  und  ver- 
hält sich  genau  so,  wie  die  ürgebirgsbreccie.  Eine  höchst 
bemerkenswerthe  Eigenthümlichkeit  dieser  Kalkbreccie,  an 
welche  Tuffmassen  sich  anscliHessen,  und  zwar  nur  dieser,  ist 
ihre  grauliche  Färbung.  Sie  rührtvon  dem  Gehalte  des  Kalkes 
an  bituminösen,  d.  h.  organischen  Beimengungen  her,  welche 


184       Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870.  dU 

durch  eine  Erhitzung  bis  zu  einem  gewissen  Grade  verkohlt 
wurden.  Genau  denselben  Farbenton  nehmen  die  an  sich 
weissen  oder  gelblich  weissen  Jurakalkstücke  aus  den  nächst 
anstehenden  Felsen  der  Schichten  mit  Ammonites  tenuüobatus 
an,  wenn  wir  sie  künstlich  mindestens  bis  zur  Temperatur 
der  schwachen  Rothgluth  erhitzen.  Wir  haben  durch  diese 
Färbung  gleichsam  einen  Thermometer,  welcher  uns  über 
den  Höhengrad  der  bei  der  Bildung  der  Breccien  und  des 
Tuffs  stellenweise  herrschenden  Wärme  Aufschluss  ertheilt. 

Eine  andere  höchst  bemerkenswerthe  Erscheinung,  welche 
mit  dem  Vorkommen  dieser  Breccien  verknüpft  sich  erweist, 
bietet  sich  uns  in  den  Exemplaren  von  Belemniten,  welche 
oft  mehrfach  quer  entzwei  gebrochen,  in  den  Bruchstücken 
etwas  seitlich  verschoben  und  wieder  zusammengekittet  sind. 
Solche  Brüche  zeigen  meist  gleichzeitlich  eine  entsprechende 
seitliche  Verschiebung,  so  dass  förmlich  treppenförmige  Formen 
entstehen.  Derartige  auffallende  Bildungen  deuten  darauf  hin, 
dass ,  wie  die  JBe?ewin«Ye;i-Einschlüsse,  so  jeder  Theil  der 
Felsmassen  wiederholt  einer  zertrümmernden  Kraft  ausgesetzt 
war,  welche  die  zerstückelten  Felsmassen  überdiess  noch  in 
Bewegung  setzte,  sodass  die  einzelnen  Stücke  in  ihrer  Lage 
verschoben  wurden.  So  kann  es  wohl  der  Fall  sein,  dass 
manche  dieser  Breccienbildungen  nichts  anderes  sind,  als 
völlig  zertrümmerte  und  durcheinander  gerüttelte  Lager- 
massen von  Jurakalk,  welche  durch  kalkiges  Kittmittel  wieder 
zu  festen  Felsmassen  verbunden  wurden. 

Neben  diesen  Erscheinungen,  welche  an  die  Wirkung  einer 
hebenden  dislocirendun  Kraft  geknüpft  gedacht  weiden  müssen, 
treten  ebenso  unzweideutige  Senkungserscheinungen  im  Ries 
auf.  Wenn  wir  Schwammkalk  aus  den  höchsten  Lagen  der 
Ammonites  tenuilohatus-^chichten  und  plumpen  Felsenkalk, 
der  in  diesen  Gegenden  den  Dolomit  fast  ganz  verdrängt  hat, 
nicht  nur  neben  einander  lagernd,  bondern  selbst  in  gleichem 
Horizonte  mit  Dogger,  Lius  oder  Keuper  finden   tief  unter- 


Gümbel:    Der  RiesvulJcan  etc.  185 

halb  des  ihnen  nach  ihrer  geognostischen  Stellung  in  dieser 
Gegend  zukommenden  Horizontes,  so  können  wir  an  gross- 
artigen Senkungen  nicht  mehr  zweifeln.  Am  augenschein- 
hcLsten  tritt  eine  solche  Senkung  am  Nordrande  des  Rieses 
hervor,  wo  in  einem  mit  dem  Rande  des  Rieskessels  fast 
gleichlaufenden  Bogen  von  Fremdingen  über  Schopfloch, 
Hausen,  Dornstedt  bis  zum  Wörnitzthal  Lias,  Dogger  und 
selbst  die  untere  Stufe  des  Jurakalks  durch  deutlich  er- 
kennbare Verwerfungsspalten  bis  in  das  Niveau  des  Burg- 
sandsteins des  Keupers  gegen  den  Rieskessel  zu  herab- 
gezogen sind,  sodass  Jurakalk  in  abnormer  Stellung  neben 
dem  unverrückten  Keupersandstein  liegt.  In  einer  breiten 
Zone  reihen  sich  hier  Verwerfungen  an  Verwei  fungen  bis  zum 
Nordraude  des  Rieses  an ,  und  es  wechseln  in  schmalen 
Streifen  die  verschiedenen  jurassischen  Gesteine  mit  Keuper 
ab,  es  liegen  selbst  wiederholt  ältere  Gesteinsschichten  auf 
jüngeren  auf.  Auch  die  früher  schon  erwähnten,  in  vielen 
Schichtenparthieen  beobachteten,  dem  Innern  des  Rieses  zuge- 
wendeten Falhichtungen  sind  auf  Rechnung  erlittener  Senk- 
ungen zu  schreiben.  Längs  des  Rande^  der  Rieseintiefung 
erklären  sich  solche  Einsenkungen  auf  die  natürlichste  Weise. 
Mag  der  Rieskessel  entstanden  sein  wie  immer,  durch  Hebung 
odor  Senkung,  so  werden  sich  an  den  Bruchrändern  viele 
überhängende  oder  leicht  zu  unterwaschende  Schichten  ge- 
bildet haben,  die  zu  Bruch  gehend  dem  Innern  des  Kessels 
zu  niederstürzten  und  dadurch  einen  Schichteneinfall  in  dieser 
Richtung  annahmen.  Auch  hiedurch  gelangen  wiederum 
ältere  Schichten  zuweilen  auf  jüngere. 

Haben  wir  im  Vorausgehenden  eine  Uebersicht  über  die 
geognostischen  Verhältnisse  der  Umgegend  des  Riesgrundes  zu 
gewinnen  gesucht,  so  erübrigt  nur  noch  specieller  auf  die  Bildung 
der  eigentlichen  Rieseintiefung  einzustehen.  Es  wäre  wohl  völlig 
unnöthig  hier  die  Bemerkung  voranzustellen,  dass  diese  Ein- 
tiefung niclit  als  direkte  Folge  der  zuerst  erwähnten  Hebungs- 


186        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

erscheinungen  betrachtet  werden  könne  \  aber  es  verknüpfen 
sich  damit  gleichwohl  Erscheinungen,  welche  als  vorbereiteude 
bezeichnet  werden  müssen.  Dass  diese  Hebung  eine  gross- 
artige Zertrümmerung  aller  im  Umfang  des  Rieskessels  früher 
ausgebreiteten  Gebilde  im  Gefolge  hatte,  wird  schon  durch 
die  grossartige  Entwicklung  der  Breccien  nachgewiesen.  Mit 
dem  Maas  einer  solchen  Zerstücklung  muss  aber  auch  der 
Grad  der  Zerstörung  der  Felsmassen  gleichen  Schritt  halten. 
Jedenfalls  hat  die  Wirkung  der  oberflächlichen  Zerstörung 
und  der  Wasserflutheu  einen  guten  Antheil  an  der  Er- 
niedrigung des  früher  gehobenen  Gebirgstlieils  gehabt.  Wenn 
auch  die  Wörnitz  noch  nicht  ihr  jetziges  Spaltenthal  ge- 
wonnen hatte,  um  Gerolle  massenhaft  aus  diesem  Trümmer- 
haufen fortzuschaffen,  so  gab  es  doch  andere  Ausflusskanäle, 
wahrscheinlich  in  östhcher  Richtung,  vielleicht  durch  die  breite 
Thalung  der  Schwab  und  eine  Fortsetzung  über  Fünfstetten 
und  Itzing  ins  jetzige  Usaelthal.  Auch  ist  es  sogar  nicht 
unwahrscheinlich,  dass  ein  Wasserabfluss  in  nördlicher  Richtung 
dem  jetzigen  Flusslauf  entgegengesetzt  zur  Altmühl  früher 
einmal  stattfand ,  deren  ungewöhnliche  Thalentwicklung 
zwischen  Gunzeuhausen  und  der  Thaleuge  bei  Dietfurth  für 
einen  früher  beträchtlich  grössern  Wasserzufluss,  als  der  jetzige 
ist,  zu  sprechen  scheint. 

Ein  solches  Fortführen  von  Schuttmassen  hätte  aber, 
wie  grossartig  es  immer  gedacht  werden  mag,  nur  bis  zur 
Sohle  der  damaligen  Wasserrinnsale  wirksam  sein  können. 
Diese  Schwellen  müssen  früher  aber  eher  höher,  als  tiefer,  , 
wie  heutigen  Tages  angenommen  werden.  Nun  finden  wir  i 
aber  den  Rieskessel  nicht  nur  bis  zu  diesem  Niveau,  sondern, 
wie  viele  tiefe  Bohrungen  unzweifelhaft  kennen  lehrten, 
bis  zu  beträchtlicher  Tiefe,  stellenweis  zu  etwa  200  Fuss, 
unter  diesen  Schwellenrand  ausgetieft,  wenn  auch  nachträg- 
lich wieder  durch  Tertiärschichten  zum  Theil  ausgefüllt. 
Diese  Auskesselung  unter  dem  Niveau  der  jetzigen  Thalung 


Günibel:    Der  Riesmükan  etc.  187 

kann  daher  auf  andere  Weise,  als  durch  eine  der  Hebung 
nachfolgende  Senkung  nicht  erklärt  werden.  Hier  stehen 
wir  nun  an  dem  Punkte,  die  Mitwirkung  einer  Thätigkeit 
anzurufen,  deren  grossartige  Kraftentfaltung  wir  bereits 
in  der  Entstehung  der  weit  verbreiteten  vulkanischen  Tuffe 
nachzuweisen  versuchten.  Wir  haben  den  Zeitpunkt  dieser 
vulkanischen  Thätigkeit,  welcher  die  Tuffbildung  entstammt, 
früher  genauer  festgestellt.  Können  wir  für  die  Zeit  der 
Rieseintiefung  ebenso  eine  bestimmte  geognostische  Stunde 
ermitteln,  und  zeigt  es  sich,  dass  beide  Bestimmungen  auf 
gleiche  Zeiten  hindeuten,  dann  möchte  es  wohl  gestattet 
sein,  die  Entstehung  der  vulkanischen  Tuffe  und  der  Ries- 
vertiefung von  der  gleichen  geognostischen  Thätigkeit  abzu- 
leiten, welche  sich  erwiesener  Massen  auch  heut  zu  Tage 
noch  nach  beiden  Richtungen  hin  in  analogen  Wirkungen 
äussert.  Das  ist  die  vulkanische  Thätigkeit,  deren  Vor- 
handensein wir  durch  den  Nachweis  vulkanischer  Bomben, 
Lapilli  und  Schlacken  ganz  ausser  allen  Zweifel  gestellt 
haben.  Ein  wirklich  thätiger  Vulkan  war  mithin  im 
Ries  vorhanden.  Jetzt  ist  er  mit  Ausnahme  seiner  Aus- 
wurfsprodukte spurlos  verschwunden  und  dieses  Verschwinden 
kann  nur  als  Folge  einer  späteren  Rücksenkung  in  die  Tiefe 
gedacht  werden. 

Betrachtet  man  das  Ries  in  seiner  Beschaffenheit  im 
Untergründe,  wie  dieser  durch  die  Schächte  und  Tiefbohr- 
ungen nach  Braunkohlen  bei  Dürrenzimmern,  Heuberg, 
Bettendorf  und  Ehringen  aufgeschlossen  wurde,  so  sehen  wir 
in  demselben  grünlich-grautn,  z.  Th.  plastischen  Thon  wechseln 
mit  Mergel,  bituminösem  Thon,  Braunkohle  und  kalkig-tuffigen 
Lagen.  Die  Thonschichten  enthalten  z.  Th.  Cypris^  wie  die 
Süsswasserkalke,  die  Braunkohlenthone  Pflanzenreste.  Auch 
der  Einschnitt  einer  Kellergrabung  auf  der  Höhe  beim 
Fuchsbrückl  zwischen  Deiningen  und  Nördlingen  lieferte 
ähnliche  Thonlagen    und  Braunkohlen   mit   ziemlich  gut  er- 


188        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

haltenen  Pflanzeneinschliissen,  wie  sie  gleichgeartet  auch  in 
den  Braunkohlenlagen  am  Riesrande  oberhalb  Wemding  be- 
obachtet wurden.  Im  höchsten  Grade  auffallend  ist  das  Fehlen 
entschiedener  und  mächtiger  fester  Süsswasserkalkschichten 
in  der  Tiefe  der  Riesebene,  wie  sie  der  mächtigen  Entwick- 
lung in  den  inselartigen  Aufragungen  und  am  Riesrande,  wo 
Süsswasserkalke  grosse  Hügel  in  mächtigen  Massen  über- 
decken z.  B.  am  Wallerstein,  oder  Marienhöhe,  Stoffels-, 
Spitzberg,  Hahneuberg,  Wenneberg,  Kirchenberg,  Überholz, 
Mühllteig,  Katzenstein  u.  s.  w,  entsprechen  würden.  Nur 
kalkreiche  ^lergel  und  mächtige  tuffige  Kalklagen  wurden 
aufgeschlossen.  Die  Cyprissclidlen  liegen  hier  auch  nur  im 
thonigen  Gest-in.  Das  tiefste  Gestein,  welches  bei  200' 
gefunden  wurde,  verhielt  sich  wie  Granitgrus. 

Aus  diesen  Thatsachen  ergeben  sich  wichtige  Folger- 
ungen. Die  Hauptmasse  des  die  Tiefe  des  Rieskessels  aus- 
füllenden Braun kolilenthons  ist  eine  mit  der  Bildung  der 
Süsswasserkalke  der  höheren  Lagen  zwar  gleichzeitige 
aber  heterogene  Ablagerung.  Diese  Schichten  liegen  horizontal 
und  lassen  nirgends  Spuren  von  Aenderungen  in  ihren  Lagen 
bemerken,  sie  sind  erst  nach  der  Einkesselung  entstanden, 
welche  die  Eintiefung  des  Rieses  darstellt.  Da  die  Hebungs- 
erscheinungen, wie  wir  gesehen  haben,  vor  der  Bildung  der 
Tuffe  und  Sandsteine,  die  Eintiefungen  dagegen  vor  der 
Entstehung  der  Süsswasserkalke  stattfanden,  so  stellt  sich 
das  Ereigniss,  welches  dem  Ries  seine  letzte  massgebende 
Form  aufdrückte,  als  nahe  gleichzeitig  mit  der  Ablagerung 
der  vulkanischen  Tuffe  heraus  und  es  dürfte  demnach  kaum 
als  gewagt  anzusehen  sein,  die  Entstehung  des  Rieskessels  einer 
Rücksenkung  in  I  olge  jener  durch  die  Eruption  der  vulkani- 
schen Asche,  Lapilli  und  Bomben  erwiesenen  vulkanischen  Ele- 
mente zuzuschreiben.  Wo  jener  jetzt  verschwundene  Eruptions- 
mittelpunkt zu  suchen  sei.  darüber  können  nur  Vermuthungen 
aufgestellt    werden.     Am     wahrscheinlichsten    lag    derselbe 


Crünibel:    Der  EiesvulJcan  etc.  189 

nahe  im  Mittelpunkt  des  fast  kreisförmigen  Gebirgsaus- 
schnittes,  welcher  in  der  Form  des  Rieses  sich  bemerkbar 
macht  und  auf  den  auch  die  ringsum  ständig  wechselnden 
Streich-  und  Einfallsrichtungen  der  dislocirten  Schichten,  ob 
dieselben  einwärts  oder  auswärts  geneigt  sind,  hinweisen. 
Dieser  Mittelpunkt  wäre  in  der  Gegend  von  Klosterzimmern 
zu  suchen,  in  dessen  Nähe  unbedenklich  die  grösste  Ein- 
tiefung vor  der  Schwellenspreugung  bei  Harburg  gesucht 
werden  muss.  Denn  sehen  wir  einen  Augenblick  ab  von 
dem  gegenwärtigen  Abzug  des  Wassers  durch  die  Wörnitz 
und  suchen  uns  ein  Bild  zu  schaffen  von  der  Vertheilung 
der  Wasseradern  vor  dem  Durchbruch  der  Wörnitz,  so  lässt 
die  radienförmige  Richtung  der  kleineren  Seitenbäche  in 
der  Umgebung  des  Rieses  einen  entschiedenen  Gesammtzug  eben 
nach  der  bezeichneten  Gegend  des  Rieskessels  durchschimmern. 
Auch  trifft  die  Verbreitung  der  Braunkühlenablagerungen  im 
Ries  hauptsächlich  auf  jene  ursprünglich  tiefste  Gegend 
zwischen  Deiniugen,  Heuberg,  Schwörsheim,  Wechiugen,  nach 
welcher  der  Zug  der  kleineren  Bäche  gerichtet  ist.  Dass 
sich  dieser  Lauf  der  Gewässer  nach  der  Durchbrechung  des 
Dammes  bei  Harburg  zu  Gunsten  der  Richtung  des  Haupt- 
wasserabzugkanals durch  die  Wörnitz  jetzt  vielfach  geändert 
zeigt,  bedarf  keiner  näheren  Erläuterung. 

Was  im  Ries  noch  besonders  auffällt,  ist  die  Art  der 
theilweisen  Ausfüllung  der  früheren  kesseiförmigen  Eintiefung. 
Hier  tritt  uns  die  Gesteinsbildung  innerhalb  der  Ebene  des 
Rieses  und  jene  auf  den  inselartigen  Hügeln  und  am  Rande 
derselben  in  sehr  verschiedener  Weise  entgegen.  Um  zuerst 
jene  uachjurassischen  Ablagerungen  zu  erwähnen,  welche  von 
meist  saudig-quarziger,  theilweise  thonig-sandiger  Beschaffen- 
heit sind,  und  insbesondere  ihren  eigenthümlichen  Charakter 
in  der  Bildung  von  äusserst  harten  Quarzsandsteinen  —  sog. 
Brauukohlensandsteinen,  glasirten  Sandsteinen  —  besitzen,  so 
zeichnet  sich  die  Umgegend  des  Rieses  vor  den  anderen  an  die 


190       Sitmng  der  math.-phys.  Olasse  vom  5.  Februar  1870. 

Donau  angrenzenden  Gegenden  des  Juragebirgs  höchstens 
durch  die  grössere  Verbreitung  dieser  saudigen  Gebilde  aus. 
Zu  denselben  gehört  auch  der  durch  Eisenoxjd  röthlich  ge- 
färbte und  durch  den  Einschluss  gröberer  Quarzkörner  dem 
Porphyr-ähnliche  Sandstein  im  Jungholz  auf  dem  Stettberg 
bei  Harburg,  welcher  von  Schnitzlein  und  Frickinger 
früher  als  wirklicher  Porphyr  angesprochen  und  auf  der 
Karte  eingezeichnet  wurde.  In  gleiche  Kategorie  stellen  sich 
auch  manche  sandige  und  kieselreiche  Eisenerz-  und  Bohnerz- 
ablagerungen  auf  dem  JurajDlateau  der  fränkischen  Alb.  Doch 
fehlt  es  hier  auch  nicht  an  zahlreichen  Kalkabsätzen  mit 
Land-  und  Süsswasserschneckeu,  oft  mit  Bohnerzen  in  un- 
mittelbarer Zusammenlagerung,  welche  über  das  Eichstätter 
Gebirge,  ja  selbst  bis  über  diejurassischen  Berge  ins  Keupergebiet 
hineinragen,  wie  z.  B.  auf  dem  Bubenheimer  Berg  bei  Gunzen- 
hausen  und  in  dem  Steinbruch  des  durch  seine  zahlreichen  Knochen- 
eiuschlüsse  berühmten  Süsswasserkalks  bei  Georgsgemünd.  Es 
muss  demnach  eine  über  einen  grossen  Theil  der  Alb  bis 
nach  Burglengenfeld  hin  hereinragende,  jung  tertiäre  Wasser- 
überdeckung angenommen  werden,  welche  von  der  Donauseite 
her  vielfach  buchtenartig  in  das  Juragebirge  einschnitt.  ^^)  Einen 
nähern  Nachweis  hierüber  zu  geben,  ist  hier  nicht  die  Ab- 
sicht. Es  genügt  an  diese  Thatsache  zu  erinnern,  um  etwa 
dem  Auftreten  von  sandigen  und  kalkigen  Gebilden  im  Ries 
selbst  den  Charakter  des  Aussergewöhnlichen,  welchen  das- 
selbe für  den  ersten  Augenblick  zu  haben  scheint,  zu  nehmen 
und  mit  einer  allgemeinern  geognostischen  Erscheinung  der 
fränkischen  Alb  in  Zusammenhang  zu  bringen.  Die  als  Aus- 
füllungsmassen in  und  am  Ries  entwickelten  Gesteinsmassen 
gehören  mithin  einem  Kreis  von  weit  verbreiteten  Ablager- 
ungen an,   sie  weisen  gleichwohl  Abweichungen  auf,   welche 


13)  Geog.  Beschreib,  d.  Alb.  Grenzgebirgs.    S.  791. 


Oümbel:    Der  Eiesvtilkan  etc.  191 

sie  von  jenen  scheiden  und  in  der  Eigenthümlichkeit  der 
speziellen  Verhältnisse  des  Rieskessels  begründet  sind.  Hierher 
gehört  in  erster  Linie,  abgesehen  von  den  vulkanischen  Tuf- 
fen, deren  Natur  im  Vorausgehenden  bereits  näher  erörtert 
wurde,  die  Art  der  Süsswasserkalkablagerungen  auf  den  insel- 
artigen Aufragungen  in  dem  Ries  und  z.  Th.  auch  am  Innen- 
rande desselben.  Wir  haben  die  Reihenfolge  vom  Urgebirge 
oder  älterem  Sedimentärgestein  als  Basis  solcher  Ablager- 
ungen, zu  der  darauffolgenden  Sand-  und  Süsswasserquarz- 
Bildung,  den  Breccien,  und  vulkanischen  Tuffen  bis  zum 
Süsswasserkalk  bereits  namhaft  gemacht  und  erwähnt,  dass 
eine  diesem  Süsswasserkalk  genau  entsprechende  Kalkmasse  in 
der  Tiefe  der  Riesausfüllung  fehlt.  Dieser  Kalk  beschränkt  sich 
der  Hauptsache  nach  auf  die  Riesinseln  und  den  Riesrand. 
Hiermit  ist  eine  Eigenthümlichkeit  der  Kalkbildung  angedeutet, 
welche  verbietet  anzunehmen,  dass  sie  als  eine  einfache  Se- 
dimentbildung aus  einer  seeartigen  Wasseranstauung,  wie 
man  bisher  allgemein  annahm,  anzusprechen  sei.  Betrachtet 
man  die  Kalkmassen  selbst  näher,  so  bemerken  wir  in  Ueber- 
einstimmung  mit  dieser  Folgerung,  dass  eine  deutliche,  regel- 
mässige und  über  grössere  Strecken  gleichbleibende,  mehr 
oder  weniger  horizontale  Schichtung  bei  diesen  Kalkmassen 
an  den  meisten  Stellen  fehlt,  und  dafür  eine  eigenthümliche 
schalenförmige  üeberrindungsschichtung  eintritt,  ähnlich  wie 
wir  eine  solche  bei  grossen  Kalktuffablagerungen  finden.  Nur 
an  vereinzelten  Stellen  und  hauptsächlich  in  den  tieferen 
Lagen  macht  sich  eine  bankweise  Absonderung,  welche  als 
Folge  direkter  Sedimentirung  gedeutet  werden  kann,  geltend. 
Auch  das  Poröse  und  Tuffartige  des  Kalks,  das  Vorkommen 
von  Tropfstein -ähnlichen  Zapfen,  Zacken  und  Rinden,  von 
Zusammenhäufuugen  feiner  Röhrchen,  welche  wie  Ueberrind- 
ungen  von  Pflanzen  —  Algen  und  Gräser  —  sich  verhalten, 
das  Alles  erinnert  so  lebhaft  an  Kalktuff bildungen  der  Ge- 
genwart,  dass   wir   den  Bildungs-Vorgang  dieser  eigenthüm- 


192        Sitzung  der  math-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

liehen  Rieskalke  kaum  anders,  als  jenem  analog  uns  denken 
können,  durch  welclien  der  Kalktuff  heutzutage  aus  Quell- 
wässeru  ausgeschieden  wird.  Wir  glauben  sogar  nicht  selten 
ganz  die  Ercheinung  wiederzuerkennen,  welche  die  sog.  Sprudel- 
schalen darbieten,  da  wo  oft  dünne  gewölbähnlich  geformte 
Decken  dichten  festen  Kalks  über  weiche,  poröse,  durch  die 
atmosphärischen  Einflüsse  oft  völlig  aufgelockerte  und  fortge- 
führte Kalkmassen  sich  ausspannen.  Gleicnwohl  aber  um- 
schliessen  diese KalkeWasserthierüberreste  in  Unzahl:  Paludina 
od.  Lüorinella  acuta  \i.  Cyprisfaha,  neben  verschiedenen  Arten 
von  Helix  und  3ielanopsis.  Namentlich  giebt  es  ganze  Bänke, 
die  fast  nur  aus  C?/pns-Schalen  bestehen,  andere,  in  welchen 
die  Algen-artigen  Incrustationeu  besonders  häufig  sind,  ent- 
halten Paludinen  in  grösster  Menge.  Dieses  Vorkommen 
schliesst  die  Entstehung  Jer  Kalkmassen  weit  über  dem  Hori- 
zont eines  stagnirenden  Wassers  durch  Quellen,  welche  etwa  am 
Ufer  emporgedrungen  wären,  aus  und  macht  es  wahrscheinlich, 
dass  sie  an  seichten  Uferstellen  in  der  Nähe  des  Landes  oder 
auf  Inseln,  die  vielleicht  als  Untiefen  nicht  ganz  über  den 
Wasserhorizont  hervorragten,  gebildet  wurden.  Dass  hier 
von  keinen  allgemeinen  Niederschlägen  aus  dem  Seebecken 
die  Rede  sein  kann,  beweist  der  Maugel  an  bedeutenden 
Kalklagen  in  dem  die  Tiefe  des  Rieses  ausfüllenden  Schichten- 
system. Vielmehr  scheint  es  wahrscheiuhch,  dass  das  Material 
Quellen  entstammte,  welche  besonders  reich  aa  kohlensaurer 
Kalkerde  waren.  Diese  Vorstellung  schliesst  nicht  aus,  dass  der 
Absatz  des  Kalks  nach  Art  des  Kalksiuters,  Schale  auf  Schale 
aufbauend  bald  in  mehr  horizontalen  Lagen,  bald  hoch  in  Ge- 
wölben bis  über  das  Niveau  des  Süsswassersee's  fortdauerte 
und  dass  auf  solche  Weise  kegelförmige  Kalkkuppen  und  Kalk- 
1  iffe  im  See  entstanden,  indem  der  Ausfluss  der  Quelle  mit  der 
Erhöhung  der  Kalksinterbildung  gleichfalls  sich  höher  stellte. 
Noch  glaubt  man  zuweilen,  wie  an  dem  mächtigen  Fels  von 
Wallerstein,    die  Kanäle  erkennen   zu  können,   durch  welche 


Gütnbel:    Der  EiesviMan  etc.  193 

die  Quellen  durch  die  Kalkmasse  aufwärts  gestiegen  sind. 
An  manchen  Stellen  mag  die  Kalkausscheidung  direkt  am 
Ufer  in  sumpfiger  Gegend  erfolgt  sein,  oder  doch  bald  mit 
dem  Ufer  zusammengewachsen  sein,  oder  wohl  auch, 
wo  Cijiyris  und  LitorineUa  fehlen,  von  Anfang  an  sogleich 
auf  dem  Festland  stattgefunden  haben.  Solche  Vorstellungen 
passen  sehr  gut  zu  dem  Einschluss  von  Vogelresten 
und  Nagerknochen,  welche  im  Rieskalke  des  Hahnenbergs 
gefunden  werden.  Im  Ganzen  müssen  diese  an  gelöstem  Kalk 
so  sehr  reichen  Quellen  als  Mineralquellen  betrachtet  werden, 
mit  deren  Wassererguss  höchst  wahrscheinlich  auch  Kohlen- 
säure in  grosser  Menge  mit  ausströmte.  Es  genügt  hier 
anzudeuten,  wie  nahe  es  liegt,  den  Ursprung  solcher  Quellen 
mit  den  vulkanischen  Erscheinungen  in  der  Riesgegend  in 
Zusammenhang  zu  bringen.  Zu  einer  gleichen  Annahme,  dass 
der  Kalk  hauptsächlich  durch  das  Hervortreten  gewisser 
Arten  von  Mineralquellen  gebildet  wurde,  führt  uns  auch 
mit  zwingender  Nothwendigkeit  die  Zusammensetzung  des 
Süsswasserkalks  selbst.  Schon  Röthe  hat  in  seinen  schönen 
Untersuchungen^*)  über  die  chemische  Zusammensetzung  der 
in  der  Riesgegend  vorkommenden  Kalke  und  Dolomite  bei 
dem  Tertiärkalk  den  hohen  Gehalt  an  kohlensaurer  Bitter- 
erde und  damit  die  dolomitische  Natur  nachgewiesen.  Röthe 
fand  in  dem  Kalkstein  vom  Fuchsberg  bei  Nördlingen : 
Kohlensaure  Kalkerde  ....  68.621 
Kohlensaure  Bittererde  ....  28,647 
In  Salzsäure  unlöslicher  Theil       .       0,980 

Glühverlust 1,671 

99,919 
Dieser  Gehalt  entspricht  am  nächsten  einer  Zusammen- 
setzung   aus    2  Ca  U  und  1  Mg  C. 


14)  9.  Jahresbericlit  des  naturhist.  Vereins  in  Augsburg  für  1367. 
S.  75. 

[1870.  L  2.]  13 


194      Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Um  die  allgemeinere  Verbreitung  dieser  dolomitischen 
Natur  bei  dem  Rieskalke  noch  bestimmter  nachzuweisen,  liess 
ich  eine  Probe  des  Kalks  von  dem  isolii  teu  Fels  der  Marien- 
höhe bei  Nördlingen  (I)  und  von  der  allerhöchsten  Felsspitze 
des  Wallersteins  —  diese  noch  mit  Litorinellen  —  (II)  durch 
Hrn.  Dr.  Loretz  untersuchten.  Die  Analyse  lieferte  folgendes 
Ergebniss : 

ISüsswasserdolomit  von  II.  Süsswasserkalk  von 

dem  isolirten  Felsen  der  dem  höchsten  Theil  des 

Marienhöhe    bei    Nord-  Felsen  von  Wallerstein. 


lingen. 

Kohlensaure  Kalkerde     . 

65,21 

95,20 

Kohlensaure  Bittererde  . 

32,57 

1,90 

Kohlensaures  Eisenoxydul 

0,81 

0,60 

In   Salzsäure    unlöslicher 

Rückstand     .... 

1,30 

1,20 

99,89  98,90 

Das  Verhältniss  zwischen  kohlensaurer  Kalk-  und  kohlen- 
saurer Bittererde  in  dem  Gestein  von  der  Marienhöhe  nähert 
sich  dem  Verhältniss  3  CaO  00^  +  2  MgO  CO^  in  der  Art, 
dass  man  das  Gestein  in  der  entsprechenden  Wt^ise  zusam- 
mengesetzt annehmen  darf.  Indessen  kommen  auch,  wie  die 
Analyse  des  Gesteins  von  Wallerstein  lehrt,  mehr  oder  weniger 
reine  Kalkfelsbildungen  vor. 

Es  ist  wohl  nicht  anzunehmen,  dass  die  jungen  Kalk- 
massen des  Felsen  auf  der  Marienhöhe,  welche  frühzeitig 
aus  der  W^asserbedeckung  gelangten  und  ringsum  kein  höheres 
Gebirge  zur  Nachbarschaft  haben,  erst  nachträglich  den  Ge- 
halt an  kohlensaurer  Bittererde  aufgenommen  haben.  Es  ist 
in  diesem  speziellen  Falle  kein  vernünftiger  Grund  aufzufinden, 
diese  Süsswasserdolomite  für  etwas  anderes,  als  ursprüngliche 
Absätze  anzusprechen.  Dieser  Charakter  scheint  den  gleich- 
alterigen  Ablagerungen  am  Nordrande  der  Donau  über  weite 


52,64 

55.66 

42,90 

42.84 

0,91 

0,90 

4,45 

0.50 

Giimbel:    Der  Biesvull-an  etc.  195 

Strecken  eigen  zu  sein,  denn  G.  Leube'^)  erwähnt  bereits 
einen  tertiären  Süsswasserdolomit  von  Dächingr-n  bei  Ulm, 
dessen  Lagerungsverhältnisse  ich  ähnlich,  vrie  die  der  Tertiär- 
kalke am  Riesrande  fand.  In  verschiedenen  Lagen  enthält 
dieser  kreideartige  Dolomit  von  Dächingen  ^^) 
Kohlensaure  Kalkerde  56.12  58,45 
Kohlensaure  Bittererde  36,12  29,19 
Kohlens.  Eisenoxjdul         1,06  0,61 

Thon 6,70         11,75 

Die  Betheiligung  der  kohlensauren  Bittererde  an  der 
Zusammensetzung  dieser  dolomitischen  Gesteine  wird  leicht 
begreiflich,  wenn  wir.  wie  im  Ries  nachgewiesen  wurde,  die 
Kalkablagerungen  als  aus  Mineralquellen  entstanden,  betrach- 
ten dürfen. 

Für  den  Bestand  solcher  Mineralquellen  im  Ries  ent- 
deckte ich  einen  handgreiflichen  Beweis  in  dem  grossen  Süss- 
wassersteinbruch  am  Spitzberg,  in  welchem  die  schalige  Aus- 
bildung des  Kalks  ganz  besonders  schön  zu  beobachten  ist. 
Ich  fand  nämlich  eine  Spalte  im  Kalke  aufgeschlossen,  deren 
Wandung  mit  einer  dicken  Rinde  von  in  mehreren  Lagen 
über  einander  abgesetztem  Brauneisenstein  bedeckt  sich  zeigte. 
Nach  oben  erweiterte  sich  der  Kanal  zu  einer  umgekehrt 
kegelförmigen  Vertiefung,  welche  mit  anscheinend  ockrigem 
und  derbem  Brauneisenstein  ausgefüllt  war.  Das  Ganze  lässt 
kaum  einen  Zweifel,  dass  diese  Ausfüllungsmasse  als  ein 
Absatz  aus  einer  durch  die  Spalte  aufgestiegenen,  eisenhaltigen 
Quelle  zu  betrachten  sei.  In  diesem  Absatz  von  mulmigem 
Brauneisenstein  fand  ich  nun  kopfgrosse  Ausscheidungen  von 
pechähnhch  glänzendem  Eisensinter,  dem  Pittizit  ähnlich, 
hauptsächlich   aus   arsensaurem    Eisenoxyd   bestehend.      Die 


15)  Neues  Jahrb.  von  L.  und  Bronn.     1840.    S.  372. 

16)  Geogn.  Besch.  d,  Umg.  v.  Ulm  von  G.  Leube  1839. 

18* 


196        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Bildung  dieses  sonst  seltenen,  meist  nur  auf  Metallerzgängen 
neben  Arsenverbiudungen  bekannten  Minerals  aus  früher  vor- 
handenen Arsenikeisen  ist  hier  vollständig  undenkbar.  Dagegen 
sprechen  alle  Umstände  des  Vorkommens,  der  noch  sichtbare 
Quellkanal  und  die  Art  der  Absätze,  die  ganz  dem  einen 
Quelle  gleichkommt,  dafür,  dieses  Mineral  mit  dem  ockrigen 
Brauneisenstein  als  Erzeugniss  eines  Mineralwassers  anzu- 
sprechen, analog  dem  an  vielen  Orten  nachgewiesenen  Arsenik- 
gehalte der  von  Eisensäuerlingen  abgesetzten  Ockerkrusten 
z.  ß.  von  Rippoldsau,  Lamscheid  im  Broklthal,  Cannstadt, 
Ems,  Schwalbach,  Wiesbaden,  Pyrmont  u.  s.  w.^'')  Mit  der 
Ablagerung  des  Süsswasserkalkes  hatte  die  Gesteinsbildung 
im  Ries  ihr  Ende  noch  nicht  gefunden.  Auch  die  Quartär- 
periode hat  ihren  Autheil  au  der  fortschreitenden  Veränderung 
der  Erdoberfläche  in  diesem  Gebietstheile  genommen.  Eine 
mächtige  braune  Schlammschicht,  welche  sich  innerhalb  der 
ganzen  Riesebene  über  dem  tertiären  Untergrund  in  hohen 
Lagen  ausbreitet,  und  selbst  über  die  liöheren  Hügel,  wenn 
auch  minder  mächtig  hinüberreicht,  begründet  wesentlich  den 
Segen  der  Fruchtbarkeit,  dessen  sich  das  Ries  in  so  hohem 
Grade  erfreut.  Dieser  Schlamm  entspricht  in  seiner  jetzigen 
Beschaffenheit  nach  allen  Beziehungen  ganz  genau  demLöss. 
Er  besitzt  nicht  bloss  ganz  dieselbe  braune  Farbe,  die  Eigen- 
thümlichkeit  der  vertikalen  Abblätterung,  des  Einschlusses 
von  braunen  oder  schwarzen  Kuöllchen  aus  Eisenoxydhydrat 


17)  Nach  der  im  ehem.  Lab.  des  hiesigen  Polyt.  durcLHrn.  Putz 
vo^genommenen  Analysebesteht  dieser  Pittizit  aus  Arsensäure  31,3; 

Eisenoxyd  28,0;  Kalk  10,0;  Wasser  26,0;  Mg  0,08;  Ba  0,15  in  Salzs. 
unlösl.  2,6  ;  Verlust  und  Kohlens.  1,90  zus.  100,00.  Ausserdem  fand 
ich  einen  namhaften   Vanadiugehalt,   einen   Gehalt  an  durch  I]ssigs. 

zersetzbaren  Ca.  CO,"(2,28°/o)  etwas  Phosphorsäure  und  dem  Eückstande 
(bis  6°/o)  hauptsächlich  aus  eisenhaltigem  Thon  bestehend. 


Gümbel:    Der  Biesvulkan  etc.  197 

und  Manganoxyd  bestehend,  ebenso  auch  von  grösseren,  oft 
bohlen  Kalkknollen,  die  unter  demNamenLösskindchen  bekannt 
sind,  wie  im  rheinischen  Löss,  sondern  lässt  auch,  wie  letzterer, 
eine  eigentliche  Schichtung  veruiisseo,  und  giebt  nur  durch 
bankweise  wechselnde  Farbenunterschiede  die  Natur 
einer  Sedimentbildung  zu  erkennen.  Seine  physikalischen 
Eigenschaften  sind  im  üebrigen  genau  die  des  Lösses.  Auch 
enthält  er  dieselben  oiganischen  Einschlüsse,  wenn  auch  nur 
in  zwei  Arten  Succinea  ohlonga  und  Piqxt  muscorum^  aber 
diese  in  grosser  Menge.  Endlich  liegt  er,  wie  am  Stoffels- 
berg zu  sehen  ist,  auf  Geröll  auf,  welches  unbedenklich  als 
quartcäres  angesehen  werden  darf.  Der  Rieslehm  ist  mithin 
unbezweifelt  dem  Rhein-  und  Donaulöss  gleichzustellen,  wenn 
auch  seine  chemische  Zusammensetzung  etwas  abweicht.  Wir 
verdanken  Prof.  Röthe  in  Nördlingen^^)  eine  Analyse  des 
Lösses  von  einer  Stelle  oberhalb  der  Eisenbahnbrücke  bei 
dem  Bahnhof  von  Nördlingen.  Derselbe  besteht  nach  dieser 
Analyse  aus 

Kieselerde 65,395 

Thonerde 18.403 

Eisenoxyd 5,842 

Kalkerde 0,459 

Kohlens.  Kalkerde 1,481 

Bittererde 1,620 

Kali 0,872 

Natron 1,113 

Glühverlust 4,503 

99,688 

Hier   ist    die    geringe   Monge    Kalkerde    gegenüber    der 

Ausscheidung  von  Kalkknollen  um  so  auffallenderjals  das  Ries 

rings  von  Kalkfclsen  eingeschlossen  ist.     Aus  diesem  Grunde 

veranlasste    ich  Ilrn.    Röthe    zur  Vornahme    von    Analysen 

18)  Schulprogramm  der  Landw.  u.  Gew.  in  Nördlingen  1864. 


198        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

des    Lösses    aus    verschiedenen    Lagen    einer    Lehmgrube 
zwischen  der  Marienhöhe  und  dem  Todteuberg  beiNördlingen, 
deren  Resultate  ich  durch  dessen  Güte  bereits  mittheilen  kann 
l.  Unterste  gelbe  Lage; 
IL  etwas  höhere,  röthliche  sandige  Lage; 


IIL  oben 

i  gelblich-braune 

Lage; 

IV.  oberste    tiefb 

raune    Lage    unmittelbar     unter    der 

Ackererde ; 

V.  LÖSS 

aus  der 

Ziegellehmgrube 

bei  M.  Offii 

igen. 

L 

II. 

III. 

IV. 

V. 

Kieselsäure 

61,166 

66,066 

60,066 

66,500 

66,500 

Thonerde 

12,833 

12,900 

11,933 

14,433 

13,600 

Eisenoxjd 

3,900 

5,266 

3,733 

4,913 

3,400 

Kalk 

1,479 

2,600 

2,439 

1,466 

2,600 

kohlensaure 

Kalkerde 

9,502 

— 

9,513 

— 

— 

Bittererde 

1,201 

1,613 

2,186 

1,800 

2,450 

Wasser 

7,176 

10,963 

7,410  1 

Hnmus    \'^)'J  '  ' 

9,218 

Alk.  Phosphors 

;. 

Sand  U.Verlust 

1,833 
.00,000 

0,592 
100,000 

2,720 
100,000 

0,911 
100,000 

2,232 

1 

100,000 

Die   Resultate   dieser   Untersuchung 

:    erklären  nun  völl- 

ständig die  frühere  Analyse,  da  es  sich  zeigt,  dass  die  verschie- 
denen Lagen  im  Löss  eine  merklich  verschiedene  Zusammen- 
setzung besitzen  und  schichtenweise  fast  frei  von  kohlen- 
saurer Kalkerde  sind.  Dasselbe  gilt  von  der  5.  Probe,  zu 
welcher  ich  das  Material  aus  der  Lehmgrube  bei  M.  Offingen 
gesammelt  hatte.  Hier  enthält  der  Löss  keine  Conchylien 
und  keine  Knöllchen. 

Herr  Prof.  Röthe  hat  auch  die  Kalkknollen  (Löss- 
kindchen)  aus  der  untersten  (I)  und  mittleren  Lage  (III) 
derselben  Lehmgrube,  sowie  die  kleinen  Bohnerz-ähnlichen 
Körnchen,  welche  oft  stahlblau  gefärbt  einen  grossen  Gehalt 


Gümlel:    Der  Eieimdkan  etc.  199 

an  Mangan  vermuthen  Hessen,  gleichfalls  aus  derselben  Lehm- 
grube analysirt.     Sie  bestehen  demnach  : 

I  ni 

In    Salzsäure    unlöslichen    Rückstand 

(Thon)       24,620  23,700 

Durch  Salzsäure  zersetzt: 

Kieselerde 0,120  0,100 

Thonerde  und  Eisenoxyd    .     .  0,300  0,500 

Kohlensaure  Kalkerde    .     .     .  73,700  74,740 

„             Bittererde  .     .     .  0,861  1,134 

Phosphors.,  feucht  u.   Verlust.  0,399  — 

100,00       100,000 

Diese  Lösskindchen  des  Rieslösses  bestehen  demnach, 
da  der  durch  Salzsäure  unzersetzte  Theil  der  beigemengten 
Lösssubstanz  angehört,  wesentlich  aus  kohlensaurem  Kalk  mit 
etwas  kohlensaurer  Bittererde,  verunreinigt  durch  Lössthon. 

Die  Bohuerz-ähnlichen,  Mangan-haltigen  Körnchen  zeigten 
sich  dagegen  zusammengesetzt  aus  : 

1)  in  Schwefelsäure  löslich: 

Kieselerde 0,381 

Manganoxydul       ....         2,594 

Kalkerde 0,407 

Bittererde 1,143 

Eisenoxyd 28,084 

Thonerde 8,217 

2)  der  in  Schwefelsäure  nicht  lösliche  Rückstand 

Kieselerde 46,807 

Thonerde 2,035 

Eisenoxyd 0,687 

Manganoxyd Spuren 

Glühverlust 10,959 

101,316 
Sie  gehören   mithin   in    die   Kategorien   der   Quellerze  oder 


200       Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Sumpferze,  zeichnen  sich  aber  von  dieser  durch  ihren  hohen 
Gehalt  an  Mangan  besonders  aus. 

Mit  der  Ablagerung  des  Quartärgerölls,  welches,  wo  es 
vorkommt,  unmittelbar  auf  Süsswasserkalk  oder  älterem 
Gestein  aufruht,  und  der  Beschaffenheit  nach  mit  dem  Geröll 
des  Donauthales  Aehnlichkeit  besitzt,  war  die  direkte  Ver- 
bindung des  Rieskessels  mit  der  Donauthalung  eingeleitet 
und  es  scheint  der  völlige  Abfluss  der  Wasseranstauung  erst 
nach  der  Diluvialzeit  eingetreten  zu  sein.  Es  ist  in  hohem 
Grade  merkwürdig,  dass  die  Sage  von  Ringen  spricht,  welche 
im  Felsen  des  Wallersteins  zum  Anbinden  von  Fahrzeugen 
befestigt  gewesen  sein  sollen.  In  dieser  Richtung  Hess  sich 
nur  sicher  stellen,  dass  alluviale  Ablagerungen,  Flusssand 
und  schwarze  moorige  Erde  auf  aie  nächste  Gegend  der 
Wörnitz  in  geringer  Höhe  über  den  gewöhnlichen  Wasser- 
stand beschränkt  sich  zeigen,  was  jedoch  eine  höhere  Wasser- 
anstauung noch  in  der  historischen  Zeit  nicht  gerade  aus- 
schliesst.  Die  schwarze  moorige  Erde,  welche  sich  auf  die 
Niederung  der  Wörnitz  beschränkt,  verhält  sich  ganz  so, 
wie  der  feine  an  organischen  Einschlüssen  reiche  Schlamm, 
wie  er  beim  Ablassen  von  Teichen  dem  letzten  Wassertümpel 
nachzieht  und  zum  Absatz  gelangt.  Diess  scheint  die  letzte 
Ablagerung  gewesen  zu  sein,  mit  welcher  das  Ries  aus  einem 
früheren  See  in  ein  reiches  Fruchtland  sich  verwandelte  und 
dem  Menschen  eine  herrliche  Wohnstätte  bereitete,  deren  gün- 
stiger Einfluss  sich  auch  in  der  körperHchen  Entwicklung  und 
geistigen  Begabung  der  Riesbewohner  deutlich  abspiegelt.'^) 

18)  Bei  Corr.  dieser  Zeilen  erhalte  ich  Deffners  interessanten 
Aufsatz  „der  Buchberg  bei  Bopfingen."  Obwohl  ich  schon  während 
meiner  Untersuchung  im  Ries  mit  der  hier  entwickelten  Ansicht 
bekannt  war,  konnte  ich  gleichwohl  nirgends  eine  sie  bestätigende 
Tbatsache  feststellen;  vielmehr  ergab  sich  mit  zwingender  Nöthigung, 
alle  die  zahlreichen  gestreiften  und  iiolirten  Rutschflächen  als  Dislo- 
kationserscheinungen aufzufassen. 


Plath:  Qttellen  der  alten  chines.  Geschichte.  201 


Philosophisch  -  philologische  Classe. 

Sitzung  vom  5.  Februar  1870. 


Herr  Plath  übergibt  die  Fortsetzung  seiner  Abhandlung : 
„Ueber    die    Quellen    der    alten    chinesischen 
Geschichte,    mit    detaillirter    Analyse    des 
Sse-ki  und  J-sse." 

5)  Die  Nachfolger  Wu-wang's  bis  zum  Verfalle  der 
Kaisermacht  (1115— 720  v.  Chr.). 
Der  Schu-king  enthält  über  diese  Zeit  nur  wenige 
Dokumente;  aus  Tsching-wang's  Regierung  zwar  mehrere, 
aber  noch  aus  der  Zeit  der  Regentschaft  Tscheu-kung's,  die 
wir  früher  schon  angeführt  haben ,  aus  der  Zeit  seiner 
Selbstregieruug  nur  2:  V,  21  Kiün-tschin,  einen  Erlass 
an  diesen  Nachfolger  Tscheu-kung's  im  Gouvernement  von 
Lo-yang  und  V,  22  Ku-ming;  dieses  betrifft  schon  des  Kaisers 
Tod,  sein  Testament  und  seine  Bestattung.  Aus  der  Regierung 
seines  Nachfolger  Khang-wang  (1078 — 52)  sind  auch  nur 
2  da :  V,  23  Khang-wang  tschi  kao,  Erlass  von  Khang- 
wang  und  V,  24  Pi-ming  Befehl  an  (den  Vasallenfürsten  von) 
Pi.  Aus  der  Zeit  des  folgenden  Kaisers  Tschao-wang 
(1052  — 1001)  ist  kein  Dokument  da;  aus  der  seines  Nach- 
folgers Mu-wang  (1001—946)  gibt  es  nur  3:  V,  25  Kiün- 
ya,  ein  Erlass  an  diesen  Grossbeamten,  V,  26  Kiung-ming, 
Befehl  an  (?  einen  Vasallenfürsten)  Kiung  und  V.  27  Liü-hing, 
eine  Strafverorduung  an  (den  Fürsten  von)  Liü.  Aus  der 
Regierung  der  7  folgenden  Kaiser :  Kung-wang  (946  —  34), 
Y-wang   (934—909),    Hiao-wang   (909—894),    Ye-wang 


202      Sitzung  der  philos.-pMöl.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

(894—878),  Liwang  (878—827),  Siuen-wang  (827—781) 
und  Yeu-wang  (781 — 770)  gibt  es  gar  keine  Dokumente; 
aus  der  Zeit  seines  Nachfolgers  Ping-waug  (770 — 19)  nur 
nochlrV,  28  Wen-heu  tschi  ming,  Befehl  an  (den  Fürsten) 
Wen-heu  (von  Tsin  780—46).  Die  beiden  letzten  Dokumente 
des  Schu-king  betreffen  nur  Vasall enfür st eu:  V,  29  Mi- 
Bchi  ist  ein  Erlass  von  Pe-kiu  von  Lu,  dem  Sohne  Tscheu- 
kung's  (1115  —  1063)  aus  Anlass  seiner  Ex^jedition  gegen 
Mi  und  V,  30  Thsin-schi,  ein  Erlass  (des  Fürsten)  Mu- 
kung  (659 — 21)  von  Thsin  (in  Schen-si,  schon  aus  der 
Zeit  des  Tschhün-thsieu).  Damit  endet  der  Schu-king. 
Verloren  sind  nach  der  Vorrede  auch  keine  weiteren  Ur- 
kunden. 

Der  Schi-king  enthält  viele  Gedichte,  die  auf  Tsching- 
wang  bezogen  werden  und  zum  Theil  von  Tscheu-kung 
verfasst  sein  sollen,  doch  gehen  sie  wohl  auf  die  frühere 
Periode  seiner  Regentschaft  oder  sie  verherrlichen  nur  die 
Gründer  der  Tscheu ;  so  IV,  1,  1,  IV,  1,  3,  lu.  s.  w.;  wir  haben 
sie  oben  S.  81  schon  erwähnt.  Die  folgenden  Kaiser  werden 
nicht  genannt,  noch  wird  auf  sie  auch  nur  angespielt,  bis 
auf  Li-wang  (878  —  41)  und  Siuen-wang  (827  —  781), 
unter  welchen  der  Verfall  der  Kaisermacht  eintrat.  Auf 
jenen  bezieht  man  den  Tadel  III,  2,  9  u.  10  und  III,  3,  1 
u.  3;    auf  diesen  II,  3,  4  u.  3  p.  280;  III,  3,  8  p.  308,  9, 

5  u.  6  (p.  306),  7  u.  4  (p.  306) ;  II,  3,  4,  5  u.  6  (p.  280) ; 

II,  3,  7  (?)  8  u.  9 ;  II,  4,  1  u.  3  (p.  282)  und  II,  4,  5.  III,  3, 
lOu.  11  sollengegen  Yeu-wang  (781 — 70)  und  die  Pao-sse 
gerichtet  sein,  ebenso  II,  4,  7,  8  und  9,  nach  Andern  aber 
ersteres  auf  Huan-wang's  Zeit  (seit  719—696)  gehen  (la 
Charme  p.  283),  auf  Yeu-wang's  Zeit  auch  II,  5,  3,  4,  5  u. 

6  (nach  la  Charme  p.  287  geht  II,  5,  4  aber  auf  das  Reich 
Tscking  zur  Zeit  des  Tschhüu-thsieu) ,  dann  II,  6,  4 ;  II,  7,  6  u. 

III,  3,  2  sollen  von  Wu-kung  von  Wei  (812—758  V  Chr.)  sein. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  203 

Indess  werden  die  Kaiser  hier  selten  genannt,  nur  die  Ausleger 
sehen  Satiren  und  Anspielungen  auf  sie  und  ihre  Zeit  darin,  die 
aus  der  Zeitgeschichte  mehr  einer  Erläuterung  bedürfen,  als 
dass  sie  als  Quelle  derselben  gelten  könnten. 

Confucius  und  Meng-tseu  betrachteten  Li-wang  und 
Yeu-wang  als  die,  von  welchen  der  Verfall  der  Prinzipien 
der  D.  Tscheu  ausging,  —  wie  vor  in  uns.  Hist.  Einleit.  zu 
Confucius  Leben  S.  401  (53)  bemerkt  haben,  —  doch  ohne 
in  ein  Detail  einzugehen. 

Confucius  Zeitgenosse  Tso-schi  hat  in  seinem  Kue-iü 
in  dem  ersten  Abschnitte  Tscheu-iü  C.  1  zehn  Dokumente 
aus  der  Regierung  von  Mu-,  Kung-,  Li-,  Siuen- und  Yeu- 
wang.  —  Diese  werden  immer  nur  nach  den  Anfangsworten 
bezeichnet ,  wo  die  allein  unverständlich  sind ,  deuten  wir 
den  Inhalt  anderweitig  an;  es  sind  folgende:  Mu-wang 
tsi'ang  tsching  Kiueu-Jung,  d.  i.  Mu-wang  will  die 
Hunde-Jung  (einen  Barbarenstamm)  bekämpfen.  Der  Kue-iü 
gibtMeu-fu's  Vorstellung  dagegen.  Kung-wang  yeu  iü  King 
schang,  d.  i.  Kung-wang  (sein  Sohn)  reiset  auf  dem  King- 
(flussej.  Li-wang  nio,  kue  jin  pang  wang,  d.  i.  Li- 
wang  ist  grausam  (847),  des  Reiches  Leute  schmähen  den 
Kaiser;  Li-wang  yue  Yung-i-kung,  d.  i.  Li-wang  hat 
Gefallen  an  Yung-i-kung  (einen  seiner  Favoriten);  Tschi 
tschi  loen,  d.  i.  die  Unruhen  Tschi's.  Siuen-wang  tsi 
wei  pu  tsi  tsien  meu.  d.  i.  Siuen-wang,  als  er  den  Thron 
bestiegen,  beackert  nicht  die  1000  Morgen  (meu)  (816;  er 
wollte  die  bekannte  Ackerceremonie  nicht  vollziehen,  s.  Gaubil 
Tr.  p.  39).  Lu  Wu-kung  i  Ko  iü  Hi  kien  wang,  d.  i. 
Lu's  (Fürst)  Wu-kung  besucht  mit  (seinen  Söhnen)  Ko  und 
Hi  den  Kaiser  (Siuen-wang).  Gegen  den  Rath  seines  Mi- 
nisters ernannte  der  Kaiser  dessen  Jüngern  Sohn  zum  Nach- 
folger in  Lu.  Dieser  (Y-kung)  wurde  aber  bald  getödtet 
und  sein  älterer  Bruder  Fürst.    Gegen  den  (Pe-yü)  zog  der 


204      Sitzung  der  philos.-philol.  Glosse  vom  5.  Februar  1870. 

Kaiser  und  setzte  auf  Empfehlung  Hiao-kung,  Y-kung's  Jüngern 
Bruder,  ein  (805);  vgl.  Maiila  T.  II  p.  38—41.  Siuen-wang 
liao  min  iu  Thai-yueu.  (Nach  der  Niederlage  seines  Heeres 
durch  die  Klang- Jung)  stellte  Siuen-wang  (789  gegen 
den  Rath  seines  Ministers)  eine  Volkszählung  in  Thai-yuen 
an.  Yeu-waug  san  nien  Si-Tscheu  san  tschuen  kiai 
tscheu,  d,  i.  (unter)  Yeu-waug  Ao.  3  (798)  bewegten  sich 
die  3  Flüsse  (der  King,  Wei  und  Lo)  iu  West-Tscheu.  Die 
folgenden  Abschnitte  gehen  schon  auf  die  Zeit  des  Tschhün- 
thsieu.  Man  sieht,  das  sind  nur  wenige  vereinzelte  Do- 
kumente. 

Der  Sse-ki  K.  4  f.  13  v.  —  23  ist  über  diese  Regier- 
ungen sehr  kurz  und  hat  wohl  nur  wenig  andere  Nachrich- 
ten vor  sich  gehabt,  als  die  des  Schu-king,  Schi-king  und 
Kue-iü. 

Das  Bambubuch  p.  147 — 158  gibt  noch  einige  Eiu- 
zelnheiten,  namentlich  aus  der  Geschichte  der  Vasallenfürsten, 
erwähnt  einige  Naturphänomene,  Palastbauten;  unter  Mu- 
wang  hat  es  ein  weiteres  Detail  über  seine  Kriegszüge  nach 
Westen  und  Norden,  namentlich  die  Note  p.  151;  die  Flucht 
Kaiser Li-wang's,  die  Regentschaft  von  Tscheu-  u.  Schao- 
kung,  die  seinen  kleinen  Sohn  retten  und  dann  auf  den 
Thron  erheben,  wird  hier,  wie  im  Sse-ki,  erwähnt,  sowie 
auch  das  Auftreten  der  Pao-sse  unter  Yeu-wang. 

Der  I-sse  B.  25 — 28  sammelt  nun  alle  Nachrichten, 
welche  diese  und  andere  spätere  Quellen  etwa  bieten. 

B.  25  Tsching,  Khang  ki  schi,  handelt  zunächst  von 
Tsching-  (1115—1078)  und  Khang-wang  (1078—1052). 
Ausser  den  Stellen  des  Schu-king,  Schi-king  und  Sse-ki  findet 
man  unter  jenem  noch  angebliche  Gespräche  des  Kaisers  mit 
Yo-tseu  über  den  Weg  oder  die  Principien  (Tao),  das  Reich  zu 
erheben,  aus  dem  Sin-schu  und  aus  dem  Schue-yuen  ein  Ge- 
spräch mit  Yu-i  über  die  Regierung ,  dann  noch  einige 
Stellen  aus  Liü-schi's  Chronik,  aus  dem  Han-schi  uai-tschuen, 


Plath:   Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  205 

und  Kin-pao  über  Geschenke,  die  ihm  von  den  Yuei-tschang^') 
(in  Kiao-tschi  oder  Cocliiuchina)  gebracht  wurden  und  andere 
ähnliche,  auch  einige  Wundergeschichien  aus  dem  Sin-iü.  dem 
Ku-kin-tschü.  dem  Sung-fu-sui-tschi.  dem  Lün-heng,  Scho-i- 
ki,  Ho-i-ki  und  dem  Tscheu-schu.  Ueber  Khang-wang  gibt 
er  nur  was  der  Schu-kiog,  Sse-ki  u.  das  Bambubuch  haben  und 
dann  noch  eine  Stelle  aus  dem  Heu-Han  schu. 

B.  26  hat  den  Titel  Mu-wang  ming  kuan  hiüu  hing, 
Mu-waug  erlässt  an  die  Beamten  ein  Strat'edikt.  Vorher 
gehen  aber  noch  einige  Nachrichten  über  Tschao-wang 
(1052-1001),  ausser  dem  Sse-ki  und  dem  Bambubuche  aus 
dem  Thsu-tse  tschü,  der  Chronik  der  Kaiser  und  Könige,  der 
Chronik  von  Liü-schi,  dem  Tao-kien-lo  und  Schang-schu- 
tschung-heu.  üeber  Mu-wang  (1001—946)  ist  er  ausführ- 
licher. Ausser  den  Nachrichten  des  Schu-king,  Kue-iü,  des 
Bambubuches  und  Sse-ki  hat  er  namentHch  detaillirte  Nach- 
richten über  dessen  angebliche  Züge  nach  Westen  und 
Norden,  zum  Theil  mit  Wundern  ausgespickt  nach  dem 
Scho-i-ki  und  Ho-i-ki,  Lie-tseu,  Po-voe-tschi,  Siün-tseu,  Schi- 
tseu,  dem  Heu-han  schu  und  Tscheu-schu ;  dann  nimmt  er 
ganz  auf  ein  besonderes  Werk:  Mu  thien-tseu  tschuen, 
d.  i.  die  Ueberlieferung  vom  Himraelssohne  (Kaiser)  Mu, 
welches  seine  Züge  nach  Westen  und  Norden  im  Detail 
berichtet.  Es  findet  sich  dieses  Werk  in  der  schon  erwähnten 
Sammlung  von  Werken  aus  den  D.  Han  und  Wei  II,  2  und  be- 
steht aus  6  Abschnitten  (Kiuen).     De  Mailla  erwähnt  es  Pref. 


37)  Zur  Rückkehr  soll  Tscheu-kung  ihnen  angeblich  den  Wagen, 
der  nach  Süden  zeigt  (Tschi  nan  tschi).  d.  i.  den  Compass,  mit- 
gegeben haben,  Legge  T.  III  P.  2  p.  535  fg.  zeigt  aber  den  späten 
Ursprung  und  die  Ausbildung  der  Legende.  Die  älteste  Xaehricht 
in  Fuh-schang's  Schang-schu  ta  sehnen  spreche  nur  von  der  Gesandt- 
schaft und  den  Geschenken,  die  sie  brachten,  ebenso,  nur  wunderbarer 
ausg-'schmückt.  Han-yng's  Han-schi  uai  tschueu.  Des  Wagens,  der 
nach  Süden  zeige .  erwähne  dabei  erst  Tschung-hoa's  ku  kin  tschü 
aus  der  D.  Tsin ;  er  lege  die  Erfindung  aber  schon  Hoang-ti  bei ; 
Hang-kien,  aus  der  Zeit  der  spätem  Han,  aber  Tscheu-kung  und 
so  auch  ein  Tao-sse  Kuei-ko-tseu.  Vergl.  m.  Abh. :  Ueber  die  Samm- 
lung S  312. 


206      Sitzung  der  philos.-phüol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

T.  I  p.  LXXXIV.  Der  Kaiser  soll  nördlich  bis  zur  Gobi 
und  im  Westen  bis  zum  Gebirge  Küen-lüu  vorgedrungen  sein 
und  die  Si-waug  wu,  d.  i.  die  Mutter  des  Königs  des  \Yesten 
(die  auch  der  Schan-hai  king  erwähnt),  besucht  haben.  Das 
Werk  wurde  angeblich  unter  Tsin  Wu-ti  A.  6  (281  n.  Chr.) 
im  Grabe  eines  Fürsten  von  Wei  gefunden,  De  Maiila  sagt, 
es  sei  aber  so  voller  absurder,  extravaganter  und  offenbar 
falscher  Erzählungen  nach  dem  ürtheile  der  chinesischen 
Commission ,  die  es  prüfen  sollte ,  dass  es  keinen  Glauben 
verdiene,  s.  m.  Abh.  S.  284.  Wjlie  p.  153  meint,  es  möge 
im  2.  oder  3.  Jahrhunderte  v.  Chr.  geschrieben  sein.  Die 
Vorrede  ist  von  Siüu-hiü  aus  der  D.  Tsin,  der  Commentar 
von  Ko-po. 

Dieser  Züge  Mu-wang's  nach  Westen  bis  Persien  gedenkt 
auch  ein  persischer  Schriftsteller  Abdallah  nach  der  üeber- 
setzung  eines  Abrisses  der  chinesischen  Geschichte,  wie  Gaubil 
Tr.  p.  37  bemerkt.  Aus  dem  Li-tai-ki-sse  hat  Pauthier  S.  96 
bis  101  der  Ueb.  die  Nachricht  über  diese  Züge  mitgetheilt. 
Ueber  Kung-wang,  seinen  Sohn  (946 — 934),  hat  der  I-sse 
ausser  dem  Sse-ki  und  Kue-iü  nur  eine  Notiz  aus  der  Chronik 
der  Kaiser  und  Könige. 

B.  27.  Siuen-wang  tschung  hing.  Ueber  die  ersten 
3  Nachfolger  Kung-wang's,  Y- (934— 910),  Hiao- (909— 894) 
und  Ye-wang  (894-878)  gibt  er  fast  nur  die  Notizen  des  Sse- 
ki  und  Bambubuches.  Von  Y'^-w'ang  datirt  der  Sse-ki  schon  den 
Verfall  der  Dynastie;  die  Dichter  schreiben  Satiren  auf  die 
Fürsten,  andere  beziehen  diese  aber  auf  Li-waug  (878 — 41). 
Aus  dem  Kue-iü  werden  über  diesen  die  betreffenden  Ab- 
schnitte mitgetheilt,  ausserdem  nur  noch  eine  Stelle  aus  dem 
Tscheu-^chu,  dann  über  die  Ilegeutschaft  (Kung-ho,  841 — 27) 
die  Stellen  aus  dem  Sse-ki  und  Kue-iü,  Lu-lien-tseu  und  Liü- 
sehi's  Chronik;  ebenso  bei  Siuen-wang  (827—781)  die 
betreffenden  Stellen  des  Sse-ki,  Han-schu,  Schi-king  mit  der 
Vorrede  (Schi-siü)  und  Kue-iü.  Noch  hat  er  Stellen  aus 
dem  Kin-tsing-yng,  dem  Kin-tschao,  Lün-heng,  Li-niü-tschuen  u. 
Kin-lo.  Bemerkenswerth  ist  f.  10 — 11  v.  die  alte  Insciirift 
mit  Umschreibung  in  neue  Charaktere  (f.  12  —  16)  aus  einem 
Werke  Schi  ku  wen.  d.  h.  Charaktere  auf  Stein  und  Trom- 
meln; Gaubil  Tr.  p.40  sagt,  man  sehe  in  Pe-king  im  kaiser- 


Hath:    Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  207 

liehen  Colleg  noch  Steindenkmäler  aus  der  Zeit  Siuen-wang's^^) 
in  alten  Charakteren ,  von  welchen  eine  Abbildung  nach 
Frankreich  geschickt  sei;  es  scheint  damit  diese  mitgemeint 
zu  sein.  Lie-tseu  hat  noch  angebliche  Gespräche  Siuen-wang's 
mit  Kung-i-pe  und  Anekdoten  ,  auf  die  aber  wohl  wenig  zu 
geben  ist,  ebenso  wie  auf  die  folgenden  aus  dem  Schue-yuen 
und  Me-tseu. 

B.  28.  Lie-kue-tschuen-schi,  gibt  schon  eine  Ge- 
schichte der  einzelnen  Vasallenreiche,  erst  im  Allge- 
meinen und  dann  des  Beginnes  der  einzelnen  bis  zu  Anfange  des 
Tschhün-thsieu  (722  v.  Chr.),  nemlich  die  Lu's,  Thsi's,  Yen's, 
Sung's,  Wei's,  Tschin's,  Tsai's,  Tsao's,  Ki's,  Tsin's,  Thsu's, 
U's  und  Thsin's.  Es  sind  nur  die  kurzen  Nachrichten  aus 
dem  Sse-ki  mit  wenigen  Zusätzen  bei  Lu  aus  der  Chronik 
der  Kaiser  und  Könige,  der  Geschichte  der  Han,  dem  Kue- 
iü,  dem  Lie-niü-tschuen ;  bei  Thsi  aus  Schi-king  I,  8  u.  Li-ki 
C.  Tan-kung;  bei  Wei  aus  Schi-king  I,  3,  4  und  5;  bei 
Tschin  desgleichen  aus  I,  12;  bei  Tsin  aus  I,  10;  bei 
Thsu  aus  dem  Ta-tai  Li-ki,  dem  Schi-pen ,  Ku-sse-kao  und 
Han-fei-tseu ;  bei  Tshin  aus  Schi-king  I,  11,  dem  Han-schu, 
Lie-niü-tschuen  und  dem  I-schin-ki. 

B.  29.  Tsching-thsiü-tchhe-koei,  spricht  noch  von 
Begebenheiten  im  kleinen  Reiche  Tsching,  nach  Schi-king  I, 
7  und  I,  13  und  dem  Kue-iü  K.  5,  Tsching-iü,  dem  Schue- 
yuen,  Schi-pen  und  Han-fei-tseu,  ausser  dem  Bambubuche 
und  Sse-ki. 

B.  30.  Tscheu  schi  thung  tsien,  d.  i.  das  Haus 
Tscheu  wird  nach  Osten  übertragen.  Hier  sind  ausser 
Stellen  des  Schi-king  H,  8,  3,  wie  Kaiser  Siuen-wang  824 
dem  Fürsten  Schin   Sie   verleihet,    II,  4  u.  5,     II,  7  u.  6, 


38)  Es  werden  da  10  Trommeln  aus  der  Zeit  Siuen-wang's  auf- 
bewahrt; man  findet  die  Inschriften  derselben  in  alten  Charakteren 
mit  einer  Umschreibung  derselben  in  die  heutigen  in  dem  chines. 
Werke  Kin-schi-tshui-pien  d.  i.  Sammlung  von  Inschriften  auf  Metall 
und  Stein  von  Wang-tschang,  inl60  B.  von  der  D.  Hia  bis  zur  D.  Kin, 
das  in  Berlin  in  einer  Ausgabe  vom  Jahre  1S05  ist.  S.W.  Schott's 
Verz  der  chines.  Bücher  der  k.  Bibl.  zu  Berlin  1840.  8*^.  S.  60  und 
Wylie  p.  64 


208      Sitzung  der  philos.-ijliUol.  Cla3se  vom  5.  Februar  1870. 

11,  8,  dann  I,  6,  die  wenig  oder  gar  nicht  dahin  gehören, 
noch  einige  aus  dem  Lie-uiü-tschuen ,  dem  Heu-Han  schu, 
dem  Schi-pen,  Ku-sse-kao,  Li-schi's  Chronik  u.  a. 


G)    Die   Zeit    des    Tschhün-thsieu    (722—479    v.  Chr.). 
Usurpationen  in  den  Einzelreichen,    Kampf  der  ein- 
zelnen Vasallenfürsten  unter  einander,  mit  nur  zeit- 
weiligem Üebergewicht  einzelner  (der  5  Pa). 

Tschhün-thsieu,  d.  i.  Frühling  und  Herbst,  ist  der 
Name  einer  dürftigen  Chronik  des  Confucius,  welche  die 
Begebenheiten  von  12  Fürsten  seines  Vaterlandes  Lu,  von 
Yn-kung  bis  Ngai-kung  Ao.  14  (722-484  v.  Chr.),  mit  genauer 
Angabe  der  llegierungsjahre ,  Monate  und  Tage  nach  dem 
GOtägigen  Cjclus,  enthält,  auch  die  der  Sonnenfinsternisse,  3^) 
die  der  chronologischen  Bestimmung  wegen  wichtig  sind, 
aber  auch  die  gleichzeitigen  Begebenheiten  in  den  anderen 
kleinen  Reichen  des  damaligen  China  erwähnt.  Die  Cyclus- 
zeichen  nach  den  Jahren  sind,  wie  schon  anderswo  bemerkt,*") 
erst  später  hinzugesetzt.  Nach  seinem  Vorgange  haben  dann 
auch  Spätere  ihre  Chroniken  so  genannt.  Nach  Meng-tseu 
IV,  2,  21,  1  gab  es  solche  Chroniken  auch  von  Tsin  und 
Thsu ,  die  noch  wunderlichere  Namen  hatten ,  indem  jene 
Tsching,  d.  i.  das  Viergespann,  diese  nach  einem  wilden 
Thiere  Tao-uo  hiess;  sie  haben  sich  aber  nicht  erhalten. 
Auch   diese  Chronik   wurde    unter   Thsin   Schi-hoang-ti    ver- 


39)  Ein  Yerzeichniss  aller  gibt  A.  Wylie  Eclipses  recorded 
in  Chinese  Works,  im  Journal  of  the  Nord-China  branch  of  the  R. 
As.  See.  Shang-hai  1868.   8°.  New.  Ser.  N.  IT  p.  87— 159. 

40)  s.  m.  Chronol.  Grundlage  der  alten  chines.  Geschichte,  München 
1867.  8.  a.  d.S.B.  1867  II,  1.  S.  35fg. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  209 

brannt ,  aber  später  wieder  aufgefunden ,  s.  P.  Regis.  Einl. 
zum  I-king  I,  p.  148 — 162.  Die  sehr  dürftige  Chronik  ist 
noch  nicht  herausgegeben;  man  kann  eine  chines.  Probe  mit 
üebersetzung  von  Bayer  in  Comm.  Acad.  Petrop.  T.  7  p.  335 
fgg.  sehen.  Es  gehören  dazu  noch  die  Commentare  von 
Ko-leang  und  Kung-yang.  Nach  P.  Regis.  I,  152  kam 
dieser  zum  Vorschein  unter  Han  "Wu-ti  (140 — 87  v.  Chr.), 
jener  unter  Siuen-ti  (71  v.  Chr.).  Kung-yang,  nach  der  An- 
merkung zum  Han-schu  B.  30  f.  6  v.  mit  Namen  Kao,  war 
aus  Thsi,  Ko-leang  aus  Lu  uud  sie  lebten  nach  den  72  Schü- 
lern des  Confucius ,  vgl.  auch  Gaubil  Tr,  p.  104.  Wylie 
p.  5  sagt,  sie  sollen  Schüler  Tseu-hia's  gewesen  und  ihre 
Werke  mehrere  Geschlechter  hindurch  mündlich  überliefert 
worden  sein.  Der  Commentar  Kung-yung's  solle  zu  Anfange 
der  D.  Han,  der  Ko-leang  in  der  Mitte  des  I.Jahrhunderts 
V.  Chr.  niedergeschrieben  worden  sein. 

Der  Tso-tschueu  ist  kein  solcher  Commentar,  wie 
man  gewöhnlich  sagt,  enthält  vielmehr  eine  Reihe  von  ein- 
zelneu Geschichten  aus  der  Zeit  des  Tschhün-thsieu  und  nach 
der  Folge  desselben.  Wir  wissen  im  Ganzen  nur  wenig  von 
dem  Autor.  Sein  Famihenname  war  Tso,  sein  Name  Kieu- 
ming;  er  war  aus  Tschung-tu  in  Schan-tung  und  Geschicht- 
schreiber von  Thsu  in  Hu-kuang  —  der  Han-schu  B.  30  f.  6  v. 
sagt  in  Lu  (Lu  Thai-sse),  —  ein  jüngerer  Zeitgenosse  des 
Confucius ,  nach  einigen  sein  Schüler  oder  Gehilfe.  Man 
schreibt  ihm  2  Werke  zu:  diesen  Tso-tschuen  und  den 
Kue-iü. 

Die  Staatsbibliothek  hat  in  der  Sammlung  von  Mar- 
tucci  eine  vollständige  Ausgabe  von  Confucius  Tschhün-thsieu 
(der  da  King,  Classiker,  heisst),  mit  dem  folgenden  Tschuen 
von  Tso-schi  in  60  Abschnitten  (Ti)  und  33  Heften  —  in 
dem  Exemplare  der  Staatsbibliothek  fehlt  leider  in  Heft  32 
Ti  57  f.  10  bis  Ti  58  f.  13  —  in  kl.  8°,  Eine  andere  Aus- 
11870.  I.  2.]  14 


210     Sitzung  der  philos.-philol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

gäbe  in  der  Sammlung  Ku  -  wen  -  thsi  -  tschung  -  tsuen  -  tsi  in 
29  Heften  enthält  nur  einen  Auszug  von  ihm.  wie  von  den 
übrigen  darin  enthaltenen  Schriften'*^),  ohne  den  Text  des 
Confucius.  Die  üebersetzung,  welche  Pfizmaier  in  den 
Sitzungsberichten  philos.-hist.  Cl.  der  Wieu.x\kad.  B.  13,  14, 15, 
17,  18,  20,  21,  25  und  27  von  einem  Tso-schuen  —  nach 
B.  27  S.  113  in  8  Khiueu  und  6  Heften  —  gegeben  hat,  ist 
auch  nur  ein  solcher  unvollständiger  Auszug.  Die  Zusammen- 
stellung der  üebersichteu,  wie  beide  Auszüge  sie  vor  den  längern 
Erzählungen  haben ,  würde  den  besten  Begriff  von  dem 
Werke  geben,  aber  in  dem  vollständigen  Exemplare  fehlt 
sie.  Da  dieses  Werk  immer  nach  der  Folge  der  Fürsten 
von  Lu  und  der  Jahre  ihrer  Regierung  citirt  wird ,  geben 
wir  diese  hier  an  mit  dem  Bande  der  Wiener-Sitzungsberichte. 
in  welchen  Pfizmaiers  Üebersetzung  im  Auszuge  enthalten 
ist.  Die  12  Fürsten  von  Lu  sind:  1)  Yn-kuug  (722—711, 
S.  B.  1854  13  S.  297f.),  2)  Huan-kung  (711  —  693), 
3)  Tschuang-kung  (693—661),  4)  Min-kung  (691— 659, 
alle3S.B.  13  S.  430  fgg.),  5)  Hi-kung  (659-626,  S.  B.  14 
S.  425  f.),  6)  Wen-kung  (626—608,  S.  B.  15  S.  424  f.), 
7)  Siuen-kung  (608—590,  S.  B.  17  S.  127),  8)  Tsching- 
kung  (590—572,  S.  B.  17  S.  253  fgg.),  9)  Siang-kung  (572 
—541,  S.  B.  18  S.  115  und  20  S.486f.),  10)  Tschao-kung 
(541—509,  S.  B.20  S.  514  fg.  21  S.  156und  25  S.  161f.) ,  11) 
Ting-kung  (509—494,  S.  B.  27  S.  68  f.)  und  12)  Ngai- 
kung  (494—467,  S.  B.  27  S.  113  f.).  Der  Tso-tschuen  be- 
schränkt sich  nicht  auf  Lu,  sondern  gibt  auch  gleichzeitige 
Begebenheiten  in  den  andern  Vasallenreichen.  Die  Ansicht 
von  Pfizmaiers  wenn  auch  unvollständiger  üebersetzung  kann 
einen  Begriff  davon  geben. 

Von  dem  2.  Werke  Tso-schi's,  dem  Kue-iü,  d.  i.  Reden 
aus  den  Reichen ,    stand  uns  lange  nur   der  Auszug  zu  Ge- 


41)  Es  sind:  1)  Tso-tschuen  siuen  8Hft.;  2)  Kue-iü  2Hft.; 
3)  Tschen-kue-tse2Hft.;4)  Si-y  Han-wen4Hft.;  5)  Kung-yang- 
tschuen  und  Ko-leang  tschuen  2  Hft.;  7)  Sse-ki  Siuen  3  Hft. 
und  8)  Thang,  Sung  pa  ta  kia  lui  siuen  SHefte. 


Flath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  211 

böte;  wir  verdanken  jetzt  eiue  vollständige  Ausgabe  in 
5  Heften  und  21  Kiuen*^)  der  Güte  des  Herrn  Prof.  Julien 
in  Paris.  Es  ist  nach  den  einzelnen  Pieichen,  verschieden  vom 
Tso-tschuen  geordnet. 

Es  zerfällt  in  8  Abschnitte:  K.  1—3  Tscheu-iü; 
K.  4  und  5  Lu-iü;  K.  6  Thsi-iü;  K.  7  —  15  Tsin-iü; 
K.  16  Tschiug-iü;  K.  17  und  18  Thsu-iü;  K.  19  ü-iü 
und  K.  20  und  21  Yuei-iü,  d.  h.  immer  Reden  aus  (dem 
Kaiserreiche  der)  Tscheu,  aus  Lu,  Thsi  u.  s.  w.  Um  den 
Charakter  des  Werkes  zu  zeigen,  geben  wir  die  Inhaltsanzeige 
noch  einiger  Abschnitte*^)  an;  der  beschränkte  Piaum  erlaubt 


42)  So  hat  derHan-schu  B.  30  f.  7:  Kue-iü  21Pien,  ebenso  der 
Katalog  5f.  25:  Kue-iü  21  K.;  dieser  erwähnt  noch  anderer  Werke,  die 
sich  auf  ihn  beziehen.     Der  Auszug  hat  nur  8  Kiuen. 

43)  Die  ersten  10  Abschnitte  des  Kue-iü  in  K.  1,  die  Kaiser  Mu-, 
Kung-,  Li-,  Siuen-  und  Yeu-wang  betreffen,  sind  schon  oben  S.  203 
verzeichnet.  Der  Tscheu-iü  schang  K.  1  enthält  dann  noch  die  Ab- 
schnitte : 

Hoei-wang  san  nien  Pien-pe,  Schi-so,  Wei-kue  tschü 
eul  li  wang  Tse-tui.  Dieser  geht  auf  die  Usurpation  Tse- 
tui's  unter  Hoei-wang  Ao.  3  (673).  Die  3  genannten  waren 
Grosse,  die  ihn  unterstütztea.  Vgl.  Tso-tschuen  (Lu)  Tschuang- 
kung  Ao.  20,  K.  8  f.  21,  S.  B.  13  S.  31,  de  Maiila  D  p.99. 

Schi-u  nien  yeu  schin  hiang  iü  Sin,  d.  i.  in  (seinem) 
15.  Jahre  kam  ein  Geist  herab  in  Sin. 

Siang-wang  (des  vorigen  Sohn,  651 — 18)  sendet  (sse)  Tschao- 
kung  kuo  und  den  Annalisten  des  Innern  (ki  nei-sse)  Ko  (an) 
Tsin  Hoei-kung  (seit  650)  mit  der  Bestallung  zum  Fürsten 
(ming),  vgl.  deMailla  T.  II  p.  125,  wo  aber  irrig  Schao-u-kung 
und  Nui-sse-ku  steht. 

Siang-wang  sendet  (sse)  den  Thai-tsai  "Wen-kung  und  den 
Annalisten  des  Innern  (ki  nei-sse )  Hing  an  Tsin  "Wen-kung  mit 
der  Bestallung  (ming).  Ygl.  de  Maiila  T.  II  p.  133  (Ao.636), 
wo  aber  falsch  Wang-tse-hu  und  Hing-sie  steht. 


212     Sitzung  der  phßös.-phihl.  Ctasse  vom  5.  Februar  1870. 

nicht,  alle  anzuführen,  es  bedürfte  auch,  um  sie  zu  verstehen, 
ein  Eingehen  in  die  Einzelgeschichte. 

Das  Banibubuch  S.  158 — 167  fährt  fort  in  seiner 
Chronik,  die  an  die  Folge  der  Kaiser  geknüpft  ist,  aber  im 
Ganzen  sehr  dürftig ,  nur  kurze  Notizen  aus  der  Geschichte 
der  einzelnen  Reiche  gibt. 

Was  die  genealogische  Geschichte  der  einzelnen 
Reiche  betrifft,  so  gibt  der  Sse-ki  eine  Chronik  der  be- 
deutendsten. "Wir  wollen  diese  hier  anführen  und,  da  Pfiz- 
maier  eine  Anzahl  dieser  Bücher  des  Sse-ki  übersetzt  hat 
—  meist  in  den  Sitzungsberichten  der  Wiener  Akademie,  — 
auf  diese  anbei  verweisen.  Ti  4.  Tscheu  pen-ki  enthält  die 
Chronik  der  Kaiserfamilie  der  Tscheu,  Ti  5  Tshin  pen-ki, 
die  vom  Reiche  Tshin  (in  Schen-si),^"^)  Ti  31.  U  Thai-pe 
Schi-kia,  die  der  Fürstenfamilie  Thai-pe's  in  U,  (in  Kiaug- 
nan),  übersetzt  von  Pfizmaier,  Geschichte  des  Reiches  U.  Wien 
1857  in40,  a.  d.Denkschr.  d.  Wien.  Akad.  Bd.  8;  Ti32.  Thsi 
Thai-kung  Schi-kia,  die  Geschichte  der  Familie  Thai- 
kung's  von  Thsi  (in  Nord-Schan-tung),  S.  B.  1862  B.  40  S.645 


K.  2.    Unter  Siang-wang  im  13.  Jahre    (schi-san  nien,    d.  i.  638) 

greifen  Tsching's  Leute  (jin  fa)  Hoa  an. 
Im  17.  Jahre   (Schi-tsi  nien)    führte   der   Kaiser   das    Heer  der 
Nordbarbaren  herab  (wanghiang  Thi  sse),  Tsching  anzugreifen 
(fa).    Vgl.  Tso-tschuen  (Lu)  Hi-kung  Ao.  24  (636)  K.  14  f.  21  v., 
S.  B.  14  S.  55. 
Tsin  Wen-kung  befestigte   (ki  ting)   Siang-wang   in   (der  Stadt) 

Kia  und  der  belohnte  ihn  mit  dem  Lande. 
Als  der  Kaiser  aus  Tsching  kam  (tschi  tseu  Tsching),  beschenkte 
er  (tse)  mit  (den  2  Städten  im  Kaisergebiete)  Yang  und  Fan 
Wen-kung  von  Tsin  u.  s.  w. 
44)  Ti6und7  sind  dann  SchiHoang-ti  und  Eul-schi  (seines 
Sohnes)  Pen-ki ;  die  folgenden  Ti  8 — 12  betreffen  schon  die  Geschichte 
der  D.  Han;    Ti  14 — 22   sind   chronologische   Tafeln    über   die 
S  Dynastien  und  Ti  23—30  betreffen   die  innere  Geschichte  Chinas'; 
s.  unten  S.  238. 


plath'.  Quellen  der  alten  chines,  Geschichte.  213 

bis  696;  Ti  33.  Lu  Tscheu-kung  Sclii-kia,  Geschichte 
des  Hauses  Tscheu-kuog's  von  Lu  (in  Süd-Schan-tung),  S.  B. 
Bd.  41  S.  90;  Ti  34.  Yen  Tschao-kung  Schi-kia,  Ge- 
schichte des  Hauses  Tschao-kung's  in  Yen  (in  Pe-tschi-li), 
S.  ß.  Bd.  41  S.  435  fg.;  Ti  35.  Kuen  (u.)  Tsai  Schi-kia, 
Geschichte  des  Hauses  von  Kuen  und  Tsai.  Ti  36.  Tschin 
(und)  Ki  Schi-kia,  Geschichte  (der  kleinen  Reiche)  Tschin 
und  Ki  (beide  in  Ho-nan,  wie  auch  Tsai).  Ti  37.  Wei 
Khang-scho  Schi-kia,  Geschichte  des  Hauses  Khang-scho 
iü  Wei,  S.  B.  41  S.  435  fg.  Ti  38.  Sung  Wei-tseu  Schi- 
kia,  Geschichte  des  Hauses  Wei-tseu's  von  Sung,  (wie  Wei, 
auch  in  Ho-nan).  Ti  39.  Tsin  Schi-kia,  Geschichte  des 
Reiches  Tsin  (in  Schan-si),  S.  B.  B.  43  S.  74— 152.  Ti  40. 
Thsu  Schi-kia,  Geschichte  des  Hauses  Thsu  (iü  Hu-kuang), 
S.  B.  44,  1.  S.  68—140.  Ti  41.  Yuei  Schi-kia,  Geschichte 
des  Hauses  Yuei  (in  Tsche-kiang),  S.  B.  1864  Bd.  44  S.  197 
bis  219.  Ti  42.  Tsching  Schi-kia,  die  Geschichte  des 
Reiches  Tsching  (in  Ho-nan).  Ti  43.  Tschao-,  Ti  44  Wei- 
(anders  geschrieben  als  das  obige),  und  Ti  45  Han  Schi- 
kia.  (Es  sind  dies  die  3  Reiche,  welche  später  au  die  Stelle 
des  Reiches  Tsin  in  Schan-si  traten.)  Die  Geschichte  des 
ersten  hat  Pfizmaier  übersetzt :  Geschichte  des  Hauses  Tschao. 
Wien  1858  4°.,  aus  d.  Denkschriften  Bd.  9 ;  endlich  Ti  46, 
Tien-king-tschung,  Geschichte  der  Familie  Tien  (in  Thsi), 
welche  später  die  Familie  Thai-kung's  dort  verdrängte;  dies 
war  aber  schon  nach  den  Zeiten  des  Tschhün-thsieu  391  v.  Chr.^^) 

Von  Lu  gibt  Pan-ku,  der  Geschichtschreiber  der  Ost- 
Han,  K.  21  f.  18 — 21  eine  vollständigere  Liste  der  Fürsten 
als  der  Sse-ki.  Zur  Geschichte  von  Thsu  gehört  noch  das 
Leben  von  U-tse-siü  im  Sse-ki  B.  66. 

Ueber  U  und  Yuei  haben  wir  noch  2  spätere  Geschichts- 
werke in  der  schon  oben  erwähnten  Sammlung  von  Werken 
aus  den  D.  Han  und  Wei  IL  4  und  3.  Das  erste  ist  U  Yuei 


45)  Ti  47.  Kung-tseu  Schi-kia,  die  Geschichte  des  Confucius, 
s.  unten.  S.  231.  Die  folgenden  Bücher,  T.  47 — 60,  die  Geschichte  der 
Fürstenfamilien  aus  der  Zeit  der  4.  und  5.  D.  Thsin  und  Han,  gehören 
nicht  zur  alten  Geschichte  nach  unserer  Begrenzung  derselben. 


214     Sitzung  der  philos.-xthilöl.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

tschhün-thsieu,  d.  i.  die  Chronik  von  ü  und  Yuei,  vgl. 
den  Katalog  6  f.  22  v.  Der  Verfasser  ist  Tschao-hoa  oder 
Ye  aus  der  Zeit  der  2.  oder  Ost-Han  (25—220  n.  Chr.). 
Gaubil  Tr.  p.  140  nennt  ihn  un  auteur  illustre,  Legge  T.  III, 
iProl.  p.  67  sagt  dagegen:  Tschao-i  {jo)  war  ein  Tao-sse- 
Mönch  zu  Ende  des  1.  Jahrhunderts  n.  Chr.,  sein  Werk  ist 
voll  lächerlicher  Geschichten  (er  gibt  eine  Probe  davon) 
und  es  sei  daher  nicht  glaubwürdig,  was  er  über  die  In- 
schrift Yü's  auf  dem  Berge  Ku-leu  sage.  Da  wir  den  Inhalt 
beider  Werke  in  uns.  Abh.  Ueber  die  Sammlung  chinesischer 
Werke  aus  der  D.  Han  und  Wei,  a.  d.  S.  B.  d.  Ak.  I,  2 
S.  285 — 287  bereits  angegeben  haben,  wiederholen  wir  sie 
hier  nicht. 

Der  I-sse  B.  2  gibt  in  70  Büchern,  B.  31—100  nun 
die  in  diesen  und  andern  spätem  Werken  enthaltenen  Nach- 
richten aus  der  Zeit  des  Tschhün-thsieu,  unter  dem  Titel 
Tschün-thsieu  ki  thsi-schi  kiuen.  Es  ist  keine  streng 
chronologische  Geschichte,  aber  die  Geschichte  ist  auch  nicht, 
wie  im  Sse-ki,  nach  den  einzelnen  Pieichen  blos  abgetheilt, 
sondern  er  verbindet  eine  chronologische  Folge  mit  der  Er- 
zählung der  Hauptbegebenheiten  nach  den  einzelnen  Reichen. 
Wir  geben  die  üebersicht  seiner  einzelnen  Bücher  nach  den 
Ueberschriften ,  obwohl  die  nicht  immer  Alles  darin  Ent- 
haltene umfassen.  AYie  bei  solcher  Aneinanderreihung  von 
lauter  verschiedenen  Fragmeuten  wird  auch  manches  mitein- 
gereiht, was  nicht  gerade  zu  dem  Abschnitte  gehört.  Den 
Tschhün-thsieu  des  Confucius  selbst  hat  er  hier  nicht  mit- 
aufgenommen, da  er  diesen  vollständig  in  dessen  Leben 
B.  86,  3  f.  3  v.  bis  37  mittheilt.  Seine  Hauptquellen  sind 
immer  der  Tso-tschuen,  derKue-iü  und  die  Commentare 
von  Kung-yang  und  Ko-leang  tschueu  zu  Confucius 
Tschhün-thsieu,  dann  der  Sse-ki  und  das  Bambubuch,  so 
dass  wir  diese,  namentlich  den  ersten,  nicht  bei  jedem  Buche 
anzuführen  brauchen,  sondern  nur  die  Quellen,  >die  er  sonst 
noch  ausgezogen  hat;  wo  es  keine  solchen  gibt,  setzen  wir 
nichts  hinzu.  Auch  die  eiuzelntn  Stellen  anzuführen,  würde 
uns  zu  weit  führen. 

B.  31.  Yn-kung  von  Lu  (722  fg.)  nimmt  den  Thron 
ein  (sche-wei),  hat  nur  noch  einige  Stellen  aus  dem  Schue- 


Flath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  215 

yuen,    B.  32.    Tschuang-kung   von  Tsching  (743—700) 
dringt  in  Hiii  ein  (ji  Hiü) ,    fast  nur  noch  Stellen  aus  dem 
Schi-king  I,    7,    2  —  4.      B.  33,    Wei    Tscheu-yü    Siuen- 
kiang    tschi  loen,    handelt   von    den  Unruhen    in  Wei  (in 
Ho-nau)  unter  Tscheu-iü,  der  den  Fürsten  Huan  718  tödtete. 
Hier  werden  viele  Stellen  des  Schi-king  aus  I,  5,   3,  9    und 
I,  3,  6,  7,   10,   11,  14  bis  19    ausgezogen    auch    eine   Stelle 
Han-fei-tseu's.      B.    34.    Schang-kung's    (719  —  709)    und 
Min-kuug's  (691  —  681)  von  Sun g  Ermordung  (tschi  scha). 
Aus  dem  Schue-yuen  und  dem  Li-ki  C.  Tan-kung   sind   hier 
noch    einige   Stellen.      B.  35.    (Kaiser)    Huan-wang    greift 
(fa)    Tsching    an    (707);    aus    Schi-king   I,  7,    6  —  9    folgen 
einige  Stellen.     B.  36.    Die  Wirren  (loen)   der  Wen-kiaug 
(der   Frau    des   Fürsten    Huan-kung)    von    Lu    (711  —  693). 
Aus  Schi-king  I,  8,  6,  9—11  und  Li-ki  C.  Tan-kung  werden 
ein  Paar  Stellen   angezogen.     B.  37.    Thsi  vernichtet  (mie) 
(das   kleine   Reich)    Ki.      B.    38.     Li-kung    von    Tsching 
(?  696  fg.)  bemächtigt  sich    mit  Gewalt    der  Reiche  (tschuan 
kue).     Er  gibt  noch  Stellen  aus  dem  Schi-king  Tsching-fung 
I,  7,  9  —  21  und  eine  aus  Han-fei-tseu.     B.  39.  (Das  Neben- 
reich von  Tsin)  Kio-uo  vereinigt  (680)  mit  sich  (ping)  Tsin. 
Hier  nimmt  er  Stellen  aus  dem  Schi-king  Tang-fung  I,   10, 
2 — 10  auf.     B.  40.    Die  Unruhen  (loen)  Khing-fu's  in  Lu. 
Aus  Liü-chi's  Chronik    wird  noch    ein  angebliches  Gespräch 
Tschuan-kung's    von   Lu  (693 — 661)    mit  Yen-ho    berichtet, 
nach    der  Note    hat    der  Kia-iü   aber    ein   solches  zwischen 
Ting-kung  (509 — 494)    mit  Yen-hoei ;     man  sieht  wie  unzu- 
verlässig  diese  späteren  Geschichten  sind.     Noch  hat  er  ein 
Paar  Notizen  über  jenen  Fürsten  aus  Schin-tseu,  dem  Schue- 
yuen  und  dem  Li-ki  über  die  Beerdigung  jenes  (661  v.  Chr.). 
B.  41.     Wang-tseu-ke  Tseu-thui  tschi  loen.     Die  Un- 
ruhen (loen)   (im  Kaiserreiche)  von  Tseu-thui,  dem  Sohne 
Tschuang-waug's.    der  Hoei-wang  verdrängte  (675  —  672). 
B.  42.  Der  Fürst  (Tseu)  von  Thsu  (Wu-wang  740-689  und 
seine    Nachfolger  Tsching-wang    (671  —  625)    und  Mu-wang 
(625 — 613)  greifen  mehrere  (kleine)  Reiche  an  und  vernich- 
teten sie  (fa  mie  tschu  kue).     Er   zieht  noch   einige  Stellen 
aus  Liü-schi's  Chronik,    dem  Lie-niü-tschuen,  Hoai-nan-tseu, 
dem  Schue-yuen  und  dem  Han-schi  uai-tschuen  herbei.  B.  43. 


216     Sitmng  der  philos.-pJiilöl.  Classe  vom  5.  Februar  1870, 

Hi-kung  von  Wei  (ia  Ho-nan,  668 — 660)  verliert  das  Reich 
(wang  kue)  ?  Hier  gibt  er  noch  Stellen  aus  dem  Schi-king 
I,  4,  2 — 10  und  I,  5,  6  und  10,  dem  Li-ki  C.  Tan-kung, 
dem  Lie-niü-tschuen  über  seine  Frau,  aus  Han-fei-tseu  und 
dem  Sin-schu.  B.  44  1 — 4  in  4  Abthlg.  (Die  Thaten)  des  Ge- 
waltherrschers (Pa)  von  Thsi  Huan-kung  (685 — 643 
und  seines  Ministers  Kuan-tseu).  Aus  dem  Schi-king  wer- 
den I,  8,  8  und  7  ausgezogen,  dann  Stellen  aus  Liü-schi's 
Chronik,  Han-fei-tseu,  dem  Han-schi  uai-tschuen,  Schue-yuen, 
Lie-niü-tschuen,  Sin-siü,  Li-ki  C.  Tsa-ki,  Schang-schu-tschung- 
heu,  aus  Siün-tseu,  Tschuang-tseu,  Hoai-nan-tseu,  besonders 
aber  reichliche  Auszüge  enthält  beinahe  das  ganze  Buch  44, 
3  und  4  aus  Kuan-tseu.  Diesem  Minister  Huan-kung's 
von  Thsi ,  der  645  v.  Chr.  starb ,  schreiben  die  Tao-sse 
Werke  zu,  die  aber  nicht  zuverlässig  sind  nach  Gaubil 
Tr.  p.  104;  Premare  Diso.  prel.  z.  Chou-king  p.  LIX  äussert 
kein  Bedenken.  Ein  Kuang-tseu  (Tschung)  wird  unter  den 
10  s.  g.  Philosophen  (Tseu)  aufgeführt  und  man  rechnet 
seine  Schriften  zu  der  Classe,  die  über  Gesetze  handeln  (fa- 
kia),  s.  unten  S.  236.  Da  mir  die  Tseu  nicht  zu  Gebote  stehen, 
weiss  ich  nicht,  ob  der  ganze  Kuan-tseu  im  I-sse  aufgenommen 
ist.  Es  ist  aber  wohl  die  Frage,  ob  die  Dialoge,  die  ihm 
mit  dem  Fürsten  Huan-kung  in  den  Mund  gelegt  werden, 
von  ihm  sind  oder  sie  nur  als  ein  literarisches  Produkt  unter 
seinem  Namen  wohl  noch  aus  alter  Zeit  zu  betrachten  seien; 
Wylie  p.  74  meint ,  jedenfalls  habe  das  Werk  viele  Zusätze 
nach  seinem  Tode  erhalten ;  es  seien  jetzt  24  Bücher  ur- 
sprünglich in  86  Sectionen ,  wovon  aber  10  verloren  seien ; 
Die  Sache  verdient  eine  besondere  Untersuchung.  B.  45. 
Tsin  (unter  Hien-kung,  676 — 650)  vernichtet  (mie)  (das 
kleine  Reich)  Hao.  Der  Schi-king  I,  10,  11,  der  Sin- 
schu  und  Schue-yuen  werden  aufgeführt.  B.  46.  Lu's  Leute 
(jin)  preisen  (sung)  Hi-kung  (659 — 626).  Hier  findet  man 
Auszüge  aus  Schi-king  Lu-sung  IV,  1,  1 — 4.  B.  47.  Sung's 
(Fürst)  Siang-kung  (650—636)  strebt  nach  der  Würde 
eines  Pa  (tu  Pa).  Hier  sind  ein  Paar  Stellen  aus  Schi-king 
I,  5,  7  mit  der  Erklärung  und  aus  Han-fei-tseu  und  Li-ki 
C.  Tan-kung.  B,  48.  Die  5  Söhne  fu-tseu,  Huan-kung's)  von 
Thsi  (t  643  v.  Chr.)   streiten   sich   um  den  Thron  (tseng-li). 


Flath:  QiKllen  der  alten  chines.  Geschichte.  217 

Er  hat  noch  Stellen  aus  Han-fei-tseu,  Liü-schi's  Chronik  und 
Kuan-tseu.  B.  49.  Die  Unruhen  (loen)  des  Kaisersohnes  Tai, 
(des  Bruders  Siang-wang's  649).  Ausser  dem  Kue-iü  hat  er 
nur  eine  Stelle  aus  dem  Sin-iü  noch.  B.  50.  Mo-kung's  von 
Tsching  Thronbesteigung  (627).  Er  hat  nur  eine  Stelle 
aus  Me-tseu  noch.  B.  51,  1  und  2.  Die  Thaten  des  Gewalt- 
herrschers (Pa)  Wen-kung  von  Tsin  (637 — 627),  in  2.  Ab- 
theilungen. DieersteAbth.  betrifft  mehr  seine  Vorgänger,  Hien- 
(676—650)  und  Hoei-kung  (650  fg.).  Der  I-sse  zieht  aus 
den  Kue-iü,  Han-fei-tseu,  eine  Stelle  aus  Schi-king  I,  10, 
12,  dann  aus  Li-ki  C.  Tau-kung,  dem  Lie-niii-tschuen  und 
Liü-schü's  Chronik,  u.  in  Abth.  2  aus  dem  Kue-iü,  Fu-tseu, 
Hoai-nan-tseu,  Han-fei-tseu,  Schi-king  1. 11,  9undl,  14,  2  —  4, 
Han-schi  uai-tschuen,  Liü-schi's  Chronik,  dem  Sin-siü,  Schue- 
yuen,  Kin-tsao  und  Lie-sien-tschuen  (der  Tao-sse  Biographie) 
Stellen  aus.  B.  52.  Wei  Yuen-hiuen  keu-sung  bezieht 
sich  auf  Yuen-hiuen  in  Wei,  der  bei  seinem  Fürsten  angeklagt 
war,  dessen  Bruder  auf  den  Thron  erheben  zu  wollen  (631); 
vgl.  de  Maiila  T.  H  p.  140.  B.  53.  Lieu-hia-hoei's^^j 
aus  Lu  AVeisheit.  Der  I-sse  zieht  aus  dem  Kue-iü,  dem  Schue- 
yuen,  Liü-schi's  Tschhün-thsieu,  Tschhüu-thsieu-fan-lu,  Lie-niü- 
tschüen,  Fung  su-tung.  Fu-tseu,  Hoai-nan-tseu,  Han-schi  uai 
tschuen  und  Kia-iü  Stellen  aus.  B.  54.  Mu-kung  von 
Thsin  (659  —  620),  Gewaltherrscher  über  die  West- Jung 
(Barbaren).  Aus  Liü-schi's  Chronik  und  dem  Schue-yuen, 
werden  die  Anekdoten  erzählt,  wie  sein  Minister  Pe-li-hi  sich 
angeblich  bei  ihm  einführte,  denen  Meng-tseu  V,  1,  9  schon 
widersprach.  Noch  hebt  er  aus  dem  Kue-iü,  Hoai-nan-tseu, 
dem  Kao-sse-tichuen.  Schu-king  V,  30,  Schi-king  I.  1,  11, 
6,  7  und  10,  Han-fei-tseu,  Sin-schu,  Lün-heng  und  Lie-sien- 
tschuen  Stellen  aus.  B.  55.  Ling-kung's  von  Tsin  Er- 
mordung (scha,  606).  Er  gibt  Stellen  aus  dem  Kue-iü,  Schi- 
king  I,  11,  8,  Schue-yuen  und  Liü-schi's  Chronik.  B.  56. 
Hia-schi's  Unruhen  (loen)  in  Tschin  ('unter  Ling-kung 
613— 598j.     Er  hebt  aus  den  Kue-iü.  Sin-schu,  Schi-king  I, 


46)  Dieser  Weise  wird  von  Confacius  u.  Meng-tseu  öfter  erwähnt, 
z.B.  Lün-iü  18,  2  u.  8  §1,  15,  13,  Meng-tseu  II,  1,  9  und  YII,  2,  15. 


218     Sitzung  der  philos.-phihl.  Glosse  vom  5.  Februar  1870. 

12,  9,  Schue-yuen  und  Kia-iü.  B.  57.  Tschuang-wang  von 
Tlisu  (613 — 590)  kämpft  als  Gewaltherrscher  (tseng  pa).  Er 
hat  noch  Stellen  über  ihn  aus  dem  Lie-niü-tschuen,  Sin-siü, 
ü  Yuei  tschhün-thsieu,  Liü-schi's  Chronik,  Han-fei-tscu,  Siün- 
tseu,  Hoai-nau-tseu ,  Han-schi  uai-tschuen,  Wang-sün-tseu, 
Schue-yuen,  Tschuang-lie-tseu,  Sün-scho-ugao-pi,  Kin-tschao 
und  Scho-i-ki.  B.  58.  Tsin  vertilgt  (mie)  die  rothen  (tschi) 
Ti  (Barbaren).  Er  hat  eine  Stelle  aus  Lie-tseu.  B.  59. 
Tsin  Thsi  mo-yen  tschi  i.  Mo-yen  ist  ein  Hügel.  Er 
zieht  aus  den  Kue-iü,  Sin-schu,  Han-fei-tseu  und  Schue-yuen. 
B.60.  Kampf  zwischen  Thsin  und  Tsin  (wei  tsching),  nach 
dem  Kue-iü,  Tso-schuen  und  Thsu-tse  tschü.  B.  61.  Kampf 
(tschen)  zwischen  Tsin  und  Thsu  zu  Yen-liug  (in  Ho-nan 
575),  mit  Stellen  aus  dem  Kue-iü,  Hoai-nan-tseu  und  Han- 
fei-tseu.  B.  62.  U  thung  schang  kue,  U  erhebt  sich 
zum  grossen  Reiche,  nach  dem  ü  Yuei  tschhün-thsieu  und 
Yuei-tsiue  schu,  dem  Han-schi  uai-schnen,  Li-ki  C.  Tan-kung, 
Schue-yuen  und  Sin-siü.  B.  63.  Tscheu  kung  yue,  eine 
üebersicht  der  verschiedenen  Grossen  (kung),  die  im  Kaiser- 
reiche Tscheu  auftreten  (612  fg.).  B.  64.  Tao-kung  von 
Tsin  tritt  wieder  auf  (fo)  als  Pa.  Der  I-sse  hat  Auszüge 
aus  dem  Kue-iü,  Liü-schi's  Chronik,  dem  Schue-yuen  und 
Han-fei-tseu.  B.  65.  Tseu-tschin  führt  in  Sung  die  Re- 
gierung (wei  tschiug).  Citirt  wird  noch  Han-fei-tseu,  Li-ki 
C.  Tan-kung  über  Trauer,  Liü-schi's  Chronik,  der  Schue-yuen 
und  Han-schi  uai-tschuen.  B.  66.  Thsu  vernichtet  (mie,  die 
kleinen  Reiche)  Yung  und  Schu  (611).  B.  67.  Wei  Sün 
ning  fa  li,  bezieht  sich  auf  das  Reich  Wei  (in  Ho-nan). 
Die  Stelle  aus  Lie-niü-tschuen  auf  Tiug-kung's  (588 — 576) 
Frau  u.  aus  Kung-tschung-tseu  gibt  er  ein  Gespräch  Tseu-kung's 
mit  Confucius  über  Sün-wen-tseu ,  den  Minister  von  Wei. 
Noch  hat  er  Stellen  aus  dem  Li-ki  C.  Tan-kung,  dem  Sin- 
iü  und  Liü-schi's  Chronik.  B.  68.  Lu's  Entfremdung 
(Streit,  yuen)  mit  (den  kleinen  Reichen)  Tschü  und  Kiü. 
Aus  Li-ki  C.  Tan-kung  eine  Stelle  über  die  Trauer ;  in  der 
Stelle  aus  dem  Kia-iü  fragt  Tseu-lu  Confucius  nach  Tsang- 
wen-tschung.  B.  69.  Thsu  U  ling-yn  tai  tsching.  Thsu's 
Ling-yn  (dies  war  da  der  Amtsname  des  Minister's)  wechseln 
in    der   Regierung.      Der   I-sse   hat    Stellen    aus    Liü-schi's 


Plath:  Quellm  der  alten  chines.  Geschichte.  219 

Chronik,  dem  Schue-yuen,  Han-fei-tseu  und  Kue-iü.  B.  70. 
Die  Unruhen  (loen)  von  Thsui  und  King  in  Thsi.  Erst 
aus  dem  Kia-iü  eine  Stelle ,  dann  aus  Hoai-nan-tseu ,  dem 
Schue-yuen ,  Lie-niü-tschuen ,  Ku-kin  tschü  ,  Kin-tsao ,  Han- 
schi uai-tschuen,  Sin-siü;  Han-fei-tseu.  Liü-schi's  Chronik  und 
aus  Yeu-tseu,  oder  wie  andere  lesen  Ngan-  (Gan-)  tseu's 
(Yng)  (Minister  in^^)  Thsi).  B.  71.  Tschin  eul  khing  tschi 
loen,  d.  i.  Unruhen  der  beiden  Khing  in  Tschin.  Die  Ueber- 
schrift  entspricht  dem  Inhalte  nicht  ganz  ;  es  ist  nur  1  Blatt  aus 
Tso-tschuen  Siang-kung  A.  20  fg.,  Ko-leang  und  Kung-yang. 
B.  72.  Tschu-heu  me  ping.  die  Vasallenfürsten  weisen 
die  Waffen  zurück.  (Dieselbe  Quelle  A.  25  und  Li-ki  C.  Tan- 
kung). B.  73.  Sung-kung  ki  tschi  tsching.  Das  kurze  C. 
hat  ausser  Tso-tschuen  Ting-kung  A.  8  fg.  nur  noch  eine  Stelle 
aus  dem  Se-yuen-yao-lo  und  dem  Lie-niü-tschuen ,  (die  du 
Halde  H.  p.  670  übersetzt  hat).  B.  74.  Tseu-tschan  als 
Minister  (siang,  im  Reiche)  Tsching  (s.  über  ihn  m.  Hist.  Einleit. 
zu  Confucius  Leben  S.  426).  Er  hat  Stellen  über  ihn  noch 
aus  Liü-schi's  Chronik,  Han-fei-tseu,  Schi-tseu,  dem  Schue- 
yuen,  Kue-iü,  Theng-si-tseu,  Han-schu  und  Lie-tseu.  B.  75. 
Ling-kung's  von  Wei  (in  Ho-nan)  Thronbesteigung  (li,  534  bis 
492).  Er  gibt  noch  Stellen  aus  dem  Li-ki  C.  Tan-kuug, 
Schi-pen.  Schue-yuen,  Sin-siü,  ^Yang-sün-tseu,  Hoai-nan-tseu, 
Tschuang-tseu,  dem  Tschen-kue-tse  (s.  unten  S.  224),  Lie-niü- 
tschuen  (bei  du  Halde  H  p.  666)  und  Ho-i-ki.  B.  76.  Die  Un- 
ruhen (loen)  unter  Ling-wang  von  Thsu  (540 — 528).  Ausser 
dem  Kue-iü  hat  er  Stellen  aus  dem  Schue-yuen,  Han-fei-tseu, 
Lu-hen-tseu,  Sin-schu,  Scho-i-ki,  aus  Me-tseu  und  Li-ki  C. 
Tan-kung.     B.  77.   Yen-tseu  (oder  Ngan-tseu)  als  Minister 


47)  Meng-tseu  erwähnt  ihn  öfter  I,  2,  4,  411,  1,  1;  s.  m.  Hist.  EinL 
zu  Confucius  Leben  S.  397,  407,  435.  Ueber  seine  Chronik  (Tschhün- 
thsieu  in  6  K.)  s.  Han-schu  B.  30  f  12  und  den  Katalog  C.  6  f.  10. 
Viele  Auszüge  enthält  daraus  auch  der  I-sse  B.  77.  Wylie  p.  28  sagt 
Gan-tseu  war  ein  Schüler  Me-tseu's,  des  Gegners  von  Meng-tseu, 
das  Werk  sei  eine  Biographie  desselben,  man  wisse  nicht  von  wel- 
chem Verfasser —  Premare  Disc.  prel.  z.  Chou-king  p.  LXXXH  nennt  ihn 
den  Verfasser  des  Buches.  —  man  habe  aber  guten  Grund  anzu- 
nehmen,   dass  das  Werk  mehrere  Jahrhunderte  vor  Christus  alt  sei 


220     Sitzung  der  philos-philol  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

(siang)  in  Thsi  (547—489)  in  2  Abth.  Er  hat  noch  Stellen 
aus  dem  Schue-yuen ,  Sin-siü ,  Han-schi  uai-tschuen ,  Hoai- 
nan-tseu,  Lie-niü-tschuen ,  Liü-schi's  Chronik,  Han-fei-tseu, 
Me-tseu,  Tseu-lioa-tseu  und  besonders  reiche  Auszüge  aus 
dem  Werke  unter  Yen-tseu 's  Namen,  s.  oben  Anm.47.  B,  78. 
Tsin  schi  tschu  heu,  Tsin  (Ping-kung  557 — 531)  vernach- 
lässigt die  Vasalleufürsten.  Der  I-sse  gibt  Stellen  aus  dem 
Kue-iü,  Li-ki  C.  Tan-kung,  Han-fei-tseu,  Sin-siü,  Schue-yuen, 
Kao-sse-tschuen ,  Hoai-uan-tseu,  Ho-i-ki,  Sung-fu-sui-tschi, 
Liü-schi's  Chronik,  Han-schi  uai-tschuen  und  Lie-niü-tschuen. 

B.  79.  Tschin-schi  tschuen  Thsi.  Die  Familie  (des 
Fürsten)  von  Tschin  begibt  sich  nach  Thsi.  Er  zieht  noch 
aus  Schi-king  I,  12,  6 — 6,  den  Lie-niü-tschuen,  Yen-  (oder 
Ngan-)  tseu,  Han-fei-tseu  ,  Kung-tschung-tseu ,  Kue-iü ,  Li-ki 

C.  Tan-kung,  Schue-yuen,  Sin-siü,  Han-schi  uai-tschuen  und 
Hoai-nan-tseu,  aber  wie  schon  bemerkt,  beziehen  diese  Stellen 
sich  nichts  weniger  als  immer  auf  den  Gegenstand  der  Ueber- 
schrift.  B.  80.  San  Ho  an  jo  Lu.  Die  3  Hoan  (mächtige 
Familien  da)  schwächen  Lu.  Er  hat  noch  Stellen  aus  dem 
Kue-iü,  Han-fei-tseu,  Li-ki  C.  Tan-kung,  Tsa-ki  (20  fg.)  und 
Jü-tsao  (c.  13),  Hoai-nan-tseu,  Schi-pen,  Tschuang-tseu,  Sin- 
lün  und  Sin-siü.  B.  81.  Sung-kung  tso  fei  hing.  Verfall 
und  Erhebung  der  Familie  des  Fürsten  von  Sung.  B.  82.  Wang 
Tseu-tschao  tschi  loen.  Unruhen  im  Kaiserreiche  nach 
dem  Kue-iü,  Tscheu-schu,  Schi-tseu,  Tsün-iü-lün,  Schue-yuen, 
Han-fei-tseu  und  Hoai-nan-tseu.'*^)  B.  84.  Tsching  ver- 
nichtet (mie)  (das  kleine  Reich)  Hiü  (503).  B.  85.  Tsin 
vernichtet  (mie)  (die  kleinen  Reiche)  Fei  und  Ku.  Er  gibt 
Stellen  aus  dem  Kue-iü  und  Hoai-nan-tseu.*^)  B.  87.  Tsin 
khing  fa  hing,  in  zwei  Abth..  die  Minister  in  Tsin  erheben 
sich.  Er  gibt  Stellen  aus  Schi-king  I,  9,  1  und  3 — 7,  dem 
Schi-pen ,  Han-fei-tseu ,  Kue-iü ,  Schi-tseu ,  Lie-niü-tschuen, 
Sin-siü,  Lie-tseu,  Schue-yuen,  Kia-iü,  Han-schi  uai-tschuen, 
Tschuang-tseu,  Liü-schi's    Chronik,    dem    Schui-king  tschü, 


48)  B.  83  über  Lao-tseu  s.  unten  S.  235. 

49)  B.  86  in  6  Abschnitten  über  Confucius  Leben  s.  unten  S.  231 
B.  86 — 111  des  I-sse  sind  verbunden  in  Band  3. 


i 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  221 

Tsclien-kue-tse  und  Me-tseu.  B.  88.  Lu  pei  tschin  kiao 
puan,  Lu's  Grossbeamter  (Yang-ku)  rebellirt.  Ausser  Tso- 
tschuen  Stellen  aus  dem  Kia-iü  und  Han-fei-tseu.  B.  89. 
U  dringt  ein  (ji)  in  Yug  (Tschu's  Hauptstadt).  Er  gibt  Stelleu 
aus  dem  U  Yuei  tschhün-thsieu,  Yuei  tsue  schu,  Liü-schi's 
Chronik,  Schue-yuen,  Han-fei-tseu,  Sin-iü,  Han-schi  uai-tschuen, 
Kue-iü ,  Siu-lün ,  Sin-schu ,  Lie-niü-tschuen  ,  Hoai-nan-tseu, 
Po-Yoe-tscbi ,  Scbo-i-ki ,  Sin-siü  und  f.  22  — 33  den  ganzen 
Sün-tseu;  über  diesen  s.  unten  S.  237.  B.  90.  King-kung 
von  Sung  (516—450)  vernichtet  (mie)  (das  Reich)  Tsao. 
Er  hat  noch  Stellen  aus  Liü-schi's  Chronik,  dem  Ho-i-ki 
und  Han-schu.  B.  91.  King-kiang's  von  Lu  Weisheit  (hien), 
nach  dem  Lie-niü-tschuen,  Kue-iü,  Han-schi  uai-tschuen,  Kung- 
tschung-tseu  und  Li-ki  C.  Tan-kung.  B.  92.  In  Wei  (in 
Ho-nan)  kämpfen  Tschuang-kung  und  Tschü-kung,  Vater 
und  Sohn,  um  das  Reich  (tseng-kue  492—476).  Der  I-sse 
hat  noch  Stellen  aus  Kung-tschung-t&eu ,  dem  Li-ki  C.  25 
Tsi  tung  und  dem  Tschen-kue-tse.  B.  93.  Thsu's  König, 
Hoei,  vernichtet  (mie)  (das  Reich)  Tschin  (477  v.  Chr.). 
Er  hat  Stellen  aus  Li-ki  C.  Tan-kung,  dem  Schue-yuen,  Lie- 
niü-tschuen,  Han-fei-tseu,  Han-schi  uai-tschuen,  Sin-siü,  Liü- 
schi's  Chronik,  Hoai-nan-tseu,  dem  Sin-schu  und  Kue-iü. 
B.  94.  Pe-kung's  in  Thsu  Unruhen  (loeu).  Die  Stelleu  sind 
aus  einem  Gespräche  des  Coufucius  mit  Tseu-kung  bei  Han- 
fei-tseu,  dem  Schue-yuen,  Hoai-nan-tseu,  Kung-tschung-tseu, 
Lie-tseu,  dem  Kue-iü,  Sün-tseu,  Sin-siü,  Han-schi  uai-tschuen, 
Lie-niü-tschuen  und  Tschuang-tseu.^°)  B.  96.  in  2  Abtheil- 
ungen. Yuei  vernichtet  (mie)  (das  Reich)  ü  (472  v.Chr.). 
Ausser  dem  Yuei  tsue-schu,  dem  ü  Yuei  tsclihün-thsieu  und 
dem  Kue-iü  hat  er  Excerpte  aus  Hoai-nan-tseu,  Han-fei- 
tseu,  dem  Schue-yuen ,  Sin-schu ,  Liü-schi's  Chronik ,  dem 
Lün-heng ,  Me-tseu ,  Schui-king  tschü ,  Han-schi  uai-tschuen, 
Sin-lün^^)  und  Sin-siü,  Lie-sien-tschuen ,  Fu-tseu,  Kung- 
tschung  tseu,  dem  Y^ang-iü-king,  Scho-i-ki  und  Ho-i-ki.    B.  97. 


50)  Ueber  B.  95  in  3  Abthl.,  das  von  Confucius  Schülern  handelt, 
».traten  S.  231. 

51)  In  der  Sammlung  III,  16,  s.  m.  Abh.  darüber  S.  308. 


222     Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Wang  tschao  kiao  Lu,  der  Verkehr  des  Kaiserhofes 
(von  Ping-waug  bis  King-wang)  mit  Lu.  B,  98.  Siao 
kue  kiao  Lu,  über  den  Gesandtschaftsverkehr  mehrerer 
kleinen  Reiche  mit  Lu  zur  Zeit  des  Tchhün-thsieu.  Es 
sind  Ki,  Teng,  Sie,  Seu,  Tscheu,  Ko,  Teng  (anders  ge- 
schrieben) ,  Tsao ,  Meu ,  Ko ,  Klein-  (Siao)  Tschü ,  Siao, 
Kuai,  Kao,  Kiai,  Tsching,  Tan  und  die  Barbaren  Jung  und 
Pe-ti ;  nur  sehr  kurze  Notizen ,  so  auch  B.  99.  die  Notizen 
aus  der  Zeit  des  Tschhün-thsieu  über  die  Opfer  (Kiao- 
sse)  die  Schaltmonate  (So-iun),  die  Jagden  (Seu-scheu), 
die  Erbauung  von  Stadtmauern  (Tsching-tscho)  und 
allerlei  Calamitäten  (Tsai-i)  in  Lu,  nach  dem  Tso- 
tschuen  und  Kue-iü,  endlich  B,  100.  Tschhün-thsieu  I  sse, 
d.  i.  im  Tschhün-thsieu  ausgelassene  Begebenheiten,  sammelt 
noch  allerlei  Notizen  über  Vorkommnisse  in  dieser  Zeit  aus 
dem  Siu-schu,  Li-ki  C.  Tan-kung,  Liü-schi's  Chronik,  dem 
Schue-yuen,  Lün-heng,  Lie-tseu,  Sin-siü,  Lie-sse-tschuen,  dem 
Lie-niii-tchuen,  Han-schi  uai-tschuon,  Khiüe-tseu,  Schi-tseu, 
Hoai-nan-tseu ,  Tsclmang-tseu ,  Han-fei-tseu ,  Fung-su-tung, 
Schui-king  tschü,  Schi-pen,  Scho-i-ki,  Tschuen-tseu,  Me-tseu 
und  Lie-sien-tschuen. 

7)    Die  Zeit   der   streitenden  Reiche  (Tschen-kue)  479 
bis  255  v.  Chr.     Politische  Verhältnisse. 

Wir  haben  gesehen,  wie  die  Menge  der  kleineren  Reiche 
allmählig  von  den  grösseren  verschlungen  wurden ;  es  blieben 
ohngefähr  zu  der  Zeit,  wo  Confucius  Chronik  von  Lu  endet 
oder  bald  nachher  neben  einigen  kleineren  nur  noch  6  grössere 
Reiche,  deren  Fürsten  nun  nicht  mehr,  wie  früher  die 
s.  g.  Gewaltherrscher  (Pa) ,  um  zeitweihge  und  wechselnde 
Hegemonie  kämpften,  sondern  einen  beständigen  Kampf  um 
die  Oberherrschaft  über  ganz  China  führten,  bis  es  endlich 
Thsin  Schi  hoang-ti  gelang,  das  Werk  seines  Vorgängers  zu 
vollenden  und  ganz  China  unter  seine  Herrschaft  zu  bringen, 
und  so  statt  der  Feudalmonarchie  die  absolute  Monarchie 
zu  gründen.     Man  nennt  es  die  Zeit  der  streitenden  Reiche, 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  223 

Diese  Reiche  waren  Thsin  in  Schen-si,  Hau,  Wei  und 
Tschao,  —  welche  an  die  Stelle  des  früheren  Tsin  in 
Schan-si  getreten  waren ,  aber  dessen  Gebiet  sehr  erweitert 
besassen,  —  Tsu  in  Hu-kuang,  Kiang-nan  u.  s.  w.,  Thsi  in 
Schan-tung  und  Yen  in  Pe-tschi-li.  Es  bestanden  ausserdem 
noch  Lu  in  Schan-tung ,  ^Yei  in  Ho-nan ,  und  eine  Zeitlang 
Sung  ebenda,  die  aber  keine  Rolle  weiter  spielten,  ebenso- 
wenig als  die  Kaiser  in  Tscheu. 

Was  die  Quellen  für  die  politische  Geschichte  die- 
ser Zeit  betrifft,  so  kommen  hier  zunächst  aus  dem  Sse-ki,  — 
der  hier  für  uns  erste  Quelle  wird,  —  die  schon  angeführten 
Partikulargeschichten  dieser  Reiche  im  Sse-ki  B.  5  und  6, 
34j  43,  44^  45  und  besonders  46,  die  Geschichte  von  Thsi 
unter  der  Familie  Tien  in  Betracht.  Ausser  den  Fürsten 
treten  aber  in  dieser  Zeit  auch  bedeutende  Feldherrn,  Staats- 
männer und  Philosophen  auf,  von  welchen  besondere 
Biogi'aphien  im  Sse-ki  sich  finden.  "Wir  geben  hier  daher 
die  Liste  derselben ,  und  da  Pfizmaier  einige  derselben  in 
den  S.  B.  der  Wiener  Akademie  übersetzt  hat,  verweisen 
wir  auf  die  betreffenden  Bände.  Nähere  Nachrichten  über 
die  Einzelnen  zu  geben ,  erlaubt  die  gebotene  Kürze  nicht. 
Die  ersten  Biographien  im  Sse-ki  fallen  noch  in  die  frühere 
Periode.  ^^) 

ß.  68.  Schang-kiün,  der  Fürst  von  Schang  (Minister 
TshiuHiao-kung's  (361—337),  S.  B.29,  S.  98— 119.  Der  Han- 
schu  B.  30  f.  17  V.  hat  unter  den  Fa-kia  ein  Werk  von  Schang- 


52)  So  Sse-ki  B.61  Pe-i;  B.  62  Ktian-tscliun  g  und  Yen- 
yng;  B.  63Lao-tseu  und  Tschuang-tseu;  Schin-pu-yen  und 
Han-fei-tseu;  B.  64  Sse-ma-siang;  B.  65  Sün-tseu  und  U-ki 
(S.B.  30  S.  267— 273);  B.  66  ü-tseu-siü  u.  B.  67  Tschung-ni  ti- 
tseu,  d.  L  Confucius  Schüler.  Auf  die  Litteraten  darunter  werden 
wir  später  noch  zurückkommen. 


224     Sitzung  der  pMos.-phüol  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Idün  29Pien;  B.  69.  Su-tai,  S.  B  32  p.  642  fg.;  B.  70. 
Tschang-i,  S.  B.  33  S.  525  fg.;  B.  71.  Hoa-li-thsi  und 
Kan-meu;  B.  72.  Jang-heu,  S.  B.  30  S.  155  — 165; 
B.  73.  Pe-ki  und  VVang-tsin;^^)  B.  75.  Meng-tschang 
kiün,  der  Fürst  von  Meng-tschang  (Minister  in  Thsi),  S.  B. 
31  S.  66— 87;  B.  76.  Ping-yuen  kiün^^)  und  Jü-khing, 
der  Minister  von  Jü,  S.  B.  31  S.  87—104;  B.  77.  Sin- 
ling,  S.  B.  48  S.  172  —  192;  B.  78.  Tschhün-schin,  S. 
B.  31  S.  101— 120;  B.  79.  Fan-hoei,  S.  B.  30  S.227— 273; 
B.  80.  Lo-i,  Feldherr  von  Tschao  408  v.  Chr.,  S.  B.  28 
S.55— 87;  B.  81.  Lien-po,  Lin-siang,  S.  B.  28  S.  69— 87; 
B.  82.  Tieu-tan,  S.  B.  28  S.  65— 69;  B.  83.  Lu-tschung 
lien  und  Tseu-yang,  S.  B.  35  S.  221— 247.  Der  Han- 
schu  B.  30  f.  13  hat  von  jenem  4  Pien.  B.  84.  Kiu-yuen 
(Minister  und  Dichter  in  Thsu)  und  Ku-i;  B.  85.  Liü-pu- 
wei,  s.  oben  Anmkg.  5.  Die  folgenden  B.  86  u.  s.  w.  ge- 
hören   schon   in    die   Zeit    der  nächsten  4.  D.  Thsin. 

üeber  die  Zeit  der  streitenden  Reiche  haben  wir  dann 
ein  besonderes  späteres  Werk  Tschen-kue-tse,  die  Ge- 
schichte der  streitenden  Reiche.  Der  Han-schu  B.  30  f.  7 
hat  schon  Tschen-kue-tse  33  Pien.  Nach  dem  Katalog  K.  5 
f.  25  V.  fg.,  vgl.  Wylie  p.  25  fg.  ist  sie  verschieden  bearbeitet 
worden.  Der  Verfasser  ist  nicht  bekannt,  aber  Lieu-hiang 
unter  den  Han  revidirte  sie  und  sie  erschien  später  mit 
mehreren  Commentaren ;  der  älteste  von  Kao-yeu  ist  aus 
der  Zeit  der  D.  Han,  aber  zum  Theil  verloren;  ihn  ersetzte 
Yao-hung  unter  den  Sung,  dann  ist  eine  Ausgabe  da  von 
Pao-pen    und  eine    von    Kiao-in    in  je    10  K. ;     ebenso 


53)  B.  74.  Meng-tseu  und  Siün-khing,   s.  bei  den  Literaten 
S.233    fg.. 

54)  Der  Han-schu  B.  30  f.  13  hat  die  Werke  von  Ping-yuen  kiün 
7  Pien,  von  Jü-schi  einen  Tschhün-thsieu  in  15  Pien. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  225 

die  von  Wu-sse-tao  aus  der  D.  Yuen:  Tschen-kue  tse 
kiao  tschu  in  10  K. ;  vgl.  Bazin  im  Journ.  As.  Ser.  IV  T.  15 
p.  108.  Der  Auszug  in  einer  Sammlung  in  der  Staats- 
bibliothek in  2  H.  ist  oben  S.  210  erwähnt.  Ich  verdanke 
jetzt  Herrn  Prof.  Julien  in  Paris  eine  Ausgabe  in  12  K.  und 
5  starken  Heften.  Das  Werk  ist  wie  der  Kue-iü  nach  den 
einzelnen  Reichen  abgetheilt:  Kiuen  1  über  das  westhche 
(Si)  Tscheu;  K.2  über  das  östliche  (Tung)  Tscheu;  K.  3 
über  Thsin;  K.  4  über  Thsi;  K.  5  über  Thsu;  K.  6  über 
Tschao;  K.  7  über  Wei;  K.  8  über  Han,  K.  9  über  Yen; 
K.  10  über  Sung;  K.  11  über  Wei  (in  Ho-nan)  und  end- 
lich K.  12  über  das  kleine  Reich  Tschung-schan.  Vor  jedem 
Kiuen  bis  auf  dem  ersten  ist  eine  Uebersicht  der  einzelnen 
Artikel,  die  es  enthält.  Der  beschränkte  Raum  erlaubt  aber 
nicht,  in  ein  näheres  Detail  einzugehen. 

Der  I-sse  behandelt  nun  die  Geschichte  der  streitenden 
Reiche  in  50  Büchern  (B.  101 — 150)  Tschen-kue  ki  u-schi 
(50)  Kiuen.  Wir  geben  wieder  die  Titel  der  einzelnen  an, 
mit  Angaben  der  Schriften,  denen  er  die  einzelnen  Notizen 
entnimmt,  ausser  dem  Sse-ki,  dem  Bambubuche  und  dem 
Tschen-kue-tse,  die  er  natürlich  immer  auszieht. 

B.  101.  San  khing  feu  Tsin,  d.  i.  die  3  Minister 
theilen  (das  Reich)  Tsin  (375  v.  Chr.).  Aus  dem  Schi-pen 
gibt  er  die  Genealogien  derselben,  dann  hat  er  noch  Stellen 
aus  dem  Schue-yuen ,  aus  Han-fei-tseu .  Liü-schi's  Chronik, 
Sin-siü,  Hoai-nan-tseu.  dem  Kao-sse-tschuen ,  Han-schi  uai- 
tschuen,  Han-schu,  Fu-tseu  und  Kin-tshao.  B.  102.  Tien- 
schi  tshuan  Thsi,  d.  i.  die  Familie  Tien  usurpirt  Thsi 
(386).  Er  hat  noch  Stellen  aus  Han-fei-tseu ,  Lie-tseu, 
dem  Schi-pen,  Li-ki  C.  Tan-kung  und  Me-tseu.^^)  B.  104. 
Lu  Mu-kung  jung  hien,  d.  i.  Mu-kung  von  Lu  (409 — 376) 
bedient  sich  der  Weisen.  Die  Notizen  sind  aus  Kung-tschung- 


55)   B.  103   in   2  Abthl.    über    die   Literaten  Yang-tschu    und 
Me-thi  s.  unten  S.  233  ig. 

[1870. 1.  2.]  15 


226     Sitzung  der  phüos.-phüol  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

tseu,  Han-fei-tseu,  Li-ki  C.  Tan-kung  und  Tsa-ki,  Liü-schi's 
Chronik,  Lie-niü-tschuen,  Han-schi  uai-tschuen,  dem  Kin-tshao, 
Schue-yuen  und  dem  Sin-schu.  B.  105.  U-ki  sse  Wei, 
siang  Thsu,  d.  i.  U-ki  dient  in  Wei  und  wird  Minister  in 
Thsu.  Die  Quellen  sind  ausser  dem  Sse-ki  B.  65  f .  5 ,  Han- 
fei-tseu,  Liü-schi's  Chronik.  Kuan-tseu,  Siiin-tseu  (auch  im 
Sin-siü)  und  U-tseu  oder  U-ki  selber,  von  dem  wir  noch 
eine  Schrift  über  das  Kriegswesen  haben,  s.  unten  S.  237. 
B.  107.  Thsu  Kiang-i  (u.)  Tschao-hi-siü  tschi  yuen^^) 
betrifft  die  Feindschaft  der  Genannten  in  Thsu.  Er  citirt 
noch  den  Han-fei-tseu  und  Lie-niü-tschuen.  ß.  108.  Thsi 
Wei-wang  kiang  kue,  d.  i.  Wei-wang  von  Thsi  (378 — 342) 
unterdrückt  die  Reiche,  Er  excerpirt  ausser  dem  Sse-ki 
B.  46,  den  Schue-yuen.  Lie-niü-tschuen,  Tsu-yang-schu,  den 
Sin-siü  und  den  Sse-ma-fa ,  ein  Werk  über  die  Kriegskunst, 
(s.  unten  S.  237).  B.  109.  WeiHoei-wang  schi  kue,  than 
ping,  d.  i.  der  König  Hoei-waiig  von  Wei  (370 — 334)  re- 
giert das  Reich  und  spricht  über  Waffen,  Er  excerpirt  noch 
Liü-schi's  Chronik,  H;m-fei-tseu,  Wei-liao-tseu,  den  Schue- 
yuen,  Fu-tseu,  Han-schu,  Tschuang-tseu  und  den  Han-schi 
uai-tschuen.  B.  110.  Thsu  Tseu-fa  yung  ping,  Tseu-fa 
aus  Thsu  bedient  sich  der  Waffen.  Die  sonstigen  Notizen 
sind  aus  Hoai-nan-tseu,  Siün-tseu,  Lie-niü-tschuen  und  Schue- 
yuen.  B.  lU.  Schin-pu-hai  siang  Han,  d.  i.  Schin-pu- 
hai  als  Minister  in  Han.  Er  excerpirt  noch  den  Hoai-nan- 
tseu,  Han-fei-tseu,  Schin-tseu,  Liü-schi's  Chronik,  Tschuang- 
tseu,  den  Schue-yuen  und  Lün-heng.^'^)  B.  115.  Wei-yang 
pien  Thsin  fa,  d.  i.  Wei-yang  verändert  die  Gesetze  von 
Thsin.  Der  Sse-ki  B.  68  (S.  B.  29)  handelt  von  ihm.  Dann 
spricht  von  ihm  Liü-schi's  Chronik,  Han-fei-tseu,  der  Sin- 
schu,  Han-schu,  Hoai-nan-tseu,  der  Sin-siü,  Schi-tseu  und 
Schang-tseu.     B.  116.    (Die  Feldherrn   von)    Thsi   Tien-ki 


56)  B.  106.  Tseu-sse,  Meng-tseu  yen  hing,  Tseu-sse's  und 
Meng-tseu's  Reden  und  Thaten,  s.  unten  S.  232  bei  den  Literaten. 

57)  Der  I-sse  der  Staatsbibliothek  ist  wieder  verbunden  ß.  112 
in  Bd.  2,  B.  113—127  in  Bd.  4. 

B.  112  in  2  Abth.  über  Lie-tseu  und  Tschuang-tseu,  ebenso 
B.  113  über  Pien-thsio  und  Wen-tschi  (2  Aerzte),  s.  unten  S.  235 
und  238  bei  der  Literatur,  so  auch  B.  114. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  227 

und  Sün-pin  zermalmen  (pho)  Wei  (353).  Er  excerpirt  noch 
Tschuang-tseu,    Liü-schi's    Chronik    und    den    Seliue-yuen. 
B.  117.    (König)  Wei-wang  von  Thsu  (339—328)  zermalmt 
(pho)   Yuei.      Der   I-sse  excerpirt    noch  den   Yuei-tsue-schu, 
Liü-schi's  Chronik,    den  Schue-juen,    Han-fei-tseu  und  den 
Hoa-yang  kue  tschi.^^)     B.  118.  Su-thsin  ho  tsung,    (der 
Redner)  Su-thsin  sucht  (die  Reiche  gegen  Thsin)  zu  vereinigen, 
s.  Sse-ki  B.  69,  S.  B.  32.     Der   Lün-heng   wird   noch    ausge- 
zogen. B.  119.  Thsi  Siuen-wang  hao  sse,  d.i.  der  König 
Siuen-wang   von    Thsi  (342 — 323)    liebt    die   Literaten.     Er 
excerpirt  noch  Liü-schi's  Chronik,  den  Sin-siü,  Han-schi  uai- 
tschuen,  Han-fei-tseu,  den  Lie-niü-tschuen    (übersetzt   im  du 
Halde  II  p.  655) ,    Schue-yuen,    Lu-lien-tseu,    Hoai-nan-tseu, 
Sin-lün,    Schin-tseu,    Weu-tseu,    Lao-tsching-tseu ,    Lie-tseu, 
den  Kin-tshao,  Kao-sse-tschuen  und  Lie-sse-tschuen.     B.  120. 
Tschang-i  siang  Thsin  lien-heng.    Von  Tschang-i,  dem 
Minister  in  Thsin,  handelt  der  Sse-ki  B.  70.    Noch  hat  der 
I-sse  Stellen  aus  Han-fei-tseu  und  dem  Lie-niü-tschuen  (bei  du 
Halde  II  p.  668).  B.  121.    Tsing-hiaug  kiün  siang  Thsi, 
d.  i.  der  Fürst  von  Tsing-hiaug  als  Minister  von  Thsi  (unter 
Thsi  Wei-wang  378 — '342);  er  hat  noch  eine  Stelle  aus  Han- 
fei-tseu.     B.   122.    Tscheu  fen  tung  si,    d.  i.  (das  Kaiser- 
reich) Tscheu    theilt   sich    in    ein    östliches    und    westliches; 
Kao-wang    (seit  440)    gab    nämlich    seinem   Jüngern   Bruder 
Ho-nan.     Der  I-sse   excerpirt   noch   die  Chronik    der  Kaiser 
und  Könige,  den  Schi-pen  wegen  der  Genealogie,  Liü-schi's 
Chronik,  den  Han-schu,  Schue-yuen,  Tschuang-tseu  und  Han- 
fei-tseu.     B.   123.    Thsin  ping  Pa  Schu,    d.  i.  Thsin  ver- 
einigt mit  sich  Pa   und  Schu    (in  Sse-tschuen,    316  v.   Chr., 
unter  Hoei-wen-wang ,    vgl.  de  Maiila  T.  II  p.  289  fg.).     Der 
I-sse  excerpirt  noch  den  Hoa-yang  kue  tschi,  Ting-lo,-^)  Heu- 
Han  schu  und  Schui-king  tschü.     B.  124.    Yen  Kuai  jang 
kue  tschi   ho,    Kuai    in  Yen   bringt    des  Reiches  Unglück 
(315  fg.)    Han-fei-tseu  wird  noch  ausgezogen.     B.   125.  Wei 
Sse-kiün  tschi  schi,    die  Regierung  von  Sse-kiün  in  Wei 
(in  Ho-nan)  324 — 282.  Er  zieht  noch  Han-fei-tseu  und  Liü- 


58)  Aus  der  D.  Tsin,  in  der  Sammlung  11,  9;  s.  m.  Abb.  S.  288. 

59)  In  der  Sammlung  IV,  27  j  s.  m.  Abb.  S.  325  u.  vgl.  Wylie  p.  115. 

15* 


228      Sitzung  der  phüos.-pMol.  Glosse  vom  5.  Eebruar  1870. 

schi's  Chronik  aus.  B.  126.  Hoa-li-tsi,  Kan-meu  siang 
Thsin,d.  i.  Hoa-li-tsi  und  Kan-meu  als  Minister  in  Thsin,  s. 
Sse-ki  B.  71.  Ausgezogen  werden  noch  die  vorigen,  ß.  127. 
Der  König  Wu-ling  von  Tschao  (325 — 298)  legt  die  Tracht 
der  (Barbaren  von)  Hu  (Hu  fu)  an  und  greift  (kung)  (das 
Reich)  Tschung-schan  an,  s.  Pfizmaiers  Geschichte  von  Tschao 
S.  29fg.  Es  werden  noch  ausgezogen  Liü-schi's  Chronik, 
Han-fei-tseu,  Hoai-uan-tseu,  Ho-kuan-tseu ,  der  Schi-ming, 
Schui-king  tschü  und  Schi-pen.^°)  B.  129.  Han-kieu  ki-se 
tseng  11,  bezieht  sich  aufHan  Siuen-wang  (332 — 311).  Aus- 
gezogen wird  noch  Han-fei-tseu.  B.  130.  Lie  kue  nan 
Tscheu,  die  Reiche  bedrängen  Tscheu.  Excerpirt  wird  noch 
die  Chronik  der  Kaiser  und  Könige  und  der  Fa-yen.®^) 
B.  131.  Thsu  Siaug-wang  khe  sse  iü  Thsin,  der  König 
Siang-wang  von  Tschu  stirbt  als  Gast  in  Thsin  (262  n.  Chr.)^^). 
B.  133.  Meng-tschang  kiün  siang  Thsi,  d.  i.  (der 
Fürst  von)  Meng-tschang  als  Minister  in  Thsi.  Von  ihm 
handelt  der  Sse-ki  B.  75,  S.  B.  31,  Stellen  über  ihn  hier  noch 
aus  dem  Schue-yuen,  Sin-siü,  Han-schi  uai-tschuen,  Han-fei- 
tseu  und  Lie-sse-tschuen.  B.  134.  Der  König  Min-wang 
von  Thsi  vernichtet  (mie)  Sung  (285  v.  Chr.)  Excerpirt 
werden  noch  Han-fei-tseu,  Liü-schi's  Chronik,  Lie-tseu  und 
der  I-schin-ki.  B.  135.  Lo-i  wei  Yen  pho  Thsi,  d.i.  Lo-i 
vonwegen  Yen  zermalmt  Thsi.  Der  Sse-ki  B.  80,  S.  B.  28  gibt 
seine  Biographie.  Der  I-sse  excerpirt  noch  den  Lie-niü-tschuen, 
Liü-schi's  Chronik,  Kung-tschung-tseu ,  Schue-yuen,  Sin-siü 
und  Hoai-nan-tseu.  B.  136.  Wei-yen  siang  Thsin,  d.  i. 
Wei-yen  als  Minister  von  Thsin.  Sein  Leben  hat  der  Sse-ki 
B.  72 ,  S.  B.  30.  Hier  sind  noch  Stellen  aus  der  Chronik 
der  Kaiser  und  Könige,  dem  Lün-heng,  Han-fei-tseu,  Hoai- 
nan-tseu,  Liü-schi's  Chronik,  dem  Schue-yuen,  Lie-niü-tschuen; 
dann  handelt  er  vom  Fürsten  von  Tschin-schin,  dessen 
Leben  im  Sse-ki  B.  78,  S.  B.  31,    er  hat  aber  nur  noch    eine 


60)  B.  128   (in  Bd.  3)   über   den   Philosophen   Ho-kuan-tseu, 
s.  unten    S.  236. 

61)  In  der  Sammlung  UI,  8;  s.  m.  Abh.  S.  300  und  Wylie  p.  69. 

62)  B.  132  von  Khio-yuen,  dem  Minister  von  Thsu  und  Dichter 
(Sse-ki  B.  84)  s.  unten  S.  238  bei  den  Literaten. 


Flath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  229 

Stelle  aus  dem  Lie-niü-tschuen.  B.  137.  TschaoLien,  Lin, 
Tscliao-tsche  tung  wei.  Lien-(po's)u.Lin-(siang's)Lebenhat 
derSse-ki  B.  81  (S.  B.28).  Hier  noch  eine  Stelle  aus  Liü-schi's 
Chronik.  B.  138.  Fan-hoei  siang  Thsin,  d.  i.  Fan-hoei  als 
Minister  von  Thsin.  Sein  Leben  im  Sse-ki  B.  79,  S.  B.  30 ;  hier 
nur  noch  ein  Paar  Stellen  aus  Han-fei-tseu,  dem  Schue-yuen 
und  Liü-schi's  Chronik.  B.  139.  Thsin  Pe-ki,  Tschan  g-ping 
pho  Tschao,  d.  i.  Pe-ki  und  Tschang-ping  (die  Feldherrn) 
von  Thsin  zermalmen  Tschao;  s.  im  Sse-ki  B.  44;  es  wird 
f.  4  noch  excerpirt  Yen-yeu  san-tsiang-siü.  B.  140.  Der  Fürst 
von  Ping-yuen  als  Minister  (siang)  von  Tschao.  Sein  Leben 
im  Sse-ki  B.  76,  S.  B.  31.^^)  Der  I-sse  excerpirt  noch-Liü- 
schi's  Chronik ,  Kung-tschung-tseu ,  Hoai-nan-tseu ,  Lie-tseu, 
Tschuang-tseu,  Han-fei-tseu,  Kung-sün-lung-tseu*'"^)  und  Lieu- 
hiang's^^)  Pin-lo.  B.  141.  Wei  Sin-ling  kiün  tschi  hien, 
die  Weisheit  des  Fürsten  von  Sin-ling  in  Wei,  Sein  Leben 
im  Sse-ki  B.  77  ,  S.  B.  28 ;  hier  ist  noch  eine  Stelle  aus 
dem  Lie-sse-tschuen.  B.  142.  Tschao  Kien-sin  kiün 
tschung,  d.  i.  die  Gunst  des  Fürsten  Kien-sin  in  Tschao; 
nur  nach  dem  Tschen-kue  tse.^^)  B.  144.  Tschün-schin 
kiün  siang  Thsu,  d.  i.  der  Fürst  von  Tschün-schin  als 
Minister  in  Thsu.  Der  I-sse  hat  noch  Stellen  aus  dem  Yuei 
tsue-schu  und  Han-fei-tseu.  B.  145.  Lie-kue  i-sse.  Er 
excerpirt  noch  ausgelassene  Begebenheiten  aus  einer. Reihe 
von  Reichen  nach  Han-schi  uai-tschuen ,  dem  Sin-siü ,  Liü- 
schi's  Chronik,  Schue-yuen,  Sin-schu,  Kin-lo,  Kin-yuen- 
yao-lu,  Kin-tsing  yang,  Kin-thsao,  Lie-niü-tschuen  und  Fung- 


63^  Der  Han-schu  B.  30  f.  13  hat  von  Ping-yuen  kiün  ein  Werk 
in  7  Pien. 

64)  Nach  Wylie  p.  126  ein  Philosoph  aus  dem  Ende  der  D. 
Tscheu;  er  hielt  die  Attribute  der  materiellen  Gegenstände,  wie 
Farbe,  Härte,  für  besondere  Existenzen  und  auf  einmal  könne  der 
Geist  nur  eine  Eigenschaft  eines  Gegenstandes  erfassen;  fühle  er 
die  Härte,  so  sehe  er  nicht  die  Farbe!  Der  Han-schu  K.  30  f.  18 
kat  von  ihm  ein  Werk  in  14  Pien.    S.  Anm.  71. 

65)  Aus  der  D.  Han  im  1.  Jahrhundert  v.  Chr.  ist  Verfasser  der 
schon  oben  erwähnten  Werke  Sin-siü  und  Schue-yuen  in  der 
Sammlung  HI,  4  und  5  u.  a.  Werke;  s.  m.  Abh.  S.  296  fg. 

66)  B.  143  in  2  Abth.  über  Siün-tseu's  Werke  s.  unten  S.  233 
bei  der  Literatur. 


230     Sitzung  der  pMos.-philol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

schang-ki.  B.  146,  in  2  Abthl. ,  handelt  von  Liü-pu-wei 
als  Minister  (siang)  von  Thsin.  Der  Sse-ki  spricht  von  ihm 
B.  85. ß^)  B.  148.  Thsin  ping  thien  hia,  d.i.  Thsin  ver- 
einigt mit  sich  das  ganze  Reich.  Excerpirt  werden  noch  Sün- 
tseu,  Kung-tschung-tseu,  Hoai-nan-tseu,  Lie-niü-tschuen,  der 
Po-voe-tschi,  der  Fuug-so-thung,  Yen-tan-tseu,  Lie-sse-tschuen, 
Lün-heng,  Han-schi  uai-tschuen,  der  Schui-king  tschü  und 
San-fu-hoang-tu.  ^  ^) 

8)    Die  Literaten  und  innere  Verhältnisse   zur    Zeit 
des  Tschhün-thsieu   und  Tschen-kue  (seit  722). 

Es  werden  auch  schon  in  den  früheren  Perioden  einzelne 
Geschichtsschreiber  (sse)  —  s.  m,  Abh.  Verfassung  und  Ver- 
waltung, a.  d.  Abh.  d.  Ak.  X,  2  S.  579  fg.  —  und  Dichter 
im  Schi-king  genannt;  wir  haben  mancherlei  literarische 
Denkmäler  im  Schu-king,  den  Tscheu-li,  I-h,  Li-ki  und 
Ta-tai  Li-ki  mehr  oder  weniger  erhalten,  die  oben  schon  an- 
geführt sind,  aber  keine  eigentlichen  Literatur -Werke  von 
einzelnen  Schriftstellern.  Die  ältesten  Texte  des  I-king  von 
Wen-wang  und  seinem  Sohne  Tscheu-kung  sind  schon  oben 
angeführt.  In  der  Zeit  des  Tschhün-thsieu  und  der  streiten- 
den Reiche  dagegen  muss  es  deren  schon  manche  gegeben 
haben.  Eine  reiche  Liste  zeigt  der  Katalog  alter  Werke,  wel- 
che Lieu-biang  unter  derD.  Han  im  1.  Jahrhundert  v.  Chr. 
von  Werken,  die  damals  zusammengebracht  wurden,  verfasste 
und  die  Pan-ku,  der  Geschichtsschreiber  der  Han,  im  (Tsien-) 
Han  schu   K.  30   mittheilt,    vgl.   Journ.    As.   1869.     Indess 


67)  Er  gehört  also  auch  schon  zu  den  Literaten,  (so  auch  B.  147, 
Han-fei-tseu,  in  2.  Abth.)  S.  s.  g.  Chronik  (Liü-schi's  Tschhün-thsieu 
in  26  B.),  —  aus  welcher  B.  146,  1  f.  4—35  v.  und  146,  2  f.  1—24  v. 
grosse  Stellen  mitgetheilt  werden,  —  ist  schon  oben  Anm.  5  erwähnt. 

68)  B.  149.  Thsin  Schi  hoang-ti  wu  tao.  d.  i.  Thsin  Schi 
hoang-ti  ohne  Princip ,  und  B.  150  Thsin-wang,  der  Untergang 
der  (4.  D.)  Thsin,  gehören  nach  unserer  Annahme  schon  zur  neueren 
Geschichte. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte,  231 

werden  mehrere  von  diesen  Werken  nicht  mehr  vorhanden 
sein ;  noch  wenigere  sind  uns  zugänglich.  Wir  müssen  uns 
daher  auf  die  Nachweisung  dieser  und  der  Biographien  der 
Verfasser  derselben  hier  beschränken. 

Der  erste  ist  Confucius.  Sein  Leben  gibt  der  Sse-ki 
B.  47  Kung-tseu  Schi-kia.  Die  s.  g.  Hausgespräche  des- 
selben, Kia-iü,  würden  wichtiger  sein,  wenn  sie  die  echten 
wären;  s.  aber  unsere  Abb.  Ueber  die  Quellen  zum  Leben 
des  Confucius  und  namentlich  seine  s.  g.  Hausgespräche,  a.  d. 
S.  B.  der  Akad.  München  1863.  8.  Der  I-sse  B.  86  hat  in 
4  Abthl.  alle  Nachrichten  über  Confucius  gesammelt.  Von 
Confucius  selbst  haben  wir  eigentlich  keine  Schrift  ausser 
seinen  Commentar  zum  I-king,  den  der  I-sse  B.  86,  2 
f.  2 — 32  mittheilt,  so  wie  seine  Chronik,  den  Tschhün- 
thsieu,  in  B.  86,  3  f.  8 — 37.  Im  Lün-iü,  Li-ki  und  Kia-iü  u.  s.  w. 
sind  nur  Aussprüche  von  ihm  und  Gespräche  mit  seinen 
Schülern;  wir  werden  diese  im  Leben  des  Confucius  mit- 
theilen. 

üeber  die  Schüler  des  Confucius  hat  der  Sse-ki  ein 
besonderes  Buch  67  Tschuug-ni  (d.i.  Confucius)  Ti-tseu 
Lie-tschuen,  ebenso  der  Kia-iü  K.  38  Thsi-schi-eul 
ti-tseu  kiai  über  die  72  Schüler  des  Confucius.  Der  I-sse 
B.  95  Kung  men  tschu  tseu  Yen  hing,  d.  i.  Confucius 
Schüler  Reden  und  Thaten ,  sammelt  in  3  Abth.  alle  Nach- 
richten über  die  Schüler  desselben ;  wir  w^erden  auch  diese  in 
Confucius  und  seiner  Schüler  Leben  mittheilen.  Von  den 
4  Büchern  (Sse-schu)  ist  das  erste  Ta-hio  oder  die  grosse 
Lehre  nach  der  gewöhnlichen  Annahme  bis  auf  den  ersten  § 
von  seinem  Schüler  Thseng-tshan  (geboren  505  v.  Chr.) ^^), 


69)  Von  ihm  ist  auch  der  Hiao-king,  oder  das  Buch  von  der 
Pietät,  das  der  I-sse  daher  in  dessen  Leben  B.  95,  1  f.  20 — 23  v.  ganz 
aufgenommen  hat.  Der  neue  hat  18  Abschnitte  (tschang),  der  alte 
in  Japan  22.    Xach  den  Schol.  zum  Han-schu   B.  30  f.  9  v.  hatte 


232      Sitzung  der  phüos.-pMlöl.  Gasse  vom  5.  Februar  1870. 

während  einige  es  Confucius  Enkel  Khung-ki  oder  Tseu-sse 
zuschreiben,  s.  Legge  Prol.  T.  1  p.  26.  Das  2.  Werk,  der 
Tschung-yuug,  d.  i.  die  unabänderliche  Mitte,  ist  von  diesem 
seinem  Enkel  Tseu-sse,  s.  Legge  Prol.  I  p.  36.  Das  3te  der 
Lün-iü  oder  die  Gespräche  zwischen  ihm  und  seinen  Schülern, 
soll  nach  der  Geschichte  der  Literatur  im  Han-schu  von 
seinen  Schülern  zusammengetragen  sein,  doch  ist  dies  nicht 
klar,  s.  Legge  Prol.  T.I  p.  15.  Der  I-sse  B.  106  handelt  von 
Tseu-sse's  und  Meng-tseu's  Worten  und  Thaten  (Tseu-sse, 
Meng-tseu  yen  hing).  Meng-tseu's  (371 — 288)  Denkwürdig- 
keiten enthält  das  4te  der  4  Bücher ;  verfasst  scheint  es  von 
ihm  aber  nicht  zu  sein,  s.  Legge  T.  II  p.  11.  Der  Han-schu  B.  30 
f.  12  m.  d.  Schol.  citirt  noch  von  Confucius  Schülern  und  den 
Schülern  derselben  folgende  Werke :  Lu-tseu  18  Pien;  Tschi- 
tiao-tseu  12 Pien,  (s. Legge  Prol.  Ip.  124);  Mi-tseu  16  Pien, 
nach  der  Note  ist  dies  Mi-pu-thsi  oder  Tseu-tsien,  (s.  Legge 
Prol.  I  p.  119);  King-tseu,  sein  Schüler,  3  Pien;  Schi-tseu 
aus  Tschin,  Schüler  der  70  Schüler,  21  Pien;  Li-khe  7  Pieu, 
(er  war  Tseu-hia's  Schüler  und  Minister  von  Wei  Wen-heu 
(423—386  V.  Chr.);  Kung-sün-ni-tseu,  Schüler  der  70, 
28  Pien  u.  Mi-tseu  aus  Thsi,  nach  den  70  Schülern,  18  Pien. 
Von  allen  diesen  wird  wohl  aber  nichts  mehr  vorhanden  sein. 
Man  würde  daher  sehr  irren,  wenn  man  meinte,  was  wir 
haben,  wäre  der  ganze  Reichthum  der  alten  chinesischen  Litera- 
tur gewesen.  Neben  Confucius  orthodoxer  Schule,  die  am  Herge- 
brachten hing,  gab  es  aber  auch  noch^a  bweichendeSysteme. 
Wir  denken  sie  in  einer  Abh. :  die  Bewegung  der  Geister 
in  China  in  den  letzten  500  Jahren  v.  Chr.  darzustellen. 


der  alte  1871  Charaktere,  der  jetzige  nur  über  400.  Eine  Ueber- 
setzung  geben  P.  Amiot  Mem.  T.  4  und  P.  Noel  in  Sinensis  imperii 
libri  classici  6.  Pragae  1711  in  4''.  Vgl.  Remusat  N.  Mel.  As.  T.  II 
p.  106  und  I  p.  280  über  Thseng-tseu  und  über  Tseu-sse  T.  II. 
p.  110  fg.    Der  Han-schu   hat  noch  B.  30  f.  12  v.  Tseu-sse  23  Pien. 


Plath:  Quellen  d^  alteyi  chines.  Geschichte.  233 

Wir  haben  noch  unter  den  10  s.  g.  Philosophen  (tseu)  den  Siiin- 
(khing-)tseu,  der  zu  den  Literaten  (Jü-kia)  gerechnet  wird, 
aus  Tschao,  zur  Zeit  des  Königs  Siang  von  Thsi  271 — 264,  der 
noch  bis  zur  Zeit  der  D.  Thsin  lebte.  Man  hat  von  ihm 
nach  Julien  Introd.  zu  Lao-tseu  p.  I.  noch  5  Hefte  über  Po- 
litik und  Moral.  Der  Han-schu  B.  30  f.  12  v.  hat  Siün- 
khing^")  tseu  33  Pien;  vgl.  W.  Schott  Entwurf  S.  47  fg.  Der 
Sse-ki  B.  74  f.  5  sq.  spricht  von  ihm:  Meng-tseu,  Siün- 
khing  lie-tschuen  und  der  I-sse  B.  143  Siün-tseu 
tschu-schu  gibt  sein  Werk.  Er  ist  merkwürdig,  indem  er 
von  Meng-tseu  ganz  verschiedene  Principien  aufstellt;  während 
dieser  nämlich  davon  ausging,  dass  die  Natur  des  Menschen 
von  Haus  aus  gut  sei,  statuirte  er,  dass  sie  von  Haus  aus 
böse  sei.  Legge  Prol.  T.  H  p.  81 — 91  theilt  aus  seiner 
Schrift  den  Abschnitt  Sing  ngo  pien,  von  der  Bösheit  der 
Natur  (auch  im  I-sse  B.  143  f.  26  v.)  mit;  s.  auch  Rev. 
Griffith  The  Ethics  of  the  Chinese,  with  special  reference  to 
the  Doctrines  of  Human  Nature  and  Sin,  in  d.  Transact. 
of  the  North-China  Brancli  of  the  Royal  Asiat.  Soc.  1859 
Novmbr. 

Zur  Secte  der  Literaten  gehört  auch  Wen-tschung- 
tseu,  nach  einigen  ein  Schüler  des  Confucius,  Juhen  sagt 
Meng-tseu's ,  von  dessen  Werken  sich  auch  ein  Heft  unter 
den  10  Philosophen  (tseu)  findet. 

Zu  den  Gegnern  Meng-tseu's ,  gegen  welche  er  wieder- 
holt eifert,  gehörten  Yang-tschu  und  Me-thi;  von  jenem 
spricht  Meng-tseu  in,  1,  5  u.  2,  9  VII,  1,  26  und  VII,  2,  26, 
und  über  Me-thi  III,  1,  5  III,  2,  9  VII,  9,  26;  ihre 
Lehren  waren   zu  seiner  Zeit  sehr  verbreitet.     Yang-tschu 


70 j   Wylie  p.  66  nennt  ihn  Siün-hoang,    er  habe  ein  Werk  in 
20 B.  hinterlassen;  Khing  ist  Titel:  Minister. 


234      Sitzung  der  phüos.-phüol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

wollte  nach  ihm  keine  besondere  Vorrechte  des  Fürsten  an- 
erkennen; Me-tseu  lehrtu  allgemeine  Menschenliebe  statt 
Pietät,  wie  Confucius  Schule.  Legge  Prol.  T.II  p.  95  — 100  gibt 
eine  Stelle  aus  Yang-tschu  und  p.  103 — 119  einen  grösseren 
Abschnitt  aus  Me-tseu's  Werke  von  der  allgemeinen  Liebe 
(ngai  khien);  der  I-sse  B.  103  gibt  in  2  Abth.  beider  Reden: 
Yang-tschu,  Me-thi  tschi  yen  und  noch  die  Stellen  über 
sie  aus  dem  Sse-ki,  Lie-tseu,  Tschuang-tseu ,  Schue-yueu, 
Hoai-nan-tseu ,  Liü-schi's  Chronik,  Hau-fei-tseu ,  dem  Lün- 
heng,  Hu-fei-tseu  und  Sui-tschao-tseu.  Aus  Me-tseu  gibt  der 
I-sse  Stellen  B.  103,  1  f,  10—32  u.  103,  2  f.  1  v.  —  17. 
Der  Han-schu  B.  30  f.  18  v.  hat  Me-tseu  71  Pien,  der 
Katal.  13  f.  1  Me-tseu  15K.")  Er  war  nach  den  Schol.  zum 
Han-schu  Ta-fu  in  Sung  und  lebte  nach  Confucius. 

Von  seinen  Schülern  hat  d.  Han-schu  von Siuj-tschao-tseu 
6  Pien,  von  Hu-fei-tseu  3  Pien,  von  Tienkieu-tseu  (nach 
d.  Schol.  vor  Han-fei-tseu)  3  Pien  und  von  Ngo-tseu  1  Pien, 
Wylie  f.  125  setzt  Me-tseu  ins  5.  Jahrh.  v.  Chr.  Das  Werk 
unter  seinem  Namen  in  15  Büchern  soll  von  seinen  Schülern 
zusammengetragen  sein,  von  den  71  Abschnitten  seien  18 
verloren ;  es  handle  von  Moral  und  Politik.  Die  letzten 
20  Abschnitte  von  Militär-Taktik  seien  aber  so  dunkel  und 
unverständlich,  dass  man  meine,  der  ursprüngliche  Text  sei 
nicht  erhalten.  Auch  Ngan-  oderYen-tseu  soll  nach  Wylie 
p.  28  sein  Schüler  gewesen  sein  (s.  über  ihn  oben  Anm.  47). 

Ein  Zeitgenosse  des  Confucius,  der  aber  ganz  anderen 
Principien  folgte,  sich  aus  der  Welt  zurückzog,  satt  Aemter 


71)  DerKat.  13  f.  1  fg.  rechnet  Me-tseu,  Yn-wen  tseu  aus  der 
D.  Tscheu  1  K.,  wie  Schin-tseu,  zu  Meng-tseu's  Zeit,  s.  VI,  2,  8, 
IK.,  Ho-kuan-tseu  3K,  Kung-sün-lung-tseu  aus  der D.  Tscheu 
3K.  (s.  Anm.  64),  Kuei-ko-tseu  1  K.  (von  dem  Auszuge  im  I-sse 
B.  114  f.  1— lOv.),  wie  Liü-schi's  Tschhün-thsieu  (s.  S.  230  u.  Anm.  5) 
aus  der  D.  Thsin,  Hoai-nan-tseu  aus  der  Zeit  der  D.Han  (s.  S.  236) 
zu  den  Tsa-kia,    Polygraphen  oder  vermischten  Schriften. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  235 

und  Ehreu  zu  suchen  und  zum  Tao,  dem  ewigen  Urwesen, 
eigentlich  Wege,  zurückzukehren  lehrte,  war  Lao-tseu, 
eigentlich  Li-pe-jaug  mit  Namen,  den  die  spätere  Sekte 
der  Tao-sse  als  ihr  Haupt  betrachtet,  obwohl  er  mit  deren 
Aberglauben  nichts  zu  thuu  hat.  Wir  haben  von  ihm  noch 
den  Tao-te-king,  den  Prof.  Julien  Le  livre  de  la  voie  et 
de  la  vertu,  chinesisch  mit  Uebersetzung  Paris  1842  in  8° 
herausgegeben  hat^*).  Der  I-sse  hat  den  Tao-te-king  in  B.  83. 
Eine  kurze  Nachricht  über  ihn  und  seine  Schüler  oder 
Nachfolger,  Tschuang-tseu,  Schin-pu-yen  und  Han- 
fei-tseu  gibt  der  Sse-ki  B.  63,  Lao,  Tschuang,  Schiu, 
Han-lie-tschuen.  Aelter  als  diese  Schüler  ist  Lie-tseu, 
der  398  v.  Chr.  sein  Werk  noch  vor  Tschuang-tseu,  der 
ihn  öfter  citirt,  herausgab.  Wir  haben  sein  Werk  nach  dem 
Han-schu  B.  30  f.  15  in  15  Pien  in  2  Heften  unter  den 
10  Philosophen  noch ;  aus  seinen  Werken  und  denen 
Tschuang-tseu's  theilt  der  I-sse  B.  112,  1  u.  2  Lie, 
Tschuang  tschi  hio  die  Lehre  von  jenem  K.  112,  1  f. 
1— 22  v.,  die  von  diesem  K.  112,  1  f.22v.fg.  und  K.112,  2, 
ich  weiss  nicht  ob  Stücke  oder  die  ganzen  Werke  —  da 
sie  mir  nicht  zugänglich  sind  —  mit.  Tschuang-tseu  war 
Zeitgenosse  des  Kaisers  Hien-wang's  368 — 20  v.  Chr.  und 
Verfasser  des  berühmten  Nan-hoa-king  und  2  satyrischer 
Schriften  wider  die  Schule  des  Confucius.  Der  Han-schu 
ebenda  hat  Tschuang-tseu  52  Pien  und  B.  30  f.  14  v. 
dann  noch  folgende  Schüler  Lao  tseu's:  Wen-tseu  9  Pien, 
nach  den  Scliolien  aus  Confucius  Zeit,  Yuen-tseu  13  Pien 


72)  Nach  dessen  Uebersetzung  ist  die  englische  Uebersetzung 
des  Textes  von  John  Chalmers  The  speculations  on  Metaphysics, 
Polity  and  Morality  of  the  old  Philosopher  Lau-tsze.  London  1868. 
8.  gemacht.  Reinhold  vonPlänkners  deutsche  Uebersetzung:  Lao- 
tse  Tao-te-king,  der  Weg  zur  Tugend.  Leipzig  1870.  8.  will  Julien 
meistern,  der  Titel  des  Buchs  ist  aber  schon  falsch  übersetzt. 


236      Sitzung  der  phüos.-phüol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

(aus  Tschu),  Kuen-yn-tseu  9  Pien,  Lao-tsching-tseu 
18Pien.  Han-fei-tseu,  von  derselben  Schule,  blühte  unter 
Kaiser  Ngan-wang,  der  ihn  397  v.  Chr.  als  Gesandten  nach 
Thsin  schickte;  sein  Werk  unter  denen  der  s.  g.  10  Philosophen 
in  4  Heften,  handelt  vornehmlich  von  Strafen  und  Gesetzen 
vvesshalb  ihn  Ma-tuau-lin  den  Gesetzgelehrteu  (Fa-kia)  bei- 
zählt. Der  Han-schu  B.  30  f.  17  v.  hat  Han-tseu  55  Pien, 
der  Katalog  10  f.  1  v.  20  K.  Der  I-sse  B.  147  schang 
und  hia:  Han-fei  hing  ming  tschi  hio  gibt,  ich  weiss 
nicht,  ob  sein  ganzes  Werk.  Zu  dieser  Schule  gehört  auch 
Ho-kuan-tseu,  der  lOte  der  Philosophen  aus  dem  Lande 
Thsu,  Zeitgenosse  Yang-tschu's  und  Me-thi's;  von  seinem 
Werke  hat  sich  aber  nur  1  Heft  verstümmelt  erhalten.  Der 
I-sse  B.  128  enthält  seine  Reden,  Ho-kuan-tseu  tschi  yen 
vgl.  Katalog  B.  13  f.  2.  Kuau-tseu.  der  5te  der  Tseu,  blühte 
480  V.  Chr.  im  Reiche  Thsi,  s.  S.  216;''^)  man  hat  von  ihm 
389  Essai's  über  National-Oekonomie,  Krieg  u.  Gesetze, 
welche  Lieu-hiaug  unter  der  D.  Han  in  86  K.  abtheilte;  es 
sind  jetzt  8  Hefte  in  24  Kiuen,  wie  Kat.  10  f.  1.  Man  rechnet 
ihn  auch  zur  Schule  der  Gesetzgelehrten  (Fa-kia).  Der  I-sse 
gibt  Auszüge  aus  ihm  B.  89  f.  22—33  und  B.  44.  Aus 
dieser  Klasse  nennt  der  Han-schu  B.  30  f.  17  v.  noch  Li- 
tseu  Minister  Wei-wen-heu's  (423—386),  32  Pien; 
Schang-kiün  29  Pien,  Kat.  10  f.  1  v.  5  K.,  (Auszüge  im 
I-sse  B.  115  f.  3— 6  u.  8— 22v.  vgl.  Sse-ki  B.  68,  S.-B.  29 
S.  98;    s.    oben  S.  223);    Schiu-tseu    oder  Pu-hai  6  Pien, 


73)  Der  7te  dieser  Philosophen  von  derselben  Schule  Hoai-nan- 
tseu,  ein  Enkel  des  Kaisers  Han  Kao-ti,  der  erst  179 — 156  v.  Chr. 
blühte,  ist  aus  späterer  Zeit.  Der  Han-schu  B.  30.  f.  21  hat  von  ihm 
zwei  Werke;  —  er  rechnet  ihn  zur  Classe  der  Polygraphen  (Tsa-kia), — 
eines  in  33  Pien  ist  verloren,  das  2te,  8  Hefte  in  21  K. ,  ist  auch  in 
der  Sammlung  III,  6;  s.  m.  Abhdl.  S.  249  und  Wylie  p.  126. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  237 

Minister  Han  Tschao-heu's  (359  —  32) ,  vgl.  Sse-ki  B.  63 
f.  5.  Katalog  B.  13  f.  1  v. ,  Auszüge  im  I-sse  ß.  111 ;  Tschu- 
tseu  aus  Tschao  9  Pien  u.  Tschin-tseu  42  Pien  —  die  der 
I-sse  B.  119  f,  9v.  bis  13  auszieht  —  vor  Schin-  und  Han-tseu, 
die  ihn  anführen.  Der  Katalog  K.  10  f.  1  v.  hat  unter  den 
Fa-kia  noch  Theng-si-tseu  aus  der  D.  Tscheu  1  Kiuen. 

Noch  haben  wir  einige  alte  Werke  über  Kriegskunst 
(Ping-kia)  von  Sün-tseu  u.  U-t^eu,  von  deren  Verfassern 
der  Sse-ki  B.  65  handelt,  sowie  den  Sse-ma-fa,  welche  3 
Amiot  Mem.  T.  7  übersetzt  hat.  Vergl.  Gaubil  Tr.  p.  HO. 
Stellen  aus  Sün-tseü  hat  der  I-sse  B.  89  f.  22  —  33.  Sün- 
tseu  oder  Sün-wu  war  ein  Officier  im  Dienste  U's  im 
6.  Jahrhundert  V.  Chr.;  seine  Abh.  über  Militär-Taktik  ist  in 
13  Abschn.  U-tseu  oder  ü-ki  schrieb  im  4  Jahrh.  v.  Chr= 
Der  Kat.  9  f.  23  hat  U-tseu  1  K.  Sein  Werk  handelt  in 
6  Abschn.  von  den  National-Resourcen  —  der  Schätzung  der 
feindlichen  Macht  —  der  militärischen  Coutrolle  —  Dis- 
cussion  über  Militärbeamte  und  von  der  Aushebung  von 
Truppen.  Der  Sse-ma-fa,  nach  dem  Kat.  9  f.  23  1  K., 
wurde  im  4.  Jahrh.  v.  Chr.  auf  Befehl  des  Fürsten  von  Thsi 
aus  älteren  Werken  compilirt.  In  5  Abschnitten  handelt 
es  von  der  Wurzel  des  Wohlwollens  —  der  Theorie  der 
Autokracie  —  den  festgesetzten  Titeln  —  strengen  Aufmerk- 
samkeit auf  die  Stationen  und  der  Verwendung  der  Masse  ;^*) 
s.  Wylie  p.  72  fg. 

Der  I-sse  B.   113   gibt   auch   noch  Nachricht  und  Aus- 


74)  Der  Han-schu  B.  30  f.  28  hat  von  Werken  über  den  Krieg: 
1)  ü,  Sün  tseuPiug-fa  82  Pien.  2)  Thsi  Sün-tseu  80 P.  3)  Kung 
sün  yung  27  P.  4)  U-ki  48P.  5jFan-li  2  P.  6)  den  Ta-fu  Tschung 
2  P.  (beides  waren  berühmte  Generäle  Keu-tsien's  von  Yuei)  und  7) 
Han -sin  3  P.  Es  fragt  sich  aber,  ob  dies  wirklich  Werke  derselben 
waren  oder  nur  unter  ihren  Namen  verfasste.  Sie  sind  auch  wohl 
nicht  mehr  erhalten.    Der  Katalog  K.  9  f.  21  hat   unter  den  Schrift- 


238     Sitzung  der  pJiilos.-phüol  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Züge  aus  den  Werken  von  2  Aerzten  Pien-tshio  und  Wen- 
tschi.  Es  gab  kaiserliche  Aerzte  nach  Tscheu-li  V  f.  1 — 16, 
und  fürstliche  nach  Meng-tseu  11,   1,  2,  3  z.B.  in  Thsi. 

Erwähnung  verdienen  hier  noch  die  Thsu-sse,  s.  den 
Katalog  K.  15  f.  1  fg.,  Wylie  p.  181.  Es  sind  dieses  Poesien  von 
ausgezeichneten  Männern  des  Königreiches  Thsu  in  Hu-kuang. 
Die  ersten  sind  von  Khio-yuen,  Minister  von  Hoai-wang  (328 
bis  2 98);  s.  Sse-ki  B.  84,  sein  Leben.  Vom  Volke  geliebt,  dem 
Könige  unentbehrlich  wurde  er  verläumdet  und  verlor  seinen 
Posten.  Zurückgezogen  dichtete  er  den  Li-sao,  d.  i.  die  An- 
wandlung des  Schmerzes ,  worin  er  unter  Allegorien  einen 
König  aufsucht,  der  den  vollkommenen  Herrschern  der  alten 
Zeit  gliche,  aber  zuletzt  ihn  zu  finden  verzweifelt.  Rathlos 
brachte  der  König  Verderben  über  das  Land;  sein  Heer  wurde 
von  Tshin  geschlagen  und  das  Land  verwüstet.  Tshin  veran- 
lasste dann  den  König  zu  einer  Zusammenkunft.  Trotz  des 
Rathes  "von  Khio-yuen  ging  er  hin  und  er  wurde  da  bis  an 
seinen  Tod  zurückgehalten.  Khio-yuen  tadelte  den  Jüngern  Sohn 
des  Königs  Tse-lan,  der  zu  der  Reise  gerathen;  der  verklagte 
ihn  beim  neuen  Könige  und  er  wurde  südlich  vom  Kiang 
verbannt.  Hier  dichtete  er  noch  die  9  Gesänge,  die 
Himmelsfragen,  die  9  Capitel,  die  ferne  Wanderung, 
die  Wahrsagerwohnung  und  den  Fischervater,  den  Re- 
gierungsgrundsätzen der  alten  Könige  wieder  Eingang  zu 
verschaffen.  Da  ihm  das  nicht  gelang,  wollte  er  den  Unter- 
gang seines  Vaterlandes  nicht  erleben ,  stürzte  sich ,  einen 
Stein  im  Busen,  in  den  Mi-lo  Fluss  und  ertrank  250  v.  Chr. 
Jährlich  am  5.  des  5.  Monats  feiert  das  Volk  da  noch  seinen 


stellern  über  den  Krieg  noch  den  San-lio  3  K.  (s.  oben  Anm.  27) 
und  den  Wei-liao-tseu,  5  K.  aus  d.  D.  Tscheu.  —  Diesen  hat  der 
Han-schu  B.  30  f.  20  aus  der  Zeit  der  6  Reiche,  aber  unter  den 
Tsa-kia. 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  239 

Todestag;  die  Topographie  von  KiaDg-ling  gibt  seine  alte 
Wohnung  imd  den  Ahnenterupel  seiner  Schwester  Niü-siü  und 
der  Stein ,  auf  dem  seine  Kleider  ausgeklopft  wurden ,  wird 
noch  gezeigt. 

A.  Pfizmaier:  das  Li-sao  und  die  9  Gesänge,  2  chi- 
nesische Dichtungen  aus  dem  3.  Jahrhundert  v.  Chr.,  Wien 
1852  fol.;  aus  den  Denkschriften  der  Wiener  Akademie  B.  3  gibt 
eine  deutsche  üebersetzung  derselben,  der  I-sse  B.  132  f.  3  v. 
bis  8  mit  dem  Commentare  von  Wang-y  den  chinesischen  Text 
des  Li-sao  und  den  der  9  Gesänge  (khieu  kho)  f.  9 — 12, 
dann  die  Himmelsfragen  (thien-wen)  f.  12 — 15;  die  ferne 
Wanderung  (yuen-yeu)  f.  15 — 17;  die  Wahrsagerwohnung 
(po-kiü)  f.  17 — 18;  den  Fischervater  (yü-fu)  f.  18  und 
noch  andere  f.  19  fg.  Den  Thai-tschao  schreiben  nach  den 
Schol.  f.  27  V.  einige  ihm,  andere  King-tschha  zu.  Es  ist 
dies  ein  anderer  dieser  Dichter  aus  Thsu ;  ein  dritter  aus  der- 
selben Zeit  oder  etwas  später  ist  Suug-iü.  Die  Stelle  des 
Sse-ki  über  beide  gibt  der  I-sse  1.  c.  f.  28,  dann  noch  eine  über 
diesen  aus  dem  Sin-siü,  die  auch  im  Han-schi  uai  tschuen. 
Der  Han-schu  B.  30  f.  22  v.  hat  Khio-yuen  pu,  25  Pien, 
Thang  li  pu,  4  Pien  (nach  den  Schol.  auch  ein  Mann 
aus  Thsu)  und  Sung-iü  pu.  16  Pien.  Gedichte  von  diesem 
hat  der  I-sse  B.  132  f.  29 — 44.  Lieu-hiaug  sammelte  die 
Gedichte  aus  Thsu  (Thsu-sse) ,  zuerst  im  1.  Jahrhundert 
n.  Chr.  Sie  sind  dann  später  verschiedentlich  commentirt 
und  herausgegeben  worden,  s.  Wylie  p.  ISl;  in  Witn  sind 
2  Ausgaben. 

Ausser  ihrer  politischen  und  poetischen  Bedeutung  werfen 
diese  Gedichte  auch  auf  die  Sagengeschichte,  diu  Religions- 
verhäitnisse  und  die  üulturgeschichte  Thsu's  ein  eigenes  neues 
Licht.  Es  werden  z.  B.  in  den  9  Gesängen  durch  Zauberinnen 
mit  Musik  und  Tanz  8  Götter  und  ein  Dämon  herbeigerufen, 
so:  der  Tung-hoang  Thai-i    (der  Kaiser  des  Ostens,  der 


240     Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  5.  Februcvr  1870. 

grosse  Eine),  der  Wolkengott,  die  Königin  des  Siang(-FIusses), 
die  Gebieterin  (fu-pin)  des  Siang  (Yao's  ältere  und  jüngere 
Töchter,  Gemahlinnen  Schün's),  der  grosse  Schicksalsgott 
(Ta  sse  ming ,  der  oberste  der  3  Thai-Sterne) ,  der  kleine 
Schicksalsgott  (Siao-sse  ming,  der  4te  Stern  des  Sternbildes 
Wen-tschang),  der  Fürst  des  Osten  (Tung-kiün,  d.i.  der  Sonnen- 
gott), der  alte  (Gott  (des)  Hoang)-ho  und  der  Bergdämon  (Schan- 
kuei).  Den  Manen  der  erschlagenen  Krieger  wird  geopfert. 
Andereinnere  Verhältnisse.  Unter  diesem  Titel  fassen 
wir  zusammen  was  der  Sse-ki  B.  23 — 30  und  der  I-sse 
B.  151  bis  zum  Schlüsse  B.  160  noch  hat.  Die  8  ßücher 
Pa-schu,  Zweige  der  Wissenschaft,  des  Sse-ki  handeln  für 
die  Zeit  der  ganzen  alten  Geschichte  vom  Ritual,  der  Musik, 
den  Gesetzen,  der  Zeitbestimmung,  der  Himmelskunde,  den 
Opfern,  den  öffentlichen  Bauten,  besonders  der  Kanäle,  den 
Maasen  und  allen  ihren  Veränderungen  bis  unter  den  Han :  B.  23 
Li-schu,  von  den  Gebräuchen;  B.  24  Yo-schu,  von  der 
Musik;  B.  25  Liü-schu;  B.  26  Li-schu,  von  der  Zeit- 
bestimmung. Die  4  Bücher  Sse-ma-tsien's  sind  aber  verloren 
und  die  2  letzten  von  Tschu-schao-sün,  B.  23  durch  Siün-tseu's 
Li-lün,  B.  24  durch  den  Yo-ki  ersetzt.  B.  27  Thien-kuan- 
schu,  von  der  Himmelskunde;  B.  28  Fung-schen-schu, 
von  Opferplätzen ;  B.  29  Ho -khiü-schu,  von  Wasserbauten 
und   B.  30    Ping-tschün-schu   von  Maas   und  Gewicht. 

Im  I-sse  ist  B.  151  Thien-kuan-schu,  mit  11  Tafeln 
der  Gestirne.  Es  wird  nicht  nöthig  sein,  aus  diesen  und 
den  folgenden  Büchern  alle  die  vielen  schon  genannten  oder 
nicht  genauer  bekannten  Schriften,  aus  welchen  er  Excerpte 
gibt,  anzuführen.  Wir  heben  hervor  den  ersten  Theil  des 
Tscheu-pei-suan-king  f.  Iv.'^),  Sse-ki  B.27,  Han-schu,  Hoai- 
nan-tseu,  Tschhün-thsieu-yuen-ming-pao. 


75)  Es  soll  nach  Wylie  p.  86  aus  d.  D.   Tscheu  sein:    der  erste 
Theil  ein  Dialog  zwischen  Tscheu-kung  und  Schang-kao,  einem  Mi- 


Flatly.  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  241 

B.  152  hat  den  Titel  Liü-li-tung-kao  und  ist  aus 
Sse-ki  B.  25    Han-scliu  u.  s.  w. 

B.  153  Yuei-ling,  enthält  zu  Anfange  den  kleinen 
Kalender  der  Hia,  llia-siao- tsching.  —  den  wir  aus  dem 
Ta-tai  Li-ki  K.  26  Ti  47  kennen,  übersetzt  von  BiotN,  Journ. 
As.  1840,  Ser.  III,  T.  10  p.  551  —  60  und  jetzt  von  uns  in 
u.  Abh.  Die  Beschäftigung  der  alten  Chinesen,  a.  d,  Abh.  der 
Ak.  München  1869  4.  p.  141  (39)  fg.  —  dann  Auszüge  aus 
dem  Tscheu-schu  f.  3 — 6,  darauf  f.  6 — 17  das  Kap.  6  des  Li-ki 
C.  Yuei-ling  und  f.  17  fg.  aus  Tschuang-tseu  den  Abschnitt 
die  vier  Jahreszeiten  (Sse  schi)  mit  Zusätzen  aus  Andern. 

B.  154  in  2  Abth.  Hung-fan  u.  hing-tschuen,  von 
den  5  Elementen,  enthält  nur  Pan-ku's  Han-schu  B,  27 
ü-hing  tschi, 

B.  155.  Ti-li-thu,  enthält  erst  geographische  Karten 
China's  aus  der  ersten  Zeit,  dann  die  der  neun  Provinzen  nach 
demC.  des  Schu-king  Yü-kung,  die  unter  der  2.D.Schang;  un- 
ter der  3.  D.  nach  Tscheu-li  B.  33  Tschi-fang  schi;  dann  unter  den 
West-Tscheu;  zur  Zeit  des  Tschün-tsieu ;  zur  Zeit  der  streiten- 
den Fieiche  und  zuletzt  der  Provinzen  der  4.  D.  Thsin.  Da- 
rauf folgen  unter  dem  Titel  Ti-li-tschi  geographische 
Nachrichten  aus  verschiedenen  Autoren,  dem  Eul-ya,  Schi- 
ming,  Hoai-nan-tseu  u.  a.  Aus  dem  Ti  wang  scLi-ki  gibt  er 
f.  5  —  7  V.  die  angebliche  Grösse  und  Bevölkerung  Chinas 
von  der  ältesten  Zeit  an  bis  zur  4  D.  Thsin ;  s.  m.  Abh. 
üeber  die  Glaubwürdigkeit  d,  ältest.  chin.  Geschichte. 
München  1866  8°,  a.  d.  S.-B.  1866  L,  4  S.  571  fg.;  zuletzt 
7 — 17  V.  die  Geographie  der  einzelnen  Reiche  aus 
dem  Han-schu  B.  28  hia  f.  17 — 27  und  dem  Po-voe -tschi. 


nister  der  D.  Tschau,  handelt  von  den  Eigenschaften  des  recht- 
winkeligen Dreiecks  ;  der  zweite ,  ein  Dialog  zwischen  Yung  -  fang 
und  Tschin-tseu  über  Astronomie,  ist  zum  Theil  aus  späterer  Zeit; 
der  letzte  spricht  von  der  runden  Gestalt  der  Erde ,  dem  Wechsel 
der  Temperatur  und  der  Länge  der  Tage  nach  der  Breite  des  Orts. 
Vgl.  E.  Biot  Traduction  et  explication  du  Tscheu-pei,  ancien  ouvrage 
astronomique,  im  Journ.  As.  1841.  Ser.  III.  T.  11.  p.  593—640  nach 
dem  ganzen  Text  im  Tsin-tai-pi-schu.  S.  Fourmont's  Catalog  p.  304. 
[1870.  I.  2.]  16 


242      Sitzung  der  philos.-'p'hildl.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

B.  156.  Tsching-schi  schi-pu  sind  Denkwürdig- 
keiten aus  der  Geschichte  des  Schi-king  nach  der  Folge  der 
Bücher  f.  1 — 9.  Dann  folgt  f.  9  v.  fg.  Schang-schi-u 
(5)  Pien,  eine  Liste  der  Kaiser  der  2.  D.,  auf  die  man 
Schi-king  Schang-sung  IV.  3  bezieht;  darauf  f.  11 — 21  v. 
Tscheu-schi  san  pe  lo  pien,  der  Reihe  der  Kaiser  der 
3.  D.  Tscheu,  auf  welche  man  die  Lieder  des  Schi-king  B.  2 
und  3  Siao-  u.  Ta-ya  bezieht. 

B.  157  Schi-ho-tschi,  über  Nahrung  und  Güter.  Erst 
Erklärung  von  Ausdrücken  aus  den  alten  Wörterbüchern  u. 
a.  Werken,  dem  Eul-ya,  Schue-wen,  Siao-eul-ya,  Po-ya  u. 
Schi-ming'^^)  dann  sächliche  Nachrichten  aus  dem  Han-schu 
B,  24  1  u.  2,  dem  Sse-ki,  Siang  pei-khing,  Han-schi  uai- 
tschuen  u.  a. 

ß.  158.  Sui-iü-thu,  gibt  erst  Abbildungen  von  den 
verschiedenen  Kuei  (Abzeichen  der  Fürsten)  u.  Geräthen  mit 
Beschreibungen  und  dann  den  ganzen  Anhang  des  Tscheu-li 
B.  40 — 44  Khao-kung-ki  über  die  Gewerbe,  statt  des  ver- 
lorenen Theils  des  Tscheu-li  (die  früheren  Bücher  des  Tscheu-H 
gab  der  I-sse  bereits  13.  23,   1  u.  2). 

B,  159,  1.  schaiig  enthält  sehr  Mannigfaltiges,  erst  9  Bl. 
Abbildungen  von  Gefässen  mit  Beschreibungen,  dann 
besonders  Auszüge  aus  dem  Pe-hu-tung  u.  a.  über  Bücher, 
f.  20  Proben  der  verschiedenen  chinesischen  Charaktere, 
von  Tsang-hi(?,  dem  angeblichen  Erfinder  der  Schrift,  aus 
Yü's  Zeit,  der  (Siegel -Charaktere)  des  Tschheu-sse,  der 
Bücher  zu  Cont'ucius  Zeit,  der  von  Li-sse  und  der  Bureau- 
Schrift  (Li  schu)  unter  der  D.  Thsin. 

B.  159,  2.  (hia)  Kuan  fu  handelt  von  der  Kopfbe- 
deckung und  der  Tracht  und  hat  Stellen  aus  dem  Heu- 
Han  schu,  Pe-hu-tung,  Schue-yuen  und  den  erwähnten  alten 
Wörterbüchern,  dann  Tscheu-kiü,  d.  h.  von  Schiffen  und 
Wagen,  nach  denselben  Werken,  darauf  Kung-schi,  von 
Palästen  und  Häusern,  auch  mit  Stellen  aus  den  genannten 
Wörterbüchern  und  dem  Fang-yen,  einer  alten  Dialektologie^^); 


76)  Die  letzteren  3  finden  sich  in  der  Sammlung  I,  17, 19  und  20. 

77)  Fang-yen,   in   der  Sammlung  I,  IS,    zeigt   die  verschiedene 
Sprache  in  den  einzelnen  Reichen  wohl  zur  Zeit  des  Tschhün-thsieu 


Plath:  Quellen  der  alten  chines.  Geschichte.  243 

weiter  f.  10  Ki-yung,  vom  Gebrauche  der  Gefässe  nach 
denselben  und  einigen  anderen  Werken.  Sehr  dürftig  sind 
die  letzten  Abschnitte  Yen-schi,  von  Trank  und  Speise, 
Tsao-mo,  von  Kräutern  und  Bäumen  und  Niao-scheu, 
von  Geflügel  und  Wild.  Ausführlicher  ist  dieses  alles  in 
den  grossen  chin.  Eucycloj^edien,  aber  nicht  beschränkt  auf 
die  alte  Zeit.  Unsere  Abb. :  die  4  grossen  Encyclopedien 
der  Chinesen  wird  darüber  die  näheren  Nachweise  geben. 
B.  160  endlich  Ku  kin  jin  piao  ist  Pan-ku's  Han- 
schu  ß.  20  f.  1 — 69  und  enthält  eine  Uebersicht  sämmt- 
licher  Kaiser,  Vasallenfürsten,  Staatsmänner  u.  s.  w. 
des  alten  China  von  Fu-hi  bis  zu  Ende  der  4.  D.  Thsin. 

Manche  Einsicht  in  die  innern  Verhältnisse  gewähren 
noch  die  Sammlungen  alter  Gefässe  und  der  In- 
schriften darauf  durch  die  Chinesen.  Pauthier  im  Journ.  As. 
1868.  Ser.VIT.  11  p.  362— 5  nennt  10  chin.  Werke  darüber. 
Uns  stehen  nur  2  davon  zu  Gebote. 

Den  1)  San  li  thu,  Tafeln  (Abbildungen)  zu  den  3  Li 
,  (dem  Tscheu-li,  I-li  und  Li-ki,  s.  S.  100  fg.)  von  Ni-tshung 
I  yi,  V.  J.  962,  der  schon  oben  erwähnt  ist,  hat  die  Staatsbiblio- 
thek; es  ist  auch  in  Berlin  nach  Schotts  Verzeichniss  S.  63. 

2)  Lo  king  thu  khao,  von  Yang  kia  unter  der  D. 
Sung  1165,  mit  322  Abbildungen. 

3)  Khao  ku  thu,  von  Po  ku  thu  u.  Liü  Tu  fang 
unter  der  D.  Sung,  Abbildungen  alter  Vasen.     Daraus  giebt 

,  solche  Thoms  im  Journ.  of  theAs.  Soc.  of  London.     T.  L 

!  4)  Siao  tung  tsi  ku  lo,  von  Wang-kien  a.  d.  Sung. 

Von  292    alten  Inschriften   sind  126  aus  der  2  D.  Schang, 

133  aus  d.  D.  Tscheu,  23  aus  d.  D.  Han,  dann  36  Siegel, 

eines  angeblich  von  Yü. 


und  der  Tschen-kue.  Er  unterscheidet  Yen  mit  Tschao-sien, 
(Tai),  Lu,  (besonders  Ost-)  Tshi,  Tsin  (Tschao,  Han  und  Wei), 
Tshin,  Sung,  Wei  (in  Ho-nan),  Tsching,  Tschin,  Thsu  (King), 
ü  und  noch  andere  Unterabtheilungen. 

16* 


244     Sitzung  der  pMos.-pMlöl.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

5)  Tsclmng  ting  khuan  tschi  von  Sie-schi  (Schang- 
kung),  a.  d.  D.  Sung,  hat  2  Inschriften  aus  d.  D.  Hia,  209  a. 
d.  D.  Schaug,  253  a.  d.  D.  Tscheu  u.  s.  w.  K.  17  enthält  die 
Inschrift  einer  Stein-Trommel  a.  d.  Zeit  Siuen-wang's  827  v. 
Chr.  u.  die  Inschrift  einer  Lanze  Tschung-kang's  (2150  v.  Chr.) 

Die  Staatsbibliothek  hat  es  in  20  Kiuen,  in  einer  Ausgabe 
a.  d.   Regierung    Kia-khing    A^  2. 

6)  Tsi  ku  tschai  tschung  ting  i  khi  kuan  tschi 
von  Yuen-yuen,  hat  170  Inschriften  aus  d.  2  D.  Schang 
u.  260  aus  den  3  D.  Tscheu. 

7)  Tscheu  y  tshiuen  schu  ku.    1596  2  B.  4. 

8)  Kiu  ting  si  thsing  ku  kian,  Abbildung  und  Be- 
schreibung von  1529  alten  Gegenständen;  daraus  sind  die 
alten  Gefässe  b.  Pauthier  Description  de  la  Chine  pl.  38 — 
44,  p.  202—7  abgebildet. 

9)  Thsien  tschi  i  sin  pien,  Abbildung  von  Münzen, 
angeblich  schon  von  Fu-hi  (3467  v.Chr.),  Schin-nung  (3218), 
Hoang-ti  (2697),  Yü  (2205)  u.  s.  w.  (Fang-schi's  Me  phu, 
Inschriften  auf  Dintenstöckeu ,  aus  der  Zeit  der  Sung ,  ge- 
hören nicht  hieher.) 

Ein  Werk  in  Berlin  ist  schon  Anm.  38  erwähnt. 

Man  sieht,  wie  viele  Quellen  für  die  innere  Ge- 
schichte des  alten  Chinas  und  speciell  der  letzten  Zeiten 
der  3.  D.  Tscheu  vorhanden  waren  und  zum  Theil  noch 
sind ,  aber  diese  in  Europa  sich  zu  verschaffen  und  dann 
auszubeuten,  ist  schwer;  ehe  das  aber  nicht  geschehen, 
kann  eine  gründliche,  allumfassende  alte  Geschichte  China's 
nicht  geschrieben  werden. 


Lauth:  Fapyni^  Prisse.  245 


Herr  Lauth  trägt  vor: 

„Ueber  Chufu's  Bau  und  Buch." 

(Papyrus  Prisse.     IL  TheiL) 

In  meiner  vorigen  Abhandlung^)  habe  ich  durch  eine 
vollständige  Analyse  der  zwei  ersten  Blätter  des  Papyrus 
Prisse  dargethan,  dass  der  Verfasser  dieses  und  des  vor- 
angehenden, leider !  verloren  gegangenen  Theiles  sich  in  der 
Schlussphrase  selbst  Kadjimua  nennt  —  eine  Beobachtung, 
die  Herrn  Chabas^)  entgangen  war,  da  er  schreibt:  Le  nom 
de  Ptahhotep  n'apparait  pas  dans  les  clauses  finales  du 
premier  ouvrage ;  par  analogie  avec  ce  qui  se  passe  dans 
le  second ,  nous  devons  croire  que  le  nom  de  l'auteur  etait 
indique  apres  le  titre  qui  a  disparu."  Ich  stimme  mit  letz- 
terer Bemerkung  vollständig  überein,  nur  dass  ich  nicht  den 
Ptahhotep,  Verfasser  des  dritten  Theiles,  sondern  den 
Kadjimna  (Kaxif.ir^v)  eben  so  zu  Anfang  ergänze,  wie  er 
am  Schlüsse  des  ersten  Theiles  als  Verfasser  genannt  ist. 
Auch  Brugsch^)  hat  die  Sache  so  aufgefasst  wie  ich,  indem 
er  sagt:  jjAuf  der  Schlussseite  einer  nur  fragmentarisch 
vorhandenen  Abhandlung  des  ägyptischen  Landvogtes  Ka- 
kemui,  welche  den  Weisheitslehren  Ptahhotep's  voran- 
ging und  ähnlichen  Inhaltes  war ,  findet  sich  gegen  Ende 
des  Werkes  folgende  beachtenswerthe  Stelle'"  (vergl.  meine 
Abhandlung  über  Pap.  Piisse  I.  Theil  zu  II  lin.  4 — 7).  Aber 
auch  er  spricht  nur  von  zwei  Verfassern  des  Papyrus  Prisse, 


1)  Sitzungsberichte  1869,  II,  4. 

2)  Revue  archeolog.  1858  p.  4. 

3)  üeber  Bildung  und  Entwickelung  der  Schrift  p.  27. 


246     Sitzung  der  philos.-philöl.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

indem  er  den  zerstörten  Theil  mit  Stillschweigen  übergeht. 
H.  Chabas  sagt  im  unmittelbaren  Anschlüsse  an  die  oben 
aus  seiner  Arbeit  citirten  Stelle :  ,,nous  voyons  d'ailleurs 
qu'ä  la  fin  de  ce  second  ouvrage  (es  ist  mein  III.  Theil) 
Ptah-hotep  n'est  pas  nomme  non  plus ,  mais  qu'il  est  lui- 
meme  la  personne  parlante  et  agissante."  Das  Fehlen  des 
Namens  Ptahhotep  am  Schlüsse  des  III.  Theiles  hat  seinen 
Grund  einfach  darin,  dass  er,  der  110jährige,  kein  Avan- 
cement zu  melden  hatte ,  wie  Kadjimna ,  der  zu  Anfang 
seines  Werkes  einen  niedrigeren  Grad  unter  König  Huni 
bekleidet  hatte,  während  er  nach  dem  Ableben  dieses  Mo- 
narchen und  mit  dem  Regierungsantritte  des  Snefru  sofort 
ausser  seiner  schon  innegehabten  Eigenschaft  als  tsQoyQCffjr 
fjiarevg  auch  noch  den  Rang  eines  Mur-nu-dje  (praefectus 
urbis  et  orbis)  erhielt.  Wir  haben  folglich  keinen  Grund, 
Herrn  Chabas  beizustimmen,  wenn  er  schliesst :  ,,il  y  a  donc 
quelque  motif  de  penser  que  les  deux  (eigentlich  „trois") 
ouvrages  sont  du  meme  auteur  et  que  le  premier  a  ete 
compose  a  une  epoque  contemporaine  de  la  mort  d'un  roi 
nomme  Oer-En  (lies  Huni)  auquel  succeda  immediatement 
Snefru,  monarque  qui  recompensa  Ptah-hotep  en  lui  con- 
ferant  la  dignite  d'intendant  civil.  Le  livre  efface  datait 
probablem ent  du  regne  de  Suefrou".  Für  den  letzten  Satz 
fehlt  es  an  jeglicher  Begründung,  da  der  in  dem  absichtlich 
ausgelöschten  Theile  vorkommende,  durch  |^  noch  andedeutete 
Königsname  sich  nicht  so  weit  vom  Anfange  des  zweiten 
Buches  entfernt  befand,  als  eine  Datirung  voraussetzen 
Hesse.  Gehen  wir  nach  diesen  Betrachtungen  zur  Sache 
selbst  über. 

Der  Herausgeber  bemerkt  zu  Pag. III:  „Le  manuscrit 
presente  ici  un  espace  d'euviron  1  metre  33  centi- 
metres  de  longueur,  dans  lequel  on  a  evidemment 
efface  l'ecriture  et  lustre  le  papyrus  avec  soin,  sans 
doute  pour  substituer  aux  legendes  supprimees  un 


i 


Lauth:  Papyrus  Prisse.  247 

texte  qui  n'a  jamais  ete  trace."  Reclinet  man  zu  dieser 
Ausdehnung  von  4  Fuss  (französisch)  des  ausgelöschten  Textes 
auf  pag.  III  noch  die  ebenfalls  ausgelöschten  Zeilen  auf  pag.  II 
(unten)  und  pag.  IV  (oben) ,  so  ergeben  sich  im  Ganzen 
5  Fuss  =  5  Columnen  (von  durchschnittlich  1  Fuss)  eines  alt- 
ehrwürdigen  Textes,  dessen  Verlust  wir  zu  beklagen  haben, 
wie  dem  Träumenden  der  Schatz  in  demselben  Augenblicke 
verschwindet,  wo  er  ihn  gehoben  hat. 

Kein  menschlicher  Scharfsinn  vermag  diese  Lücke  aus- 
zufüllen. Aber  vielleicht  lässt  sich  doch  der  Verfasser  er- 
mitteln und  damit  ein  wenn  auch  geringer  Ersatz  für  das 
Verlorne  gewinnen.  Da  ich  meine  schon  früher  (im  I.  Theile 
des  Pap.  Prisse)  geäusserte  Ansicht :  .,Die  fünf  ausgelöschten 
Columnen  des  Pap.  Prisse  (II)  enthielten  vermuthlich  das 
Buch  des  Cheops"  mit  Niemanden  theile,  so  muss  ich.  um 
sit;  zu  beweisen  oder  doch  wahrscheinlich  zu  machen,  etwas 
weiter  ausholen.  Aus  dem  oben  Erörterten  entnimmt  man 
sofort  den  Eindruck,  dass  der  Schreiber  aus  der  XI.  Dynastie, 
welcher  die  (ursprüngHch)  drei  Texte  aus  älteren  Originalen 
copirte ,  sie  zu  einer  Sammlung  moralischer  Abhandlungen 
vereinigen  wollte.  Nun  ist  aber  der  erste  Text  vom  Ende 
der  III,  Dynastie,  dagegen  der  dritte  Text  vom  Schlüsse  der 
V.  Dynastie  gezogen,  also  ist  nichts  natürhcher  als  die 
Folgerung,  dass  er  die  chronologische  Ordnung  befolgte. 
Schon  die  einfache  Rechnung  nach  dem  arithmetischen  Mittel 
würde  somit  für  den  IL  Theil,  den  jetzt  ausgelöschten,  den 
Zeithorizont  der  IV.  Dynastie  ergeben.  Nun  aber  belehrt 
uns  ein  vollgültiger  Zeuge ,  kein  Geringerer  als  der  ägyp- 
tische Geschichtschreiber  Manetho  selbst,  dass  der  König 
Cheops  (Chufu  2ov(fig)  ein  heiliges  Buch  verfasst  hat. 
^^ie  passend  dieses  Werk  gerade  dieses  Königs  die  von 
uns  beklagte  Lücke  des  Pap.  Prisse  auszufüllen  geeignet  ist, 
wird  aus  einer  kurzen  Erwägung  der  Umstände  deutlich 
erhellen. 


248     Sitzung  der  jahiTos.-phüol.  Gasse  vom  5.  Februar  1870. 

Die  wichtige  Stelle  Manetho's  lautet:  ß^(6svxsqog  ißcc- 
ÖiXsvOs)  2ov(fig  ert-  ^/*  og  trlv  hsyiOti]v  fjsiQs  TzvQafiiSa, 
rjv  (pr^Oiv  "HooSoTog  vno  Xsonog  yeyovävai.  Ovxog  dh 
xal  vnsQortzrig  sig  d^sovg  iyävsTO  xal  ti]v  tsqdv 
Ow  syqaip €  ßißXov,  f]v  cog  /.is'ya  yofif.ia  iv  AiyvTtro) 
yeröfievog  ixir^öanr^v.  So  der  getreue  Auszügler  Africanus.  Die 
barocke  Zusammenstellung  ,,Götterveräcliter  und  Verfasser 
des  heiligen  Buches"  suchte  Eusebius  erträglicher  zu  machen, 
indem  er  zwischen  beide  nsravo7]aavva  einschob.  Wie  schlecht 
ihm  aber  die  Herstellung  eines  besseren  Sinnes  gelungen  ist, 
zeigt  sein  Text:  2ov(pig,  6  rr^V  fjLsyiGTrjv  TTVQafxiSa  sysiQag, 
rjv  (frjOiv  '^HooSotog  vno  Xsonog  yeyovsvaf  og  xal  vneqon- 
tr^g  €ig  ■d-sovg  ys'yovsv ,  wg  fxeTaror^Oarxa  avrdv  Tr]v  legciv 
OvyyQaipai  ßißXov,  ifv  cog  fieya  XQr\!J.<x  Alyvmioi  nsqiänovOi. 
Man  sieht  auch  ohne  meine  Erinnerung,  wie  ungereimt  es 
klingt:  ,, dieser  ward  auch  ein  Götterverächter,  so  dass 
(denn  wg  steht  offenbar,  wie  so  oft  für  wdr«)  er  nach  seiner 
Bekehi'ung  (Bereuung)  das  heilige  Buch  verfasste".  Ich  habe 
schon  früher  in  meinem  ,,Mauetho"  p.  173  gezeigt,  wie  dieser 
Widerspruch  zu  lösen  sein  dürfte,  indem  ich  annahm,  dass 
Cheops  in  den  Geruch  der  Gottlosigkeit  (doeßrjg)  eben  durch 
den  Titel  seines  Buches  ha-sehait  ,, Anfang  der  Unterweisung" 
gerathen  sein  möchte.  Es  trifft  sich  recht  glücklich,  dass 
Horapollo  I  38  in  demselben  Capitel,  worin  er  die  ßißXog 
Uqd  unter  dem  Namen  dfißqr^g  erwähnt  —  welcher  Aus- 
druck  nichts   Anderes   ist   als   der  Titel   des   Todtenbuches 

^^^v^^o  ^^-w*"**ßw  „Anfang  der  Capitel"  —  auch  das 
Wort  oßdü  naidsCa  aufführt,  welches  identisch  ist  mit  dem 
koptischen  sbo  eruditio ,  doctrina ,  disciplina ,  und  auch  in 
dem  abstracten  mentsal)e(ti)  wiederkehrt.  Nun  aber  be- 
ginnt das  Werk  des  Ptahhotep  gerade  mit  '^Jj^^ljl|  f! 
sebai't    „Unterweisung"     und    ähnlich    die    politische    In- 


Lauth:  Papyrus  Prisse.  249 

struction     des    Amenemha   I    von    der    XII.   Dynastie    mit 

^^.Mv  J^^^Hi'=^  '^^'^-^-^^^(^i^  „Anfang  der  Unter- 
weisung". Die  Präposition  m  ist  facultativ  und  fehlt  dess- 
halb  öfter,  so  dass  ha-sebai't  allein  steht.  Was  ist  nun 
natürlicher,  als  anzunehmen,  dass  dieses  Jia-sebait,  womit 
so  viele  Schriften  anhüben ,  auch  der  Titel  des  Buches  von 
Cheops  gewesen  sei,  und  dass  daher  äasßiqg  eben  so  grae- 
cisirt  entstand  wie  ctfißQijg? 

Allerdings  könnte  das  Buch  des  Cheops,  da  es  so  aus- 
drücklich als  r]  tsQcc  ßißog  hingestellt  wird,  den  dieser  griech- 
ischen Uebersetzung  wörtlich  entsprechenden  Titel  zama- 
nnte(r)  ,,das  (göttliche)  heihge  Buch"  wirklich  geführt  haben. 
Was  mich  dazu  bestimmt,  gerade  an  diese  Ueberschrift  zu 
denken,  ist  die  üeberlieferung  des  Ausdruckes  2f^«vovi9-t. 

Bei  dem  Bischöfe  Theophilus  ad  Autolyc.  II  6  erscheint 
der  Passus:  ^AnoXXoovidriq,  6  xal  "ilqäTtiog  iTtixXrjd-sig ^  iv 
ßißhi)  xfl  €niyqa(foiX£Vi]  2s fisv o  v^  i^^.  Leider  ist  die 
griechische  Umschrift  wegen  des  abhanden  gekommenen 
breiten  Zischlautes  aäv  (seh)  und  wegen  Verschmelzung 
des  alten  Zade  hinter  pe  (nt)  mit  Oiy^a  nicht  geeignet,  uns 
über    den    Anlaut    dieses    Wortes    authentisch    aufzuklären. 

Nur  der  zweite  Bestandtheil  -vov^C  deutet  bestimmt  auf  | 
oder  phonetisch   <;^  b  woraus  bekanntlich,  mit  Aufgebung 

des  Rhotacismus  von  miter,  kopt.  7it(ti,  nute  deus  entstanden 
ist.  Für  den  ersten  Bestandtheil  haben  wir  die  Wahl  zwischen 
drei   ägyptischen  Wurzeln.     Zunächst  liegt  der  Gedanke  an 

i  ^w^^     n'^^  ^ama  (Todtenbuch  162,  8),   welches  in  dem 

kopt.  djöme  liber,  sowie  in  dem  semit.   nD2  g'omeh  Papyrus 

erhalten  ist.     Da  jedoch   bei   dieser  Gruppe   das  Zeichen     j 

für  nuti   meines  Wissens  nicht  angetroffen  wird ,    so  dürfte 


250      Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

sich  die  zweite  "Wurzel  vielleicht  besser  empfehlen^  ich  meine 
l'^^^^^^^^)  scha-nuti  in  Verbindung  mit  täp]  sacA  Schreiber 

und  determinirt  durch  den  Mann  ^,  um  zu  bezeichnen  den 

„Schreiber  des  heiligen  Buches".  Man  müsste  nur,  wie  es 
im  Koptischen  so  häufig  geschieht,  die  Relationspartikel  m 
(vergl.  oben  ha-m-reii,  lia-m-sebait)  suppliren,  um  buchstäb- 
lich sclie-m-niiti  ,,das  göttliche  (heilige)  Buch"  zu  erhalten. 
Mit    derselben  Ergänzung    und    dem   Laute    des   2sfx£vovd-i 

mehr  entsprechend  ergäbe  die  so  häufige  Gruppe  |iz:±t=i,  ,  , 
(s) cke-(m)-niiti  ,,die  göttliche  Sache  oder  Wissenschaft^)" 
das  erforderliche  Material.  Ich  übergehe  andere  Stämme 
wie  z.  B.  sem,  sema,  die  im  Aegyptischen  mit  s  anlauten, 
und  ohne  die  Annahme  einer  Sibilation  direkt  zu  2€f.ievovi)-i 

hinführen  würden,  weil  der  Begriff    ]  nuter  nicht  so  häufig 

bei  ihnen  angetroffen  wird;  das  Gesagte  wird  hinreichen, 
um  ^six€vovd{  als  acht  ägyptischen  Titel  eines  heiligen 
Buches  erkennen  zu  lassen. 

Ich  sehe  einen  Einwurf  voraus ,  den  man  meiner  oben 
gegebeneu  Erklärung  des  dosßr^g  machen  könnte ,  nämlich : 
wie  kommt  es,  dass ,  da  die  missverständliche  Deutung  des 
ha-sehait  doch  erst  seit  der  durch  Manetho  bewerkstelligten 
Graecisirung  des  Ausdruckes  uiöglich  werden  konnte,  Herodot 
schon  beinahe  200  Jahre  früher,  wenigstens  indirekt,  von  der  doe- 
ßsia  des  Cheops  zu  berichten  weiss,  indem  er  den  MvxsgTvog 
im  Gegensatz  zu  seinem  tiut/q  (Xeoip)  und  nccTQcog  (Xscfqriv) 
als  svaaßrjg  (II  133)  darstellt?  Offenbar  war  der  Hass 
der  Aegypter  (II  128).  in  Folge  dessen  sie  als  Erbauer  der 
zwei    grössten  Pyramiden    nicht   den    Chufu    und    Chafra, 


4)  Dümichen:  Kalenderinschriften  Taf.  C,  1. 

5)  Brugsch  lex.  p.  1142. 


Lauth:  Papyrus  Prisse.  251 

sondern  den  noif^rjv  ^iXtrig  nannten,  nicht  einer  miss- 
verständlichen Auffassung  der  Graeculi  (sQfxijvetg)  entsprungen. 
Ich  füge  sogleich  hinzu :  auch  die  Auslöschung  des  Werkes 
von  Chufu  im  Pap.  Prisse  kann  doch  wohl  nicht  auf  griech- 
ische Rechnung  gesetzt  werden  —  nicht  als  ob  ich  meinte, 
diese  Zerstörung  sei  vom  Abschreiber  selbst  schon  in  der 
XL  Dynastie  vorgenommen  worden.  Sie  fällt  jedenfalls  in 
spätere  Zeit. 

Ich  werde  weiterhin  die  in  meinem  ,,Manetho"  ver- 
suchte Ehrenrettung  des  Cheops  auf  Grund  gleichzeitiger 
Denkmäler  vervollständigen.  Vorderhand  sollen  uns  die 
übrigen  Missverständnisse  beschäftigen,  welche  schon  in  alter 
Zeit  in  Betreff  des  Chufu  aufgetaucht  sind.  Dahin  rechne 
ich  vor  Allem  die  Misskeunuug  der  wahren  Bedeutung  seines 
Eigennamens.  Ich  habe  an  der  Hand  der  offiziellen  Königs- 
tafeln gezeigt,  dass  Chufu,  oder  in  voller  Schreibung  Chuf-u-f 
wörtlich  ,, Schützer  seines  Bezirkes  (Landes)"  bedeutet.  Was 
treffen  wir  aber  anstatt  dessen  bei  Eratosthenes,  dem  Nach- 
folger des  Manetho  an  der  Alexandrinischen  Bibliothek  unter 
Ptolemäus  Euergetes?  Er  übersetzt  den  Namen  2uc5(pig  mit 
xa)(xa6Tr^q  und  x^^Ji^tß^'öT/;'?.  Die  Jb'ormen  2ov(fig  (genauer 
wäre  2ov<pv-g)  und  ^acocpig  zeigen  eine  Assibilation  des 
anlautenden  Ch  (zu  Seh),  während  Herodot  den  ursprüng- 
hchen  Anlaut  noch  kennt,  aber  als  Jonier  den  Vokal  w  in 
€0  auflöst  und  nach  der  kürzereu  monumentalen  Form  Chuf, 
mit  dem  griech.  Schluss-g  sein  Xeotp-g  =  Xeotp  bildet.  Die 
Gewährsmänner  des  Eratosthenes  dachten  aber  an  djöf  avarus, 
sordidus  und  an  sau  potator  bibitor,  zwei  Begriffe,  die  sich 
sogar  ausschliessen  und  durch  ihre  gleichzeitige  Anwendung 
beweisen,  dass  die  wahre  Etymologie^)  des  Namens  Chufu 
verloren  gegangen  war. 


6)  Eine  ächte  uralte  Etymologie  habe  ich  in  meinem   vorigen 
Aufsatze  bei  Gelegenheit  des  Snefru  aus  dem  Pap.  Prisse  aufgezeigt, 


252      Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

Man  sieht,  wie  der  x^»;i«a^t<?^*f?  schon  im  herodotischen 
XQrjfjiäTcov  deGßsvog  (II  126)  vorgebildet  ist  und  wie  der 
ausgelassene  Schwelger  iu  den  unsauberen  Märchen  über 
das  Verhalten  der  Tochter  des  Cheops  wiederkliugt.  Aber 
trotzdem  treffen  wir  den  Chufu  auf  gleichzeitigen  Denkmälern 
als  eifrigen  Beförderer  des  Cultus  der  Götter  und  nur 
Pietät  gegen  seine  Tochter  übend.  Wie  lassen  sich  diese 
Widersprüche  erklären  ? 

Die  grosse  Pyramide  als  Wunderbau  veranlasste  von 
selbst  zur  Sagen-  und  Märcheubildung.  Dazu  kommt,  dass 
ihr  Bau  Eigenthümlichkeiteu  aufweist,  die  sich  bei  keiner 
andern  Pyramide  geradeso ,  und  nur  bei  der  drittgrössten 
analog,  wieder  finden.  Nun  ist  es  höchst  merkwürdig,  dass 
Herodot  II  131  über  Mykerinos,  den  Erbauer  der  letzteren, 
im  Verhältniss  zu  seiner  Tochter  ganz  ähnliche  Geschichten 
erotischen  Inhaltes  berichtet,  wie  über  Cheops  und  seine 
Tochter  II  126.  Ferner  bemerkt  Manetho  bei  der  Königin 
Nitokris  der  VI.  Dynastie:  ysvvixwtaTr^  xccl  svixoQCfwxdxri 
fMV  xazr'  avTijV  yevo^sviq,  '^avd-rj  rrjv  XQOidv,  ri  Trfv  rQirrjv 
riysiQs  nvqai-iida  und  hiemit  stimmt  die  noch  heutzutage 
bestehende  Sage,  dass  nächtliclier  Weile  eine  weisse  Frau 
die  dritte  Pyramide  umwandle.  Andererseits  beweist  der  Um- 
stand, dass  Mykerinos'  (Menkera's)  Mumie  in  der  dritten 
Pyramide  gefunden  worden  ist  —  sie  liegt  jetzt  im  brittischen 
Museum  —  für  den  uröprünglichen  Bau  der  dritten  Pyramide 
durch  diesen  König  der  IV.  Dynastie.  Der  scharfblickende 
Perriug,  welcher  des  Colonel  Vyse  Grabungen  in  den  Pyramiden 
sachverständig  leitete,  beobachtete  in  der  That  einen  doppelten 
Bau  au  der  dritten  Pyramide,  nämlich  so,  dass  der  ur- 
sprüngliche  Kern    (des  Menkera)   durch  weitere  Steinmäntel 


wo  dieser  Name  durch  suten  mencli  m  to  erdjerf  „wohlthätiger  Köuig 
im  gauzen  Lande"  erläutert  wird.  Ebenfalls  iu  der  Bedeutung  von 
„protector"  erscheint  chnemu,  der  Beiname  des  Chufu, 


i  Laiäh:   Papyrus  Prisse.  253 

(der  Xitokris)  überdeckt  erscheint.  Etwas  Aehnliches  bietet 
die  grosse  Pyramide:  sie  hat  zwei  Grabkammern.  eine 
unter  dem  Niveau  des  Fusses  der  Pyramide  in  dem  natür- 
lichen Felsen,  zu  welcher  ein  scliräg  herabführender  Gang 
leitet,  und  die  andere  im  Innern  des  Kunstbaues,  welche 
durch  den  aufsteigenden  Corridor  erreicht  wird.  Man  er- 
sieht hieraus,  wie  leicht  diese  Eigeuthümlichkeit  des  Baues 
zu  dem  Märchen  veranlassen  konnte,  dass  Cheops  in  ähnlichem 
Verhältnisse  zu  seiner  Tochter  gestanden,  wie  Menkera  zu 
der  seinigen,  um  so  mehr ,  als  der  für  die  Tochter  des 
Cheops  aufgeführte  Pyramidenbau    nicht   bloss  von  Herodot 

I  II  126  miterwähnt,  sondern  auch  durch  einen  weiterhin  zu 
besprechenden  monumentalen  Text  bestätigt  wird. 

In  der  oberen  Grabkammer  der  grossen  Pyramide  steht 
jetzt  noch  der  königliche  Sarkophag,  freilich  ohne  Mumie, 
die  längst  durch  arabische  oder  andere  Eindringlinge  entfernt 
worden  ist.  —  Da  nun  die  Regel  erforderte,  dass  die  Mumien 
in  dem  unterirdischen  Räume  beigesetzt  wurden  und 
Herodot  an  drei  Stellen  (II  124,  125,  127)  diess  ausdrücklich 
als  von  Cheops  für  seine  Mumie  beabsichtigt  erklärt:  rcav 
vno   yrfv  olxr^adroiv,  rdc  inoisero  Or^xuz  iavTO}  —  t6  vnS 

I  ytjv  bqvyaa  —  sv  t?J  avxov  XsyovGi  xsTo^ai  XsoTta,  so  ent- 
stand daraus  die  von  Diodor  I  64  erwähnte  Sage,  Cheops 
(Xtußr^q)  sei  überhaupt  nicht  mit  königlichen  Ehren  bei- 
gesetzt, sondern  insgeheim  an  einem  abgelegenen  Orte 
begraben  worden. 

Den  ersten  monumentalen  Beweis  dafür,  dass  die  grosse 
Pyramide  wirklich  von  Chufu  (Xeoip,  2oi'g^ig,  Xbtißr^g).  wie 
Manetho  in  der  IV.  Dynastie  anmerkt,  erbaut  worden  ist, 
lieferten  die  Grabungen  des  Colonel  Vyse.  Er  fand  in  den 
vier  oberhalb  der  oberen  Königskammer  entdeckten  flach 
bedachten  Zimmern  mehrere  Baublöcke  mit  dem  Namen 
Chufu  und  Chnemu-Chufu  beschrieben.  Wir  brauchen  uns 
nicht  mit  Bunsen   damit   abzuplagen,    diese   beiden  Namen 


254      Sitzung  der  phüos.-pMIdl.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

getrennt  zu  halten  und  daraus  den  Doppelbau  der  grossen 
Pyramide  zu  erklären.  Dass  beide  Namen  nur  einem  ein- 
zigen Könige  eignen,  beweist  die  Gleichheit  der  dem  eigent- 
lichen Nomen  proprium  vorangehenden  Devise.  Die  voll- 
ständigste der  Legenden^)  der  eben  erwähnten  Blöcke  lautet: 


(» 


CN 


^ 


^"fe?  w_^J  J  (I  Pf^=fA  chnemu-Clmf(u)  sechenu 


urrat,  selia  mhau  ,,Ghnemu-Chufu,  Stütze  (Träger)  des  Dia- 
demes,  Errichter  des  Grabdenkmals  (der  Pyramide)".  Wir 
wissen  aus  vielen  Beispielen,  dass  chnemu  als  Appellativum, 
abgesehen  von  dem  demiurgischen  Gotte  Chnemu  (Kneph 
Xrov^ig,  Knuphi),  im  Allgemeinen  den  ,, Baumeister,  Bildner" 
bezeichnet  hat,  hier  um  so  passender,  als  es  sich  um  den 
Kunstbau  der  grossen  Pyramide  handelt.  \Yas  den  Namen 
C hu fu  betrifft,  so  bedeutet  er,  wie  die  erweiterte  Form 
Chuf-u-f  der  Saqqarahtafel  deutlich  erweist,  ,, Schützer  seines 
Bezirkes",  wie  der  seines  unmittelbaren  Vorgängers  Snefru: 
„Wohlthäter  des  Bezirkes  (Landes)"  bedeutet.  Aus  dem 
Beinamen  Chnemu  erklärt  sich  Diodor's  Xsfjißr^g,  aus 
Chufu  die  Form  2ov(fig  oder  Xsoxp.  Die  vorletzte  Gruppe 
seha  entspricht  dem  ilysiQs  Manetho's,  in  der  Posettaua 
dem  GTTiOai ^  wörtlich  ,, stehen  machen,  aufstellen".  Dass 
die  Pyramide  selbst  als  Deutbild  zur  letzten  Gruppe  mliau 
(bopt.  monumentum  sepulchrale,  sepulchrum)  hinzutritt,  kann 
nicht  befremden,  da,  "wie  ich  früher^)  nachgewiesen,  die 
Pyramiden  nichts  anderes  waren  als  colossale  Grabdenkmäler 
der  Könige.  Den  vielbesprochenen  Namen  TtvQufxig  erklärt 
Brunet  de  Presle^)   aus  dem  Griechischen  als   „petit  gäteau 


7)  Sie  sind  jetzt  in  dem  Prachtwerke  von  Prisse:  l'art  egyptien 
sehr  getreu  abgebildet.  Nach  der  hier  gegebenen  können  die  übrigen 
leicht  ergänzt  werden. 

8)  , .Obelisken  und  Pyramiden"  Sitzungsberichte  1 866. 

9)  Revue  arcbeoL  1854  p.  544  8q; 


ll  Lauth:  Papyrus  Prisse.  255 

de  froment".  Im  Alterthume  dachte  man,  wie  Pünius  mit 
seinem  .,ne  pecuniam  successoribus  aut  aeraulis  insidiantibus 
praeberent"  andeutet  und  Stephanus  Bjz.  fast  ausdrücklich 
sagt :  dno  twv  n  vqcov  .  ovg  sxsT  övvayuybov  6  ßaOt^.svg 
ivdsiav  snoii](js  öivov  xara  xr]v  Aiyvntov,  an  eine  Art  Vor- 
raths-  oder  Schatzhaus .  wobei  allerdings  noch  immer  das 
griechische  rtvqoq  zu  Grunde  gelegt  ist.  Allein  nimmt  man 
das  kopt.  ramao  dives .  mit  Präfigirung  des  bei  Lokalitäten 
so    gewöhnlichen   i)e  pi   ..Haus"    z.    B.   Pe-Osiri  =  Busiris, 

i  Pe-bast  =  BoißaOTig  =  Pi-beseth,  so  erhielte  man  eine  un- 
gezwungene  Etymologie   des  Wortes  für  den  angenommenen 

:  Sinn  des  Schatzhauses.  Was  mich  aber  bestimmt ,  weder 
an  diesen  Stamm  ramao,  noch  an  ratna  altitudo  zu  denken, 

j  ist  die  Legende    0^^  m|7f),A,  amaio    auf   der    Stele    des 

'  Aethiopenkönigs  Horsiatef  lin.  19.  Es  geht  unmittelbar  vor- 
her: ,,der  Gott  Amon  von  Napata  im  Innern  seines  (amaio).'' 

I  Der  Artikel  ^e  vor  amaio  ist  unstatthaft  wegen  des  vorher- 
gehenden =  und  wohl  nur  aus  einem  ehemaligen  oder 
missverstandenen  im  i^er  (vergl.  Par-ao)    erklärlich.     Dieses 

I  volle  per-amaio   würde ,    wenn  man  die  Legende   [I  ^,^^()cTl 

der  Pianchistele  liu.  106  vergleicht,  wo  am  nur  das  Zelt 
,  bezeichnen  kann,  den  Sinn  von  ,,Haus  des  Zeltes"  oder 
„Zelt-Haus"  ergeben  und  die  Pji'amiden  wären  sonach  nichts 
anderes  als  in  Stein  ausgeführte  Zeltformen.  Im  Louvre  fand 
ich  die  Legende:  ,,der  Osir-hapi  in 

"'    A  n  ^ — 1"!^^=^~~>  <ro=»  <:3>  <:zi> — p —  ci 

ap  pen  Ica  Jcam  rma  Eoseti   der  Pyramide  von  Ko)X(ofirj  bei 

I  Roseti." 

i  Den  Eigennamen  der  grossen  Pyramide   liefern  die  be- 

nachbarten Gräber;    er  lautet  "^2  / \  ©  Achuf-to  „Zierde 


256      Sitzung  der  phüos.-pTiilol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

des  Landes."     Ebendaselbst    erscheint    eine   Prinzessin    des 

Namens  ^-^  1   Merites,  welche  vom  Hause  des  Snefru  in 

das  des  CJmfu  übergeht  und  auch  noch  unter  Chafra  auf- 
tritt. Vermuthlich  war  sie  die  Gemahlin  des  Chufu  und  so 
würde  sich  ohne  weitere  Schwierigkeit  der  Doppelbau  der 
grossen  Pyramide  erklären,  wenn  wir  nämlich  annehmen, 
dass  sie  die  untere  Grabkammer  zugetheilt  erhielt.  Sie  führt 

den  sonderbaren  Beinamen:  ^^    h^^^^^"^    Maat    Har- 

Seth  „Verehrerin  des  Roms  (und  seines  Antagonisten)  Seth^\ 
aus  jener  alten  Zeit  ein  wichtiges  Zeugniss  für  die  Polarität 
dieser  Gottheiten,  deren  Ergänzungen  uns  andere  Texte  aus 
derselben  Epoche  sofort  an  die  Hand  geben  werden. 


Da   das  Verbum  maa  L  ^   wie  auch  die  demotische 

Uebersetzung  ushtaii  (=  kopt.  iiösht  adorare)  in  den  Rhind- 
papyri  beweist,  von  der  ursprünglichen  Bedeutung  des 
„Sehens''  zu  der  von  ,. Anbetung"  fortschreitet  (noch  erhalten 
im  kopt.  moihe  admiratio  cf.  x^säod^ai  und  ■&av(ia(-^(ü) ,  so 
fühlt  man  sich  versucht  zu  glauben,  das  p]pitheton  vTteQomrjg^ 
welches  Manetho  dem  Cheops  beilegt,  sei  in  gutem  Sinne  als 
„eifriger  Verehrer"  der  Götter  zu  fassen.  AehnHch  wech- 
selt die  Bedeutung  von  nsqiomog  und  des  deutschen  Zeit- 
worts nhersehen  passer  en  revue  und  =  negliger.  Denn 
muss  schon  der  Bau  der  Pyramide  selbst,  weil  zur  Religion 
der  Aegj^Dter  gehörend,  als  die  Uebung  einer  religiösen 
Pflicht  angesehen  werden,  so  lassen  die  ausführlicheren  Texte 
eines  Grabes  keinen  Zweifel  darüber,  dass  Chufu  wirklich 
die  Gottheiten  des  Landes  in  vorzüglichem  Grade  geehrt 
hat.  Der  wesentliche  Theil  dieser  uralten  Texte  lautet 
folgendermassen^") : 


10)  Yergl.  Birch  in  Bunsen's  Egypt's  place  in  Universal  history 
y  719 — 721.    Zwar  sagt  De  Eouge  darüber:   Le  style  de  cette  in- 


1 


Lanth  :  Papyrus  Prissc.  257 

Änch  Hör  nas  suten  clieh  CJiufu   ti-cmch   djemnef  pa-Iset 

1  „Es  lebe  der  herrschende  Horus,  der  König  (Jhufu,  der  leben- 
'  spendende.    Er  fand  das  Haus  der  Isis, 


i^A 


.^§%:^f°^fe— ^^J         "^ 


^;^T^^fs  —  "i-^j] -^  :=: -^® 

Jmit rma  pe-Hu  naher  mhit-ament  n  Pe-Osiri  neh  Rosetau 

der  Gebieterin  der  Pyramide,  zur  Seite  von  Pe-hu,  vor  dem 
Nordwesten  von  B-usiris,  dem  Herrn  von  Rosetau ; 

I     |Si     ^  / ^      ^  ^-^  )  A.  ;vvvw\     i      Lm      a;^-^  /    \,    AA/WVA  ) 

chusaunef  .  .  .f  rma  neterliat  nt  netert-ten,  cliusaunef  .  . .  .n 

er  erbaute  seine  Pyramide    bei    dem  Tempel   dieser  Göttin; 

er  erbaute  eine  Pyramide 

suten  si't  Hontsen  rma  neterliat  ten. 
der  Prinzessin  Hontsen  bei  diesem  Tempel." 


scription  si  curieuse  peut  faire  douter  qu' eile  soit  du  temps  meme 
deSouphis;  eile  peut  avoir  ete  renouvelee.  Aber,  wie  es  auch  durch 
renouvelee  angedeutet  wird,  das  ägyptische  Alterthum  hatte  in  den 
Wiederholungen  desselben  Textes  auf  verschiedenen  Theilen  des 
Baues  wie  z.  B.  in  diesem  Falle  selbst  —  cf.  das  Gedicht  des  Pentaur 
und, den  Meneptah-Text  über  die  Libyer  nebst  den  Archivern  etc. — 
ein  bequemes  Mittel  der  Wiederherstellung  von  Texten. 

11)  Birch  setzt  *^-<='— ;  doch  bemerkt  mir  H.  v.  Horrack  dieses  als 
„douteux".     Ich  setze  dafür  aus  Rücksicht   auf  den  Sinn  aa^^^^    wie 
auch  De  Rouge  1864  las. 
[1870.  I.  2.]  17 


258      Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

So  viel  steht  auf  der  rechten  Seite  der  jetzt  ins  Belaqer- 
Museum  verbrachten  Stele;  auf  der  linken  beginnt  der 
nämliche  Name  und  Titel  des  Chufu;  alsdann  folgt  unmittel- 
bar darauf: 

irinef  n  mutJi-f  Iset-ntermuth  Hatlior  hont  . . .  sapt  tit  r  utu 

Er  machte  seiner  Mutter  Isis  Thermuthis  Hathor,  Gebieterin 

der  Grabstätte 

/\  c:  r:  1  ^  >  ^  H  ^  1  Q  p  V- 

tinef  nes  neter-hotep  n  ma  chusau  nef  neter  hat-s  m  aner 

die  Ausstattung,  welche  gethan  ist  auf  die  Stele ;  er  gab  ihr  ein 
neues  göttliches  Opfer,  erbaute  ihren  Tempel  aus  Stein 


-^mti^fi 


nem  djemnaf  nen  neteni  hi  ast-s 
wieder,  (er)  fand  die  Götter  ^^)  auf  ihrem  (der  Isis)  Sitze. 


In  einer  Ecke  der  Stele  steht,  nach  einigen  zweifelhaften 
Charakteren : 

„Der  Sphinx  ist  im  Süden  von  Pe-Iset,    der  Gebieterin  der 
Pyramide  im  Norden  von  Pe-Osiri,  des  Herrn  von  Roseta." 


12}  Es  sind  offenbar  die  sogenannten  &£ol  avvvaoi,  gemeint. 


Lauth:  Fapyrus  Prisse.  259 

Diese  Texte  bieten  ein  vielfaches  Interesse;  ich  will  hier 
nur  das  Wichtigste  herausheben,  welches  zugleich  mit  meiner 
Aufgabe  zusammen  fällt,  die  grosse  Pyramide  und  ihren  Er- 
bauer von  gleichzeitigen  authentischen  Zeugen  als  Götter- 
verehrer, nicht  aber  als  Götterverächter  zu  erweisen.  Die 
topographischen  Verhältnisse  sind  nicht  minder  wichtig. 

Die  hier  erwähnten  Gottheiten  gehören  sämmtlich  dem 
ersten  d.  h.  memphitischen  Götterkreise  an:  Osiris,  Isis, 
Horus,    Hathor.     Da    uns    oben    auch    Seth   begegnete,    so 

darf  auch  Nephthys  Y]   nicht  vergessen  werden,  die  mit  ihm 

als  Gemahlin  zusammenhängt.  Horus  erscheint  nicht  nur 
in  der  Legende  neben  Seth.  sondern  auch  allein  in  der 
zusammengesetzten  Form  Har-m-aclm  ,, Horus  am  Horizonte," 
welche  von  einem  gewissen  'Aq^iavog  auf  der  Tatze  des 
Sphinx  zu  "ÄQixaxig  gräcisirt  ist.  Horus  ist  aber  nur  eine 
Variante  für  Ra^  den  Sonnengott  selbst,  der  in  dem  leider! 
von  de  Rouge  noch  nicht  veröffentlichten  Texte  ebenfalls 
vorkommt.  Ebendaselbst  ist  die  Rede  von  grossartigen 
Geschenken  an  den  Apis,  die  nach  Zahl,  Stoff  und  Farbe 
genau  aufgeführt  werden.  Vermuthlich  fehlt  auch  der  Ptah 
nicht,  der  Protodynast  dieses  Götterkreises;  da  seine  Er- 
gänzung: der  Sokaris,  nicht  nur  in  Königsnamen  der  III. 
und  IV.  Dynastie,  sondern  auch  bis  zur  Stunde  in  dem  nahe 
gelegenen  Saqqarah  erscheint.  Da  nun  schon  unter  Snefru 
ein  weiblicher  Xame  Hap-en-Ma"t  erscheint,  worin  neben 
Apis  auch  Ma"t.  (kopt.  t'mei  Osfitg)  genannt  ist,  so  bedarf 
es  keines  weitern  Beleges,  dass  auch  der  ibisköpfige  Thoth 
(Dhuti),  der  Gemahl  der  Ma't  in  jener  Zeit  verehrt  wurde. 
Was  hier  für  uns  die  Hauptsache  ist:  Chufu  war  kein 
Götterverächter,  sondern  im  Gegentheil  ein  eifriger  Götter- 
verehrer. 

Betrachten  wir  uns  angesichts  dieser  Thatsache  die 
Notiz  Manetho's  dass  2ov(fig  eine  leqd  ßiß/.og   geschrieben, 

17* 


260      Sitzung  der  pMos.-p'hilol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

so  wird  sie  uns  höchst  glaubwürdig  erscheinen.  Dazu  kommt, 
dass  der  Pap.  Prisse  in  der  ersten  der  ausgelöschten  Zeilen 
zwei  Spuren  eines  Königsschildes  aufweist,  das  in  Bezug 
auf  räumliche  Ausdehnung  zu  dem  Namen  Chufu  passt. 
Dieser  Name  kann  aber  hier  nicht  als  chronologisches  Merk- 
mal gestanden  haben,  sonst  müsste  er  gegen  das  Ende  der 
Zeile  gesucht  werden,  wie  analog  im  Pap.  Prisse  III  der 
Königsname  Assa  erwähnt  wird.  Folglich  bleibt  nur  übrig 
anzunehmen,  dass  ühufu  als  Verfasser  des  betreffenden 
Werkes  genannt  war.  Die  Ergänzung  nach  vorn  liefert 
der  uns  bekannte  Eingang  ha  sehait  ,, Anfang  der  Unter- 
weisung," welches  als  Buchtitel  zu  dasß^g  gräzisirt  und  so 
die  Veranlassung  werden  mochte  zu  dem  jMissverständnisse, 
Cheops  sei  ein  dosßr^g  gewesen.  Da  ferner  solche  Schriften, 
wie  das  Beispiel  des  Prinzen  Ptahhotep  beweist,  der  das 
seinige  an  seinen  Sohn  richtet ,  zum  Gebrauche  einer  be- 
stimmten Person  verfasst  wurden,  so  ist  es  wahrscheinlich, 
dass  auch  Chufu  sein  Buch  einem  seiner  Familienglieder, 
ich  vermuthe,  seiner  Tochter  Hontsen,  gewidmet  hatte. 
Den  Inhalt  anlangend,  können  wir  leider !  nichts  bestimmtes 
angeben.  Allein  schwerlich  war  es  ein  Kapitel  des  Todten- 
buches,  da  wir  es  in  diesem  Falle  u^ter  den  Stücken  dieser 
Sammlung  mit  dem  Namen  des  Chufu  antreffen  würden. 

Es  scheint  eine  Abhandlung  über  die  ägyptischen  Götter 
zunächst  des  memphitischen  Kreises  gewesen  zu  sein.  Dafür 
spricht  auch  Folgendes.  In  einem  geheimen  Corridor  von 
Denderah  (Ta-n-torer,  ThrvQu)  fand  Dümichen^^)  einen  Text, 
der  sich  auf  die  Urbegründung  des  Heiligthums  der  Hathor 
bezieht.  Da'heisst  es  nun  wörtlich  also:  „Die  ürgründung 
(des  Tempels)  in  Anit  (anderer  Name  für  Denderah),  die 
Neuherstellung  des  Monuments  ward  gemacht  vom  Könige 
Thuthmosis  III 


13)  Yergl.  seine  Bauurkunde  von  Dendera  p.  15. 


Lauth:  Papyrus  Prisse.  261 

m  chet  djemut  m  anu  asti     m    hau     n     suten        Chufu 

„in  Folge   eines  Fundes  in  alter  Schrift  aus  der  Zeit  des 
Königs  Chufu". 

Nach  einer  andern  Angabe  desselben  Corridors  hatte 
,.der  König  Pepi  ((Picoip)  von  der  VI.  Dynastie  den  GründuDgs- 
plan  vom  Hathortempel  zu  Denderah  aufgefunden  im  Innern 
eines  Ziegeldammes  des  Südhauses ,  abgefasst  in  alter 
(hieroglyphischer)  Schrift    auf  Ziegenhaut   aus    der  Zeit   der 

n  li^^.      „Begleiter    (oder   Verehrer)    des    Horus.'"      Unter 

letzteren  versteht  man  die  vorhistorischen  Könige  Aegyptens. 
Wie  man  sich  diese  doppelte  Angabe  auch  zurechtlegen  möge: 
immer  bleibt  für  Chufu  ein  Antheil  bei  der  Gründung  des 
Hathortempels  in  Denderah. 

Es  gibt  noch  ein  anderes,  so  zu  sagen,  psychologisches  Sym- 
ptom für  die  Charakteristik  des  Chufu:  ich  meine  jene  so  oft  in 

den  Texten  wiederkehrende  Stadt  ^^)   (^^"^^-^  1  ™  ^® 

Mena't-Clmfu  ,,Amme  des  Chufu",  Ist  hierunter  eine  Stadt 
zu  verstehen ,  die  der  König  seiner  Amme  zur  Ehren  ge- 
gründet —  oder  hat  man  den  Geburtsort  desselben  poetisch 
seine  ,,Amme"  genannt :  jedenfalls  bewies  oder  empfing  er 
hiedurch  einen  Akt  der  Pietät,  was  gewiss  nicht  der  Fall 
gewesen  wäre,  wenn  er  sich  zu  seinen  Lebzeiten  als  einen 
solchen  Tyrannen  bewiesen  hätte,  wie  ihn  Herodots  Gewährs- 
männer darstellen. 

Als   letztes  Document    und  Argument   für    die  evOeßeia 


14)    Brugsch  Geograph.  I  112 — 116,  224;    sie  lag  im  hermupoli- 
tischen  Gau. 


262      Sitzung  der  phüos.-plühl  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

des  Chufu  reproduzire  ich  die  Legende  eines  kleinen  Denk- 
mals im  Louvre,  welches  einem  gewissen  Psametik  Raneferhet 
(XXVI.  Dynastie)  sein  lebender  Bruder  Hapichufu  gewidmet 
hat.     Der  Verstorbene  führt  die  Titel : 


,,pius    erga  Serapidem  deuin  magnum,  theodulus  (propheta) 

imagiuis  regiae,    theodulus  Isidis    quae   praesidet  pyramidi, 

theodulus  regum  Cheopis ,    Chephrenis ,    Ratoisis ,    theodulus 

Harmachis." 

Die  drei  unmittelbar  einander  succedirenden  Könige  der 
IV.  Dynastie  werden  in  der  Genealogie  des  Verstorbenen 
wiederholt  genannt  und  zum  Schlüsse  der  Wunsch  ausge- 
sprochen ^^R^Ofi^^l  (^  5)^k  pOn  "^^  daure  lange  bestän- 
dig der  Cult  des  Harmachu  (Sphinx)". 

Diese  Inschrift  beweist  vor  Allem,  dass  zur  Zeit  der 
Psametiche ,  also  nach  der  beträchtlichen  Zwischenzeit  von 
fast  3000  Jahren,  noch  immer  Priesterthümer  des  Chufu, 
Chafra  und  Ratatef  bestanden  —  eine  Zähigkeit  der  Ueber- 
lieferung,  die  gerechtes  Erstaunen  erregen  muss,  aber  auch 
den  Beweis  liefert,  dass  das  Andenken  des  Chufu  bei  der 
ägyptischen  Priesterschaft  kein  so  verhasstes  gewesen  sein 
kann ,  wie  einzelne  Züge  der  Erzählung  des  Altvaters  der 
Geschichte  bisher  annehmen  liessen.  Dieser  jüngere  Text 
stimmt  mit  dem  älteren  auch  in  allen  andern  wichtigen 
Punkten  überein.  Die  Göttin  Isis  erscheint  hier  ebenfalls 
als  „Gebieterin  der  Pyramide'',  daneben  Hapi-Osiris  (Serapis) 
und  Harmachu,  zusammen  die  heilige  und  in  ganz  Aegypten 
zu  allen  Zeiten  der  pharaonischen  Geschichte  hochverehrte 
Triade  bildend. 


Lauth:  Pcqjyriis  Frisse.  263 

Eiuige  Schwierigkeit  verursacht  der  Ausdruck  /^^^^^^^.r^ 


invenit.  Er  kehrt  zu  allen  Zeiten  sehr  häufig  wieder,  so 
z.  B.  in  dem  grossen  Felsentempel  am  Gebel  Barkai.  ^^j  wo 
Taharqa  der  Muth  (Isis)  von  Napata  einen  Neuhau  errich- 
tete.   Nachdem  diese  That  erwähnt  ist,  fährt  der  Text  fort: 

(jP^^Ih^s^IQ^^U^W^  "^'"^'■- '' 

fand  seine  Majestät  dieses  Gotteshaus  gebaut  aus  Stein!'' 
Es  scheint  also  der  Stamm  djem ,  wie  das  damit  verwandte 
£-Te-Ti.i-ev  invenit,  ursprünglich  ,. finden,  treffen,  antreffen", 
aber  nicht  ., erfinden"'   zu  bedeuten.    Also  traf  Chufu  bereits 

einen  Bau,  genannt  ^{'^  Pe-Iset,  zur  Seite  des  "-px^.^:^ 

Pe-lm,  im  Nordwesten  von     i    HJ]  Pe-Osiri.   Beginnen  wir 

mit  letzterem.  Es  unterliegt  nicht  dem  geringsten  Zweifel, 
dass  die  vielen  Üertlichkeiten  des  Namens  Busiris  alle  auf 
ein  ursprünghches  Pe-Osiii  .,Haus  des  Osiris"  zurückzuführen 
sind;^^)  ja  die  Stadt  Taposiris  ist  nicht,  wie  die  Griechen 
meinten,  aus  Tag^t]  "OaiQig  entstanden,  sondern  aus  Pe-Osiri 
Uiit  präfigirteui  ^^Ff  ta,  wie  oben  bei  Ta-n-tora  =  Tsvtvqu. 
Es  gab  verschiedene  Orte  mit  dem  Namen  Busiris:  aus  der 
Rossttana  kennen  wir  ein  Lykopolis  ev  xiTy  Bovaioirrj  (vofXiTi)-^ 
ein  Abusir  liegt  nicht  weit  oberhalb  Memphis,  und  dass  in 
unmittelbarster  Nähe  dieser  Stadt  noch  ein  anderes  Busiris 
bestanden  hat,  beweist  PHnius  h.  n.  XXXVI  12,  wenn  er 
sagt,  die  drei  grossen  Pyramiden  seien  gelegen  inter  Mem- 
phin  et  .  .  .  Delta,  a  Nilo  quatuor  millia  passuum,  a  Mem- 
phi  VIIMD  vico  apposito .  quem  vocant  Busirim;  in  eo 
sunt  assueti  scandere  illas  (pyramides),"    Dieser  Ort  Busiris 


15)  Lepsius  Denkw.  Abth.  Y  ßl.  5,  oben. 

16)  Cf.  Isidor.  I  88    Bovatois  =  "Oaiqiäog  rucpos  —  TacpSatoig  =^ 
Ta(fri  'OaiQidog  Plut.  de  Is.  et.  Os.  c.  21. 


264       Sitzung  der  pMlos.-plülol.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

also  ist  in  jener  alten  Inschrift  als  schon  vor  Chufu  vor- 
handen bezeichnet. 

Nordwestlich  von  diesem  Busiris  lag  Pe-Iset.  Es  gab 
viele  Städte  des  Namens  Iseum  oder  Isidis  oppiduui  in 
Aegypten ;  hier  kann  nur  an  die  nächste  Umgebung  des 
heutigen  Giseh  gedacht  werden.  Wie,  wenn  dieser  Orts- 
name ein  altüberlieferter  wäre  und  nur  per  accommodationem 
ein  arabisches  Aussehen  hätte?  Denkt  man  sich  statt  des 
^  ein  anderes  Präfix  »z.  B.  ß^ga,  welches  wir  aus  der  In- 
schrift von  Rosette  mit  der  Bedeutung  raög  Capelle  kennen, 
so  ergibt  sich  G-Ise  ungezwungen.  Dass  ich  mit  diesem 
ga     nicht    in     der    Luft     schwebe,     beweist     die    Legende 

Qc>>^ J^-^^-^^l'^)    „aufgestellt  sind    die  (4)  Ecken  der 

Horus-Capelle".  Mit  dem  nämlichen  ga  compouirt,  würde 
eine  Osiris-Capelle  G-usiri  lauten.  Vielleicht  ist  el  Guisr, 
wo  die  Grabung  des  Canales  auf  Schwierigkeiten  stiess,  eine 
solche  Osiris-Capelle  gewesen  ,  um  so  wahrscheinlicher ,  als 
sich  in  jener  Gegend  auch  ein  Serapeum  befindet. 

Die  Isis  unserer  Inschrift  führt  den  Titel  ,, Gebieterin 
der  Pyramide."  Was  hiermit  gemeint  sei,  ergibt  sich  un- 
mittelbar aus  dem  Zusätze  ,,Hathor,  Gebieterin  der  Grab- 
stätte." Wir  wissen  aus  unzähligen  Darstellungen,  dass  die 
Göttin  der  Unterwelt,  die  'AcpQodiTrj  xd^ovia  oder  HsQOsifaOOa 
(Proserpina)  in  Gestalt  einer  Kuh  aus  dem  Grabgebirge 
hervorschaut,  uuj  den  Verstorbenen  aufzunehmen.  Daraus 
wird  auch  die  ßovg  ^vXivrj  xoiXrj  erklärlich,  in  welcher  die 
Tochter  des  Mykerinos  (Herodot  II  129,  130)  bestattet  wurde. 

Der  grosse  Androsphinx  bei  den  Pyramiden  von  Giseh 
führt  also  urkundlich  den  Namen  „Hu  des  Harmachu.*' 
In  der  gräcisirten  Form  "Aq^axig  trefi'en    wir   ihn    auch    bei 


17)  Brugsch  lex.  p.  1708. 


m 


Lauth:  Papyrus  Prisse.  265 

Plinius  (C.C)  wo  er  sagt:  Harmain  regem  putant  in  ea 
conditum.  Er  polemisirt  mit  Recht  gegen  die  Meinung:  et 
volunt  iuvectain  videri,  mit  den  Worten :  est  autem  saxo 
naturali  elaborata.  'Was  man  in  neuerer  Zeit  über  die 
Einführung  der  Sphinxgestalt  (kiich  die  Hykshos  oder  wegen 
der  Inschrift  des  Thutmosis  IV  auf  der  Stele  zwischen  den 
Tatzen,  über  ihre  Gründung  durch  Chafra  geschrieben  hat, 
wird  hiuf.illig  durch  unsern  Text.  '  Plinius  hat  liecht  zu 
sagen :  rubrica  facies  monstri  colitur.  Denn  der  Sphinx  ist 
ein  Bild  des  Sonnengottes  Harmachu  und  die  rothbraune 
Farbe,  die  das  Gesicht  gehabt  haben  kann,  ist  mit  der  Zeit 
gerade  so  verschwunden,  wie  die  Nase,  welche  sich  das 
türkische  ]\Iilitär  als  Zielscheibe  bei  seineu  Schiessübungen 
genommen  hat.  Dadurch  hat  der  Kopf  etwas  Negerartiges 
erhalten,  wie  eine  Königsbüste  der  Münchner  Samnduug  von 
gleicher  Verstümmelung.  Daraus  darf  man  aber  nicht,  wie 
es  geschehen  ist,  den  Schluss  ziehen,  dass  der  Sphinx  ur- 
sprünglich einen  Negerkopf  gehabt  habe. 

Was  bedeutet  nun  aber  der  Name  Hu,  welcher  dem 
Spliinx  in  der  Inschrift  zweimal  beigelegt  ist?  Der  Zusatz 
n-Harmachu  des  Harmachis-,,Horus  vom  Horizonte"  beweist, 
dass  der  Sphinx,  der  nach  guter  Quelle  bei  Clemens  von 
Alexandrien  d/xy]  fisxd  ovvsöawg  d.  h,  ,. Kraft  uiit  Einsicht" 
darstellt,  woraus  sich  der  Löwenleib  mit  Menscheuhaupt 
erklärt,  eine  Manifestation  des  Sonnengottes  gewesen  ist. 
Sehr  häufig  werden  bei  den  Aegyptern  vier  Sinne  durch 
Hu,  Sa,  Auge.  Ohr,  ausgedrückt.  Von  dem  Auge  nun, 
als  dem  Sinne  des  Gesichtes,  sagt  eine  Inschrift :  ..Das  rechte 
Auge*^)  des  Sonnengottes  Ra,  welches  erleuchtet  alle  Länder 
mit    seinen    Strahlen"       Es    ist    der   allsehende    "HXiog   der 


18)  Dümichen    Resultate   pl.    XLV,  c.     Das  liuke   ist   nach    der 
Stele  von  Neapel  der  Mond. 


266      Sitzung  der  phüos.-philol.  Qasse  vom  5.  Februar  1870. 

Griechen,  lieber  das  Ohr  wird  gesagt;  „Das  Ohr,  welches 
hört  alle  Dinge  aufs  genaueste  in  der  ganzen  Welt."  Hu 
und  Sa  sind  ohne  Legende,  allein  anderwärts ^^)  heisst  es: 
,,Hu  ist  in  meinem  Munde,  Sa  in  meinem  Herzen."  Da 
nun  Sa  in  dem  Kopt.  sou  cognoscere  (cf.  HN^"  intuitus  est) 
noch  erhalten  ist,  ausserdem  durch  Horapollo  II  117  in 
Bezug  auf  sein  Namenssymbol,  die  ovQiy^.  als  (pqovr^Oig  er- 
klärt wird,  so  bleibt  für  Hu  das  weite  Gebiet  des  Ge- 
schmackes sowohl  in  activer  als  passiver  Bedeutung:  gustus 
und  ysvOTov  übrig;  es  sollte  der  Sonnengott  als  der  Leben- 
und  Lebensunterhalt  spendende  (cf.  Kopt.  he  victus,  ^n  vita) 
dadurch  dargestellt  werden.  ^°) 

Die  Richtung  des  175  Fuss  langen  Sphinx  befolgt  genau 
die  West-Ost-Linie ;  sein  Gesicht  ist  gegen  die  aufgehende 
Sonne  gerichtet,  wie  die  Griechen  auch  den  Memnonscoloss 
des  AmenophisIII  als  die  Mutter  Aurora  begrüssend,  sich  dach- 
ten. Vielleicht  schaut  der  Sphinx  auch  in  seine  Urheimath: 
die  Sonnenstadt  Heliopolis. 

Zwischen  den  Vordertatzen  des  Sphinx  befindet  sich  ein 
Tempel:  es  ist  wohl  der  mit  Pe-Hu  bezeichnete.  Auf  der 
von  Thuthmosis  IV  errichteten  Stele  heisst  es:  ,,Der  Sphinx 
(Harmachu)  spricht  zu  dem  Könige,  wie  ein  Vater  zu  seinem 

Sohne,"  anspielend  auf  die  Legende  "^=0  viog  "Hkiov,  den 
die  Pharaonen  von  alter  Zeit  her  führten. 

Wie  dieser  Coloss  genau  orientirt  ist,  so  sind  es  auch 
die  Wunderbauten  der  grossen  Pyramiden.  Um  bei 
der  des  Chufu  stehen  zu  bleiben,  so  entsprechen  nicht  nur 
ihre  4  Seiten  auf's  Genaueste  den  vier  Weltgegenden,  sondern 


19)  Stele  von  Kuban  u.  Pap.  Leyd.  I  347,  12;  1  cf.  Todt.  17,  24, 
78,  38.     Letzteres  Beispiel  zu  corrigiren. 

20)  Hu  ist   also  nicht,   wie   Brugsch  lex.  p.  938  annimmt,    eine 
Abschwächung  aus  Chu. 


ll 


Lauth:  Papyrus  Prisse.  267 

( 

auch  der  schräg  abwärts  führende  Gang^^)  der  Nordseite, 
welcher  49  Fuss  über  der  Grundlinie  beginnt,  ist  schnur- 
gerade gegen  den  Polarstern  des  Nordens  gerichtet. 
Ein  langjähriger  Bewohner  des  Pyramidenfeldes,  der  sich 
hauptsächlich  mit  Messungen  an  der  grossen  Pyramide  be- 
schäftigte: Herr  Piazzi  Smyth,  versicherte  mir  1869  bei 
seiner  Anwesenheit  in  München,  dass  ein  Gefäss  mit  Wasser 
an  den  Scheidepunkt  gestellt,  wo  die  beiden  Gänge,  der  ab- 
wärtsführende und  der  aufsteigende,  sich  begegnen,  den 
Polarstern  nach  oben  an  den  Schluss  des  langen  Corridors 
reflectirt.  Diese  Eigenthümlichkeit,  sowie  sie  für  den  ein- 
heitlichen Bau  beweist,  deutet  zugleich  auf  ein  religiös- 
astronomisches  Element.  DasTodtenbuch  c.  17,35  gedenkt  des 
grossen  Bären  (Wagens,  septentrio)  unter  dem  Namen  ..der 
Schenkel  des  Nordhimmels'"  und  in  der  That  ergeben 
die  mit  Linien  verbundenen  7  Sterne  dieser  Constellation  das 
Bild  eines  Schenkels  viel  ungezwungener  als  das  eines  Wagens 
oder  eines  Bären,  wozu  schon  eine  starke  Phantasie  gehört. 
In  einem  Funerärtexte,  den  Rhindpapyri  werden  XX. I  in 
einem  Athem  angerufen  :  ..Osiris-Sahu  (Orion)  des  Südhinimels 
—  der  Schenkel  (diesmal  meschef)  des  Nordhimmels  — 
Isis-Sothis  (Sirius),  Führerin  der  Decane."  Man  sieht,  dass 
die  eigentlichen  Leitsterne  des  ägyptischen  Jahres  mit  den 
Repräsentanten  des  Astralkreises,  der  fünf  Epagomenen  und 
des  Vierteltages  beabsichtigt  sind,  wie  ich  sie  in  meinen 
Zodiaques  de  Denderah  erhärtet  habe.  Ein  Kapitel  des 
Todtenbuches  (98,  ^,2)  gibt  uns  den  Schlüssel  zum  Verständnisse. 
Es  wird  dort  nämlich  gesagt:  ..Sei  gegrüsst.  du  grosses 
Bein  (uaret)  welches  am  Nordhimmel  sich  befindet  in  dem 
grossen  Teiche ;  sichtbar,  ohne  unterzugehen  ;  bleibe  stehen 
vor  mir,  das   du    aufgehst    als  ein    Gott!     Möge    ich   (auch) 


21)  Inschriftlich    Roseta   genannt   z.  B.    auf  dem   von    Lepsius 
edirten  Plane  eines  Ramses-Grabes. 


268      Sitzung  der  phüos.-pJiildl.  Classe  vom  5.  Februar  1870. 

sichtbar  sein,  ohne  unterzugehen,  möge  (auch)  ich  bestehen, 
leben  und  aufgehen  als  ein  Gott!"  Man  sieht,  Avie  hier  das 
Siebengestirn,  von  dem  Homer  singt: 

äqxTov  d-\   fjV  xal  afia^av  snixXrjGiv  xaXs'ovOiv, 
rj  t''(xvtov  0TQ6(fSTai  xai  z:'  '£2qi(ovcc  öoxsvsi, 
oTr^  d'  ctf-ifxoQÖg  ioti  Xo€tqcov  ^SixeavoTo   — 

als  Symbol  der  ewigen  Fortdauer  genommen  ist.  Der  Polar- 
stern selbst  ist  durch  deu  Schakal  repräsentirt  worden, 
woher  es  kommt,  dass  noch  in  der  griechischen  Sphäre  der 
kleine  Bär  ganz  naturwidrig  mit  langem  Schweife  gebildet 
wird.  Dieses  sein  Prototyp  der  Schakal  fiilirt  häufig  den 
Namen  Ap-hiru  ,, Wegweiser,"  weil  er  zu  Land  und  zu 
Wasser  (cf.  'OSvaasvg  loco  laud.)  als  Leitstern  diente, 
wesshalb  die  ägyptische  Astronomie  einer  Aphiru  des  Nordens 
und  einer  Aphiru  des  Südens  (wörtlicher  ,,der  Nord-  und 
der  Südwege")  gekannt  hat.^^) 

Beweist  diese  Eigeuthümlichkeit  der  grossen  Pyramide, 
dass  nämlich  ihr  Baumeister  auf  die  ägyptische  Idee  der 
Unsterblichkeit  Rücksicht  nimmt,  für  die  siOsßsia  des  Chufu, 
so  darf  auch  der  Umstand  nicht  übersehen  werden,  dass 
der  Pyramidenbau  für  die  Prinzessin  Hontsen^^)  eine  ge- 
wisse   Pietät    involvirt.      Von    diesem    Werke    spricht    auch 


22)  Vergl.  meine  Zodiaq.  p.  41,  wo  ich  die  Stellen  der  Classiker 
citirte,  die  von  dem  doppelten  „Wegweiser"  bandeln.  Der  ,. grosse" 
Bär  scheint  aus  dem  „kleinen"  entstanden  zu  sein,  welcher  statt 
uQxtog  auch  xvvovnig  genannt  wird. 

23)  Was  diesen  Xamen  betrifft,  so  kann  ich  nicht  mit  H.  de  Rouge 
übereinstimmen,  der  in  seinem  abrege  grammatical  p.  16  das  sen 
solcher  Namen  als  Pronomen  fasst  und  auf  das  zu  supplirende  neteru 
(Götter)  bezieht.  Denn  Hontsen  würde  demnach  ,,ihre  (der  Götter) 
Gebieterin"  bedeuten,  was  unstatthaft  ist.  Ich  fasse  sen  als  das 
Zahlwort  ..zwei,  doppelt"  also  Hontsen  „die  Mitherrscherin"  cf. 
Tuki:  Kud.  ling.  copt.  p.  449  über  snau  i^]^;  zwei. 


Lauth:  Papyrus  Prisse.  269 

Herodot  II  126 :  sx  toi'tcov  d£  tcov  Xid^cov  scpaOav  xi]V 
■nvQa^ida  oixo6o/j,}]&)'^vai  zijv  iv  (.uöii)  tcov  tqicSv  SorrjxvTav, 
sjiiTTQoOd^et'  zr^g  (.leyakrig  nvQaixidoq.  Auf  der  Ostseite  dieser 
letzteren  l.iefinden  sich  wirklich  drei  kleinere  Pyramiden  (auf 
Bunseus  Plan  mit  7,  8,  9  bezeichnet).  Nun  liefern  die 
Grabtexte    ausser    der    Prinzessin    Hontsen    auch   noch    eine 

:andere,  Namens  Mersanch  ^^  1Y-.  die  Mutter  zweier  Prinzen, 

die  unter  Chufu's  Nachfolger  Chafra  lebten,  also  vermuthlich 
des  letzteren  Söhne  Wcäreu.  Aus  Allem  dürfte  sich  ergeben, 
dass  Chufu,  wie  Herod.  II  127  und  Diodor  I  54  ausdrücklich 
sagen,  der  Bruder  des  Chafra,  und  letzter  nicht  sein  Sohn 
gewesen  ist,  dass  er  also  nur  weibliche,  keine  männlichen 
Nachkommen  hinterliess. 

Ich  habe  Zeugnisse  genug  für    die  svöaßsia  des  Chufu, 
aber  keines  für  seine  dosßefa  beibringen  können.     Und  doch 
muss,  was  Herodot  II   124 — 130  u.    nach  ihm  Diodor  I  64 
von  der  Verhasstheit  des  Cheops  zu  berichten  wissen,  eben- 
falls  gewürdigt    werden.     Freilich    gehörten    die    Gewährs- 
,  männer  des  Herodot  in  diesem  Falle  nicht  zu  den  gut  ünter- 
j  richteten,  sonst  hätten  sie  nicht  den  Xe'oip  auf  ,,die  gute  alte 
Zeit  des  Rhampsinit"'  folgen  lassen.     Offenbar  stimmte  dieser 
1  Theil    der    Nachricht    von    crriechischen    Hermeneuten ,    die, 
I  unsern    Küstern    vergleichbar,    Wahres  und    Falsches  durch- 
einander   mengten.     Aber    11    128    nennt     er    ausdrücklich 
Aegypter  als  seine  Quelle  für  die  Verhasstheit  des  Cheops 
und    Chephren :     tovtovc    vtco    f.i(0€og    ov    xdqra    -d^ikovOi 
\  AlyvTitioi    dvofm^siv y     dXXu    xal    zag    TTVQaf.Ud'ag    xctXsovOi 
j   noifis'vog   (PiX/ziog,    6g    zovzov   zöv   xqovov  evefis  xrr^vsa 
I  xazä  zaiza  zd  xwQia.     Es  kann  mit  diesem  Hirten  Philitis 
I  nichts  anderes    gemeint   sein,    als    die   Zeit    der    Hykschos 
(=  ßaadsTg  noif.isv€g).    welche  ich  auch,    unabhängig  über- 
\   einstimmend  mit  Herrn  Vic.  de  Rouge,    in  meinem  früheren 
Aufsatze:    „Achiver    in    Aegypten,"    aus    einem    Texte    des 


270     Siizung  der  philos.-philol.  Glasse  vom  5.  Februar  1870. 

Exodus-Pharao  Meneptali  nachgewiesen  habe  als  sprüchwörtlich 
für  eine  Zeit  der  Bedrückung  und  Zerstörung  des  ägyptischen 
Gottesdienstes.  Mauetho  nennt  die  Hykschos  QoCvixeg, 
nach  einigen  ^'Aqaßsg\  sie  gehörten  also  zu  den  sogenannten 
semitischen  Stämmen.  Man  hat  desshalb  0iXkiog  in  ^di'aviog 
ändern  zu  müssen  geglaubt,  ohne  zu  bedenken,  dass  man 
auf  diese  Art  gerade  das  gewünschte  Eesultat  nicht  erreicht. 
Denn,  wie  Hitzig  richtig  vermuthet  hat,  die  Philister-Pelusta 
tragen  auf  den  ägyptischen  Bildwerken  alle  Kennzeichen  der 
indogermanischen  Race  und  als  unlängst  H.  Hyacinthe 
Husson^*)  am  Suez-Canale  erstaunt  auf  eine  Gruppe  blond- 
haariger Arbeiter  bei  El-Kantara  hinwies,  sagte  ihn  H.  Lesseps: 
„Voilä  les  hommes  d'El-Arisch  (Rhinocolura),  descendants 
des  Philistins." 

An  die  Juden  als  Frohuarbeiter  beim  Pyramidenbau 
darf  nicht  gedacht  werden;  denn  sie  sind  viel  später  ein- 
gewandert, und  die  erkleckliche  Summe  von  xQÖf^Lfiva  und 
(jxo^otfa  (Herodot  II  125)  konnte  auch  von  andern  Orientalen 
verzehrt  werden. 

Was  ist  nun  aber  mit  dem  Worte  0ihTig  anzufangen  ? 
Ich  schreibe  mit  geringer  Veränderug  ^iXirig  d,  h.  2iXiTig 
mit  präfigirtem  Artikel  p,  wie  Herodot  ihn  auch  bei  seinem 
TiiQcofiig  anwendete.  Er  begreift  beispielsweise  unter  Saßdxoov 
die  ganze  Zeit  der  Aethiopenherrschaft  und  so  mochte  ihm 
auch  die  Dynastie  der  Hykschos  in  ihrem  ersten  Könige 
zusammenfliessen,  der  2dXccTig,  ^iXiTr^g  (fehlerhaft  2atTr]g) 
geschrieben  wird.  Für  die  Verwechslung  von  ^  und  ^ 
haben  wir  ein  Beispiel  an  dem  'Ps/xtpig  Diodor's,  wo  die 
andern  Quellen  ein  Tccfxiprjg  bieten,  und  in  Uebereinstimmung 
mit  der  monumentalen  Schreibung  Ramessu,  offenbar 
Te'mprjg  zu  corrigireu  nöthigen.  Dieses  so  gewonnene  ^ilm]g 
entspricht  allen  Bedingungen,  und  da  dieser  Name  des  ersten 


24)  Revue  archeol.  1868  p.  333  sq. 


Lauth:  Papyrus  Prisse.  271 

HirtenkÖDigs  mit  ri'^^II'.  wie  der  ägyptische  Joseph  als  Reichs- 
verweser genannt  wurde,  in  Form  und  Bedeutung  (Regent, 
Sultan)  übereinstimmt,  so  haben  wir  ein  weiteres  Argument 
für  die  semitische  Rage  der  Hykschos.  sowie  gegen  die  Ver- 
schlimmbesserung 0ihang. 

Eines  ähnlichen  Rufes,  wie  die  Hirten,  genoss  Kam- 
byses.  Gewiss  hat  er  vieles  in  Aegypten  zerstört;  aber  an 
der  Zerstümmelung  der  Memmonstatue,  die  ihm  die  Alten 
z.  B.  Polyaenus  von  Athen,  ^5)  zur  Last  legten,  ist  er  sicherhch 
unschuldig,  da  der  Coloss  erst  unter  Augustus  27  v.  Chr. 
durch  ein  Erdbeben  seines  oberen  Theils  verlustig  ward  und 
zu  tönen  anfing,  bis  Septimius  Severus  durch  fünf  aufgesetzte 
Schichten  den  Klagen  des  Memnon  an  seine  Mutter  Aurora 
ein  Ende  machte.  Freilich  handelt  es  sich  hier  um  die 
Erbauung,  nicht  um  die  Zerstörung  der  Pyramiden ,  welche 
letztere  zum  geringeren  Theile  dem  Zahne  der  Zeit,  zum 
grösseren  der  türkisch-arabischen  Gewohnheit  zur  Last  fällt, 
die  Bekleidungssteine  als  Marmorbrüche  für  ihre  Häuser- 
bauten in  Cairo  zu  verwenden.  Dadurch  sind  auch  die 
Hieroglyphen-Inschriften  verloren  gegangen,  welche  Herodot 
(vermutblich  an  dem  Tempel  der  Ostseite)  als  zu  seiner  Zeit 
noch  vorhanden  bezeichnet.^®) 

Wenn  Chufu  und  Chafra  wirklich  wegen  ihres  Pyramiden- 
baues bei  ihren  Zeitgenossen  so  verhasst  gewesen  wären, 
wie  Hesse  sich  dann  die  Thatsache  erklären,  dass  ihre  un- 
mittelbaren Nachfolger,  ferner  die  Könige  der  V.,  VL,  XIL 
Dynastie  bis  zum  Gründer  des  Labyrinths  herab  (Amenemha  IH) 
solche  Colosse  aufzurichten  fortfuhren  ?  Ich  habe  in  meinem 
,,Manetho"  schon  darauf  hingewiesen,  dass  die  Schreibung  der 


25)  Syncelli  Chrooogr.  p.  286  ed.  Dindorf. 

26)  Auch  Jomard  bemerkt  in  der  Description,  dass  beim  Ab- 
bruche einer  Pyramide  mehrere  Steine  mit  Hieroglyphen  ,, gesehen" 
(leider  aber  nicht  abgezeichnet  oder  aufbewahrt)  wurden. 


272      Sitzung  der  i^hüos.-phüol.  (lasse  vom  5.  Februar  1870. 

Stadt    Memphis     ^^  I  ^^  ^^  ®    Hennef  er  ^     welche    der 

Protouionarch  Menes  gründete,  bereits  auf  einen  Pyramiden- 
bau dieses  Namens  (der  sich  übrigens  unter  Phiops  wieder- 
holt) hindeutet,  nicht  auf  die  Nähe  des  Pyramidenfeldes,  wie 
man  gewöhnlich  annimmt.  Während  der  langen  Dauer  der 
ägyptischen  Geschichte  lässt  sich  kein  einziger  Beweis  aus 
den  Denkmälern  dafür  lieibringen,  dass  man  diese  Riesen- 
bauten zu  zerstören  gesucht  hätte.  Blasirte  Reiseude  der  jüng- 
sten Tage  ruiniren  daran  weit  mehr  durch  Auspickung  von 
einzelnen  Trümmern,  als  das  ganze  Alterthum  pharaonisher 
Zeit.  Diess  ist  auch  nicht  zu  verwundern,  da  ja  die  Pyra- 
miden ursprünglich  wesentlich  und  fortwährend  einen  religiös- 
funerären  Charakter  gehabt  haben. 

Herodot  bereiste  das  Land  Aegypten  unter  der  Perser- 
herrschaft (XXVn.  Dynastie)  um  das  Jahr  450  v.  Chr,  Die 
Vermittler  seiner  Geschichtskunde  waren,  wie  er  selber 
angibt,  vielfach  die  gri- chischen  igfirjvsig,  welche  der  Saite 
Psammetich  eingeführt  hatte.  Mit  diesem  Könige  ist  überhaupt 
ein  bedeutsamer  Wendepunkt  eingetreten:  er  berief  die  ehernen 
Männer,  die  Joner  und  Karer,  und  Amasis  siedelte  sie  später 
in  Naukratis  sowie  bei  Bubastis  an.  Desshalb  verliessen 
240,000  Aegypter  das  Land  und  zogen  nach  Aethiopien  — 
Sape  oder  Esar  —  und  gründeten  dort  unter  dem  Namen 
AvTOfxoXoi  ^s/^ißgirai  oder  (N)aOf.idx  einen  Seitenzweig  der 
ägyptischen  Kunst  im  Dienste  der  Aethiopier.  Eine  Polemik 
des  Libyers  Psammetich  gegen  die  auf  ihr  Alterthum  pochenden 
Aegypter  enthält  auch  sein  Versuch,  mittels  des  ßexög  der 
zwei  abgesonderten  Kinder  die  Phryger  als  die  ältesten 
der  Menschen  darzustellen.  Unter  ihn  scheint  auch  die 
Ausmeisselung  des  Gottes  Seth  (Typhon)  zu  fallen,  so  wie 
denn  der  Beginn  der  demotischen  Schrift,  ja  ein  ganz 
neuer  Charakter  der  Kunst  und  Literatur  von  ihm  datirt. 
In  derselben  Zeit  also,  wo  in  einem  Grabe  eines  seiner  vielen 


Lauth:  Papyrus  Frisse.  273 

Namensvettern  noch  das  Pristerthum  des  Chufu  und  Chafra 
erwähnt  wird,  werden  wir  eine  Art  Scheidung  der  Ansichten 
anzusetzen  haben. 

Was  diesen  beiden  besonders  zum  Vorwurfe  gemacht 
wurde,  ,,die  Heiligthümer  geschlossen,  die  Einwohner  von 
den  Opfern  abgehalten  und  zum  Frohndienst  gezwungen  zu 
haben"  (Herodot  II  124),  erklärt  sich  ersteres  aus  der  Sitte, 
den  Zugang  zur  Grabkammer  —  und  das  war  auch  ein  Iqov  — 
durch  grosse  Granitpfropfen  abzusperren,  welche  nach  Bei- 
setzung der  Königsmumien  herabgelassen  wurden,  so  dass 
Niemand,  ausser  durch  gewaltsame  Erbrechung,  eindringen 
konnte.  Ebendahin  gehört  auch  das  &vai4(x)v  ansq^ai;  es 
sind  dies  Umdeutungen  ganz  und  gar  im  Geiste  der  koptischen 
und  arabischen  Sagen  oder  vielmehr  Märchen,  die  sich  an 
die  Pyramiden  anlehnen,  ohne  indess  für  Geschichte  gelten 
zu  können.  Dass  die  Einwohner  zu  Frohndiensten  gezwungen 
wurden,  etwa  wie  die  heutigen  Fellahs  zum  Canalbau,  liegt 
in  der  Natur  der  Sache  begründet.  Wenn  nun  in  der  literaten 
Epoche  der  Saiten  die  jetzt  noch  vorhandene  Urkunde  über 
die  Bedrückung  eines  Bauers  unter  dem  letzten  Könige  der 
dritten  Dynastie  [Kanebra  KsQCfeqriq  =  xQvOovg)  nämlich  der 
Papyrus  Butler  und  seine  Ergänzung  im  Berliner  Museum, 
nebst  andern  Texten  ähnlichen  Inhaltes,  zu  Ungunsten  der 
Pyramidenzeit  und  ihrer  Hauptrepraesentanten  ausgelegt 
wurde,  so  liegt  darin  nichts  Befremdliches. 

Der  Besitzer  des  Papyrus  Prisse  II  mochte  dessLalb 
das  wahrscheinlich  über  die  Götter  handelnde  Buch  des 
Königs  Chufu,  dessen  Copie  aus  der  XI.  Dynastie  stammte, 
ausmerzen,  ohne  ein  anderes  au  dessen  Stelle  zu  setzen. 
Dadurch  war  freilich  das  Werk  nicht  vernichtet,  denn  Africanus 
erwarb  sich  dasselbe  bei  seinem  Aufenthalte  in  Aegypten 
als  ein  kostbares  Stück,  und  dasselbe  Prädicat  ertheilt  ihm 
Eusebius,  der  es  als  allgemein  vorhanden  erwähnt.  So  er- 
klärt sich  die  Lücke  des  Papyrus  Prisse  auf's  Beste :  gerade 
[1870.1.2.]  18 


274      Sitzung  der  philos.-pliiloh  Glosse  vom  5.  Februar  1870. 

die  Ausmerzung  zeugt  für  Chufu  als  Verfasser,  der  demnach 
durch  seine  Abwesenheit  glänzt.  Und  wenn  Plinius,  von 
ähnlicher  StiibUiung  gegen  die  Pyramidenbauer  erfasst,  wie  der 
Besitzer  des  Pap.  Prisse,  nach  Aufzählung  von  zwölf  Schrift- 
stellern, die  über  die  grossen  Pyramiden  geschrieben,  ausruft : 
,,inter  omnes  eos  non  constat,  a  quo  factae  sint.  justissimo 
casu  oblitteratis  tantae  vanitatis  auctoribus,"  so  sind  wir, 
Dank  der  Aegyptologie,  gegenwärtig  Gottlob !  eines  Besseren 
belehrt. 

Herr  Christ  liest: 

„lieber  die  rhythmischen  Formen  der  griech- 
ischen Hymnen  des  Mittelalters." 

Nach  Beschluss  der  Classe  soll  diese  Abhandlung  in  den 
Denkschriften  gedruckt  werden. 


Historische  Classe. 

Sitzung    vom    5.   Februar    1870. 


Herr  Baron  von  Lilienkron  hielt  einen  Vortrag  über: 
das  Werk  des  Kaisers  Maximilian  I.  der  „Weiss- 
Kunig." 


Hierauf  machte  Herr  Kluckhohn  eine  Mittheilung 

„Ueber  zwei  Gesandtschaften  Kurfürst  Fried- 

rich's  von  der  Pfalz  nach  Paris," 

aus  den  Jahren   1567  und   1574.    um   den  Hugenotten  freie 

Religionsübung  zu  verschaffen. 

Die  Berichte  der  Gesandten  mit  einer  Einleitung  und 
Anmerkungen  sollen  in  den  Denkschriften  der  Akademie 
erscheinen. 


Einsendungen  von  Druckschriften.  275 


Einsendungen  von  Druckscliriften. 


Von  der  physikdlisch-medicinischen  Gesellschaft  in  Würzburg: 

a)  Verhandlungen.     Neue  Folge.    I.  Bd.     4.  Heft.     1869.     8. 

b)  Verzeichniss  der  Bibliothek.     1869.     8. 

Von  der  k.  k.  geographischen  Gesellschaft  in  Wien: 
Mittheilungen.     X.  Jahrgang.     1866.  1867.  1868  und  1869.     8. 

Von  der  astronomischen  Gesellschaft  in  Leipzig: 
Vierteljahrsschrift.     V.  Jahrgang.     1.  Heft.     Januar  1870.     8. 

Von  der  k.  k.  patriotisch-ökonomischen  Gesellschaft  im  Königreich 
Böhmen  in  Frag: 

Centralblatt   für   die   gesammte  Landescultur.     1. — 3.  Heft.     Januar. 
Februar.  März  1870.     8. 

Von  der  naturforschenden  Gesellschaft  in  Freihnrg  im  Breisgau: 
Bericht  über  die  Verhandlungen.     Band  V.     Heft  2.     1869.     8. 

Von  der  pfälzischen  Gesellschaft  für  Pharmacie  in  Speier: 
Neues  Jahrbuch.    Bd.  XXXHI.    Heft  2.  3.    Februar  und  März  1870.    8. 

Vom  historischen  Verein   der  Pfalz  in  Speier: 
Mittheilungen.     I.     1870.     8. 

18* 


276  Einsendungen  von  Druckschriften. 

Vom  historischen  Verein  von  Niederbayern  in  Landshut: 
Verhandlungen.     XIV.  Band.     3.  u.  4.  Heft.     1869.     8. 

Von  der  physikalischen  Gesellschaft  in  Berlin: 
Die  Fortschritte    der  Physik   i.  J.   1866.     XXII.  Jahrgang.     1869.     8. 

Vo7n  thüringisch-sächsischen  Verein  für  Erforschung  des  vaterländischen 
Alterthums  und  Erhaltung  seiner  Denkmäler  in  Halle: 

Neue  Mittheilungen  aus  dem  Gebiete  historisch-antiquarischer  Forsch- 
ungen.    12.  Bd.     2.  Hälfte.     1869.     8. 

Vom  Gewerbeverein  von  der  naturforschenden  Gesellschaft  und  bienen- 
wirthschaftlichen   Vereine  in  Altenburg: 

Mittheilungen  aus  dem  Osterlande.    19.  Band.    1.  u.  2.  Heft.    1869.    8. 

Von  der  Eedaction  des  Correspondenzblattes  der  Gelehrten  und 
Realschulen  Württembergs  in  Stuttgart : 

Correspondenzblatt.     17.  Jahrgang.     Nr.  2.     März.     April    1870.     8. 

Von  der  Universität  in  Heidelberg: 
Jahrbücher  der  Literatur.     62.   Jahrgang.     5.  Heft.     Mai.     1869.     8. 

Von  der   k.  k.  mährisch-schlesischen  Gesellschaft  zur  Beförderung   des 
Ackerbaues,  der  Natur-  und  Landeskunde  in  Brunn: 

a)  Schriften  der  historisch-statistischen  Section.  XVI.  XVII. 
XVni.  Band.     1867.     1868.     8. 

b)  Historisch-statistische  Section.  Quellen  und  Schriften  zur  Ge- 
schichte Mährens  und  Oesterr.-Schlesiens.  1.  Sektion :  Chroniken. 
Mährische  und  schlesische  Chroniken.    1.  Theil.    1861.  8 

c)  Chronik  der  Orte  Seelowitz  und  Pohrlitz  und  ihrer  Umgebung 
von  Johann  Eder.     1859.     8. 

Von  der  zoologisch-botanischen  Gesellschaft  in  Wien: 
Verhandlungen.    XIX.  Band.     Jahrgang  1869.     8. 

Vom  naturwissenschaftlichen   Verein  in  Bremen: 
Abhandlungen.     2.  Band.    2.  Heft.     1870.     8. 


Einsendungen  von  Druckschriften.  211 

Vom  historischen    Verein  von  Unterfranken  und  Aschaffenburg  in 
Würzburg : 

Archiv.     20.  Band.     3.  Heft.     1870.     8. 

Von  der  Eeal  Äcademia  de  Ja  Eistor ia  de  Espmia  in  Madrid: 

a)  Memorial  Histörico  Espanol:   Coleccion  de  documentos,    opüs- 
culos  y  antigüedades.     Torao  XY.  al  XIX.     1862 — 65.     8. 

b)  Espana  sagrada.     Tomo  48  al  50.     1862.  65.  66.     8. 

c)  Cortes  de  los  antiguos  reinos  de  Leon  y  deCastilla.     Tomo  2. 
y  3.     1863.  66.     4. 

d)  Estado    social  y  politico    de   los  Mudejares    de    Castilla.    con- 
siderados  en   simismos  y  respecto    de  Ia  civilizacion  espaiiola. 

1866.  8. 

e)  Coleccion  de  obras  aräbigas  de  historia  y  geografia.     Tomo  1. 

1867.  8. 

f)  Juicio  critico  y  significacion  poli'tica  de  Don  Alvaro  de  Luna; 
por  Juan  Rizzo  y  Ramirez.     1865.     8. 

g)  Memoria    arqueologico  -  descriptiva    del    anfiteatro    de   Itälica, 
acompanada  del  piano  y  restauracion  del  mismo  edificio.  1362.  8. 

h)     Historia  critica  delos  falsos  cronicones;    por  D.  Jose  Godoy  Al- 

cäntara.     1868.     8. 
i)     Elogi'o   del  Arzobispo    D.  Rodrigo    Jimeuez    de  Rada   y  juicio 

critico  de  sus  escritos  historicos.     1862.     8. 
k)     Munda  Pompeyana.     Yiaje  arqueologico    de  Don    Jose    Olivier 

y  Hurtado.     1866.     8. 
1)     Discurso  en  elogio  de  Don  Jose  Comide  de  Saavedra.    1868.  8. 
m)     Discurso  leido  por  Antonio  Benavides  en  18fi7.     1868.     8. 
n)     Noticia  de  las  actas    de  Ia  real  Äcademia  leida  en   las  juntas 

püblicas  de  29.  deJunio  de  1862  y  7.  deJunio  de  1868.     8. 

Von  der  Äcademie  des  sciences  in  Paris: 

Comptes   rendus  hebdomadaires  des  seances.     Tom.  LX.K.    Nr.  5 — 15 
Janvier  —  Avril.     1870.     4. 

Von  der  Äcademie  imperiale  des  sciences  in  St.  Petersburg: 
a)    Bulletin.     Tom.  XIV.    Nr.  1.  2.  3.     1869.     4. 


278  Einsendungen  von  Druckschriften. 

b)  Memoires.    Tome  XIII.    Nr.  8  et  dernier. 

„       XIV.     Nr.  1—7.     1869.    4. 

c)  Repertorium  für  Meteorologie.  Redigirt  von  Dr.  H.  Wild. 
Band  I.     Heft.  1.     1869.     4. 

d)  Melanges  physiques  et  chimiques  tires  du  bulletin  de  l'aca- 
demie.     Tom.  VIII.     1869.     8. 

Von  der  Academie  royale  des  sciences,  des  lettres  et  des  beaux-arts  de 

Belgique  in  Brüssel: 
Bulletin.     39.  annee.    2.  Serie,  tome  29.    Nr.  2.  3.  4.    1870.   8. 

Vom  Musee  Teyler  in  Harlem: 
Archives.    Vol.  IL     Fasicule  quatrieme.     1869.     8. 

Von  der  Societe  areheologique  in  Luxemburg: 
Publications  de  la  section  historique  de  l'institut.  XXIV.  II.  1869.  4. 

Von  der  Sternwarte  in  Bern: 

Schweizerische   meteorologische   Beobachtungen.     März,    April,    Mai 
1869.     4. 

Von  der  Societä  italiana ,  di  scienze  naturali  in  Mailand : 
Atti.     Vol.  XII.     Fase.  IL     1869.     8. 

Von  der  südslavischen  Akademie  der  Wissenschaften  in  Agram: 
Rad    Jugoslavenske   Akademije.    (Arbeiten   der   südslav.   Akademie.) 
Band  9.     1869.    8. 

Von  der  serbischen  gelehien  Gesellschaft  in  Belgrad: 

a)  Glasnik  (Bote).     Band  8  und  9.     1869.     8. 

b)  Stojan  Novakovitsch,  Srpska  Biblijographija  1741  —  1867. 
(Serbische  Bibliographie)      1869.     8. 

c)  Utjeschenovitsch-Ostroschinski,  Misli  etc.  (Gedanken  über  die 
Wichtigkeit,  Berechtigung  und  die  Mittel  zur  Beförderung  der 
serbisch-croatischen  Literatur.     1869.     8. 

Von  der  Accademia  di  scienze  morali  e  jydlitiche  in  Neapel: 

Rendiconto    delle  tornate   dei  lavori.     Anno  ottavo  quaderni  di  No- 
vembre  e  Dicembre  1869.    8. 


Einsendungen  von  DrucJcschriften.  279 

Voin  B.  Comitato  Geologico  d' Italia  in  Florenz: 
Bolletino.     Nr.  1  Gennaio,  Nr.  2  Febbraio,  Nr.  3  Marzo  1870.     8. 

Von  der  Boyal  geological  Society  of  Ireland  in  Dublin : 
Journal.  Yol.  XII.  Part.  2.  New  Series.  Vol.  IL  Part.  2.  1868—1869.  8. 

Von  der  CJiemical  Society  in  London: 
Journal.     Nov.  Dec.  1869.     Ser.  2.    Yol.  VII.    January  1870.    Ser    2. 

Vol.  vm.   8. 

Von  der  Asiatic  Society  of  Bengal  in  Calcutta: 

a)  Journal.     Part.  I.     Nr.  III.     1869.     8. 

b)  Proceedings.     Nr.  VIII.  IX.  X.     Aug.  Septbr.  Octbr.  1869.    8. 

c)  Bibliotheca  indica  a  collection  of  oriental  works.    New  Series 
167.  168.  169.  170.     1869.     8. 

Von  der  Soeiete  Vaudoise  des  sciences  naturelles  in  Lausanne: 
Bulletin.     Vol.  X.    Nr.  62.     1869.     8. 

Von  der  Soeiete  botanique  de  France  in  Paris : 

a)  Bulletin.  Tome  seizieme  1869.  Comptes  rendus  des  seances.  5.  8. 

b)  „  Revue  bibliographique  A.    Tome  dix-septieme  1870.   8 

Vom  Feabody  Institute  in  Baltimore: 

Address  of  the  president  to  tbe  board  oftrustees  on  the  Organization 
and  government  of  the  institute.     February  1870.     8. 

Von  der  k.  k.  geologischen  Beichsanstalt  in  W^ien: 

a)  Jahrbuch.     Jahrgang  1870.     XX.  Band.     Nr.    1.     Januar,   Fe- 
bruar. März  1870.     8. 

b)  Verhandlungen.     Nr.  1.     1870.     8. 

Von  der  Oberlausitzischen  Gesellschaft  der  Wissenschaften  in  Görlitz: 
Neues  Lausitzisches  Magazin.     47.  Band.     1.  Heft     1870.     8. 

Vom  Harzverein  für  Geschichte  und  Älterthumskunde  in  Wernigerode: 
Zeitschrift.     III.  Jahrgang  1870.     1.  Heft.     8. 


280  Einsendungen  von  Druckschriften. 

Vom  tiatunoissenschaftUchen   Vereine  für  Saclisen  uncf  Thüringen 
in  Halle: 
Zeitschrift  für  die  gesammten  Naturwissenschaften.     Jahrgang  1869. 
34.  Band.     8. 

Von  der  fc.  Akademie  der  Wissenschaften  in  Berlin: 
Monatsschrift.     Januar,  Februar  1870,     8. 

Von  der  deutschen  geologischen  Gesellschaft  in  Berlin: 
Zeitschrift.  XXII.  I.Heft.  November,  Dezember  1869.  Januar  1870.  8. 

Von  der  k.  k.  Akademie  der  Wissenschaften  in  Wien: 

a)  Denkschriften.  Philosophisch-historische  Classe.  18.  Bd.  1869.4. 

b)  ,,  Mathematisch  -  naturwissenschaftliche     Classe. 

29.  Band.     1869.     4. 

c)  Sitzungsberichte.    Philosophisch-historische    Classe.     LXI.   Bd. 

Heft  2.  3.     Febr.  März. 

LXII.Bd.  Heft  1.  2.  3.  4.   April  bis  Juli. 
Jahrgang  1869.     8. 

d)  „  LIX.  Bd.    3.  4.  5.  Heft.   LX.  Bd.  1.    2.  Heft. 

März  bis  Juli  Jahrgang  1869.  Erste  Ab- 
theilung. Abhandlungen  aus  dem  Gebiete 
der  Mineralogie,  Botanik,  Zoologie,  Anato- 
mie, Geologie,  Paläontologie.     8. 

e)  „  LIX.  Bd.     4.  u.  5.  Heft.     LX.  Bd.     1.  Heft. 

April,  Mai,  Juni.  Jahrgang  1869.  Zweite 
Abtheilung.  Abhandlungen  aus  dem  Gebiete 
der  Mathematik,  Physik,  Chemie,  Physio- 
logie, Meteorologie  etc.  etc.     8. 

f)  Archiv  für  österr.  Geschichte.   41.  Bd.    1.  u.  2.  Hälfte.  1869.  8. 
g)     Almanach.     Neunzehnter  Jahrgang.     1869.     8. 

Vom  historischen  Kreisvereine  im  Begierungshezirk  von  Schwaben 
und  Neuhur g  in  Augsburg: 

Vierunddreissigster  Jahresbericht  für  das  Jahr  1868.     1869.     8. 

Von  der  Societe  des  sciences  physiques  et  naturelle  in  Bordeaux: 
Extrait  de»  proces-verbanx  des  seances.     1869.     8. 


Einsendungen  von  Druckschriften.  281 

Vom  Istitiito    Veneto  di  scienze  lettere  ed  arti  in    Venedig: 

Atti.     Tomo    decimoquarto ,    serie    terza:     Dispensa   nona,     decima. 
Tomo  decimoquinto,  eerie  terza:   Dispensa  prima.     1869.  70.     8. 

Vom  Äteneo  Veneto  in   Venedig: 
Atti.     Serie  IL     Volume  V.     Puntata  quarta.    Settembre  1869.     8. 

Von  der  Association  pour  l'encouragenient  des  etudes  grecques 
en  France  in  Paris: 

Annuaire.     4.  Annee  1870.     8. 


Vom  Herrn  Aug.  Grunert  in  Greifsicald: 
Archiv  der  Mathematik  und  Physik.     50.  Theil.     4.  Heft.    51.  Theil. 
1.  Heft.     1869.     8. 

Vom  Herrn  Friedrich  Hessenberg  in  Franl-furt  ajM.: 
Mineralogische  Xotizen.     Xr.  9.     Achte  Fortsetzung.     4. 

Vom  Herrn  F.  Melde  in  Marburg: 
Experimental-Untersuchungen     über    Blasenbildung     in    kreisförmig 
cylindrischen  Röhren.     1870.     8. 

Vom  Herrn  Karl  vo7i   Weber  in  Dresden: 

Archiv   für    die    sächsische    Geschichte.      8.    Band.       1.  —  3.    Heft. 
Leipzig  1869.     8. 

Votn  Herrn  Karl  Karpf  inBuhethal  vor  Glücksburg  im  Schlesioigischen: 

T6  xC  >jV  slvai.     Die   Idee  Shakespeare's   und   deren  Verwirklichung. 

Sonettenerklärung  und  Analyse    des  Dramas  Hamlet.     Hamburg 

1869.  8. 

Vom  Herrn  Hermann  Kolbe  in  Leipzig: 
Journal   für  praktische  Chemie.     Xeue  Folge.     Band.  I.     1 — 5.  Heft. 

1870.  8. 

** 


282  Einsendungen  von  Druckschriften. 


Vom  Herrn  Hermann  Knoblauch  in  Berlin: 

a)  Ueber  den  Durchgang  der  strahlenden  Wärme  durch  Steinsalz 
und  Sylvin.     1870.     8. 

b)  Historische   Bemerkung   zu    einer  Veröffentlichung    des  Herrn 
G.  Magnus  über  die  Reflexion  der  Wärme.     1870.     8. 

Vo7n  Herrn  Karl  Hasskarl  in  Wien: 

Commelinaceae  indicae,  imprimis  archipelagi  indici ,  adjectis  non- 
nullis  hisce  terris  alienis.     1870.     4. 

Vom  Herrn  Franz  Tötterle  in  Wien: 

Das  Vorkommen,  die  Production  und  die  Circulation  des  mineral- 
ischen Brennstoffes  in  der  österreich.-ungarischen  Monarchie 
i.  J.  1868.     Mit  1  Karte.     1870.     8. 

Vom  Herrn  Fr.  Zantedcschi  in   Venedig: 

a)  Delle  oscillazioni  calorifiche  orarie,    diurne,   mensili  ed  annue 
del  1867.     1869.     8. 

b)  La  meteorografia   del  globo   studiata    a  diverse    altitudini   da 
terra.     1869.     8. 

Vom  Herrn  Conte  Giovanni  Gozzadini  in  Bologna: 
Di    ulteriori     scoperte     nell'     antica    necropoli    a    Marzabotto     nel 
Bolognese.     1870.     Fol. 

Vom  Herrn  M.  Alf.  Preudhomme  de  Boire  in  Brüssel: 
Description  d'une  nouvelle  espece  africaine  du  genre  varan  (varanus).  8. 

Vom  Herrn  H.  Mohn  in  Christiania. 
Temperature    de   la   mer    entre   l'Islande,    l'Ecosse    et    la  Norvege. 
Avec  5  cartes.     1870.     8. 

y^om  Herrn  Guido    Vimercati  in  Turin: 
Kivista  scientifico-industriale  del  1869.  Anno  primo.  Florenz  1869.  8, 

Vom  Herrn  Samuel  Haughton  in  Dublin: 

a)  On  some  elementary  principles    in  animal  mechanics.    (Nr.  II.) 
1869.     8. 

b)  Additional  notice  of  the  zeolites  of  Western  India.     1868.    8. 


Einsendungen  von  Druckschriften.  283 

Vom  Herrn  C.  Settimanni  in  Florenz: 
D'une  seconde    nouvelle   methode   pour   determiner    la  parallaxe  du 
soleil.     1870.     8. 

Vom  Herrn  E.  Hegel  in  St.  Petersburg : 
1869.     Supplementum   ad   indicem    seminum    anni  1868    quae  hortus 
botanicus    imperialis    Petropolitanus    pro    mutua    commutatione 
offert.     1869.     8. 

Von  den  Herren  Selastiano  Eichiardi  und  Giovanni  Canestrini  in  Turin: 
Archivio  per  la  zoologia  l'anatomia  e  la  fisiologia.   Serie  II.   Vol.  II. 
Fase.  I.     Marzo  1870.     Turin  u.  Florenz.     8. 

Vom  Herrn  James  M.  Safford  in  Lehanon,  Tenn: 
Geology  of  Tennesse.     Nashville  1869.     8. 

Vom  Herrn  J.  H.  C.  Goffin  in  Washington: 
The  american   ephemeris    and  nautical  almanac    for   the   year   1871. 
1869.     8. 

Vom  Herrn  Charles   H.  Davis  in  Washington: 
Aatronomical    and    meteorological   observations   made    at  the  united 
States  naval  observatory  during  the  year  1866.     1868.     4. 

Vom  Herrn  Hugo  Schuchardt  in  Gotha: 
üeber  einige  Fälle  bedingten  Lautwandels  im  Churwälschen.  1870.  8. 

Von  den  Herren  Karl  Jelinek  und  Karl  Fritsch  in  Wien: 
Jahrbücher    der    k.  k.  Central-Anstalt    für   Meteorologie    und  Erd- 
magnetismus.    Neue  Folge.     IV.  Bd.     Jahrgang  1867.     1869.    4. 

Vom  Herrn  Karl  Jelinek  in  Wien: 
Die  Temperatur-Verhältnisse  der  Jahre  1848 — 1863  an  den  Stationen 
des  österreichischen  Beobachtungsnetzes  durch  fünftägige  Mittel 
dargestellt.     1869.     4. 

Vom  Herrn  Martin  Hang  in  München: 

a)  An  cid  Pahlavi-Pazand  Glossary,  edited  with  an  alphabetical 
index  by  Destur  Hoshangji  Jamaspji  Asa,  Highpriest  of  the 
parsis  in  Malwa,   India.     Bombay.     London  1870.     8. 

b)  Essay  on  the  Pahlavi  Language.     Stuttgart  1870.     8. 


284  Einsendungen  von  Druckschriften. 

Vom  Herrn  M.  Garcin  de  Tassy  in  Paris: 
Histoire  de  ]a  litterature  Hindouie  et  Hindoustanie.    Tome  premiere. 
1870.     8. 

Vom  Herrn  G.  L.  von  Maurer  in  München: 
Geschichte    der    Städte-Yerfassung    in   Deutschland.      Zweiter    Band. 
Erlangen  1870.     8. 

Vom  Herrn  P.  G.  De  Dnmast  in  Nancy : 
De  la  sericulture  abusivement  nommee  serici-culture.     1870.     8. 

Vom  Herrn  Bohert  Main  in  Oxford: 
Second  radcliffe  catalogue,  containing  2386  stars;  deduced  from  ob- 
servations    extending      from     1854    to     1861,     at     the    radclifife 
observatory    Oxford,    and  reduced  to  the  epoch  1860.     1870.    8. 

Vom  Herrn  Gaudenzio  Claretta  in  Turin: 
II   municipio    Torinese   ai    tempi    della    pestilenza    del    1630  e   della 
reggente  Christina    di   Franzia  Duchessa  di  Savoia.     1869.     8. 

Von  den  Herren  A.  Hirsch  und  E.  PJantamour  in  Genf: 
Nivellement    de   precision  de    la   Suisse    execute   par    la   commissioB 
geodesique  föderale.     III.    Livraison.     1870.     4. 

Vom  Herrn  Severn  Teackle  Wallis  in  Baltimore: 
Discourse   on   the  life    and  character   of  George  Peabody,  delivered 
in  the   hall    of  the  Peabody  institute,   Baltimore,   February   18. 
1870.     8. 

Vom  Herrn  Dr.  Emil  Czyrnianski  in  Krakaw. 
Chemische  Theorie    auf  der  rotirenden  Bewegung  der  Atome   basirt, 
kritisch  entwickelt.     1870.     8. 

Vom  Herrn  Rudolph  Wolf  in  Zürich : 
Astronomische  Mittheilungen  XXV.     1869.    8. 

Vom  Herrn  Eduard  Secretan  in  Lausanne: 
Du  passage  des  Alpes  par  Annibal.     1869.     8. 


I 


Sitzuugsbericlite 

der 

königl.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften. 


Mathematisch-physikalische  Classe. 

Sitzunsr  vom  5.  März  1870. 


Herr  Baron  von  Lieb  ig  bespricht  eine  von  ihm  vor- 
gelegte Abhandlung  des  Herrn  J.  L.  W,  Thudichum  in 
London : 

„Ueber    die    Kryptophansäure,     die    normale 
freie  Säure  des  Harns. 

(Auszug  aus  einer  längeren  Abhandlung.) 

1)  Darstellung  der  Kryptophansäure.  Harn  wird 
eingedampft,  mit  Kalkmilch  behandelt,  mit  Essigsäure  wieder 
angesäuert  und  zur  KrystaUisation  konzentrirt.  Das  Extract 
wird  von  den  Krystallen  getrennt  und  mit  viel  stärkerem 
Alkohol  gemischt.  Es  fällt  ein  schmieriger  Niederschlag  von 
kryptophansaurem  Kalk,  welcher  isolirt,  mit  Alkohol  gewaschen 
und  wie  folgt  gereinigt  wird. 

2)  Reinigung  vermittelst  essigsauren  Bleis.  Das 
rohe  Kalksalz  wird  in  Wasser  aufgelöst  und  mit  einem  grossen 

[1870.  I.  3]  19 


286         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  März  1870. 

Ueberschuss  einer  gesättigten  Lösung  von  Bleizucker  gemischt. 
Die  Lösung  wird  von  dem  unlöslichen  Theil  (basisches 
kryptophansaures  Blei)  abfiltrirt  und  mit  viel  stärkerem 
Alkohol  gemischt ,  wodurch  weisses  kryptophansaures  Blei 
niederfällt. 

3)  Reinigung  vermittelst  essigsauren  Kupfers. 
Die  wässrige  Lösung  des  rohen  Kalksalzes  wird  mit  einem 
Ueberschuss  von  konzentrirter  essigsaurer  Kupferlösung  ver- 
mischt, wodurch  sich  ein  unlösliches  und  ein  lösliches  neu- 
trales Kupfersalz  bildet,  die  Lösung  des  Letzteren  mit  viel 
absolutem  Alkohol  vermischt,  gibt  einen  blaugrünen  Nieder- 
schlag von  kryptophansaurem  Kupfer. 

4)  Darstellung  der  Kryptophansäure  aus  Harn- 
extracten,  aus  welcher  bereits  alle  Zersetzungs- 
produkte desUrocherins  entfernt  sind.  In  den  Prozessen, 
welche  unter  1,  2  und  3  beschrieben  sind,  bleibt  das  üro- 
cherin  unzersetzt  in  der  alkoholischen  Lösung.  Die  Krypto- 
phansäure ist  daher  kein  Product  des  Urocherins,  was  auch 
aus  vielen  anderen  Thatsachen  hervorgeht.  In  dem  unter  4 
beschriebenen  Prozess  werden  das  Urocherin  und  seine  Zer- 
setzungsprodukte durch  den  vom  Verfasser  beschriebenen 
chemolytischeu  Prozess  zuerst  aus  dem  Harnextract  entfernt. 
Aus  der  Lösung  werden  alsdann  Schwefelsäure  und  Ammoniak 
durch  Kochen  mit  überschüssiger  Kalkmilch  entfernt ;  die 
Lösung  wird  ungesäumt  zur  Krystallisation  verdampft  und 
das  abgegossene  Extract  mit  Alkohol  behandelt.  Das  rohe 
Kalksalz  wird  dann  durch  die  unter  2  und  3  beschriebenen 
Prozesse  gereinigt. 

5)  Darstellung  der  Kryptophansäure  aus  Harn 
ohne  Anwendung  von  Wärme.  Frischer  Harn  wird  mit 
gesättigter  Bleizuckerlösung  (40  cc.  auf  jedes  Liter  Harn) 
gemischt,  und  der  Niederschlag  entfernt  und  weggeworfen. 
Es  wird  nunmehr  Bleizucker  und   etwas  Ammoniak  zu  dem 


Thudichum:   Die  Kryptophansäure.  287 

Filtrat  gefügt,  und  der  Niederschlag  gesammelt  und  gewaschen. 
Derselbe  wird  nun  mit  verdünnter  Schwefelsäure  genau  zer- 
setzt, wodurch  eine  dunkelgelbe  Lösung  erhalten  wird.  Diese 
enthält  ürocherin  (kenntlich  an  seinem  Absorptionsband  im 
Blau  des  Spectrums  und  an  seinen  Zersetzungsprodukten) 
und  Kryptophansäure.  Die  Lösung  wird  mit  kohlensaurem 
Baryt  und  Barytwasser  behandelt,  filtrirt  und  mit  Alkohol 
gemischt.  Das  ürocherin  bleil)t  in  Lösung  und  das  kryp- 
tophansäure Baryum  fällt  in  weissen  Flocken  nieder. 

6)  Chemische  Eigenschaften  der  Kryptophan- 
säure. Sie  wird  aus  dem  Bleisalz  durch  Schwefelsäure, 
aus  dem  Kupfersalz  durch  Schwefelwasserstoff  abgeschieden. 
Sie  ist  amorph ,  gummiartig ,  durchscheinend .  löslich  in 
Wasser,  weniger  in  Alkohol,  am  wenigsten  in  Aether.  Sie 
gibt  Niederschläge  mit  vielen  Salzen,  ihie  Salze  werden  in- 
dessen vollständiger  von  Metallsalzen  gefällt.  Am  merk- 
würdigsten unter  diesen  sind :  der  Niederschlag  mit  salpeter- 
saurem Quecksilberoxyd,  weiss,  voluminös.  Derselbe  wird 
stets  als  eine  Beimischung  der  Verbindung  von  Quecksilber- 
oxyd mit  salpetersaurem  Harnstoff"  in  der  volumetrischen 
Analyse  von  Liebig  gebildet,  und  diese  Analyse  bedarf 
desshalb  einer  Correction  für  Kryptophansäure.  — :  Die 
Niederschläge  mit  Ürau-  und  Eisenoxydsalzeu,  welche  stets 
in  den  gewöhnlichen  volumetrischen  Analysen  für  Phosphor- 
säure im  Harn  gebildet  werden,  und  diese  Prozesse  von 
sehr  fraglichem  Werth  machen.  In  alkalischen  Kupferlösungen 
bildet  die  Kryptophansäure  beim  Kochen  Oxydul ;  diese 
Reaction  erklärt  wahrscheinlich  viele  Angaben  über  so- 
genannten Zucker  im  Harn,  einschhesslich  dessen,  welche 
von  angeblichem  Indikau.  oder  Urian  oder  Uriauin  (Schunk) 
hergeleitet  sein  sollte,  und  die  Reactionen  des  Alkaptons 
(Böcker).  Auch  ist  es  die  Kryptophansäure,  an  welcher  sich 
jene  sonderbare  Picaction  ausführt ,  welche  menschlicher 
Harn  mit  Jodtinctur  gibt,  und  die  vor  einigen  Jahren  Gegen- 

19* 


288        Sitzung  der  math.-phys.  Glosse  vom  5.  März  1870. 

stand  einer  lebhaften  Debatte  in  Frankreich  war.  Sie  bildet 
die  Hauptmasse  der  sogenannten  Extractivstoffe  und  ist  ein 
Körper  von  grossem  chemischen  Interesse,  physiologischer 
Bedeutung  und  pathologischer  Wichtigkeit. 

7)  Absorption  von  Sauerstoff  durch  rohe  Kryp- 
top hansäure.  Unreine  stark  alkalische  Lösungen  von 
Kryptophansäure  absorbiren  Sauerstoff  auch  aus  Luft,  über 
Quecksilber,  die  sehr  reinen  Salze  nehmen  keinen  Sauerstoff  auf. 

8)  Kryptophansäure  Alkalien.  Dieselben  sind  im 
Wasser  löslich;  das  Natronsalz  wird  aus  seiner  wässrigen 
Lösung  durch  Alkohol  nicht  gefällt. 

9)  Kryptophansaures  Blei.  C^  H,  Pb  NO^.  Er- 
halten wie  oben  beschrieben.  Es  gibt  ein  wasserfreies  Salz 
mit  einem  Molekül  Hydratwasser. 

10)  Basisches  Bleisalz.  Das  Salz  unter  9  darf  nur 
mit  Alkohol  gewaschen  werden ,  um  neutral  zu  bleiben. 
Wenn  es  längere  Zeit  mit  Wasser  gewaschen  wird,  so  ver- 
liert es  ein  Drittel  seiner  Säure  und  wird  basisches  Salz : 
2  (C,,  H ,  Pb,  N,  0  J  PbO. 

11)  Kryptophansaures  Kupfer,  (mit  Alkohol).  Viele 
kryptophansäure  Salze  verbinden  sich  mit  Alkohol  und 
bilden  Alkoholate  nach  Art  der  Hydrate,  das  Kalk-  und 
Bleisalz  verlieren  ihren  Alkohol  in  massiger  Wärme,  etwa 
bei  70*'  C. ,  besonders  wenn  Wasser  zugegen  ist.  Aber  das 
Kupfersalz  hält  ihn  bei  110°  zurück  und  hat  alsdann  die 
Formel  2  (C^  H,  Cu  NOJ  +  C,  H^  0. 

12)  Kryptophansaures  Kupfer  (ohne  Alkohol) 
Cj  H,  Cu.  NO5  hellgrüner  sehr  beständiger  Körper. 

13)  KryptophansauresMagnesium.  Dargestellt  durch 
Sättigen  der  freien  Säure  mit  gebrannter  Magnesia.  Zwei 
Hydrate  wurden  erhalten,  eines  C^^  H^^  Mg.,  N^  0^^  -\-  2  Aq. 
bei  125°  C.  und  ein  anderes  C^,,  H^^  Mg^  N,  0^^  +  Aq.  bei 
140—160°  C.     Sehr  beständiges  Salz. 


Thtidichiim:  Die  Kryptophansäure.  289 

14)  Kryptophansaure  Calciumsalze.  Wenn  die 
Säure  mit  überschüssiger  Kalkmilch  gekocht  wird,  so  bildet 
sich  das  dreiviertel  basische  (drei  aequivaleute  Calcium,  ca/ 
von  20  Aequ.  Gew.  jedes)  enthaltend.  —  C^^^  H^  083  N.^  0  ^g. 
Wenn  dieses  Salz  an  der  Luft  zur  Trockne  verdampft  wird, 
so  verliert  es  ein  Drittel  seines  Kalks  als  kohlensaures  und 
hinterlässt  das  zweibasische  Salz  C^^  H^^  Ca.  N^  O9.  (Ca  40) 
durch  Alkohol  zu  fällen. 

15)  Kryptophansaure  Baryumsalze.  Das  vier- 
basische Salz  wird  durch  Fällen  der  Lösung  des  Maguesium- 
salzes  mit  Barytwasser  dargestellt;  es  enthält  ein  Atom 
Hydratwasser  und  hat  die  Formel  C^^  H^^  Ba,  N,  0^^  +  Aq. 
Durch  Abdampfen  an  der  Luft  wird  dieses  Salz  C^^  R^. 
Bag  N.  0,0  (Ba  =  67.5). 

16)  Verwandlung  des  dreibasischen  Baryum- 
salzes  und  ein  saures  Salz  durch  Kochen  mit 
Wasser.  Das  Salz  wurde  sehr  lange  in  Wasser  gekocht 
und  verwandelte  sich  dadurch  in  C^^  H^^  Ba  N^  Og. 

17)  Kryptophansaure  Kobaltsalze.  Dargestellt 
durch  Kochen  der  Säure  mit  kohlensaurem  Kobalt.  Rothe 
Lösung  durch  Alkohol  gefällt. 

a)  Fällung,    rosenrother    Niederschlag    =   C^^    H,^    Co 
N3  Og. 

b)  Lösung,    wurde   blau   während    des    Trocknens   und 
hatte  Zusammensetzung  C^^^  H,.,  Co._,  K,   Og. 

I  18)  Silbersalz.     Das  zwei  basische  Baryumsalz  liefert 

mit  Silbernitrat  das  drei  basische  Silbersalz,  C^g  E^^  Agg 
N2  O9.  Vierbäsische  Salze  liefern  dieses  dreibasiscbe  Silber- 
salz gemischt  mit  freiem  Oxyd. 

19)  Theoretische  Betrachtungen  über  die  Kryp- 
tophansaure.    Die   Säure   ist   in    Obigen   häufig   als   eine 
I    zweibasische  Säure   von   der   Formel    C^  Hg  XO^  aufgefasst 
I    worden.     Sie  kann  jedoch  ebensowohl  als  vierbasisch  gedacht, 


290         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  März  1870. 


und  ihr   die  Formel   G^^  H^g  Ng  0^^ 


beigelegt    werden, 
diesem  Falle  erhalten  die  Metallsalze  die 


In 


allgemeine  Formel 
Bleisalze  trocken  . 

„       Hydrat   . 

„       basisch  . 
Kupfersalz,  trocken 

,,        mit  Alkohol  — 

Magnesiumsalz  Hydrat  — 

„  dihydrat  — 

Baryumsalz  vierb.  Hyd.  — 

„  dreibasisch  — 

,,         sauer  ...  — 
Calciumsalz  dreibasisch  — 

„  sauer  ...  — 

Kobaltsalz,  sauer  ...  — 

„  vierbasisch  — 

Silbersalz,   dreibasisch  — 


-  C,,H,,M^,  N,  0,, 

-  C,,  H,,  Pb,   N,  0,,. 

-  C,,  H,,  Pb,   K  0,,  +  Aq. 
-2(C,,H,,  PK   N,  0,J+Pb. 

-  C,„H,,  Cu,  N,  0,,. 
C,,H,,  Cu,   \  0,,  +  a   H,   0. 
C,,H,,  Mg,  N,  0,,  +  Aq. 
C,„  H,,  Mg,  N,  0,,  4-  2  Aq. 
C,,  H,,  Ba,  N,  0,„  +  Aq. 
C,,H,3ba\  N,  0,,. 
C,„H,,Ba    N.,  O9. 
C,,  H,3  ca^3  N,  0,, 
C,,  H,  Ca   N,  0,. 
C,,  H,,  Co    K  O3. 
C,,  H,.  Co.,  N,  O9. 
C,,  H,3  Ag3  N,  O3. 

Ein  Theil  des  Wasserstoffs  in  dieser  Säure  kann  durch 
Jod  oder  Brom  substituirt  werden,  es  gibt  vielleicht  drei 
gebrannte  Säuren,  deren  Barytsalze  durch  verschiedene  Lös- 
lichkeit trennbar  sind. 

Das  Fleisch,  das  Blut  und  viele  Orgaue  des  menschlichen 
Körpers  enthalten  Säurun,  welche  viele  Eigenschaften  mit 
der  Kryptophansäure  gemein  haben,  allein  damit  nicht 
identisch  sind.  Dieselben  sind  wahrscheinlich  physiologische 
Vorläufer  dieser  lange  verborgenen  und  scheinbar  so  schwierig 
zu  behandelnden  Substanz. 

Vorstehende  Untersuchung  habe  ich  für  das  Medical 
Departement  of  the  Priry  Council  im  pathologischen  Labo- 
ratorium des  St.  Thomas  Hospital  ausgeführt. 


t 


NöUner:    Der  Lüneburgit.  291 


Derselbe  berichtet; 

,;üeber  den  Lüneburgit  von  Herrn  C.  Nöllner. 
in  Harburg"    nach    einer  brieflichen   Mittheihing. 

Es  ist  in  Lüneburg  durch  Herrn  Dr.  Volger  seit  etwa 
1  Jahr  ein  Schacht  angelegt  worden  in  der  Absicht,  die 
dortigen  Steinsalzlager,  woraus  die  seit  Jahrhunderten  be- 
nutzten Soolqu eilen  entspringen,  zu  erreichen  und  im  gün- 
stigen Falle  auch  auf  Kalisalze  zu  stossen.  die  wohl  solange 
die  Erde  besteht,  werthvoll  bleiben  werden.  Die  Unter- 
suchung der  dabei  auftretenden  mineralischen  Stoffe  wurde 
mir  übertragen,  wobei  ich  mich  aber  nicht  nur  auf 
das  mir  Ueberschickte  beschränkte,  sondern  bisweilen  die 
Spalte  durchforschte,  ob  etwas  Neues  zu  Tag  gefördert. 

Dass  die  verschiedenen  Salzlager  in  Stassfurt  etc.  durch 
Verdampfen  von  Meerwasser  entstanden,  ist  doch  wohl  jetzt 
allgemein  angenommen  und  schied  sich  dabei  zuerst  Koch- 
salz mit  Gyps.  darauf  die  schwefelsauren  Salze,  dann  die 
Chloralkalien  und  zuletzt  die  zerfiiesslichen  Verbindungen 
von  Chlorcalcium  und  Chlormagnesium  aus.  Mit  der  letzten 
Schichte  der  Chlorverbindungen  wurden  ausserdem  auch 
noch  Körper  ausgeschieden,  die  erst  durch  Umlagerung  ge- 
bildet wurden,  so  dass  aus  den  zerfiiesslichen  sogar  noch 
schwerlösliche  hervorgehen  konnten.  Dazu  gehören  zunächst 
die  Boracite,  die  desshaib  auch  alle  chlorhaltig  sind,  weil 
jedes  Salz  beim  Krystallisiren  etwas  von  der  umgebenden 
Lauge  einschliesst,  daher  umkrystallisirt  werden  muss.  wenn 
es  durch  Krystallisation  rein  erhalten  werden  soll. 

Man  findet  ferner  in  den  unteren  Steinsalzschichten 
Gyps  mit  2  At.  Wasser,  in  den  Schichten  der  zerfiiesslichen 
Salze  dagegen  wasserfreien  (Anhydrit),  weil  die  conc.  Lös- 
ungen von  Ca  Cl  +  Mg  Cl  alles  Wasser  mit  Beschlag 
belegen. 


292         Sitzung  der  matk-ph/ys.  Cflasse  vom  5.  März  1870. 

So  krystallisirt  aus  unsern  letzten  Salpetermutterlaugen 
mit  einmal  künstlicher  ßorucit,  der  nur  zu  3°/o  in  Wasser 
löslich  ist,  demnach  wenn  er  präexistirt  hätte,  längst  vor 
Abscheidung  des  Kalisalpeter  hätte  herauskrystallisiren  müssen. 
Aus  derselben  Ursache  wird  ein  solcher  Salpeter,  der  diese 
borsaure  Magnesia  mit  oft  18°/o  Chlorgehalt  enthält,  immer 
chlorhaltiger,  je  mehr  er  gewaschen  wird. 

Aber  nicht  nur  Borsäure  enthalten  die  aus  den  Mutter- 
laugen des  Meerwassers  abgeschiedenen  Salze,  sondern  auch 
Phosphor  säure,  wie  namentlich  der  Stassfurtit  und  die 
soeben  beschriebenen  künstlichen  Boracite,  vor  Allen  aber 
das  anliegende  in  Lüneburg  gefundene  und  desshalb  von  mir 
Lüneburgit  genannte  Mineral,  was  nahe  30"/o  Phosphorsäure 
enthält. 

Daraus  erklärt  sich  aber  wieder  ganz  einfach,  dass, 
wenn  die  Verdampfungsprodukte  des  Meerwassers  u.  a.  Bor- 
säure, Phosphorsäure  undgeringe  Mengen  Fluor  enthalten, 
diese  auch  in  dem  Meerwasser  enthalten  sein  müssen,  wor- 
über ich  aber  bis  jetzt  noch  keine  Notiz  finden  konnte, 
obgleich  es  nahe  liegt,  da  die  Knochenbilduug  der  Fische 
doch  nur  aus  dem  Meerwasser  herrühren  kann,  worin  sie 
und  ihre  Nahrung  leben. 

Zuletzt  habe  ich  noch  als  zu  dieser  Meeresverdampfungs- 
Frage  gehörig,  zu  erwähnen,  dass  ein  grosser  Distrikt  von 
Harburg  und  seiner  Umgebung  in  seinen  Brunnen  einen 
aussergewöhnlich  grossen  Kaliumgehalt  zeigt,  so  dass  z.  B.  ein 
Cubikiüss  des  Wassers  bei  meiner  Wohnung  hier  eingedampft 
4,56  Gr.  Kalium platinchlorid  krystallisirt  und  ohne  Wein- 
geistzusatz liefert.  Es  hat  sich  dadurch  der  Gedanke  in  mir 
gebildet,  dass,  weil  in  Lüneburg  z.  Z.  nur  geringe  Mengen 
von  Kaliumverbindungen  gefunden  wurden,  der  Lüueburger 
Gypsberg  aber  etwa  100'  über  die  Erdoberfläche  hervorragt 
und  nur  an  der  oberen  Partie  des  Berges  die  chlorhaltigen 
Boracite  gefunden  wurden,  bis  dort  die  eingedampfte  Mutter* 


NöUn&r:   Der  Lüneburgit  293 

lauge  des  Meeres  gestanden  haben  muss.  Stellt  man  sich 
auf  den  Lüneburger  Gypsberg,  so  sieht  man  rings  umher 
mehre  Meilen  Durchmesser  eine  Gebirgskette,  die  nur  nach 
Harburg  hin  unterbrochen  ist,  so  dass  sich  die  Vermuthung 
aufdrängt,  dass  dort  der  Salzsee  durchbrochen,  in  tiefer 
gelegene  Basins  abgelaufen  und  vollends  vertrocknet  sei, 
woraus  sich  erklärt,  dass  hier  überall  die  verschiedenen 
Kalke,  Magnesia  und  namentlich  Kalisalze,  gefunden  werden, 
während  in  L.  selbst,  solche  nur  sparsam  auftreten.  Dazu 
kommt  noch,  dass  hier  überall  der  stark  Kalk  und  Magnesia 
haltende  graue  Thou  zu  finden  ist,  wie  er  die  Salzlager  in 
Stassfurt  etc.  bedeckt. 

Würde  das  Kali  ohne  den  Gyps,  die  Magnesia  u.  a. 
Kalksalze  zu  finden  sein,  so  würde  ich  einen  andern  Ursprung 
zugestehen,  ebenso  wie  ein  Salpetergehalt  in  den  Brunnen 
der  Stadt  Harburg  nur  dann  von  unserer  Fabrik  herrühren 
könnte,  wenn  gleichzeitig  Jod  vorhanden,  da  nur  solche  Jod 
und  Magnesiahaltende  Laugen,  welche  keinen  Salpeter  mehr 
liefern,  in  seltenen  Fällen  cessirt  werden. 

Lüneburgit 
[(2MgO,  HO)  P05  +  MgOBOS]  -f  7H0 

gesucht  gefunden 

2MgO  =  40  16,75|  ^j  25,10  25,3 

HO  =  9  3,78l50,36  .. 

PO^  =.  71  29,83]  P  29,83  29,8 

MqO  =  20  8,351  B  14,82  12,7 

B03  =  35  14,72f^'-^' 

7H0  =  63  26,17  H  30,25  32,2 

^S  l'^^  100,00  100,0 

Ausserdem  enthält  der  Lüneburgit  noch  etwa  0.7°,'o  Fl. 
B.,  welches  bei  trockner  Glühhitze  sich  verflüchtigt,  sowie 
Spuren  von  den  Salzen  des  in  der  Nähe  befindlichen  Salz- 
lagers. 


294        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  März  1870. 


Der  Classensekretär  Herr  v.  K  ob  eil  spricht: 

„Ueber  den  Gümbelit,   ein  neues  Mineral  von 
Nordhalben  bei  Stehen  in  Oberfranken." 

Ich  benenne  dieses  ?tlineral  nach  seinem  Entdecker, 
dem  Herrn  Oberbergrath  Gümbel,  der  sich  so  viele  Ver- 
dienste um  die  geognostische  Kenntniss  Bayerns  erworben 
hat  und  welcher  mir  zuerst  dasselbe  mittheilte.  Es  findet 
sich  von  kurzfasriger  Struktur  in  dünnen  Lagen  auf  Thon- 
schiefer,  z.  Th.  auch  auf  Pyrit,  der  in  kleinen  plattgedrückten 
Massen  eingewachsen  vorkommt. 

Die  Farbe  ist  weiss-grünlichweiss,  es  ist  seiden-perl- 
mutterglänzend  und  durchscheinend,  weich  und  biegsam  und 
fühlt  sich  zerrieben  wie  feiner  Asbest  an. 

V.  d.  L.  bläht  es  sich  fächerförmig  auf  und  hat  darin 
x\ehnlichkeit  mit  dem  Pyrophyllit,  welcher  sich  aber  bei 
weitem  stärker  aufbläht.  Es  schmilzt  in  dünnen  Fasern  (4) 
zu  einer  porcellanartigen  Masse,     Im  Kolben  gibt  es  Wasser. 

Es  wird  weder  von  concentrirter  Salzsäure  noch  von 
Schwefelsäure  angegriffen.  Man  kann  die  sehr  feinen  Filze, 
die  es  beim  Zerreiben  gibt,  mit  concentrirter  Schwefelsäure 
kochen  und  die  Säure  vollständig  darüber  abrauchen,  ohne 
dass  die  mit  Wasser  behandelte  Masse  im  Filtrat  mit  den 
Reageutien  irgend  ein  Präcipitat  oder  Trübung  gäbe. 

Zur  Analyse  konnte  ich  nicht  mehr  als  etwas  über 
3  Gramme  verwenden,  wovon  die  Hälfte  mit  kohlensaurem 
Kali-Natron  aufgeschlossen  wurde  und  eine  ähnliche  Menge 
mit  kohlens.  Baryt,  wobei  aber  ein  Theil  unzersetzt  blieb, 
der  weiter  mit  Flusssäure  zerlegt  wurde. 


I 


V.  Kobell:   Der  Gümbelit.  295 


Die  Analyse 

gab: 

Sauerstoff. 

Kieselerde 

50,52 

)j 

26,94 

>} 

26,94 

„     21 

Thonerde 

31,04 

5) 

14,721 
0,90/ 

15,62 

1  ^ 

Eisenoxyd 

3,00 

J) 

5) 

,,     1- 

Magnesia 

1,88 

)) 

0,751 
0,54J 

1,29 

1 

Kali 

3,18 

J> 

55 

»5                A 

Wasser 

7,00 

>5 

6,22 

n 

6,22 

„       5 

ünzersetzt 

1,46 

98,08 

Die  Mischung  führt  zu  der  Formel 

R  Si  +  2Ä»  Si3  +  sH 

R  =  Mg,  ka;  Ä  =  äl,  Fe. 

Möglicherweise  könnte   das  Eisen  als    Oxydul  enthalten 
sein,  es  ist  aber  nicht   wahrscheinlich    und   würde  dafür  die 

Formel  eine  ganz  ungewöhnliche.  Mit  Si  erhält  man  keine 
passende  Formel,  wie  sich  denn  diese  Annahme  oft  bei  den 
bestgekannten  Mischungen  wie  z.  B.  beim  Granat  nicht  be- 
währt, dessen  Formel  mit  Si  weit  einfacher  ist.  Es  kann 
bei  Mischungen  wie  die  des  Gümbelit  eine  Formel  über- 
haupt nur  annäherungsweise  giltig  sein,  denn  sie  ändert 
sich  mit  einer  sehr  kleinen  Aenderung  im  Gehalt  an  Kali 
und  Magnesia  und  die  sorgfältigste  Analyse  gewinnt  hier 
nicht  absolut  gleiche  Resultate.  Die  vorherrschenden  Misch- 
ungstheile  der  Kieselerde  und  Thonerde  zeigen  aber  im  Ver- 
gleich mit  den  Mischungen  ähnlicher  Species  so  bedeutende 
Difierenzen  in  der  Quantität,  dass  damit  die  neue  Species 
besser  charakterisirt  und   unterschieden    ist   als   mit   irgend 

einer  Formel,  denn  ein  Zusammenfassen  von  Si  und  Äl,  wo- 
mit die  alleinige  Representation  durch  Si  oder  ein  Schwanken 
zwischen    Si  und  äl   zuweilen  auszugleichen   ist,   kann  hier 


296  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Mars  1870. 

nicht  stattfinden.  Es  beträgt  aber  die  Kieselerde  des  Pyro- 
phyllit,  welcher  dem  Gümbelit  noch  am  nächsten  steht,  nach 
dem  Mittel  der  vorhandenen  Analysen  64,5  prCt. ,  während 
sie  beim  Gümbelit  (mit  Rücksicht  auf  das  Unzersetzte)  nur 
52  prCt.  beträgt,  also  12  prCt.  weniger.  Auch  ist  im  Pyro- 
phyllit  von  keinem  Analytiker  ein  Alkaligehalt  gefunden 
worden. 

Der  Gümbelit  kommt  fast  nur  in  den  erwähnten  dünnen 
Lagen  vor,  ist  aber  am  Fundort  keine  Seltenheit. 


Seidel:   Zu  den  Vemis-Ihirchgängen.  297 


Herr  Seidel  gibt; 

„Einige  Bemerkungen  in  Bezug  auf  die  Beob- 
achtung der  bevorstehenden  Durchgänge 
der  Venus  durch  die  Sonne." 

Der  königlichen  Akademie  d.  Wiss.  sind  kürzlich  von 
offizieller  Seite  die  Ergebnisse  der  vorläufigen  Berathungen 
mitgetheilt  worden,  welche  im  Norddeutschen  Bunde  von 
einer  Commission  gepflogen  worden  sind,  die  zur  Vorbereitung 
der  Maassregeln  für  die  Beobachtung  der  in  den  nächsten 
Jahren  eintretenden  beiden  Vorübergänge  der  Venus  vor  der 
Sonne  amtlich  niedergesetzt  wurde.  Von  anderer  Seite  erfahren 
wir  ebenfalls,  dass  die  für  den  gleichen  Zweck  gefassten 
Entwürfe  bereits  anfangen  eine  festere  Gestaltung  anzu- 
nehmen. Es  ist  kaum  zu  erwarten  oder  auch  nur  zu  bean- 
tragen, dass  ein  Staat  von  dem  Umfange  und  der  in  emi- 
nentem Sinn  binnenländischen  Lage  Bayerns  sich  an  einer 
der  projectirten  überseeischen  Expeditionen  direct  betheilige, 
zumal  gerade  jetzt  nicht  unerhebliche  Geldmittel  für  den 
verwandten  rein  wissenschaftlichen  Zweck  der  Europäischen 
Gradmessung  in  Anspruch  genommen  werden  müssen ;  es 
fehlt  uns  überdies  an  einer  Schule  jüngerer  Astronomen, 
von  welchen  Einer  oder  der  Andere  sich  einer  der  ver- 
schiedenen deutschen  Unternehmungen  anschliessen  könnte. 
Indessen  wird  Bayern  und  speciell  München  dennoch  keinen 
unwichtigen  Beitrag  für  die  Lösung  der  schwebenden  Fragen 
nach  der  Sonnenparallaxe  liefern  ;  denn  die  Münchner  In- 
strumente, ältere  und  neuere,  seien  es  nun  Refractoren  oder 
photographische  Apparate,  werden  zuverlässig  eine  sehr 
hervorragende  Stelle  unter  den  mit  Erfolg  zu  verwendenden 
Hilfsmitteln  der  Beobachtung  einnehmen.     Mit  einem  solchen 


298         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  März  1870. 

Beitrage  des  engeren  Vaterlandes  für  den  wichtigen  Zweck 
darf  wohl  auch  unsere  Akademie  sich  befriedigen,  da  ver- 
storbene und  lebende  Mitglieder  derselben  an  den  Fort- 
schritten der  praktischen  Optik  Antheil  haben.  —  Auf  den 
Nutzen,  welchen  neben  der  directen  Beobachtung  des  Durch- 
gangs die  photographische  Aufnahme  der  Sonne  mit  dem  vor 
ihr  befindlichen  Planeten  für  die  genaue  Feststellung  der 
Daten  und  für  die  Vermehrung  ihrer  Anzahl  in  Aussicht 
stellt,  ist  man  wohl  allerwärts  schon  aufmerksam  geworden; 
der  Zweck  der  gegenwärtigen  Mittheilung  ist  es ,  hervorzu- 
heben, dass  meiner  Ansicht  nach  gerade  von  solchen  Auf- 
nahmen (die  natürlich  mit  den  genau  festgestellten  Zeit- 
momenten versehen  sein  müssen)  ungleich  mehr  zu  er- 
warten sein  möchte,  als  von  jeder  andern  Art  der  Beob- 
achtung. Die  erneute  Discussion,  welcher  man  die  Obser- 
vationen des  letzten  Jahrhunderts  unterzogen  hat,  seitdem 
durch  neu  hinzugekommene  Thatsachen  die  Genauigkeit  des 
von  Encke  aus  ihnen  abgeleiteten  Resultates  in  Frage  ge- 
stellt worden  ist,  scheint  vor  Allem  Dies  zu  lehren,  dass  die 
Schlüsse,  welche  sich  auf  dieselben  bauen,  in  unerwartetem 
Grade  vag  und  schwankend  sind,  indem  man.  immer  mit 
plausiblen  Gründen ,  bald  hier  bald  dort  eine  Beobachtung 
ausschliesseu  oder  neu  interpretiren ,  und  damit  das  Haujit- 
ergebniss  in  sehr  weiten  Grenzen  verschieben  kann.  Wenn 
nun  auch  ein  Theil  dieser  Unsicherheit  von  der  nicht  genug 
präcisen  Ausdrucksweise  einzelner  Beobachter  herrühren  mag, 
so  kann  man  doch  schwerlich  die  Vorstellung  unterdrücken, 
dass  ein  grosser  Theil  derselben  dem  Mangel  an  Schärfe 
und  Genauigkeit  in  der  optischen  Wahrnehmung  selbst  und 
der  dadurch  veranlassten  Verschiedenheit  in  dem  Urtheile 
der  verschiedenen  Beobachter  zur  Last  fällt.  So  sehr  nun 
auch  das  Fernrohr  seit  dem  letzten  Drittheil  des  vorigen 
Jahrhunderts  vervollkommnet  worden  ist,  so  muss  man  sich 
doch  davon   Rechenschaft  geben,    dass  die  Umstände,  unter 


Seidd:   Zu  den   Venus-Durchgängen.  299 

welchen  die  Momente  des  Eintritts  und  Austritts  des  Pla- 
neten vor  der  Sonne  observirt  werden  müssen .  eigentlich 
die  denkbar  ungünstigsten  tür  die  Leistungen  des  Instrumentes 
sind,  da  hier  der  dunkle  Fleck  wie  in  ein  Meer  von  Licht 
so  eben  einseitig  eingetaucht,  oder  daraus  hervorgezogen  er- 
scheint. Man  hat  zwar  von  Fernröhren  gesprochen,  welche 
frei  von  Irradiation  seien,  die  also  Hell  und  Dunkel  auch  in 
diesem  Falle  vollkommen  richtig  (so  weit  die  Unruhe  der 
Luft  es  gestattet)  gegen  einander  abgrenzen  sollten;  allein 
Wer  sich  mit  theoretischer  Untersuchung  der  hier  maass- 
gebenden  optischen  Vorgänge  beschäftigt  hat.  wie  ich  dies 
von  mir  sagen  darf,  der  kann  der  Annahme  so  idealer  Vor- 
trefflichkeit  bei  irgend  einem  Instrumente  unmöglich  seinen 
Beifall  geben,  weil  er  weiss,  dass  eine  ganze  Reihe  unver- 
meidlicher Fehler  durch  die  mathematischen  Verhältnisse 
bedingt,  und  desshalb  auch  in  einem  möglichst  vorzüglichen 
Bilde  zuverlässig  vorhanden  sind.  Es  kann  nur  davon  die 
Rede  sein,  dass  vielleicht  unter  gewissen  Umständen  die 
Fehler  eines  Apparates  nicht  erkannt  worden  sind ;  da  sie 
aber  nothwendig  vorhanden  sind,  so  bleibt  eben  in  Folge 
dessen  ein  ganz  unerkannter  Einfluss  von  ihnen  zurück.  Der- 
selbe muss  natürlich  ebenso  gut  die  Erscheinung  der  Schüess- 
ung  und  der  Zerreissung  des  Lichtfadens  zwischen  PLineten- 
rand  und  Sonnenrand  (bei  den  innern  Berührungen)  ent- 
stellen und  der  Zeit  nach  verschieben,  wie  er  in  der  Nähe 
des  letzteren  die  runde  Silhouette  des  Planeten  verzieht ; 
auch  ist  es  klar,  dass  dabei  die  verschiedene  und  sehr  starker 
variabler  Einwirkung  des  jedesmaligen  Reizzustandes  der 
Retina  ausgesetzte  Sensibilität  des  Auges  eine  sehr  grosse 
Rolle  spielen  wird,  während  auch  noch  der  Umstand,  dass 
die  Fortrückung  des  Planeten  nicht  in  einer  zum  Sounen- 
rand  normalen  Richtung  vor  sich  geht,  den  Spielraum  sub- 
jectiver  Differenzen  vergrössern  kann. 

Wenn  man   aber   von    der  praktischen  Optik  ein  Fern- 


300         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  März  1870. 

rohr  nicht  fordern  darf,  in  welchem  selbst  die  directen 
Strahlen  der  Sonne  über  die  ihnen  angewiesene  Stelle  gar 
nicht  sensibel  übergreifen  sollten,  so  vermag  sie  dagegen  mit 
einem  viel  höheren  Grade  von  Approximation  zu  bewirken, 
dass  über  eine  kleine  kreisrunde  dunkle  Fläche,  die 
rings  von  gleich  hellem  Lichte  breit  umflossen  ist,  dieses 
Licht  von  allen  Seiten  gleich  stark  oder  mindestens  von 
beiden  Enden  jedes  Durchmessers  aus  in  gleicher  Weise 
übergreift^),  so  dass  der  Ort  ilires  Gentrums  keine  schein- 
bare Verrückung  erleidet.  Dies  ist  das  Entscheidende  für 
die  Zuverlässigkeit  eines  photographischen  Bildes,  welches 
(natürlich  mit  der  genauen  Zeitbestimmung  versehen)  in 
irgend  einem  Momente  des  Vorüberganges  fixirt,  und  dann 
mit  einer  Reihe  ähnlicher  Aufnahmen  in  Vergleichung  ge- 
zogen wird,  —  und  aus  diesem  Grunde  halte  ich  dafür,  dass 
die  sorgsame  Untersuchung  solcher  in  hinlänglich  grossem  Maass- 
stabe aufgenommenen  Photographieen  geeignet  ist,  viel  wertlr 
vollere  Resultate  zu  liefern,  als  die  Diskussion  der  beobachteten 
Momente  von  Ein-  und  Austritt.  Es  versteht  sich,  dass  man 
nicht  unbeachtet  lassen  wird,  dass  ein  optisches  Bild,  selbst 
wenn  es  einen  hohen  Grad  von  Schärfe  besitzt,  desshalb 
nicht  genau  perspektivisch  richtig  sein  muss;  indem  im  Bild 
die  Distanzen  verschiedener  Punkte  von  der  Mitte  nicht 
genau  den  scheinbaren  Distanzen  der  zugehörigen  Objekte 
von  der  Axe  oder  ihren  Tangenten  proportional  sind.  Dieser 
Einfluss  muss  wenigstens  untersucht  werden,  sei  es  nun  durch 
■Rechnung,  aus  den  gegebenen  Elementen  des  Apparates, 
oder    durch    geeignete    Messungen,    für    welche    sich    leicht 


1)  Der  zuletzt  gedachte  Fall  tritt  dann  ein,  wenn  ein  leuchten- 
der Punkt  sich  als  eine  gleichmässig  erleuchtete  Ellipse  abbildet, 
deren  Eine  Axe  nach  der  Mitte  des  Gesichtsfeldes  gerichtet  ist.  Es 
ist  dies  der  allgemeine  Fall  bei  Apparaten,  die  der  Bedingung  ge- 
nügen, welche  von  mir  als  die  .,Fraunhofer'sche"  bezeichnet 
worden  ist. 


t 


Seidel:   Zu  den  Venus-Durchgängen.  301 

Hilfsmittel  ausdenken  lassen.  Um  ihn  berücksichtigen  zu 
können,  muss  man  jedes  Blatt  auch  gegen  den  Apparat 
orientirt  haben,  so  dass  sich  die  Stelle  der  Sonnenscheibe  er- 
sehen lässt,  auf  welche  die  Axe  des  Rohres  gerichtet  war. 
Ebenso  muss  die  Stellung  aller  Theile  des  optischen  Apparates 
gegen  einander  und  gegen  die  Bildebene  genau  uotirt  sein, 
damit  alle  nachträglich  sich  ergebenden  Zweifel  ihre  Beant- 
wortung finden.  —  Sorgfältigste  Centrirung  der  verschiedenen 
optischen  Flächen  erscheint  dabei  ganz  besonders  wichtig; 
namentlich  wenn,  wie  dies  zu  erwarten  ist,  in  der  Okular- 
gegeüd  ein  das  Objectiv-Bild  vergrössernder  Apparat  ange- 
bracht ist,  wird  hierauf  speciell  Achtsamkeit  zu  verwenden 
sein.  Wenn  sich  ergibt,  dass  bei  einem  Instrumente  der 
vorhin  angedeutete  perspektivische  Fehler  nicht  gleich  Null 
gesetzL  werden  kann,  so  wird  er  natürlich  auch  den  ümriss 
der  Sonne  entstellen,  falls  nicht  die  Mitte  derselben  anvisirt 
war;  ebenso  wird  man  wahrscheiiihch  bei  der  Reduction 
beachten  müssen,  dass  die  mit  verschiedenen  Apparaten  er- 
langten Sounenbilder  nicht  ohne  Weiteres  als  gleiche  Grössen 
re|)räsentirend  angesehen  werden  dürfen,  weil  die  ..Irradia- 
tion" bei  dem  Einen  stärker  gewirkt  haben  kann,  als  bei 
dem  Anderen, 

Dies  Alles  lässt  sich  nachträglich  genau  untersuchen, 
und  es  scheint  nicht  zweifelhaft,  dass  man  auf  solche  Weise 
aus  einer  Folge  genau  datirter  Photographieen,  welche  den 
Planeten  \or  der  Sonne  in  verschiedenen  Stadien  des  Durch- 
ganges darstellen,  auch  die  Momente,  in  welchen  der  schein- 
bare Abstand  seines  Mittelpunkts  von  dem  der  Sonne  gleich 
dem  Radius  der  letzteren  war,  ungleich  genauer  ermitteln 
wird,  als  durch  die  directe  Beobachtung.  Die  Unsicherheit 
über  den  Moment  der  Entstehung  des  Bildes  wird  hier, 
wo  im  concentrirten  Sonnenlicht  gearbeitet  wird,  in  so  enge 
Grenzen  eingeschlossen  werden  können,  dass  ihr  Einfluss 
ganz  irrelevant  wird  im  Vergleiche  mit  den  bei  der  andern 
[1870.1.3.]  20 


302         Sitzung  der  math.-phys.  Glosse  vom  5.  Märe  1870, 

Beobachtungsweise  zu  befürchtenden  Fehlern  in  der  Zeit. 
Es  scheint  mir  daher,  dass  man  die  Erlangung  möglichst 
guter  und  zahlreicher  photographischer  Aufnahmen  der  be- 
vorstehenden Veuusdurchgänge  für  die  auszusendenden  Expe- 
ditionen als  die  Hauptsache  betrachten,  und  hiernach  ihre 
instrumenteile  Ausrüstung  bemessen  sollte ,  —  wobei  es 
natürlich  von  grosser  Wichtigkeit  sein  wird,  dass  die  Beob- 
achter schon  zu  Hause  und  bei  Zeiten  sich  mit  alledem, 
was  vorgesehen  werden  kann,  möglichst  vertraut  machen. 
Denn  die  Aufnahmen  sollten  meines  Erachtens  nicht  von 
blos  geschulten  Photographen  genommen  werden,  sondern 
von  Astronomen,  von  welchen  sich  eine  ungleich  grössere 
und  sachkundigere  Beachtung  aller  auf  das  Resultat  einwirken- 
den und  dasselbe  möglicher  Weise  entstellenden  Einflüsse 
erwarten  lässt.  Man  würde  auf  diese  Art  den  hinter  uns 
kommenden  Generationen,  die  ohne  Zweifel  auf  die  Dis- 
kussion der  Beobachtungen  zurückkommen  werden,  ein  mög- 
lichst werthvolles  und  authentisches,  von  unerforschbaren  sub- 
jectiven  Fehlerursachen  möglichst  freies  Material  hinterlassen, 
und  so  am  besten  den  Dank  derselben  verdienen.  Hier 
sowie  bei  der  Auswahl  der  Lokalitäten  wird  die  Rücksicht 
allein  ins  Auge  zu  fassen  sein,  dass  die  schnell  vorüber- 
gehende und  spät  wiederkehrende  Erscheinung  unter  mög- 
lichst vortheilhaften  Umständen  fixirt  und  der  definitiven  Unter- 
suchung aufbehalten  werde,  während  keine  Mühe,  für  deren 
Unternehmung  nachher  die  lauge  Zeit  zu  Gebote  steht,  bei 
der  Anordnung  des  Ganzen  in  Anschlag  gebracht  wer- 
den darf. 


Bischoff:   Ueber  die  kurzen  Muskeln  etc.  303 


Herr  Bisch  off  hält  einen  Vortrag: 

„Ueber  die  kurzen  Muskeln  des  Daumens  und 
der  grossen  Zehe." 

(Mit  einer  Tafel.) 

Bei  einer  vergleichend  anatomischen  Untersuchung  der 
Muskeln  der  Affen,  mit  welcher  ich  in  der  letzten  Zeit  be- 
schäftigt war,  waren  es  die  Muskeln  des  Daumens  und  der 
grossen  Zehe  nicht  am  Wenigsten,  welche  mir  Schwierig- 
keiten darboten. 

Unsere  Hand-  und  Lehrbücher  der  menschlichen  Ana- 
tomie sind  zwar  sowohl  in  Deutschland  als  Frankreich  und 
England  darin  übereinstimmend,  dass  sie  dem  Daumen  vier, 
der  grossen  Zehe  drei  kurze  Muskeln  ertheilen,  jenem  den 
Abductor  brevis,  Opponens,  Flexor  brevis  und  Adductor; 
diesem  den  Abductor,  Flexor  brevis  und  Adductor  mit  einem 
Caput  obliquum  und  transversum. 

Allein  in  den  näheren  Angaben  über  das  Verhalten 
dieser  Muskeln  und  in  ihrer  Beschreibung  weichen  sie  besonders 
für  den  Daumen  bedeutend  von  einander  ab.  Und  zwar  sind 
vorzüglich  der  Flexor  brevis  und  der  Adductor  verschieden 
beschrieben  worden ,  was  bei  dem  innigen  Zusammenhange 
des  ersteren  sowohl  mit  dem  Abductor  brevis  und  Opponens, 
als  mit  dem  Adductor,  und  des  letzteren  mit  dem  Flexor 
brevis,  und  bei  den  sehr  zahlreichen  individuellen  Abweich- 
ungen, welche  sich  in  dieser  Hinsicht  finden,  gar  nicht  zu 
verwundern  ist. 

Bei  uns  in  Deutschland ,  und  so  viel  ich  weiss  auch  in 
England,  ertheilt  man  meistens  dem  Flexor  brevis  pollicis 
zwei  Köpfe,  einen  äusseren,  lateralen,  welcher  sich  an  das 
äussere,  laterale  Sesambein,  an  der  Basis  der  ersten  Phalange 
des   Daumens   ansetzt,   und   mit   dem   medialen   Rande   des 

20* 


304         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  S.März  1870. 

Abductor  brevis  und  Opponens  genau  vereinigt  ist,  und 
einen  inneren,  medialen  Kopf,  welcher  mit  dem  Adductor 
verwachsen  ist,  und  sich  mit  diesem  an  das  innere,  mediale 
Sesambein  befestigt.  Der  Adductor  wird  sodann  als  ein  ein- 
köpfiger Muskel  beschrieben,  über  dessen  Abgrenzung  gegen 
den  medi.ilen  Kopf  des  Flexor  brevis  indessen  verschiedene 
Ansichten  herrschen,  indem  Einige  (Sömmering,  E.  H.  Weber, 
Hjrtl,  Theile,  Quain)  letzteren  nur  vom  Mittelhandknochen 
des  zweiten  und  dritten  Fingers ,  Andere  (Meckel,  Krause, 
Arnold,  Luschka)  auch  noch  von  den  Handwurzelknochen 
entspringen  lassen.  Diese  Beschreibung  stimmt  dann  am 
Meisten  mit  der  der  Muskeln  der  grossen  Zehe  des  Fusses 
übereiu,  der  man  auch  einen  Abductor,  einen  zweiköpfigen 
Flexor  brevis  und  einen  Adductor  zuertheilt,  welch  letzterer 
zwei  Köpfe,  einen  schrägen  und  einen  queren,  besitze. 

In  Frankreich  dagegen  und  theilweise  auch  bei  uns  ist 
die  Ansicht  von  (Jruveilhier  verbreitet,  dass  dei"  Flexor  brevis 
nur  einen  und  zwar  nur  den  äusseren  oder  lateralen  Kopf 
besitze,  sich  auch  nur  an  das  äussere,  laterale  Sesambein 
ansetze.  Alle  Muskeliäseru  dagegen,  welche  'sich  an  das 
innere,  mediale  Sesambein  anheften,  gehören  dem  Adductor 
an.  Auch  für  den  Fuss  wird  dann  ebenso  gelehrt,  dass  die 
grosse  Zehe  nur  einen  einköpfigen  Flexor  brevis  besitze, 
nämlich  nur  den  inneren,  medialen,  welcher  sich  an  das 
innere,  mediale,  Sosambein  festsetzt,  während  der  äussere, 
laterale,  zu  dem  Adductor  gerechnet  wird,  wobei  noch  zu 
bemerken,  dass  die  Franzosen  zur  Bezeichnung  der  Wirkung 
die  sagittale  Ebene  des  Körpers,  nicht  die  des  Fusses 
festhalten,  daher  unseren  Abductor  Adductor,  und  unseren 
Adductor  Abductor  nennen. 

Von  beiden  Lehien,  und  auch  noch  auf  den  Abductor 
pollicis  brevis  herübergreifend,  verschieden,  ist  die  neueste 
von  Henle.  Ihm  bleibt  eigentlich  kein  Flexor  pollicis  brevis 
übrig  und  nur   der  Analogie   mit   der  grossen   Zehe  wegen, 


! 


Bischoff:    üeler  die  "kurzen  Muskeln  etc.  305 

lässt  er  ihn  nicht  ganz  fallen ,  sondern  beschreibt  zwei 
schwache  Muskelhünd eichen,  welche  in  der  Tiefe  hinter  der 
Sehne  des  Flexor  pollicis  longus  von  den  Handwurzelknochen 
zu  den  beiden  Sesambeinen  verlaufen  sollen,  als  die  beiden 
Köpfe  eines  Flexor  pollicis  brevis.  Was  dagegen  alle  übrigen 
früheren  Anatomen  als  äusseren,  lateralen,  Kopf  des  Flexor 
brevis  beschrieben  haben,  theilt  er  dorn  Abductor  pollicis 
brevis,  und  was  man  als  inneren,  medialen  Kopf  beschreibt 
dem  Adductor  zu. 

Endlich  hat  vor  17  Jahren  Dursy  unter  dem  Daumen- 
ballen-Muskeln noch  einen  in  der  Tiefe  liegenden  kleinen 
Muskel  als  luterosseus  pollicis  indicisque  beschrieben,  den 
Andere  unter  die  Theile  des  Flexor  pollicis  brevis  gerechnet 
haben,  und  den  Henle  ebenfalls  als  selbständigen  Muskel 
als  Interosseus  internus  I  aufnimmt. 

Jeder  praktische  Anatom ,  der  die  erwiihnten  Muskel- 
Gruppen  aus  eigener  und  häufiger  Erfahrung  kennt,  wird 
über  die  Verschiedenheit  dieser  Lehren  und  Ansichten  kaum 
verwundert  sein.  Diese  kleinen  Muskeln  besonders  des 
Daumens  hängen  einmal  in  der  That  oft  so  genau  zusammen, 
dass  es  sehr  schwierig  ist,  sie  von  einander  zu  trennen, 
und  dann  überzeugt  man  sich  leicht,  dass  allerdings  in  ihrer 
speciellen  Anordnung,  Ursprung  und  Gruppirung  sehr  viel- 
fache individuelle  Abweichungen  vorkommen.  Diese  Daumen- 
ballen-Muskeln müssen  eine  sehr  grosse  ,, Variabilität,"  t-ine 
ganz  besondere  Lust  und  Neigung  zur  Abweichung  von 
ihrer  atavistischen  Anordnung  haben;  wenn  es  nicht  viel- 
leicht der  sehr  verschiedene  Gebrauch  ist,  den  verschiedene 
Menschen  gerade  von  diesen  wichtigen  Muskeln  machen,  der 
ihnen  zu  einer  so  verschiedenen  Ausbildung  verhilft. 

Allein  um  so  mehr  muss  man  wünschen,  bei  dieser 
Mannigfaltigkeit  der  individuellen  Anordnung  u.'id  der  da- 
durch veranlassten  Verschiedenheit  der  Autfi.ssuug  derselben, 
einen    leitenden  Faden  zu    finden,    und    ich    bilde    mir    ein, 


306         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  Mars  1870. 

durch  die  aufmerksame  Präparation  und  Untersuchung  dieser 
Muskeln  bei  den  Affen,  einen  solchen  Schlüssel  gefunden  zu 
haben,  der  anderer  Seits  auch  wieder  bei  den  mannigfaltigen 
Streitigkeiten  über  Hand  und  Fuss  von  Interesse  ist. 

Die  vergleichende  Anatomie  liefert  uns  oft  einen  Schlüssel 
zur  richtigen  Erkenntniss  und  Deutung  gewisser  Verhältnisse 
an  dem  menschlichen  Körper  dadurch,  dass  sie  uns  dieselben 
in  einfacherer,  übersichtlicherer  Anordnung  bei  den  Thieren 
vorführt.  Allein  es  kommt  zuweilen  auch  vor,  dass  sie  uns 
umgekehrt  gewisse  anatomische  Einrichtungen  und  Theile 
in  einem  ausgebildeteren  und  entwickelteren  Zustande 
als  beim  Menschen  zeigt,  und  uns  dadurch  deren  Anordnung 
bei  diesem  kennen  lehrt. 

Das  Letztere  ist  nun,  wie  ich  gefunden  habe,  an  den 
kurzen  Muskeln  des  Daumens  und  der  grossen  Zehe  gewisser 
Affen  der  Fall,  deren  Hand  und  Fuss  Muskeln  überhaupt, 
wenn  auch  nicht  in  allen  Hinsichten,  doch  in  gewissen  mehr 
entwickelt  sind,  als  die  des  Menschen,  Ich  habe  dieses 
unter  den  von  mir  untersuchten  Affen  vorzüghch  bei 
Cynocephalus,  Macacus  und  Cercopithecus  gefunden,  während 
bei  den  sogenannten  Anthropoiden  manchmal  das  Umge- 
kehrte der  Fall  ist,  bei  welchen  diese  Muskeln  durchaus 
nicht  den  höchsten  Grad  der  Entwicklung  und  Isolirung 
darbieten. 

Bei  einem  grossen  Mandril  nun,  dessen  Muskeln  ich 
präparirtej  fand  ich  die  Daumen-  und  Grosse-Zehen-Muskeln 
sehr  vollkommen  entwickelt  und  überzeugte  mich  hier  leicht, 
dass  sowohl  der  Flexor  brevis  als  der  Adductor  in  seiner 
vollkommensten  Ausbildung,  jeder  ein  zweiköpfiger  Muskel 
ist,  deren  beide  Köpfe  deutlich  von  einander  getrennt  sind. 
Dieser  Affe  hat  an  der  Hand  einen  deutlichen  Abductor 
brevis  poUicis,  einen  Opponens,  einen  Flexor  brevis  mit  zwei 
Köpfen  und  einen  Adductor  mit  zwei  Köpfen,  Der  äussere, 
laterale  Kopf  des  Flexor  brevis  ist  ansehnlich  stark,   leicht 


♦ 


Bischoff:    Heber  die  Tcurzen  Muskeln  etc.  307 

von  dem  Abductor  brevis  und  Opponens  zu  trennen,  ent- 
springt von  dem  Lig.  carpi  volare  proprium  und  dem  Os 
multangulum  majus  und  setzt  sich  an  das  äussere,  laterale 
Sesambein  fest.  Der  innere,  mediale,  Kopf  desselben  Muskels 
kommt  mehr  in  der  Tiefe  von  dem  Os  multangulum  minus 
und  capitatum  so  wie  von  den  dieselben  bedeckenden  und 
verbindenden  Bändern,  namentlich  auch  der  Scheide  für  die 
Sehne  des  Flexor  carpi  radialis  und  setzt  sich  an  das  innere, 
mediale  Sesambeiu.  Er  ist  nicht  so  stark,  wie  der  laterale 
Kopf,  mehr  rundlich  und  verläuft  längs  des  Mittelhandknochens, 
des  Daumens,  in  gerader  Richtung.  Zwischen  beiden  Köpfen 
verläuft  die  schwache,  den  Flexor  pollicis  longus  ersetzende 
Sehne  des  Flexor  dig.  comm.  longus  zur  zweiten  Phalange 
des  Daumens.  Von  dem  medialen  Kopfe  leicht  zu  unter- 
scheiden und  zu  trennen,  findet  sich  ein  von  den  Bases  des 
2.  und  3.  Mittelhandknochen  und  von  einer  die  Tiefe  der 
Hohlhand  bekleidenden  Aponeurose  entspringender  Muskel, 
der  neben  dem  medialen  Kopfe  des  Flexor  brevis  etwas 
mehr  in  querer  Richtung  verläuft  und  sich  etwas  höher  als 
letzterer,  an  den  Ulnarrand  der  Basis  der  ersten  Phalange 
des  Daumens  ansetzt.  Er  ist  der  Adductor  obliquus.  Und 
von  diesem  durch  einen  Zwischenraum  getrennt,  haben  wir 
endlich  noch  einen  Adductor  trausversus,  welcher  von  dem 
Mittelhandkuochen  des  3.  Fingers  bis  zu  dessen  Capitulum 
herab  entspringt,  und  sich  mit  dem  Vorigen  an  den  Ulnar- 
rand der  Basis  der  ersten  Phalange  des  Daumens  noch  weiter 
hinaufgehend,  festsetzt.  Von  dem  sogen.  Interosseus  internus 
primus  Dursy  und  Henle  ist  keine  Spur  vorhanden. 

Ebenso  ist  es  an  dem  Fusse.  Auch  hier  finden  wir 
ausser  dem  Abductor  einen  zweiköpfigen  Flexor  brevis  hallucis 
dessen  beide  Köpfe  von  dem  Baudapparate  in  der 
Tiefe  der  Fussohle  und  von  dem  1.  und  2.  Keilbein  kommen. 
Der  laterale  Kopf  ist  ansehnlich  schwächer  als  der  mediale  und 
wird  durch  den  Adductor  obliquus,   der  au  seiner  medialen 


308         Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  März  1870. 

Seite  liegt,  stark  in  die  Tiefe  gedrängt;  allein  er  ist  als  ganz 
selbststiindiger  Muskel  vorbanden.  Der  Adductor  obliquus 
entspringt  von  den  Bases  des  2.  und  3.  Mittelfussknochen 
und  einer  sich  in  der  Tiefe  der  Planta  pedis  ausbreitenden 
Aponeurose^)  und  gebt  an  das  laterale  Sesambein  der  grossen 
Zehe.  Ausser  ihm  ist  aber  noch  ein  von  ihm  getrennter 
starker  Adductor  transversus  vorhanden,  welcher  von  dem 
unteren  Ende  des  2.  Mittelfussknochen  entspringt  und  sich 
weiter  hinauf  längs  des  medialen  Randes  der  ersten  Phalange 
der  grossen  Zehe  festsetzt. 

Einen  Opponens  hallucis  besitzt  Cynocephalus  an  der 
grossen  Zehe  nicht,  welcher  sich  dagegen  beim  Orang  und 
Macacus  findet. 

Von  dieser  ausgebildetsten  Entwicklung  der  kurzen 
Daumen  und  Grossenzehenmuskeln  und  namentlich  des 
Flexor  brevis  und  Adductor,  jeder  mit  zwei  getrennten  Köpfen, 
finden  sich  nun  sehr  verschiedene  Modificationen  bei  den 
verschiedeneu  Afi'en.  Sie  bestehen  darin,  dass  an  der  Hand 
der  mediale  Kopf  des  Flexor  brevis  sehr  rudimentär  werden, 
ja  ganz  verschwinden  kann.  In  ersterem  Falle  wird  er  dann 
durch  den  Adductor  obliquus  ganz  in  die  Tiefe  gedrängt, 
und  dann  nimmt  er  die  Lage  und  das  Ansehen  des  Dursyschen 
Interosseus  internus  primus  an;  z.  B.  beim  Orang.  Bei 
meinem  Hylobates  findet  er  sich  auf  der  rechten  Seite,  auf 
der  linken  felilt  er.  Beim  Gorilla  und  Chimpanse  fehlt  er 
auf  beiden  Seiten.  Ebenso  geht  es  mit  den  zwei  Abtheilungen  des 
Adductor.  Beide  sind  häufig  ganz  miteinander  zu  einer  starken 
Muskelmasse  verschmolzen  z.B.  beim  Orang  und  Macacus;  in 


1)  Ich  bemerke  hier,  dass  die  erwähnte  Aponeurose  in  der  Tiefe 
der  Vola  manug  und  planta  pedis  bei  den  Affen  einem  eigenen  Muskel- 
Apparat  zum  Ursprung  dient,  den  ich  mit  der  Bezeichnung  der 
Contrahentes  digitorum  in  meinen  Beiträgen  [zur  Anatomie  des 
Hylobates  näher  beschreiben  werde. 


Bischoff:    lieber  die  Icursen  Muskeln  etc.  309 

andereu  Fällen  aber  ist  entweder  der  Adductor  obliquus  oder 
der  Transversus  sehr  schwach,  ja  sogar  einer  derselben  ganz 
fehlend,  z.  B.  bei  Pithecia  auch  Hylobates.  Am  F  u  s  s  e  fehlt 
dem  Orang  der  laterale  Kopf  des  Flexor  brevis;  Adductor  trans- 
versus und  obliquus  sind  beide  stark  entwickelt  und  mau 
kann  aunehuien,  dass  der  laterale  Kopf  des  Flexor  brevis 
mit  dem  Adductor  obliquus  verwachsen  ist.  Bei  Pithecia 
ist  der  laterale  Kopf  schwach  und  durch  den  Adductor  ob- 
liquus in  die  Tiefe  gedrängt.  Adductor  obliquus  und  trans- 
versus sind  vereinigt  beim  Chimpanse  und  Hylobates ;  der 
transversus  schwach,  der  obliquus  stark  bei  Cercopitheus  etc. 
Nach  diesen  Erfahrungen  bei  den  Affen  beurtheile  ich 
nun  die  Verhältnisse  bei  dem  Menschen  und  gewinne  daraus 
das  Resultat,  dass  abgesehen  von  dem  Abductor  brevis  und 
Opponens  an  dem  Daumen ,  der  Flexor  brevis  zwar  zwei 
Köpfe  hat,  der  mediale  aber  nur  schwach  entwickelt  und  in 
die  Tiefe  gedrängt  als  sogenannter  Interossuus  internus  I 
auftritt.  Der  Adductor  ist  dagegen  bei  dem  Menschen  immer 
stark  in  seinen  beiden  Portionen  als  obliquus  und  transversus 
ausgebildet.  An  dem  Fusse  haben  wir  einen  Flexor  brevis 
mit  zwei  Köpfen  und  einen  Adductor  mit  zwei  Köpfen;  der 
Adductor  obhquus  ist  stark,  der  transversus  schwach.  Hiemach 
ergibt  sich  folgendes  Verhalten: 

I.  Für  den  Daumen : 

1.  Abductor  pollicis  brevis.  Um  diesen  oberfläch- 
lichsten gleich  unter  der  Haut  und  einer  dünnen  fascia  super- 
ficialis liegenden  Muskel  von  seinen  Nachbarn  richtig  zu 
trennen ,  mit  denen  er  genau  vereinigt  ist ,  muss  man  ihn, 
nachdem  seine  Oberfläche  rein  präparirt  ist .  von  seinem 
Radial-Rande  aus,  wo  er  zwar  dicht  an  dem  Metacarpus  anliegt, 
aber  nicht  an  ihm  befestigt  ist,  zu  lüften  beginnen.  Hier  ist 
er  leicht  von  dem  unter  ihm  hegenden  Opponens  zu  trennen, 
und   wenn    man  von  hier   aus  die  Trennung  vorsichtig  nach 


310        Sitzung  der  math.-phys.  Glosse  vom  5.  März  1870. 

Innen  weiter  fortsetzt,  so  wird  man  in  der  Regel  keine 
grosse  Schwierigkeit  finden,  ihn  auch  an  seinem  medialen 
Rande  sowohl  von  dem  Opponens,  als  von  dem  äusseren 
Kopfe  des  Flexor  brevis  mit  Sicherheit  zu  scheiden.  Man 
wird  ihn  dann  von  der  Oberfläche  des  Lig.  carpi  volare 
proprium,  oft  bis  zum  Os  naviculare  und  von  dem  Os  multan- 
gulum  majus  entspringen,  und  sich  an  dem  Radialrand  der 
Basis  der  ersten  Phalange  des  Daumens  inseriren  sehen. 
Meistens  verlaufen  seine  Fasern  einfach  vom  Lig.  carpi  gegen 
den  Ansatzpunkt  convergierend ;  wenn  sie  sich  aber  auch  zu- 
weilen untereinanderschieben,  und  wenn  auch,  wie  das  oft 
der  Fall  ist,  ein  Theil  der  Sehne  des  Abductor  pollicis  longus 
mit  mehreren  Muskelfasern  in  ihn  übergeht,  so  habe  ich 
doch  nie  Ursache  gefunden,  an  ihm,  wie  Henle,  zwei  Por- 
tionen zu  unterscheiden,  welche  Annahme  auch  nur  darin 
begründet  ist,  dass  Henle  den  äusseren  Kopf  des  Flexor 
brevis  zu  ihm  rechnet. 

2.  Opponens  pollicis.  Dieser  Muskel  ist  von  dem 
vorigen  grösstentheils  bedeckt,  hängt  an  seinem  medialen 
Rande  genau  mit  dem  Abductor  und  dem  äusseren  Kopfe 
des  Flexor  brevis  zusammen,  unterscheidet  sich  aber  dadurch 
von  beiden,  dass  er  sich  am  ganzen  äusseren  Rande  des 
Mittelhandknochen  des  Daumens  wirklich  ansetzt,  aber  auch 
auf  ihn  beschränkt  bleibt,  und  nicht  auf  die  Phalange  über- 
geht. Seine  Fasern  entspringen  bedeckt  vom  Abductor  brevis 
vom  Lig.  carpi  volare  proprium  und  demOs  multangulum  majus. 

3.  Flexor  brevis  pollicis.  Derselbe  hat  zwei  Köpfe, 
einen  lateralen  starken,  am  Medialrande  des  Abductor  brevis 
und  des  Opponens  frei  zu  Tage  tretenden  Kopf,  und  einen 
medialen  schwachen,  ganz  von  dem  Adductor  obliquus  pollicis 
verdeckten.  Der  erstere  ist  der  längst  als  solcher  beschriebene, 
bei  dem  es  nur  darauf  ankommt,  ihn  mit  Sicherheit  von 
dem  Abductor  brevis  und  Opponens  zu  trennen,  was  nicht 
leicht  ist.  Man  muss  dazu  von  seinem  Ansatz  an  dem  äusseren, 


Bischoff:    lieber  die  kurzen  Muskeln  etc.  311 

lateralen  Sesambeia  an  der  Basis  der  ersten  Phalauge  des 
Daumens  ausgehen,  wo  er  von  dem  sonst  dicht  mit  ihm  ver- 
einigten Opponens ,  durch  einen  kleinen  mit  Bindegewebe 
und  Fett  erfüllten  Zwischenraum  getrennt  ist.  Wenn  man 
von  hier  aus  vorsichtig  zwischen  beide  Muskeln  eindringt, 
60  gelingt  es  meist  die  ganz  natürliche  Grenze  zwischen 
beiden  Muskeln  aufzufinden,  welche  in  der  Regel  in  der 
Tiefe  gegen  die  Handwurzel  hin  sogar  durch  sehnigte  Fasern 
des  Ursprungs  des  Flexor  vom  Lig.  carpi  volare  bezeichnet 
wird.  Die  Trennung  dieses  lateralen  Kopfes  des  Flexor 
brevis  von  dem  an  seinem  medialen  Rande  mit  ihm  zu- 
sammenstossenden  Adductor  obliquus  gelingt  leicht  und 
sicher,  wenn  mau  von  dem  Ansatzpunkt  des  letzteren  an 
dem  medialen  Sesambein  des  Daumens  ausgeht.  Denn  hier 
sind  beide  Muskeln  deuthch  getrennt,  und  es  legt  sich  auch 
die  Sehne  des  Flexor  poUicis  longus  zwischen  sie.  In  Be- 
treff des  Ursprunges  dieses  lateralen  Kopfes  des  Flexor  brevis 
könnte  man  sonst  leicht  Schwierigkeiten  finden,  wenn  man 
sich  nicht  an  seine  Insertion  an  dem  lateralen  Sesambeine 
hält.  Denn  dieser  Ursprung  ist  meist  in  zwei  oft  selbst 
durch  einen  Zwischenraum  von  einander  getrennte  Portionen 
getheilt,  die  sich  meist  erst  bei  ihrem  Ansatz  an  das  ge- 
nannte Sesambein  vollständig  vereinigen.  Die  laterale  Portion 
entspringt  nämlich  auch  von  dem  Lig.  carpi  volare  proprium 
und  dem  Os  multangulum  majus,  die  mediale  mehr  in  der 
Tiefe  von  dem  Os  multangulum  minus  und  von  dem  über 
die  für  den  Extensor  carpi  radialis  herübergespannten  Bande, 
und  zwischen  beide  legt  sich  an  ihrem  Ursprung  die  Sehne 
des  Flexor  pollicis  longus.  Man  könnte  verleitet  werden,  sie 
für  zwei  getrennte  Muskeln  zu  halten,  wenn  sie  nicht  immer 
an  ihrem  Ansatz  an  das  laterale  Sesambein,  oft  auch  schon 
in  ihrem  Verlaufe  sich  miteinander  vereinigten. 

Der  mediale  Kopf  des  Flexor    brevis  ist  nun,    wie  aus 
dem   bereits   oben   Gesagten   hervorgeht,    bis  jetzt  entweder 


312        Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  März  1870. 

gar  nicht  erkannt,  oder,  wie  von  Dursy  und  Henle  irrig  ge- 
deutet worden.  In  der  That,  man  würde  ihn  bei  dem  Menschen 
allein  betrachtet,  nicht  leicht  als  zum  Flexor  brevis  gehörig 
erkennen;  denn  er  ist  hier  ganz  in  die  Tiefe  gedrängt,  vom 
Abductor  obliquus  ganz  bedeckt,  von  demselben  oft  nicht 
einmal  vollkommen  getrennt,  und  überhaupt  wie  jedes  nur 
rudimentär  vorhandene  Gebilde  bei  verschiedenen  Individuen 
verschieden  entwickelt,  ja  fehlt  zuweilen  selbst  ganz.  Nur  seine 
Existenz  und  vollkommenere  Ent^vicldung  bei  gewissen  Affen  und 
seine  Degradation  zu  der  menschenähnlichen  Anordnung  bei  den 
Anthropoiden  haben  mich  zu  einer  Einsicht  über  ihn  geführt. 
Man  kann  dieses  Muskelbündel  entweder  von  der  Volar- 
oder  von  der  Dorsal-Seite  aus  darstellen.  Von  ersterer  aus  muss 
man  den  Adductor  obliquus  von  seinem  Ursprung  oder  Ansatz 
abschneiden  und  zurückschlagen,  aber  mit  Vorsicht,  damit  man 
jenes  Muskelbündel  nicht  mit  wegschneidet.  Und  darum  ist  es 
besser  von  der  Dorsalseite  auszugehen,  wo  man  den  Daumen- 
kopf des  Interosseus-externus  primus  hart  an  dem  Mittel- 
handknochen des  Daumens  abschneidet  und  zurückpräparirt. 
Dann  sieht  man  unsern  medialen  Kopf  des  Flexor  brevis 
als  ein  rundliches  Muskelbündel  an  dem  lateralen  Rande 
der  Abductor  obliquus  längs  des  Mittelhandknochen  des 
Daumens  herziehen.  Wenn  man  ihn  dann  sauber  prä- 
parirt  hat,  so  sieht  man,  dass  er  vom  Os  multangulum  minus, 
von  der  Basis  des  Mittelhandknochen  des  2.  auch  3.  Fingers 
und  von  dem  hier  die  Knochen  verbindenden  Bandapparate 
entspringt  und  sich,  bedeckt  von  dem  Adductor  obliquus,  an 
das  mediale  Sesambein  des  Daumens  ansetzt.  Wirklich  ver- 
läuft also  hier  die  Sehne  des  Flexor  pollicis  longus  zwischen 
den  Ansätzen  der  beiden  Köpfe  des  Flexor  brevis  an  den 
Sesambeinen ;  allein  man  sieht  das  nicht,  so  lange  nicht  der 
Adductor  obliquus  entfernt  ist,  der  auch  an  seinem  Ansatz 
an  das  mediale  Sosambein  den  medialen  Kopf  des  Flexor 
brevis  ganz  in  den  Hintergmnd  gedrängt  hat. 


Bischoff:    Ueber  die  kurzen  Muskeln  etc.  313 

Dass  dieser  mein  medialer  Kopf  des  Flexor  pollicis  brevis, 
Dursy's  Interosseus  pollicis  indicisque  und  Henle's  Interosseus 
internus  primus  ist ,  darüber  kann  kein  Zweifel  sein ,  nach 
d€n  von  diesen  gegebenen  Beschreibungen  und  Abbildungen, 
obgleich  die  von  Dursy  nicht  ganz  mit  meinen  Angaben  über- 
einstimmen. Namentlich  einen  zweiten  Kopf  des  Muskels, 
der  sich  nach  Dursy  an  den  Mittelhandknochen  des  Zeige- 
fingers ansetzen  soll ,  habe  ich  nie  gesehen ,  und  wie  es 
scheint  auch  Henle  nicht.  Es  kommen  hier  aber  rücksichtlich 
des  Ursprunges  der  Muskelfasern  meines  medialen  Kopfes 
des  Flexor  brevis  so  viele  individuelle  kleine  Verschieden- 
heiten vor,  dass  darauf  nicht  wohl  etwas  zu  geben  ist. 

Uebrigens  gestehe  ich,  dass  mir  auch  überhaupt  die 
Annahme  eines  vierten  Interosseus  internus,  den  wir  dann  mit 
Henle  als  den  ersten  bezeichnen  müssten,  nicht  viel  für  sich 
2u  haben  scheint.  Er  wäre  seiner  Function  nach  ein  Ad- 
ductor  für  den  Daumen,  als  solcher  aber  bei  der  Gegenwait 
zweier  anderer  Adductoren  desselben  (des  Adductor  obli- 
quus  und  trausversus)  ganz  überflüssig.  Am  meisten  aber 
spricht  gegen  diese  Deutung  die  Anordnung  der  Muskeln  bei 
den  Affen,  wo  dieser  Interosseus  internus  I  ganz  fehlen  würde, 
während  doch  bei  ihnen,  wie  ich  an  einem  anderen  Orte 
zeigen  werde,  gerade  der  Adductions  -  Apparat  der  Finger 
ganz  besonders  entwickelt  ist. 

4.  Adductor  pollicis  obliquus  und  transversus. 
Diese  beiden  Muskeln  finden  sich  an  dem  Daumen  des 
Menschen  in  vollkommenster  Entwicklung  und  beide  so  stark 
ausgebildet,  dass  sie  zusammenstossen,  und  ihre  Trennung 
von  einander  meist  schwierig  ist.  Dennoch  dient  die  Durch- 
trittsstt'lle  des  Ramus  profundus  der  A.  radialis  zui"  Bildung 
des  Arcus  volaris  profundus  immer  leicht  und  sicher  zur 
Auffindung  ihrer  Trennungsstelle.  Der  Adductor  obliquus 
befindet  sich  oberhalb  dieser  Durchtrittsstelle  und  entspringt 
vorzüglich  von  der  Basis  des  2.  und  3.  Mittelhandknochens. 


314         Sitzung  der  math.-phys.  Ülasse  vom  S.März  1870. 

Namentlich  der  Ursprung  von  ersterem  bildet  gewöhnlich 
ein  besonderes  starkes  Bündel.  Auch  vom  os  multanguluin 
minus  und  os  capitatum  und  den  diese  bedeckenden  Band- 
fasern können  zuweilen  noch  Muskelbündel  abgeleitet  werden. 
Die  Fasern  des  Muskels  laufen  längs  des  Ulnarrandes  des 
Mittelhandknochens  des  Daumens,  wo  sie  mit  dem  vorher 
beschriebenen,  schwachen  medialen  Kopfe  des  Flexor  brevis 
in  Verbindung  stehen,  gegen  das  mediale  Sesambein  des 
Daumens,  und  setzen  sich  an  dasselbe  fest.  Dieser  mein 
Adductor  obliquus  wird,  wie  ich  kaum  nochmals  zu  sagen 
brauche,  gewöhnlich  als  innerer  Kopf  des  Flexor  brevis  be- 
schrieben. 

Der  Adductor  transversus  ist  der  allezeit  und  überall 
gewöhnlich  einfach  als  Adductor  pollicis  beschriebene  Muskel, 
welcher  vom  Körper  und  Köpfchen  des  3.  Mittelhandknochen 
auch  wohl  noch  von  dem  Köpfchen  des  2.  und  4.  mit  ein- 
zelnen Bündeln  entspringt,  und  mit  convergierenden  quer- 
verlaufendeu  Fasern  gegen  das  mediale  Sesambein  des  Daumens 
verläuft,  und  sich  au  dasselbe  gemeinschaftlich  mit  dem  Ad- 
ductor obliquus  festsezt. 

Rücksichtlich  der  physiologischen  Function  dieser  Daumen- 
ballen-Muskeln stimme  ich  übrigens  Henle  vollkommen  darin 
bei,  dass  sich  in  Beziehung  auf  Adduction  und  Flexion  der 
ersten  Phalange  des  Daumens  keine  strenge  Scheidung  zwischen 
ihnen  ziehen  lässt. 

II.  Der  Fuss. 

Für  die  kurzen  Muskeln  der  grossen  Zehe  des  Fusses 
kann  ich  mich  kurz  fassen,  da  ich  in  Beziehung  auf  dieselben 
von  der  in  Deutschland  allgemein  angenommenen  Lehre  nicht 
abweiche.  Ich  lege  nur  desshalb  auf  ihr  Verhalten  Gewicht, 
weil  ebendadurch  auch  meine  Lehre  über  die  Daumenballen- 
Muskeln  unterstützt  wird,  indem  nach  ihr  Daumen  und  grosse 
Zehe  sich  wesentlich  gleich  verhalten. 


fi 


BiscJwff:    Ueber  die  kurzen  MmTzeln  etc.  315 

Ich  unterscheide  an  der  grossen  Zehe: 

1.  Den  Abductor  hallucis,  entspringend  vom  Fersen- 
bein ,  vom  Lig.  laciniatum  und  der  tuberositas  ossis  navicu- 
laris,  nicht  aber,  wie  Einige  lehren,  von  dem  Mittel- 
fuss-Knoclien  der  grossen  Zehe,  und  sich  ansetzend  mit  seiner 
auf  der  Aussenfläche  schon  früh  auftretenden  Sehne  an  den 
medialen  Rand  der  Basis  der  ersten  Phalange  und  an  das 
hier  befindliche  Sesambein. 

2.  Den  Flexor  brevis  hallucis  mit  zwei  Köpfen,  welche 
vereinigt  vorzüglich  von  der  unteren  Fläche  des  ersten  Keil- 
beins und  dem  Lig.  calcaneo  cuboideum  plantare  spitz  und 
sehnig  entspringen,  und  dann  mit  auseinander  tretenden  fleisch- 
igen Fasern  längs  der  unteren  Fläche  des  Mittolfussknochens 
der  grossen  Zehe  nach  vorne  treten.  Die  Fasern  des  medialen 
Kopfes  vereinigen  sich  dabei  nacheinander  mit  der  Sehne 
des  Abductor  hallucis  und  setzen  sich  vereinigt  mit  ihm  an 
das  mediale  Sesam bein  fest.  Die  Fasern  des  lateralen  Kopfes 
laufen  gesondert  bis  zur  Basis  der  ersten  Phalange  der 
grossen  Zehe  und  setzen  sich  vereinigt  mit  der  Sehne  des 
Ädductor  obHquus  an  das  laterale  Sesambein  fest. 

3.  Der  Ädductor  obliquus  wird  gewöhnhch  nur  ein- 
fach als  Ädductor  hallucis  beschrieben;  er  ist  ein  starker, 
von  der  Basis  des  2.  und  3.  Mittelfussknochens,  dem  Os 
cuneiforme  tertium ,  deuj  Os  cuboideum  und  dem  Lig.  cal- 
caneo cuboid.  plantare  entspringender  Muskel,  der  schräg  längs 
des  lateralen  Randes  des  Mittelfussknochens  der  grossen  Zehe 
herabläuft,  und  sich  mit  seiner  Sehne  an  das  laterale  Sesam - 
bein  festsetzt. 

4.  Der  Ädductor  transversus,  auch  transversalis  plan- 
tae,  ist  bei  dem  Menschen  nur  ein  schwacher  rudimentär 
vorhandener  Muskel,  denn  er  fehlt  zuweilen  ganz.  Er  ent- 
springt indessen  von  den  Ligamenta  capitulorum  plantaria 
und  den  Gelenkkapseln  der  3.,  4.,  zuweilen  selbst  5.  Zehe, 
und  stellt  einen  schwachen   dreieckigen  Muskel  dar,   dessen 


316  Sitzung  der  math.-phys.  Classe  vom  5.  März  1870. 

Sehne  sich  mit  der  des  Addiictor  obliquus  vereinigt,   an  das 
Jaterale  Sesambein  der  grossen  Zehe  ansezt. 

Das  Verhalten  der  beiden  Adductoren  der  grossen  Zehe 
beim  Menschen  gleicht  am  meisten  dem  bei  Cercopithecus, 
obgleich  bei  diesem  der  Transversus  verhältnissmässig  doch 
noch  stärker  ist. 


Beschreibung  der  Abbildung. 

Die  beiliegende  in  drei  Viertel  der  natürlichen  Grösse  nach  einer 
Photographie  gestochene  Abbildung  der  rechten  Hand  eines  Mannes, 
aus  welcher  die  langen  Beugemuskeln  herausgeschnitten  sind,  soll 
meine  Ansicht  über  die  kurzen  ßeugemuskeln  des  Daumens  erläutern. 

a  und  a'  bezeichnen  den  durchschnittenen  und  nach  beiden  Seiten 
zurückgeschlagenen  Abductor  poUicis  brevis. 

b.  Der  Opponens  pollicis. 

c.  Der  laterale  grössere  Kopf  des  Flexor  pollicis  brevis  mit 
seinen  beiden  vom  Ligamentum  carpi  volare  proprium  und  Liga- 
mentum carpi  volare  profundum  entspringenden,  und  sich  beide  an  das 
laterale  Sesambein  der  ersten  Phalange  des  Daumens  ansetzenden 
Portionen  c  und  c'.  Zwischen  ihm  und  dem  Opponens  pollicis  ist  eine 
Sonde  eingeschoben. 

d.  Der  kleine,  durch  den  Adductor  obliquus  in  die  Tiefe  ge- 
drängte, sich  an  das  mediale  Sesambein  ansetzende  Kopf  des  Flexor 
pollicis  brevis.  Er  ist  durch  einen  Faden  etwas  hervorgezogen.  Es 
iat  dieses  der  Interosseus  internus  primus  nach  Dursy  und  Henle. 

e.  Der  Adductor  pollicis  obliquus. 

f.  Der  Adductor  pollicis  transversus.  Zwischen  beiden  befindet 
sich  ein  Zwischenraum ,  durch  welchen  der  Ramus  profundus  der 
Arteria  radialis  zur  Bildung  des  Arcus  volaris  profundus  hindurchtritt. 


Halm:  Fragmente  aus  dem  Cod.  Fris.  des  Hyginus.        317 


Philosophisch -philologische  Classe. 

Sitzung  vom  5.  März  1670. 


Herr  Halm  spricht: 

„üeber  aufgefundene  Fragmente  aus  der  Frei- 
singer Handschrift  der  fabulaedes  Hyginus.'* 

Die  sogenannten  Fabeln  des  Hyginus  beruhen  bekannt- 
lich auf  einer  einzigen  längst  verschollenen  Freisinger  Hand- 
schrift, aus  der  sie  Jacob  Micyllus  zuerst  im  Jahre  1535 
(Basileae  apud  Joan.  Hervagium)  herausgegeben  hat.  Er 
bemerkt  über  diesen  Theil  seiner  Arbeit  in  der  epistola  nun- 
cupatoria  ad  Othonem  Truchses  a  Vualburg,  Spirensis  ec- 
clesiae  Canonicum :  Quantum  laboris  in  emendando  ac 
restituendo  illo  [Hygino]  obeundum  atque  adeo  exanclandum 
nobis  fuerit,  uel  hinc  coniecturam  facere  licet,  quoJ  primum 
ipse  Über  (qui  beneficio  excellentiss.  D.  Joannis  Vueyer 
Augustani,  Frisingensis  ecclesiae  Canonici,  ac  M.  Jo.  Chrumeri 
Canonici  apud  diuum  Andream  Frisingensem ,  Notarii  in- 
tegerrimi,  necnon  et  Viti  Chrumeri  ibidem  bonas  literas  non 
sine  laude  docentis,  nobis  comuiunicatus  est,  quibus  et  sua 
gratia  debetur,  quod  studia  promouere,  si  qua  datur  occasio, 
non  negligunt)  is  inquam  über,  extcrnis  ac  Longobar- 
dicis  notis  scriptus  erat,  in  qua  tarnen  re  nonnihil 
adiuuit  is,  qui  prior  illum  latine  describendum 
ceperat,  cuius  nos  exemplum  principio  ceu  filum  quoddam 
secuti  sumus.  Deinde  quod  ipsa  uerba  pleraque  inter  se 
ita  impedita  ac  perturbata  erant ,  ut  alia  nobis  diuidenda, 
alia  aliis  abolenda:  quorundam  principium  cum  fine  prae- 
cedentium ,  et  rursum  praecedentium  quorundam  finis  cum 
principio  sequentis  coniungendus  esset.  Ut  omittam ,  quam 
[1870.  I.  3.]  21 


318        Sitzung  der  philos.^Tiilöl.  Classe  vom  5.  März  1870. 

multa  uetustate  obliterata ,  expuncta  atque  corrosa  fuere, 
quorum  alia,  aestimationem  et  coniecturas  secuti 
restituimus,  alia,  ubi  certum  aliquod  quod  sequi  pos- 
semus  non  erat,  prorsus  intacta  reliquimus.  Omnino  autem 
nihil  de  quo  non  certo  uel  ex  Graecis  uel  ex  Latinis  poetis 
constaret,  immutatum  aut  loco  motum  est,  adeo  ut  in  quibus- 
dam  etiam  diuersam  lectionem  iuxta  alteram  atque  priorera 
adnotasse  satis  putarim. 

Je  häufiger  der  längst  vermisste  Codex  unicus  an  un- 
serer Bibliothek  gesucht  worden  ist,  desto  erfreulicher  muss 
es  erscheinen,  dass  in  jüngster  Zeit  einige  Bruchstücke  des- 
selben zu  Tage  gekommen  sind.  Wie  aus  öffentlichen  Blättern 
bekannt  geworden  ist,  so  war  Herr  Bauassisteut  Karl  Ziegler 
in  Regensburg  so  glücklich,  Bruchstücke  der  Handschrift  in 
dem  Einband  eines  Werkes  von  Albrecht  Dürer*)  zu  ent- 
decken. Das  grössere  Fragment  (s.  Fragm.II),  ein  zusam- 
menhängendes ,  aber  von  oben  und  unten  sehr  stark  be- 
schnittenes Doppelblatt,  diente  als  Rückendeckel  eines  ge- 
wöhnlichen Pappbands.  Da  dieser  auch  an  den  Ecken  mit 
Pergament  versehen  wurde,  haben  sich  noch  vier  weitere 
Streifen ,  von  denen  drei  (s.  Fragm.  HI)  glücklicher  Weise 
zusammengehören,  erhalten.  So  klein  der  Umfang  des  isoliert 
stehenden  Blättchens  (s.  Fragm.  I)  von  diesen  vier  Streifen 
ist,  so  dient  es  doch  dazu,  eine  Lücke,  die  durch  Nach- 
lässigkeit in  der  von  Micyllus  benützten  Abschrift  entstanden 
ist,  sicher  auszufüllen.  Dass  die  Bruchstücke  nicht  in  irischen 
oder  angelsächsischen  Charakteren  geschrieben  sind,  wie  man 
in  Regensburg  annahm,  lehrte  ein  erster  Bhck;  die  Schrift- 
züge sind,  der  Angabe  von  Micyllus  entsprechend,  rein  longo- 
bardische  und  gehören  nach  meiner  Annahme  in  das  neunte 
Jahrhundert.     Ich   lasse  nun   eine   genaue  Abschrift  der  er- 


*)  Vier  Bücher  von  menschlicher  Proportion,  Nürnberg  1528. 
Das  Exemplar  erwarb  H.  Ziegler  aus  der  Bibliothek  des  Privatiers 
Bertram,  die  am  30.  März  1864  in  Regensburg  versteigert  worden  ist. 


Halm:  Fragmente  aus  dem  Cod.  Fris.  des  Hygimis.        319 

haltenen  Bruchstücke   folgen  mit   vollständiger  Angabe  aller 
Abweichungen  der  editio  princei^s. 

Fragment    I. 

(XVn.  Amycus.) 

tas  prouocasset  ad  caestu 
[XVIII.  LYCJÜS. 
ntidis  argonautas 
d  amycü  interfecera 
5     um  apud  lycü  morant 
s  filius  ab  apro  percus 
moratur  yphis  forba 
tuni  filio  naue  argo 

(XX.  Stymphalides.) 
tis  cum  multitudini 
10     lypeos  et  hastas  sumpser  • 

XXI.    [Phrixi  fll]ii 

[cyjanias  cautes  quae  di 
nt  mare  quod  dicitur  euxi 


6.  In  der  ed.  princ.  fehlt  ***s  filius;  sie  hat  nur:  Jdmon  ab  apro 
percussus  interiit.  Es  ist icahrscheinlich zu  ergänzen:  Jdmon  [ApoUiniJs 
filius;  s.  Hyg.  fab.  14:  Jdmon,  Apollinis  et  Cyrenes  nymphae  filius 
(quidam  Abantis  dicunt)  Argivus,  und  fab.  248:  Jdmon  Apollinis  filius; 
vgl.  auch  Schol.ad  ApoU.  Ehod.  I,  139:  6  dk'Idfxwy,  w?  tatoosZ  <1>sqs- 
xv&rig,  iyivtxo  natg  'Aartqiug  rrjg  Kooojyov  xai  'AnoX^avog,  ov  xcd  Aao- 
S'Oijg  QiaTCJQ'  rov  cTi  KcVA)(ug.  uvaiosljuL  6k  ^'lö/ncoy  iv  MaQiav&vvia 
vno  xuTiQov.  Ott,  di  ^'Jßayrog  vlog  'Iduojy  (pr^ai  xcd  HooSwoog.  Dass  die 
Ergänzung  Apollinis  dem  Räume  nach  reicht,  zeigt  das  Verhältniss  der 
übrigen  Zeilen;  denn  zwischen  Z.  4  und  5  fehlen  nach  dem  Teoct  von 
Micyllus  37,  zwischen  Z.  6  und  7  36,  zwischen  Z.  7  u.  8  39  Buch- 
staben, hingegen  zwischen  Z.  5  und  6  nur  29.  Die  Zeile  3  als  erste 
Zeile  der  Fabel  kommt  nicht  in  Eechnung,  iceü  die  erste  Zeile  icegen 
der  sehr  breiten  Initialen  des  Codex  immer  kürzer  toar.  7.  morantur, 
Iphis  Phorbantis  cd.  princ.  10.  h  in  hastas  iind  p  in  sumpserunt 
über  der  Zeile.     12.  Cyaneas  ed.  princ. 

21* 


320        Sitzung  der  philos.-pTiHol.  Classe  vom  5.  März  1870. 

ad  insulam  dia  ibi  in 

es  phrisi  et  calciope  (calciopi?) 

sus  suos  exposuissen 

Fragment    II. 

(XXV.  Medea.) 

et  feretum  procreasset  summaque  concordia  uiuerent 
5  obi  \  ciebatur  ei  hominem  tarn  fortem  ac  formosum  *  * 
nobilem  |  uxorem  aduenam  atque  ueneficam  habere, 
huic  creon  |  menoeci  filius  rex  corinthius  filiam  suam 
minorem  glauce  dedit  |  uxorem  medea  cum  uidit  se 
erga  iasonem  bene  merentem  tanta  |  contumelia  esse 
10  affectam  coronam  ex  uenenis  fecit  auream  eamq;  | 
muneri  filios  suos  iussit  nouercae  dare  creüsa  munere 
ac  I  cepto  cum  iasoue  et  creonte  confraglauit  medea 
ubi  regiam  |  ardere  uidit  natos  suos  ex  iasone  marcerum 
et  feretum  inter  |  fecit  et  profugit  coriutho; 

15  XXVI.   Medea  exul. 

Medea   corintbo    exul   athenas    ad   aegeum    pandionis  | 
filium  deuenit  in  hospitium  eiq;  uupsit  ex  eo  uatus  est  | 

(XXVII.    Medus.) 
delatus  quem  satellites  comprehensum  ad  regem  persen 
perduxerunt.  |  medus  aegei  et  medeae  filius  ut  uidit  se 
20     in  inimici  potestatem    |    uenisse  yppoten  creontis  filium 


1.  Diam  ed.  prmc.  2.  Phrixi  et  Chalciopes  ed.  princ.  aber  Cal- 
ciopes  die  2.  Ausg.  von  Micylhis,  Basti.  1549. 

4.  (Mermerum)  et  Pheretem  3Iici/lliis  am  Rande  aus  Pausanias. 
5.  obiiciebatur  ed.  princ.  G.  vor  nobilem  zwei  Buchstaben  teegradiert, 
deren  ztceiter  ein  c  toar,  also  ac  nobilem  zti  schreiben.  10.  exuens 
ed.  princ.  Der  Codex  hat  exuenens  mit  zugefliclctem  i  vor  s.  11.  iussit 
filios  suos  ed.  princ.  12.  conflagrauit  ed.  princ.  18.  dolatus  ed. 
princ.  aus  Druckfehler,  der  in  der  Basler  Ausgabe  von  1549  berichtigt 
ist.  compraehensum  ed.  princ.  compreensum  der  Codex,  aber  h  tcahr- 
scheinlieh  überschrieben.      20.  Hippoten  ed.  princ.  U7id  so  immer. 

l 


I 


Eälm:  Fragmente  aus  devi  Cod.  Fris.  des  Hyginus.        321 

se  esse  mentitus  est  rex  diligentius  |  querit  et  in  cu- 
stodia euin  conici  iussit  ubi  sterilitas  et  penuria  frugum  ( 
dicitur  fuisse  quo  medea  in  curru  iunctis  draconibus 
cum  uenisset  regi  |  se  sacerdotem  dianae  ementita 
5  esset  dixit  sterilitateui  se  expiäre  |  posse  et  cum  a  rege 
audisset  yppoten  creontis  filium  in  custodia  haberi  | 
arbitrans  eum  patris  iniuriam  exequi  uenisse  ibiq ;  im- 
prudeus  filium  |  prodidit  naiu  regi  persuadet  eum  yp- 
poten non  esse  sed  medum  egei  filium  |  a  matre  mis- 
10  sum  ut  regem  interficeret  petitque  ab  eo  ut  interfici  | 
endus  sibi  traderetur  estimans  yppoten  esse  itaq ;  medus 
cum  j  productus  esset  ut  mendacium  morte  puniret  et 
illa  aliter  esse  |  uidit  quam  putauit  dixit  se  cum  eo 
colloqui  uelle  atq;  ensem 

(XXVIII.    Otos  et  Ephialtes.) 
15     atropos | 

obsistere.  apollo  inter  eos  ceruam  misit  quam  illi  furore 
incensi  dum  uolunt  |  iaculis  interficere  alius  alium  inter- 
fecerunt  qui  ad  inferos  dicuntur  |  hanc  peucä  pati  ad 
columnam  auersi  alter  ab  altero  serpentibus  sunt  deligati. 
20     est  styx  inter  |  columnam  sedens  ad  quam  sunt  deligati. 


1.  quaerit  ed.  princ.  et  über  der  Zeile,  in  custodiam  eum  con- 
iici  ed.  princ.  2.  ubi]  ma7i  sähe  lieber  tum  ibi.  4.  cum  über  der  Zeile 
uenisset,  ex  regi  ed.  princ.  statt  et  regi,  loelcher  Drucl-felüer  in  der 
Ausgabe  von  1549  berichtigt  ist.  Z.  4 — 10  stark  abgerieben,  so  dass 
sich  nicht  alle  Buchstaben  mehr  erkennen  lassen.  7.  ibiq;  deutlich, 
wofür  man  ibi  oder  den  Ausfall  eines  Satzes  vermuthet  hat.  9.  Aegei 
ed.  princ.  10.  ut  überschrieben,  ab  eo  fehlt  in  der  ed.  princ. 
11.  aestimans  ed.  princ.  loohl  richtiger  existimans.  12.  puniretur 
ed.  princ.  aber  puniret  scheiyit  richtig  im  Sinne:  um  seine  Lüge  mit 
dem  Tode  zu  büssen.  13.  uidit,  tcofür  man  uidisset  erwartet,  ganz 
deutlich.  Von  der  nächsten  Zeile,  die  bis  Persen  reicht,  sind  nur  noch 
einige  Buchstabenreste  vorhanden.  15.  Da  das  Blatt  schief  abge- 
schnitten ist,  hat  sich  nur  das  WoH  atropos  {statt  atrotos,  wie 
MicyUus  in  den  Addenda  hinter  dem  Index  richtig  verbessert  hat) 
von  der  Zeile  erhalten.  16.  resistere  ed.  princ.  18.  poenam  ed. 
princ.  19.  alter  ab  altero  über  der  Zeile  ergänzt.  20.  est  styx 
inter]  vgl.  Schwenck  Mus.  f  Philol.  (1858)  13,  477. 


322       Sitzung  der  phüos.'pMlol.  Classe  vom  5.  März  1870. 

XXVIII I.  Alcimena. 

Amphitrion   cum   abesset    ad    expugnandam   oechaliam 

alcimena   estimans    |    iouem  coniugem   suum    esse   eum 

thalamis   recepit   qui  cum  in  thalamos    |    uenisset  et  ei 

5     referret  quae  in  oecbalia  gessisset  ea  credens  |  coniugem 

qni  tarn  libsns  cum  ea  concubait 

esse  cum  eo  concubuit  ut  unum  diem  usurparet  duas 
noctes  con  |  geminaret  ita  ut  alcimena  tarn  longam 
noctem  ammiraretur,  |  postea  cum  nuntiaretur  ei  cou- 
10  iugem  uictorem  adesse  minime  curauit  |  quod  iam 
putabat  se  coniugem  suum  uidisse  qui  cum  amphitrion 
in  regiam  |  intrasset  et  eam  uideret  neglegentius 

(XXX.    Herculis  atbla  XII.) 

dormiente  |  transierat.  uestigia  eins  afflabat  et  malorum 
cruciatu   morie  I  batur   banc  minerua   monstrante  inter- 


1,  Alcumena  ed.  prine.  ebenso  Z.  3  und  8.  2,  Amphitryon  ed. 
princ.  Diese  und  die  zwei  nächsten  Zeilen  starJc  abgerieben,  aber 
durch  Anwendung  von  Beagentien  sind  fast  alle  unklaren  Buchstaben 
wieder  zum  Vorschein  gekommen,  expugnandum  ed.  princ,  vielleicht 
aus  Druckfehler,  den  zu  verbessern  man  nicht  gewagt  hat.  Die  End- 
ung da  im  Codex  ganz  sicher.  3.  aestimans  ed.  princ,  auch  hier 
wird  existimans  zu  verbessern  sein.  Ein  richtiges  existimans  findet 
sich  in  der  ed.  princ.  nur  an  zwei  Stellen  cap.  8  und  105;  an  allen 
übrigen  Stellen,  ivo  aestimans  im  Sinne  von  'glaubend"  stehen  soll 
(c  67,  88  dreimal,  104,  106,  136,  189,  190,  274)  ist  existimans  her- 
zustellen. 5.  gesisset  Druckfehler  der  ed.  princ  6.  qui  —  concubuit 
über  der  Zeile  ergänzt,  aber  von  erster  Hand,  loie  überhaupt  von 
Correcturen  aus  zweiter  Hand  keine  Spur  sich  vorfindet,  amgenommen 
die  zu  c  25  bemerkte  Rasur.  8.  congemminaret  ed.  princ  10.  iam 
fehlt  in  der  ed.  princ  11.  Dass  amphitrion  Glosse  ist,  hat  nuxn 
richtig  erkannt.  12.  intrasset  bis  negl.  nur  zur  Hälfte  erhalten. 
negligentius  ed.  princ.  Das  nächste  Wort  hiess  wahrscheinlich 
securam  st.  se  curantem.  13.  vor  dormiente  noch  einige  Buch- 
stabenreste; das  Zeichen  für  die  Endung  em  (dormientem)  wegge- 
schnitten. 


i 


Halm:  Fragmente  mts  dem  Cod.  Fris.  des  Hyginus.       323 

1  fecit  et  exinteräuit  |  et  eius  feile  sagittas  suas  tinxit 
itaque  quicquid  postea  sagittis  fixe  |  rat.  mortem  non 
efi'ugiebat  unde  postea  et  ipse  periit.  Aprum  in  phri  | 
gia  erimanthum  occidit.  Ceruum  ferocem  in  arcadia 
5  cum  cornibus  aureis  |  uiuum  in  conspectu  euristhei 
regis  adduxit.  Aues  stymphalides  j  in  insula  martis 
quae  emissis  pennis  suis  iaculabantur  sagittis  |  interfecit. 
Augei  regis  stercus  bobile  uno  die  purgauit  maiorem  | 
partem  ioue  adiutore  flumine  ammisso  totum  stercus 
10  abluit.  I  Taurum  cum  quo  pasiphe  concubuit  ex  creta 
insula  mycenis  uiuum  |  adduxit.  Diomedem  thraciae 
regem  et  equos  quattuor  eius  qui  carne  j  Lumana 
uescebantur  cum  abdero  famulo  interfecit.  equorum 
autem  nomi 

Fragment    III. 
(XXXV.  Jole.) 
15     interficere  uelle  coepit.  illa  auimo  pertinacior  *  *  *  pa- 
rentes  suos  |  [ajute  se  necari  est  perpessa.  quos  omnes 
cum  interfecisset  iolen  captiuam  ad  |  [dejianiram  prae- 
misit. 


1.  exenterauit  ed.  princ.  et  ex  eius  ed.  princ.  Vgl.  fab.  34: 
nie  moriens  cum  sciret  sagittas  hydrae  Lernaeae  feile  tinctas  etc, 
3.  in  Phrygia  ed.  princ.  Aprum  in  Arcadia  -  -  ceruum .  .  in  Cerynia 
cum  etc.  Muncker  4.  Erimachum  ed.  princ.  aus  falscher  Lesung, 
Erimanthium  margo  ed.  princ.  uelocem  (statt  ferocem)  ed.  princ. 
5.  in  conspectum  ed.  princ.  8.  Augiae  3IuncJ:er  bobile]  vgl.  Chari- 
sius  p.  104  ed.  Keil:  Bovile  vetat  dici  Varro  ad  Ciceronem  VIII  et 
ipse  semper  bubile  dicit,  sed  Cato  de  abrogandis  legibus  bovile  dixit. 
9.  immisso  Micyllus,  andere  flumine  Alpheo  inmisso.  10.  Pasiphae 
ed.  princ.  11.  Mycenas  ed.  princ.  regem  Thraciae  ed.  princ. 
12.  quatuor  ed.  princ.  14.  Von  der  nächsten  Zeile  sind  mir  einige 
Buchstabenenden  erhalten,  aber  deutlich  ist  noch  die  Schlusssylbe  des 
Namens  Lampen,  icofür  man  Lampos  vermuthet  hat. 

15.  Vor  parentes  leerer  Raum  von  3 — 4  Buchstaben,  aber  wahr- 
scheinlich eine  alte  Rasur  des  Codex. 


324        Sitzung  der  pMlos.-phüol.  Glosse  vom  5.  März  1870. 

XXXVI.   Deiaiiira. 

Deianira  oenei  filia  herculis  iixor  cum  uidit  iolen  uir- 
gine  cap[ti]  |  ua  eximiae  formae  esse  adduc^ä  z^erita 
est  ne  se  coniugio  priu[a]  |  ret.  itaque  memor  nessei 
5  praecepti  «teste  tincta  ceutauri  |  sanguine  herculi  qui 
ierret  nomine  licham  famulü  mmt  |  inde  paulü  quod 
in  terra  deciderat  et  id  sol  attigit  ar  |  dere  coepit  quod 
deianira  ut  uidit  aliter  esse  ac  nessus  dixerat  ** 

(XXXVII.  Aethra.) 

ut  tunc  eum  ad  se  mitteret  cum  posset  eum  lapidem 
10  alleuare  et  gladium  patris  [toi]  |  lere  ibi  fore  indicium 
cognitiouis  filii  itaq ;  postea  aethra  peperit  these[um]  | 
qui  ad  puberem  aetatem  cum  peruenisset  mater  prae- 
cepta  aegei  indicat  ei  Ia[pi]  |  demque  ostendit  ut  ensem 
tolleret  et  iubet  eum  athenas  ad  egeum  prof[icis]  |  ci 
15     eosque  qui  itineri  infestabantur  omnes  occidit. 


2 — 7.  Diese  Zeilen  viel  Tcürzer  als  die  folgende  wegen  des  sehr  breiten 
und  grossen  Initials  D.  4.  Nessi  ed.  princ.  Wir  ergänzten  nach  der  Ver- 
muthung  voi  Dan.  Heinsius  nessei;  denn  der  Buchstabe  nach  ness  war 
in  Iceinem  Falle  i,  das  in  der  Ion gobardischen  Schrift  hoch  über  die  Zeile 
hervorragt,  loovon  keine  Spur  zu  erkennen  ist.  Ob  das  nächste  Wort 
praecepti  oder  praeceptis  lautete,  ist  tcegen  eines  Bruchs  kaum  zu  er- 
kennen, aber  die  Lesung  praecepti  doch  wahrscheinlicher.  6.  Die 
Lesung   licham   toahrscheinl icher   als   lichan,   wie   die   ed.  princ.  hat. 

paululum  ed. princ,  loie  man  unzählige  Male  für  paulum  geschrieben 
hat.        7.   in    terram   ed.  princ.      et  id]    at   id   verbesserte   Muncker 

quod  cum  Deianira  uidit  die  ed.  princ,  wofür  man  uidisset  vci'- 
muthet  hat.  8.  ut  vor  uidit  ist  ganz  deutlich  und  der  letzte  Buch- 
stabe vor  deianira  wahrscheinlich  ein  d.  Dass  quod  cum  (cü)  da- 
gestanden habe,  lässt  auch  der  Batini  kaum  annehmen.  12.  Qui  cum 
ad  puberem  aetatem  perueuisset  ed.  princ  15.  eosque  omnes  qui 
die  ed.  princ,  welcher  schlimme  Verstoss  zu  unnöthigen  Vermuthungen 
Anlass  gegeben  hat.  itineri  infestabantur]  Fehler  statt  itinera  in- 
festabant. 


Halm:   Fragmente  aus  dem  Cod.  Fris.  des  Hyginus.        325 

XXXVm.  Thesei  labores. 

Corinetem  nq^tuni  filium  armis  occidit;  pithiocamte  qui 
[iter]  I  gradientes  cogebat  ut  secum  arborem  pinum  ad 
ter[ram]  |  flecterent  quam  qui  cum  eo  prenderat  ille 
5  eam  uirib;  [mis]  |  sara  faciebat  ita  ad  terram  grauiter 
elidebatur  et  peribat  hunc  in[ter] 

Wie  gering  auch  der  Umfang  der  mitgetheilten  Frag- 
mente ist,  so  lässt  sich  doch  aus  ihnen  darüber  ein  sicheres 
ürtheil  gewinnen ,  wie  sich  die  erste  Ausgabe  zum  Codex 
verhält,  aus  dem  sie  geflossen  ist.  Das  Ergebniss  ist 
für  die  Verlässigkeit  des  Textes,  auf  dem  allein  unsere 
Keuntniss  des  Hyginus  beruht ,  kein  günstiges.  Aus  den 
meisten  Fehlern ,  deren  Verbesserung  sich  aus  den  Bruch- 
stücken ergibt ,  geht  hervor ,  dass  die  Abschrift ,  deren  sich 
Micyllus  bedient  hat,  und  ihr,  wie  er  selbst  sagt,  'ceu  filum 
quoddam  secutus  est'  eine  sehr  flüchtige  und  nachlässige 
gewesen  ist.  An  drei  Stellen  (cap.  25,  30  und  37)  erscheint 
ohne  Noth  die  Wortstellung  geändert,  an  eben  so  vielen 
sind  Worte  ausgefallen  cap.  17  [Apollinijs  filius  als  Ap- 
positum  zum  Namen  Idmon,  cap.  27  ab  eo  nach  petit- 
que,  cap.  29  iam  vor  putabat.  Auch  fast  alle  Abweich- 
ungen der  editio  princeps  iu  einzelnen  Lesarten  wird  mau 
auf  Rechnung  lüderhcher  Abschrift  zu  schreiben  haben,  so 
resistere  cap.  28  für  obsistere,  cap.  29  ad  expugnau- 
dum  Oechaliam  statt  ad  expugnandam,  wenn  hier 
nicht  ein  Druckfehler  vorliegt,  cap.  30  ceruuni  uelocem 
statt  ceruum  ferocem,  cap.  36  Nessi  praecepti  statt 
nessei  praecepti,  ibid.  paululum  statt  paulum,  endlich 
den  sehr  schlimmen  Fehler  cap.  36  cum  Deianira  uidit 
statt  Deianira  ut  uidit.  Ob  in  diese  Kategorie  auch  der 
Fehler  cap.  30  et  ex  eins  (hydrae  Lernaeae)  feile  sagit- 


2.  Pithyo campten  ed.  pmic.  6.  Im  Codex  scheint  periebat  zu 
stehen.  Die  untere  Hälfte  der  Buchstaben  ist  in  dieser  Zeile  abge- 
schnitten; sonst  ist  diese  Seite  des  Fragments  sehr  gut  erhalten. 


326       Sitzung  der  philos.-phüol  Classe  vom  5.  März  1870. 

tas  tinxit  gehört  (statt  et  eius  feile)  oder  ex  ein  Zusatz 
aus  falscher  Conjectur  ist,  lässt  sich  nicht  mehr  bestimmen, 
eben  so  wenig,  ob  das  doppelte  omnes  (cap.  37  a.  E.)  vor 
und  nach  dem  Relativsatze  erst  im  Druck  hereingekommen 
ist  oder  schon  in  der  benützten  Abschrift  vorlag.  Auf  nach- 
lässiger Lesung  beruhen  auch  die  fatalen  Varianten  cap.  25 
exuens  für  ex  uenenis,  wo  der  Schreiber  exuenens 
ursprünglich  schrieb  und  erst  nachher  das  übersehene  i  ein- 
flickte, und  cap.  30  aprum  .  .  erimachum  statt  aprum 
.  .  erimanthum  (i.  e.  erymanthium);  denn  wenn  es  auch 
sehr  nahe  lag,  ein  th  mit  einem  ch  in  der  longobardischen 
Schrift  zu  verwechseln,  so  konnte  doch  ein  solcher  Verstoss 
nicht  entstehn ,  wenn  nicht  das  ganz  deutliche  n  (nach  der 
Sylbe  ma)  übersehen  ward.  Noch  am  verzeihlichsten  ist, 
dass  der  Abschreiber  cap.  25  in  den  V^orten  hominem  tarn 
fortem  ac  formosum  nobilem  die  Rasur  vor  nobilem 
nicht  beachtet  hat;  ein  Leser  hatte  sich  nobilem  als  Sub- 
stantiv und  als  Gegensatz  von  hominem  gedacht  und  so 
die  unentbehrliche  Copula  vor  nobilem  wegradiert.  —  Da 
Micyllus  in  seiner  Vorrede  selbst  erklärt,  dass  er  manche 
verderbte  Stellen  'aestimationem  et  coniecturas  secutus"  ge- 
ändert habe,  so  fragt  sich  noch,  ob  sich  aus  den  Frag- 
menten ein  sicheres  Urtheil  über  sein  kritisches  Verfahren 
gewinnen  lässt.  In  dieser  Beziehung  liefern  sie  keine  ganz 
verlässigen  Anhaltspunkte;  nur  im  Allgemeinen  lässt  sich 
vermuthen,  dass  Micyllus  stärkere  Veränderungen  wohl  nur 
selten  vorgenommen  hat ,  ohne  dass  er  am  Rande  seiner 
Ausgabe  eine  Notiz  mittheilte.  An  zwei  Stellen  cap.  27  und  29 
ist  ein  überliefertes  estimans  wahrscheinHch  unrichtig  in 
aestimans  statt  in  existimans  abgeändert;  eben  so  wird 
die  Abänderung  cap.  27  ut  mendacium  morte  puuiretur 
(statt  puuiret),  bei  der  es  wohl  mendacium  eius  heissen 
musste,  als  eine  verfehlte  zu  bezeichnen  sein. 


I 


Hang:  Das  Ärddi  Virdf  ndmeh.  327 


Herr  Haug  trägt  vor: 

„üeber  das  Ardäi  Vträfnämeh  ^)  (die  Visionen 
des  alten  Pärsenpriesters  Ardäi  Wiräf)  und 
seinen  angeblichen  Zusammenhang  mit  dem 
christlichen  Apocryphon  Mie  Himmelfahrt 
des  Jesaja'  betitelt." 

Eines  der  merkwürdigsten  Bücher  der  pärsischen  Literatur 
ist  unstreitig  das  sogenannte  Ardäi  Viräf  ndmeh.  Es  enthält 
eine  Reihe  von  Visionen,  die  sich  auf  die  andere  Welt,  auf 
Himmel  und  Hölle  beziehen,  ist  ursprünglich  in  der  Pehlewi- 
sprache  abgefasst,  und  wurde  dreimal  persisch,  (zweimal  in 
Prosa  von  Nuschirwän  Kirmäni,  und  Zertoscht  Behram, 
und  in  Versen  von  dem  letztgenannten)  bearbeitet ,  und  in 
das  Sanskrit  und  Guzeräti  übersetzt.  Mit  Zugrundelegung 
der  persischen  und  Guzeräti-Bearbeitungen  gab  J.  A.  Pope 
im  Jahr  1816  das  Werk  englisch  heraus^).  Obschon  der 
Originaltext  mehrfach  in  Kopenhagen  und  auch  in  Paris  vor- 
handen ist,  so  hat  bis  jetzt  Niemand  in  Europa  denselben 
untersucht,  und  mit  Pope's  üebersetzung  verglichen.  Diess 
ist  um  so  auffallender,  als  man  sich  dessenungeachtet  nur 
auf  Pope's  üebersetzung  gestützt,   nicht  gescheut  hat,  ganz 


1)  Bezüglich  der  richtigen  Aussprache  der  persischen  und  anderer 
fremden  Namen  und  Wörter  ist  zu  bemerken,  dass  bei  den  cursiv 
gedruckten  die  Consonanten  nach  englischer  Weise  auszusprechen  sind, 
während  die  nicht  cursiv  gedruckten  gerade  so  zu  lesen  sind,  wie 
im  Deutschen. 

2)  The  Ardai  Viraf  nameh,  or  the  Bcvelations  of  Ärdai  Viraf 
Translated  from  the  Persian  and  Guzeratee  versions.  With  notes  and 
illustrations.   By  J.  A.  Pope.   London  1816. 


328        Sitzung  der  philos.-phüol.  Classe  V07n  5.  März  1870. 

bestimmt  formulirto  Ansichten  ülier  die  Herkunft  des  Buches 
aus  einer  christh'cheu  Quelle ,  der  sogenanteu  'Himmelfahrt 
des  Jesaja",  in  einer  solchen  apodictischen  Weise  auszu- 
sprechen, als  ob  die  Sache  längst  mit  vollkommener  Sicher- 
heit feststünde  ^).  Da  dieser  Umstand  für  einen  der  Haupt- 
beweise von  der  angebUchen  directeu  Entlehnung  persischer 
Anschauungen  aus  jüdischen  und  christlichen  Quellen  gilt, 
so  hielt  ich  es  für  der  Mühe  werth,  diesen  speziellen  Fall 
etwas  eingehender  zu  untersuchen,  und  auf  seinen  wahren 
Werth  zurückzuführen. 

Die  nächste  Frage  ist,  wie  verhält  sich  Pope's  englische 
Uebersetzung  zum  Original?  Zur  Beantwortung  derselben 
stehen  mir  nicht  nur  zwei  Handschriften  des  Originaltextes 
meiner  eigenen  Bibliothek,  wovon  die  eine  aus  dem  Ende 
des  14.  Jahrhunderts  stammt,  sondern  auch  ein  von  einem 
der  gelehrtesten  Pärsenpriester  in  Indien,  Deslur  Hoschengdschi 
Dschamaspdschi  kritisch  bearbeiteter  Text,  nebst  Umschreib- 
ung in  lateinische  Buchstaben  und  einem  Glossar  *) ,  sowie 
die  Päzend-  und  Sanskritversionen  zu  Gebote. 

Vergleicht  man  nun  den  Originaltext  mit  der  Pope'schen 
Uebersetzung,  so  finden  sich  so  erhebliche  Abweichungen, 
dass  mau  annehmen  muss,  Pope  habe  eine  ganz  verschiedene, 
und  jedenfalls  jüngere  Redaction  des  Ardäi  Viräf  vor  sich 
gehabt,  als  alle  Pehlewihandschriften  des  Werks ,  sowie  die 
daran  eng  sich  anschliessenden  Päzend-  und  Sanskritversionen 


3)  Spiegel,  die  traditionelle  Literatur  der  Parsen  pag.  120; 
Uebersetzung  des  Avesta  pag.  21,  281  ff. 

4)  Dieser  wurde  mir  kürzlich  von  dem  Direktor  des  öffentlichen 
Unterrichts  der  Präsidentschaft  Bombay  handschriftlich  zugeschickt, 
mit  dem  Ersuchen  ihn  zu  revidiren,  und  mit  erklärenden  Zusätzen  für 
die  Regierung  von  Bombay  in  Europa  drucken  zu  lassen,  in  derselben 
Weise,  wie  ich  die  ebenfalls  von  Destur  Hoschengdschi  bearbeiteten 
Zand-Pahlavi  und  Pahlavi-Pazand  Glossare  veröffentlicht  habe. 


Eaug :  Das  Ärdäi  Viräf  nämeh.  329 

zeigen,  so  dass  sein  Werk  gar  nicht  für  eine  Wiedergabe 
des  Originals  gelten  kann.  Da  gerade  diese  bedeutenden  Ab- 
weichungen der  Pope'schen  Uebersetzung  vom  Pehlewiorigiual 
von  entscheidender  Bedeutung  für  die  Frage  von  dem  Ver- 
hältnisse des  Ardäi  Viräf  zu  der  'Himmelfahrt  des  Jesaja' 
sind,  so  will  ich  seinen  Inhalt  mit  besonderer  Beziehung 
darauf  kurz  berühren,  und  nachher  den  Inhalt  des  Originals 
angeben,  damit  jeder  in  den  Stand  gesetzt  wird,  diese  Frage 
selbst  zu  j)rüfen. 

Nach  der  Pope'schen  Uebersetzung  berief  Ardeschir 
Bäbegän  ein  Concil  von  40,000  Priestern ,  um  die  zoro- 
astrische  Religion  wieder  in  ihrer  Reinheit  herzustellen ,  da 
durch  Alexander  die  Beweise  für  dieselbe  (d.  h.  die  heiligen 
Schriften)  vernichtet  worden  seien.  Er  befahl,  dass  aus  der 
Mitte  der  Priester  passende  Personen  gewählt  würden,  um 
die  Gesetze  des  Zoroaster  zu  sammeln  und  zu  vergleichen, 
d.  h.  sie  authentisch  wieder  herzustellen ,  damit  den  vielen 
Ketzereien  ein  Ende  gemacht  würde.  Aus  den  40,000  wurden 
nun  4,000,  und  aus  diesen  400  ausgewählt,  die  alle  des 
Zendawesta  kundig  waren.  Man  schritt  zu  einer  noch  engern 
Wahl.  Aus  den  400  wurden  die  vierzig  geschicktesten  aus- 
gewählt; diese  Zahl  wurde  sodann  auf  sieben  reducirt,  die 
frei  von  allen  wissentlichen  Sünden  waren.  Diese  wurden 
nun  vor  den  König  geführt,  der  ihnen  den  Wunsch  zu  er- 
kennen gab,  sie  möchten  vermöge  ihrer  Heiligkeit  durch  ein 
Wunder  ihn  und  alle  Einwohner  des  Reichs  von  der  Wahr- 
heit und  Heiligkeit  der  zoroastrischen  Religion  überzeugen. 
Die  sieben  willigten  ein ;  sie  bezeichneten  einen  aus  ihrer 
Mitte,  Ardäi  Wiräf  mit  Namen,  der  bereit  sei  den  König 
von  der  Wahrheit  der  zoroastrischen  Religion  durch  ein 
Mirakel  zu  überzeugen;  er  sei  der  beste,  und  ausgezeichnetste 
von  ihnen  allen,  und  werde  zu  Gott  auffliegen  und  die  Be- 
weise von  der  Wahrheit  der  zoroastrischen  Religion  mit- 
bringen.    Der   König   begleitete   nun    diese   heiligen  Männer 


330        Sitzung  der  phüos.-phüol.  Classe  vom  5.  März  1870. 

und  die  vierzig  tausend  zum  Tempel  des  Feuers.  Sie  bete- 
ten. Wiräf  vollzog  die  Waschungen  und  Gebete,  beräucheite 
sich  und  zog  ein  weisses  Gewand  an.  Nun  kamen  seine 
Schwestern  weinend  und  jammernd.  Die  Desturs  trösteten 
sie.  Nach  Beendigung  der  Gebete  liess  sich  Wiräf  auf 
einen  Sitz  nieder,  der  für  ihn  bereitet  war.  Man  brachte 
geweihten  Wein  in  einem  goldenen  Becher  und  ersuchte  ihn, 
drei  Portionen  nacheinander  zu  trinken.  Nach  sieben  Tagen 
erwachte  er.  Jetzt  wurde  ein  Schreiber  gerufen,  der  alles 
niederschrieb,  was  Wiräf  gesehen  hatte. 

Nun  werden  die  verschiedenen  Visionen  auf  seiner  Reise 
durch  Himmel  und  Hölle  beschrieben.  Da  diese  vielfach  mit 
den  im  Originaltext  beschriebenen  stimmen,  so  will  ich  sie 
in  der  Pope'schen  Fassung  nur  summarisch  berühren,  nament- 
lich die  abweichenden  Punkte  hervorheben.  Wiräf  erzählte, 
der  Engel  Serosch  sei  ihm  begegnet  und  habe  ihn  gefragt: 
warum  er  in  die  himmlischen  Regionen  vor  seiner  Zeit  ge- 
kommen sei?  Er  antwortete,  dass  er  von  dem  König,  den 
Priestern  und  Zoroastriern  geschickt  worden  sei ,  um  den 
Ketzereien  ein  Ende  zu  machen.  Serosch  ergriff  nun  seinen 
Arm  und  sagte  ihm ,  dass ,  wenn  sein  Herz  rein  und  sein 
Glaube  wahr  sei,  er  die  Haltung  eines  Aufsteigenden  an- 
nehmen solle.  Er  erhob  sodann  seinen  Fuss.  als  ob  er  eine 
Leiter  hinaufstiege.  Nun  sagte  Serosch,  wenn  deine  Zunge 
frei  von  Betrug  ist,  so  erhebe  den  andern  Fuss;  er  that 
also.  Nun  sagte  Serosch:  wenn  du  gute  Werke  glaubst,  so 
nehme  den  dritten  Schritt.  Nach  diesem  befand  er  sich 
dicht  an  der  Tschinwat-Brücke,  die  den  Himmel  von  der  Hölle 
scheidet.  Nun  folgt  die  Beschreibung  des  Schicksals  der 
Seelen  der  Guten  in  den  ersten  drei  Tagen  nach  dem  Tode, 
ehe  sie  über  die  Brücke  in  den  Himmel  gehen ,  was  nach 
parsischer  Anschauung  erst  am  Morgen  des  vierten  Tages 
der  Fall  ist.     Nun  wird  des  schönen  Mädchens  gedacht,   in 


Hang:  Das  Ardäi  Vträf  ndmeh.  331 

das  die  guten  Werke  des  Frommen  sich  verwandeln ,  und 
das  der  Seele  entgegengeht,  um  sie  zu  empfangen^''). 

Endlich  langte  Wiräf  von  Serosch  geleitet  oben  an  der 
Brücke  an.  Hier  hörte  er  eine  ausserordentlich  starke  Stimme, 
die  von  einem  Hunde  kaio,  dem  Zering-gosh  d.  i.  Goldohr, 
der  mit  einem  Halsband  und  einer  Kette  von  Gold  bei  der 
Hchten  Seite  der  Brücke  angebunden  war.  Wiräf  fürchtete 
sich,  wurde  aber  von  Serosch  beruhigt.  Auf  Befragen  wurde 
ihm  von  Serosch  und  anderen  Engeln,  die  sich  ihm  gezeigt, 
der  Bescheid,  dass  dieser  Hund  diesen  Lärm  mache,  um 
Ahriman  von  der  Brücke  fern  zu  halten.  Als  er  die  Brücke 
überschritten  hatte,  sah  er  den  Thron  des  Mithra  und  den 
Raschnu  räzischta,  den  Richter  mit  der  goldenen  Wage, 
umgeben  von  tünftausend  Engeln.  Nun  sah  er  ein  grosses 
Licht,  und  darin  alle  frommen  Mitglieder  seiner  Familie,  die 
ihn  begrüästen.  Der  Engel  Bahman  führte  ihn  dann  vor  den 
Thron  Gottes,  der  von  Myriaden  von  Engeln  umgeben  war 
und  ganz  von  Licht  strahlte.  Wiräf  verbeugte  sich  vor  dem 
Thron  Gottes  und  wurde  dann  wieder  zur  Brücke  Tschinwat 
zurückgeführt. 

Jetzt  trat  er  eigenthch  erst  seine  Wanderung  durch  den 
Himmel  an.  Zuerst  kam  er  in  Hamistan  behescht,  den 
ersten  Himmel,  dann  in  das  Sitar  payah  -  behescht 
(Sternenparadius),  den  zweiten  Himmel,  von  da  in  das  Mah- 
pajah-behescht  (Mondparadies),  den  dritten  Himmel,  dann 
in  das  Khurschid-paj  ah-behescht  (Sonnenparadies),  den 
vierten  Himmel.  Nun  kam  er  zu  einem  ganz  von  Lichtglanz 
umflossenen  Orte,  zu  der  Residenz  des  Ormuzd  ;  er  vernalim 


5)  Diese  Vorstellung  findet  sich  schon  in  dem  Zendawesta  selbst, 
in  dem  von  Westerg&ard  herausgegebenen  Yasht-Fragment  (S.  296  £f- 
seiner  Ausgabe  des  Zendawesta)  das  nach  der  Ansicht  der  modernen 
Parsen  dem  Hadokht-Nosk  entstammen  soll:  darnach  im  Mino- 
kliirad,  und  in  dem  Original  des  Ardäi  Wiräf. 


332        Sitzung  der  phüos.-phüol.  Classe  vom  5.  März  1870. 

eine  Stimme  mitten  aus  dem  Licht,  die  dem  Seroscli  befahl, 
ihm  (dem  Wiräf)  die  Geheimnisse  von  Himmel  und  Hölle 
zu  zeigen.  Bis  jetzt  hatte  Wiräf  nur  die  Brücke  Tschinwat 
und  die  Vorhimmel  gesehen.  Nun  erhält  er  erst  die  Er- 
laubniss  das  eigentliche  Paradies  und  dann  auch  die  Hölle 
zu  besuchen.  Ehe  er  weiter  gehen  konnte,  gab  ihm  Serosch 
ein  Küchelchen  ^)  zu  essen,  worauf  er  alles  vergass,  was  auf 
die  irdische  Welt  sich  bezog.  Nun  ging  Wiräf  mit  Serosch 
einige  Schritte  zurück,  und  sah  ebenfalls  mitten  im  Licht 
den  Amschaschpand  Ardibehescht.  Dieser  erinnerte 
ilm  daran,  dass  er  mit  nassem  Holze  das  heilige  Feuer 
unterhalten  habe  (was  verboten  ist).  Als  Wiräf  diese  Be- 
schuldigung nicht  zugab,  zeigte  ihm  der  Engel  einen  ganzen 
Bach,  der  aus  dem  vom  nassen  Holz  abträufelnden  Wasser 
gebildet  war.  Jetzt  betrat  er  mit  Serosch  Gorotman, 
(garo-demäna  im  Awesta^  den  fünften  Himmel,  der  aussah, 
als  ob  er  aus  lauter  Diamanten  und  Rubinen  bestünde,  und 
dessen  Lichtglanz  dem  des  Blitzes  ähnlich  war.  Serosch 
sagte  ihm ,  diess  sei  der  Ort  für  die  wahrhaft  Gläubigen. 
Hier  wurde  er  nicht  nur  von  Serosch ,  sondern  auch  von 
Ardibehescht  begleitet.  Sie  gingen  weiter  bis  sie  in  Asar 
roschni,  dem  sechsten  Himmel,  anlangten. 

Nun  erst  beginnt  die  Beschreibung  der  Belohnungen  für 
besondere  Verdienste  und  Klassen.  Zuerst  kommen  die  Frei- 
gebigen ,  die  alle  in  Gold  und  Silber  gekleidet  sind ;  dann 
folgen  die  Seelen  derer,  die  das  heilige  Feuer  und  das  Wasser 
rein  gehalten ;  sie  sind  in  Gewänder  von  verschiedenen  Farben 
gekleidet ,  die  wie  Licht  aussehen ,  und  sitzen  auf  Thronen. 
Dann  kommen  die  Seelen  der  guten  Fürsten  und  Gesetzgeber, 
die  in  neue  ganz  weisse  mit  Perlen  und  Juwelen  geschmückte 


6)  Dieses  heisst  nach  Note  23  pag.  108.     Medio  jurrnm ,  d.  i. 
maidyö-zaremaya ;  s.  darüber  mehr  weiter  unten. 


i 


Hang:  Das  Aräai  Viräf  nämek.  333 

Gewänder  gekleidet  sind  und  auf  den  Gefilden  des  Aethers 
sich  hin  und  her  bewegen.  Nun  folgen  nach  einander  die 
Seelen  der  frommen  Priester,  die  auf  Thronen  sassen,  welche 
von  Engeln  umgeben  waren ;  die  der  glaubenseifrigen  Frauen 
mit  goldenen  Kronen  auf  dem  Haupt  und  in  die  kostbarsten 
mit  Perlen  und  Edelsteinen  geschmückten  Gewänder  gekleidet; 
die  der  frommen  Krieger,  und  derer,  die  schädliche  Thiere 
vernichteten ,  die  der  Ackerbauer  und  Viehzüchter ;  alle  er- 
freuen sich  einer  ewigen  Glückseligkeit,  wandeln  theils  in 
prachtvollen  von  Bächen  bewässerten  und  von  Singvögeln 
und  ]\Iusikanten  wiederhallenden  Gärten,  theils  sitzen  sie  auf 
goldenen  Thronen,  oder  haben  Kronen  auf  dem  Haupt,  theils 
unter  hohen  schattigen  Bäumen  und  sind  von  den  schönsten 
Frauen  bedient. 

Endlich  gelangte  Wiräf  von  Serosch  begleitet,  mit  drei 
Schritten  nach  Anaghra  roschan  (anagJira  raocMo)  im 
Awesta),  dem  siebenten  Himmel.  Hier  fand  er  sich  in  der 
Mitte  eines  Gartens,  mit  goldenen  Thoren,  dessen  Blumenflor 
seine  Augen  ganz  bezauberte,  und  der  voll  der  köstlichsten 
Früchte  war  u.  s.  w.  Sie  kamen  dann  zu  einem  mit  Edel- 
steinen geschmückten  Gebäude,  in  dem  der  Prophet  Zoro- 
aster  auf  einem  goldenen  Throne  sass,  der  von  Stühlen  um- 
geben war.  Rings  um  ihn  her  waren  seine  drei  Söhne. 
Wiräf  sah  dort  auch  die  Seele  des  Dschemschid,  des  Kai 
Kobad  u,  s.  w.  Wiräf  wünschte  hier  zu  bleiben,  aber  es 
wurde  ihm  nicht  gestattet;  er  müsse  wieder  zum  Könige 
zurückkehren.  Nun  wurde  eine  unsichtbare  Stimme  hörbar, 
die  befahl,  Wiräf  in  die  Hölle  zu  führen  und  ihm  die  Strafen 
der  Verdammten  zu  zeigen. 

Nun  folgt  ein  längeres  Gespräch  zwischen  Wiräf  und 
seinen  Begleitern  über  den  Zehrpfennig  für  die  Reise  in  die 
andere  Welt,  Glaube,  Hoffnung  und  gute  Werke,  über 
die  Vergänglichkeit  dieser  Welt,  an  die  man  sein  Herz  nicht 
hängen  solle,  über  Gott  als  den  einzigen  Freund,  den  man 
[1870,  I.  3.]  22 


334        Sitzung  der  philos.-pMdl.  Classe  vom  5.  März  1870. 

habe,  dass  Zufriedenheit  die  glücklichste  Lage  der  Menschen 
sei  u.  s.  w.  Auf  dieses  Gespräch,  während  dessen  sie  immer 
noch  im  Himmel  geweilt  zu  haben  scheinen,  kommt  noch 
nachträglich  die  Beschreibung  von  weitern  zwei  Classen  ewig 
glückhcher  Seelen ,  nämlich  die  der  Regenten ,  welche  stets 
ihre  Pflicht  erfüllt ,  und  derer ,  welche  der  Armen  und  Be- 
drängten, der  Wittwen  und  Waisen  sich  angenommen  hatten. 

Jetzt  soll  er  die  Hölle  sehen.  Obschon  sich  auch  hier 
ganz  beträchtliche  Abweichungen  vom  Original  finden ,  so 
will  ich  doch  hier  nicht  näher  darauf  eingehen,  da  in  der 
'Himmelfahrt  des  Jesaja'  mit  der  das  Ardäi  Wiräf  ver- 
glichen worden  ist,  sich  gar  keine  Beschreibung  der  Hölle 
und  der  Bestrafung  der  Verdammten  findet.  Ich  will  nur 
einige  Bemerkungen  machen.  Zuerst  kommt  er  an  den 
Thränenfluss ;  hier  sieht  er  die  Seele  eines  bösen  Mannes, 
dem  seine  Werke  in  Gestalt  eines  hässlichen  dämonischen 
Weibes  erscheinen.  Dann  werden  ihm  die  verschiedenen 
Höllenstrafen  gezeigt.  Nach  seiner  Wanderung  durch  die 
Hölle  kehrt  er  zum  Gorotman  (dem  fünften  Himmel)  zu- 
rück, und  erhält  die  Erlaubniss  zur  Erde  zurückzukehren. 
Er  empfängt  von  Ormazd  den  Befehl  alles  was  er  gesehen, 
in  der  Welt  zu  verkünden.  Nun  steigt  er  von  den  höhern 
Himmeln  in  die  niederen  herab ,  trifft  überall  viele  Geister, 
die  ihn  ersuchen,  ihren  Familien  zu  sagen,  dass  sie  im  Weg 
der  Wahrheit  wandeln  sollen.  Die  ihn  begleitenden  Engel 
nehmen  nun  Abschied  von  ihm,  und  er  erwacht. 

Zum  Schlüsse  heisst  es  weiter  in  der  Pope'schen  Ueber- 
setzung,  dass  der  König  befohlen  hatte,  diese  Offenbarungen 
des  Wiräf  in  dem  ganzen  Reiche  bekannt  zu  machen ;  die 
Priester  sollten  überall  herumgehen  und  die  wahren  Glaubens- 
lehren einschärfen.  Die  Häresien  hätten  dann  aufgehört. 
Aber  nach  Ardeschir's  Tode  hätten  mehr  als  40,000  Zoro- 
astrier  an  die  Offenbarung  des  Wiräf  zu  glauben  sich  ge- 
weigert.    Dann  sei  Adarbat  Mahraspand   zu  Schapur  (dem 


Hang :  Das  Ardäi   Viräf  nämeh.  335 

Sohne  Ardeschir's)  gekommen  und  hätte  sich  bereit  erklärt, 
die  Wahrheit  jener  Offenbarungen  durch  ein  Wunder  zu  be- 
weisen. Er  hätte  sich  nämlich  in  einen  Kessel  voll  siedenden 
Zinns  gestürzt  und  sei  unverletzt  davon  gekommen.  Dann 
sei  die  zoroastrische  Religion  wieder  fest  gegründet  ge- 
wesen. Das  Buch  schliesst  mit  der  Flucht  der  Pärsis  nach 
Indien. 

Nachdem  ich  nun  den  Inhalt  der  Pope'schen  Ueber- 
setzung,  soweit  er  für  die  vorstehende  Untersuchung  von 
Bedeutung  sein  kann,  in  Kürze  dargelegt  habe,  will  ich  nun 
zur  Darlegung  des  Inhalts  des  Pehlewi-Originals,  wie  es  mir 
vorliegt,  schreiten.  Es  beginnt  ebenfalls  mit  einer  längeren, 
aber  vielfach  abweichenden  Einleitung ,  die  indessen  viel 
Interesse  bietet.  Die  zwei  ersten  Seiten  meiner  Handschrift 
habe  ich  schon  früher  im  Original  mit  einer  englischen 
Uebersetzung  veröffentlicht  ^).  Es  heisst  dort ,  dass  die 
zoroastrische  Pieligion  während  der  ersten  drei  Jahrhunderte 
ihres  Bestehens  rein  und  ohne  Sectenwesen  war,  dass  nach  Ver- 
fluss  dieser  Periode  Ahriman ,  der  Böse ,  den  'ruchlosen' 
Alexander ,  'den  Abendländer ,  den  Aegypter' ,  nach  Iran 
führte,  der  den  Herrscher  des  Reiches  tödtete,  das  Land  und 
die  Residenz  verwüstete,  und  das  mit  goldenen  Buchstaben 
auf  Ochsenhäute  geschriebene  Exemplar  des  Awesta-Zend, 
das  zu  Persepolis   im  Archiv  aufbewahrt  war,  verbrannte^), 


7)  In  der  Introduction  zu  dem  Zanä  -  Faläavi  Glossary ,  heraus- 
gegeben von  Destur  Hoschangdschi  und  mir,  i^ag.  XXXIX — XLII. 

8)  Man  hat  diese  Angabe,  welche  sich  häufig  genug,  bald  in 
spezieller,  bald  in  allgemeiner  Fassung  in  den  altern  parsischen 
Schriften  findet ,  ganz  in  Abrede  ziehen  und  eine  Verwechslung  mit 
der  durch  die  Mohamedaner  erfolgten  Zerstörung  annehmen  wollen. 
Heeren  hat  zuerst  die  Ansicht  ausgesprochen,  dass  es  ganz  gegen 
die  Politik  Alexanders  gewesen  sei,  fremde  Religionen  zu  verfolgen, 
und  dass  aus  diesem  Grunde  die  Angabe  der  Parsen  keinen  Glauben 

22* 


336        Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  5.  März  1870. 

und  die  Desturs,  Mobeds.  Herbads  und  die  Gesetzeskundigen 
tödtete.     In  Folge   dieser  Vernichtung   aller  Autoritäten  für 


verdiene.  Diese  Ansicht  ist  seither  von  beinahe  allen  Gelehrten  un- 
geprüft nachgeschrieben  vrorden,  und  nachgerade  zu  einer  Art 
stereotyper  Phrase  geworden.  Indess  eine  nähere  Prüfung  der  von 
den  altern  Pehlewischriften  gegebenen  Nachrichten  über  die  Ver- 
nichtung zoroastrischer  Religionsbücher  durch  Alexander  im  Vergleiche 
mit  den  von  den  Classikern  uns  überlieferten  Berichten  über  die 
Zerstörung  von  Persepolis  durch  den  macedonischen  Eroberer  zeigt 
zur  Genüge,  dass  die  parsische  Tradition  durchaus  nicht  unbegründet 
ist.  Die  wichtigsten  Zeugnisse  hierüber  sind  die  des  Ardäi  Wiräf 
nämeh  (im  Anfange  des  Buches)  und  mehrere  Stellen  desDinkart, 
wovon  ich  bereits  zwei  mitgetheilt  habe ,  (die  eine  im  Zand-Pahlavi 
Glossary,  pag.  XXXII,  XXXVI,  und  die  andere  in  meinem  Essay  on 
the  Pahlavl  language,  pag.  146,  150).  Da  die  zweite  Stelle  sich  in 
einer  Proklamation  des  Sasaniden  Königs  Chosru  Parviz  (531  — 
579  n.  Chr.)  findet,  so  ist  sie  von  ganz  besonderer  Wichtigkeit,  da 
eine  Verwechslung  mit  der  ein  hundert  Jahre  später  erfolgten  moha- 
medanischen  Eroberung  nicht  möglich  ist. 

Chosru  sagt  nämlich,  dass  Volgasch  (Vologeses),  der  Aschkanier 
(Arsacide)  befohlen  habe,  alle  Fragmente  des  Zend-awesta,  die  der 
Zerstörung  Alexanders  und  der  Abendländer  entgangen  seien,  zu 
sammeln.  Die  anderen  Stellen  spezialisiren  indess  den  Fall.  Sie 
besagen,  dass  Alexander  das  in  der  Burg  zu  Persepolis  aufbewahrte 
Exemplar  des  Zend-awesta,  welches  das  Hauptexemplar  gewesen  zu 
sein  scheint,  verbrannt  habe.  Nun  wissen  wir  aus  Diodor  (17,  72.) 
und  Curtius  (5,  7.),  dass  Alexander  wirklich,  auf  Anstiften  einer 
athenischen  Hetäre,  der  Thais,  in  trunkenem  Zustande  die  Burg  von 
Persepolis,  wo  der  königliche  Palast  (und  natürlich  auch  die  Biblio- 
thek) war,  angezündet  und  verbrannt  habe;  man  habe  sich,  sagt 
Diodor,  an  den  Persern  rächen  wollen  für  die  unter  Xerxes  verübte 
Zerstörung  der  griechischen  Tempel.  Auch  Arrian  erzählt  (Exped. 
Alex.  3,  18),  dass  Alexander  'die  königliche  Residenz  der  Perser'  t« 
ßftaiktuc  rc(  HfQffixa,  Persepolis  selbst  nennt  er  nicht)  verbrannt  habe; 
Parmenion  habe  ihm  abgerathen,  aber  er  habe  gesagt,  er  wolle  sich 
an  den  Persern  für  die  Verwüstung  Athens,  die  Verbrennung  der 
Tempel  und  andere  Unbilden,  rächen.  Der  Entschluss  zur  Zerstörung 
der  prachtvollen  königlichen  Residenz  scheint  ganz  plötzlich,  während 


Hang:  Das  ArdcU   Viräf  nämeh.  337 

den  wahren  Glauben  entstanden  viele  Zweifel  und  Ketzereien. 
Die  Unwissenheit  in  religiösen  Dingen  wurde  nach  und  nach  so 
gross,  dass  es  keinen  Meister,  keinen  König,  kein  Oberhaupt, 
keinen  Dcatur ,  noch  sonst  jemand  gab .  der  die  Religion 
kannte.  Dieser  traurige  Zustand  änderte  sich  erst  zur  Zeit 
des  Adarbat  Mahrespand  (unter  Schapur  II,  308 — 81).  Zum 
Beweis  der  Wahrheit  des  von  ihm  verkündeten  Glaubens  Hess 
er  sich  geschmolzenes  Kupfer  auf  die  Brust  giessen ,  ohne 
dass  es  ihn  verletzte.  Es  entstanden  aber  aufs  neue  viele 
Sekten  und  Zweifel ,  und  eine  neue  Ofifenbarung  war  noth- 
wendig  zur  Neubegründung  des  Glaubens.  Diese  Offenbarung 
nun  bildet  den  Gegenstand  des  Ardai  Wiräf  nämeh.  Darauf 
wurde  von  gottesfürchtigen  Desturs  (die  Zahl  ist  nicht  an- 
gegeben, noch  irgend  ein  König  genannt)  eine  Versammlung 
in  den  Tempel  des  Frobag-Feuers  anberaumt  und  verschiedene 
Mittel  berathen,  dem  Sektenwesen  zu  steuern.  Endlich  kommen 
die  Mitglieder  dieses  Priesterconcils  zu  folgendem  Beschluss: 
'Einer  von  uns  muss  gehen  (in  die  andere  Welt)  und  von 
den  himmlischen  Geistern  Kunde  bringen,  dass  die  Menschen, 
die  jetzt  leben,  wissen  sollen,  ob  ihr  Ize sehne,  Darun, 
Afringan  und  andere  Ceremonien  und  Gebete  zu  den  Ja- 
zatas  (guten  Geistern)  oder  zu  den  Teufeln'  gelange,  und  ob 


eines  Zechgelags,  mehr  aus  Uebermuth,  als  aus  irgend  einem  andern 
Beweggrund  gefasst  und  sofort  ausgeführt  worden  zu  sein.  Die 
Zeit  war  höchst  w^ahrscheinlich  die  Nacht.  Als  der  Palast  an- 
gezündet wurde,  war  er  gewiss  nicht  leer,  sondern  von  einem  grossen 
dienstthuenden  Personal,  darunter  sicherlich  viele  Priester,  bewohnt. 
Diese  verbrannten  entweder,  oder  wurden  von  den  betrunkenen  Soldaten 
umgebracht.  So  erklären  sich  die  Angaben  der  parsischen  Schriften 
über  die  Verbrennung  der  heiligen  Bücher  und  die  Ermordung  der 
Priester  zur  Genüge.  Da  allen  Berichten  zufolge  das  Hauptexemplar 
des  Zend-awesta  in  der  'Burg'  zu  Persepolis  war,  so  verbrannte  es 
natürlich  auch  mit.  Die  That  ist  ein  Schaudfleck  in  der  Geschichte 
Alexanders,  aber  sie  lägst  sich  nicht  wegläugnen. 


3  38        Sitzung  der  philos.-phüol  Classe  vom  5.  März  1870. 

es  zum  Heile  unserer  Seele  diene,  oder  nicht'.  Hierauf  wurden, 
wie  es  weiter  heisst,  nach  dem  einstimmigen  Beschlüsse  der 
zu  dem  Frobag- Tempel  gerufenen  Desturs,  sieben  Priester 
ausgewählt,  die  im  Glauben  an  Gott  sehr  fest,  und  deren 
Gedanken,  Worte  und  Thaten  tugendhaft  waren.  Man  sagte 
zu  ihnen:  Setzt  euch  und  wählet  von  euch  einen,  der  für 
das  gute  Werk  der  siindloseste  ist,  und  den  besten  Namen 
hat!  Diese  sieben  Männer  setzten  sich.  Von  den  sieben 
wurden  nun  drei,  und  von  den  dreien  einer  ausgewählt, 
Wiräf  mit  Namen,  den  'einige  den  Nischapurer  heissen'. 
Als  Wiräf  diess  hörte,  stellte  er  sich  auf  seine  Füsse,  legte 
seine  Hand  an  seine  Brust  und  sagte :  'Gebt  mir  keinen 
Mang  (ein  Narcoticum)  ehe  ihr  dies  Loos  ^)  geworfen  habt ; 
wenn  das  Loos  mich  trifft,  so  gehe  ich  gerne  an  den  Ort 
der  Frommen  und  Gottlosen  und  nehme  richtige  Botschaft, 
und  bringe  sie  richtig'.  Die  Mazdajasner  warfen  das  Loos, 
das  erstemal  im  humat  (gut  gedacht),  das  zweitemal  im  Miklit 
(gut  gesprochen),  und  das  drittemal  im  huvarsht  (gut  ge- 
handelt); jedesmal  traf  es  Wiräf.  Nun  hatte  dieser  sieben 
Schwestern ,  die  ihm  wie  Frauen  waren  (d.  h.  mit  denen  er 
nach  dem  alten  zoroastrischen  Gesetz  der  Schwesterehe  zu- 
sammenlebte) ;  sie  hatten  die  Religion  d.  i.  die  Schrift  aus- 
wendig gelernt  und  vollzogen  Ceremonien.  Diese  kamen 
jammernd  und  schreiend  in  die  Versammlung  der  Zoroastrier 
und  baten  so  etwas  nicht  zu  thun,  d.  h,  ihren  Bruder  nicht 
auf  eine  Reise  in  die  andere  Welt  zu  schicken;  er  sei  ihr 
einziger  Bruder  und  sie  seien  alle  seine  Frauen ;  sie  ver- 
langten eine  Garantie  für  ihre  Unterhaltung,  ehe  ihr  Bruder 
vom  Lande  der  Lebendigen  in  das  der  Todten  geschickt  werde; 
diese  wurde  ihnen  versprochen.  Sie  wurden  damit  getröstet, 
dass  ihnen  ihr  Bruder  nach  sieben  Tagen  wieder  unversehrt 


9)  Der  Ausdruck  im  Original  ist  naUjdh  Hi^U»^ 


Hang:  Das  Arddi    Viräf  nivneh.  339 

übergeben  werden  würde.  Die  Schwestern  gaben  sich  zu- 
frieden. Nun  legte  Wiräf  seine  Hand  an  seine  Brust  und 
sagte :  'Es  ist  Gebrauch  (dastöhanja)  dass  ich  (vor  Antritt 
der  Reise)  den  abgeschiedenen  Seelen  meine  Verehrung  dar- 
bringe, dann  Speise  geniesse,  und  den  letzten  Willen  (andarz) 
mache;  dann  sollt  ihr  mir  den  Wein  und  Mang  geben'.  Die 
Desturs  befahlen  also  zu  thun.  Nun  wurde  ein  Platz  von 
dreissig  ^*')  Schritten  in  der  'Geisterwohnung'  (män-i  mmö- 
yan,  wahrscheinlich  einem  Theile  des  Feuertempels)  sorg- 
fältig ausgewählt.  Wiräf  wusch  sich  Haupt  und  Körper, 
zog  ein  neues  Kleid  an,  machte  eine  Räucherung.  legte  auf 
den  Sessel  einen  neuen  reinen  Teppich,  und  setzte  sich  darauf. 
Nun  machte  erDarun  (die  Ceremonie  des  heiligen  Brodes), 
und  nahm  Speise  zu  sich.  Hierauf  füllten  die  Desturs  drei 
goldene  Becher  mit  Wein  und  mang-i  visldasiKUi  (ein  Nar- 
coticum)  und  gaben  ihm  den  einen  mit  Jiumat,  den  andern 
mit  Jiidcht,  den  dritten  mit  hu'varsM.  Er  trank  dann 
diese  MischuDg,  und  sagte  noch  ganz  bei  Verstände  den 
Vuj  (das  Gebet)  her  und  schlief  auf  dem  Teppich  ein.  Die 
Desturs  und  die  sieben  Schwestern  hielten  sieben  Tage  und 
Nächte  Wache  in  der  Dunkelheit,  indem  sie  beständig  Feuer 
brannten,  Wohlgerüche  verbreiteten,  religiöse  Nirang  (Gebete) 
in  Awesta  und  Zend  (d.  h.  in  den  sogenannten  Zend  und 
Fehle wisprachen)  hersagten,  den  Nosks  ^^)  ihre  Verehrung 
darbrachten  (wahrscheinlich  durch  Nennung  ihrer  Namen), 
und  die  Gäthas  recitirten.  Die  sieben  Schwestern  setzten 
sich    sogar    rings    um    den  Teppich ,    auf   dem  Wiräf  einge- 


10)  Diess  bezieht  sich  auf  den  Umstand,  dass  der  Platz  wahr- 
scheinlich dreissig  Schritte  von  Feuer,  Wasser,  Bäumen  u.  s.  w.  ent- 
fernt war.  Diess  ist  die  für  den  Platz ,  wo  Reinigungsceremonien 
vorgenommen  werden,  vorgeschriebene  Entfernung. 

11)  Die  einzelnen  Theile  des  Zend -awesta,  von  denen  die  meisten 
verloren  sind. 


340        Sitzung  der  pMos.-phüol  Qasse  vom  5.  März  1870. 

schlafen  war,  und  sagten  (für  sich)  sieben  Tage  das  Awesta 
her,  und  unterliessen  mit  den  Mazdajasniern ,  den  Desturs, 
den  Herbads  und  Mobeds  auf  keine  Weise  die  Seele  des 
Wiräf,  die  den  Körper  verlassen  hatte  und  zur  Tschinwat- 
Brücke  gegangen  war,  zu  unterstützen.  Am  siebenten  Tage 
kam  sie  in  den  Körper  zurück,  und  Wiräf  erhob  sich,  wie 
wenn  er  von  einem  angenehmen  Traume  erwachte.  Als  seine 
Schwestern  mit  den  Desturs  und  Mazdajasniern  ihn  sahen, 
wurden  sie  voll  Freude  und  Jubel  und  sagten:  'Du  bist 
richtig  angekommen ;  du  bist  zu  uns  Mazdajasniern  als  Bote 
vom  Lande  der  Todten  in  das  der  Lebendigen  zurückge- 
kommen/ Er  verlangte  zu  essen.  Man  brachte  ihm  wohl- 
gekochte und  gewürzte  Speise,  kaltes  Wasser  und  Wein. 
Wiräf  sprach  das  Tischgebet  und  ass.  Nun  liess  er  einen 
geschickten,  sehr  kundigen  Schreiber  kommen  und  ihn  also 
schreiben. 

In  der  ersten  Nacht  traf  ich  den  Seros ch  und  Adar 
Izad  (den  Engel  des  Feuers),  Serosch  verbeugte  sich  vor 
mir  (er  grüsste  mich)  und  sagte:  Du  bist  gerade  recht  ge- 
kommen; wenn  du  bis  jetzt  nicht  gekommen  wärest,  so  hätte 
ich  gesagt:  'Ich  will  Bote  sein^  (dich  benachrichtigen).  Die 
beiden  Engel  streckten  ihre  Hand  nach  mir  aus.  Mit  drei 
Schritten  (im  humat,  Imhlit  und  huvarsht)  war  ich  an  der 
Tschinwat-Brücke,  die  sehr  weit  und  von  Ormazd  geschaffen 
ist.  Dort  kam  ich  an,  und  sah  die  Seelen  der  Verstorbenen, 
wie  sie  auf  dem  Scheitel  des  Körpers  sassen,  und  die  üätha : 
ustä  ahmäi  (Jasna  43,  1,)  hersagten  ^^).  Am  dritten  Morgen 
kommen  den  Seelen  der  Guten  Wohlgerüche  entgegen;  eine 
schöne    Jungfrau    begegnet    ihnen.     Die   Beschaffenheit    der 


12)  Diese  Angabe,  welche  sich  auch  im  Minokhirad  findet,  ist 
aus  dem  Hadokht-Nosk  genommen;  s.  Westergaard's  Zendawesta, 
Yahst-fragment  XXII,  (pag.  296). 


Haug :  Das  Arääi  Viräf  nameh.  34 1 

Jungfrau,  ihre  Grösse,  Schönheit  u.  s.  w.  richtet  sich  ganz 
nach  den  guten  Werken.  Wiraf  erzählte  weiter.  Ich  ging 
über  die  Brücke  mit  Serosch  und  Adar  Izad.  Mir  ward  der 
Schutz  des  Mithra,  des  Raschuu  rast  (rashnu  räsisMa) ,  des 
Wai  weh  (vayö-volm)  des  Behram,  des  Glanzes  der  guten 
Mazdajasnier  uud  anderer  reiner  Frohar.  Raschnu  rast 
hält  eine  goldene  Wage  in  der  Hand  und  wägt  die  Thaten 
der  Frommen  und  Gottlosen.  Nun  sprachen  meine  Begleiter: 
Komm,  dass  wir  dir  Himmel  und  Hölle  zeigen,  das  Vergnügen, 
die  Freude  und  Seligkeit  der  Frommen,  und  das  Unglück, 
Elend  und  den  Schmerz  der  Gottlosen ;  wir  zeigen  dir  den  Ort 
der  Gerechten  und  der  Bösewichter,  das  Seyn  der  Izeds  und 
der  Amschaschpands,  und  das  Nichtseyn  (löiti)  des  Ahriman 
uud  der  Teufel,  die  Auferstehung  und  den  künftigen  Körper ; 
und  die  Strafe  der  Gottlosen. 

Nun  wurde  Wiräf  zu  den  Hamestagän  geführt,  d.  h. 
denjenigen,  deren  gute  und  schlechte  Thaten  gleich  sind^^); 
sie  reichen  aus  zum  Himmel ,  wie  zur  Hölle ;  desswegen 
kommen  sie  nicht  von  der  Stelle  und  müssen  bleiben,  wo 
sie  sind.  Ihre  einzige  Strafe  ist,  dass  sie  im  Andarväi^^) 
seyn  und  Hitze  und  Kälte  leiden  müssen.  Eine  andere  Strafe 
trifft  sie  nicht. 

Wiräf  erzählt  nun  weiter:  Ich  machte  nun  den  ersten 
Schritt  in  Immat  (dem  guten  Gedanken)  und  befand  mich 
iüi  Satar  - päyah  d.  i.  der  Sternensphäre.  Die  Seelen  die 
sich  hier  befinden,  glänzen  wie  die  Sterne;  sie  sitzen  auf 
Thronen,  die  hoch  sind  uud  voll  Glanz.  Auf  meine  Frage, 
welche  Seelen  hier  seien ,  gab  mir  Serosch  zur  Antwort : 
Hier   sind    die  Seelen  derer,    die   in    der  Welt   kein   Jescht 


13)  Das  Wort  bezeichnet  eigentlich  diejenigen,  die  sich  stets  im 
gleichen  Zustande  befinden. 

14)  Zwischenraum  zwischen  Himmel  und  Hölle. 


342        Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  5.  Mars  1870. 

machten,  die  Gäthas  nicht  sangen,  und  die  EJietvödat  (Ge- 
schwisterehe ^^)  nicht  vollzogen,  d.  h.  die  keine  Zoroastrier 
waren,  sie  sind  keine  Herrscher,  aber  rein  durch  andere 
Thaten.  —  Der  zweite  Schritt  in  hukht  (dem  guten  Worte) 
brachte  mich  in  den  Mdh-päyah  d.  i.  die  Mondsphäre.  Hier 
sah  ich  grosse  und  starke  Seelen.  Es  sind  solche,  die  eben- 
falls kein  Jescht  gemacht,  die  Gäthas  nicht  recitirt,  und 
Khetvödat  nicht  gemacht,  sonst  aber  gute  Werke  vollbracht 
hatten.  Sie  glänzen  wie  der  Mond.  Beim  dritten  Schritt 
in  huvarsM  (dem  guten  Werke)  gelangte  ich  nach  Qorshid- 
pdyah  d.  i.  die  Sonnensphäre.  Die  Seelen  sitzen  auf  Thronen 
mit  goldenen  Teppichen  glänzend  wie  die  Sonne;  es  sind 
die,  welche  in  der  Welt  gut  regiert  und  geherrscht  hatten. 
Mit  dem  vierten  Schritt  befand  ich  mich  im  Garotman^^), 
(garö-demäna  im  Awesta),  wo  lauter  Glanz  ist.  Hier  wurde 
ich  gefragt:  'wie  bist  du  von  der  vergänglichen  Welt  in  die 
unvergängliche  gekommen?  Geniesse  Hirn mels wein  ^'^),  denn 
auf  lange  Zeit  sollt  ihr  hier  Vergnügen  haben'. 


15)  Diese  gilt  für  die  heiligste  unter  den  Parsis. 

16)  Diess  ist  das  eigentliche  Paradies,  die  Wohnung  des  Ormuzd, 
und  der  himmlischen  Geister,  sowie  der  frommen  Anhänger  der 
zoroastrischen  Religion.  Es  heisst  eigentlich  'die  Wohnung  des  Ge- 
sangs*, weil  darin  von  den  himmlischen  Geistern  die  Gäthas,  die 
heiligsten  Verse  des  Awesta,  gesungen  werden. 

17)  Im  Original  steht  Jwsh.  Diess  ist  von  Destur  Hoschengdschi 
in  einer  Note  und  in  seinem  mir  handschriftlich  zu  Gebote 
stehenden  Glossar  als  'Himmelswein'  erklärt.  Der  bei  den  Pärsen 
jetzt  dafür  gebräuchliche  Ausdruck  ist  minö-röghan  d.  i.  Himmelsöl. 
Es  ist  schon  im  Hadokht  No  sk  (Yasht  fragment  22,  18  in  Wester- 
g2i?irdi^  Zend-Avesta)  und  VistäspNosk  (8,64  Westergaard's)  unter 
dem  Namen  Zaremaya  raoghna,  d.  i.  goldenes  (goldgelbes)  Oel  er- 
wähnt. Nach  dem  Glauben  der  Parsis  reicht  der  Engel  B ahm  an  den 
Seelen  der  frommen  Zoroastrier  diesen  Trank  am  vierten  Tage  nach 
dem  Tode  vor  dem  Eintritt  ins  Paradies,  damit  sie  für  immer  alles 


Hang:  Bas  Ardai  Viräf  nämeh.  343 

Hier  im  Paradies  trifft  Wiraf  den  Engel  des  Feuers 
Orniuzd's.  Dieser  sagte  ihm ,  dass  die  Mazdajasnier  (die 
Ormuzdverebrer)  ihm  nasses  Holz  gebrannt  hätten,  worauf 
Wiräf  antwortete,  dass  er  das  Feuer  stets  mit  trockenem 
und  abgelagertem  Holz  (wie  es  Vorschrift  ist)  unterhalten 
habe.  Der  Engel  zeigte  ihm  aber  einen  ganzen  Teich  von 
Wasser,  der  von  nassem  Holze  abgelaufen  war.  Nun  erhob 
sich  der  Amschaschpand  Babman  von  seinem  goldenen  Thron, 
ergriff  Wiräf  bei  der  Hand  und  braclite  ilin  zu  Ormuzd,  den 
Amschaschpands  und  den  anderen  Frommen ,  und  zu  dem 
Frohar  des  Zertoscht  Sapetman,  des  Kai  Wischtäsp, 
des  Dschämäsp  und  anderer  Träger  und  Häupter  der  Re- 
hgion ,  als  welche  keine  glänzenderen  und  bessern  gesehen 
worden  sind. 

Hier  ist  in  allen  Handschriften  eine  Lücke.  In  der 
verloren  gegangenen  Stelle  muss  es  geheissen  haben .  dass 
Bahman  den  Wiräf  weiter  geführt  und  ihn  vor  den  Thron 
des  Ormuzd  gebracht  habe.  Denn  der  Text  fährt  also  fort : 
(ich  erkannte)  'dass  dieser  Ormuzd  sei'.  Ich  betete  ihn  an: 
er  grüsste  mich  (und  sagte):  'Ardai  Wiräf!  Du  bist  recht 
(zur  rechten  Zeit)  von  der  vergänglichen  Welt  an  diesen  un- 
vergänglichen Ort  gekommen'.  Hierauf  befahl  Ormuzd  dem 
Sero  seh  und  dem  Adar  Ized.  den  beiden  Begleitern  des 
Wiräf,  ihm  den  Ort  der  Belohnung  der  Frommen  und  der 
Bestrafung  der  Bösen  zu  zeigen.  Darauf  nahmen  sie  ihn 
bei  der  Hand  und  führten  ihn  von  Ort  zu  Ort.  Er  sah  nun 
den  Frohar  des  Gajomart,  des  Zertoscht.  des  Kai  Wisch- 


Irdische  vergesse  und  der  himmlischen  Ruhe  sich  freue.  Unter  dem 
Namen  maidyozaruni  raogan  ist  dieser  Himmelstrank  auch  imMino- 
khirad  (s.  II,  152,  in  der  bald  erscheinenden  Ausgabe  von  E.  W. 
West)  erwähnt. 


344        Sitzung  der  pMlos.-phüol.  Clasae  vom  5.  März  1870. 

täsp,  des  Fraschostar  und  Dschämäsp  ^^)  und  anderer 
die  Gutes  gethan  und  Häupter  des  Glaubens  waren.  Nun 
kommt  er  zu  den  verschiedenen  Abtheilungen  des  Paradieses, 
in  denen  die  einzelnen  Tugenden  besonders  belohnt  werden. 
Zuerst  sieht  er  die  Seelen  der  Freigebigen  (rädän) ,  die 
einen  sehr  hohen  Glanz  haben.  Nun  sieht  er  die,  welche 
die  Gäthas  gesungen  und  Jescht  gemacht  ,  d.  h,  die 
jedem  Zoroastrier  obliegenden  Pflichten  erfüllt  hatten.  Nun 
kommen  die  Seeleu  derer,  welche  die  Geschwisterehe  (Z. 
qadtva - datha ,  Pehl.  qetökdas)  vollzogen  hatten;  sie  sind  in 
grossem  Glanz.  Nun  folgen  die  Seelen  der  guten  Fürsten 
und  Herrscher,  und  die  Seelen  der  Grossen,  die  'richtig  ge- 
sprochen', d.  h.  gerechtes  Urtheil  gefällt  hatten.  Hierauf 
folgen  die  Seelen  der  frommen  Frauen,  die  ihren  Männern 
unbedingt  gehorcht  hatten ;  sie  sind  in  Gold  und  Silber  ge- 
kleidet und  mit  Edelsteinen  geschmückt.  Ausser  den  Pflichten 
gegen  ihre  Ehemänner  haben  sie  auch  alle  Gebote  .der  zo- 
roastrischen  Religion  befolgt,  nämlich  das  Wasser,  das  Feuer, 
die  Erde,  den  Baum,  die  Kuh,  das  Schaf  und  alles,  was 
gute  Gaben  gewährt,  verehrt,  und  den  Izeds  (himmlischen 
Geistern)  Lobpreis  dargebracht.  Nun  folgen  die  Seelen 
derer,  die  Izeschne  ^^)  gemacht,  und  welche  die  Träger  des 
heiligen  Wortes  waren,  d.  h,  die  Priester.  Nun  kommen 
die  Seelen  derer,  die  das  ganze  heilige  Wort  ^")  zu  recitiren 
und    den  Izeds    (himmlischen  Geistern)   Izeschne   zu  machen 


18)  Diese  sind  indess  in  dem  Berichte  schon  einmal  erwähnt 
Seite  343, 

19)  Diess  ist  die  Ceremonie  der  feierlichen  Bereitung  und  des 
Trinkens  des  Homasaftes  unter  Hersagung  der  Gebete,  welche  im 
sogenannten  Jasna  (Izeschne)  enthalten  sind.  Nur  die  Priester 
dürfen  diese  Handlung  vollziehen. 

20)  Im  Original:  hamäk  diu  'den  ganzen  Glauben'.  Darunter 
werden  alle  Nosks  des  Zendawesta  verstanden. 


i 


Hmig :  Das  Ardäi  Vvräf  nämeh.  345 

befohlen  hatten  2^);  sie  sitzen  über  den  andern;  ihre  guten 
Werke  sind  so  hoch  wie  der  Himmel.  Nun  folgen  die  Seeleu 
der  ArUshtäran  d.  i.  Krieger;  sie  sind  in  königliche  Ge- 
wänder gekleidet  und  sitzen  auf  Thronen,  die  von  Gold  ge- 
macht und  mit  Edelsteinen  geschmückt  sind.  Hierauf  kommen 
die  Seelen  derer,  die  viele  Kharfastars,  d,  i.  schädhche 
Geschöpfe  (wie  Frösche,  Mäuse,  Schlangen  u.  s.  w.)  getödtet 
und  den  Glanz  und  die  Reinheit  des  Wassers,  Feuers,  der 
Bäume  und  der  Erde  vermehrt  hatten.  Nun  folgen  die 
Seelen  der  Vustryösh  d.  i.  der  Ackerbauer.  Sie  sitzen  auf 
glänzenden  Thronen  zur  Belohnung  dafür,  dass  sie  die  un- 
sichtbare Grundhige  ^^)  des  Wassers,  der  Erde,  der  Bäume, 
und  der  Schafe,  mit  denen  sie  in  Berührung  gekommen,  ge- 
segnet und  gegrüsst,  und  Lob  und  Preis  dargebracht  hatten. 
Nach  ihnen  kommen  die  Seelen  der  Hufol'hshän  d.  i.  der 
Ai'beiter,  Handwerker,  die  ihren  Heri'U  und  Gebietern  in  der 
Welt  Ehrerbietung  erwiesen  hatten  ;  dann  folgen  die  Seelen 
der  Guten,  welche  in  der  Welt  die  vierfüssigen  Thiere  und 
namentlich  die  Schafe  besorgt ,  genährt  und  vor  W^ölfen, 
Dieben  und  ungerechten  Menschen  beschützt,  und  ihnen  zu 
rechter  Zeit  Wasser,  Gras  und  sonstiges  Futter  gereicht,  sie 
gegen  heftige  Kälte  und  Hitze  geschützt .  die  Begattung  am 
rechten  Ort  gestattet,  und  sie  nach  Vorschrilt  verhindert 
hatten  (wenn  sie  unzeitgemäss  war);  die  zur  rechten  Zeit 
den  Menschen    viel  Nutzen   und  Frucht,    Speise  und  Kleider 


21)  Diess  sind  die  sogenannten  hävisht  d.  i.  solche  Laien,  welche 
die  Priester  zur  Vollziehung  von  Ceremonien  anstellen  und  bezahlen. 
Sie  entsprechen  ganz  den  yajamunäs  im  brahmanischen  Cultus. 

22)  So  übersetze  ich  miTio  (Z.  maim/u),  das  jedem  irdischen  Ob- 
ject  vorgesetzt  werden  kann ,  und  dann  einfach  sein  geistiges  un- 
sichtbares Gegenbild,  seine  Idee,  um  platonisch  zu  reden,  ausdrückt. 
Nach  den  zoroastrischen  Schriften  existirt  alles  doppelt,  auf  der  Erde 
und  im  Himmel;  die  letztere  Existenz  bildet  die  Grundlage  der  erstem. 


346        Sitzung  der  phüos.-philoh  Classe  vorn  5.  März  1870. 

gegeben;  alle  diese  sind  hier  in  grosser  Freude.  Wiraf  sah 
darauf  viele  goldene  Throne  mit  schönen  Polstern,  auf  welchen 
die  Seelen  der  frommen  Hausherrn  (Kat-Ttliodäcin)  und 
Richter  sitzen ,  sowie  die ,  welche  viel  für  Bewässerung  und 
Fruchtbarmachung  des  Landes  gethan,  die  den  Wassern, 
Bäumen  und  den  Frohars  der  Reinen  für  ihre  Stärke,  Sieg- 
haftigkeit  u.  s.  w.  Lob  und  Preis  dargebracht.  Endhch  folgen 
die  Seelen  der  Glaubensstarken,  der  Lehrer  und  Wahrheits- 
forscher ;  dann  die  derjenigen,  die  für  einen  andern  Fürbitte 
eingelegt  *^),  und  die  der  guten  Freunde;  sie  leuchten  wie 
die  Sterne,  Mond  und  Sonne.  Zuletzt  sah  Wiräf  'das  erste 
Leben'  ^*)  der  Frommen  ,  voll  von  Glanz  und  Majestät, 
ohne  Alter.  'Alles  war  wohlriechend,  wunderbar;  Sättigung 
war  nicht'. 

Nachdem  Wiräf  das  Paradies  durchwandert  hatte,  wurde 
or  von  seinen  zwei  Begleitern  von  da  weg  und  nach  der 
Ilöllenregion  geführt.  Sie  kamen  an  einen  grossen  starken 
Strom  voll  Übeln  Geruchs,  in  dem  viele  Seelen  waren,  aber 
keine  davon  konnte  ihn  überschreiten ;  sie  sind  in  grosser  Pein. 
Auf  Befragen,  was  das  für  ein  Strom  sei,  erhielt  er  zur 
Antwort:  dieser  Strom  wird  aus  den  Thränen  gebildet,  die 
aus  den  Augen  der  über  die  Todten  Wehklagenden  laufen. 
Serosch  gab  dem  Wiräf  den  Auftrag,  den  Menschen  zu 
sagen :  'klaget  nicht ,  denn  dadurch  kommt  nur  Ungemach 
über  die  Verstorbenen'.     Er  kam  nun  wieder  zur  Tschinwat- 


23)  Im  Original  jatün-gohän,  oder  dädan-goMn,  wie  es  auch  ge- 
lesen werden  kann.  Fürbitte  für  einen  andern  einzulegen ,  gilt  bei 
den  Parsis  für  sehr  verdienstlich. 

24)  Diess  ist  ein  hypostasirter  Begriff",  der  sich  häufig  im  Zend- 
awesta  findet.  Hier  werden  zwei  Leben  a/a<  unterschieden,  das  erste 
und  das  zweite,  oder  auch  das  geistige  und  irdische;  s.  mein 
"Werk  über  die  Gäthas  II,  pag.  254.  Das  erste  Leben  ist  hier  na- 
türlich das  geistige. 


Hang:  Das  Arääi  Vkaf  nämeh.  347 

Brücke  zurück.  Dort  sah  er  die  Seelen  der  Schlechten  in 
den  drei  Nächten  nach  dem  Tode  viel  Ungemach  leiden. 
Seroseh  belehrte  ihn  auf  Befragen  dahin:  dort  laufen  die 
Seelen  der  Darwands  (Gottlosen);  sie  sitzen  auf  dem  Haupte 
(des  Körpers ,  den  sie  verlassen)  und  sagen  die  Gätha  her : 
'in  welches  Land  soll  ich  gehen?  bei  wem  soll  ich  Schütz 
suchen' ^^)?  Ein  kalter  Wind  kommt,  wie  vom  Norden,  der 
Gegend  der  Dewas.  In  diesem  Winde  sieht  die  Seele  ihren 
Glauben  und  ihre  Thaten  in  Gestalt  eines  nackten  stinkenden 
Weibes  mit  geöffnetem  Munde,  herabhängendem  Knie  und 
herabhangenden  Händen ,  mit  endlosen  weissen  Flecken ,  so 
dass  Fleck  an  Flock  sich  reiht,  wie  bei  dem  verderblichsten 
Kharfastar.  Die  Seele  fragt:  wer  bist  du  als  welchen  ich 
nie  ein  hässhcheres  und  unreineres  Geschöpf  in  der  Welt  ge- 
sehen habe?  Das  Ungeheuer  antwortet :  Ich  bin  deine  schlechten 
Werke;  du  hast  Gott  nicht  verehrt,  das  Wasser,  Feuer,  die 
Schafe,  die  Bäume  und  andere  gute  Geschöpfe  nicht  geschützt; 
du  hast  die  Werke  Ahriman's  gethan.  W^enn  jemand  kam, 
um  ein  Almosen  zu  erbitten,  so  hast  du  die  Thüre  verschlossen' 
u.  s.  w. 

Nun  kommen  die  entsprechenden  Abtheilungen  der  Hölle. 
In  der  Beschreibung  der  einzelnen,  sowie  der  verschiedenen 
Strafen  ist  gar  keine  rechte  Ordnung  beobachtet,  sondern 
alles  läuft  bunt  durcheinander.  Die  Hölle  scheint  in  drei 
Äbtheilungen  zu  zerfallen,  die  Vorhölle,  die  eigentliche  Hölle 
und  die  unterste  oder  tiefste  Hölle. 

Wiräf,  geführt  von  seinen  zwei  Begleitern,  macht  den 
ersten  Schritt.  Dieser  bringt  ihn  in  dushmat  (schlecht  ge- 
dacht),    der  zweite  in    dtisMJcM  (schlecht   gesprochen),    der 


25)  Diese  Gätha  ist  Jas  na  46,  1,  verzeichnet  und  beginnt:  Kam 
nemOi  zum  J:uthrä  nemo  ayem.  Ueber  die  Vorgänge  mit  der  Seele 
der  Schlechten  in  den  drei  ersten  Tagen  nach  dem  Tode,  s.  den 
Hadokht  Nosk  {Yasht  fragment  22,  20). 


348        Sitzung  der  phüos.-pMöl.  Glosse  vom  5.  März  1870. 

dritte  in  dushvarsJit  (schlecht  gehandelt) ,  beim  vierten  ist 
er  im  Duschakh  (oder  DosaM) ,  der  eigenthchen  Hölle. 
Serosch  beschützte  ihn  mit  der  Hand,  dass  er  weder  von 
Kälte  und  Hitze,  noch  von  Trockenheit  und  übelm  Geruch 
zu  leiden  hatte.  Den  Eintritt  in  die  Hölle  beschreibt  er 
also:  Ich  sah  das  Thor  2^)  der  Hölle  tief  wie  einen  Brunnen, 
an  einem  schreckhchen  engen  abschüssigen  Orte ,  der  so 
dunkel  war,  dass  Serosch  mich  an  der  Hand  halten  musste; 
der  Wind  ist  so  übelriechend,  dass  jeder,  in  dessen  Nähe 
er  kommt,  zittert  und  niedersinkt ;  es  ist  so  eng,  dass  Niemand 
stehen  kann,  dass,  wer  nur  drei  Tage  und  drei  Nächte  darin 
ist,  sagt:  'es  sind  neuntausend  Jahre  vorbeigegangen'!  Ich 
wurde  nicht  zerrissen  von  dem  berggrossen  Kharfastars,  die 
an  jedem  Orte  sind;  aber  die  Seele  des  Gottlosen  zer- 
reissen  s\e. 

Nun  folgt  die  Beschreibung  der  für  jede  Sünde  be- 
stimmten Strafen.  Dieselbe  Sünde  kommt  öfter  vor.  Die 
verschiedenen  Sünder  sind  nicht  in  von  einander  gesonderten 
Abtheilungen  beisammen,  wie  bei  Dante,  sondern  die  ver- 
schiedensten Verbrecher  befinden  sich  untereinander.  Vieles 
ist  indess  hier  als  Sünde  erklärt,  und  wird  mit  den  schwersten 
Strafen  geahndet,  was  nur  ein  Vergehen  gegen  die  Satzungen 
des  Zoroastrismus  ist,  und  vom  Standpunkte  der  Moral  aus 
betrachtet,  für  gar  kein  Vergehen  gelten  kann.  Ich  will  im 
Nachfolgenden  einige  der  Verbrechen,  und  ihre  Bestrafung 
hervorheben ;  sie  alle  aufzuzählen  würde  zu  weit  fahren  und 
ist  für  den  Zweck  dieser  Abhandlung  auch  gar  nicht  geboten, 


26)  So  habe  ich  arzur,  Zd.  arezura,  übersetzt.  Diess  ist  nämlich 
die  traditionelle  Erklärung  des  Wortes,  das  sich  schon  Vena.  3,  7.  findet. 
Dem  Zusammenhang  nach  kann  es  schwerlich  etwas  anderes  als  den 
Eingang  zur  Hölle  bedeuten.  Ob  man  sich  denselben  ursprünglich 
als  ein  Thor  dachte,  wie  in  Dante's  Inferno,  ist  nicht  klar. 


Hang:  Das  Ärdäi   Viräf  nämeh.  349 

da  die  'Himmelfahrt  des  Jesaja*  keine  solche  Hölle  mit  ent- 
sprechenden Strafen  kennt. 

Das    erste  Verbrechen,    dessen  Bestrafung  Wiräf  sieht, 
ist  Päderastie.     Der   Sünder    dieser  Classe   hat  die    Gestalt 
einer  Schlange,    und  Schlangen   kommen  aus  seinem  Munde 
und  dem  übrigen  Körper.     Nun  kommt  eine  Frau,  die  tassen- 
weise Unrath  verschlucken  muss,  weil  sie  während  ihrer  Men- 
struation sich  dem  Wasser  und  Feuer  genaht  hatte,  was  bei 
den  Parsis  auch  jetzt  noch  streng  verboten  ist.     Einem  Mann, 
der  einen  'Frommen' ^^)    ermordet  hat,    wird   die  Haut  von 
dem  Kopfe  geschunden  ^^).     Einem  Mann ,  der  Umgang  mit 
einer  menstruirenden  Frau   hatte  (ein  dasMän-marn)  wird 
Menstruationsblut  in  den  Mund  gegossen;  er  kocht  die  eigenen 
Kinder  und  isst  sie.     Ein  Mann,  der  seine  Mahlzeiten  ohne 
Tischgebet    genommen   hatte,    wird  damit   gestraft,    dass  er 
sich  die  Haare  und  den  Bart  ausrauft.  Blut  verschluckt,  und 
was  erbrochen  wird ,    wieder    in  seinen  Mund   nimmt.     Eine 
Frau,  die  Hurerei   getrieben,    wird    damit  gestraft,  dass  sie 
mit  der  Brust  abwärts  hängt,  und  Khai'fastars  sie  zernagen. 
Den  Männern  und  Frauen ,  die  barfuss  gegangen  sind ,    und 
stehend  den  Urin  gelassen   hatten  ^^),    kriechen  Kharfastars 
aus   den    Füssen    und    der    Mitte   des   Leibes   hervor.     Eine 
ihrem    Manne    ungehorsame    Frau    wird   mit    ausgestreckter 
Zunge  aufgehängt.     Ein  Mann,    der  falsches  Maass  und  Ge- 
wicht hielt,  und  seine  Waare  beim  \'erkauf  verfälschte,  muss 
Staub  und  Erde  essen,    die  ihm  vorgemessen  werden.     Ein 
Tyrann    wird    mit    einer  Schlangeupeitsche   gezüchtigt.      Ein 


27)  Einen  asJiava.  Diess  ist  der  Name,  den  sich  die  Zoroastrier 
im  Gegensatz  zu  den  Andersgläubigen  beilegen,  vrelche  in  den  Gäthas 
dregvardö,  in  den  andern  Schriften  dnahto,  inPärsi  darvand  heissen. 

28)  Diess  ist  eine  Strafe,  die  auch  im  Zend-awesta  erwähnt  wird. 

29)  Diess  ist  streng  verboten.  Siehe  meine  Abhandlung:  Der 
18.  Fagard  des  Wendidad,  S.  11.  12. 

(1870. 1.  3.J  23 


350       Sitzung  der  pMos.-philöl.  Classe  vom  5.  März  1870. 

Geizhals,  der  viel  Reichthum  aufgehäuft,  aber  selbst  nichts 
gegessen  und  auch  andern  nichts  gegeben  hatte,  wird  von 
eintausend  Dews  (Teufeln)  geschlagen  und  sein  Haupt  zu  den 
Füssen  herabgezwängt.  Ein  Aschmogh  (d.  h.  ein  Apostat  von 
der  zoroastrischen  Religion)  hat  das  Haupt  eines  Menschen 
und  einen  Schlangenleib.  Ein  Mann,  der  den  Arbeitern  ihren 
Lohn  nicht  bezahlt  hat,  muss  Menschenfleisch  essen.  Ein 
Mann,  der  gelogen  und  nutzlose  Dinge  geredet  hatte,  wird 
damit  bestraft,  dass  ihm  ein  Berg  über  den  Rücken  gezogen 
wird,  so  dass  das  Eis  und  der  Schnee  dieses  Berges  auf 
seinem  Rücken  bleiben.  Ein  Mann,  der  öfter  öffentliche  Bäder 
besucht  hatte,  in  denen  das  Wasser  verunreinigt  war,  muss 
ünrath  essen,  und  wird  von  den  Teufeln  mit  Steinen  ge- 
schlagen. Ein  Mann,  der  seinen  Reichthum  nicht  auf  ehr- 
liche Weise,  sondern  durch  Diebstahl  und  Unehrlichkeit  er- 
warb, hält  Menschenschädel  in  der  Hand  und  verzehrt  das  Hirn. 
Diese  und  andere  Sünden ,  wie  Vertragsbruch ,  Ver- 
leumdung, Sectirerei  u.  s.  w.  werden  in  der  Hölle  bestraft. 
Nun  kommt  aber  mitten  in  der  Beschreibung  dieser  Strafen 
die  der  untersten  Hölle.  Wiräf  geht  wieder  unter  die  Brücke, 
um  in  die  unterste  Hölle  zu  kommen.  Er  hört  das  Geschrei 
des  Ahriman ,  der  Dews  und  der  verdammten  Seelen.  Er 
wird  wieder  von  Serosch  und  Adar  Ized  geführt.  Er 
sagt:  *ich  fürchtete  mich;  Serosch  und  Adar  gingen  mir 
voran ;  nun  sah  ich  die  Hölle  in  ihrer  ganzen  Fürchterlich- 
keit; das  Geschrei  war  grässlich;  ich  bat  Serosch  und  Adar 
mich  nicht  an  diesen  Ort  zu  führen ;  sie  sagten ,  ich  solle 
mich  nicht  fürchten;  sie  gingen  voran  und  ich  folgte;  ich 
kam  nnn  ganz  hinunter  in  die  Tiefe  der  Hölle  und  sah  sie 
voll  schrecklicher  Dinge,  und  Jammer;  sie  ist  ganz  finster 
und  wie  ein  Brunnen,  tiefer  als  eintausend  Klafter,  und  wenn 
alles  Holz  der  Welt  in  der  übelriechenden  Finsterniss  der 
Hölle  angezündet  würde,  so  würde  nie  ein  Wohlgoruch  hinein 
kommen.     Es   sind   viele   Seelen  da ,   aber  keine   sieht  die 


Hang:  Bas  Aräai  Virdf  nämeh.  351 

andere;  auch  wird  die  Stimme  von  niemand  gehört;  so  denkt 
jeder:  ich  bin  allein'. 

Nun  folgen  weitere  Beschreibungen  von  Strafen  für 
verschiedene  Sünden.  Zuerst  kommen  die  sogenannten 
margersän  d.  i.  die  Todeswürdigen,  welcher  Ausdruck  die 
schwersten  Sünder  nach  den  Anschauungen  der  zoroastrischen 
Religion  in  sich  fasst.  Es  sind  solche,  die  das  Ate  seh 
Behram^°)  ausgelöscht,  Brücken  zerstört,  gelogen  und  Mein- 
eide geschworen  hatten.  Sie  haben  Schnee,  Eis,  Kälte,  Hitze, 
brennendes  Feuer,  Steinwürfe  u.  s.  w.  zu  erdulden.  Die 
Gottesveräcliter  werden  von  Schlangen  gebissen.  Frauen, 
die  viel  über  Todte  geweint,  wird  der  Kopf  abgeschnitten 
und  ihre  Zunge  schreit  immer  fort.  Eine  Frau  die  ihrem 
Kinde  nicht  zu  rechter  Zeit  Milch  gegeben,  kratzt  sich  Haut 
und  Fleisch  ab  und  isst  sie.  Ein  Mann,  der  mit  verheirathe- 
ten  Frauen  Unzucht  trieb ,  wird  in  einem  Kessel  gekocht ; 
sein  rechter  Fnss  aber  ist  ausserhalb  desselben;  er  hatte 
zwar  mit  seinem  ganzen  Körper  gesündigt,  wofür  er  gesotten 
wird,  dagegen  hatte  er  mit  seinem  rechten  Fuss  Schlangen, 
Ameisen  und  andere  Kharfastars  geschlagen,  getödtet  und 
vernichtet,  wofür  er  belohnt  wird.  Eine  coquette  Frau,  die 
sich  mehr  um  Putz  als  ihren  Mann  bekümmert  und  sich  an- 
deren Männern  preisgegeben  hatte,  wird  mit  einem  eisernen 
Kamm  auf  der  Brust  gekämmt.  Den  Huren  werden  hölzerne 
Pflöcke  in  beide  Augen  geschlagen,  Scorpione,  Schlangen, 
Ameisen,  Fliegen,  Würmer  und  andere  Kharfastars  kommen 
ilmen  aus  dem  Munde,  der  Nase,  After  u.  s.  w.  Einem 
ungerechten  Richter  wird  die  Zunge  ausgeschnitten,  und  der- 
selbe   an    einem  Fusse    aufgehängt.     Eine    Frau,    die  ihrem 


30)  Diess  ist  das  heiligste  aller  Feuer  und  wird  nur  durch 
Sammlung  und  Weihung  von  1001  verschiedenen  Feuern  erhalten. 
Es  repräsentirt  die  Quintessenz  der  Natur. 

23* 


352       Sitzung  der  phüos.-philöl.  Classe  vom  5.  Mars  1870. 

Kinde  nicht  die  gehörige  Milch  gab,  sondern  für  Geld  die 
Kinder  anderer  Frauen  säugte  wird  die  Brust  in  einer  Pfanne 
gebraten,  die  immer  von  einer  Seite  zur  andern  gedreht 
wird.  Einem  Manne,  der  Saatkörner  genommen  unter  dem 
Vorwande  sie  zu  säen,  sie  aber  nicht  säete  sondern  ass, 
und  so  die  Spendermat  d.  i.  die  Erde  beraubte,  wird  die 
Zunge  zerschnitten,  er  wird  an  den  Haaren  gezogen  u.  s.  w. 
Empörern  und  Aufruhrern  gegen  den  König  wird  ein  höl- 
zerner Pflock  durch  die  Zunge  geschlagen;  er  hängt  mit 
dem  Kopf  abwärts  und  die  Teufel  zerreissen  ihm  den  Körper 
mit  einem  Kamme. 

Es  sind  ausser  den  erwähnten  noch  Bestrafungen  ver- 
schiedener anderer  Verbrechen  genannt,  die  ich  hier  über- 
gehe, da  sich  Beispiele  genug  von  den  Martern  der  Wiräf'schen 
Hölle  gegeben  habe.  Ganz  unten  im  Höllengrunde  sieht 
Wiräf  den  Teufel,  Ahriman.  Er  verhöhnt  die  Sünder  und 
ruft  ihnen  stets  zu :  Warum  habt  ihr  das  Brod  des  Ormuzd 
gegessen,  aber  mein  Werk  gethan,  an  euren  Schöpfer  nicht 
gedacht,  sondern  meine  Wünsche  ausgeführt? 

W'iräf  wird  nun  von  Serosch  und  Adar  wieder  bei  der 
Hand  genommen  und  zu  dem  asar  rohsnik  d.  i.  anfangs- 
lose Lichter,  und  der  Versammlung  des  Ormuzd  und  der 
Amschaschpand  zurückgeführt.  Er  verehrt  Ormuzd;  dieser 
sagt  zu  ihm  :  'Geh  nun  als  Bote  zu  den  Mazdajasniern  (Or- 
muzdverehrern)  in  die  ii'dische  Welt  und  sage  ihuen  genau 
was  du  gesehen  und  erfahren  hast;  denn  ich,  der  ich  Ormuzd 
bin,  weiss  alles,  was  ihr  richtig  und  wahr  sprechet.  Sage 
den  Weisen,  dass  dir  Ormuzd  also  gesagt  hat!  Ich  blieb 
ganz  erstaunt,  denn  ich  sah  wohl  ein  Licht,  aber  einen 
Körper  sah  ich  nicht ;  ich  hörte  eine  Stimme ;  ich  wusste, 
dass  es  Ormuzd  ist.  Dann  sprach  Ormuzd,  der  vollkom- 
menste unter  den  himmlischen  Geistern :  sage,  o  Ardäi  Wiräf, 
der  Welt  der  Mazdajasnier :  es  gibt  nur  einen  Weg  der  Wahr- 


Hang:  Das  Ärdäi  Viräf  nämeh.  353 

heit,  diess  ist  der  Weg  der  'Altgläubigen'^^);  alle  andern 
Wege  sind  keine  (rechten)  Wege;  diesen  Weg  haltet 
für  die  Wahrheit;  wendet  euch  auf  keinen  andern  Weg; 
seid  gut  in  Gedanken,  Worten  und  Thaten  ;  bleibet  bei  dem 
Glauben,  den  Sapetuian  Zertoscht  von  mir  erhalten, 
und  Wischtäsp  in  der  Welt  eingeführt  hat;  haltet  euch 
an  die  Tugend,  und  enthaltet  euch  des  Lasters.  Und  dieses 
sollt  ihr  wissen,  dass  ihr  Staub  seid,  dass  der  Ochse  Staub 
ist,  und  das  Pferd  Staub  ist,  und  Gold  und  Silber  Staub  sind ; 
dass  nur  der  Körper  derjenigen  Menschen  sich  nicht  mit 
Staub  vermischt,  der  in  der  Welt  die  Wahrheit  bekannt  und 
gute  Thaten  vollbracht  hat.  Sei  du  selbst  glücklich ,  Ardäi 
Wiraf!  Ich  kenne  alle  eure  Reinheit  und  Reinigungen,  die 
ihr  vollzieht'!  Als  Wiräf  diese  Worte  vernommen  hatte,  ver- 
beugte er  sich  vor  Ormuzd,  dem  Schöpfer ;  hiernach  verschwand 
Serosch  und  Wiraf  befand  sich  wieder  auf  seinem  Sitze. 
Mit  den  Worten :  'möge  der  Glanz  der  mazdajasnischen 
Religion  siegreich  sein!'  schliesst  das  Buch. 

Vergleichen  wir  nun  den  Inhalt  des  Pope'schen  ^rf?oi  Viraf 
mit  dem  Original,  dessen  Inhalt  hier  in  ziemlicher  Ausführlich- 
keit mit  keinen  für  die  Hauptpunkte  der  Vergleichung  irgendwie 
wesentlichen  Auslassungen  angegeben  ist,  so  stellt  sich  sofort  ein 
ziemlich  bedeutender  Unterschied  heraus.  Vor  allem  weichen 
der  Anfang  und  das  Ende  in  beiden  Büchern  sehr  bedeutend  ab. 
Nach  der  Pupe'schen  Version  beruft  ArdeschirBäbegän  ein  Concil 
von  400.000  Feuerpriestern,  die  in  immer  enger  werdenden 
Scrutinien  stark  reduzirt  werden ,  bis  schliesshch  nur  einer 
übrig  bleibt,  der  die  Entscheidung  zu  geben  hat.  Das  Ori- 
ginal weiss  nichts  von  Ardeschir  Bäbegän  und  seiner  Berufung 
des  Concils ;  überhaupt  ist  nicht  einmal  ein  König  erwähnt. 


31)  So  übersetzte  ich  paoiryo-dkaesha,  bekanntlich  ein  Name  der 
Zoroastrier.  Er  bezeichnet  dieselben  im  Gegensatze  zu  spätem  Reli- 
gionen, wie  dem  Buddhismus. 


354       Sitzung  der  philos.-phüöl.  Classe  vom  5.  Mars  1870. 

ebensowenig  ist  die  Zahl  der  zum  Concil  versammelten 
Priester  und  Gläubigen  angegeben.  Es  ist  nur  gesagt,  dass 
zur  Herstellung  der  Reinheit  des  zoroastrischen  Glaubens  ein 
Concil  in  einen  Feuertempel  berufen  worden  sei ;  dass  auf 
diesem  der  Beschluss  gefasst  worden  sei,  einen  seiner 
Priester  in  die  andere  Welt  zu  schicken,  um  eine  neue  Offen- 
barung zu  erhalten.  Zu  diesem  unangenehmen  Wagestück 
wollte  sich  keiner  freiwillig  entschliessen;  einer  musste  durch's 
Loos  bestimmt  werden,  und  auch  er  unterzog  sich  nur 
ungern  der  Reise  in  die  überirdischen  Regionen.  Diese  wird 
durch  den  Genuss  eines  Narcotikums  bewirkt. 

Diess  mahnt  ganz  an  das  Schauianenthum,  und  wir 
begegnen  hier  einem  Gebrauch  bei  den  Zoroastriern,  der 
sicherlich  nicht  altarisch,  aber  auch  nicht  semitisch  ist,  und 
der  von  den  Turanieru  entlehnt  zu  sein  scheint.  Alle  diese 
Vorgänge  sind  in  der  Pope'schen  üebersetzung  theils  falsch, 
theils  verworren  dargestellt,  sodass  man  eigentlich  gar  nicht 
weiss,  um  was  es  sich  handelt. 

Was  nun  die  Visionen  selbst  anlangt,  so  finden  sich  im 
Original  keine  sieben  Himmel  erwähnt,  wie  bei  Pope,  sondern 
eigentlich  nur  vier,  wie  sie  sich  in  allen  traditionellen  Schriften 
finden,  nämlich  die  Sternen-,  Mond-  und  Sonnensphäre,  und 
das  eigentliche  Paradies,  Gorotman  genannt.  Hamestän 
oder  Hamestegän  (s.  oben)  das  bei  Pope  als  erster  Himmel 
gilt,  ist  gar  keiner,  da  es  den  Zwischenzustand  zwischen 
Himmel  und  Hölle  bezeichnet.  Das  asar  roslmik  d.  h.  das  an- 
fangslose Licht  ist  im  Original  als  gar  kein  Himmel  bezeichnet; 
es  scheint  nur  ein  Theil  des  Gorotman  zu  sein.  —  Der  Schluss 
des  Buches  weicht  im  Original  ebenfalls  bedeutend  von  der  Pope'- 
schen üebersetzung  ab.  Das  Original  weiss  nichts  davon,  dass  der 
König  befohlen  habe  die  Offenbarungen  des  Wiräf  überall  zu  ver- 
breiten, und  dass  Adarbat  Mahrespand  sie  später  durch 
ein  Wunder  bekräftigt  habe.  Das  Original  setzt  in  der  Ein- 
leitung das  Wunder  Mahrespands  vor  die  Zeit  Wiräfs. 


Hang :  Das  Arääi  Viräf  nämeh.  35  5 

Im  Ganzen  genommen  ist  das  Original  viel  einfacher; 
dagegen  enthält  die  Pope'sche  Version  viele  rhetorische  und 
poetische  Ausschmückungen,  namentlich  in  der  Beschreibung 
des  Paradieses,  vfelche  dem  Originale  fast  ganz  mangeln.  Auch 
finden  sich  nicht  die  langen  Gespräche,  die  Wiräf  mit  seinen 
Begleitern  hat.  Bei  Pope  sieht  man  überall  deutlich  moha- 
medanisclien  Einfluss.  Daher  kann  sein  Werk  auch  für  gar 
keine  Wiedergabe  des  Originals  gelten,  und  ist  demnach  völlig 
bedeutungslos  für   die  Frage  nach  der  Herkunft  des  Buches. 

Ehe  ich  zu  der  Himmelfahrt  des  Jesaja  übergehe  muss 
ich  noch  einige  Bemerkungen  über  das  wahrscheinliche  Alter 
des  Ardäi-Viräf-nämeh  machen.  Im  Buche  selbst  finden 
sich  keine  bestimmten  Anhaltspunkte  über  die  Zeit,  in  der 
es  verfasst  wurde.  Die  einzige  Notiz  von  einiger  Bedeutung 
ist  die  Erwähnung  von  Adarbat  Mahrespan d  in  der 
Einleitung.  Er  lebte  nach  der  parsischen  Tradition  zur 
Zeit  Schapurs  II,  also  im  4.  nachchristlichen  Jahrhundert. 
Diese  Tradition  scheint  richtig  zu  sein,  da  in  einer  Prokla- 
mation des  Königs  Khosru  Parwiz^^)  zur  Zeit  Schäpür's 
ein  Adarbat  lebte,  der  sich  für  bie  Reinigung  der  zoro- 
astrischen  Religion  die  grössten  Verdienste  erwarb.  Mahres- 
pan d,  nach  der  Sitte  der  parsischen  Namengebung,  der  Name 
seines  Vaters,  ist  zwar  nicht  genannt,  aber  da  er  der  be- 
rühmteste Adarbat  ist,  und  namentlich  seine  Verdienste 
um  die  zoroastrische  Religion  stets  hervorgehoben  werden, 
so  kann  über  die  Identität  beider  gar  kein  Zweifel  herrschen. 
Nun  Adarbat  Mahrespand  ist  in  der  Einleitung  als  ein  Vor- 
gänger Wiräf s  genannt;  letzterer  hat  also  später  gelebt. 
Da  in  der  bereits  erwähnten  Proclamation  des  Khosru 
Parwiz  die  Nothwendigkeit  hervorgehoben  wird,  dass  man 
die    himmlischen    Geister    fragen    müsse,    um    die    Religion 


32)  Ich  habe  einen  Theil  davon  im  Anhang  zu  meinem  Essay  ort 
the  Pahlavi  language  mitgetheilt. 


356       Sitzung  der  pMos.-pMlöl.  Classe  vom  5.  März  1870. 

wieder  herzustellen,  und  diess  der  Hauptzweck  von  Ardäi 
Wiräf  s  Sendung  in  die  andere  Welt  ist,  so  hat  die  Annahme, 
dass  er  unter  Khosru  Parwiz,  also  im  sechsten  nachchrist- 
lichen Jahrkundert  gelebt  habe,  einige  Wahrscheinlichkeit 
für  sich.  Auf  alle  Fälle  stammt  das  Original  aus  vormoha- 
medanischer  Zeit. 

Gehen  wir   nun    zu    der    sogenannten  Himmelfahrt  des 
Jesaja    über ,     dem    Apocryphon ,    das    unter    dem    Namen 
dvaßarixdv  '^Höaiov    öfter   von    den   Kirchenvätern    erwähnt 
wird.     Diese    interessante  Schrift  war,    wie    es  scheint,    ur- 
sprüuglich  griechisch  abgefasst ;  sie  ist  aber  im  griechischen 
Original  nicht  mehr  ganz  erhalten.     Vollständig  besitzen  wir 
sie  nur,  wie  so  manche  andere  wichtige  apokryphische  Schrift 
(so    z.  B.    das    Buch    Henoch ,    das  Buch   der   Jubiläen)  in 
äthi  epischer  üebersetzuug.    Diese  wurde  von  Dr.  Eichard 
Laurence    im   Jahr    1819    zu   Oxford    mit    einer   wörtlich 
lateiuibchen  und  einer   freien   englischen  üebersetzuug  nebst 
werthvollen   allgemeinen  Bemerkungen  über   Alter  und  Her- 
kunft   des   Buches    herausgegeben,^^)     Dieses    Werk    bildet 
fast  die  einzige  Quelle,    aus    der  wir   unsere   Kenntuiss   von 
der  Himmelfahrt  des  Jesaja  zu  schöpfen  haben.     Es  besteht 
aus   elf  Kapiteln,    die   in   zwei    gesonderte    Theile  zerfallen, 
a)  Kapp.  1 — 5,  b)  6 — 11.     Es  ist  augenscheinlich  von  einem 
Judenchristen  zur  Zeit  einer  Christenverfolgung  verfasst,    da 
man  überall  die  Noth  und  das  Elend,  in  dem    die  Christen 
waren,  herausmerkt.    Laurence  setzt  seine  Entstehung  zwischen 
die  Jahre  68  und  69  a.  Chr.,  kurz  nach  Nero's  Tode.     Seine 
Annahme  scheint  richtig  zu  sein,  da  auf  Nero  ganz  deutlich 
angespielt  ist.     Denn  im  4.  Kapitel  ist  von  einem  gottlosen 


33)  'Ergata  'Isäyeyäs  nabiye.  Ascensio  Isaiae  vatis  opus- 
culum  pseudepigraplium ,  multis  abhinc  seculis,  ut  videtur,  deper- 
ditum,  nunc  autem  apud  Aethiopas  compertum,  et  cum  versione  latina 
aiiglicanaque  public!  juris  factum  a  Ricardo  Laurence  LL.  D. 
etc.  Oxonii  1819. 


Hang:  Das  Ärdäi  Viräf  nameh.  357 

Monarchen  die  Rede  in  dem  sich  der  Satan,  welcher  hier 
ßerial  (eine  Verderbung  von  Belial)  heisst,  verkörpert  hat; 
er  ist  der  'Mörder  seiner  Mutter';  seine  Gewalt  hat  die 
Dauer  von  drei  Jahren,  sieben  Monaten  und  siebenund- 
zwanzig Tagen;  332  werden  noch  bis  zur  Ankunft  Christi 
gezählt. 

Der  Verfasser  will  sich  und  seine  Leidensgenosseu  mit 
der  Erwartung  der  baldigen  Ankunft  Christi  trösten,  der  die 
Macht  Berial's  vernichten  wird.  Er  knüpft  an  eine  jüdische 
Sage  an,  die  schon  im  Talmud  sich  findet,  dass  der  Prophet 
Jesaja  von  Manasse  zersägt  worden  sei;  hier  heisst  es, 
dass  diess  mit  einer  'hölzernen  Säge'  geschehen  sei,  welcher 
Umstand  in  den  jüdischen  Quellen,  soweit  sie  bekannt  sind, 
nicht  vorkommt. 

Der  Gedanke  den  Propheten  zu  ermorden ,  wurde  dem 
Könige  Manasse  von  Berial,  der  in  seinem  Herzen  wohate, 
eingegeben;  sein  Rathgeber  war  Belkirah,  eine  Verkörperung 
des  Samael,  was  ebenfalls  ein  Name  des  Teufels  ist.  Der 
Grund,  dass  der  Teufel  Manasse  zu  einer  so  bösen  That 
veranlasste ,  sei  Jesaja's  Prophezeiung  von  der  Ankunft  des 
Sohnes  Gottes  im  Fleische  und  der  Zerstörung  der  Macht 
Berials  durch  ihn  gewesen.  Nachdem  im  Allgemeinen  die 
Weissagungen  Jesaja's  über  die  beiden  Erscheinungen  Christi 
und  die  Verfolgungen  der  Christen  mitgetheilt  sind  (Kapp.  1 — 5) 
kommt  nun  eine  eingehende  Beschreibung  der  Vision 
(Kapp.  6—11). 

Der  visionäre  Zustand  tritt  ein  in  Gegenwart  des  Königs 
Hiskia,  der  Fürsten  von  Israel,  der  königlichen  Beamten  und 
Räthe ;  etwa  dreissig  Propheten  und  seine  Söhne  sind  ebenfalls 
anwesend.  Eine  Pforte  öffnet  sich ;  die  Stimme  des  heiligen  Geistes 
wird  gehört  (6,  6) ;  alle  Anwesenden  fallen  auf  ihre  Knie  und  ver- 
ehren ihn.  Die  Augen  des  Propheten  bleiben  offen,  sein  Mund 
schweigt ;  er  athmet,  aber  sieht  die  Männer  nicht,  die  vor  ihm 
stehen.  Ein  Engel  des  siebenten  Himmels  war  geschickt,  um  ihm 


358       Sitzung  der  philos.-phüöl.  Classe  vom  5.  März  1870. 

ein  Gesicht  zu  zeigen.  Jesaja  theilt  die  Vision,  die  er  hatte, 
dem  Hiskia,  seinem  Sohne  Joscheb  und  einigen  Propheten 
mit;  sie  wurde  aber  geheim  gehalten  und  nicht  unter  dem 
Volke  verbreitet. 

Jesaja  beschreibt  die  Glorie  des  Engels,  der  ihm  als 
Führer  erschien  als  grösser,  wie  die  aller  andern  Engel,  die  er 
je  gesehen.  Der  Engel  ergriff  ihn  bei  der  Hand.  Jesaja 
fragte  ihn  dann,  wer  er  sei,  wie  er  heisse,  und  wohin  er 
ihn  führen  wolle.  Der  Engel  sagte:  wenn  ich  dich  hinauf- 
geführt, und  das  Gesicht  dir  gezeigt  habe,  so  wirst  du  wissen, 
wer  ich  bin  und  wesswegen  ich  geschickt  wurde  (7,  4).  In 
seiner  Auffahrt  in  die  himmhschen  Regionen  gelangte  er 
zuerst   zum    Firmament   {mesnä  =  Hebr.  J^''p'7).     Hier   sah 

er  Samael  und  seine  Mächte.  Da  war  blutiger  Kampf  und 
Streit.  Auf  Jesaja's  Frage,  was  das  für  ein  Streit  sei,  ant- 
wortete sein  Führer,  dass  es  seit  Anfang  der  Welt  so  ge- 
wesen, und  nicht  eher  aufhören  werde,  bis  Mer  kommt,  den 
du  sehen  wirst',  nämlich  Christus.  Hierauf  Hess  der  Engel 
den  Propheten  über  das  Firmament  hinauf  in  den  ersten 
Himmel  steigen.  Hier  sah  er  einen  Thron  und  rechts  und 
links  davon  Engel.  Die  Engel  auf  der  rechten  Hand  waren 
viel  glänzender  als  die  auf  der  linken.  Sie  priesen  alle 
Gott  mit  lauter  Stimme;  aber  die  Stimme  derer,  die  auf 
der  linken  Seite  standen,  war  nicht  so  schön,  wie  die  der 
auf  der  rechten  Stehenden,  noch  ihr  Glanz  so  stark. 

Der  Prophet  wurde  dann  vom  ersten  in  den  zweiten 
Himmel  geführt;  auch  hier  waren  Engel  zur  Rechten  und 
Linken;  der  welcher  auf  dem  Throne  sass,  war  glänzender, 
als  alle  andern.  Jesaja  wollte  den,  der  auf  dem  Throne 
sass,  anbeten ;  aber  der  ihn  begleitende  Engel  wehrte  ihm 
diess  zu  thun.  Von  da  wui'de  er  in  den  dritten,  vierten  und 
fünften  Himmel,  von  denen  der  folgende  stets  über  dem  vor- 
hergehenden lag,  geführt.  In  allen  war  ein  Thron  in  der 
Mitte,  und  ebenfalls  Engel  zur  rechten  und  linken  Seite  des- 


Haug:  Das  Arääi  Viräf  nämeh.  359 

Beiben,  nur  war  der  Glanz  jedes  folgenden  Himmels  grösser 
als  der  des  vorhergehenden. 

Vom  fünften  Himmel  gelangte  der  Prophet  in  den 
Aether  {ayar)  des  sechsten  Himmels  und  dann  in  den  sechsten 
Himmel  selbst.  Hier  war  grosser  Glanz,  und  die  Engel  in 
grosser  Glorie;  da  war  kein  Thron  und  keine  linke  Seite; 
alles  war  verknüpft  mit  dem  siebenton  Himmel.  Der  Engel, 
der  ihn  begleitete,  theilt  ihm  die  Erscheinung  Christi  mit. 
Die  Engel  lobten  die  Dreieinigkeit. 

Der  Prophet  wurde  nun  in  den  siebenten  Himmel, 
welches  der  höchste  von  allen  ist,  geführt.  Als  er  in  dem 
Aether  desselben  angekommen  war,  hörte  er  eine  Stimme, 
die  ihm  den  Eintritt  verwehren  wollte.  Da  erklang  aber 
eine  andere,  die  ihm  den  Eingang  gestattete,  weil  'sein 
Gewand'  dort  sei,  er  also  wie  ein  zukünftiger  Bewohner  des 
Himmels  zu  betrachten  sei.  Sein  Begleiter  sagte  ihm,  dass 
der,  welcher  ihm  die  Erlaubniss  gegeben  in  den  siebenten 
Himmel  zu  steigen,  der  Herr  Christus  sei,  der  in  der  Welt 
'Jesus*  heissen  werde.  Hier  war  unermesslicher  Lichtglanz 
und  viele  Engel  von  Adam  an,  Abel,  Henoch  und  andere 
Heiligen,  Sie  sassen  auf  keinen  Thronen ,  noch  hatten  sie 
Kronen  auf;  sie  hatten  aber  himmlische  Kleidung.  Auf  die 
Frage  Jesaja's,  warum  die  Engel  zwar  ihre  Gewänder  an- 
hätten ,  aber  nicht  Kronen  trügen ,  und  auf  keinen  Thronen 
Bässen,  antwortete  der  Engel,  dass  sie  die  Kronen  und  Throne 
noch  nicht  angewiesen  erhalten  hätten;  diess  würde  erst 
geschehen,  wenn  'der  Geliebte*  Fleisch  geworden. 

Jetzt  folgt  die  Weissagung  von  Christi  Menschwerdung. 
Er,  der  Sohn  Gottes,  werde  Menschengestalt  annehmen.  Die 
Menschen  werden  Hand  an  ihn  legen,  und  ihn  an  einen 
Baum  aufhängen,  die  Menschen  werden  nicht  wissen  wer  er 
sei!  Auch  die  Himmel  wüssten  es  nicht.  Nun  folgt  die 
Prophezeiung  von  seiner  Auferstehung,  nach  welcher  er  noch 
545  Tage  in  der  Welt  sein  werde;   nach  Verfluss   derselben 


360        Sitzung  der  phüos.-philol.  Classe  vom  5.  März  1870.  ■ 

werde  er  zum  Himmel  aufsteigen,  gefolgt  von  vielen  Heiligen. 
Dann  erst  würden  die  Kronen  und  Throne  ausgetheilt  werden. 
Hier  im  siebenten  Himmel  sei  alles  bekannt,  was  auf  der 
Erde  geschehe.  Nun  wurden  dem  Propheten  von  einem  sehr 
glänzenden  Engel  Bücher  gezeigt.  Jesaja  las  sie;  die  Thaten 
der  Israeliten  waren  darin  verzeichnet.  Er  sah  dass  dort 
viele  Gewänder,  Kronen  und  Throne  reservirt  waren.  Auf 
seine  Frage  nach  den  Eigenthümern  derselben  erhielt  er  zur 
Antwort ,  dass  sie  vielen  in  der  Welt  gehören ,  die  ihren 
Glauben  von  Christus  empfangen  würden.  Unter  den  vielen 
Engeln,  die  der  Propliet  hier  sah,  erblickte  er  einen,  der 
an  Glorie  alle  andern  übertraf,  und  vor  dem  sicli  alle  Engel 
und  Heiligen  verbeugten  ,  darunter  Adam.  Abel,  Seth.  Der 
Engel  sagte  ihm,  dass  diess  der  Herr  aller  Glorie  sei,  die 
er  gesehen  habe.  Er  sah  darauf  den  Engel  des  heiligen 
Geistes,  den  die  Engel  ebenfalls  anbeteten.  Darauf  strahlte 
ihm  ein  solcher  Lichtglanz  entgegen,  dass  er  nicht  mehr 
sehen  konnte;  auch  die  Engel  konnten  nur  mit  grosser  An- 
strengung sehen.  Der  Herr  und  der  Engel  des  heiligen 
Geistes  kamen  zu  Jesaja  und  sagten  ihm :  Siehe,  Dir  ist  ge- 
stattet, Gott  zu  sehen.  Beide,  Christus  und  der  heilige  Geist 
beteten  Gott  an.  Nun  hörte  Jesaja  die  Worte,  die  Gott 
zu  Christus  sprach:  'Geh  durch  alle  Himmel  hinab,  zum 
Firmament,  in  die  Hölle ;  nimm  die  Gestalt  aller  derer  an, 
die  in  den  fünf  Himmeln  sind,  auch  die  der  Engel  des 
Firmaments;  sie  sollen  nicht  wissen,  dass  du  der  Herr  der 
sieben  Himmel  bist;  du  sollst  den  sechsten  Himmel  ver- 
grössern,  und  alle  Fürstenthümer  vernichten  und  herrschen; 
mit  Glanz  sollst  du  aber  aufsteigen'.  Nun  sah  Jesaja,  wie 
Christus  vom  siebenten  in  den  sechsten  Himmel  und  schliesslich 
auf  die  Erde  herabstieg.  Auch  sah  er  die  Jungfrau  Maria,  wie  ji 
sie  dem  Joseph  angetraut  wurde. 

Nun   kommt   ein   kurzer  Abriss  der  Geschichte   Christi 
nach  den  Evangehen,  alles  in  das  Gewand  einer  Vision  ge- 


Saug:  Das  Ardäi  Viräf  nämeh.  361 

kleidet.    Jesaja  sah  sogar,  wie  Christus  wieder  in  den  Himmel 
auffuhr  und  seineu  Sitz  zur  Rechten  Gottes  einnahm. 

Diess  ist  der  wesentliche  Inhalt  des  zweiten  Theils  der 
'Himmelfahrt  des  Jesaja',  der  hier  allein  in  Betracht  kommt. 
Ich  habe  namentlich  diejenigen  Punkte  mit  Ausführlichkeit 
wiedergegeben ,  die  bei  einer  Vcrgleichung  mit  dem  Ardäi 
Wiräf  nämeh  in  Betracht  kommen  könnten.  Wie  jeder  Leser 
leicht  sehen  wird,  dürfte  es  schwer  sein,  zwischen  beiden 
Werken  irgend  welche  speziellen  Berührungspunkte  zu  finden, 
wie  sie  nothweudig  vorhanden  sein  müssen ,  wenn  man  das 
eine  von  dem  andern  ableiten  will.  Das  Einzige,  was  beiden 
gemeinsam  ist,  das  ist  der  Umstand,  dass  beide,  Jesaja  und 
Wiiäf,  die  himmlischen  Regionen  durchwanderten,  deren  Glanz 
sich  gradweise  steigert.  Nach  der  'Himmelfahrt  des  Jesaja' 
liegen  die  Himmel  übereinander;  man  muss  in  sie  hinauf- 
steigen. Im  Original  des  Wiräf  nämeh  ist  nichts  darüber 
angegeben,  ob  die  Himmel  nebeneinander  oder  übereinander 
hegen.  Die  Zahl  der  Himmel  ist  in  beiden  Werken  ver- 
schieden; die  'Himmelfahrt*  hat  sieben,  das  Original  des 
Wiräf  dagegen  nur  vier.  Die  Pope'sche  Version  hat  zwar 
sieben,  was  von  einer  spätem  in  mohamedanischer  Zeit  er- 
folgten Bearbeitung  des  Werks  herrührt,  in  der  sich  spätere 
Anschauungen  geltend  machten,  die  aber  für  die  Herkunft 
des  Originals  keine  Beweiskraft  haben  können.  Das  Wiräf 
nämeh  weiss  auch  nichts  von  Herrschern  über  die  einzelnen 
Himmel,  noch  von  Engeln,  die  auf  der  rechten  und  linken 
Seite  des  Thrones  stehen,  was  ein  charakteristisches  Merkmal 
der  Jesajanischen  Himmel  ist.  Das  Wiräfbuch  hat  eine 
Höllenfahrt,  während  eine  solche  in  der  'Himmelfahrt  Je- 
saja's'  gar  nicht  vorkommt.  Jesaja  sieht  nur  am  Firmament 
die  teuflischen  Mächte  mit  einander  kämpfen ;  aber  von  einer 
Bestrafung  für  die  einzelnen  auf  der  Erde  begangenen  Sünden 
und  Verbrechen,  wie  sie  im  Wiräfbuche  enthalten  ist,  ist 
nirgends  etwas   zu   finden.     Die  religiösen  Anschauungen  in 


362        Sitzung  der  philos.-philol.  Glosse  vom  5.  März  1870. 

beiden  Büchern  sind  ganz  verschieden  ;  das  Wiräfbuch  be- 
wegt sich  in  zoroastrischeu  Ideen,  während  die  'Himmelfahrt* 
nur  spezifisch  cliristliche  Anschauungen  enthält.  Hätte  eine 
Entlehnung  des  Wiräfbuches  von  der  'Himmelfahrt'  statt- 
gefunden, so  müssten  wir  darin  sicherlich  einige  Anspielungen 
auf  das  Christenthum  finden;  es  ist  aber  nirgends  auch  nur 
die  leiseste  Spur  vorhanden. 

Wir  dürfen  es  desswegen  getrost  als  eine  unumstössliche 
Thatsache  aussprechen,  dass  das  Wiräfbuch  ganz  unaljhängig 
von  christlichen  Einflüssen  ist,  uud  dass  Spiegel's  gegen- 
theilige  Ansicht  aller  und  jeder  Begründung  entbehrt,  die 
sich  nur  aus  dem  Umstände  erklären  lässt,  dass  er  das 
Original  des  Wiräfbuches  nicht  einmal  gelesen  hatte ,  und 
auch  der  Lektüre  der  'Himmelfahrt'  nur  geringe  Aufmerk- 
samkeit geschenkt  zu  haben  scheint. 

Ebensowenig  hat  das  Buch  eine  nähere  Verwandtschaft 
mit  andern  Visionenbüchern  des  jüdischen  uud  christlichen 
Alterthums,  aus  denen  man  es  zwar  noch  nicht  abgeleitet 
hat,  aber  bei  der  grossen  Oberflächlichkeit,  mit  welcher 
derartige  Fragen  in  der  gegenwärtig  so  schreibseHgen 
Zeit  behandelt  werden ,  leicht  ableiten  könnte.  Ich  nenne 
hier  die  'Geschichte  von  Rabbi  Josua  ben  Lewi* 
(^1^  ]D  yi^in^  'D"l  nifyo  ^*).  Diess  ist  die  Schilderung  einer 
Reise  des  Rabbi  Josua  ben  Lewi  (aus  dem  3.  Jahrb.  n.  Chr.) 
durch  Himmel  und  Hölle.  Die  Beschreibung  des  Paradieses 
ist  in  mehreren  Recensionen  vorhanden ,  die  Abweichungen 
zeigen.  Die  vollständigere  llecension  begreift  auch  die  Höllen- 
fahrt in  sich.  Der  Inhalt  ist  kurz  folgender.  Als  Rabbi 
Josua  ben  Lewi  von  dieser  Erde  in  das  Jenseits  abberufen 
werden  sollte,  gab  Gott  dem  Engel  des  Todes  den  Auftrag, 


34)  Siehe  A.  Jellinek,  B et- hamidrasch,  II  pag.  XVIII— XXI, 
(Einleitung),  und  48  —  53  (hebräischer  Text). 


Hang:  Bas  Ardäi  Viräf  ndmeh.  ,363 

zu  dem  Rabbi  zu  gehen,  und  ihn  nach  seinen  Wünschen  zu 
fragen.  Der  Rabbi  verlangte  von  dem  Engel ,  dass  er  ihm 
noch  ehe  er  sterbe,  seinen  künftigen  Wohnort  im  'Garten 
Eden*  zeigen  solle.  Der  Engel  willfahrte  seinem  Wunsche. 
Da  der  Rabbi  durch  das  Schwert,  welches  der  Todesengel 
trug,  erschreckt  wurdi-,  so  bat  er,  es  ihm  einstweilen  zu 
geben,  was  der  Engel  auch  that.  Als  sie  bei  den  Mauern 
des  Gartens  von  Eden  angekommen  waren ,  stellte  er  ihn 
auf  die  Mauer  und  sagte  zu  ihm  :  sieh  deinen  Ort  im  Garten 
Eden.  Der  Rabbi  fiel  von  der  Mauer  in  den  Garten.  Der 
Engel  des  Todes  fasste  ihn  an  einem  Flügel  seines  Gewandes, 
und  sagte  ihm,  er  solle  weggehen.  Aber  der  Rabbi  weigerte 
sich  dieser  Aufforderung  zu  gehorchen  und  bekräftigte  diese 
Weigerung  mit  einem  Schwüre.  Die  diensttliuenden  Engel 
zeigten  dieses  unberufene  Eindringen  des  Rabbi  Gott  an,  der 
ihm  wegen  seines  Schwures  zu  bleiben  erlaubte.  Der  Engel 
des  Todes  verlangte  sein  Schwert  zurück,  das  ihm  der  Rabbi 
unter  gewissen  Bedingungen  zurückgab.  Der  Rabbi  wird 
endlich  von  einem  andern  Rabbi,  Gamaliel,  dem  der  Todes- 
engel  seine  Begegnisse  mit  Josua  ben  Lewi  gemeldet  hatte, 
ausgeschickt,  um  nachzuforschen,  ob  im  Garten  Eden  auch 
Heiden,  und  in  Gehinnom  auch  Israeliten  seien.  Nun  durch- 
wanderte der  Rabbi  Himmel  und  Hölle.  Er  durchsuchte 
die  sieben  Häuser  des  Gartens  Eden,  die  dann  mit  ihren 
Insassen  beschrieben  sind.  Im  ersten  Hause  waren  die 
Fremdlinge  ( Cl^) ,  die  unter  den  Israeliten  als  Gäste  und 
Beisassen  gewohnt  hatten.  —  Das  zweite  Haus  war  von 
Silber,  und  die  Wunde  von  Cedernholz;  hier  waren  die- 
jenigen Israeliten ,  die  sich  gebessert  und  ihre  Sünden  be- 
reut hatten  (riDlUTl  ^bv^)]  auch  Manasse  war  darunter.  — 
Im  dritten  Hause,  das  von  Silber  und  Gold  gebaut  war, 
waren  Abraham ,  Isaak  und  Jakob  und  alle  Israeliten ,  die 
aus  Aegypten  gezogen  und  die,  welche  in  der  Wüste  auf- 
gewachsen waren,  sowie  alle  Prinzen  ausser  Absalom ;  femer 


364       Sitzung  der  philos.'philol.  Classe  vom  5.  März  1870. 

waren  da:  David,  Salomo,  die  Könige  Juda's,  ausser  Manasse; 
ferner  Moses  und  Aharon.  Auch  waren  dort  verschiedene 
goldene  und  silberne  Gefässe,  Spezereien,  Edelsteine,  Stäbe, 
Throne,  Leuchter  u.  s.  w.  —  Im  vierten  Hause  waren  die 
vollendeten  Gerechten  und  Treuen,  —  Im  fünften  Hause, 
das  auf  das  kostbarste  ausgestattet  ist  (mit  Stoffen,  wie  sie 
in  der  Stiftshütte  waren) ,  wo  die  Purpurdecken  von  Eva's 
Hand  und  die  Ziegenfelldecken  von  den  Händen  der  Engel 
zubereitet  sind,  wohnte  der  Messias;  er  ruhte  auf  einein 
Bette,  dessen  Stangen  von  Cedernholz  waren.  Bei  ihm  ist 
Zerubabel.  Mose,  Aharon,  David,  Salomo  u.  s.  w.  besuchen 
ihn  an  mehreren  Tagen  in  der  Woche,  und  sprechen  von 
dem  nahen  Ende.  Der  Rabbi  Josua  näherte  sich  ihm  eben- 
falls. Der  Messias  fragte  ihn:  was  niachen  die  Israeliten  in 
der  Welt,  aus  der  du  gekommen  bist?  Er  gab  ihm  zur 
Antwort:  sie  erwarten  dich  jeden  Tag;  da  fing  der  Messias 
zu  weinen  an.  —  Im  sechsten  Hause  wohnen  die,  welcije 
wegen  des  Gesetzes  gestorben  sind  (also  die  Märtyrer).  — 
Im  siebenten  Hause  sind  die,  welche  an  Krankheiten  in 
Folge  der  Bedrückungen  der  Israeliten  gestorben  sind. 

Nun  folgt  eine  kurze  Höllenfahrt.  Hier  sind  ebenfalls 
verschiedene  Häuser,  in  denen  die  Verdammten  wohnen. 
Sie  werden  mit  Feuer  gebrannt.  Unter  ihnen  ist  Absalom, 
der  rebellische  Sohn  Davids. 

Jeder  Leser  sieht  leicht,  dass  der  Inhalt  auch  dieses 
Buchs  so  verschieden  von  dem  des  Wiräf  nämeh  ist,  dass 
an  eine  etwaige  Herleitung  des  letzteren  von  dem  erstem 
nicht  im  entferntesten  gedacht  werden  kann.  Ebensowenig 
lässt  sich  eine  nähere  Verwandtschalt  mit  der  'Himmel-  und 
Höllenfahrt  des  Moses' '^)  und  der  ganz  späten  'Apokalypse 
des  Esra'  ^^)  nachweisen.  Dagegen  finden  sich  einige  un- 
zweifelhafte Berührungspunkte  mit  Dante's  Divina  Commedia, 
die  indess  nur  zufällig  sind,  da  nicht  anzunehmen  ist,  dass 
Dante  das  Wiräf  nämeh  gekannt  hat. 


35)  S.  Jellinek  a.  a.  0.,  IL,  pag.  XIX  — XX. 

36)  Äpocalypses  apocryphae  ed.  Tischendorf,  S.  24— 33. 


Sitzung  der  phüos.-phüol  Classe  vom  5.  März  1870.        365 

Herr  Hofiuann  legt  vor: 

a)  ein  von  ihm  aus  einer  Handschrift  des  hiesigen  Reichs- 
archivs abgeschriebenes  althochdeutsches  Bruchstück 
des  Notker  Teutonicus  de  octo  tonis,  aus  dem 
sich  wesentliche  Verbesserungen  des  Abdrucks  bei 
Hattemer  ergeben ; 

b)  eine  Abschrift  des  Spruchgedichts  von  Hans 
Schneider  über  den  im  Jahre  1478  hingerichteten 
Bürgermeister  Ulrich  Schwarz  von  Augsburg  aus 
dem  Cod.  germanicus  379  der  hiesigen  Staats- 
bibliothek. 

Beide  Abhandlungen  erscheinen  sjDäter. 


Historische  Classe. 

Sitzung  vom  5.  März  1370. 


Herr    Cornelius    hielt    einen  Vortrag    (als    Ergänzung 
zu  einer  früheren  Abhandlung) 

,,üeber  den  Plan  Heinrich's  IV.  gegen  das  Haus 
Habsburg,  insbesondere  über  die  Ergebnisse 
der  diplomatischen  Verhandlungen,  welche 
Heinrich  zum  Zweck  seines  Angriffs  auf 
Spanien  geführt  hat  1609  —  1610." 


Herr  v.  Hefner-Alteneck  theilte  einen  künstlerisch 
ausgestatteten  Panegyrikus  des  Palonius  Marcellus  auf 
Kaiser  Max  I.  als  Retter  Italiens  mit. 


[1870. 1.  3.]  24 


366  Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 


Oeffentlicbe  Sitzung  der  k.  Akademie  der  Wissen- 
schaften 

zur  Erinnerung  des  111.  Stiftungstages 
am  28.  März  1870. 


Nach  den  einleitenden  Worten  des  Vorstandes,  Herrn 
Geheimen  Raths  Baron  von  Liebig,  widmeten  die  Herren 
Classensekretiire  den  im  letzten  Jahre ,  beziehungsweise  (in 
der  I.  und  HI.  Classe),  auch  den  im  Jahre  1868  verstorbenen 
Mitgliedern  folgende  Denkreden : 


a)  Der   Sekretär  der   philos.-philoi.   Classe  Herr  Karl 
Halm: 

Gnstav  Friedrich  Waagen 

wurde  zu  Hamburg  am  11.  Februar  1794  geboren,  wo  sein 
Vater,  ein  Alaler,  sich  als  Zeichnenlehrer  niedergelassen  hatte. 
Da  sich  dieser  später  nach  Schlesien  zurückzog,  erhielt  der 
junge  Waagen  seine  Schulbildung  auf  dem  Gymnasium  zu 
Hirschfeld  und  hatte  eben  seine  üniversitätsstudien  zu  Breslau 
begonnen,  als  er  durch  die  Theilnahme  an  den  Befreiungs- 
kriegen in  den  Jahren  1813  und  14  dieser  friedlichen  Be- 
schäftigung auf  längere  Zeit  entzogen  wurde.     Der  Aufenthalt 


nälm:   Nekrolog  auf  Gustav  Friedrich   Waagen.  367 

in  Paris ,  wo  die  aus  aller  Herren  Länder  zusammenge- 
schleppten Kunstschätze  noch  vereinigt  waren .  wurde  für 
Waagens  künftigen  Lebensgaug  von  bestimmendem  Einflüsse; 
denn  er  reifte  in  ilim  den  Entschluss,  das  Studium  der  Kunst 
und  ihrer  Geschichte  zur  Hauptaufgabe  seines  Lebens  zu 
machen.  Schon  in  früher  Jugend  im  väterlichen  Hause 
fleissig  im  Zeichnen  geübt  und  in  Kunstbetrachtung  einge- 
weiht, hatte  er  bereits  als  Jüngling  sich  so  tüchtige  Kuust- 
kenntnisse  erworben,  dass  er  seinen  Kriegskameraden  in  dem 
Musee  Napoleon  als  kundiger  Führer  dienen  konnte,  Nacli 
dem  Feldzuge  nach  Breslau  zurückgekehrt  betrieb  er  bis 
1818  allgemeine  Studien,  besonders  historische  und  philo- 
logische, und  brachte  hierauf  mehrere  Jahre  im  südlichen 
und  westlichen  Deutschland  zu.  hauptsächlich  mit  eingehenden 
Studien  über  die  altdeutsche  Mal-^rei  beschäftigt.  Als  Schrift- 
steller machte  er  sich  zuerst  durch  eine  Abhandlung  über 
die  Mumien  in  den  Sammlungen  d^r  hiesigen  Akademie 
(1822)  bekannt,  welche  Arbeit  ihm  die  Ernennung  zum 
correspondierenden  Mitglied  der  Akademie  einbrachte.  Zwei 
Jahre  darauf  folgte  sein  schönes  Buch  über  Hubert  und 
Jan  von  Ejck  (Breslau  1822),  das  ganz  neue  Gesichtspunkte 
für  das  Verständniss  der  altdeutschen  Kunst  und  in  Be- 
handlung eines  kunstgeschichtlichen  Stoffes  eröffnete.  Trotz 
vielfacher  Mängel,  die  Waagen  selbst  später  am  besten  er- 
kannte, erregte  das  Werk  grosses  Aufsehen  und  hatte  füi 
den  Verfasser  auch  den  erfreulichen  Erfolg,  dass  es  ihm 
eine  sichere  Lebensstellung  anbahnte.  Er  erhielt  ein  Jahr 
nach  seinem  Erscheinen  einen  Ruf  nach  Berlin,  um  bei  der 
Einrichtung  des  neuen  Museums  verwendet  zu  werden ; 
schon  im  Jahre  1830  wurde  er  zum  Director  der  Eildcr- 
gallerie  des  neuen  Museums,  später  (1844)  auch  zum  Pro- 
fessor an  der  Universität  für  Kunstgeschichte  ernannt. 

Neben    der    amtlichen    Thätigkeit    wurden    die    kunst- 
geschichtlichen  Studien    rastlos    fortgesetzt    und    zu    diesem 

24* 


368  OeffenÜiche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Behufe,  nachdem  Waagen  schon  früher  eine  Kunstreise  durch 
Italien  mit  Schinkel  gemacht  hatte,  Deutschland,  Frankreich, 
die  Niederlande  und  besonders  England  nach  allen  Richt- 
ungen durchreist  und  die  Ergebnisse  der  reichen  Anschau- 
ungen in  einer  Reihe  von  Werken  veröffentlicht,  von  denen 
wir  nur  das  an  neuen  Aufschlüssen  reichhaltigste  ,,The  Trea- 
sures  of  Art  in  Great-Britain"  (London  1B54 — 57  in  4  B.) 
und  das  Handbuch  der  deutschen  und  niederländischen  Maler- 
schulen (Stuttg.  1862)  hervorheben.  Im  J.  1861  begab  sich 
Waagen  auf  Einladung  des  Kaisers  von  Russland  nach  St,  Peters- 
burg, um  bei  der  Einrichtung  der  Gallerie  der  Eremitage  mit 
seiner  reichen  Erfahrung  mitzuwirken ;  eine  zweite  Reise 
dahin  vollendete  die  Beschreibung  der  kostbaren  Sammlung. 
So  fehlte  wenig,  dass  Waagen  nicht  alle  Kunstsammlungen 
von  Europa  kennen  gelernt  und  durchforscht  hatte.  Eine 
Lücke  wurde  noch  im  Herbst  des  Jahres  1866  durch  eine 
Kunstreise  durch  Spanien  ausgefüllt;  das  letzte  Ziel  jedoch, 
auch  die  Gallerien  von  Kopenhagen  und  Stockholm  noch  kennen 
zu  lernen,  blieb  unerreicht.  Der  rastlose  Kunstforscher  starb 
so  eigentUch  auf  dem  Schlachtfelde.  Er  war  kaum  in  Kopen- 
hagen angelangt,  als  er  in  Folge  einer  Erkältung  erkrankte 
und  nach  wenigen  Tagen  am  15.  Juli  1868  verschied. 

Als  Kunstschriftsteller  gilt  Waagen  anerkanntermassen 
als  einer  der  ersten  Begründer  der  neuen,  auf  kritischer 
Grundlage  sich  bildenden  Kunstwissenschaft  und  hat  in  mehr- 
facher lieziehung  bedeutenderes  als  irgend  einer  seiner  Vor- 
gänger geleistet.  Nur  wenigen  Kunstkennern  und  Forschern 
ist  es  vergönnt  gewesen  eine  so  grosse  Anzahl  von  Samm- 
lungen zu  schauen  und  zu  studieren  ;  aber  keiner  hat  es  unter- 
nommen, so  zahlreiche  Reiseberichte  und  wissenschaftliche 
Beschreibungen  von  Sammlungen  zu  veröffentlichen.  Durch 
diese  höchst  erspriessliche  Thätigkeit  hat  Waagen  die  all- 
gemeine Kenntniss  der  überlieferten  Kunstschätze  ganz  un- 
gemein   erweitert   und   dem   gelehrten  Kenner   das    reichste 


Hofmann:   Nekrolog  auf  Franz  Pfeiffer.  369 

Material  für  kunstgeschichtliclie  Forscliungeu  unterbreitet. 
Er  war  auch  der  erste  in  Deutschland ,  der  nach  eigener 
Anschauung  die  kleineren  Meister,  insbesondere  die  hollän- 
dischen studiert  und  ihre  Charaktere  ncäher  bestimmt  hat. 
Dazu  war  die  Untersuchung  ihrer  hinterlassenen,  aber  an 
den  verschiedensten  Orten  zerstreuten  Werke  wesentliche 
Bedingung.  Das  hat  Waagen  zu  einer  Zeit,  wo  bei  uns  die 
neuere  Kunst  nach  ihren  Denkmälern  noch  wenig  erforscht 
wurde,  erkannt  und  unablässig  geübt.  Da  er  ferner  durch 
die  in  so  ausgedehnter  Weise  geübte  Autopsie  sich  das 
feinste  Gefühl  für  die  Erkentniss  der  einzelnen  Stile  er- 
warb, hatte  er,  unterstützt  von  einem  sehr  treuen  Gedächtniss, 
sich  in  die  Eigenthümlichkeiten  von  Kunstepochen,  Schulen 
und  einzelnen  Künstlern  so  hineiiigelebt,  dass  er  als  Kunst- 
kritiker zu  einer  der  ersten  Auctoritäten  wurde.  Sein  scharfes 
und  sicheres  Urtheil  führte  in  der  Nomenclatur  so  mancher 
Gallerie  eine  förmliche  Revolution  herbei,  wobei  nicht  wenige 
Scheingrössen  ihr  Leben  einbüssten,  und  wenn  er  auch  bei 
eigenen  Bestimmungen  manchmal  fehlgiifif,  so  gebührt  ihm 
doch  das  unbestrittene  Verdienst,  für  viele  bedeutende  Gemälde 
die  Zeit  ihrer  Entstehung  und  die  Namen  ihrer  Künstler 
richtig  ermittelt  zu  haben. 


Franz  Pfeiffer,*) 

am  27,  Februar  1815  zu  Bettlach  bei  Solothurn  geboren, 
besuchte  dort  die  Primärschulen,  Gymnasial-  und  Lycealclassen 
und  ging  1834  nach  München,  anfänglich  um  katholische  Theo- 
logie  zu    studiren ,    welches    Fach    er  jedoch    bald   mit   der 


*)   Die  Lebensskizze    von  Fr.  PfeiiTer    und   von    Aug.  Schleicher 
hat  Hr.  Akademiker  Conrad  Hofmann  geliefert. 


370  Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Medicin  vertauschte.  Innere  Neigung  und  die  Aermlichkeit 
seiner  Verhältnisse  führten  ihn  dagegen  zu  poetischen  Ver- 
suchen und  so  wurde  er  Belletrist  und  Feuilletonist.  Neben 
seinen  medicinischen  Studien ,  die  er  fleissig ,  aber  ohne  In- 
nern Beruf  betrieb ,  hörte  er  altdeutsche  Vorlesungen  bei 
Massmann .  womit  er  die  schon  in  Solothurn  begonnenen 
Studien  fortsetzte ,  und  bald  zu  dem  Entschlüsse  kam ,  sich 
ausschliesslich  der  Germanistik  zu  widmen.  Eine  projectirte 
und  später  auch  zum  Theil  erschienene  Sammlung  mittel- 
hochdeutscher Gedichte  (hei  Göschen  in  Leipzig)  gab  ihm 
Gelegenheit,  eine  Reihe  der  bedeutendsten  Bibliotheken  zu 
besuchen  und  dabei  die  umfassende  Handschriftenkenntuiss 
zu  erwerben ,  die  die  Grundlage  seiner  späteren  gelehrten 
Thätigkeit  wurde.  Das  Unternehmen  führte  ihn  1842  nach 
Stuttgart,  wo  er  sich  bis  1846  ausschliesslich  demselben 
widmete,  in  welchem  Jahre  er  endlich  als  ünterbibliothekar 
und  Gyujnasialprofessor  eine  feste  Stelle  erhielt,  in  der  er 
bis  zu  seiner  Berufung  nach  Wien  als  ordentl.  Professor  an 
Hahn's  Stelle  verbheb  und  den  grössten  Theil  derjenigen 
Arbeiten  theils  publicirte ,  theils  vorbereitete ,  die  seinen 
Hauptantheil  an  der  Förderung  der  mittelhochdeutschen  Phi- 
lologie enthalten.  Dort  gründete  er  auch  im  Vereine  mit 
einer  Anzahl  Gleichgesinnter  eine  neue  Zeitschrift  für  deut- 
sche Alterthumskunde,  die  Germania,  in  welcher  die  seit 
1854  entstandene  Opposition  gegen  Lachmann  und  seine 
Schule  ihre  hauptsächlichste  Vertretung  fand.  Seine  eilf- 
jährige  akademische  Wirksamkeit  in  Wien,  die  am  29.  Mai 
1868  ein  allzufrüher  Tod  unerwartet  beendete,  ist  durch 
eine  Reihe  von  Schriften  bezeichnet,  deren  Gemeinsames 
darin  liegt,  dass  sie  sämmtlich  der  Lachmann'schen  Schule 
gegenüber  theils  direct  poleuiisch ,  theils  abweichend  in 
Gegenstand,  Zweck,  Methode  und  Umfang  sich  herausstellen. 
Diesen  beiden  Perioden  seiner  Thätigkeit  sind  die  folgenden 
Betrachtungen  gewidmet. 


Hofmann:  Nekrolog  auf  Franz  Pfeiffer.  371 

Der  Grundcharakter  von  Pfeiffer's  gelehrter  Thätigkeit 
hatte  sich  schon  in  München  entscliieden,  kam  in  den  näch- 
sten Stuttgarter  Jahren  zur  vollen  Entwicklung  und  ist  in 
der  Hauptsache  immer  derselbe  geblieben.  Aus  diesem 
Grundcharakter  erklären  sich  Stärke  wie  Schwäche  seiner 
Leistungen.  Einen  weitausgedehnten  Kreis  des  Wissens  zu 
beherrschen,  das  versagten  ihm  stine  Vorstudien,  denn  er 
war  ohne  irgend  nennenswerthe  klassisch-philologische  Schulung 
zur  Germanistik  gekommen ,  und  seine  eigene  Neigung  und 
Anlage  wiesen  ihn  auch  sofort  auf  das  Mittelhochdeutsche 
mit  seinen  ausserordentlich  reichen,  mannigfaltigen  und  dti- 
mals  noch  zum  grossen  Theil  unedirten  oder  wenigstens 
ungenügend  edirten  Denkmälern  als  auf  seine  Lebensauf- 
gabe hin.  Solche  überwiegende  Ausbildung  in  einer  Spe- 
cialität  bringt  die  bedeutendsten  Resultate  hervor,  hat  aber 
freilich  den  Nachtheil  zum  Begleiter,  dass  die  vollkommene 
Einlebung  und  M-.isterschaft  in  dem  einen  Fache  durch 
Verzicht  auf  harmonische  Ausbildung  erkauft  werden  muss. 
zu  welcher  Autodidakten  ohnehin  nur  bei  ganz  ausser- 
gewöhnlicher  Geisteskraft  uiid  Ausd^.uer  gelangen  können. 
Pfeiffer  war  eigentlich  Autodidakt  und  musste  es  gowisser- 
massen  auch  sein  ,  wenn  er  die  noch  unangebauten  Gebiete 
des  Mittelhochdeutschen  bis  zu  dem  Grade  bewältigen  sollte, 
wie  er  es  in  verhältnissmässig  kurzer  Zeit  und  jungen  Jahren 
gethan  hat.  Weitaus  das  Meiste  und  Wichtigste  holte  er 
aus  neuen  oder  neuverglichenen  Handschriften. 

Diese  einzige  und  Ijis  jetzt  im  engeren  deutschen  Ge- 
biete des  12  — 15.  Jahrhunderts  unübertroffene  Haadschriften- 
kenntniss  ist  die  eigentliche  Basis  seiner  späteren  wissen- 
schaftlichen Bedeutung  geworden ,  ihr  verdanken  jene  Ent- 
deckungen und  Werke  ihre  Entstehung ,  welche  nach 
menschlicher  Voraussicht  ihn  überleben  und  seinen  Namen 
auf  dio  Nachwelt  bringen  werden.  Es  ist  hiei-  nicht  der 
Ort.  auf  seine  zahlreichen  Publicationen  uneJirter  und  Bear- 


372  OeffentUche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

beitungen  edirter  Werke  des  näheren  einzugehen.  In  den 
schweren  und  bis  zur  höchsten  Leidenschaftlichkeit  und 
Rücksichtslosigkeit  verbitterten  Kämpfen  seiner  zweiten ,  der 
Wiener  Periode  (von  1857  bis  zu  seinem  Tode)  sind  zwei 
Verdienste  auch  bei  allen  seinen  Gegnern  ihm  immer  un- 
geschmälert verblieben.  1.  Die  Entdeckung  (mit  W.  Grimm) 
und  die  Begründung  der  mitteldeutschen  Sprache,  der  Mutter 
des  Neuhochdeutschen ,  welche  eine  breite  Zone  von  Osten 
nach  Westen  zwischen  oberdeutscher  und  niederdeutscher 
Zunge  schon  im  Beginn  der  mittelhochdeutschen  Literatur- 
epoche eingenommen  und  dann  durch  Jahrhunderte  hiedurch 
neben  der  vorherrschenden  oberdeutschen  (schwäbisch-baier- 
ischen)  Sprache  und  Literatur  zwar  die  zweite,  aber  immer- 
hin eine  höchst  bedeutende  Rolle  gespielt  hat,  bis  sich  end- 
lich seit  der  Zeit  der  Reformation,  die  im  Herzen  des  mittel- 
deutschen Sprachgebiets  ihren  Ursprung  genommen,  aus  ihr 
die  heutige  Schrift-  und  Nationalsprache,  das  Germanicum 
illustre,  um  mit  Dante  zu  sprechen,  zu  dem  Range  einer 
Weltsprache  erhoben  hat.  Vor  Pfeiffer  und  W.  Grimm 
hatte  man  das  Mitteldeutsche  dem  Mittelhochdeutschen  sub- 
sumirt,  welches  jetzt  als  eigentliches  Oberdeutsch  von  ihm 
getrennt  nur  noch  in  den  südlichen  Volksniundarten  fortlebt, 
deren  gewaltiges  Gebiet  sich  über  ganz  Süd-Deutschland, 
Deutschösterreich,  die  deutsche  Schweiz  und  das  deutsche 
Frankreich  erstreckt,  wo  es  leider  durch  die  frühere  und 
spätere  (noch  andauernde)  politische  Schwäche  der  süddeut- 
schen Staaten  in  Oesterreich  und  Frankreich  beständig  an 
Boden  verliert,  während  es  sich  in  der  freien  Schweiz  seit 
einem  halben  Jahrtausend  nicht  nur  festhält,  sondern  lang- 
sam vorschreitet.  Die  spätere  Entwickelung  hat  gezeigt, 
dass  die  Trennung  des  mitteldeutschen  vom  mittelhochdeut- 
schen oder  wie  gesagt ,  richtiger  oberdeutschen ,  trotz  dem 
Widerspruche ,  den  der  Gründer  der  germanischen  Sprach- 
wissenschaft, J.  Grimm,  bis  zu  Ende  dagegen  aufrecht  erhielt, 


Eofmann:  Nekrolog  auf  Franz  Pfeiffer.  873 

für  die  Grammatik  eine  Nothwendigkeit  ist,  (nicht  in  gleichem 
Grade  für  das  Lexikon,  und  am  wenigsten  für  die  Literatur- 
geschichte) ;  und  in  diesem  Sinne  ist  Pfeiffer's  Name  auf 
immer  unzertrennbar  an  diese  grosse  Entdeckung  geknüpft. 
Auch  für  das  Niederrheinische  hatte  er  schöne  und  frucht- 
bare Arbeiten  angefangen ,  die  aber .  wie  so  vieles ,  durch 
seinen  vorzeitigen  Tod  unausgeführt  geblieben  sind,  wie  denn 
überhaupt  das  für  die  Scheidung  und  Unterscheidung  der 
älteren  deutschen  Mundarten  von  ihm  theils  Geleistete,  theils 
(allerdings  nicht  immer  richtig)  Angestrebte  das  Charakteri- 
stische seiner  grammatischen  Thätigkeit  ausmacht. 

2.  Gehen  wir  vom  Formalen  der  deutschen  Alterthums- 
wissenschaft  zu  ihrer  realen  Seite  über,  so  bietet  sich  uns 
die  Thatsaclie.  dass  Pfeiffer,  wie  dort  ein  neues  Sprach-  so 
hier  ein  neues  Literaturgebiet  erschlossen  hat,  die  geistliche 
Prosa  des  13.  und  14.  Jahrhunderts.-  die  auf  der  einen  Seite 
im  grössten  Volksredner  des  Mittelalters,  Bruder  Berthold  von 
Regensburg,  auf  der  andern  im  grössten  speculativen  My- 
stiker, Meister  Eckhart,  ihre  Gipfelpunkte  erreicht  hat.  Leider 
sind  seine  lange  und  wohl  vorbereiteten  Ausgaben  nur  je  bis 
zum  ersten  Theile,  der  die  Hauptmasse  der  Texte  enthält,  ge- 
diehen, und  eine  schwere,  kaum  jemals  auszufüllende  Lücke 
am  Reste  der  Texte,  kritischen  Apparate,  Einleitungen,  Sach- 
erklärungen und  Glossar  geblieben.  Nur  ein  immerhin 
wichtiges,  aber  mit  BertLold  und  Eckhart  weder  an  Schwierig- 
keit noch  an  Bedeutung  vergleichbares  Werk,  das  Buch  der 
Natur  von  Konrad  von  Megenberg.  war  ihm  vollständig 
auszuführen  vergönnt.  Alle  diese  Werke  sind  in  der  Wiener 
Periode  erschienen ,  waren  aber  der  Hauptsache  nach  in 
Stuttgart  vorgearbeitet  und  wurden  an  ihrer  Vollendung  gewiss 
nur  durch  die  neuen  und  aussergewöhnlichen  Anstrengungen 
gehindert,  welche  die  Redaction  der  Germania  und  der 
Wiener  akademische  Lehrstuhl  erforderten.  In  Stuttgart 
gebheben  würde  Pfeiffer  seine  minder  glänzende,  aber  sichere 


374  Oefentliche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

und  friedliche,  und  wohl  auch  für  die  Wissenschaft  und  ihn 
selbst  glücklichere  Laufbahn  nicht  so  frühzeitig  beschlossen 
haben,  wie  in  dem  aufregenden  und  aufreibenden  akade- 
mischen Leben  \Yiens  und  im  literarischen,  leider  nur  zu 
bald  persönlichen  Kampfe  gegen  die  Germanisten  der  Lach- 
maun'schen  Schule,  dessen  Ausbruch  ins  Jahr  1854  zurück- 
geht, in  welchem  Holtzmann's  Untersuchungen  über  das 
Nibelungenlied  erschienen,  denen  Pfeiffer  als  einer  der  ersten 
beistimmte.  Von  diesem  merkwürdigen  Buche  datirt  das 
erste  grosse  Schisma  unter  den  Germanisten ,  dessen  Ende 
die  gegenwärtige  Generation  schwerlich  erleben  wird.  Die 
lange  und  unbestrittene  Herrschaft  der  Lachmann'schen 
Schule  hatte  auf  vielen  drückend  gelastet,  von  denen  Holtz- 
mann's kühner  Angriff  als  Signal  der  Befreiung  begrüsst 
wurde.  Solche  Vorgänge  sind  nach  aller  Analogie  natur- 
gemäss  und  darum  unvermeidlich.  Die  Germania  war  von 
Anfang  an  das  Organ  der  Dissidenten  und  der  Beifall  und 
Zutritt  von  Männern,  wie  Jakob  Grimm  und  Uhland,  gab 
dem  Unternehmen  entschiedene  Bedeutung.  Grimm  lieferte 
wenig  ausser  seinem  Namen,  aber  Uhland  blieb  bis  zum 
Ende  getreu ,  und  wenn  die  Zeitschrift  auch  gar  nichts  von 
Bedeutung  angeregt  hätte,  als  ühlands  in  jedem  Sinne  voll- 
endete Forschungen ,  so  wäre  ihr  damit  schon  ein  grosses 
Verdienst  gesichert;  denn  Uhland  theilt  mit  Rückert  (und 
nur  mit  ihm)  das  seltene  Loos,  ein  grosser  Dichter  und  ein 
grosser  Philolog  zugleich ,  und  mit  Schmeller  den  Vorzug, 
der  objectivste  aller  Germanisten  gewesen  zu  sein.  Wie 
viel  bei  Uhland  der  Philolog  dem  Dichter  zu  danken  hat, 
das  zeigt  sich  in  der  wunderbaren  Feinheit  seiner  ästhetischen 
Bemerkungen,  in  welchem  Punkte  er  sogar  noch  den  mit 
Recht  berühmten  V>'ilhelm  Grimm  übertrifft,  der  bei  allem 
Fühlsinu  sich  doch  mehrmals ,  z.  B.  über  Walther  und 
Vridanc ,  über  Turpin  und  Rolandslied  auf  entschieden  fal- 
scher Färte  findet,  während  Uhland  dagegen  schon  im  Beginne 


Hofmann:   Nekrolog  auf  Franz  Ff eiff er.  375 

seiner  Studien  in  dem  berühmten  Aufsatze  über  das  alt- 
französische  Epos  einen  Beweis  seiner  Sicherheit  lieferte,  mit 
dem  nur  Leverrier's  theoretische  Entdeckung  eines  neuen 
Planeten  verglichen  werden  kann,  indem  er  die  Existenz  des 
altfranzösischen  Rolandslieds  voraus  bestimmte. 

Der  Erfolg  der  Germania  mit  solchen  und  ähnlichen 
Kräften  war  denn  auch  ein  ganz  entschiedener  und  nach 
kurzer  Zeit  konnte  Pfeiffer  an  Fachgenossen  schreiben,  die 
Zeitschrift  habe  so  viele  Abonnenten ,  als  nur  überhaupt 
möglich  sei.  Dagegen  waren  ihm  die  Mitarbeiter  nicht  zahl- 
reich und  eifrig  genug,  und  bei  seinem  heftigen  und  unge- 
duldigen Charakter  ist  es  erklärlich,  dass  er  mehrmals  nahe 
daran  war,  die  ganze  Unternehmung  fallen  zu  lassen,  während 
ruhigere  Gemüther  mit  einem  solchen  Erfolge  höchlich  zu- 
frieden gewesen  wären.  Die  Germania  und  in  ihr  ausser 
Pfeiffer,  der  von  Anfang  an  die  Führerschaft  der  Opposition 
übernommen  hatte,  besonders  Karl  Bartsch,  eine  literarische 
Productionskraft  ohne  Gleichen,  bekämpfte  also  die  Lach- 
mann'sche  Schule,  welcher  damals,  da  Haupt's  Zeitschrift 
lange  stockte,  nicht  einmal  ein  Organ  zu  Gebote  stund, 
besonders  nachdem  durch  den  spontanen  üebergang  Zarnckes 
zur  Codcx-C-Theorie  das  literarische  Centralblatt,  unbestritten 
das  verbreiteste  und  einflussreichste  Organ  Deutschlands, 
dem  Gegner  dienstbar  geworden  war.  Die  Lachmannianer 
antworteten  mit  grosser  Schärfe ,  (worin  sie  ihi-en  Meister 
fast  übertrafen ,)  aber  vereinzelt ,  in  Vorreden ,  vom  Kathe- 
der, und  in  der  Regel  nicht  mit  der  AusführHchkeit  und 
Unumw'undenheit,  die  bei  öffentlichen  Verhandlungen  erforder- 
lich ist,  um  vor  der  grossen  Masse  Recht  zu  behalten.  Erst 
viel  später  kam  Haupt's  Zeitschrift  wieder  in  Gang  und 
wurde  durch  Zacher  eine  zweite,  der  Germania  ähnliche,  als 
Organ  der  norddeutschen  Schule  gegründet,  welche  Bezeich- 
nung man  nur  nicht  streng  geographisch  fassen  darf,  denn 
Bartsch,  der  Haupt  Verfechter  der  neuen  Schule  und  Redakteur 


376  OeffentlicM  Sitzung  vom  28.  Mars  1870. 

der  Germania  lebt  in  Rostock,  während  Scherer  der  weitaus 
bedeutendste  unter  der  jüngeren  Lachmannischen  Schule, 
heute  in  Wien  auf  Pfeiffers  Lehrstuhl  sitzt.  Pfeiffer  griff  seine 
Gfgner  indess  noch  auf  einem  anderen  Gebiete  an.  Die 
Popularisirung  der  Meisterwerke  mittelhochdeutscher  Literatur 
durch  erklärende  Handausgaben  war  eine  Idee,  deren  Richtig- 
keit sich  sofort  durch  den  ausserordentlichsten  Erfolg  be- 
währte ,  den  nur  je  ein  solches  Unternehmen  gehabt  hat. 
Vielleicht  hat  gerade  das,  was  in  den  Augen  der  Fachmänner 
die  Bibliothek  mittelhochdeutscher  Klassiker  in  Misskredit  ge- 
bracht hat,  die  Voraussetzung  gänzlicher  grammatischer  Un- 
bildung beim  Leser,  (wenigstens  in  den  ersten  Bänden ,  die 
späteren  sind  massvoller  gehalten.)  ihren  Erfolg  bei  der 
Lesermasse  begründet,  die  vor  Allem  verlangt,  dass  man 
ihrer  Unwissenheit  und  Eitelkeit  wenigstens  stillschweigend 
schmeichle.  Bekanntlich  wird  gegenwärtig  derselbe  Plan  von 
Zacher  und  seinen  Mitarbeitern  ausgeführt,  freilich  nicht  mit 
der  Raschheit,  die  man  von  Pteiffer  und  in  noch  viel  höherem 
Grade  von  Bartsch  erwarten  konnte. 

Bei  so  grossen,  ja  glänzenden  äusseren  Erfolgen  hätte 
nun  Pfeiffer  glücklich  und  zufrieden  ein  hohes  Alter  erreichen 
können,  wie  denn  ja  auch  bekannthch  in  Deutschland  Professoren 
und  Generale  die  grösste  Lebensdauer  aufweisen.  Aber  es 
war  ihm  kein  so  glückliches  Loos  beschieden.  Seine  Charakter- 
anlage, wie  die  Natur  seiner  Wiener  Thätigkeit  trugen  den 
Keim  eines  Verfalles,  der  für  die  ferner  stehenden  unerwartet 
rasch,  für  die  schärfer  blickenden  nicht  unvorbereitet  kam. 
Pfeiffer  hatte,  wie  er  mir  einmal  schrieb,  ,,heisses  Blut",  in 
der  That  viel  zu  heisses  für  einen  Parteiführer,  um  diesen 
parlamentarischen  Ausdruck  zu  gebrauchen,  der  einen  kalten 
Kopf  haben  und  viel  vertragen  muss.  Anstatt  seine  Mit- 
strebenden immer  fester  und  dichter  um  sich  zu  schaaren, 
stiess  er  sie  durch  Argwohn  und  Empfindlichkeit  zurück, 
was  zur  Folge  hatte,   dass   er  gegen  das  Ende  seiner  Lauf- 


Hof  mann:  Nekrolog  auf  Franz  Pfeiffer.  S77 

bahn    anfieng   vereinzelt   zu   stehen.     Die   schweren  Lücken, 
welche  der  Tod  und  selbstverschuldete  Entfremdung  in  seinen 
Reihen    gerissen    hatte,    wurden  nicht    ausgefüllt   und    wären 
schwerlich  ausgefüllt  worden.    Das  nagte  an  seinem  Innern. 
Aber  auch  in  wissenschaftlicher  Beziehung  war  er  der  theils 
übernommenen  theils  aufgedrängten  Führerscliaft  nicht  voll- 
kommen gewachsen  oder  richtiger  gesagt,  er  wuchs  nicht  in 
seine  Rolle    hinein.     Er  wusste   da,    wo    er   zu  Hause    war, 
mehr  als   die    meisten ,    theilweise    mehr   als    alle   von    uns ; 
dafür  war  er,  nach  anderen  Seiten  hin  zurückgeblieben,  und 
geradezu  unzulänglich ,    wenn    er    sich   da   versuchte ,    wozu 
noch  kam,  dass  er  zuletzt  zu  stolz  oder  zu  misstrauisch  wurde, 
sich  Rathes  zu  erholen,  wo  sein  Vermögen  nicht  hinreichte. 
Ich  will  nicht  davon  reden,  dass  ihm  Sprachvergleichung  auf 
Grund  des  Sanskrit,  ältere  romanische  Spruch-  und  Literatur- 
kunde u.  dgl.    fremd  waren ,    denn    diesen  Mangel    theilt   er 
mit    den    meisten    seiner    und  unserer    Zeit.     Aber   er   war 
auch  Fremdling  in  klassischer  Philologie,  und  wenn  er  schon 
nicht  so  weit  gieng,    wie  sein  Lehrer  Massmann ,    der  unter 
linguae  barbarae  Griechisch  und  Latein  verstund,  so  betrachtete 
er  doch  die  klassischen  Studien    und    ihre  Pfleger  ungünstig 
und  abschätzig.     Schmeller,  der  in  gereiften  Jahren  mit  dem 
Eifer  eines  Schulknaben  nachzuholen  bemüht  war,    was  ihm 
in  seiner  armseligen  Jugendbildung  an  Griechisch  und  Latein 
vorenthalten  war,    hätte   ihm    auch   hier  als  Muster   dienen 
können   und  sein  eigener  schaifer  Verstand    hätte   ihn    wohl 
die  gleichen  Wege  gewiesen,  wäre  er  nicht  in  den  unentflieh- 
baren    Strudel   jener  Polemik   gerissen  worden ,    die   in   der 
Wiener  Periode  seine  beste  Kraft  und  Zeit  hinraffte.   Klassische 
Schulung  ist  aber  dem  Germanisten  unentbehrlich,  nicht,  wie 
man  gemeinhin   annimmt,    zur  Verbesserung    des    deutschen 
Stils,    denn  Pfeiffer    schrieb  ohne   solche  Vorschule   beredt, 
nervig  und  in  hohem  Grade  anregend,    sondern  weil  er  bei 
seinen  Studien  überall  auf  Thatsachen,  Ideen  und  Ausdrücke 


378  Oeff entliehe  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

stösst,  deren  Deutung  nur  dorther  zu  holen  ist.  Pfeiffers 
Parteistellung  Hess  aber  auch  nicht  die  Sammlung  und 
Zuriickgezogenheit  zu ,  die  ihm  nothwendig  gewesen  wären, 
um  sich  innerhalb  des  grossen  germanischen  Gebietes  allseitig 
und  genügend  festzusetzen.  Was  er  von  Stuttgart  nicht  mit- 
gebracht hatte,  konnte  er  so  auch  in  Wien  nicht  mehr  nach- 
holen, ein  schwerer  Mangel,  den  man  am  Stuttgarter 
Bibliothekar  und  Herausgeber  mittelhochdeutscher  und  mittel- 
deutscher Denkmäler  oder  auch  an  einem  anspruchslosen 
Universitätslehrer  übersehen  hätte,  bei  ihm  aber  beuiCrkte 
und  hervorhob  nach  dem  bekannten  üompensationsgesetze, 
dass  die  Fehler  der  Menschen  um  so  grösser  erscheinen,  je 
höher  sie  sich  stellen  oder  gestellt  werden.  So  waren  denn 
die  ältesten  germanischen  Sprachen  und  das  ganze  grosse 
scandiuavische  und  angelsächsisch-englische  Gebiet  ihm  ent- 
weder nicht  lecht  vertraut  geworden  oder  gänzlich  fremd 
geblieben ,  wie  er  denn  auch  manche  Vorlesungen  über 
Sprache  und  Literatur,  die  von  Germanisten  verlangt, 
wenigstens  erwartet  werden ,  nie  gehalten  hat.  Für  all 
diesen  Eutgang  hätten  nun  die  Wiener  Arbeiten  auf  seinem 
eigensten  Gebiete,  dem  mittelhochdeutschen,  Ersatz  bieten 
müssen,  und  sie  würden  ihn  bieten,  wäre  die  kühne  Concep- 
tion  und  brillante  Darstellung  getragen  von  gleicher  Solidiiät 
der  Grundlagen  und  sicherer  Methode  in  der  Ausführung  wie 
seine  früheren,  musterhaften  Arbeiten.  Diess  ist  nun  nach 
ziemlich  allgemeinem  Urtheile  nicht  der  Fall  un«!  die  hohen 
Erwartungen,  die  man  für  Neubegründungen  im  mittelhoch- 
deutschen Gebiete  auf  Pfeiffers  Wiener  Thätigkeit  gesetzt 
hatte ,  sind  im  Ganzen  und  Grossen  unerfüllt  geblieben. 
Hätte  er  sie  bei  längerem  Leben  und  im  Genüsse  voller 
Sammlung  und  Geisteskraft  erfüllen  können,  wer  möciite  es 
wagen  darüber  zu  urtheilen? 

Jene  Wiener  Arbeiten    sind   alle    so  schön  geschrieben, 
dass  man  nicht  eine  Seite  derselben  ohne  Interesse  liest  — 


Hofmann:    Nekrolog  auf  August  Schleicher.  379 

aber  der  Glaube  fehlt,  d.  h.  wissenschaftlich  gesprochen,  er 
zwingt  uns  nicht  zur  Ueberzeugung,  und  lässt  uns  nur  den 
Eindruck,  dass  er  Ansicht  gegen  Ansicht,  Hypothese  gegen 
Hypothese  gestellt  hat,  während  er  den  Widerspruch  ver- 
nichtet glaubte.  Er  hatte  eben,  worin  leidenschaftliche  Ge- 
müther unwillkürlich  verfallen,  die  Kraft  der  eigenen  Gründe 
zu  hoch,  die  des  Gegensatzes  zu  gering  geschätzt  und  ganz 
besonders  hatte  er  die  zähe  Nachhaltigkeit  und  Tüchtig- 
keit, die  im  Wesen  des  norddeutschen  Guiehrten  liegt  und 
die  sich  hier  über  kurz  oder  lang  geltend  machen  musste, 
weitaus  zu  gering  angeschlagen.  Mit  seinem  Hinscheiden 
ist  die  Periode  leidenschaftlich  erregter  Polemik  aller  Vor- 
aussicht nach  zu  Ende  gekommen ,  die  nun  freilich  noch 
nicht  weit  genug  hinter  uns  liegt,  um  jetzt  schon  ein  allseitig 
beruhigtes  und  geklärtes  Urtheii  zu  gestatten.  Glücklicher 
Weise  zeigen  nach  Abzug  alles  Problematischen  und  Po- 
lemischen Pfeiffers  unbestrittene  Verdienste  sich  bedeutend 
genug,  um  seinem  Namen  die  Fortdauer  in  der  Geschichte 
der  Wissenschaft  voraussagen  zu  dürfen. 


August  Schleicher 

wurde  am  19.  Februar  1821  zu  Meiningen  geboren,  studirte 
zu  Koburg.  Leipzig  und  Tübingen  erst  Theologie,  dann  von 
1843  an  zu  Bonn  unter  Rit«clil  klassische  Philologie  und 
unter  Lassen  orientalische  Sprachen.  1846  habilitirte  er  sich 
in  Bonn  für  das  Fach  der  Sprachwissenschaft,  1850  wurde 
er  für  klassische  Philologie  nach  Prag  berufen ,  wo  er  sich 
jedoch  bald  wieder  der  Sprachwissenschaft  ausschliesslich  zu- 
wandte und  zu  diesem  Behufe  mit  Unterstützung  der  k.  k.  Re- 
gierung (Graf  Leo  Thun  wirkte  damals  noch  im  grossartigen 


380  OeffentUche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Sinne  als  Unterriclitsminister)  eine  Reise  nach  Litauen  unter- 
nahm, um  dort  die  älteste  und  reinste  der  heute  lebenden 
indogermanischen  Sprachen  aus  dem  Munde  des  Volkes  zu 
lernen.  Frucht  dieser  Reise  war  ein  vortreffliches  Handbuch 
der  litauischen  Sprache,  welches  noch  lange  ein  unentbehr- 
liches Werk  für  jeden  Linguisten  sein  wird.  Differenzen  ge- 
lehrter und  politischer  Art  mit  den  Tschechen  veranlassten 
ihn,  1857  Prag  zu  verlassen  und  sich  nach  Jena  zu  be- 
geben, wo  er  bis  zu  seinem  allzufrühen  Tode  (6,  Dec.  1868) 
als  ausserordentlicher  Professor  wirkte,  denn  leider  brachte 
es  der  im  Auslande  hochberühmte  Manu  in  Jena  weder  zum 
Ordinarius  noch  zu  einer  sorgenfreien  Existenz,  sondern  bloss 
zum  Hofrathstitel  und  wurde  in  den  letzten  Jahren  seines 
Lebens  nur  durch  Arbeiten  für  die  russische  Akademie  vor 
drückenden  Sorgen  und  Entbehrungen  geschützt.  Wenn  Renan 
mit  Recht  sagt,  dass  eine  kleine  deutsche  Universität  mit 
ihren  pedantischen  Professoren  und  hungernden  Privatdocenten 
viel  mehr  für  die  Wissenschaft  leistet,  als  die  bestbepfrün- 
deten  analogen  Institute  anderer  Länder ,  so  ist  doch  ebenso 
wahr,  dass  diese  Gelehrten  häufig  ihre  wichtigsten  Arbeiten 
aus  Mangel  an  ein  paar  hundert  Thalern  oder  Gulden  nicht 
ausführen  können ,  weil  der  herrschende  deutsche  Bureau- 
kratismus  in  gründlicher  Missachtung  alles  nicht  direct  brod- 
tragenden Wissens  überall  der  gleiche  ist  und  namentlich 
heutzutage  der  Geschmack  herrscht,  lieber  20  Millionen  für 
Soldaten,  als  200  fl.  für  einen  wissenschafthchen  Zweck 
zu  opfern. 

Schleicher,  obgleich  studirter  Philolog,  war  doch  seinem 
Wesen  nach  nur  Linguist,  und  wie  weiland  in  Fr.  A.  Wolf 
die  definitive  Scheidung  der  Philologie  von  der  Theologie, 
so  hatte  sich  in  ihm  die  Scheidung  der  Linguistik  von  der 
Philologie  vollzogen,  die  Sprache  und  die  Sprachen  waren 
ihm  nicht,  wie  dem  Philologen,  Mittel  zum  Zwecke,  sondern 
der  Zweck  selbst  und  so  kam  es,  dass  er  sich  vorzugsweise 


Hof  mann:  Nekrolog  auf  August  Schleicher.  381 

nicht  mit  deu  Sprachen  beschäftigte .  die  wie  Sanskrit, 
Griechisch,  Lateinisch,  Germanisch,  Romanisch,  reiche  und 
ästhetisch  hervorragende  Literaturen  besitzen ,  sondern  mit 
den  litoshiwischen,  die  keine  irgend  selbstständige  ältere  Denk- 
mäler besitzen,  dagegen  von  eminenter  linguistischer  Wichtig- 
keit an  sich  und  besonders  fiii-  das  tiefere  Verstäudniss  des 
Germanischirn  sind,  dem  sie  nach  dem  Sanskrit  die  reichste 
Fundgrube  für  etymologische  Forschung,  wie  für  die  Lehre 
von  der  Forinenbildung  darbieten,  während  die  uns  am  besten 
b  kannten  und  literarisch  wichtigsten  klassischen  Sprachen 
viel  weniger  reiche  und  sichere  Ausbeute  gewähren.  Auf 
diesem  Gebiete  hegt  Schleichers  Bedeutung  und  Hauptver- 
dienst in  materialer  Beziehung.  Leider  hat  der  Tod  die 
grossartig  angelegten  Arbeiten  unterbrochen ,  die  ihm  die 
Petersburger  Akademie  für  die  Gesammtlieit  der  slawischen 
Sprachen  anvertraut  hatte,  und  konnte  er  nur  das  ausge- 
storbene Elb slawische  (Polabische)  zu  einem  wenigstens  vor- 
läufigen Abschlüsse  bringen.  Er  selbst  hielt  diese  seine 
letzte  Arbeit  für  seine  gelungenste,  eine  Ansicht  die,  wie  zur 
Steuer  der  Wahrheit  nicht  verschwiegen  werden  dai'f,  von 
sehr  kompetenter  Seite  nicht  vollkommen  getheilt  wird,  wes- 
halb das  Endurtheil  bis  zum  Erscheinen  der  Schrift  ausge- 
setzt bleiben  muss.  Sollte  es  minder  günstig  ausfallen,  so 
dürfte  diess  eben  wieder  in  dem  Zurücktreten  der  eigent- 
lichen philologischen  Disciphn  bei  Schleicher  begründt-t  sein, 
welche  für  die  allseitige  Behandlung  ausgestorbener  Sp)rachen, 
wie  die  polabische,  kritische,  paläographische  und  antiquari- 
sche üntersuchungsmethoden  an  die  Hand  gibt ,  zu  denen 
er  nach  seiner  ganzen  streng  linguistischen  Anlage  und 
Bildung  weniger  geartet  und  geschult  war.  Daraus  erklärt 
sich  auch ,  wesshalb  seine  einzige  eigentlich  philologische 
Arbeit,  die  Ausgabe  des  einzigen  litauischen  Klassikers,  der 
Jahreszeiten  von  Donalicius,  den  er  (nach  Nesselmann  irrig) 
in  Donalaitis  zurück  lituanisirte,  wohl  in  sprachHcher,  aber 
[1870.  I.  3.]  25 


382  Oeffenttiehe  Sitzung  vom  2S.  März  1870, 

nicht  in  textkritisclier  Beziehung  genügend  ausfiel  und  eine 
neue  Bearbeitung  (sie  ist  von  Xesselmann)  notliwendig  machte. 
Es  kann  darin  kein  Tadel  für  Schleicher  gefunden  werden, 
denn  welcher  Gelehrte  ist  nach  allen  Richtungen  gleich  ge- 
wachsen und  welcher  hat  nicht  da  und  dort  die  Gränzen 
seines  eigensten  Köim -us  in  bester  Absicht  überschritten  ? 
So  ist  denn  auch  sein  Buch  über  die  deutsche  Sprache  da  am 
schwächsten,  wo  es  die  philologischen  Errungenschaften  der 
Germanistik  zu  verwerthen  hat,  am  gelungensten  in  linguisti- 
scher Darstellung.  Seine  Annahme  von  einem  Anftacte 
innerhalb  des  Verses  wird  kein  kritischer  Metriker  auch  nur 
für  einen  Augenblick  gebilligt  haben. 

Zum  Ersätze  für  solchen  f^ntgang  besass  er  andere, 
für  seine  Richtung  ganz  besonders  ins  Gewicht  fallende  Be- 
gabungen. Vor  allem  eine  seltene  und  wundervolle  Leich- 
tigkeit, sich  die  schwersten  lebenden  Sprachen,  worunter 
für  uns  Deutsche  in  erster  Linie  die  slawische  und  litauische 
gehören ,  mit  Leichtigkeit  und  Correktheit  anzueignen ,  und 
dieses  Talent  hätte  sicher  noch  viel  bedeutendere  Resultate 
gebracht ,  wenn  er  es  bei  glücklicher  äusserer  Lage  und 
längerem  Leben  im  ungeheuren  litoslawischen  Sprachgebiete 
der  drei  östlichen  Kaiserreiche  ausgiebig  hätte  verwerthen 
können.  Dass  er  bei  seinen  Forschungen  die  Etymologie 
(im  modernen  Sinne  des  Wortes)  ausschloss  und  sich  über- 
wiegend mit  Untersuchung  der  lautlichen  Elemente  und  ihrer 
Umwandlungen,  dann  der  Flexion  und  Wortbildung,  der 
Verwandtschaftsgrade  der  Sprachen  und  endlich  mit  der 
sogenannten  indogermanischen  Ursprache  beschäftigte,  ging 
aus  einer  Grundrichtung  seines  Geistes  auf  das  sichere, 
klare,  organisch  zusammenhängende,  mit  einem  Worte  auf  die 
Entwicklungsgeschichte  der  Sprachkörper  hervor.  Die  Ety- 
mologie ist  eine  zweitheilige  Wissenschaft,  sie  fordert  über- 
all gleiche  Betrachtung  des  geistigen,  wie  des  physischen 
Elementes,  ideal  gefasst    ist   sie   die   Entwicklungsgeschichte 


Hofmann:   Nekrolog  auf  August^Schleicher.  383 

des  menschlichen  Anschauens,  Fühlens  und  Denkens  in  den 
Völkerindiviiluen  und  Völkerfamih'en  der  Erde.  Daher  ihre 
incommensurable  Bedeutung  für  die  Geisteswissenschaft,  ihre 
unerschöpfliche  Anziehungskraft  auf  der  einen  Seite,  auf  der 
andern  aber  auch  ihre  ungemeine  Schwierigkeit  und  Unsicher- 
heit und  der  endlose  oft  bis  zum  Widerwärtigen  geh^-nde 
Missbrauch,  in  den  phantastische  und  dilettantische  Köpfe 
zu  verfallen  ptlegen.  Etymologien  sinl  in  der  Linguistik, 
was  Conjecturen  in  der  Philologie,  sie  entstehen  und  ver- 
gehen nach  Myriaden ,  wie  die  Natur  eine  üeberzahl  von 
Thiur-  und  Pflanzenkeimen  producirt,  von  denen  nur  eiu 
kleiner  Bruchtheil  zu  wirklicher  Entwicklung  gelangt.  Solche 
Betrachtungen  können  nicht  hindern ,  dass  es  im  geistigen 
Getriebe,  wie  im  Naturlcb^n,  vollständig  beim  Alten  bleibe, 
aber  sie  können  einen  nüchternen  und  auf  streng  geschlossene 
und  scharf  abgegränzte  Ziele  gerichteten  Forscher  bestimmen,  in 
seine  Thätigkeit  nur  das  absolut  Nothwendige  von  Etymologie 
oder  Conjecturalkritik  aufzunehmen.  Als  Hauptresultat  dieser 
Pachtung  haljen  wir  Schleichers  Compendium  der  vergleichenden 
Grammatik  (Weimar  1861  —  62  in  erster,  gegenwärtig  in  3.  Auf- 
lage angekündigt)  zu  betrachten,  ohne  Zweifel  sein  berühm- 
testes, verbreitetstes  und  fruchtbarstes  Werk,  eben  durch 
seine  hervorragendsten  Eigenschaften,  Deutlichkeit,  klare  und 
knappe  Fassung,  höchst  sichere  Auswahl  des  Materials  mit 
möglichst  behutsamer  Ausschliessung  alles  Unsicheren  und 
Problematischen.  Wenn  auch  kein  Kundiger  behaupten  wird 
durch  Schleichers  Compendium  sei  Bopps  unsterbliches, 
grundlegendes  Werk  antiquirt  oder  überti offen,  so  bleibt 
doch  gewiss,  dass  sein  Compendium  als  erster  Versuch,  von 
den  neugewonnenen  sicheren  Resultaten  einer  allseitig  und 
rastlos  betriebenen  Wissenschaft  die  Summe  zu  ziehen  und 
das  Facit  in  zweckmässigster  Form  allgemein  lehrhaft  zu 
machen ,  als  würdiger  Nachfolger  von  Bopps  vergleichender 
Grammatik  dasteht.   Bei  ihm  ist  die  Sprachforschung  bereits 


384  OeffentUche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

um  viele  Grade  der  Naturforschung  näher  gerückt,  als  bei 
Bopp,  ja  er  fasst  sie  selbst  bereits  als  Naturforschung  auf, 
und  wer  der  neueren  Richtung  dieser  Disciplin  aufmerksam 
gefolgt  ist ,  wird  nicht  verkennen  können ,  dass  diese  Auf- 
fassung tief  im  Geiste  unserer  Zeit  hegt,  die  den  Weg  zur 
höheren  Bildung  der  Zukunft  nicht  mehr  in  der  so  lange 
vergeblich  gesuchten  Vermittlung  zwischen  Theologie  und 
Philosophie,  sondern  in  harmonischer  Cultur  der  Geistes- 
unJ  Naturwissenschaft  suchen  wird .  wo  dann  freiUch  so 
mancher,  der  von  Bau  und  Geschichte  seiner  Muttersprache 
nicht  mehr  als  ein  Dorfschulmeister ,  von  Physik  und 
Chemie  nicht  mehr  als  seine  Köchin  versteht,  nicht  länger 
zu  den  wissenschaftlich  Gobildeten  gezählt  werden  dürfte. 

Mit  dieser  uaturforschenden  Richtung  Schleichers  hängt 
zusammen,  dass  er  wirklich  einen  Zweig  der  Naturkunde, 
die  Botanik,  practisch  als  Blumenzüchter  und  theoretisch 
als  ^likroskopiker  und  zwar  beides  mit  der  ganzen  Leiden- 
schaft seines  ernsten  Wesens  betrieb, 

Schleicher's  Character  stimmte  zu  seiner  wissenschaft- 
lichen Richtung.  Er  war  bieder  und  zuverlässig,  aber  schroff 
und  abstossend,  daher  nur  von  wenigen  Freunden  und  Schülern 
näher  gekannt  und  geliebt,  in  der  Politik,  wie  in  der 
Wissenschaft  ein  Radicaler.  Solche  eigengeartete  Männer 
sind  in  Deutschland,  wie  überall,  selten  und  ihre  Laufbahn 
pflegt  keine  rosenbestreute  zu  sein. 


Friedricli  Gottliel)  Welcker 

wurde  am  4.  November  1784  zu  Grünberg  im  Grossherzog- 
thum  Hessen  als  Sohn  eines  Landpfarrers  geboren.  Sein 
Vater,    ein  Mann  von   gründlicher  classischer  Bildung,   gab 


Hahn:    Keh-ohg  auf  Friedrich  Gottlieb  WelcTcer.  385 

ihm  eine  so  treffliche  Erziehung,  dass  der  junge  "Welcker, 
ohne  ein  Gymnasium  besucht  zu  haben ,  ungewöhnlich  vor- 
bereitet die  Universität  Giesseu  beziehen  konnte.  Hier 
widmete  er  sich  dem  Studium  der  Theologie  und  betrieb 
nebenbei  fast  ohne  L-hrer  alte  und  neue  Sprachen.  Noch 
nicht  zwanzig  Jahre  alt  wurde  er  1803  am  Pädagogium  zu 
Giesseu  augestellt  und  begann  gleichzeitig  seine  akademische 
Thätigkeit  mit  Vorlesungen  über  das  alte  Testament.*)  Um 
Italien  besuchen  zu  könntn,  nach  welchem  Lande  es  ihn 
längst  bei  seiner  schwärnierischen  Liebe  für  alte  Kunst  und 
Poesie  gezogen  hatte ,  nahm  er  Urlaub  und  verblieb  zwei 
Jahre  in  Rom.  wo  er  im  Hause  Wilhelms  vonHumboldt, 
des  damaligen  preussischen  Gesandte:!,  der  zugleich  Geschäfts- 
träger für  Hessen -Darmstadt  war.  als  Hauslehrer  eine  Auf- 
nahme fand.  In  Piom  war  besonders  der  enge  Verkehr  mit 
Zoega  für  Welcker  von  nachhaltigem  Einfluss.  Ein  Jahr 
nach  seiner  Zurückkunft  in  die  Heimat  (1809)  wurde  er 
zum  ordentlichen  Professor  der  Philologie  und  Archäologie 
in  Giessen  ernannt,  ohne  seine  Lehrstelle  am  Pädagogium 
aufzugeben.  Für  diese  Anstalt  schrieb  er  1810  ein  gedanken- 
reiches Programm  über  Anleitung  der  Schüler  zu  eigener 
Erfindung,  das  im  5.  Bande  seiner  kleinen  Schriften  einen 
erwünschten  Wiederabdruck  gefunden  hat.  Im  J.  1815  nahm 
Welcker  als  Freiwilliger  an  dem  Feldzug  gegen  Frankreich 
Antheil;  den  nächsten  Winter  verlebte  er  in  Kopenhagen,  um 
Zoega's  literarisclien  Nachlass  zu  ordnen  und  zur  Heraus- 
gabe vorzubereiten.  Bald  nach  der  Heimkehr  aus  Kopen- 
hagen fand  seine  Charakterstärke  Gelegenheit  eine  erste 
Probe  zu  bestehen.  Um  seinen  politischen  üeberzeugungen 
nichts  zu  vergeben,  denen  er  auch  bei  späteren  Anfechtungen 


*)  "Wenigen  Verehrern  Welckers  wird  es  bekannt  sein,  dass  von 
ihm   noch   im  J.  1809  eine  Uebersetzung  der  Elegien  des  Jeremias 

mit  Commentar  erschienen  ist. 


386  OeffentUche  Sitzung  votn  38.  März  1870. 

immer  mit  männlichem  Muthe  treu  geblieben  ist ,  sah  er 
sich  veranlasst,  seine  Entlassung  in  Giessen  zu  nehmen,  er- 
hielt aber  noch  in  demselben  Jahre  einen  Ruf  nach  Göttingeu. 
Eine  noch  grössere  Wirksamkeit  eröffnete  sich  ihm  durch 
die  1819  erfolgte  Berufung  an  die  neu  gegründete  Universität 
zu  Bonn ,  für  die  er  auch  zum  Oberbibliothekar  ernannt 
wurde.  Dass  ein  Mann  von  dem  Umfang  und  der  Vielseitig- 
keit des  Wissens,  wie  Welcker  besass,  bei  der  beneidens- 
werthen  Aufgabe,  die  Grundlage  einer  grossen  wissenschaft- 
lichen Bibliothek  zu  schaffen,  bedeutendes  geleistet  hat,  er- 
scheint fast  als  selbstverständlich;  dafür  gebührt  die  Aner- 
kennung ebenso  sehr  einer  erleuchteten  Regierung,  die  für 
einen  wichtigen  Posten  mit  sicherem  Blicke  den  rechten 
Manu  zu  finden  gewusst  hat.  Aber  ganz  allein  gebührt 
Welcker  das  Verdienst  für  eine  andere  Schöpfung,  für  die 
Begründung  des  akademischen  Kunstmuseums ,  das  unter 
seiner  und  später  Jahns  Leitung  das  erste  in  seiner  Art  ge- 
worden ist.  Welcker  war  der  erste,  der  die  Nothwendigkeit 
erkannte,  für  akademische  Zwecke  ein  Antikenmuseum  ein- 
zurichten; er  hat  mit  dieser  Schöpfung  ein  Denkmal  hinter- 
lassen ,  durch  das  Bonn  immer  eine  der  ersten  Lehrstätten 
für  archäologische  Studien  verbleiben  wird.  Seine  akademische 
Tliätigkeit  erhielt  noch  einmal  eine  längere  Unterbrechung 
durch  eine  neue  im  J.  1841  nach  Italien  unternommene 
Reise,  die  sich  diesmal  bis  nach  Griechenland  und  Klein- 
Asien  ausgedehnt  hat.  Nachdem  Welcker  noch  das  seltene 
Glück  erlebt  hatte,  am  16.  Oktober  18.59  sein  fünfzigjähriges 
Dienstjubiläum  als  ordentlicher  Universitätsprofessor  feiern 
zu  können,  bei  welcher  Gelegenheit  ihm  die  sprechendsten 
Beweise  allseitiger  Verehrung  zu  Theil  wurden,  musste  er 
sich  in  Folge  eines  Augenleidens  von  seiner  öffentlichen 
Thätigkeit  zurückziehn.  Dass  aber  sein  geistiges  Auge  noch 
nicht  erstorben  war,  das  beweist  seine  bis  in  das  höchste 
Greisenalter  fortgesetzte  literarische  Thätigkeit.     Der  seltene 


Halm:   Nekrolog  auf  Friedrich  GottUeb  WeWker.  387 

Mann    vollendete     sein     irdisches     Tagewerk     am     17.    De- 
zember 1868. 

Weicker  hat  durch  eine  grosse  Reihe  umfangreicher  und 
epochemachender  Werke  seinem  Namen  als  dem  eines  der 
sinnigsten  und  geistvollsten  AlterthuLüsforscher  ein  dauerndes 
Andenken  gesichert.  Wie  vielseitig  auch  seine  Schrifteü  er- 
scheinen, so  steuern  sie  doch  alle  nach  einem  Ziele  hin,  das 
poetische  Leben  des  griechischen  Volkes  nach  seiu-n  ver- 
schiedenen Richtungen  zu  durchdringen  und  in  ikr  Einheit 
des  hellenischen  Geistes  zu  erfassen.  Da  Poesie  und  Kunst 
der  Hellenen  mit  der  Religion  in  so  innigem  Zusammenhange 
stand,  musste  die  Ergründuug  der  griechischen  Mythologie 
eine  der  Hauptaufgaben  für  Welckers  forschenden  Geist 
werden.  Keinem  vor  ihm  ist  es  gelungen,  die  geschichtliche 
Entbtehung  der  griechischen  Religion  in  ihren  verschiedenen 
Entwicklungsstufen  und  Umbildungen  so  tief  zu  erfassen  und 
die  eigenthiimlicheu  Formen,  in  denen  sich  Cultus  und  Glauben 
in  den  einzelnen  Staaten  gestaltet  haben,  so  scharf  und  genau 
darzustellen.  Da  Weicker  in  den  Schöpfungen  der  Kunst  und 
Poesie  das  Walten  ein  und  desselben  Geistes  erkannte,  war 
er  mehr  als  irgend  einer  seiner  Vorgänger  darauf  bedacht, 
die  verschiedenen  Gebiete  des  Alterthumsforschung  in  einen 
innigen  Zusammenhang  zu  bringen.  In  seinen  grossartigen  der 
Literaturgeschichte  gewidmeten  Werken ,  in  denen  er  über 
das  Epos,  Drama  und  die  Lyrik  der  Griechen  ganz  neue 
und  ungeahnte  Gesichtspunkte  erschlossen  hat,  wies  er  nach, 
wie  sehr  sich  die  tiüaimerhafte  Kenntniss  der  griechischen 
Poesie  aus  den  Denkmälern  der  Kunst  ergänzen  und  er- 
weitern lässt.  Hinwiederum  wurde  durch  eben  diese  so  ideen- 
reichen Arbeiten  auch  das  tiefere  poetische  Verständniss  der 
griechischen  Kunstwerke  eigentlich  erst  erschlossen  und  ihr 
inniger  Zusammenhang  mit  der  Poesie  mit  feinem  und  sinnigem 
Bhcke  nachgewiesen.  Ein  solches  Erfassen  war  aber  nur 
durch  einen  Geist  möglich,  der  selbst  ein  tief  poetischer  war. 


388  Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

In  der  Begrüssungsschrift  der  Bonner  Universität  zum  Ju- 
bilaeum  Welckers  hat  Ritschl  sein  Wesön  ebenso  treffend 
als  schön  bezeichnet,  indem  er  ihn  einen  'vates  divino  spi- 
ritu  afflatus*  nannte.  Aus  dem  Innersten  heraus,  oft  mit 
Ueberspringung  gewisser  Mittelglieder ,  für  welche  die  ge- 
wöhnliche Kritik  nach  factischen  Beweisen  zu  fragen  pflegt, 
weiss  er  mit  Seherblick  das  Wahre  zu  erschauen  und  zu 
ahnen.  Dadurch  war  aber  auch  Welckers  Methode  wesenthch 
bedingt.  Seine  Schriften  lesen  sich  nicht  leicht  und  sind  oft 
schwer  zu  verstehen;  manches  in  ihnen  erscheint  dunkel, 
auch  fehlt  es  nicht  an  Irrthümern  und  Verstössen  im  Ein- 
zelnen; aber  wo  er  auch  geirrt  hat,  ist  auch  sein  Irrthura 
als  aus  tiefpoetischer  Anschauung  hervorgegangen  in  der 
Regel  belehrend.  Das  Studium  von  Welckers  Schriften  ist 
kein  leichtes,  aber  ungemein  belohnend;  denn  sie  werden 
für  jeden ,  der  in  sie  eindringt ,  eine  unerschöpfliche  Fund- 
grube geistiger  Anregungen  und  fördernder  Gesichtspunkte 
verbleiben.  Soll  man  Welckers  Verdienst  um  die  Alterthums- 
Kunde  mit  einem  kurzen  Wort  bezeichnen,  so  darf  man  mit 
einem  kundigen  Schüler  und  Fachgenossen  sich  unbedingt 
dahin  aussprecben ,  dass  was  Winckelmann  für  die  formale 
Seite  der  alten  Kunst,  das  gleiche  Welcker  für  ihre  poetische 
Seite  geleistet  hat. 


Nur  ein  Monat   nach  Welckers  Tode   folgte  ihm  in  das 
Grab  ein  Geistesverwandter 

Karl  Willielm  Göttling, 

gleichfalls    ein   hochgeachteter  Name    unter   den  Alterthums- 
Forschern  dieses  Jahrhunderts. 

Am  19.  Januar  1793  zu  Jena  geboren  vollendete  Göttliug 
seine  Gymnasialstudien  auf  dem  Gymnasium  zu  Weimar,  das 


Halm:   NeJcrolog  auf  Karl  Wilhelm  Göttling.  389 

damals  unter  seinen  Lehrern  einen  Franz  Passow  und  Jo- 
hannes Schulze  zählte.  Durch  die  anregende  Einwirkung 
dieser  Männer  für  das  Alterthum  begeistert,  begann  er  seine 
philologischen  Studien  auf  der  Universität  seiner  Vaterstadt; 
eine  Unterbrechung  führte  die  Theilnahme  an  dem  Krieg 
gegen  Frankreich  herbei,  den  der  junge  Göttling  im  J.  1814 
in  einem  berittenen  Corps  freiwilHger  Sachsen- weimarischer 
Jäger  mitmachte.  Nach  Beendigung  des  Feldzuges  begab  er 
sich  noch  ein  Jahr  nach  Berlin,  um  sich  unter  den  grossen 
Philologen  Fr.  Aug.  Wolf,  Boeckh  und  Buttmann  noch  weiter 
auszubilden.  Hierauf  wirkte  er  mehrere  Jahre  als  Lehrer 
auf  dem  Gymnasium  zu  Piudolstadt  und  als  Director  auf  dem 
zu  Neuwied,  von  welcher  Stellung  er  1821  freiwillig  zurück- 
trat. Im  nächsten  Jahre  wurde  er  zuui  ausserordentlichen 
Professor  in  Jena  ernannt,  1826  zum  Oberbibliothekar  der 
Universitätsbibliothek,  1831  zum  ordentlichen  Professor.  Ge- 
diegene wissenschaftliche  Leistungen  und  eine  höchst  er- 
folgreiche akademische  Thätigkeit  hatten  Göttlings  Namen 
rasch  in  weiteren  Kreisen  bekannt  gemacht  und  ihm  wieder- 
holte ehrenvolle  Berufungen  eingebracht ,  nach  Schulpforta 
als  Director ,  als  akademischer  Lehrer  an  die  Universitäten 
zu  Berlin,  Göttingen  und  Tübingen.  Er  lehnte  jedoch  alle 
diese  zum  Theil  unter  sehr  vortheilhaften  Bedingungen  er- 
gangenen Berufungen  ab ,  aus  Liebe  zu  seiner  N'aterstadt, 
der  seine  Wirksamkeit  fast  ein  halbes  Jahrhundert  angehört 
hat.  Bei  seinen  vielseitigen  Kenntnissen  und  geselligen  Vor- 
zügen eine  Seele  des  akademischen  Lebens  zu  Jena  hatte  er 
auch  noch  das  Glück,  seine  körperliche  und  geistige  Rüstig- 
keit bis  in  das  hohe  Greisenalter  zu  bewahren;  eben  hatte 
er  die  Ordnung  und  Durchsicht  einer  dritten  Sammlung  seiner 
kleinen  akademischen  Schriften  vollendet,  als  er  am  20.  Ja- 
nuar 1869  in  einem  Alter  von  76  Jahren  seiner  segensreichen 
Wirksamkeit  entrissen  wurde. 

Sowohl  der  äussere  Lebensgang  wie  die  geistige  Puchtung 


390  OeffenÜiche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Göttlings  erinnern  unwillkürlich  an  Welcker.  Beide  hatten 
in  früher  Jugend  deu  Ernst  des  Lebens  im  Waffendienste 
für  das  Vaterland  kennen  gelernt.  Beide  fanden  Gelegenheit, 
für  die  Universität,  welcher  die  Hälfte  ihres  Lebens  ange- 
hörte ,  nicht  blos  auf  dem  Katheder ,  sondern  auch  als  Bib- 
liothekare sich  hohe  V(^rdienste  zu  erwerben.  Welcker  war 
durch  seine  Liebe  zur  Kunst  und  Poesie  noch  in  jungen 
Jahren  nach  Italien  geführt  worden  und  hatte  die  auf 
classischen  Boden  gewonnenen  Anschauungen  mit  der  ganzen 
Vollkraft  jugendlicher  Frische  und  Begeisterung  in  sich  auf- 
genommen: auch  Göttling  fühlte  sich  von  der  gleichen  Sehn- 
sucht ergriffen,  die  Stätten  des  classischen  Alterthums  und 
die  Hauptmuseen  Europas  aus  eigener  Anschauung  kennen 
zu  lernen.  Er  studierte  die  reichen  Antikensammlungen  zu 
Paris  und  London,  bereiste  1828  Italien  und  Sicilien ,  1840 
Griechenland  und  auf  dem  Rückweg  zum  zweitenmale  Italien, 
1852  durchwanderte  er  nochmals  Griechenland  und  sah  diesmal 
auch  Constantinopel.  Welcker  war  von  Haus  aus  Archäolog, 
Göttling  wurde  es  durch  den  fesselnden  Eindruck,  den  die 
lebendige  Anschauung  so  vieler  Denkmäler  der  alten  Kunst 
in  seinem  empfänglichen  Geist  erzeugt  hatte.  Auch  darin 
eiferte  er  seinem  grossen  Mitforscher  nach ,  dass  auch  er 
1845  ein  Kunstmuseum  in  Jena  begründete,  das  im  Umfange 
zw^ar  mit  dem  in  Bonn  nicht  zu  vergleichen,  aber  doch  so 
ansehnlich  geworden  ist ,  dass  keine  kleinere  deutsche  Uni- 
versität sich  eines  gleich  schönen  erfreut.  Welcker  hatte 
über  mehr  Mittel  zu  verfügen  und  erwarb  durch  den  Ruhm 
seines  Namens  viele  kostbare  Geschenke  für  sein  Museum ; 
Götthng  ersetzte  die  Unzulänglichkeit  seiner  Mittel  durch 
edle  Aufopferung ,  indem  er  die  Erträgnisse  von  Vorlesungen, 
die  er  und  gleichgesinnte  Freunde  vor  gebildeten  Kreisen 
Jena's  wiederholt  veranstalteten .  zur  Bereicherung  seiner 
Lieblingsschöpfung  verwendete.  Welckers  poetischer  Geist 
verrieth   eine  innere  Verwandtschaft   mit    dem   hellenischen, 


Halm:   Nekrolog  auf  Karl  Wühehn  Göttling.  391 

in  Göttling  sprudelte  attischer  Witz  und  Heiterkeit,  die  den 
Verkehr  mit  ii;ni  zu  einem  so  ungemein  genussreichen  machten. 
Endlich  war  beiden  Gelehrten  eine  seltene  Lebensdauer  be- 
scliieden,  Göttling  insofern  noch  glücklicher  denn  Welcker,  als  er 
körperliche  Gebrechlichkeit  erst  in  den  allerletzten  Jahren 
seines  langen  Lebens  zu  fühlen  anfieng. 

Was  seine  literarische  Thätigkeit  betrifft,  so  war  sie  in 
den  frühereu  Jahren  seiner  akademischen  Wirksamkeit  eine 
sehr  fruchtbare.  Rasch  folgten  aufeinander  die  Ausgaben 
des  sogenannten  Theodosios  neol  yquixuaTixi^g  (1822),  der 
Pohtik  des  Aristoteles  (1824)  und  der  Oekonomika  (1830), 
der  Gedichte  des  Hesiod  (1831  und  1843),  und  die  gründ- 
hche  Monographie  über  den  griechischen  Accent  (1835).  Seine 
nächsten  Schriften ,  die  Geschichte  der  römischen  Staatsver- 
fassung bis  auf  Caesars  Tod  (1840)  und  die  XV  römischen 
Urkunden  (1845)  waren  der  Erforschung  der  jömischen  An- 
tiquitäten gewidmet.  Damit  schloss  die  Reihe  der  grösseren 
Arbeiten  Göttlings ;  dass  jedoch  seine  schriftstellerische  Thätig- 
keit nicht  versiegte,  dafür  war  durch  seine  Stellung  als  Pro- 
fessor eloquentiae  der  Universität  gesorgt.  Diese  akademischen 
Gelegenheitsschriften,  Opuscula  acalemica,  die  Göttling  selbst 
noch  in  drei  stattlichen  Bänden  gesammelt  hat  (1851,  1864, 
1869)  und  sich  in  buntester  Fülle  fast  auf  alle  Gebiete  der 
griechischen  und  römischen  Alterthumskunde  erstrecken,  geben 
ein  rühmliches  Zeugniss  von  der  Vielseitigkeit,  dem  feinen 
Geschmacke  und  dem  überall  selbständigen  Urtheil  ihres 
Verfassers. 


392  OeffeniUche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 


Ludwig  Yon  Jan, 

geboren  zu  Castell  am  2.  Juli  1807,  wo  sein  Vater  gräflicher 
Kanzleidirector  war,  eihielt  seine  erste  Vorbildung  auf  dem 
Gymnasium  zu  Wertheim ,  unterzog  sich  aber,  nachdem  er 
sich  für  das  Studium  der  Philologie  entschieden  hatte,  noch 
einer  zweiten  Maturitätsprüfung  an  dem  Gymnasium  zu  Würz- 
burg, um  dereinst  in  bayerische  Dienste  treten  zu  können. 
Hierauf  begab  er  sich  im  Herbste  1825  nach  München,  wo 
er  am  Lyceuin  und  seit  1826  an  der  Universität  seine  höheren 
Studien  hauptsächlich  unter  der  Leitung  von  Thiersch  vol- 
lendete. An  Thiersch  hatte  Jan  nicht  blos  einen  höchst 
anregenden  und  begeisterten  Lehrer,  sondern  auch  einen 
warmen  Freund  gefunden,  dem  er  das  in  ihn  gesetzte  Ver- 
trauen mit  wahrhaft  kindlicher  Pietät  bis  zu  dessen  Tode 
aufs  treueste  gelohnt  hat.  Im  J.  1822  wurde  v.  Jan  an 
das  neu  organisierte  Gymnasium  zu  Schweinfurt  berufen,  dem 
seine  Thätigkeit  volle  neun  und  zwanzig  Jahre  angehört  hat, 
bis  ihm  endlich  die  längst  verdiente  Beförderung  zum  Gym- 
nasialrector  in  Erlangen  zu  Theil  ward.  Doch  nicht  lange 
sollten  Lehrer  und  Schüler  sich  eines  so  eifrigen  und  humanen 
Vorstandes  erfreuen.  Im  Juni  des  J.  1868  erhielt  v.  Jan 
die  erschütternde  Nachricht,  dass  sein  dritter  Sohn,  der  als 
Bataillonsarzt  den  Feldzug  des  J.  1866  mitgemacht  und  sich 
nach  dessen  Beendigung  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  nach 
Prag  und  Wien  begeben  hatte,  am  Abend  vor  seiner  Abreise 
von  Wien  durch  eine  tragische  Verkettung  unseliger  Um- 
stände seinen  Tod  in  den  Wellen  der  Donau  gefunden  hatte. 
Dieser  entsetzliche  Schlag  brach  das  Herz  des  zärtlichen 
Vaters;  kein  Jahr  vergieng,  so  folgte  auch  er  am  11.  April 
1869  dem  hoffnungsvollen  Sohne  in  die  ewige  Heimat. 

Auf  die   literarische  Thätigkeit    Ludwigs    von  Jan   übte 
einen  bestimmenden  Einfluss  die  Versammlung  deutscher  Natur- 


Halm:  Nekrolog  auf  Ludwig  von  Jan.  393 

forscher,  die  1827  in  München  tagte.  Auf  ihr  wurde  der 
Gedanke  angeregt,  mit  gemeinsamen  Kräften  eine  kritisch 
berichtigte  und  erklärende  Ausgabe  von  der  grossen  Natur- 
geschichte des  Ph'nius  herzustellen.  Zwei  Männer,  deren  An- 
sichten sonst  sehr  weit  auseinandergingen,  Oken  und  Thiersch, 
begegneten  sich  damals  in  einem  Brennpunkt,  in  dem  Feuer- 
eifer, mit  dem  sie  die  angeregte  Idee  verfolgten.  Zunächst 
galt  es  die  Vorarbeiten  des  grossen  Weikes,  von  dem  nur 
der  philologische  Theil  zu  Stande  gekommen  ist,  zu  be- 
schaffen. Dem  Vertrauen  und  Einfluss  von  Thiersch  ver- 
dankte es  V.  Jan,  da-s  er  dazu  ausersehen  wurde,  die  Hand- 
schriften des  Plinius  in  den  Bibliotheken  von  Italien  und 
Paris  zu  vergleichen.  Von  seiner  längeren  Reise  zurückge- 
kehrt, erwarb  er  sich  1830  den  Docturgrad  durch  eine  Ab- 
handlung über  Plinius,  in  welcher  er  einen  Bericht  über  die 
Ausbeute  seiner  Reise  erstattete  und  zuerst  die  Vermuthung 
aussprach,  dass  das  Werk  des  Plinius,  wie  es  in  den  bis- 
herigen Ausgaben  schloss,  nicht  vollständig  sein  könne,  eine 
Vermuthung,  die  durch  den  Bamberger  Codex  ihre  glänzende 
Bestätigung  erhalten  hat.  Aus  dem  Umstände  dass  v.  Jan 
erst  geraume  Zeit,  nachdem  er  seine  Hauptcollationen  be- 
endet hatte,  auf  diese  wichtige  Handschrift,  ohne  welche  die 
sechs  letzten  Bücher  des  Plinius  nie  lesbar  geworden  wären, 
geführt  worden  ist,  ergibt  sich  von  selbst,  dass  bei  den  Vor- 
bereitungen für  das  grosse  Unternehmen  eine  gewisse  Ueber- 
stürzung,  nicht  die  nöthige  Umsicht  obgewaltet  hat.  Das 
zeigt  sich  auch  darin,  dass  mit  der  Besorgung  des  Textes 
der  neuen  Ausgabe  der  Dresdner  Gelehrte  Sillig  betraut 
wurde;  denn  da  der  grössere  Theil  der  Verbesserungen  in 
Silligs  Ausgabe  von  Jan  herrührt ,  so  kann  es  keinem  Zweifel 
unterliegen,  dass  man  seinen  Händen  mit  besserem  Fug  die 
Verarbeitung  des  gesammelten  Materials  anvertraut  hätte. 
Aber  wenn  er  auch  nicht  der  Bearbeiter  der  giossen  kritischen 
Ausgabe   geworden    ist,   so   hat   er   doch   seinen  Plinius  nie 


394  Oeffentliche  Sitzung  wm  2S.  Mars  1870. 

wieder  aus  den  Händen  gelegt.  Jan's  Arbeiten  auf  der  Bam- 
berger Bibliothek  und  seine  vieljälirige  Beschäftigung  mit 
Handschriften  führten  ihn  hierauf  auf  den  Philosophen  Seneca; 
nach  schönen  Vorarbeiten  fasste  er  den  Plan  zu  einer  kritischen 
Ausgabe  dieses  Schriftstellers,  gab  ihn  aber  leider  auf,  als 
er  erfuhr,  dass  Tick  er  t  in  Breslau  schon  seit  längerer  Zeit 
mit  der  gleichen  Arbeit  beschäftigt  sei;  man  darf  wohl  sagen 
leider ;  denn  Fickerts  Ausgabe  des  Seneca  kann  fast  als 
Muster  gelten,  wie  man  eine  kritische  eines  alten  Autors 
nicht  zu  bearbeiten  hat.  Von  diesem  Plane  abgekommen 
wendete  v.  Jan  seine  Thätiizkeit  dein  vernachlässigten  Ma- 
crobius  zu,  für  welchen  Schriftsteller  er  mit  eisernem  Fleisse 
ein  staunenswerthes  Material  aufgebracht  hat.  In  seiner  sehr 
verdienstlichen  Ausgabe,  die  in  zwei  starken  Bänden  1848  — 
1852  erschienen  ist,  hat  er  sich  auch  nicht  die  Mühe  ver- 
driessen  lassen,  mit  dem  kritischen  Commentar  einen  voll- 
ständigen exegetischen  zu  verbinden,  und  so  die  Form  einer 
Bearbeitung  gewählt,  die  für  alle  Schriftsteller  der  späteren 
Zeit,  die  nur  selten  gedruckt  werden,  massgebend  sein  sollte. 
Ein  weiterer  Plan  von  Jans,  mit  Unterstützung  der  hiesigen 
Akademie  einen  sachlichen  Commentar  zu  Plinius  herau'^zu- 
geben,  ist  nicht  zur  Ausführung  gekommen,  wohl  aber  lieferte 
er  noch  eine  Textausgabe  desselben  in  der  bekannten  Teubner'- 
schen  Bibliothek,  die  1854  —  1865  in  sechs  Bänden  er- 
schienen ist.  Eine  zweite  Bearbeitung  des  ersten  Bandes  hat 
er  noch  vollendet,  aber  nicht  mehr  ihren  Druck  erlebt.  Da 
der  Schriftsteller,  dem  Ludwig  von  Jan  seine  Hauptthätig- 
keit  gewidmet  hat,  ein  ebenso  umfangreicher  als  schwieriger 
ist,  und  da  er  für  dessen  Verbesserung  und  Erklärung  sich 
ganz  unbestrittene  Verdienste  erworben  hat ,  so  wird  auch 
in  kommenden  Zeiten  sein  Name  unter  den  verdienten  Philo- 
logen des  neunzehnten  Jahrhunderts  immer  mit  Achtung  ge- 
nannt werden. 


Halm:   Nekrolog  auf  Otto  Jahn.  395 


Otto  Jahn 

wurde  am  16.  Juni  1813  zu  Kiel  geboren,  wo  sein  angesehener 
Vater  die  Stelle  eines  Landessyndicus  bekleidete.  Nachdem 
er  in  seiner  Vaterstadt  seine  Gyranasialbildung  erhalten  und 
in  Sclmlpforta  vollendet  h;itte,  besuchte  er  die  Universitäten 
Kiel,  Leipzig  und  Derlin  und  betrieb  unter  der  Leitung  von 
Nitzsch,  Gottfr.  Hermann,  Boeckli  und  Lachmann  vor- 
zugsweise philologische  Studien.  Da  in  den  Kreisen,  in  denen 
Jahn  seine  erste  Jugendzeit  verlebt  hatte,  die  Musik  eine 
reiche  Ptiege  fand,  war  das  entschieden  musikalische  Talent 
des  Knaben  schon  frühzeitig  geweckt  worden;  in  den  Jüng- 
liugsjahren  ward  keine  Gelegenheit  versäuint,  es  weiter  aus- 
zubilden. Lange  schwankte  Jahn,  ob  er  ganz  die  künstlerische 
Laufbahn  einschlagen  sollte;  der  V^unsch  seines  Vaters,  der 
Rath  Dehns,  seines  Lehrers  in  der  musikalischen  Composition, 
und  der  gewaltige  Einfluss  Kail  Lachmanns  entschieden 
endhch  dafür,  die  wissenschaftliche  Laufbahn  vorzuziehn. 
Nachdem  sich  Jahn  im  J.  1836  durch  eine  Abhandlung  über 
Palaniedes  den  Doctorgrad  in  Kiel  erworben  und  den  nächsten 
Winter  in  Kopenhagen  verlebt  hatte ,  unternahm  er  durch 
ein  Stipendium  der  dänischen  Regierung  unterstützt  eine 
grössere  Reise  nach  Frankreich,  der  Schweiz  und  Italien, 
theils  um  sich  weiter  auszubilden ,  theils  um  das  nöthige 
Material  für  seine  beabsichtigte  Bearbeitung  der  römischen 
Satiriker  zu  sammeln.  In  Paris  find  nicht  blos  sein  musi- 
kalischer Enthusiamus  im  Besuche  von  Opern  und  Concerten 
die  reichste  Sättigung,  sondern  es  ward  auch  zuerst  sein 
künstlerischer  Sinn  durch  die  Antikensammlungen  der  Welt- 
stadt zu  archäologischen  Studien  angeregt.  Diese  fortzube- 
treiben  und  zur  hauptsächlichen  Lebensaufgabe  zu  machen 
bestimmte  bei  längerem  Aufenthalt  in  Rom  der  ergreifende 
Eindruck  seiner  Kunstdenkmäler,  die  anregende  ßetriebsauikeit 


396  OeffentUche  Sitzung  vom  28.  Mars  1870. 

des  archäologischen  Instituts  und  die  ermunternde  Zuspräche 
EmiTs  Braun,  des  kunstbegeisterten  Sekretärs  des  Instituts. 
Schon  frühzeitig  ein  leidenschaftlicher  Büchersammler  erwarb 
Jahn  in  Ilora  den  für  lateinische  Inschriftenkunde  bedeutenden 
Nachlass  von  Olaus  Kellermann,  dem  er  ein  schönes  Denk- 
mal in  seinem  Specimen  epigraphicum  in  momoriani  Olai 
Kellermanni  (Kiel  1841)  gesetzt  hat. 

Von  seiner  Reise  reich  an  neuen  Anschauungen  und 
Erwerbungen  zurückgekehrt  begann  Jahn  seine  akademische 
Wirksamkeit  zuerst  in  Kiel,  wurde  hierauf  Professor  in 
Greifs  wähl  und  nach  dem  Tode  des  dor  Wissenschaft  zu 
früh  entrissenen  Wilhelm  Adolf  Becker  in  Leipzig,  wo  er 
in  Verein  mit  seinen  intimen  Freunden  Haupt  und  Moramsen 
eine  sehr  fruchtbiire  Thätigkeit  entwickelte.  Leider  ward 
ihr  bald  ein  Ziel  gesetzt  durch  den  Ausbruch  der  politischen 
Stürme  der  Jahre  1848  und  49.  Der  rege  Antheil,  den  die 
drei  Freunde  an  den  Bewegungen  für  eine  deutsche  Einheit 
nahmen,  hatte  bekanntlich  die  Folge,  dass  sie  ihrer  aka- 
demisc'ien  Thätigkeit  enthoben  wurden.  Der  unfreiwilligen 
Müsse,  in  die  sich  Jahn  dadurch  versetzt  sah,  ist  es  zu 
danken,  dass  die  prachtvolle  Vasensamnilung  Königs  Lud- 
wigs I  an  Jahn  den  kundigsten  Beschreiber  gefunden  hat. 
Ausserdem  wurde  ein  längerer  Aufenthalt  in  Süddeutschland 
dazu  benützt,  um  für  die  beabsichtigte  Biographie  des  musi- 
kalischen Dreigestirns,  Jos.  Haydn,  Mozart  und  Beethoven, 
die  umfassendsten  Vorstudien  und  Sammlungen  zu  machen. 
Erst  im  J.  1855  wurde  Jahn  durch  die  Berufung  nach  Bonn 
seiner  akademischen  Thätigkeit  wieder  zurückgegeben.  Er 
hat  das  seinige  redlich  gethan,  den  Glanz  der  Bonner  philo- 
logischen Schule,  die  Welcker's  grosses  Vorbild  und  Ritschl's 
eminente  Lehrgabe  so  sehr  gehoben  hatten,  zu  erhalten  und 
zu  vermehren.  Das  von  Welcker  geschaffene  akademische 
Kunstmuseum  erfreute  sich  unter  Jahn's  Leitung  überaus 
reichen  Zuwachses,   das  von  ihm  begründete  archäologische 


Malm:   Nekrolog  auf  Otto  Jahn.  397 

Seminar  wurde  Muster  für  ähnliche  Einrichtungen  auf  an- 
deren Universitäten.  Daneben  gieng  die  schriftstellerische 
Thätigkeit  in  fast  unerschöpflicher  Fülle  fort  und  steigerte 
sich  in  den  k-tzteu  Lebensjahren  Jahns  zu  einer  solchen 
Höhe,  dass  sie  fast  als  ein  Vorbote  baldigen  Hiuscheidens 
erscheinen  mus&te.  In  diese  Jahre  fällt  ausser  einer  grossen 
Anzahl  von  Monographien  die  Sammlung  seiner  biographischen 
und  musikalischen  Essays  (Leipzig  1866)  und  der  populären 
Aufsätze  aus  der  Altertl. umswissenschaft  (Bonn  IS68).  ^Ianches 
mochte  zusammengewirkt  haben,  um  uie  Kraft  des  so  starken 
Mannes  plötzlich  zu  brechen ,  die  lähmende  Nachwirkung 
schwerer  häuslichen  Schläge,  die  ihn  betroffen  hatten,  eine 
geistige  üeberanstrengung ,  die  bei  den  fast  drakonischen 
Gesetzen,  die  er  als  Schriftsteller  sich  aufgelegt  hatte,  nicht 
Wunder  nehmen  kann,  vielleicht  auch  die  zu  späte  Erkennt- 
niss,  dass  der  mit  Leidenschaft  geführte  Kampf,  der  mit 
Ritschl's  Ausscheiden  von  Bonn  endete,  der  Universität  doch 
einen  schweren  Schlag  versetzt  hatte.  Fast  zum  Skelete  ge- 
worden setzte  Jahn  doch  noch  seine  Vorlesungen  im  Sommer 
des  J.  1869  bis  zum  nahen  Semesterschlusse  fort .  ordnete 
hierauf  sein  Haus  und  liess  sich  zu  Verwandten  nach  Göt- 
tingen geleiten,  in  deren  zärtlicher  Pflege  der  rastlose  Mann 
nach  kurzem  Krankenlager  am  9.  September  seine  irdische 
Ruhe  gefunden  hat. 

In  wie  verschiedenen  Gebieten  auch  Otto  Jahn  gearbeitet 
hat,  als  Philolog  und  Archäolog,  als  musikalischer  Kritiker 
und  Geschichtschreiber,  als  Biograph  und  deutscher  Literar- 
Historiker,  so  tragen  doch  seine  sämmtlichen  schriftstelleri- 
Bchen  Leistungen  ein  festes  gemeinsames  Gepräge.  Sie 
zeichnen  sich  alle  durch  die  solideste  Gelehrsamkeit  aus, 
durch  sichere  Beherrschung  des  ganzen  einschlägigen  Stoffes, 
durch  strenge  sich  nie  genügende  Forschung,  durch  geschmack- 
und  lichtvolle  Darstellung,  eridlicli  durch  das  Bestreben  einer 
jeden  Leistung,  ob  gross  oder  klein,  die  hö'iere  Weihe  einer 
[1870.  I.  3  ]  26 


398  Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

künstlerischen  Schöpfung  zu  verleihen.  Fast  möchte  man 
bedauern .  dass  sich  Jahn  auch  für  kleinere  Arbeiten  so 
strenge  Gesetze  vorgeschrieben  hat.  Denn  da  er  so  vieles 
unternahm  und  in  jeder  literarischen  Arbeit  ein  nach  Form 
wie  Inlialt  abgerundetes  Meisterwerk  zu  liefern  bestrebt  war, 
musste  ihm  zuletzt  die  Zt-it  gebrechen ,  um  auch  auf  dem 
Gebiete  der  Archäologie  und  Philologie  ein  grösseres  durch- 
greifendes Werk  wie  in  der  musikalischen  Literatur  seinen 
Mozart  zu  hinterlassen.  Aber  dass  ihm  über  dem  Detail 
nicht  der  Sinn  für  das  Ganze  abhanden  gekommen  ist,  zeigt 
eben  die  Art,  wie  er  jede  Studie  ausgeführt  hat,  die  ohne 
sichere  Beherrschung  des  ganzen  Gebietes  nicht  möglich  ge- 
wesen wäre.  Jahn  war  Philolog  im  besten  Sinne  des  Wortes 
und  hat,  wie  er  sich  selbst  rühuit,  die  Strenge  pliilologischer 
Methodik  auch  auf  andere  Gebiete  übertragen ,  das  heisst 
er  hat,  wie  sich  Mommsen  in  seinem  seelenvollen  Nachruf 
in  der  archäologischen  Zeitung  unvergleichlich  treffend  aus- 
drückt, ,,die  rücksichtslos  ehrliche,  im  Grossen  wie  im  Kleinen 
vor  keiner  Mühe  scheuende,  keinem  Zweifel  ausbiegende,  keine 
Lücke  der  Ueberheferung  oder  des  eigenen  \Vissens  über- 
tünchende ,  iiijmer  sich  selbst  und  anderen  Rechenschaft 
It^gende  Wahrheitsforschung  auf  Gebiete  übertragen,  die  bis 
jetzt  der  Dilettantismus  beherrscht  hatte." 

In  seinen  philologischen  Arbeiten  hat  sich  Jahn  sowohl 
als  tüchtiger  Kritiker  wie  Erklärer  bewährt  durch  seine  Aus- 
gaben des  Persius  und  Juvenalis,  des  Censorinus  de  die  na- 
tali,  von  Gicero's  Brutus  und  Orator,  des  Florus,  der  Peri- 
ochae  des  Livius  etc.  Die  diesen  Ausgaben  vorangeschickten 
Einleitungen  haben  hohen  Werth  für  die  Literaturgeschichte, 
für  die  Jahn  auch  in  seinen  Abhandlungen  über  römische 
Encyclopädien  und  über  die  Subscriptionen  in  den  Hand- 
schriften römischer  Classiker  sehr  schätzbare  Beiträge  ge- 
liefert hat.  In  seinen  letzten  mit  griechischen  Schriftwerkeu 
sich    befassenden    Arbeiten,    den    Ausgaben    von    Sophokles 


Halm:   KeTcroJog  auf  Otto  Jahyi,  399 

Elektra,  des  Platonischen  Symposion,  des  Longinos  de  sub- 
liraitate,  bat  er  ein  Muster  geliefert,  wie  solche  Schriften  zur 
Grundlegung  für  akademische  Vorlesungen  in  fruchtbringender 
Art  zu  behandeln  sind. 

Die  schriftstellerische  Thätigkeit  Jahns  als  Archäolog  ist 
von  staunenswerthem  Umfang;  eine  Sammlung  der  betref- 
fenden grösseren  und  kleineren  Schriften ,  von  denen  wir 
uur  die  Abhandlungen  über  die  Ficoronische  Cista,  über  die 
Lauersforter  Phalerae ,  über  den  Aberglauben  des  bösen 
Blickes  bei  den  Alten  und  die  Darstellungen  des  Handwerks 
und  Handelsverkehrs  auf  antiken  Wandgemälden,  Reliefs  und 
Vasenbildern  hervorheben,  würde  eine  stattliche  Reihe  von 
Bänden  füllen.  Manche  dieser  Arbeiten  greifen  weit  über 
die  Grenzen  des  eigentlichen  Vorwurfs  hinaus,  wie  z.  B.  die 
Beschreibung  der  hiesigen  Vasensammlung ,  df^ren  gegen 
250  Seiten  des  engsten  Drucks  umfassende  Einleitung  eine 
erschöpfende  Monographie  über  alles  Wissenswerthe  auf  dem 
Gebiete  der  alten  Vasenkunde  enthält.  Zeichnen  sich  alle 
diese  Arbeiten  auch  nicht  gerade  durch  eine  Fülle  von  neuen 
Ideen  aus,  so  haben  sie  doch  auf  einem  Gebiete,  wo  das 
Nebeln  und  Schwebein  der  Symboliker  und  ein  unfertiger 
Dilettantismus  in  der  nächst  vorhergehenden  Zeit  soviel  Un- 
heil angerichtet  hatte,  durch  ihre  nüchterne  Solidität,  durch 
feste  und  sichere  Methodik  der  Forschung  und  durch  er- 
schöpfende Verwerthung  des  ganzen  einschlägigen  Materials 
für  die  innere  Kräftigung  der  Archäologie  überaus  fördernd 
eingewirkt.  Sowohl  als  Lehrer,  wie  als  Schriftsteller  hat 
Jahn  sehr  viele  Jünger  für  die  Archäologie  gewonnen  und 
für  die  erweiterte  Kenntniss  des  antiken  Kunstlebens  wie 
Wenige  vor  ihm  beigetragen. 

Da  es  zu  der  Eigenart  Jahns  gehörte  in  seinen  wissen- 
schaftlichen Arbeiten  nichts  zu  übersehen,  was  irgendwie  zur 
Aulklärung  eines  alten  Schrift-  oder  Kunstwerks  dienen  konnte, 
so  war   er   ganz  besonders  auch   zu  biographischen  Darstel- 

26* 


400  OeffenÜiche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

lungen  berufen.  Bei  seiner  feinen  Beobachtungsgabe  und 
seinem  unermüdlichen  Eifer,  immer  zu  einem  vollen  Ver- 
ständniss  zu  gelangen,  wusste  er  jedem  Charakter,  den  er 
schilderte,  alle  Falten  des  Geistes  und  Herzens  abzulauschen 
und  die  Ergebnisse  seines  Sichhineinlebens  in  eine  fremde 
Individualität  zu  einem  wohlgerundeten  Bilde  zu  gestalten. 
Jahns  biographische  Darstellungen  erinnern  in  ihrer  feinen 
und  sauberen  Ausführung  unwillkürlich  an  die  berühmten 
biograijhischen  Denkmale  Varnhagens  von  Euse,  wie  auch 
die  Zierlichkeit  und  Sauberkeit  der  Schriftzüge  beider 
Männer  eine  unverkennbare  Aehnlichkeit  aufweist.  Dabei 
war  Jahn  ein  entschiedener  Feind  aller  Phrasenmacherei  und 
alles  Haschens  nach  rhetorischen  Effecten,  fast  möchte  ujan 
sagen  in  zu  hohem  Grade;  denn  eine  massige  Anwendung 
rhetorischer  Kunstmittel  hätte  manchmal  sicherlich  nicht  ge- 
schadet, um  der  spiegelklaren  Glätte  seiner  Darstellung  mehr 
Wärme  und  Schwung  zu  verleihen.  Charakteristisch  für  die 
Art,  wie  Jahn  zu  schaffen  pflegte,  ist  der  Vortrag,  den  er 
bei  der  Uhlandsfeier  zu  Bonn  (am  11.  Februar  1863)  ge- 
halten hat.  Wie  für  seine  berühmten  Beiträge  zur  Goethe- 
literatur, so  waren  auch  für  diesen  Zweck  seine  Vorstudien 
so  gründlich  und  umfassend,  dass  der  Vortrag  in  der  Heraus- 
gabe zu  einem  ganz  stattlichen  Buche  von  231  Seiten  er- 
wachsen ist.  Aber  was  eiserner  Fleiss,  gepaart  mit  der 
gründlichsten  Sachkenntniss  zu  leisten  im  Stande  ist,  das 
hat  er  als  musikalischer  Schriftsteller  in  seiner  Mozart- 
biographie dargethau. 

Dass  Jahn  musikalische  Studien  nicht  etwa  blos  im  In- 
teresse allgemeiner  Bildung,  sondern  aus  dem  inneren  Be- 
dürfniss  eines  angebornen  Talents  und  mit  fachmässigem 
Ernste  betrieben  hat,  das  beweisen  seine  im  Druck  er- 
schienenen Compositionen  (Lieder  mit  Ciavierbegleitung  und 
Gesänge  für  vierstimmigen  Chor),  in  denen  nach  dem  Urtheil 
von  Kennern   neben    einem   feinen  Stimmungsgefühl   die  Be- 


J 


Halm:  Nekrolog  auf  Otto  Jahn.  401 

herrschuDg  der  musikalischen  Formen  und  technische  Satz- 
gewandtheit überraschen  *). 

Grosses  Aufsehen  erregte  Jahn's  im  J.  1852  erschienener 
Ciavierauszug  von  Beetlioven's  Leonore  (des  späteren  Fidelio), 
in  welchem  er  die  Compositionen  der  ersten  und  zweiten 
Bearbeitung  dieser  Oper  sorgfältig  zusammenstellte  und  diese 
für  Beethoven's  Bildungsgang  und  die  innere  Geschichte  des 
genialen  Kunstwerks  höchst  wichtigen  Musikstücke  der  Ver- 
gessenheit entriss.  Die  gesammelten  Aufsätze  über  Musik 
enthalten  interessante  mit  scharfsinniger  (Kombination  ange- 
stellte Einzelnuntersuchungen  und  erregten  schon  bei  ihrem 
ersten  Erscheinen  durch  ihre  wissenschaftliche  Schärfe  sowohl 
als  künstlerische  Sachkenntuiss  grosse  Bewunderung. 

Im  J.  1856  trat  Jahn  mit  dem  ersten  Bande  seiner 
Biographie  Wolfg.  Amad.  Mozarts  hervor ,  1859  war  das 
Werk  in  vier  starken  Bänden  vollendet.  Nach  dem  über- 
einstimmenden Urtheile  deutscher  wie  ausländischer  Beur- 
theiler  errang  sich  Jahn  mit  diesem  Meisterwerke  eine  der 
ersten  Stellen  unter  den  musikalischen  Historikern  und  Aesthe- 
tikern.  Von  dem  gewissenhaftesten  Studium  der  Quellen 
ausgehend  verwerthete  er  das  überreiche  Material  mit  durch- 
dringender Sachkenntuiss  unter  gleichmässiger  Beachtung  aller 
einschlägigen  Fragen ,  der  specitisch  künstlerischen  sowohl, 
wie  der  ethischen  und  psychologischen  ,  so  dass  Mozart  als 
Künstler  und  Mensch  mit  voller  Klarheit  vor  das  geistige 
Auge  des  Lesers  tritt.  Das  Weik  bietet  zugleich  ein  gutes 
Stück  Musikgeschichte  aus  der  zweiten  Hälfte  des  acht- 
zehnten Jahrhunderts.  Denn  in  die^e  Zeit  fällt,  um  nur  die 
wichtigsten  Momente  anzudeuten,  die  Emancipation  der  Oper 
von   der    Opera   seria    durch    Gluck,    die    Begründung   der 


*)  Bei  der  Würdigung  Jahn's  als  Musikschriftsteller  erfreute  sich 
der  Verfasser  der  gütigen  Beihilfe  des  Herrn  Conservators  Julius 
Maier. 


402  OeffentUche  Sitzung  vom  38.  März  1870. 

deutschen  Oper  durch  Mozart  und  die  Ausbiklung  der  selbst- 
stäudigen  Instrumentalmusik  und  Feststellung  ihrer  Formen 
durch  Phil.  Emmanuel  Bach  und  Jos.  Haydn.  Alle  diese 
Fragen  hat  Jahn  mit  erschöpfender  Quellenkunde ,  mit  tech- 
nisch sicherem  Blicke  und  mit  plastischer  Kunst  der  Dar- 
stellung behandelt  und  für  sie  einen  so  reichen  Vorrath  von 
Literatur  und  Hilfsmitteln  beigebracht,  dass  sein  Werk  weit 
über  die  Bedeutung  einer  Einzelnbiographie  hinaus  eine  um- 
fassende Quellensammlung  für  die  Geschichte  der  Tonkunst 
in  jener  Epoche  bietet.  Aber  wie  hoch  auch  der  historische 
\Yerth  des  Buches  erscheint,  so  ist  sein  kritisch  -  ästhetischer 
doch  fast  noch  bedeutender.  Man  hat  mit  Recht  gerühmt, 
dass  Jahn  bei  der  AYürdigung  der  Werke  Mozarts  jene  Art 
der  Betrachtung,  die  seit  Lessing  in  der  bildenden  Kunst 
herrschend  geworden,  zuerst  in  das  musikalische  Gebiet  über- 
tragen habe.  Die  Analyse  der  Werke  Mozarts  eröffnet  uns 
einen  deutlichen  Einblick  in  die  Werkstätte  des  Meisters,  indem 
Jahn  so  tief,  als  es  menschlichem  Auge  vergönnt  ist,  in  das 
geheimnissvolle  Schaffen  des  Genius  eindringt  und  uns  dann 
wieder  mit  bewusster  Klarheit  die  vollendete  Schönheit  eines 
fertigen  Kunstwerks  vor  Augen  stellt  und  seine  Wahrheit  an 
der  üebereinstimmung  von  Inhalt  und  Form  nachweist. 

Man  hat  es  oft  mit  Bedauern  ausgesprochen,  dass  Jahn 
nicht  mehr  dazu  gekommen  sei ,  auch  die  verheissenen  Bio- 
graphien von  Beethoven  und  Joseph  Haydn  zu  liefern.  Seien 
wir  zufrieden  ,  dass  er  den  einen  Meister  in  so  eingehender 
und  umfassender  Weise  behandelt  hat;  denn  dadurch  ist  es 
ihm  gelungen,  mit  einem  bis  jetzt  unübertroffenen  Muster 
einer  musikalischen  Biographie  die  deutsche  Literatur  zu 
bereichern. 


V.  KobeU :  Nekrolog  auf  Christian  Erich  Hermann  v.  Meyer.     403 


l{      b)  Der  Sekretär  der  luath.-phys.  Classe  Herr  v.  Kobell: 

Christian  Erich  Herinanu  von  Meyer, 

geboren  am  3.  September  1801  zu  Frankfurt  a.  M. ,  gestorben 
am  2.  April  1869  ebenda. 

Seit  Cuvier  in  seinem  Recherches  sur  les  ossemcns 
fossiles  (1813)  aus  Knochen  und  Zähnen  die  am  Montmartre 
gefunden  wurden,  eine  eigene  zuvor  nicht  geahnte  Thierwelt 
kenneu  lehrte ,  hat  sich  die  Kunst  aus  Fragmenten  und 
einzelnen  Theilen  ganze  Skelette  zusammenzusetzen  und  zu 
I  charakterisiren  allmählig  mehr  ausgebildet  und  neue  Studien 
der  vergleichenden  Anatomie  herbeigeführt.  Zu  den  eifrigsten 
und  befähigsten  Forscliera  auf  diesem  Gebiete  gehörte 
Hermann  von  Meyer.  Er  erkannte  zwar  bald,  dass  Cuvier's 
Ausspruch ,  man  könne  auf  dem  Wege  der  Analogie  aus 
einem  Theil  das  Ganze  ersehen  oder  ein  einzelner  Zahn  habe 
ihm  über  das  Thier  allen  Aufschluss  gewährt ,  durchaus 
nicht  von  allgemeiner  Geltung  sei ,  dass  er  im  Gegentheil 
höchst  trügerisch  und  zu  den  seltsamsten  Irrthümern  führe. 
Das  hielt  ihn  aber  nicht  ab,  auf  der  einmal  betretenen  Bahn 
vorwärts  zu  gehen. 

Mit  welchem  Fleiss  er  die  Aufgabe  erfasste,  zeigt  sich 
schon  in  seinem  1832  erschieneneu  Werke  ,,Palaeontologica 
zur  Geschichte  der  Erde  und  ihrer  Geschöpfe",  wo  er,  die 
fossilen  Fische  ausgenommen ,  eine  umfassende  Uebersicht 
der  bis  dahin  entdeckten  vorweltlichen  Wirbelthiere  gegeben 
hat.  In  dieser  Schrift  veröffentlicht  er  auch  zuerst  sein 
System  der  fossilen  Saurier  nach  ihren  Organen  der  Bewegung 
und  fügt  eine  Abhandlung  bei  über  die  Gebilde  der  Erd- 
rinde, in  denen  Ueberreste  von  Geschöpfen  gefunden  worden. 
Er  bespricht    darin    die  Bedeutung   der  Versteinerungskunde 


404  Oeffentliclie  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

für  die  Charakteristik  der  Formationen ,  wie  sie  zuerst  von 
Lister  (1682)  und  William  Smith  (1790)  dann  von  Cuvier 
und  Brogniart  hervorgehoben  wurde.  Er  berücksichtigte  bei 
seinen  Studien  die  Vorkommnisse  aller  Länder ,  namentlich 
auch  die  von  Bayern,  dem  Lande,  von  welchem  er  sagt, 
dass  es  beinahe  die  ganze  Mannigfaltigkeit  umfasse,  mit  dor 
die  Geologie  ausgestattet  sei.  Der  Muschelkalk  von  Bayreuth 
lieferte  ihm  aus  der  Sammlung  des  Grafen  Münster  mehrere 
neue  Saurier  und  ebenso  der  Lias  von  Banz,  in  welchem  er 
nicht  nur  die  gewöhnlichen  Versteinerungen  dieser  Formation, 
sondern  alle  Ueberreste  erkannte,  welche  Bukland  in  Oxford 
aus  dem  Lias  von  Lyme  Regis  bekannt  gemacht  hat.  Die 
von  dem  Herzog  Wilhelm  von  Bayern  im  Schlosse  zu  Banz 
angelegte  Sammlung  hat  ihm  dazu  reiches  Material  geboten. 
Die  Juraformation  von  Solenhofen,  Pappenheim  und  Mouheim 
hat  er  eingehend  studirt  und  in  seinem  Prachtwerk  ,,die 
Reptilien  aus  dem  lithographischen  Schiefer  des  Jura  in 
Deutschland  und  Frankreich",  welches  er  unserer  Akademie 
bei  ihrem  100jährigen  Jubiläum  1859  dedicirte,  äussert  er, 
dass  die  seltenen  Schätze  Bayerns  es  waren ,  welche  ihn 
damals  vor  33  Jahren  der  Paläontologie  zugeführt  haben, 
einem  Studium,  welches  ihm  die  erhabensten  Genüsse  geboten. 
Die  Versteinerungen  der  Solenhofer  Schiefer  gaben  ihm  (1829) 
Veranlassung  zur  Aufstellung  eines  sehr  seltsamen,  früher 
vielfach  misskannten  Genus ,  welches  er  Aptychus  nannte 
und  wovon  er  später  8  Species  bestimmte,  dort  entdeckte 
er  mehrere  Saurier,  darunter  den  Racheosaurus,  Aeolodon, 
Gnathosaurus,  Pleurosaurus  etc.  —  Der  Besuch  der  Fund- 
stätten von  Gmünd  bei  Georgen  —  Gmünd,  6  Stunden  von 
Ansbach,  führte  ihn  zur  Entdeckung  des  ersten  Paläotherium 
ausserhalb  Frankreich  sowie  zu  seinem  Dinotherium  Bavaricum 
(später  auch  bei  Steinkirchen  unfern  Pfaflfenhofen  gefunden) ; 
der  Kalkstein  von  Ruhpoldiug  lieferte  ihm  ein  nach  eigen- 
thümlichem  Typus  gebildetes  Thier,  welches  er  Psephoderma 


V.  KdbeTl:  Nekrolog  auf  Christian  Erich  Hermann  v.  Meyer.    405 

nannte  und  später  in  analogen  Formationen  Italiens  und 
Englands  ebenfalls  fand. 

Das  oben  citirte  Werk  bildet  die  4.  Abtheilung  seiner 
Fauna  der  Vorwelt ,  wovon  die  erste  vom  Jahre  1845  die 
fossilen  Säugethiere,  Vögel  und  Reptilien  aus  dem  Molasse- 
Mergel  von  Oeningen  bespricht ,  die  zweite  die  Saurier  des 
Muschelkalks  und  aus  dem  bunten  Sandstein  und  Keuper 
und  die  dritte  das  Vorkommen  dieser  Thiere  im  Kupfer- 
schiefer und  in  der  Zechsteinformation  (1856).  Daneben 
publicirte  er  mit  zahlreichen  Abhandlungen  seine  Palaeo- 
graphica  von  1845  an  mit  den  Studien  über  fossile  Fische, 
über  die  Reptilien  der  Steinkohlenformation  in  Deutschland  etc. 
und  gab  mit  Th.  Plieuinger  (1844)  das  Werk  heraus:  Beitrcäge 
zur  Palaeontologie  "Würtembergs ,  enthaltend  die  fossilen 
Wirbelthierreste  aus  den  Trias -Gebilden ,  mit  besonderer 
Rücksicht  auf  die  Labyrinthodonten  des  Keupers. 

Es  ist  erstaunlich,  welche  Masse  von  Arbeit  Meyer  für 
diese  Werke  übernommen  und  welche  Thätigkeit  er  zum 
Nutzen  und  zur  Belehrung  Anderer  entwickelte.  Aus  allen 
Ländern  wurden  ihm  fossile  Knochen  und  Thierreste  zuge- 
schickt, um  seine  Ansicht  darüber  zu  vernehmen  und  von 
ihm  die  Bestimmung  derselben  zu  erhalten.  Es  wird  kaum 
einen  Gelehrten  gegeben  hab*jn .  welcher  mit  seinen  Fach- 
genossen so  in  wissenschaftHchem  Verkehr  stand  wie  er  und 
Ton  den  glänzendsten  Namen  fehlt  keiner  darunter.  Seine 
Abbildungen  sind  mit  dem  grössten  Fleisse  angefertigt  und 
haben  vor  anderen  ähnlicher  Werke  den  Vorzug,  dass  sie 
von  seiner  eigenen  Hand  gezeichnet  sind,  denn  kein  Künstler 
kann  in  dieser  Beziehung  den  Mann  des  Faches  erreichen, 
wenn  dieser  selbst  die  Darstellung  zu  geben  vermag.  Dass 
seine  Forschungen  durch  reiche  Funde  belohnt  wurden, 
konnte  nicht  fehlen  und  er  erlebte  dabei  manche  Ueber- 
raschung;  so  das  Vorkommen  der  Klasse  der  Vögel  schon 
zur  Zeit  der  Kreideformation,    welches    er   in    den  Glarner- 


406  Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Schiefern  nachwies  (1839),  das  Vorkommen  von  Hippopotamus 
im  Rheinischen  Gebiete  1840),  das  Vorkommen  des  Simo- 
saurus  in  Deutechland  aus  dem  Muschelkalk  von  Ludwigs- 
burg (1842),  das  Auffinden  des  ersten  Fleischfressers  in  der 
Braunkohle  zu  Käpfnach  in  der  Schweiz  (1842),  die  mannig- 
faltigen Vogelreste  im  Tertiärgebilde  von  Weisenau  im  Mainzer 
Becken,  dessen  Reichthum  an  Wirbelthieren  er  besondere 
Aufmerksamkeit  schenkte  und  61  Species  in  760  Individuen 
unterschied  (1843),  das  Vorkommen  von  Fledermausartigen 
Thieren  ebenda  (1845)  u.  s,  w. 

,,Die  Erde  scheint  nur  zu  gebären!  ruft  er  in  einem 
Briefe  von  1846  aus  (wo  er  die  Entdeckung  eines  neuen 
Pterodaktylus  [Pt.  Gemuiingi]  ankündigt),  je  mehr  man  mit 
der  Untersuchung  vorweltlicher  Geschöpfe  sich  abgiebt,  je 
mehr  die  Methode  sich  ausbildet,  nach  der  die  Unter- 
suchungen zu  geschehen  haben ,  je  mehr  Formen  früherer 
Schöpfung  man  kennen  lernt,  desto  reicher  fallen  die  Ergeb- 
nisse aus,  welche  die  Untersuchung  neuen  Materials  liefert 
und  es  lässt  sich  voraussehen,  dass  die  bereits  aufgefundene 
nicht  unansehnliche  Zahl  fossiler  Geschöpfe  noch  rascher  als 
bisher  zunehmen  werde." 

Die  Erfolge,  welche  Meyer  im  Gebiete  der  Wissenschaft 
errang,  sind  nicht,  wie  wohl  sonst  zu  geschehen  pflegt, 
durch  einen  geregelten  Studiengang  vorbereitet  worden; 
Meyer  war  anfangs  dem  Handelsstande  bestimmt  und  brachte 
3  Jahre  bei  seinen  Onkeln,  den  Bankiers  Gebrüder  Meyer 
als  Lehrling  zu ,  worauf  er  um  Cameralia  zu  studiren  nach 
Heidelbeig  ging  und  sich  da  nebenher  mit  den  Naturwissen- 
schaften beschäftigte,  die  ihn  schon  in  früher  Jugend  ange- 
zogen hatten.  Ein  weiterer  Aufenthalt  in  München  und 
vielerlei  Reisen,  die  vorzügUch  zu  seinen  wissenschaftlichen 
Zwecken  unternommen  wurden,  mehrten  rasch  seine  Kennt- 
nisse und  bestimmten  die  Wahl  des  Systems  seiner  Forschungen. 
Dabei   übernahm    er   mancherlei   Arbeit    in   administrativen 


f.  Kohell:  Kelrölog  arif  Christian  Erich  Hermann  r.  Meyer.     407 

Dingen  und  Rechnungsangelegenheiten  seiner  Vaterstadt  und 
hat  (las  Amt  eines  Eundeskassiers  30  Jahre  lang  in  Ehren 
geführt.  In  einem  von  ihm  verfassten  Tagebuch  findet  sich 
folgende  charakterisirende  Stelle :  Es  ist  mir  gelungen,  sagt 
er,  mich  in  meiner  wissenschaftlichen  TLätigkeit  völlig  frei 
zu  erhalten.  Ich  habe  nie  von  der  Wissenschaft  Bezahlung 
genommen,  die  Stellen,  wie  Professuren  mit  Einkommen  ab- 
geschlagen, um  nicht  in  die  Zunft  eintreten  zu  müssen,  kein 
Honorar  für  meine  literarische  Thätigkeit  genommen ,  um 
gegenüber  den  Verlegern  eine  völlig  unabhängige  Stellung 
einzunehmen;  ich  habe  lieber  meine  Existenz  durch  frei- 
willige Üebernahme  tiner  amtlichen  Stelle  im  Fache  der 
Administration  gefristet,  die  andern  Männer  von  wissen- 
schaftlicher Richtung  vielleicht  ein  Gräuel  gewesen  wäre, 
mir  aber  einen  erwünschten  Gegensatz  im  Leben  bot  und 
es  möglich  machte,  mich  dauernd  beschäftigt  zu  erhalten.  — 

Mejer  ward  durch  die  Diplome  vieler  gelehrten  Gesell- 
schaften, es  sind  deren  34,  ausgezeichnet  und  erhielt  (1847) 
von  der  Holländischen  Societät  der  Wissenschaften  die  goldene 
Medaille  und  von  der  geologischen  Gesellschaft  in  London 
den  WoUaston'schen  Preis,  die  Universität  Würzburg  ernannte 
ihn  (1845)  zum  Doctor  der  Philosophie  und  im  Jahre  1863 
wurde  er  mit  dem  Ritterkreuz  des  k.  österreicliischen  Franz- 
Joseph-Ordens  geschmückt.  — 

Seinen  literarischen  und  künstlerischen  Nachlass  hat 
die  Familie  unserer  Akademie  als  ein  sehr  werthvolles  Ge- 
schenk zugewendet,  es  ist  ein  Dokument  der  rastlosen  Thätig- 
keit und  der  sorgfältigen  Forschung ,  welche  den  leider 
Dahingegangenen  ausgezeichnet  haben.   — 

Herr  Akademiker  Professor  Zittel  ist,  dem  Wunsche  der 
Akademie  nachkommend,  mit  einer  besonderen  Denkschrift 
auf  den  Verstorbenen  beschäftigt. 


408  OeffentUche  Sitzung  vom  28.  Märst  1870. 

Thomas  Graham^ 

geboren    1805    am    20.  Dezember    zu    Glasgow,    gestorben 
1869  am   18.  September  zu  London. 

Graham  war  der  Sohn  eines  Kaufmanns  zu  Glasgow, 
wo  er  den  ersten  Schulunterricht  erhielt;  1826  wurde  er 
an  der  dortigen  Universität  Magister  Artium,  studirte  dann 
in  Ediuburg  und  gründete  bei  seiner  Rückkehr  ein  Labora- 
torium für  praktische  Chemie.  Von  1830—37  war  er 
Professor  der  Chemie  am  Anderson'schen  Institut  zu  Glasgow 
und  dann  am  University-CoUege  in  London.  Seit  1855  be- 
kleidete er  auch  die  Stelle  eines  königl.  Münzmeisters  in 
London,  — 

Graham  hat  sich  durch  seine  Arbeiten  mit  Recht  den 
Ruf  eines  hervorragenden  Chemikers  erworben  und  die 
Wissenschaft  der  Chemie  nach  mehreren  Richthngen  erweitert 
und  bereichert. 

In  einer  Reihe  von  Abhandlungen  hat  er  die  Diffusion 
der  Flüssigkeiten  untersucht,  d.  i.  die  freiwillige  Vertheilung 
einer  löslichen  Substanz  in  dem  Lösungsmittel,  Er  beobachtete 
dabei,  dass  bei  vielen  isomorphen  Salzen  gleiche  Diffusibilität 
stattfinde,  dass  partielle  Trennung  geiuischter  Salze  auf 
Grund  des  ungleichen  Diffusionsvermögen  derselben  möglich 
sei ,  dass  die  Diffusion  selbst  Zersetzung  chemischer  Ver- 
bindungen bewirken  kann.  Bei  diesen  Untersuchungen  wurde 
auch  der  Einfluss  der  Temperatur  auf  die  Diffusion  berück- 
sichtigt und  das  Verhalten  in  gallertartigen  Substanzen.  Er 
bezeichnet  einen  wesentlichen  Unterschied  der  Molecular- 
struktur  zwischen  den  leiclit  oder  sehr  wenig  diflusibeln 
Substanzen  und  nennt  die  letzteren  Colloide,  die  ersteren 
Krystalloide.  Er  erkennt  an  den  Colloiden  die  merkwürdige 
Eigenthümlichkeit,  dass  sie  der  Diffusion  der  Krystalloide 
kein  Hinderniss  entgegensetzen,  wohl  aber  der  Diffusion  von 


v.KdbeU:  Nekrolog  auf  Thomas  Graham.  409 

Colloiden.  Solche  Scheidung  mit  Anwendung  einer  Colloid- 
substanz  als  Scheidewand  nennt  er  Dialyse  und  erhielt 
duich  sie  bei  Anwendung  verschiedener  Lösungt.n  von  Kiesel- 
erde, Thonerde,  Eisenoxyd,  Chromoxyd  etc.  diese  Substanzen 
in  bisher  ungekannten  Zuständen,  auch  gelangte  er  dabei 
zu  neuen  interessanten  Verbindungen  von  Zucker  mit  Eisen- 
oxyd, mit  Uranoxyd,  mit  Kupferoxyd  Ltc. 

Er  hit  durch  diese  Dialyse  ein  einfaches  Mittel  kennen 
gelehrt.  Albumin,  Thierleim  und  Fleischextract,  welche  durch 
eine  Colloidscheidewand  nicht  diffundiren .  von  den  beige- 
mischten diffundirenden  Salzen  zu  leinigen  und  ebenso  die 
arsenige  Säure  aus  einer  Masse  zu  scheiden ,  welche  viel 
organische  Substanz  enthält.  Sie  diffundirt  nämlich  durch 
ein  Perganientpapier  und  geht  frei  von  Colloidsubstanzen  in 
das  äussere  Wasser  über ,  worin  sie  nun  mit  Sicherheit 
nachgewiesen  werden  kann. 

Man  ersieht  aus  dem  Angeführten,  von  welchem  Interesse 
diese  Arbeiten  sind,  sowohl  in  reinwissenschaftlicher  als  auch 
in  technischer  Beziehung. 

Dergleichen  Untersuchungen  hat  er  weiter  über  das 
Diffundiren  der  Gase  angestellt  und  die  Geschwindigkeit 
bestimmt,  mit  welcher  verschiedene  Gase  durch  Capillar- 
röhren  gehen ,  wobei  er  fand ,  dass  sie  unter  einander  in 
einem  constauten  Veihältniss  stehen  und  eine  besondere 
Eigenschaft  dieser  Gase  bilden.  Durch  mancherlei  Wechsel 
der  Durchgangsöff'nungen  und  Wandungen  bei  verschiedenem 
Druck  erkannte  er,  dass  sich  das  verschiedene  Verhalten 
der  Gase  unter  diesen  Umständen  zu  einer  partiellen  Scheidung 
Von  Gemengen  anwenden  lasse.  Er  verknüpft  damit  theore- 
tische Betrachtungen  über  die  Gasmoleküle  und  dehnt  sie 
allgemein  aus  über  die  Constitution  der  Materie,  deren  Ver- 
schiedenheit in  einer  schnelleren  oder  langsameren  Bewegung 
ihrer  Atome  bestehe. 

Graham   hat    diese   Arbeiten   wiederholt    aufgenommen 


410  OeffentUche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

und  weiter  geführt  unl  gelangte  bei  der  Untersuchung  des 
Durchgangs  der  Gase  durch  erhitzte  Metallplatten  zu  sehr 
merkwürdigen  Resultaten,  indem  er  beobachtete,  dass  nament- 
lich für  den  Wasserstoff  eine  Absorption  durch  das  Metall 
stattfinde.  In  auffallendem  Grade  erkannte  er  dieses  für 
das  Palladium,  welches  bei  245  °  sein  526  faches  Volum  an 
Wasserstoff  absorbirt.  Diese  Absorptionserscheinungen  ver- 
anlassten ihn  auch  zu  einer  bezüglichen  Untersuchung  von 
Meteoreisen.  In  solchem  Eisen  von  Lenarto,  auf  einem 
Gipfel  der  Karpathen  im  Jahre  1814  gefunden,  entdeckte 
er  in  der  That  Wasserstoffgas,  wovon  er  beim  Glühen  über 
das  2V«  fache  Volumen  der  angewandten  Probe  erhielt.  Er 
schloss  daraus,  dass  das  Lenarto-Eisen  aus  einer  Wasser- 
stoffatmosphäre stamme,  welche  dichter  als  die  unsrige  sein 
müsse,  da  das  Schmiedeisen  unter  dem  Druck  von  einer 
Atmosphäre  nur  sein  gleiches  Volum  Wasserstoff  absorbire. 
Die  Erkenntniss  von  Wasserstoff  im  Lichte  der  Fixsterne 
wie  sie  von  Huggins  und  Miller  durch  die  Spectralanalyse 
dargethan  wurde,  findet  mit  der  Entdeckung  Grahams 
eine  überraschende  Bestätigung.  Graham  schlug  dann  noch 
einen  anderen  Weg  ein ,  die  Absorption  des  Wasserstoffs 
durch  Palladium  und  andere  Metalle  zu  studiren.  Er  be- 
diente sich  dazu  des  galvanischen  Stromes  und  erkannte, 
wenn  eine  Palladiumplatte  als  negative  Electrode  gebraucht 
wurde ,  dass  sie  das  800  fache  ihres  Volums  an  Wasserstoff 
und  selbst  noch  mehr  aufnahm  und  dass  dieses  aufgenommene 
Gas  im  luftleeren  Raum  nicht  entwich,  also  aufhörte  in  so 
gebundenem  Zustande  ein  Gas  zu  sein.  Diese  eigenthümliche 
Erscheinung  verfolgte  er  nach  den  verschiedensten  Richtungen 
durch  Experimente  mit  der  erhaltenen  Palladiumverbindung 
und  es  ergab  sich,  dass  der  gebundene  Wasserstoff  als 
metallisirt  angesehen  werden  kann,  dass  sein  Metall,  welches 
er  Hydrogenium  nennt,  in  der  Dichtigkeit  sich  zwischen 
Kalium  und  Lithiom  stelle,  dass  es  ein  Leiter  der  Electricität 


v.KobeU:  Nekrolog  auf  Thomas  Graham.  411 

sei  und  zu  den  magnetischen  Metallen  gehöre.  Nach  seiiieu 
Reactionen,  die  verschieden  von  denen  des  gas^förmigen  Wasser- 
stoifs,  sieht  er  an  ihm  ein  Verhältniss  zu  diesem  üiinlich 
dem  des  Ozon  zum  Sauerstoff. 

Nicht  minder  wichtig  als  die  Arbeiten  über  Diffusion 
sind  diejenigen,  durch  welche  Graham  seine  isomeren  Phosphor- 
sauren  entdeckte  und  ihre  Verbindungen  darstellte.  Die  Ej- 
scheiuung,  dass  dieselbe  Säure  unter  anderm  durch  erhöht.^ 
Temperatur  in  derartig  veschiedene  Zustände  versetzt  werden 
kann,  dass  sie  das  Wasser  und  die  Basen,  mit  welchea  sie 
sich  verbindet,  nun  nicht  mehr  in  derselben  Anzahl  von 
Atomen  aufuimUit ,  sondern  dreierlei  Modificationeu  ent- 
sprechend in  verschiedener  Weise  die  Verbindungen  eingeht. 
Diese  Erscheinung  ist  ein  Räthsel ,  dessen  Lösung  dem  zur 
Zeit  noch  dunkeln  Gebiete  der  Lagerungsverhältnisse  der 
Atome  anheimfällt,  gleichwohl,  wenn- auch  unerklärt,  ist  es 
von  Werth,  zu  wissen,  das  aus  diesen  Verhältnissen  so  selt- 
same Anomalieen  hervorgehen  können.  —  An  diese  Unter- 
suchungen reihten  sich  andere  über  die  Ursache,  warum  das 
Phosphorwasserstoffgas  unter  Umständen  sich  an  der  Luft 
nicht  entzündet  und  Graham  zeigte  —  wie  solches  Gas  durch 
kleine  Beimengung  anderer  oxydirbarer  Gase  zur  Selbst- 
entzündung gebracht  werden  könne,  eine  Beobachtung  deren 
Interesse  für  die  theoretische  Chemie  durch  den  Umstand 
erhöht  wird,  dass  die  Vermittler  der  Erscheinung  ujit  dem 
nun  entzündungsfähigen  Gase  keine  Verbindung  eing.dieu 
und  doch  dieses  Entzündlichwerden  bestimmen.  —  Andere 
seiner  Untersuchungen  betreffen  die  Verbindung  der  Salze 
mit  Alkohol,  die  Fällung  von  Metallsalzen  durch  ausgebraunte 
Kohle,  das  Krystallwasser  der  schwefelsauren  Salze  u.  s.  w. 
Sein  Werk  „Elemente  der  Chemie"  hat  sich  in  England  und 
auswärts  grossen  Ruf  erworben. 

Es  kann  hier  nur  auf  einige  der  vielen  Arbeiten  hinge- 
wiesen werden,  welche  der  berühmte  Mann  zu  Tage  gefördert 


412  OeffenÜiche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

hat  und  welche  zeigen,  dass  er  vor  keiner  Schwierigkeit 
zurückgewichen,  die  sich  bei  den  gewählten  Aufgaben  seiner 
Forschung  entgegeugestellt  haben. 

Für  seine  Arbeiten  über  die  Diffusion  der  Gase  erhielt 
Graham  den  Keith  Preis  der  Royal  Society  of  Edinburgh  1834 
und  für  seine  Arbeiten  über  die  Phosphate  und  Dialyse  1862 
die  Copley-Medaille.  Er  war  conespondirendes  Mitglied  des 
Instituts  von  Frankreich. 


Karl  Gustay  Carus, 

geboren    am    3.  Januar    1789    zu    Leipzig,    gestorben    am 
28.  JuH    1869    zu   Dresden. 

Als  Carus  im  Jahre  1840  von  Heinrich  von  Schubert 
2um  correspondirenden  Mitgliede  der  Akademie  vorgeschlagen 
wurde,  betonte  dieser  den  Ruf  des  vielseitigen  Gelehrten 
in  den  Wissenschaften  der  vergk-ichenden  Anatomie,  Physio- 
logie und  Psychologie,  in  der  Zoologie  und  Zootomie.  Dieser 
Ruf  hat  sich  noch  durch  dessen  spätere  Arbeiten  gesteigert 
und  erhielten  viele  von  ditsen  ein  eigenthümhches  Gepräge 
durch  philosophische  und  poetische  Reflexionen  mit  welchen 
bie  belebt  waren.  Die  seltene  Begabung  des  Mannes  und 
sein  Interesse  für  Alles,  was  im  Reiche  der  materiellen 
Kutur  dem  Auge  entgegentritt,  ebenso  wie  seine  Neigung, 
in  den  Gebieten  der  Kunst  sich  zu  orientiren  und  zu  ergehen, 
führte  ihm  eine  Reihe  der  verschiedensten  Aufgaben  zu  und 
beschäftigte  ihn  mit  ihrer  Lösung.  Dabei  war  es  natüHich, 
dass  er  ebensoviele  Acclamationen  fand,  als  er  auch  Wider- 
sprüche, Streit  und  Anfechtungen  erleben  musste.  Er  sagt 
darüber  in  seinen  Lebenserinnerungen  „der  Mensch  kann  nun 


v.KdbeU:  Nekrolog  auf  Karl  Gustav  Carus.  413 

einmal  nur  das  verstehen,  günstig  aufnehmen  und  mit  Lust 
sein  nennen,  was  ihm  selbst,  d.  h.  dem  eigenen  organischen 
Wachsthum  seines  Erkeuntnissvermögens  entspricht  und  auf 
das  besondere  Wesen  seines  Geistes  deshalb  eine  nach- 
haltige Anziehung  ausübt.  Nnn  giebt  es  viele,  für  welche 
nur  das,  was  sie  das  Reale  nennen,  das  wahrhaft  Anziehende 
'  bleibt,  während  dagegen  alles  Schauen  des  tiefereu  Grundes 
der  Dinge,  alle  Abstraction  vom  sogenannt  unmittelbar  Sinn- 
hchen,  mit  einem  Wort  die  Idee  —  das  Ideale  —  für  sie 
so  gut  wie  nicht  vorhanden  ist."  Er  bekennt  sich  aber  für 
das  ideale  Anschauen  der  Welt  und  für  poetische  Erhebung. 
i  Vieljähriger  Briefwechsel  mit  Göthe ,    der  Verkehr   mit 

!  Tiek  und  mit  allen  Notabilitäten  seiner  Zeit   in   Kunst   und 
1  Wissenschaft  war  von  Einfluss  auf  den  Gang  seines  Denkens 
und  Forschens. 

Im  Jahre  1804  wurde  er  als  akademischer  Bürger  an 
der  Universität  Leipzig  aufgenommen ,  wo  er  Naturwissen- 
schaften und  vorzugsweise  Anatomie  und  Medicin  studirte ; 
1811  magister  legens,  las  er  über  vergleichende  Anatomie 
und  assistirte  an  der  neuerrichteten  Entbindungsanstalt; 
1813  übernahm  er  ein  französisches  Spital  in  Pfaffendorf, 
einem  Vorwerke  Leipzigs  und  1814  wurde  er  nach  Dresden 
als  Professor  und  Director  der  geburtshilflichen  Klinik  berufen. 
Er  pubhcirte  damals  sein  Lehrbuch  der  Zootomie,  sein  Lehr- 
buch der  Gynäkologie,  seine  von  der  Akademie  in  Kopen- 
hagen gekrönte  Preisschrift  „Von  den  äusseren  Lebens- 
bedingungen der  weiss-  und  kaltblütigen  Thiere,  den  Anfang 
seiner  ,,Erläuterungstafelu  zur  vergleichenden  Anatomie"  und 
im  Jahre  1827  seine  Entdeckungen  über  den  Blutkreislauf 
der  Insecten,  für  welche  ihm  das  Institut  von  Frankreich 
die  grosse  goldene  Preismedaille  zuerkannte.  In  diesem 
Jahre  wurde  er  zum  Leibarzt  bei  dem  König  Anton  von 
Sachsen  ernannt  und  seiner  Professur  enthoben.  Nachdem 
er  dann  seine  „Grundzüge  zur  vergleichenden  Anatomie  und 
[1870. 1.  3.]  27 


414  Oeff entliehe  Sitzung  vom  28.  Mars  1870. 

Physiologie"  und  sein  Werk  „Ueber  die  Ur-Theile  des 
Knochen-  und  Schalengerüstes  (1828)  herausgegeben,  be- 
gleitete er  den  Prinzen  Friedrich ,  nachmaligen  König 
Friedrich  August  II. ,  auf  einer  Reise  nach  Italien  und  in 
die  Schweiz,  und  veröffentlichte  deren  wissenschaftliche  Aus- 
beute in  seinen  ,,Analekten  zur  Natur-  und  Heilkunde" 
(1829).  Er  hielt  dann  nach  dem  Wunsche  vieler  Gelehrten, 
Künstler  und  Staatsmänner  in  Dresden  Vorträge  über 
Anthropologie  und  Psychologie. 

Daneben  pflegte  er  die  Kunst  der  Landschaftsmalerei 
und  entwickelte  darüber  seine  Ansichten  in  den  bezüglichen 
1831  herausgegebenen  Briefen.  Eine  Reise  nach  Paris  und 
in  die  Rheingegenden,  sowie  später  nach  England  als  Begleiter 
des  Königs  Friedrich  August  IL  veranlasste  Publicationeu, 
welche  er  in  Geist  und  Stil  seines  hochverehrten  Vorbildes 
Göthe  geschrieben  hat.  Sein  System  der  Physiologie  (1840), 
seine  Grundzüge  einer  neuen  und  wissenschaftlichen  Kranios- 
kopie  (1841),  die  Symbolik  und  Proportionslehre  der  mensch- 
lichen Gestalt  (1853,  54,  58)  sowie  sein  Organon  der  Natur 
und  des  Geistes  (1856)  bewegen  sich  auf  dem  Boden  der 
Beobachtung  wie  freier  philosophischer  Speculation.  Mit 
besonderer  Anerkennung  wurden  seine  Studien  zur  Ent- 
wicklungsgeschichte der  Seele,  sein  Buch  ,, Psyche"  aufge- 
nommen, welchem  er  ein  Seitenstück  ,,Physis"  folgen  Hess. 
In  seinen  Briefen  über  das  Erdenleben  (1841)  giebt  er  eine 
auch  die  Schöpfungstage  deutende  geologische  Hypothese,  in 
welcher  ihn  die  Phantasie  verführt,  den  Chemikern  Vorwürfe 
zu  machen,  dass  sie  die  Entwicklung  höherer  Elementar- 
substanzen aus  niederen ,  Kalkerde ,  Eisen,  Salze  aus  ein- 
förmigem Eiweiss ,  welches  nichts  oder  nur  Spuren  davon 
enthalte,  nicht  beachten,  dass  sie  die  Verwandlung  eines 
Elementarstoffes  in  einen  anderen  verwerfen,  während  er  sie 
alle  zuerst  aus  einer  homogenen  Aethermasse  und  weiter 
auseinander  selbst  hervorgegangen  ansieht.     Er  beklagt,  dass 


v.KoheU:   Nekrolog  auf  Otto  Linne  Erdmann.  415 

die  Chemiker  ebensowenig  die  genetische  Reihenfolge  würdigen, 
welche  je  nach  der  physiologischen  Bedeutung  dieses  oder 
jenes  Stoffes  für  den  gesammten  Erdorganismus  aufgestellt 
werden  sollte.  Solche  Speculationen  kamen  vielfach  in 
Conflict  mit  den  Thatsachen  der  Erfahrung ,  die  Natur- 
philosophie hat  sich  aber  durch  derlei  Hindernisse  in  ihrer 
Bewegung  niemals  aufhalten  lassen  und  Carus  hatte  das 
Spiel  der  Phantasie  zu  lieb  gewonnen,  als  dass  er  seine 
Aethertheorie  aufgeben  wollte,  obgleich  ihm  die  Arbeiten 
analytischer  Forscher  wohl  bekannt  waren. 

Die  Geistesepidemie  des  Tischrückens  veranlasste  1857 
ein  Buch  von  ihm  .,Ueber  Lebensmagnetismus  und  über  die 
magischen  Wirkungen  überhaupt."  — 

Aufschluss  und  Verständniss  über  die  seltene  Thätigkeit 
dieses  Mannes  geben  seine  .jLebenserinnerungen  und  Denk- 
würdigkeiten (bis  jetzt  4  Theile)  welche  auch'  von  Werth  und 
Interesse  sind  in  Beziehung  auf  Zeichnung  und  Beurtheilung 
seiner  Zeitgenossen;  diese  Memorien  beschäftigten  ihn  noch 
im  Jahre  1866  in  seinem  78.  Lebensjahre. 

Zu  den  mannigfachen  Ehren,  welche  ihm  zu  Theil  ge- 
worden, gehört  die  1862  erfolgte  Wahl  zum  Präsidenten 
der  ältesten  cisalpinischen  gelehrten  Körperschaft,  der 
Deutsch-Kaiserlichen  Leopoldo-Carolinischeu  Akademie  (ge- 
stiftet 1652). 


Otto  Linne  Erdmann, 

geboren    am    11.  April    1804    zu    Dresden,    gestorben    am 
9.  Oktober    1869    zu   Leipzig. 

Erdmann  begann  seine   wissenschaftliche  Laufbahn   mit 
Studien   der   Medicin  1820   an   der  damals   in  Dresden  be- 

27* 


416  Oeffenttiche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

stehenden  medicinisch  -  chirurgischen  Akademie  und  setzte 
dieselben  1822  an  der  Universität  Leipzig  fort,  wandte  sich 
aber  später  ausschliesslich  der  Chemie  zu  und  trat  1825 
als  Docent  in  Leipzig  auf.  Nachdem  er  1827  eine  Abhandlung 
über  das  Nickel  geschrieben,  wurde  er  zum  ausserordent- 
lichen Professor  ernannt  und  bearbeitete  nun  ein  Lehrbuch 
der  Chemie,  welches  1828  erschien  und  bis  1851  vier  Auf- 
lagen erlebte.  Er  gründete  hierauf  ein  Journal  für  technische 
und  ökonomische  Chemie,  wovon  18  Bände  erschienen 
(1828—33)  und  von  1834  an  zum  Theil  mit  Schweigger- 
Seidel,  Marchand  und  Werther  das  noch  bestehende  Journal 
für  praktische  Chemie.  Die  Leitung  eines  solchen  Journals 
hat  zu  jeder  Zeit  einer  aufopfernden  Thätigkeit  bedurft  und 
namentlich  in  unsern  Tagen  ist  eine  solche  beansprucht.  Die 
sogenannte  moderne  Chemie  hat  der  älteren ,  zum  Theil 
mit,  zum  Theil  auch  ohne  Grund  eine  ganz  veränderte  Ge- 
stalt gegeben  und  die  Nomenklatur  ist  in  ähnlicher  Weise 
umgewandelt  worden.  Unter  solchen  Verhältnissen  mehren 
sich  die  Schwierigkeiten  der  Redaction  eines  chemischen 
Journals  und  Erdmann  hat  sich  dabei  als  ein  ausdauernder, 
sehr  verdienstvoller  Arbeiter  bewährt.  Im  Jahre  1834  er- 
schien von  ihm  auch  ein  Grundriss  der  Waarenkunde. 

Seine  speciellen  chemischen  Arbeiten  betreffen  sowohl 
die  anorganische  als  die  organische  Chemie  und  sind  darunter 
hervorzuheben  :  die  Abhandlung  über  die  Nickelsalze,  deren 
er  mehrere  neue  dargestellt  hat,  seine  Untersuchungen  über 
das  Indigo  und  die  Producte,  die  es  mit  Chlor  liefert,  über 
Hämatoxylin,  über  Anilin,  über  die  Zusammensetzung  der 
Talg-  und  Margarinsäure,  über  Euxanthinsäure  und  seine 
mit  Marchand  angestellten  Bestimmungen  der  Atomgewichte 
des  Kohlenstoffs,  des  Calciums,  des  Quecksilbers,  des  Schwefels, 
und  Kupfers,  sowie  des  Nickels  und  Selens. 

Zum  Professor  der  technischen  Chemie  ernannt,  gründete 
er  in  Leipzig    ein    neues    chemisches   Laboratorium    (1842) 


V.  KdbeU:  Nekrolog  auf  Eiidolph  Kner.  417 

welches    sich     einen    Ruf    in    ganz    Deutschland     erworben 
hat.    — 

Mit  einer  liebenswürdigen  Persönlichkeit  verband  Erd- 
mann die  Gabe  eines  klaren  Lehrvortrags  und  gewann  damit 
seine  Zuhörer  und  Schüler,  auch  in  populären  Darstellungen 
zeigte  er  seltene  Meisterschaft  und  erfreute  sich  eines  treff- 
lichen Rednertalents,  welches  er  bei  den  Versammlungen  der 
deutschen  Naturforscher  öfters  mit  Beifall  bewährt  hat.  Er 
war  einigemale  Rector  der  Hochschule  und  Deputirter  auf 
dem  Landtag,  auch  zuletzt  Director  der  Leipzig-Dresdner 
Eisenbahncompagnie.  — 


Rudolph  Kuer, 

geboren   am    24.  August    1810    zu   Linz,     gestorben    am 
27.  Oktober  1869  zu  Wien. 

Kner  war  der  Sohn  eines  oberösterreichischeu  land- 
ständischeu  Beamten.  Nach  gemachten  Gymnasialstudien 
wollte  er  sich  der  Medicin  widmen ,  nahm  aber  bald  eine 
Praktikantenstelle  am  kaiserlichen  Hof-Naturalien-Cabinet  an 
Uüd  beschäftigte  sich  mit  zoologischen,  namentlich  ichthyo- 
logischen Studien.  1841  wurde  er  zum  Professor  der  Natur- 
geschichte und  Landwirthschaftslehre  au  der  Lemberger 
Hochschule  ernannt  und  1849  zum  Professor  der  Zoologie 
in  Wien. 

Seine  Arbeiten  umfassen  theils  die  Systematik  der 
Fische,  theils  beziehen  sie  sich  auf  zootomische  und  paläonto- 
logische Verhältnisse  der  Fischkunde.  Die  betreffenden  Ab- 
handlungen sind  theils  in  den  Denkschriften  und  Sitzungs- 
berichten der  kaiserlichen  Akademie  der  ^Yissenschaften  in 
Wien,    theils  in  Haidinger's  naturwissenschaftlichen  Abband' 


418  Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  Mars  1870. 

lungen  erschienen.  Es  sind  besonders  hervorzuheben :  seine 
systematische  Bearbeitung  der  Panzerwelse  und  Hypostomiden, 
seine  Charakteristik  der  Labroiden,  seine  Beiträge  zur 
Familie  der  Characinen  und  Siluroiden,  seine  anatomischen 
Arbeiten  über  den  Flossenbau  der  Fische,  über  die  Mägen 
und  Blinddärme  der  Salmoniden,  über  einige  Sexual-Unter- 
schiede  bei  Callichthys  und  über  die  Schwimmblase  bei 
Doras. 

Er   schrieb    ferner    über    die   ichthyologische  Ausbeute 

während   der  Reise   der  Fregatte  Novara,   über   die    neuen 

Gattungen  und  Arten   der   von  Professor  Moritz  Wagner  in 

•  Central- Amerika  gesammelten  Fische  und  in  Gemeinschaft  mit 

Heckel  über  die  Süsswasserfische  der  österreichischenMonarchie. 

Seine  paläontologischeu  Arbeiten  betreffen  die  Ver- 
steinerungen des  Kreidemergels  von  Lemberg  und  seiner 
Umgebung,  ebenso  die  von  Ostgalicien  und  die  fossilen  Fische 
Oesterreichs  (zum  Theil  mit  Steindachner  bearbeitet).  Die 
fossilen  Fische  der  Asphaltschiefer  von  Seefeld  in  Tyrol 
hat  er  speciell  in  Vergleiclmng  mit  denen  der  bituminösen 
Schiefer  von  Raibl  in  Kärnthen  untersucht  und  die  sie 
führenden  Formationen  als  der  Triasgruppe  zugehörig  be- 
stimmt. — 

Kuer  war  von  den  Fachgelehrten  als  ein  ausgezeichneter 
Forscher  anerkannt. 


Joseph  Redtenlbaclier, 

geboren  am  12.  März  1810  zu  Kirchdorf  in  Oesterreich    ob 
der  Euns,  gestorben  am  5.  März  1870  zu  Wien. 

Redtenbacher  machte  seine  ersten  der  Chemie  gewidmeten 
Studien  zum  Theil  bei  Baron  y.  Liebig  in  Giessen,  wurde 


V.  Köbell:   Neh'ölog  ton  Jose;ph  Beätenbacher.  419 

dann  Professor  der  allgemeinen  und  phurmaceutisclien  Chemie 
in  Prag  und  bekleidete  diese  Stelle  weiter  in  Wien  seit  1849. 
Er  hat  sich  vorzugsweise  in  der  organischen  Chemie  durch 
mehrere  Untersuchungen  ausgezeichnet.  Es  gehören  dahin 
seine  Analysen  der  Talgsäure,  der  Fettsäure  und  des  Acro- 
lein's.  Letztere  Untersuchung  bewährte  den  eifrigen  Forscher, 
denn  sie  bot  grosse  Schwierigkeiten,  von  denen,  wie  Berzelius 
hervorhob,  die  gröbsten  in  dem  nachtLeiligen  Einfluss  dieser 
flüchtigen  Substanz  auf  die  Gesundheit  begründet  sind,  da 
die  geringste  Menge  in  der  Luft  des  Laboratoriums  Ent- 
zündung der  Augen  hervorbringt  und  man  von  grösseren 
;  Quantitäten  das  Bewusstsein  verlieren  kann.  Die  Substanz 
'  wird  daneben  so  leicht  durch  den  Zutritt  der  Luft  zersetzt, 
dass  deren  Darstellung  besondere  Vorsichtsmassregeln  uoth- 
wendig  macht  und  die  erforderlichen  Destillationen  in  einer 
Atmosphäre  von  Kohknbäure  vorgenommen  werden  müssen. 
Diese  Schwierigkeiten,  sagt  Berzelius,  welche  gleichzeitig 
Widerwillen  und  Verzweiflung  am  glücklichen  Erfolg  ver- 
anlassten, schreckten  Ptedtenbacher  doch  nicht  davon  ab. 
Er  erhielt  das  Acrolein  durch  Einwirkung  von  wasserfreier 
Phosphorsäure  auf  Gljcerin,  führte  dessen  Elementaranalyse 
durch  und  untersuchte  seine  Veränderungen  und  Verbindungen, 
die  Acrylsäure,  das  Disacron  und  das  Acrolharz. 

Seine  Untersuchung  über  die  Ameisensäure  in  faulendem 
Kiefernreisig,  über  die  flüchtigen  Säuren  in  der  Butter,  wobei 
sich  ein  eigenthümlich  modificirender  Einfluss  des  Viehfutters 
herausstellte,  über  Taurin  und  mehrere  Analysen  von  Mineralien 
und  Mineralwässern  geben  Zeugniss  eines  umsichtigen  Be- 
obachters, welchem  auch  die  zur  Weiterführuug  wissenschaft- 
licher Erkenntniss  so  nothwendige  Speculation  und  Com- 
binationsgabe  eigen  war.  Mit  seinem  Lehrer,  Baron  v.  Lielig, 
hat  er  einige  Arbeiten  gemeinschaftlich  gemacht ,  so  Be- 
stimmungen des  Atomgewichtes  des  Kohlenstoffs  und  die 
Darstellung  einer  neuen  organischen  Basis,  des  Carbothialdin. 


420  Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Zu  seinen  letzten  Arbeiten  gehören  Studien  über  Rubidium 
und  Cäsium,  und  hat  er  auf  die  verschiedene  Lösliclikeit 
der  Alaune  dieser  Metalle  und  des  mit  Kali  gebildeten  und 
damit  auf  eine  neue  Trennungsmethode  derselben  aufmerksam 
gemacht.!  Redtenbacher  war  ein  geschätzter  Lehrer  und 
die  Klage  um  sein  Hinscheiden  ist  unter  seinen  Freunden 
und  Schülern  eine  allgemeine.  Er  war  seit  der  Gründung 
der  Wiener  -  Akademie  MitgHed  derselben. 


Franz  Unger, 

geboren  1800   zu  Leitschach   in  Steiermark,  gestorben  am 
13.  Februar  1870  zu  Graz. 

Unger  machte  seine  Studien  in  Wien  und  Prag,  promovirte 
1827  in  Wien  und  lebte  dann  bis  1830  als  praktischer  Arzt 
in  Stockerau  und  die  nächsten  drei  Jahre  ebenso  in  Tyrol. 
1833  wurde  er  Professor  am  Joaneum  in  Graz  und  1850 
als  Professor  der  Botanik  an  die  Universität  nach  Wien 
berufen. 

Unger  hat  sich  um  seine  Wissenschaft  allgemein  an- 
erkannte Verdienste  erworben  und  seine  Detailforschungen 
mehrfach  verwerthet,  um  den  grossen  Organismus  der  Pflanzen- 
welt zu  näherem  Verständniss  zu  bringen,  ebenso  ihre  Be- 
ziehung zur  Thierwelt  und  zu  den  Gesteinsformationen, 
welche  sie  mitbedingen.  Schon  sein  erstes  Werk  über  die 
Hautkrankheiten  der  Gewächse  überraschte  die  Fachkundigen 
durch  die  Feinheit  und  Schärfe  der  Beobachtungen;  seine 
Schrift  über  den  Einfluss  des  Bodens  auf  die  Vertheilung 
der  Gewächse,  die  von  der  kaiserhch  russischen  Akademie 
gekrönte  Preisschrift  über  das  anatomische  Verhältniss   des 


V.  Kdbeü:    Kekrölog  auf  Frans  Unger.  421 

Mono-  und  Dikotyledonen-Stammes  und  den  Grundriss  der 
allgemeinen  Botanik,  welchen  er  mit  Endlicher  herausgab, 
gründeten  seinen  Ruf.  Ein  späteres  Werk  ., Versuch  einer 
Geschichte  der  Pflanzenwelt'',  umfasst  Alles ,  was  zu  den 
Verhältnissen  der  Vegetation  in  Beziehung  steht,  ünger 
glaubt  an  eine  bestimmte  Existenzdauer  jeder  Art,  nach 
welcher  sie  untergehen  müsse  und  an  eine  Entwicklung  einer 
Pflanzenart  aus  einer  anderen,  als  das  Resultat  des  Zusammen- 
wirkens bereits  organisirter  Kräfte.  Er  geht  darin  so  weit, 
dass  er  an  eine  die  Pflanzenwelt  bedingende  Urpflanze  denkt 
und  die  Bildungen  zuletzt  auf  eine  Zelle  für  reducirbar 
hält.  Dass  ähnliche  Ansichten  seiner  Vorgänger  bestritten 
wurden,  hindert  ihn  nicht,  sie  neu  anzuregen  und  die  Dar- 
win'schen  Lehren  gaben  erweiternde  Analogien.  In  dergleichen 
Speculationen  weniger  ängstlich  als  viele  seines  Faches,  be- 
spricht er  auch  in  einer  Abhandlung  .,die  Pflanze  im  ]\Iomente 
der  Thierwerdung",  wozu  ihm  das  Studium  der  Vaucheria 
clavata  und  ähnlicher  Algen  die  Materialien  lieferte.  Er 
hatte  beobachtet,  wie  aus  der  anschwellenden  Alge  ein  Körper 
hervordringe,  welcher  im  Wasser  sich  bewegend  wie  ein 
Infusorium  herumschwimmt,  dann  aber  wieder  diesen  Anfang 
thierischen  Lebens  beendet  und  zu  keimen  beginnt,  um 
neuerdings  die  Infusorienartigen  Körper  auszuscheiden.  Ob- 
wohl die  namhaftesten  Naturforscher  diese  Erscheinungen 
nicht  in  Ungers  Sinn  deuteten,  so  setzte  er  nur  um  so 
eifriger  seine  Studien  darüber  fort  und  seine  Abhandlung 
wird  immer  eine  werthvolle  Grundlage  bleiben ,  wenn  be- 
trefi'ende  Gegenstände  zur  Sprache  kommen. 

Mit  besonderer  Vorliebe  hat  Unger  die  fossile  Flora 
zum  Gegenstand  seiner  wissenschafthchen  Thätigkeit  gemacht 
und  mit  dem  Mikroskop  feine  Dünnschlifi'e  an  fossilen  und 
lebenden  Holzarten  vergleichend  untersucht,  so  auch  die 
fossilen  Palmen,  über  welche  er  eine  Abhandlung  schrieb, 
die  in  Martins  Historia  naturalis   aufgenommen   ist;    er  be- 


422  Oeffentliche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

stimmte  mehrere  fossile  Pflanzen  aus  den  Solenhofer  Schiefern 
und  der  verwandten  Formation  von  Nusplingen  in  Würtem- 
berg,  aus  der  Liasformation  der  nordöstlichen  Alpen  Oester- 
reichs  und  aus  den  Tertiärbildungen  des  Taurus  und  viele 
andere. 

Seine  Synopsis  plantarum  fossilium  vom  Jahre  1845 
giebt  eine  üebersicht  aller  damals  bekannten  fossilen 
Pflanzen  in  systematischer  Reihung  und  mit  Rücksicht  auf 
die  geognostischen  Formationen  welchen  sie  angehören.  Er 
zählte  1600  Pflanzen-Arten  ;  seine  1850  eischienene  Schrift: 
Genera  et  species  plantarum  fossilium  giebt  deren  schon 
2421  an,  worunter  viele  neue  Entdeckungen  von  ihm.  Andere 
seiner  Werke  sind :  die  Chloris  protogaea,  die  Anatomie  und 
Physiologie  der  Pflanzen,  die  Urwelt  in  ihren  verschiedenen 
Bildungsperioden.  Letzteres  Werk  zeigt  üngers  Neigung, 
die  Erfahrungen  mit  Gebilden  der  Phantasie  und  Poesie  in 
Verbindung  zu  bringen;  er  giebt  eine  Reihe  landschaftlicher 
Darstellungen  von  der  sogenannten  Uebergangszeit  bis  zur 
Jetztwelt  und  gewähren  dieselben  einen  überraschenden  Blick 
in  jene  untergegangenen  Schöpfungen.  Die  Vegetationsgruppen 
sind  durch  den  Künstler  Jos.  Kuwasseg  sehr  malerisch  ge- 
ordnet und  die  Landschaften  auch  durch  die  grossen  Thiere 
belebt  compinirt,  deren  Formen  mit  Rücksicht  auf  ihren 
Bau  und  verwandte  Geschlechter  ausgeführt  worden.  Die 
Paläontologie  verdankt  ünger  auf  dem  Gebiete  der  Pflanzen- 
kunde, was  sie  Hermann  v.  Meyer  auf  dem  der  Thierkunde 
zu  verdanken  hat.  Beide  Forscher  haben  sich  darin  auf 
das  erfreulichste  ergänzt.  —  Werthvolle  Arbeiten  umfassen 
auch  seine  Botanischen  Streifzüge  auf  dem  Gebiete  der 
Culturgeschichte ;  sie  behandeln  die  Pflanze  als  Erregungs- 
und Betäubungsmittel,  als  Zaubermittel,  die  Pflanzen  des 
alten  Aegyptens  und  anderes  und  zeigen  von  grosser  Belesen- 
heit und  betreffenden  ausgebreiteten  historischen  Studien. 
Reisen  nach  Aegypten,    Syrien,   Cypern,    Griechenland   und 


v.DöUinger:  Nekrolog  auf  Karl  Maria  Frhr.  v.  Äretin.    423 

wiederholte  Besuche  Dalmatiens  haben  ihm  Stoff  zu  solchen 
in  mehrfacher  Hinsicht  anziehenden  Darstellungen  und  Be- 
sprechungen gegeben. 


c)    Der   Sekretär    der    historischen   Classe   Herr    von 
Döllinger: 

Die  historische  Classe  der  Akademie  hat  noch  eine  Schuld 
abzutragen,  und  dem  Gedächtnisse  eines  bereits  am  29.  April 
1868  verstorbenen  Mitgliedes  einige  Worte  zu  widmen. 

Es  ist  diess 

Karl  Maria  Freiherr  von  Aretin. 

Die  Aretin's  sind  ein  aus  dem  Auslande  gekommenes, 
aber  nun  schon  anderthalb  Jahrhunderte  in  Baiern  einge- 
bürgertes Geschlecht.  Der  Stammvater,  1706  zu  Coustan- 
tinopel  geboren,  hiess  Johann  Christoph  Aroution  Capiadur, 
soll  der  Sage  nach  aus  einem  altarmenischen  königlichen 
Geschlechte  entsprossen  gewesen  sein  und  ward  als  kleines 
Kind  nach  Venedig  und  von  da  nach  München  gebracht,  wo 
sich  die  Kurfürstin  Theresie  Kunigunde,  des  Kurfürsten  Max 
Emanuel  zweite  Gemahlin,  seiner  annahm  und  ihn  bei  Hofe 
erziehen  liess.  Anders  freilich  erzählt  Ritter  von  Lang  in 
seinen  Memoiren  den  Ursprung  der  Familie ;  nach  seiner 
Behauptung  wäre  der  erste  Aretin  ein  Sohn  der  Kurfürstin 
gewesen,  den  sie  in  Arezzo  (daher  der  Name)  habe  erziehen 
lassen.  Der  Vater  unseres  Aretin  war  der  Freiherr  Christoph 
von  Aretin,  1773—1824,   der  als   Präsident   des   Amberger 


424  OeffenÜiche  Sitzung  vom  38.  März  1870. 

Appellations-Gerichtes  in  München  starb  —  ein  Mann,  bekannt 
durch  politische  Kämpfe  und  Schriften,  die  ihm  mancherlei 
Missgeschick  und  Verdruss  zuzogen  ,  aber  auch  durch  seine 
literarischen  Kenntnisse  und  seine  Bemühungen  um  die  Be- 
reicherung und  Ordnung  der  Staatsbibliothek,  deren  Vorstand 
er  einige  Jahre  war,  und  die  erst  unter  ihm  und  durch  ihn 
zum  Range  einer  der  ersten  Bibliotheken  Europa's  erhoben 
wurde. 

Sein  Sohn  war  der  am  4.  Juli  1796  geborne  Karl  Maria 
von  Aretin,  Die  Befreiungskriege  von  1813—15  rissen  den 
Jüngling  aus  seinem  Studiengange  heraus;  er  diente  im 
Heere ;  wandte  sich  darauf  dem  diplomatischen  Fache  zu ; 
arbeitete  im  Generalstab  und  im  Kriegsministerium.  Nach 
einiger  Zeit,  (1826)  zog  er  sich  auf's  Land  zurück,  und 
hier  erwachte  in  ihm  neben  den  praktischen  Beschäftigungen 
mit  der  Landwirthschaft  die  Neigung  zu  historischen  Studien, 
zunächst  zu  Forschungen  und  Arbeiten  über  die  baierische 
Geschichte  neuerer  Zeit.  Die  erste  Frucht  seines  Fleisses 
war  1838  ,,das  chronologische  Verzeichuiss  der  Bayerischen 
Staatsverträge",  ein  Werk,  das  jedem  Freunde  der  vater- 
ländischen Geschichte  als  bequemes  und  unentbehrliches 
Hilfsbuch  äusserst  willkommen  sein  musste,  und  überdies 
eine  reichliche  und  gutgewählte  Sammlung  bisher  unbekannter 
Urkunden  darbot.  Hatte  diese  Schrift  nur  das  Verdienst 
einer  emsigen  und  sorgfältigen  Sammlung,  so  erhob  sich 
Aretin  schon  im  nächsten  Jahre  weit  höher  in  dem  Werke; 
„Bayerns  auswärtige  Verhältnisse  seit  dem  Anfange  des  sechs- 
zehnten Jahrhunderts"  Passau  1839,  1.  Band.  Dieser  Band 
(eine  Fortsetzung  ist  nicht  erschienen)  reicht  bis  zum  Jahre  1654, 
macht  aber  auf  Vollständigkeit  keinen  Anspruch.  Nur  die 
Zeit  von  1535  bis  1550  wird  zuerst  etwas  eingehender 
dargestellt,  die  Beziehungen  Baierns  zu  Karl,  Ferdinand  und 
dem  schmalkaldischen  Bunde.  Die  Zeit  von  1550  bis  1608 
wird  auf  ein  paar  Seiten  erledigt,  dann  aber  folgt  eine  aus- 


v.Bottinger:    Nekrolog  auf  Karl  Maria  Frhr.  v.  Aretin.    425 

führliche  und  viel  Neues  darbietende  Darstellung  der  aus- 
wärtigen Politik  Maximilians  I.  bis  zum  Tode  Wallensteins. 
Die  vielversclilungenen  Fäden  dieser  zwischen  Frankreich, 
Oestreich,  Spanien,  Dänemark,  Schweden,  der  Liga  und  der 
Union  sich  scheinbar  unstät  und  doch  innerlich  consequent 
liin  und  her  bewegenden  Politik  hat  x\retin  gut  dargelegt, 
freihch  in  vorherrschend  apologetischer  Weise,  denn  Max  I. 
war  einmal  der  Heros,  den  er  sich  erkoren  hatte,  und  wie 
sehr  damals  in  Madrid  und  Wien  gegen  den  ßaierischen 
Fürsten  gesündigt  worden  sei ,  wird  nachdrücklich  hervor- 
gehoben. Nach  drei  Jahren  (1842)  folgte  diesem  Buche, 
das  schon  zum  weitaus  grössten  Theile  den  ersten  baierischen 
Kurfürsten  behandelte,  der  erste  Band  einer  umfassenden 
Geschichte  desselben.  Hier  wurde  eine  Schilderung  Baierns, 
besonders  der  kirchlichen  Zustände  und  Massnahmen  in  der 
zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  und  der  Jugend  und 
Erziehung  Maximilian's  gegeben.  Das  Ganze  wäre  wohl, 
wie  ich  vom  Verfasser  gehört  zu  haben  mich  entsinne,  sechs 
Bände  stark  geworden.  Aber  eine  Fortsetzung  ist,  obgleich 
Herr  von  Aretin  noch  26  Jahre  lebte,  nie  gefolgt,  und  es 
scheint  auch  nichts  davon  im  Manuscript  sich  vorgefunden 
zu  haben.  Vielleicht  hat  ihn  die  unübersehbare  Masse  des 
Materials  abgeschreckt,  welches  noch  hätte  durchgearbeitet 
werden  müssen,  denn  er  bemerkt  in  der  Vorrede,  dass  die 
in  den  Münchener  Archiven  aus  der  Regierungszeit  Max  I. 
vorhandenen  Akten  sich  auf  mehr  als  21/2000  Bände  und 
Fascikel  belaufen. 

Noch  einmal  wandte  sich  Aretin  zu  der  Periode  des 
dreissigjährigen  Krieges ,  die  er  zum  Hauptstudium  seines 
Lebens  gemacht  hatte,  als  er  zur  Zeit  seines  Eintritts  in 
unsere  Akademie  1845  Wallenstein  zum  Gegenstande  seiner 
Rede  wählte.  Er  wollte  nicht  eine  erschöpfende  Darstellung 
des  Mannes  und  seiner  Lebensgeschichte  geben,  sondern  wie 
er  es  auf  dem  Titel  bezeichnet,   nur   Beiträge  spenden  zur 


426  Oeff entliehe  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Kenntniss  seines  Charakters,  seiner  Pläne  und  seiner  Ver- 
hältnisse zu  Baiern.  Die  Briefe  und  Berichte  des  Baierischen 
Gesandten  in  Wien  sind  hier  die  Hauptquelle,  und  so  er- 
giebt  sich  denn  ein  sehr  ungünstiges  Bild ,  da  Maximihan 
Wallenstein  gegenüber  durchweg  argwöhnisch  und  feindselig 
gesinnt  war.  Ranke  hat  daher  (Wallenstein  S.  150)  bemerkt, 
die  zuerst  von  Aretin  publicirten  und  von  Hurter  aufgenom- 
menen Mittheilungen  über  \Yallenstein  verdienen  nur  die  Be- 
achtung ,  wo  sie  von  factischen  Zuständen  Meldung  thun. 
Ihre  Schlussfolgerungen  beruhen  grossentheils  auf  Unkunde 
oder  Verdacht.  Dass  sie  gleichwohl  von  hohem  Werthe  seien 
und  fast  das  Meiste  zu  der  Auffassung  beigetragen  haben, 
welche  heut  zu  Tage  die  Oberhand  gewonnen  hat,  diess  bat 
Ranke  schon  in  der  Vorrede  zu  seinem  neuesten  Werke  über 
den  grossen  Feldherrn  ausgesprochen.  Es  ist  nicht  zu  läugnen, 
dass  Aretin  seinen  Quellen  zu  unbedingt  geglaubt,  und  dadurch 
den  Schein  einer  leidenschaftlichen  Eingenommenheit  gegen 
den  Mann,  den  er  darzustellen  unternommen,  auf  sich  ge- 
laden hat.  Dem  Zerrbild,  das  er  z.  B.  von  Wallensteins 
äusserer  Erscheinung  entworfen,  hat  nun  Ranke  eine  völlig 
verschieden  lautende,  aber  offenbar  wahrere  Schilderung 
(S.  348)  entgegengesetzt.  Immerhin  wird  Aretin's  Buch 
seinen  Werth  als    unentbehrliche  Stoffsammlung   behalten. 

Aretin  hat  in  frühereu  Zeiten  noch  Beiträge  zu  der 
Zeitschrift:  Kriegsscbriften ,  herausgegeben  von  Baierischen 
Offizieren,  geliefert.  Eine  kleine  aber  anschauliche  und  gut- 
geschriebene Denkschrift :  Tilly  und  Wrede ,  die  er  durch 
die  Aufstellung  der  beiden  Statuen  in  der  Feldherrnhalle 
veranlasst  schrieb,  wurde  viel  gelesen.  Zu  seiner  letzten 
Publication ,  den  mit  künstlerischer  Schönheit  und  Pracht 
ausgestatteten  Alterthümern  und  Denkmalen  des  Baierischen 
Herrscherhauses  in  acht  Heften  von  1855  bis  1868,  ward 
er  wie  durch  die  Muuificenz  des  Königs  Max  11. ,  so  durch 
seine  Stellung  am   Baierischen   Nationalmuseum   veranlasst. 


v.DölUnger:  NeJcrolog  auf  Heinrich  Schäfer.  427 

Bekanntlich  ist  diese  Zierde  Baierns  und  Münchens  ganz 
eigentlich  seine  Schöpfung.  Er  ist  es,  der  iu  unermüdeter 
seine  späteren  Lebensjahre  hauptsächlich  ausfüllender 
Thätigkeit  und  das  ganze  Land  durchwandernd  und  durch- 
forschend diesen  fast  beispiellosen  Reichthum  von  Kunst- 
werken und  Antiquitäten  zusammengebracht  und  geordnet 
hat.  Das  war  nur  möglich  durch  die  Gunst  und  das  Ver- 
trauen seines  Königs,  welches  ihm  auch  die  Vorstandschaft 
zweier  Archive,  eine  wichtige  diplomatische  Stellung  in  Berlin 
und  Wien,  und  die  Würde  eines  lebenslänglichen  Reichs- 
raths  übertrug.  Als  Mitglied  des  Zollparlaments  ist  er  in 
Berlin  eines  plötzlichen  durch  Schlaganfall  bewirkten  Todes 
gestorben.  Dem  Fremden,  der  mit  dem  Namen  dieses 
um  Baiern  so  hochverdienten  Mannes  auf  den  Lippen  in  die 
Hallen  unseres  National -Museums  tritt,  können  wir  sagen: 
Monumentum  quaeris?    circumspice. 


Am  2.  JuH  1869  starb  in  Giessen 

Heinrich  Schäfer, 

Professor  und  Universitäts-Bibliothekar,  geboren  den  25,  April 
1794  zu  Schlitz  in  Oberhessen,  als  der  jüngste  Sohn  des 
dortigen  Cantors  und  Knabenlehrers,  konnte  er  erst  nach 
Ueberwindung  grosser  Hindernisse  seiner  Neigung  zu  den 
Studien  erst  in  Hersfeld,  dann  in  Giessen  Folge  geben.  Er 
studirte  Theologie,  aber  als  ihm  1821  eine  Beamtenstelle 
in  der  reichen  Hof-  und  Staats-Bibliothek  zu  Darmstadt  zu 
Theil  wurde,  wandte  er  sich  dem  Studium  der  Geschichte 
zu,  deren  Quellen  ihm  hier  in  so  vollständiger  Weise  zu- 
gänglich geworden  waren.  Zwölf  Jahre  später  erlangte  er 
denn  auch  den  Lehrstuhl   der  Geschichte   zu  Giessen.     Der 


428  ÖeffentUehe  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

reiche  Vorrath  Spanischer  und  Portugiesischer  Literatur, 
welcher  ihm  in  der  Darmstädter  Bibhothek  zu  Gebote  stand, 
reizte  ihn,  sich  der  Erforschung  der  Geschichte  der  Pyi'enäischen 
Halbinsel  mit  Vorliebe  zu  widmen. 

Mit  einer  Uebersetzung  des  Buches  von  Semxere  über 
die  Grösse  und  den  Verfall  der  Spanischen  Monarchie,  1829 
begann  er.  Dann  folgte  seine  geschichtliche  Darstellung  des 
Finanz-  und  Steuerwesens  vor  und  während  der  Regierung 
Ferdinands  und  Isabella's ,  im  Archiv  von  Schlosser  und 
Bercht.  Nun  ermunterte  ihn  Jakob  Grimm ,  ein  grösseres 
Werk  zu  unternehmen  und  empfahl  ihn  den  Herausgebern 
der  Europäischen  Staatengeschichte,  Heeren  u.  ückert  als 
Mitarbeiter.  Inzwischen  erfolgte  seine  Berufung  als  Professor 
der  Geschichte  an  die  Universität  Giessen  im  Jahre  1833. 
Viele  Jahre  hindurch  wurde  nun  die  Geschichte  Portugals 
das  Ziel  seiner  Forschungen,  und  es  ist  ihm  vergönnt  gewesen, 
sie  binnen  zwanzig  Jahren  in  5  Bänden  zu  vollenden.  Eine 
französische  Uebersetzung  hat  sein  Werk  auch  Franzosen 
und  Portugiesen  zugänglich  gemacht. 

Sehe  ich  nun  ab  von  seiner  Thätigkeit  als  Docent  und 
bemerke  hier  nur  noch,  dass  sein  Hauptbestrebeu  in  den 
ersten  Jahren  gegen  die  Rotteck'sche  Schule  gerichtet  war, 
so  war  es  die  Darstellung  der  Portugiesischen  Geschichte, 
die  seine  ganze  Kraft  in  Anspruch  nahm.  Drei  Jahre  nach 
seiner  Berufung,  im  Jahre  1836,  erschien  der  erste  Band 
dieses  Werkes,  die  Geschichte  dieses  Landes  bis  zum  Jahr 
1383  umfassend,  sowie  nach  weiteren  3  Jahren  der  zweite 
Band.  Während  er  mit  der  Fortsetzung  dieses  Werkes  be- 
schäftigt war,  sah  sich  Heeren  genöthigt,  die  Bearbeitung 
der  Spanischen  Geschichte  einem  andern  Gelehrten  zu  über- 
tragen und  übernahm  er  auf  dessen  Ersuchen  auch  die 
Fortsetzung  dieses  Werkes,  Sein  alter  Wunsch  in  dieser 
Beziehung  war  somit  erfüllt  worden.  Er  liess  nun  seine 
Arbeiten    in    Portugiesischer    Geschichte    völlig   liegen    und 


v.DöUinger:   Kel^rolog  auf  Heinrich  Schäfer.  429 

warf  sich  ganz  auf  die  Spanische,  in  Folge  dessen  er  1844 
den  zweiten  Band  dieses  Werkes  erscheinen  liess.  Die 
Verlagsbuchhandlung  der  Heeren'schen  Sammlung  drängte 
ihn  jedoch  vor  Allem  die  Portugiesische  Geschichte  zu 
vollenden  und  so  liess  er  vorerst  die  Fortführung  der 
Spaüischen  Geschichte  auf  sich  beruhen  und  vollendete  in 
3  weitern  Bänden  1854  die  Portugiesische  Geschichte. 

Nur  ein  Wort  über  die  Anerkennung  dieses  Werkes 
im  Lande  selbst.  Hierfür  als  Beweis  der  ihm  von  der 
dortigen  Regierung  unter  dem  Ministerium  Cabrera  ertheilte 
hohe  Orden,  sowie  die  mannigfachen  brieflichen  Anerkennungen 
Portugiesischer  Gelehi'ten,  namentlich  des  Vicomte  de  Santarem. 
mit  dem  er  Jahrelang  auf  das  eifrigste  correspondirte ; 
endlich  die  für  Portugiesen  verfasste  französische  üebersetzung 
des  Werkes. 

Nach  Beendigung  der  Portugiesischen  Geschichte  war 
sein  Augenmerk  wieder  auf  Spanien  gerichtet,  leider  konnte 
er  dieses  Werk  nicht  vollenden,  es  erschien  vielmehr  nur  noch 
ein  Band,  die  Geschichte  Ai-ragous  bis  zu  dessen  Vereinigung 
mit  Castilien  enthaltend.  Nach  Beendigung  dieses  Bandes 
sah  er  ein,  dass  seine  Zeit  für  schriftstellerische  Arbeiten 
vorüber  war,  dass  seine  Jalire  dieser  Thätigkeit  eine  Grenze 
gesteckt  hatten.  Er  bedauerte  diess  namentlich,  weil  er 
seinen  letzten  Wunsch  in  dieser  Beziehung,  eine  Arbeit  in 
den  Jahrbüchern  der  Königl.  Baierischen  Akademie  zu  ver- 
öffentlichen, nicht  ausführen  konnte. 

Seine  letzten  Jahre  waren  hauptsächlich  durch  Arbeiten 
für  das  ilim  noch  in  hohem  Alter  übertragene  Amt  eines 
Direktors  der  Universitäts-Biuliothek  ausgefüllt.  Er  starb 
den  2.  Juli  1869  im  Alter  von  75  Jahren  nach  kurzer  Krank- 
heit. Seit  45  Jahren  war  er  mit  Adolfine  Knabe,  Tochter 
des  Forstmeisters  Knabe  in  Hutzdorf  bei  Schlitz  verheirathet 
und  hinterliess  6  Kinder. 

Eine  Geschichte  PortugaUs  zu  schreiben,  war  unter  allen 
[1870.  I.  3.J  28 


430  OcffenÜiche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Umständen  ein  etwas  kühner  Gedanke;  der  Vorarbeiten  gab 
es  nicht  eben  viele  und  bedeutende,  und  man  kann  sagen:  der 
Stoff  war  noch  so  gut  wie  unberührt ,  denn  was  bis  dahin 
geleistet  worden,  konnte  kaum  als  Materialiensammlung  noch 
einige  Bedeutung  ansprechen  ,  aber  er  war  auch  in  hohem 
Grade  einladend  und  verlockend;  ein  kleines  Reich,  etwa 
von  Baierns  Grösse ,  gegründet  auf  dem  Schlachtfelde  von 
Ourique  in  einer  Zeit,  in  welcher  Deutschland  schon  auf 
seine  Blüthenperiode  zurückblickte,  erreicht  Portugal  unter 
steten  Kämpfen  und  einem  dreissigjährigen  Kriege  mit  Castilien 
gegen  Ende  des  14.  Jahrhunderts  seine  goldene  Zeit  und  höchsten 
Flor  nach  innen  und  nach  aussen,  also  in  der  Periode,  in 
welcher  Italien,  Frankreich,  Deutschland,  England  in  arger 
Zerrüttung  lagen.  Es  wird  nun  im  15.  Jahrhundert  ein 
Weltreich  erster  Grösse,  die  erste  wahre  Seemacht,  gründet 
zahllose  Colonien  in  drei  Welttheilen,  seine  Hauptstadt  wird 
Mittelpunkt  des  Welthandels,  es  herrscht  zugleich  in  Brasilien, 
in  Ostindien,  in  der  ganzen  Westküste  von  Afrika.  Aber 
das  Herz  dieses  Piiesenleibes,  das  kleine  Portugal  selber  be- 
sass  doch  nicht  die  Kräfte,  diese  zahllosen  und  weit  zerstreuten 
Colonien  und  Besitzungen  zusammenzuhalten,  in  drei  Welt- 
theilen grosse  Ländergebiete  zu  behaupten.  Es  erschöpfte 
sich  rasch.  Der  Schlag  von  1578,  die  Schlacht  von  Alcazer 
vernichtete  mit  der  Dynastie  auch  die  Kraft  und  Macht  der 
Nation ,  ihren  Reichthum ,  ihre  Literatur ,  ihre  Freiheit  und 
ihren  Ruhm.  Ein  Zusammenbruch  wie  dieser  ist  nur  selten 
in  der  Geschichte  gesehen  worden.  Zwar  ward  das 
Spanisclie  Joch  1640  nach  60  Jahren  des  Elends  und  der 
Bedrückung  zerbrochen,  ein  nationales  Königthum  mit  der 
neuen  Dynastie  Braganza  hergestellt,  aber  die  grossen  aus- 
wärtigen Besitzungen  waren  unwiederbringlich  verloren ;  Por- 
tugal hat  sich  nie  wieder  so  recht  erholt,  und  man  könnte  sagen, 
die  drei  ersten  Bände  von  Schäfer's  Werk  seien  Gemälde 
von  Thaten,    die  zwei  letzten,   die  Zeit  von  1580  bis  1820 


v.DöUinger:   Nekrolog  auf  Heinrich  Schäfer.  431 

umfassend,  Gemälde  von  Leiden.  Die  neueste  Zeit  von  1820 
bis  1870,  in  welcher  wir  das  Königreich  unter  der  Regierung 
deutscher  Fürsten  sich  wieder  zu  geordneten  und  gedeihhchen 
Zuständen  und  langem  Frieden  haben  erheben  seilen ,  hat 
Schäfer  nicht  dargestellt. 

In    Portugal    lebt    noch    gegenwärtig    der    vorzüglichste 
Historiker,  den  dieses  Land  je  besessen  hat,  Herculauo ;     er 
steht  in  den  Augen  seiner  Landsleute  auf  gleicher  Höhe  mit 
Mignet,  Guizot,  Ranke,  und heisst:  o grande  historiador.  Herculano 
nun  hat  unseru  Schäfer  theilweise  übertrofien,  denn  doch  nicht 
erreicht,  aber  unparteiisch  beurtheilt.  Er  hat  ihn  in  so  ferne  über- 
troffen,  als  er  bei  weit  grösserer  Ausführlichkeit  —  seine  vier 
Bände  enthalten  noch  nicht  einmal  den  ganzen  Zeitraum,  den 
Schäfer  in  seinem    ersten  Bande    behandelt  hat  —  natürlich 
auch   tiefer    eindringt   in  die  Quellen   und  ein  weit  vollstän- 
diger  ausgeführtes   Bild  der  Zustände  des    Landes  entwirft. 
Sein  Urtheil  aber,    das   deutsche  \Verk  sei:    o  melhor  livro 
que  contecemos  relativo  a  historia    de   Portugal  (Herculano, 
11,  487,  1,  487)  wild  wohl  noch  lange  gelten,  denn  voraus- 
sichtHch    wird    weder    in   Deutschland    noch    anderswo    eine 
neue  ebenso  gründliche  und  vollständige  Darstellung  der  Ge- 
schichte   Portugals    unternommen    werden.      Auch    wohl    in 
Portugal  selbst  nicht,  denn  Herculano  hat  sein  Werk  schon 
seit  17  Jahren  hegen  lassen,  um  sich  mit  anderen  mehr  der 
Poesie  angehörigen  Schöpfungen  zu  befassen ,  und  er  selber 
beklagt    es   in  der  Einleitung   zum    ersten  Baude  seiner  Ge- 
schichte als  eine  Schande,  dass  Portugal  sich  jenem  grossen 
historischen  Impuls  noch  nicht  angeschlossen  habe,  den  ganz 
Europa  von  Deutschland  empfangen  habe,  esse  foco  do  saber 
grave  e  prolündo,  (diesem  Heerde  ernsten  und  tiefen  Wissens). 
Schäfer  unternahm  es  auch,  die  von  Lemke  begonnene 
Geschichte    Spaniens   weiter   zu  führen.     Zwei  Bände   seiner 
Fortsetzung    sind    erschienen ,    führten   aber   die    Geschichte 
dieses  Landes  nicht  einmal  bis  zu  Ende  des  ^Mittelalters ;  er 

28* 


432  Oeff entliche  Sitzung  vom  38.  3Iärs  1870. 

fühlte  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  nicht  mehr  die 
Kraft  in  sich,  einer  so  schwierigen  und  so  tief  eindringende 
Forschung  erheischenden  Aufgabe  zu  genügen;  und  so  be- 
sitzt denn  die  deutsche  Literatur  noch  imiiier  kein  Werk, 
welches  ein  vollständiges  Bild  der  Schicksale  dieses  merk- 
würdigen und  unglücklichen  Landes  gewährte. 


Job.  Xep.  Bucliiuger, 

geboren  1781  zu  Altötting,  war  der  Sohn  eines  Landgerichts- 
Advokaten,  1805  in  Landshut  Doctor  Juris.  Wir  finden  ihn 
erst  als  Registrator  in  München,  dann  als  Sekretär  in  Passau, 
bis  er  im  J.  1812  in's  Reichsarchiv  in  München  eintrat, 
dann  1829  Archivar  in  Würzburg  ward,  1835  kehrte  er 
wieder  nach  München  und  harrte  bis  1852  in  seiner  Stellung 
am  Archiv  aus.  Doch  hat  er  in  Würzburg  und  München 
auch  Vorlesungen  über  Staats-  und  Völkerrecht  an  den  beiden 
Universitäten  gehalten.  1852  trat  er  TOjäJirig  in  den  Ruhe- 
stand ,  und  erreichte  so  das  hohe  Alter  von  89  Jahren.  Er 
starb  zu  München  am  27.  Februar  1870.  Es  ist  ein  langes, 
aber  höchst  einfaches ,  gleichförmiges  und  geräuschloses 
Dasein,  das  wir  vor  uns  haben,  von  dessen  ruhigem  und  regel- 
mässigem Verlaufe  sich  nichts  berichten  lässt,  das  aber  eben 
darum  auch  in  ungetrübter  Zufriedenheit  und  stillem  Glücke 
dahin  geflossen  zu  sein  scheint.  Buchinger  hat  nur  zwei 
umfangreichere  historische  Werke  geliefert.  Das  erste  war 
seine  Geschichte  des  Fürstenthums  Passau,  1816  und  1824, 
2  Bände. 

Dieses  geistliche  Fürstenthum ,  als  kirchliches  Gebiet 
früher  von  gewaltigem  Umfang,  als  fürstliches  Territorium 
klein,  hat  eine  wechselvolle,  für  das  südöstliche  Deutschland 


v.DöIlinger:    Nekrolog  auf  J oh.  Nep.  Buchinger.  433 

bedeutungsreiche  Geschichte  gehabt,  und  es  wäre  eine  eben 
so  lohnende  als  schwierige  und  weit  ausgreifende  Forschungen 
erfordernde  Aufgabe,  demselben  historisch  gerecht  zu  werden. 
Schon  die  Thatsache,  dass  Passau  bei  einer  so  herrlichen, 
so  einzig  vortheilhaften  Lage  nicht  eine  viel  bedeutendere 
Stadt,  ein  grosser  Handelsplatz  geworden  ist,  bedarf  der  ge- 
schichtlichen Erklärung.  Als  Kulturstätte  für  das  Ostreich, 
als  Ausgangspunkt  christlicher  Missionen  hatte  Passau  Jahr- 
hunderte lang  einen  hohen,  glänzenden  Beruf,  wiewohl  der 
fast  tausendjährige  Kampf  mit  Salzburg  um  die  Metropolitan- 
Würde  oft  störend  dazwischen  trat.  Eingeklemmt  zwischen 
den  übermächtigen  Nachbarn  Oesterreich,  Baiern  und  Böhmen 
empfand  Passau  mehr  die  Nachtheile  als  die  Vortheile  eines 
zudringlichen  und  oft  aufgenöthigten  Schutzes,  musste  bald 
dem  Baierischen,  bald  dem  Oesterreichischen  Interesse  dienst- 
bar werden.  Dazu  jene  Zustände,  wie  sie  in  den  geistlichen 
Fürstenthümern  so  häufig  waren:  wie  lange  rangen  die  Bürger 
Passau's  nach  städtischer  Freiheit  und  Selbstständigkeit!  sie 
waren  einmal  nahe  daran  sie  zu  erringen,  unterlagen  aber 
zuletzt  doch,  dann  die  häufigen  zwiespältigen  Wahlen,  durch 
die  Einmischung  theils  der  Baierischen ,  theils  der  Habs- 
burgischen Fürsten  oft  verbittert  und  verlängert.  Auch 
müsste  der  Historiker  die  Frage  aufwerfen  und  beantworten: 
warum  denn  Passau  in  den  drei  letzten  Jahrhunderten  und 
in  langen  Zeiten  eines  ungetrübten  Friedens,  von  innen  und 
aussen  in  Ruhe  gelassen,  als  Sitz  geistiger  Bildung,  als  Pfleg- 
stätte von  Literatur  und  wenigstens  kirchlichen  Studien  doch 
auch  den  niedi'igst  gestellten  Anforderungen  so  gar  nicht 
entsprochen  habe,  so  dass  der  Literarhistoriker  den  Namen 
Passau  zu  nennen  kaum  eine  Gelegenheit  hat.  Ich  kann 
nun  nicht  sagen,  dass  das  "Werk  unseres  Buchinger  viel  Licht 
auf  die  eben  berührten  Gesichtspunkte  werfe.  Es  ist  eine 
fleissige  Sammlung  von  mancherlei  zur  Geschichte  Passau's 
gehörigen,  mitunter  bedeutsamen  oft  aber  auch  gleichgültigen 


434  OeffentUche  Sitzung  vom  28.  März  1870. 

Notizen,  vielfach  nur  ein  Regest  von  Urkunden,  besonders 
über  die  Gütererwerbungen  und  Güterwechsel  des  Stiftes, 
eine  gute  Vorarbeit,  aber  der  rechte  Historiker  des  Fürsten- 
thums  müsste  erst  noch  kommen. 

Buchiiiger's  zweites  grösseres  Werk  ist  eine  Monographie : 
Julius  Echter  von  Mesi3elbrunn ,  Bischof  von  Würzburg  und 
Herzog  von  Franken,  Würzburg  1843.  Hier  ist  es  ein  geist- 
licher Fürst,  dessen  seltene  Energie  und  Herrschergabe  ver- 
bunden mit  einer  freilich  auch  sehr  gewaltthätigen  und  des- 
potisch durchgreifenden  Verfahrungsweise  sein  Land  im  Laufe 
einer  44  jährigen  Regierung  grossentheils  umgestaltet  hat. 
Julius  war  in  seiner  Weise  und  im  Geiste  seiner  Zeit  ein 
grosser  Reformator,  ein  Haupt  und  Führer  der  aus  ihrer 
Niederlage  wieder  emporstrebenden  katholischen  Partei, 
Gründer  der  Liga,  dabei  aber  auch  Stifter  jener  Institute,  auf 
welche  Würzburg  noch  heute  stolz  ist  und  denen  es  zum 
Theil  seinen  Flor  verdankt,  der  Universität  und  des  Hos- 
pitals. Beide  tragen  seinen  Namen ,  und  dieser  Name  ist 
in  üoterfranken  wohl  jetzt  noch  der  gefeiertste  nach  dem 
des  grösseren  und  edlereu  Franz  Ludwig.  Buchinger's  Buch, 
dessen  Vorzug  in  der  Mittheiluug  eines  reichhaltigen  aus 
dem  Würzburger  Archive  geschöpften  Materials  besteht ,  hat 
daher  auch  in  Franken,  in  Würzburg  am  meisten  Anklang 
gefunden. 


Am  Schluss  hielt  Herr  Preger,  ausserordentliches  Mit- 
glied der  historischen  Classe  einen  Vortnig 

„üeber  die  Entfaltung  der  Idee  des  Menschen 
durch  die  Weltgeschichte." 

Derselbe  ist  im  Verlane  der  Akademie  erschienen. 


Einsendungen  von  Druckschriften.  435 


Einsendungen  von  Druckscliriften. 


Von  der  königlich  sächsischen  Gesellschaft  der  Wissenschaft eyi  in 
Leipzig : 

a)  Berichte  über  die  Verhandlungen.   Mathematisch-physikalischen 
Classe.     18G7.  3.  4.     1S68.  1.  2.  3.     1869.  1.     8. 

b)  P.  A.  Hansen.      Entwicklung    eines    neuen   veränderten   Ver- 

fahrens'zur  Ausgleichung  eines  Dreiecksnetzes 
mit  besonderer  Betrachtung  des  Falles .  in 
welchem  gewisse  Winkel  voraus  bestimmte 
Werthe  bekommen  sollen,     Nr.  2.      1869,     8. 

c)  dto.  Fortgesetzte  geodätische  Untersuchungen  be- 

stehend in  10  Supplementen  zur  Abhandlung 
von  der  Methode  der  kleinsten  Quadrate  im 
Allgemeinen  und  in  ihrer  Anwendung  auf 
die  Geodäsie.     1869.     8. 

d)  dto.  Supplement    zu    der    geodätische   Unter- 

suchungen benannten  Abhandlung,  die  Ke- 
duction  der  Winkel  eines  sphäroidischen  Drei- 
ecks betr.    Nr.  3.     1869.     8. 

Von  der  fürstlich  Jallonmcslcischen  Gesellschaft  in  Leipzig: 

Preisschriften.  16.  Hermann  Engelhardt :  Flora  der  Braunkohlen- 
formation im  Königreich  Sachsen.  Mit  einer  Mappe  enthaltend 
15  Tafeln.     1370.     8. 


436  Einsendungen  Ton  Druckschriften. 

Von  der   Je.  Je.  mäJiriscJi-scTilesiscJien  GesellscJiaft  mr  Beförderung   des 
AcJcerl)aues,  der  Natur-  und  L'andesJcunde  in  Bninn: 

Schriften  der  historisch-statistischen  Sektion.  19.  Bd.  Leipzig  1870.  8. 

Von  der  Universität  in  Heidelberg: 

Heidelberger  Jahrbücher    der  Literatur   unter  Mitwirkung    der    vier 
Fakultäten.    63.  Jahrgang.    2.  3.  Heft.     Februar,  März  1870.    8. 

Von  der  Lese-  und  BedeJiälle  der  deutscJien  Studenten  in  Prag: 
Jaliresbericht.     1.  Februar  1869  —  Ende  Jänner  1870.     8. 

Vom  Verein  für  GescJiicJite  und  ÄltertJiutnsJcunde  in  FranJcfurt ajM.: 

a)  Mittheilungen  an  die  Mitglieder  des  Vereins.     4.  Bd.     Nr.  1. 
1869.     8. 

b)  Oertliche  Beschreibung  der  Stadt  Frankfurt  a/M.  von  Joh.  Geoi'g 
Battonn.     5.  Heft.     1869.     8- 

c)  Neujahrsblatt,    den  Mitgliedern   des  Vereins   dargebracht   am 
1.  Januar  1870.    4. 

Von  der  Je.  AJeademie  der  WisscnscJiaften  in  Berlin: 
Monatsbericht.     März,  April  1870.     8. 

Von  der  pfülziscJien  GesellscJiaft  für  TJiarmacie  in  Speier: 

Neues  Jahrbuch   für  Pharmacie  und  verwandte  Fächer.    Zeitschrift. 
Bd.  33.     Heft  4.     April  1870.     8. 

Von  der  antJiropologiscJien  GesellscJiaft  in  Wien: 
Mittheilungen.     1.  Bd.    Nr.  1.  2.  3.     März,  April,  Mai  1870.     8. 

Vom  Museum  Francisco-CaroUnum  in  Linz: 

28.  Bericht  über  dasselbe.     Nebst  der  23.  Lieferung  der  Beiträge  zul 
Landeskunde  von  Oesterreich  ob  der  Ens.     1860.     8. 

Vom  naturJiistoriscJien  Verein  der  preussiscJien  BJieinlande  und  West- 
pJialens  in  Bonn: 

Verhandlungen.  26.  Jahrgang,  3.  Folge,  6.  Jahrgang,  l.u.  Hälfte.  1860. 


Einsendungen  von  Druckschriften.  437 

Vom  Verein  für  siebenbilrgische  LandesTcunde  in  Hermannstadt  : 

a)  Jahresbericht  für  das  Yereinsjahr  1S63  69.     8. 

b)  Archiv.  Neue  Folge.  8.  Bd.  3.  Hft.  9.  Bd.  l.Hft.   1869.  1870.   8. 

c)  Hermannstädter  Lokal  -  Statuten.  Festgabe  den  Mitgliedern 
des  Vereins  im  Jahre  1869.     8. 

d)  Schriftsteller-Lexikon  oder  biographisch-literarische  Denkblätter 
der  Siebenbürger  Deutschen  von  Jos.  Tausch.  1.  Bd.  Kron- 
stadt 1868.     8. 

e)  Harteneck,  Graf  der  sächsischen  Nation  und  die  siebenbürg- 
ischen  Parteikämpfe  seiner  Zeit  1691 — 1703.  Von  Ferdinand 
V.  Zieglauer.     1869.     8. 

Vom  nassauischen  Verein  für  XaturJaoiäe  in  Wiesladen : 
Jahrbücher.    Jahrgang  21  und  22.     1867.     136S.     8. 

Von  der  deutschen  geologischen  Gesellschaft  iti  Berlin: 
Zeitschrift.     22.  Bd.     2.  Heft.     Februar.  IMärz  und  April  1870. 

Von  der  astronomischen  Gesellschaft  in  Berlin: 
Vierteljahrsschrift.     5.  Jahrgang.     2.  Heft.     April  1870.     8. 

Voyi  der  Societe  d'histoire  de  la  Suisse  romande  in  Lausa7ine: 
Memoires  et  documents.     Tome  23.     1569.     8. 

Von  der  Haagschen  Genootschap  tot  verdediging  van  den  christelijken 

Godsdie7\st  in  Leiden: 
Werken.    Vijfde  reeks.     Derde  deel.     1870.     8. 

Von  der  Societe  imperiale  des  naturdlistes  in  Moskau: 
Bulletin.     Annee  1869.    Nr.  1—3.     1870.     8. 

Von  der  Acadcmie  des  Sciences  in  Paris: 
Comptes  rendus  hebdomadaires  des  seances.     Tome  70.     Nr.  13 — 21. 
Mars— Mai  1870.     4. 

Von  der  Eoyal  asiatic  Society  in  London: 
Journal.     New  Series.     Vol.  4.    Part.  2.     1870.     8. 

** 


438  Einsendungen  von  DrucTcschriften. 

Von  der  Societe  imperiale  des  sciences  naturelles  in  Cherbourg: 
Memoires.     Tom.  13.  (Deuxieme  Serie.  —  Tom.  3.)     1868.     8. 

Von  der  südslavischen  Akademie  der  Wissenschaften  in  Agram'. 

Rad   lugoslavenske   Akademije.     (Arbeiten   der   südslavischen   Aka- 
demie.)   Bd.  10.     1870.    8. 

Von  der  Geological  Survey  of  India  in  CalcuUa: 

a)  Memoirs.     Vol.  6.     Part.  3.     1869.    8. 

b)  „  Palaeontologia  Indica.     V.  5 — 10.     The  gastropoda 

of  the  cretaceous  rocks  of  Southern  India.    1868.    4. 

c)  Records  Vol.  I.    Part.  1.  2.  3.     1868. 

„    IL        „      1.  1869.     8. 

d)  Annual  Report.     Twelfth  year.     1867.     1868.     8. 

Von  der  Societe  des  sciences  naturelles  in  Strassburg: 

a)  Memoires.     Tome  sixieme.     1866 — 70.     4. 

b)  Bulletin.     1.  annee.     Nr.  1—11.    Janvier— Decembre  1868. 

2.  annee.    Nr.  1 — 7.     Janvier — Aoüt  1869.     8. 

Von  der  Boyal  Society  in  Edinburgh: 

a)  Transactions.    Vol.  25.    Part.  2.    For  the  session  1868—69.    4. 

b)  Proceedings.     Vol.  6.     1868—69.    Nr.  77—79.     8. 

Vom  Museo  publico  in  Buenos- Aires: 
Anales.     Entrega  primera — quarta  et  entrega  sexta.     1864—69.    4. 

Von  der  Asiatic  Societtj  of  Bengal  in  Calcutta: 

a)  Bibliotheca    Indica:      a    collection    of   oriental    vrorks.       New 
Series  4.    171.    174—176.     1869.     8. 

b)  Journal.  New  Series  Vol.  38.   Nr.  157.   Part.  2.  Nr.  4.    1869.    8. 

Von  der  Geological  Society  in  London: 
Quaterly  Journal.     Vol.  26.    February  1.    1870.    Nr.  101.     8. 


/ 


Einsendungen  von  Druckschriften.  439 

Von  der  Sociite  Botanique  de  France  in  Paris : 
Bulletin.    Tome  Dix-septieme.  1870.  Comptes  rendus  des  seances.  1.    8. 

Von  der  Societe  des  sciences  naturelles  in  Neuchatel: 
Bulletin.     Tom.  8.    Deuxieme  cahier.     1869.     8. 

Vom  B.  Comitato  Geologico  d' Italia  in  Florenz: 
Bolletino  Nr.  4.  5.     Aprile  e  Maggio  1870.     8. 

Von  der  Academia  Gioenia  di  scienze  naturali  in  Catania: 
Atti.     Serie  terza  Tomo  2.     1868.     Tomo  43.     1869.     8. 

Yon  der  American  pharmaceutical  Association  in  Philadelphia: 

Proceedings    at    the    seventeenth    annual    meeting    held  in  Chicago, 
Jll.  Sept.  1869.     1870.     8. 

Vom  American  Museum  of  natural  history  in  NeiO'York: 
The  first  annual  report.     January  1870.     8. 

Von  der  Academie  royale  des  sciences,  des  lettres  et  des  beaux-arts  de 
Belgique  in  Brüssel: 

a)  Bulletin.     38.  annee.    2.  Serie.    T.  27.  28.     1869. 

39.       „         2.      „        T.  29.    Nr.  5.     1869.    1870.     8. 

b)  Memoires  couronnes  et  memoires  savants  etrangers.    Tome  34. 
1867—1870.     4. 

c)  Collection  chroniques  Beiges  inedites.    Tome  2.    1.  u.  2.  Partie. 
Tome  3.     1869.     4. 

d)  Memoires    couronnes    et    autres    memoires.      Collection    in    8. 
Tome  21.     1870. 

e)  Annuaire  1870.     Trente-sixieme  annee.     1870.     8. 

Von  der  Academie  royale  de  medecinc  de  Belgique  in  Brüssel: 

a)  Memoires    couronnes    et    autres    memoires.      Collection    in    8. 
Tome  1    (Premier  fascicule.)     1870. 

b)  Bulletin.     Annee  1869.     Troisieme  serie.    Tom.  3.    Nr.  11.  12. 
Tom.  4.     Nr.  1.  2.  3.     1870.     8. 


440  Einsendungen  von  Bruckscliriften. 

Vom  Observatoire  Boijal  in  Brüssel: 

a)  Annales.     Tome  19.     1869.     4. 

b)  Annales   meteorologiques.     Troisieme  quatineme  annee.     1869. 
1870.     4. 

c)  Annuaire  1870.     37.  annee.     1869.     8. 

Von  der  Societe  des  antiquaires  de  Picardie  in  Ämiens: 

a)  Memoires.    Documents   inedits   concernant  la  province  Tome 
septieme.     1869.     4. 

b)  Memoires.     Troisieme  serie.     Tom.  2.     1868.     8. 

Vo7i  der  Societe  Linneenne  in  Lyon: 
Annales      Annee  1869.     Tome  Dix-Septieme.     8. 

Von  der  Äcademie  imperiale  des  sciences,  helles  lettres  et  arts  in  Lyon: 
Memoires.     Classe  des  sciences.     Tome  dix-septieme  1869.     1870.     8. 

Vom  Instituto  di  corrispondenza  archeologica  in  Born: 

a)  Aunali  Vol.  41.     1869.     8. 

b)  Bulletino;  per  l'anno  1869.     8. 

Vom  naturforschenden   Verein  in  Brunn: 
Verhandlungen    7.  Bd.     1868.     8. 

Vom  Offenlacher   Verein  für  Naturkunde  in  Offenhach  alM. 

Zehnter  Bericht  über  seine  Thätigkeit  vom  17    Mai  1868  bis  6.  Juni 
1869.     8. 

Von  der  Schlesicig-Eolstein-Lauenlurgischen  Gesellschaft  für  vater- 
ländische Geschichte  in  Kiel: 

Jahrbücher  für  die  Landeskunde  der  Herzogthümer.    Bd.  10.  1869.  8. 


Zic  Ft^of .  Dt:  ßtscho/rs  Ahhaiull  iihci-  rh>  h'-"-- 
des  Dai(7rieTis  und  def  grosseJi  Xchc . 


SUzurLgshrrichte   de?'  k    b  Äkad   d.  K  isio  I  J 


Sitzungsbericlite 

der 

königl.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften. 


Philosophisch-pliilologische  Classe. 

•      Sitzung  vom  7.  Mai  1870. 


Herr  Thomas  übergibt  die  Fortsetzung^) 

,,der  geographischen  Bemerkungen  zum  Reise- 
buch von  Schiltberger" 
von  Herrn  Professor  Bruun  in  Odessa. 

HI. 

Im  dritten  Kapitel  (p.  57)  der  Neumannschen  Ausgabe 
erwähnt  Schiltberger  unter  andern  Ländern ,  wohin  Bajesid 
nach  der  Schlacht  von  NikopoHs  einige  der  christlichen  Ge- 
fangenen geschickt  habe,  auch  der  „weissen  Tartary."  Nach 
Neumann  ist  hier  die  Rede  von  dem  Lande  der  freien  Ta- 
taren im  Gegensatze  zu  den  schwarzen,  d.  h.  den  unfreien, 
tributpfliclitigen.  Dagegen  versteht  Erdmann  (Temudschin 
der  Unerschütterliche,  1862,  p.  194),  nach  Raschid -Eddin. 
unter  weissen  Tataren  die  türkischen  Völkerschaften,  welche 
später  Mongolen  genannt  wurden,  unter  schwarzen  dagegen 
Mongolen  im  engeren  Sinn.  ,,Die  schwarzen  Tataren  traten 
nach  dem  Siege  über  die  weissen  und  die  übrigen  in  eigenen 
Reichen  bestehenden  Türken  als  Mongolen  (d.  h.  unter  ihrem 
früheren  Namen)  auf,  breiteten  ihre  Herrschaft  nach  dem 
Osten  Europas  aus  und  bürdeten  so  auch  den  Westtürken 
den  Namen  der  Tataren  auf,  diejenigen  ausgenommen,  welche 


1)   Yergl.  1869.  IL  271  ff. 
[1870. 1.  4.]  29 


442  Sitzung  der  pJiilos.-philöl.  Classe  vom  7.  Mai  1870. 

in  Kleinasien,  von  ihnen  unangetastet,  den  Namen  der  Türken, 
als  Osmanen  u.  s.  w.  mit  sich  nach  Europa  trugen." 

Welche  dieser  beiden  Ansichten  auch  die  richtige  sein 
möge,  weder  die  eine  noch  die  andere  leitet  uns  zu  den  Wohn- 
sitzen der  weissen  Tataren,  die  nicht  blos  hier,  sondern  auch 
an  anderen  Stellen  des  Reisebuchs  besprochen  werden.  So 
erfahren  wir  aus  demselben: 

1)  dass  ein  ,, gewaltiger  Herr  in  der  wissen  tartarey 
(p.  67)  mit  dem  Sohne  Burhan-Eddins ,  Fürsten  von 
Siwas  verschwägert  war; 

2)  dass  während  der  Belagerung  Angoras  durch  die 
wjsen  Tartaren  der  älteste  Sohn  Bajazids  ihren 
Herrn  gefangen  genommen  und  sie  gezwungen  hatte, 
sich  dem  Sultan  zu  unterwerfen  (p.  70); 

3)  dass  30,000  Mann  ,,von  den  wisen  Tartarien,"  die  Baja- 
zid  an  die  Spitze  seines  Heeres  gestellt  hatte,  beim  Beginn 
der  Schlacht  von  Angora  zu  Tamerlau  übergingen  (p.7  3)". 

Aus  allen  diesen  Nachrichten  glaubte  ich  folgern  zu 
dürfen  ,  Schiltbergers  weisse  Tatarei  wäre  identisch  mit  der 
weissen  Horde  der  mohammedanischen  Schriftsteller,  oder 
der  ,, blauen",  wie  diese  Horde  bei  den  Russen  heisst,  weil 
ihre  Weideplätze  sich  in  der  Nähe  des  blauen  Meeres  (des 
Aralsees)  befanden.  Das  Erbtheil  der  ältesten  Linie  der  Dju- 
djiden  bildend ,  erkannte  diese  Horde  anfänglich  die  Ober- 
herrschaft der  Goldenen  Horde  an,  die  den  Nachkommen 
Batus  des  zweiten  Sohnes  Djudjis  gehorchte.  Bald  jedoch 
hörte  diese  Abhängigkeit  auf  und  gegen  das  Ende  des 
XIV.  Jahrhunderts  gelang  es  sogar  einem  Gliede  der  älteren 
Linie ,  dem  bekannten  Tochtamysch ,  sich  zuaa  Herrn  der 
Goldenen  Horde  zu  machen,  nachdem  er  vorläufig,  ndt  Hülfe 
Tamerlans,  seinen  eigenen  Oheim  Üruschan  entthront  ha.te. 
Seitdem  aber  dieser  ehrgeizige  Fürst  sich  mit  seinem  Be- 
schützer entzweit  hatte,  musste  er  wohl  suchen  mit  Bajazid 
in  Verbindung  zu  treten,  auf  die  der  Sultan  gern  eingegangen 


Thomas:  Brunn  zu  Schiltherger.  443 

sein  wird ,  bei  der  auch  ihn  bedrohenden  Macht  des  Be- 
herrschers Djagatais.  Demnach  hätte  er  leicht  dem  Toch- 
tamysch  einige  seiner  Gefangenen  zum  Geschenk  machen 
können,  wenn  auch  nur  um  ihm  seine  Theilnahme  zu  be- 
zeugen an  dem  unglücklichen  Ausgange  des  Feldzugs,  den 
sein  Bundesgenosse  kurz  vor  dem  gfgen  Tamerlan  unter- 
nommen hatte.  Bekannt  ist  wenigstens ,  dass  nach  der 
Schlacht  am  Terek  (1395)  eine  Abtheilung  des  zersprengten 
Heeres  sich  nach  Kleiuasien  geflüchtet  hatte  und  dort  von 
Bajazid  aufs  Beste  aufgenommen  worden  war.  Der  Anführer 
dieser  Truppen,  Tasch-Timur  gehörte  selbst  zur  Familie  der 
Djudjiden  und  hatte  die  Krim  als  Vasall  des  Tochtamysch 
beherrscht  (Ssaweljew,  Monety  Djudjidow,  1858,  p,  314). 
Der  „König  von  Sebast"  würde  demnach  seiner  Würde  nichts 
vergeben  haben,  wenn  er  ihm  seine  Schwester  zur  Frau  ge- 
geben hätte.  In  Folge  dieser  Verwandtschaft  hätte  Tasch- 
Timur  seinen  Wohltbäter  Bajazid  verrathen  und  zur  Bela- 
gerung Angoras  schreiten  können,  um  später,  nur  scheinbar 
mit  dem  Sultan  versöhnt,  Partei  für  seinen  Landsmann  zu 
nehmen.  In  diesem  Falle  hätten  die  arabischen  Autoren 
Recht  gehabt,  denen  zufolge  Tamerlan  seinen  Sieg  den  im 
Heere  Bajazids  dienenden  Tataren  verdankte,  nicht  aber, 
wie  es  in  den  türkischen  und  persischen  Quellen  heisst,  ge- 
wissen türkischen  Fürsten  Kleinasiens. 

Trotz  aller  dieser  Umstände  habe  ich  mich  später  davon 
überzeugt,  dass  die  Stellen  des  Reisebuchs,  wo  von  ..weissen" 
Tataren  die  Rede  ist,  sich  nicht  auf  die  ,, weisse"'  Horde  be- 
ziehen, und  zwar  nicht  blos  deshalb  weil  Letztere  bei  Schiit- 
berger  die  grosse  Tartarei  heisst,  sondern  schon  aus  dem 
Grunde,  weil  seine  weissen  Tataren  keine  anderen  waren, 
als  die  durch  Tamerlan  besiegten  Tartaros  Blancos,  die, 
nach  Clavijo  (Hist.  del  Gran  Tamorlan  Madrid,  1782  p.  122 
cf.  97) ,  ,,eran  naturalem  de  una  tierra  que  es  entre  la  Tur- 
quia  (Kleinasien)  e  ia  Suria." 

29* 


444        [Sitswig  der  philos.-philol.  Classe  vom  7.  Mai  1870. 

Aus  dem  Gesagten  folgt,  dass  die  weissen  Tataren 
beider  Reisenden  Turkomanen  waren,  die  im  östlichen  Klein- 
asien herumzogen ,  wie  dies  heute  noch  ihre  Nachkommen 
thun,  deren  Gesichtszüge  ihre  mongolische  Abstammung  ver- 
ratheu (Vivien  de  Saint-Martin,  Descr.  de  l'Asie-Min.  II,  429). 

In  der  That  hatten  sich  im  östlichen  Theil  von  Cilicien, 
nach  der  Eroberung  dieser  Provinz  durch  die  baharitischen 
Mameluken ,  zwei  unabhängige  turkomanische  Herrschaften 
gebildet,  nach  ihren  Gründern  Beni-Ramazan  und  Dulkadir 
genannt.  Adana  war  die  Hauptstadt  des  ersten  dieser  kleinen 
Staaten,  Merasch  die  Residenz  der  Dulkadiriden,  deren  Name 
noch  heute  die  Provinz  bezeichnet,  die  ihnen  einst  gehörte. 
Die  Selbstständigkeit  beider  Dynastien  dauerte  bis  zum  Jahr 
1515,  in  welchem  ihre  Besitzungen  durch  den  Sultan  Selim 
erobert  und  dem  osmanischen  Reiche  annektirt  wurden  (Vi- 
vien de  S.  M.  1.  1.  I,  529). 

Der  Anführer  der  weissen  Tataren  Clavijos  war  wahr- 
scheinlich ein  Nachkomme  Dulkadirs,  da,  nach  Weil  (Gesch. 
d.  Chalifen ,  V,  82) ,  Tamerlan ,  unmittelbar  nach  der  Ein- 
nahme von  Siwas,  eine  Abtheilung  seines  Heeres  gegen  die 
Dulkadiriden  schickte,  weil  sie,  während  der  Belagerung  jener 
Stadt  sich  feindselig  gegen  ihn  benommen  hatten.  Einem 
Gliede  dieser  Familie  gehörten  auch  die  Heerden,  die  bald 
darauf  von  den  Mongolen  aus  der  Gegend  von  Palmyra  weg- 
getrieben wurden  (1.  c.  91). 

Gleich  den  weissen  Tataren  des  kastilischen  Gesandten 
waren  die  seines  bayerischen  Zeitgenossen,  wenigstens  zum 
Theil,  den  Dulkadiriden  unterthan.  Bajased  beabsichtigte 
seinen  ältesten  Sohn  Suleiman  mit  der  Tochter  Nassir-Eddins 
Dulkadir  zu  vermählen ,  den  er  desshalb  nicht  umgangen 
haben  wird  bei  der  Vertheilung  seiner  Gefangenen.  Zu 
demselben  Nassir  -  Eddin  ,  seinem  Verwandten,  flüchtete 
sich  Kasi-Burhan-Eddins  Sohn,  der  Schwager  des  Königs 
der  weissen  Tataren,  nach  Schiltberger.     Der  Bruder  Nassir- 


Thomas:  Brunn  zu  Schütberger.  445 

Eddins,  Sadnka  musste  sich  den  Osmanen  gerade  um  dieselbe 
Zeit  unterwerfen  (Weil,  1.  c.  74)  als,  nach  Schütberger,  die 
weissen  Tataren  durch  Bajased  besiegt  wurden. 

Da  es  nun  wohl  keinem  Zweifel  mehr  unterliegt,  dass 
auch  die  -weissen  Tataren,  durch  dtren  Verrath  die  Schlacht 
von  Angora  zu  Gunsten  Tamerlans  entschieden  wurde,  tur- 
komanische  ünterthanen  der  kleiuasiatischen  Fürsten 
Dulkadir  und  Beni-Ramazan  waren,  so  brauchen  wir  nicht 
mit  Weil  (Gesch.  d,  islam.  Völker  437)  anzunehmen,  dass 
ausser  den  Turkomanen,  deren  ehemalige  Fürsten  von 
Bajasid  vertrieben  worden  waren,  noch  ,, mehrere  t artar- 
ische Regimenter"  die  unter  ihm  dienten,  während  der 
Schlacht  zu  dem  Feinde  übergegangen  seien.  "Wenigstens 
ersehen  wir  aus  dem  Bericht  Schiltbergers ,  weshalb  die 
morgenländischen  Autoren  sich  zu  widersprechen  scheinen 
hinsichtlich  der  Nationalität  der  Truppen,  deren  Verrath  die 
Niederlage  der  Osmanen  zugeschrieben  werden  muss. 

IV. 

Unter  den  Städten  des  von  Schiltberger  durchwanderten 
Transkaukasiens  werden  im  32.  Kapitel  (p.  99)  des  Reise- 
buchs erwähnt:  Zuchtun,  die  Hauptstadt  Abhasiens  (abkas), 
und  die  Hauptstadt  Mingreliens  (megral)  Kathon,  die  er 
jedoch  weiter  unten  (p.  158)  Bothan  nennt,  hinzufügend, 
sie  läge  am  Ufer  des  Schwarzen  Meeres. 

Neumann  hält  diese  Stadt  für  das  heutige  an  der  Münd- 
ung des  Rion  gelegene  Poti ,  in  dessen  Nähe  wir  auf  den 
italienischen  Compasskarten  den  Namen  fasso  oderfaxo  treffen, 
der  uns  die  Lage  der  Stadt  Asso  (statt  Fasso)  anzeigt,  die 
nach  Contarini  (cap.  II  p.  31  d.  russischen  Ausgabe)  an  der 
Mündung  des  Fasso  lag  und  60  Meilen  entfernt  war  von  einer 
andern  mingrelischen  Stadt,  genannt  Liati  oder  Varti. 

Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  Liati  sowohl  als  Varti 
nichts   weiter  sind  als   falsche  Lesarten  des  Namens  Vathi, 


446         Sitzung  der  philos.-pMoh  Classe  vom  7.  Mai  1870. 

den ,  nach  Barbaro  (c.  X.  p.  45  d.  russ.  Ausg.)  eine  mingre- 
lische  am  Meere  gelegene  Festung  trug ,  die  sowohl  ihrer 
Lage  als  ihres  Namens  wegen  keine  andere  sein  konnte  als 
das  heutige  Batum,  an  der  Mündung  des  Saris  (Lozija  Tscher- 
nago  Morja  1866  p.  105)  in  welchem  ich  den  360  Stadien 
vom  Phasis  entfernten  FIuss  Barvg  Arrians  gern  wiederer- 
kennen möchte. 

Hier  muss  auch  die  Stadt  „Bata  en  Carceche"  gelegen 
haben,  von  wo  aus  ,,Goigora",  d.h.  der  Atabek  Quarkuare 
im  Jahr  1459  dem  Herzog  Philipp  von  Burgund  meldete,  er 
sei  gesonnen  die  Türken  zu  bekriegen  (Brosset,  Additions  etc. 
409):  denn  dieses  Bata  war  gewiss  identisch  mit  der  Stadt 
Varti  oder  Vati,  die  nach  Contarini  (c.  V  p.  72)  zu  den  Be- 
sitzungen des  Fürsten  von  Cakican  (Achaltschik)  „Gorgora" 
gehörte. 

Weil  aus  einem  gleichzeitigen  Briefe  des  Königs  von 
Georgien  Georg  VIII.  an  besagten  Herzog  von  Burgund  her- 
vorgeht, dasB  dieselbe  Stadt  Bata  „pres  de  la  Tente"  lag, 
so  glaubt  Brosset  schliessen  zu  dürfen,  die  Verbündeten  seien 
auf  dem  Punkt  gewesen  ins  Feld  zu  rücken ,  während  der 
König  ohne  Zweifel  nur,  gleich  Rubruquis,  das  türkische 
"Wort  orau  durch  Zelt  übersetzt  und  sagen  will,  nicht  weit 
von  der  Stadt  habe  sich  die  Horde  oder  das  Lager  (Hammer, 
Gesch.  d.  Gold.  Horde,  32)  des  Königs  von  Mesopotamien 
Assem-Bech  befunden,  den  er  in  seinem  Briefe  als  den  ,, per- 
sönlichen'' Feind  .,des  Türken"  bezeichnet  und  den  mehrere 
gleichzeitige  Schriftsteller  (Contarini,  der  Russe  Nikitin,  Chal- 
cocondylas)  einfach  in  der  Horde  (lordo,  orda,  ovq^o)  resi- 
diren  lassen. 

Dieser  Hasan -bey  oder  Usun- Hasan,  nicht  ein  Sohn 
(Brosset,  Add.  408) ,  sondern  ein  Enkel  Kara-Jeleks  (Weil, 
Gesch.  d.  Chal.  V,  306),  stand  damals  an  der  Spitze  der 
Horde  vom  weissen  Hammel  und  hatte  kurz  vordem  einen 
Feldzug   nach  Armenien   und  Georgien    unternommen.     Ob- 


Thomas:   Brmm  zu  Schiltberger.  447 

gleich  Brosset  (Hist.  de  la  Georgie,  I,  686)  weder  in  geor- 
gischen Chroniken  noch  in  französischen  üebersetzuugen  mu- 
sulmanischer  Autoren  irgend  eine  Notiz  über  diesen  Feldzug 
gefunden  hat,  so  kann  die  Thatsache  nicht  geläugnet  werden; 
denn  wie  hätte  sonst  Abul-Mahazin  (cod.  Berol.  f.  64  ap.  Weil, 
1. 1.  307,  1)  sagen  können,  Hasan  habe  im  Jahr  863  (1458  —  9) 
dem  Sultan  von  Aegypten  die  Schlüssel  mehrerer  eroberten 
Festungen  Georgiens  zugeschickt. 

Nach  Chalcocondylas  erstreckte  Georgien  sich  im  XV.  Jahr- 
hundert bis  Bathy,  d.  h.  bis  Batuoi  (Brosset,  Add.  106)  und 
umfasste  demnach  auch  Mingrelien ,  das  jedoch  schon  seit 
langer  Zeit  seine  eigenen  Dadiane  oder  Fürsten  hatte,  die 
sich  sehr  wenig  um  ihren  Oberlehnsherrn  bekümmerten 
(Brosset,  Hist.  I,  560;  cf.  Rapports  sur  un  voyage  etc.  VII,  44). 

Bei  so  bewandten  Umständen  ist  nicht  daran  zu  zweifeln, 
dass  unter  Schiltbergers  kathon  oder  bothan  nicht  das 
heutige  Poti,  sondern  die  türkische  Stadt  Batum  verstanden 
werden  muss. 

Dagegen  habe  ich  mich  geirrt,  als  ich  mich  zu  der 
Ansicht  hinneigte  (Notices  .  .  .  conc.  la  Gazarie  in  d.  Mem. 
de  l'Ac.  de  S.  P.  X,  9)  Batum  sei  identisch  gewesen  mit  der 
Stadt  Bata  oder  Batiario ,  von  deren  Präsidenten  in  dem 
Statut  officii  Gazariae  vom  Jahr  1449  (Sapiski  Odessk. 
Obschtsch.  Ist.  u  Drewn.  V,  640)  zugleich  mit  denen  von 
Mapa  oder  Mapario  (Anapa)  und  Matrica  (Taman)  die  Rede  ist. 

Abgesehen  von  der  grossen  Entfernung  dieser  beiden 
Städte  von  Batum,  darf  dieser  Ort  schon  deshalb  nicht  mit 
Bata  oder  Batiario  identifizirt  werden ,  weil  sein  Name  auf 
den  Seekarten  des  XIV.  und  XV.  Jahrhunderts  nie  anders 
lautet  als  vati  oder  lovati. 

Weit  eher  als  mit  Batum,  dürfte  Batiario  seiner  Lage 
nach  mit  der  alten  Stadt  Apaturia  zusammenfallen,  da  der 
Name  bata,  batta,  auf  einigen  jener  Karten  diesseits  von 
lo  lopa  am  Kuban  angemerkt  ist. 


448         Sitzung  der  pMlos.-pMol.  Classe  vom  7.  Mai  1870. 

Da  aber  auf  denselben  Karten  (der  katalanischen  und 
der  von  Bianco)  etwas  weiter  gegen  Norden  an  der  Ostküste 
des  Asofschen  Meeres,  bei  dem  heutigen  Bachtar,  zugleich 
der  Name  Bagtiar  zu  lesen  ist,  so  möchte  es  doch  wohl  ge- 
rathener  sein,  dorthin  das  Batiario  des  Statuts  zu  versetzen, 
da  dieser  Ort  gewiss  identisch  war  mit  dem  jenseits  von 
locopa  gelegenen  ,,castrum  batiarii',  das  ums  Jahr  1455  seinem 
rechtmässigen  Besitzer  ,,illario  maiini'  durch  den  Präsidenten 
,, Johannes  bozius"  entrissen  wurde  (Atti  della  Societa  Ligure  etc. 
VI,  p.  356,  N.  GL). 

Was  den  nicht  von  Arrian ,  wie  De  la  Primaudaie 
(fitudes  sur  le  commerce  au  M.  A.  I,  236)  meint,  sondern 
von  Strabo  und  Ptolemaeus  erwähnten  Hafen  Bata  anbelangt, 
so  entsprach  er  dem  von  Noworossiisk  in  der  Bucht  von 
Tzemes  oder  Sudjuk-kale,  dem  'IsQog-hf^irlv  Ariians,